Email [Marx, Nietzsche und Stirner] (2011)

Indien ist durch zwei Dinge gekennzeichnet: eine schier unfaßbare sexuelle Repression und zweitens das ständige Bemühen „den Geist zu bändigen“. Wirklich alles dreht sich darum, die Gedankentätigkeit zu fokussieren mittels Atemtechnik, „Mantras“, Konzentrationsübungen, etc. Beides gehört untrennbar zusammen! Zwischen dem freiflottierenden Grübeln und der freiflottierenden unbefriedigten genitalen Erregung besteht ein unmittelbarer Zusammenhang, den wir tagtäglich am eigenen Leibe erfahren.
Ich glaube, die Unfähigkeit, in den Schlaf zu fallen und den Schlaf aufrechtzuerhalten, ist darauf zurückzuführen, daß eine Gestalt nicht geschlossen wird und uns das Bemühen des Abschließens im „Tagesmodus“ hält. Diese Unfähigkeit etwas zu Ende zu denken, ist ein Element der orgastischen Impotenz, die ihrerseits in gewisser Weise auch die Unfähigkeit ist, eine „Gestalt zu schließen“. In beiden Fällen bleibt die Erregung bestehen und damit auch die geistige Aktivität, insbesondere die Phantasie.
Eigentlich ist alles übliche Denken, Grübeln, Theoretisieren, alle übliche „Wissenschaft“, Religion, Philosophie und Kultur nichts anderes als eine Funktion von Energie, die nicht vollständig entladen wurde und nun sozusagen im Leerlauf agiert. Sie hält, ähnlichem einem vollen Magen mit unverdaulichem Zeugs, die Menschen nachts wach und, nachdem die Sonne aufgegangen ist, hält es sie am Träumen („Tagträume“). Die ganze gepanzerte Gesellschaft ist nichts anderes als ein pornographisches Trauerspiel aus nicht entladener genitaler Energie.
Ist das nicht eine verrückte Übertreibung? Nein! Es ist das, was ohnehin jeder glaubt, jedenfalls war genau das die Theorie von Freud: daß die Kultur auf die Unterdrückung der genitalen Lustfunktion zurückzuführen ist und nichts anderes darstellt als umgelenkte Libido.
Man kann nicht einmal ansatzweise verstehen, wie grundlegend revolutionär Reich war, wenn man nicht sieht, daß er die Freudsche Irrsinnstheorie vom Kopf auf die Füße gestellt hat: diese „Kultur“ ist Ersatzbefriedigung und ihre vermeintliche Weisheit und Gelehrsamkeit ist nur „Pornosophie“. Eines Tages wird die Orgonomie diesem unappetitlich ranzigen Chaos, das wir Zivilisation nennen, ein Ende setzen – und die wahre Zivilisation wird anbrechen.
Nochmals: das gesamte gepanzerte Denken ist nicht Philosophie (die Liebe zur Weisheit), sondern Pornosophie (ja, das ist ein Wort!). In der antiautoritären Gesellschaft wird die Pornosophie ganz offen zur Staatsdoktrin.
Und was wird man dagegen tun? Statt zu einer genuin sexuellen Revolution zu führen, werden die Konservativen genau das gleiche tun, wie einst in Indien: der Kreis wird nicht geschlossen werden (orgastische Potenz), sondern der Kreis selbst wird angegangen werden (Abpanzerung). Das Leben selbst wird unter das Joch gespannt (Yoga), auf das die Seele endlich Ruhe und Schlaf findet.
