Posts Tagged ‘Demokrit’

1935: der Triumphzug des Mechano-Mystizismus gegen den Funktionalismus beginnt (Teil 2)

2. September 2026

Bis etwa Mitte der 1930er Jahre stand Reich in kompletter Harmonie mit der damals gängigen Naturwissenschaft. Dann ereigneten sich zwei Dinge, die mehr miteinander zu tun haben, als es auf den ersten Blick der Fall zu sein scheint: das Zeitalter der Genetik und das „Atomzeitalter“ nahmen Form an und beherrschten schließlich den Diskurs. Dazu paßt Erwin Chargaffs bekanntes Diktum: „Die zwei größten Taten, und wahrscheinlich Missetaten, der Naturwissenschaft der Gegenwart waren die Atomspaltung und die Entdeckung von Eingriffsmöglichkeiten in die Vererbungsmechanismen“ (Chargaff: Unbegreifliches Geheimnis, Stuttgart 1981). Gleichzeitig mit diesem extremen Mechanizismus trat eine auf den ersten Blick gegenteilige „mystische“ Geistesrichtung in Erscheinung: das Lebendige wurde zur „Information“ und die Atome verflüchtigten sich in Symmetrien und – Information („Ideen“). Kein Platz mehr für so etwas wie eine „kosmische Lebensenergie“!

Reichs Auseinandersetzung mit „dem Atom“ spannt sich zwischen seinem Treffen mit Einstein Anfang der 1940er Jahre und seinem ORANUR-Experiment Anfang der 1950er Jahre. Er sah die Atom-Lobby in die Verschwörung gegen ihn bzw. das Lebendige involviert. Und was die Genetik betrifft, schrieb er in Christusmord: „Die Pharisäer (…) sind weder besser noch schlechter als die Genetiker (…), was ihre Haltung dem Leben gegenüber betrifft. Sie werden Christus töten, weil er den Leuten gesagt hat, wo sie das Leben finden können.“

Bis Mitte der 1930er Jahre hatten die Lebenswissenschaften, insbesondere die Medizin, der Physik den Weg gewiesen. In seinem Buch Die großen Physiker und ihre Entdeckungen (München 