Auf Wikipedia heißt es zu Epikur:
Die innere Logik der epikureischen Lehre wird unter anderem in der Begründung der zentralen Stellung von Lust und Lebensfreude deutlich (…). Demnach gibt das noch durch keinerlei soziale Konditionierung geprägte frühkindliche Empfinden die natürliche Richtung menschlichen Strebens an: Lust suchen (…) – Unlust vermeiden. (…) Die starken Schwankungen, denen das kindliche Lust- und Glücksempfinden ausgesetzt ist, können in der Jugend durch das Hinzukommen vernunftgegründeter Einsicht (Phronesis) unter Kontrolle gebracht und allmählich in stetigere Bahnen gelenkt werden. Einsicht und stabile Daseinslust bedingen einander (…). Ohne diese Funktion und Ausrichtung aber wäre die Fähigkeit, vernünftig zu denken, aus der Sicht Epikurs nutzlos, wie er mit einer Spitze gegen die philosophische Konkurrenz in dem Brief an Menoikeus ausgeführt hat: „Daher ist die Einsicht sogar wertvoller als die Philosophie: ihr entstammen alle übrigen Tugenden, weil sie lehrt, daß es nicht möglich ist, lustvoll zu leben, ohne einsichtsvoll, vollkommen und gerecht zu leben, ebensowenig, einsichtsvoll, vollkommen und gerecht zu leben, ohne lustvoll zu leben.“
Tugend und Lust bedingen einander. Das eine ist ohne das andere nicht denkbar. LaMettrie war in dieser Hinsicht der moderne Epikur.
Epikur vertrat den Atomismus Demokrits, wenn auch mit einer entscheidenden Abweichung, denn nach Epikur läßt die Natur geringe willkürliche Bahnabweichungen der Seelenatome zu.
Diese geringen Abweichungen machen es den Lebewesen möglich, willentlich eine Bewegung in Gang zu setzen, sind aber so klein, daß sie die beobachtete Regelmäßigkeit der Natur nicht tangieren.
Dieses spontane Agieren entspricht der Orgonenergie. Ihre Spontanität ist die Grundlage von „freiem Willen“, Autonomie und der Eigenheit im Sinne Stirners.

Es gibt gegenüber LaMettrie, Stirner und Reich eine ganz bestimmte „lächelnd herablassende“ Haltung von Menschen, die sich als „Aufklärer“ gerieren. Im Vergleich mit dem „göttlichen Marquis“ habe LaMettrie nicht die letzte Konsequenz gezogen, sondern sei nur charmant, galant, hedonistisch. Das entspricht ungefähr der Haltung Freuds gegenüber Reich, der das letztendlich Destruktive und zutiefst Perverse an den Trieben nicht habe sehen wollen. Kommt Stirner ins Spiel, werden letztendlich immer Marx oder Nietzsche bzw. eine Kombination von beiden ins Feld geführt. Doch letztendlich läßt sich der Vorwurf gegen Stirner auf ein einziges Wort kondensieren: „Kleinbürger“. Als Jugendliche hätten wir früher gesagt: „Ein blöder Wichser!“ Am Peinlichsten sei aber Naivling Reich, der früher vielleicht verklemmte Pubertierende habe ansprechen können und der sich mit dem „Orgon“ endgültig selbst trottelhaft ins Abseits gestellt habe. In jeder Hinsicht wurde er bei den „68ern“ von Marcuse und heute von Foucault obsolet gemacht, d.h. von einem Amalgam aus Sade, Marx, Nietzsche und Freud.
Ich muß bei den vermeintlich aufklärerischen Jüngern der letzten sechs immer an finster dreinschauende ganz in schwarz gekleidete Jugendliche denken, die ständig „nihilistische“ Dinge von sich geben, neuerdings sich die Genitalien amputieren lassen und von sich glauben, sie hätten die Weltläufe durchschaut. Tatsächlich ist das natürlich nur Lebensangst und die Selbstimmunisierung gegen Enttäuschung: wenn eh alles finster und scheiße ist… Das Erschreckende ist, daß dieser primitive Mechanismus nunmehr fast 300 Jahren den „kritischen“ Teil unserer Kultur bestimmt. Wenn ich die „kritische Elite“ unserer Intellektuellen anschaue, sehe ich verpeilte Rotzlöffel, die vor Lebensangst, Angst vor bioenergetischer Expansion, schlottern.
Vor LaMettrie, Stirner und Reich haben sie Angst, weil die ihre Feigheit, Heuchelei und Duckmäuserei angesichts des Lebens entlarven. Wieviel sicherer ist da doch die Feier des „Todestriebes“, wie Sade ihn betrieben hat und zu dem etwa Nietzsche in Gestalt von Schopenhauers Philosophie flüchtete. Heute bieten sich Marcuse und Foucault an.
[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]
Stirners Bedeutung ist die, daß er ausnahmslos die gesamte moderne (Hegelsche und post-Hegelsche) Philosophie entlarvt und überwunden bzw., besser gesagt, ad absurdum geführt hat. Wie Hans-Martin Sass 1975 feststellte: „Alle Spielarten überhaupt möglicher kritischer Theorie, alle Spielarten von Anarchismus und Existentialismus sind [zu Stirners Zeiten durch die „Jungehegelianer“] in Berlin durchgespielt worden, und alles, was später kam, sind (überspitzt gesagt) Neuauflagen: Adorno, Marcuse, Habermas und Heidegger; sie sind nicht nur historisch später, sie sind auch weniger originell, zugegeben in manchem gründlicher, im Grundsätzlichen schon lange durchgespielt in jenen Jahren in den zwei, drei Stammlokalen, die man in Berlin hatte.“
Stirner hat die diversen Philosophien seiner vermeintlichen Mitstreiter und damit die gesamte Philosophie bis heute als Apotheose der Enkulturation entlarvt, d.h. der dreischichtigen Charakterstruktur des gepanzerten Menschen (nach Reich):

Die willkürlichen und unveränderlichen mechano-mystischen „Prinzipien“ der Kultur werden verinnerlicht, obwohl sich das Leben ständig ändert. Es ist, als sollte ein mittelalterlicher Ritter in seinem „Panzer“ bei einem rhythmischen Tanzgymnastikturnier mithalten.
Mir wurde schon des öfteren vorgeworfen, ich wäre Opportunist. Kaum, daß ich mich als libertär geoutet habe, fordere ich ein brutales staatliches Durchgreifen. Eben noch predigte ich einen wirklich konsequenten Atheismus und rede jetzt von Gott. Marx habe ich stets in Grund und Boden verdammt, nur um ihn angesichts des Großkapitals unvermittelt in höchsten Tönen zu preisen. Bin ich Demokrat, Monarchist, Republikaner? Keine Ahnung, hängt auch vom Tag und der Tageszeit ab… Die Liste würde ein Buch füllen!
Eure „Prinzipien“ könnt ihr euch sonstwo hinschmieren! Ich lasse mich durch nichts und niemanden festlegen, auch nicht durch mich selbst und das, was ich noch vor einer Sekunde unumstößlich vertreten habe. Nicht mal der soeben niedergeschriebene Satz gilt unbedingt! Hauptsache die Sache funktioniert. Alles andere ist Ideologie, d.h. schlichtweg GEISTESKRANKHEIT. Lenin war so groß, weil er als überzeugter Marxist praktisch sämtliche Lehren des Marxismus über Bord geworfen hat, als ihm dies opportun erschien. Ähnliches kann man über Reich in Bezug auf den Freudismus sagen.
Aber wird durch derlei „Funktionalismus“ nicht jedes menschliche Gesellschaftsleben hintertrieben, das auf Vertrauen und Verläßlichkeit beruht? Nun, ich vertraue nicht darauf, daß du irgendwelchen „Prinzipien“ treu bleibst, sondern daß du die in dich gesetzten Erwartungen erfüllst und verdammt noch mal deine ARBEIT erledigst. Man verschone mich mit den Arschlöchern, die ihre Aufgaben nicht erfüllen, weil sie „überzeugte Anarchisten“, oder was auch immer für „Überzeugungen“, „prinzipiell“ folgen! GEISTESKRANKE!
Das kann man auch anders formulieren: es ist unwichtig, was Leute sagen und „bekennen“, entscheidend ist, WAS SIE TUN!
Hier ein kleines Beispiel für den Irrsinn, in dem wir leben müssen, weil die Menschen ihren „Prinzipien“ treu bleiben: „Berliner Elektrofeuerwehren sind [durch die Batterien] so schwer, dass die Gefahr besteht, dass sie voll beladen samt Straße in die Kanalisation durchbrechen. Mit an Bord der Elektrolöschflotte: Ein Dieselaggregat, das unterwegs die Akkus nachlädt, damit die Feuerwehr nicht auf halber Strecke stehenbleibt.“
[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]
LaMettrie zusammengefaßt:
1. die Maschine, und zwar eine sozusagen „vitalistische Maschine“ im Sinne von Friedrich Kraus („vegetative Strömung“, Elektrolyte, Membranen, „Bioelektrizität“) und Reichs „sexualökonomischer Lebensforschung“.
2. die Bedeutung der Imagination, die dieses „Maschinelle“ sozusagen in die geistige Welt ausweitet und so der üblichen „geistigen Welt“ (Philosophie, Kultur) ein Ende setzt. (Ich habe den Eindruck, daß Ursula Jauch in ihrem großen Buch über LaMettrie mit ihrer Rede, ihrem Gerede, von der „Wiederverzauberung der Welt“, LaMettrie verfehlt, denn der will die geistige Welt ganz im Gegenteil endgültig entzaubern.)
3. sein Konzept der Wollust als eine teilweise verblüffend paßgenaue Vorwegnahme der Reichschen Orgasmustheorie. (LaMettrie verwendet sogar explizit den Begriff „die Funktion der Wollust“).
4. schließlich die Negation des Schuldgefühls, des später sogenannten „Über-Ich“; eine innere bzw. verinnerlichte Instanz, die diese ganze natürliche Maschinerie durcheinanderbringt („verdorbene Imagination“ durch Triebstau) und so die Menschen um ihr Glück bringt.
In Die Kunst, Wollust zu empfinden exemplifiziert LaMettrie seine quasi „sexualökonomische“ Weltsicht mit Hilfe einer Art hypothetischer „Trobriander“, d.h. zwei Menschenkindern, die sich in einer Art Garten Eden lieben. Dieses sozusagen „sexualökonomische“ Idyll findet seine Entsprechung in ökonomischen Szenarios dieser Zeit mit Hirten und Fischern und Bauern, die ihre Güter frei austauschen. Man denke nur an Adam Smith. Typisch Rokoko! Und natürlich anthropologischer Unsinn. Wie uns die „genital gesunden, matristischen“ Trobriander in Melanesien zeigen, ist sowohl das Liebesspiel als auch die Ökonomie nicht primär ein einfacher wilder Austausch im Hier und Jetzt, in dem der Faktor Zeit keine Rolle spielt, sondern das Eingehen von längeren Bindungen durch Geschenke, die zurückgezahlt werden müssen – mit Zins. So entsteht ein Gewebe von gegenseitigen Verpflichtungen, die die Gesellschaft zusammenhält.
Interessanterweise ging und geht es den Marxisten und selbst den heutigen „Zinskritikern“ stets darum, dieses Geflecht gegenseitiger Verpflichtungen zu zerschlagen und die Wirtschaft auf bloßen Tausch zu reduzieren (was war die DDR-Wirtschaft anderes als offizieller und inoffizieller primitivster Tauschhandel?) und die Sexualität auf Physiologie frei vom „bürgerlichen“ Brimborium.
Ich erwähne das, weil es zeigt, wie schnell LSR ins Gegenteil verkehrt werden kann. Unvermittelt steht LaMettrie neben seinem Gegensatz, dem Marquis de Sade, Stirner wird zum Paten irgendwelcher „Egoisten“, gar Serienmördern, und Reich wird zum Urvater der „sexuellen Revolution“… – und das durch kaum merkliche Akzentverschiebungen, die der Oberflächlichkeit der Massen zu schulden ist. LaMettrie wird einerseits zum Propheten mechanischer Androiden, andererseits zu einer Art „Drogenpapst“ und vor allem zum Vorgänger von de Sade!
Genau deshalb hat Laska um jedes Wort gerungen, nur um nicht wieder L und S R mißverstanden dastehen zu lassen.

Bereits seit etwa 1937, spätestens aber 1947, dämmerte es Reich, der sich zuvor ausschließlich in „linken“, „progressiven“ Kreisen bewegt hatte, daß seine vermeintlichen Freunde tatsächlich die schlimmsten Feinde des Fortschritts sind. Sie, die stets gegen die „Autoritäten“ (die Vater-Imago, das Über-Ich) und „das System“ (repressive Strukturen, die Panzerung), angetreten waren, kamen ins Stottern, Stolperten, wenn es tatsächlich ans Eingemachte ging und real zu werden drohte. Es waren stets nur Worte gewesen, die im Gegensatz zu ihrer biophysischen Struktur standen, also eine Lüge waren. Für Reich waren es Leute, die eine unzuverlässige oder unwahre Idee oder Ansicht vertreten: Quacksalber in Sachen Wahrheit und Freiheit, „Wahrheits- und Freiheitskrämer“. Kaum besser als Faschisten, die die reaktionäre Sau rot anmalen. Schlimmer! Denn es ist mehr als ein bloßes Zurschaustellen „des Guten“ – es gibt jenseits dieses Gutmenschentums sonst nichts beim linken Charakter. Er IST Lüge – sonst nichts. Er ist bioenergetisch hohl!
Man ist immer wieder betroffen von der schrecklichen Angst, die der Liberale zeigt, wenn man seine Abwehr erfolgreich angreift. Er gerät außer sich und wird irrational. (Elsworth F. Baker: Der Mensch in der Falle, S. 270)
Kaum, daß die wirkliche Probleme angesprochen werden, insbesondere daß Wahrheit und Freiheit solange Illusion bleiben müssen, solange nicht die Charakterstrukturen wahr und frei (ungepanzert) sind, geraten Linke in eine Situation, in der es um ihre nackte Existenz geht. Es ist, als wenn man bei strahlendem Sonnenschein den Vorhang beiseite schiebt und dem Vampir das Kruzifix vor sein Gesicht hält!
Man bemerkt (…), daß frei praktizierende Ärzte gewöhnlich konservativ sind, während Psychiater und Psychoanalytiker, die weit intellektueller und mehr auf das Wort angewiesen sind, im allgemeinen liberal sind; das mag die zunehmende Tendenz in der Psychiatrie erklären, Gefühle und Freuds Libidotheorie, die sich mit dem [bioenergetischen] Kern befaßt, weniger zu betonen und statt dessen eine neutralere, entsexualisierte Ichpsychologie vorzuziehen. (ebd. S. 272)
Genauso ist es allgemein mit den Gesellschaftswissenschaften, insbesondere aber mit der Philosophie bestellt, die gegenwärtig von Michel Foucault und Konsorten dominiert werden. Linksintellektuelle fühlen sich, je nach intellektueller Konjunktur, zeitweise von LaMettrie, Stirner und Reich magisch angezogen, nur um schließlich alles zu verkorksen, was L und S und R ausmacht, oder sie gleich ganz in den Orkus zu treten. Oberflächlich fühlen sie sich zunächst angesprochen, aber die Botschaft (die Wahrheit) stellt sich schließlich als Krypton für ihre biophysische Struktur (die Lüge) heraus.
Ja, was ist denn nun „LSR“? Bernd Laska schrieb mir 2004:
Für mich eine uralte Erfahrung seit wrb[Wilhelm Reich Blätter]-Zeiten 1975: die Leute, die zu Reich stoßen, sind nicht die Richtigen (= sehen Reich völlig anders als ich 😉 ). (…) Eine weitere Erfahrung seit auch schon ca. 20 Jahren: die Leute, die zu Stirner stossen, sind nicht die Richtigen (= sehen Stirner völlig anders als ich 😉 ). Sie „tolerieren“ mich, diskutieren aber nicht meine einschlägigen Bücher und Artikel (obwohl ich in „Der Einzige“ schreiben darf). Im „Gästebuch“ der MS-Ges. [Max Stirner Gesellschaft] tauchte seit Jahren mein Name nicht einmal auf. Dito im Stirner-Forum. (…) Für La Mettrie gibt’s keine Szene, glaube ich. Ab und zu jemand, der enthusiastisch die 4 Bände [von und über LaMettrie] bestellt – dann Funkstille, keine Kritik, keine Nachfrage, kein Schulterklopfen, nix. Das soll kein Gejammer sein. Es ist eine sachliche Feststellung, die „an sich“ nicht verwunderlich, sondern sogar folgerichtig ist: jedenfalls die Ratlosigkeit des Publikums, das entweder Philosophie lernen will oder Philosophiegeschichte. LSR ist keins von beiden. Was dann ???“
Was ist LSR in seiner Essenz? Laska schrieb mir ebenfalls vor nunmehr fast 20 Jahren in einem bestimmten konkreten Zusammenhang:
(der und der und der) sehen sich als heute zeitgemäße Kämpfer für Aufklärung und Rationalität, wie einst die Psychoanalytiker (Freud, Federn…) und Marxisten (KP, Fromm, Bernfeld, Fenichel…). Sie sehen in Reich einen ganz speziellen Feind und bekämpfen ihn (seine von ihnen geahnte Idee, in deren Licht ihr Rationalismus irrational erscheint) fanatischer als sie ihre Alltagsgegner bekämpfen – und vor allem nicht offen.
Das ist es: LSR wird sozusagen „beschwiegen“. LaMettrie wurde als unwürdig aus der Gemeinschaft der Aufklärer ausgestoßen, Marx’ Mammutbuch zu Stirner vergammelte in der Schublade, Nietzsche verschwieg ihn peinlich krampfhaft, Reich wurde schlichtweg aus dem Gedächtnis der Psychoanalyse getilgt. Der endgültige Todesstoß war die Rehabilitierung der drei: LaMettrie als Vordenker DeSades und Rousseaus, Stirner als Prophet des modernen Egoismus und Reich als Antifaschist. Helden des demokratischen und vor allem bunten Westens! (Wüüürggghhh!) Hauptsache es wird nie der Kern berührt oder auch nur durch das bloße Begründen der Sequestration dieser drei Aufklärer angedeutet.
Den besagten Kern hat Reich genannt, als er schrieb, daß „keine andere Stelle meiner Theorie meine Arbeit und Existenz derart gefährdet (hat) wie gerade die Behauptung, daß Selbststeuerung möglich, natürlich vorhanden und allgemein durchführbar ist“ (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 141). Er „betone die Rationalität der primären Emotionen des Lebendigen” (Äther, Gott und Teufel, S. 54) und behauptet entsprechend: „Alle Ethik ist im Grunde antisexuell” (Menschen im Staat, 1995, S. 143).
Die Menschen rasten darob aus, weil es sie gar nicht gibt! SIE SIND BESESSEN! Will sagen, aus ihnen spricht die verinnerlichte gepanzerte Gesellschaft, die verzweifelt um ihre Existenz ringt. Reich und Laska waren nie Teil dieser Gesellschaft der lebenden Toten. Was ich hier von Reich zitiert habe, ist der gemeinsame Ursprung der Orgonbiophysik und des LSR-Projekts.
Liquidar
Super-Ego
Radicalmente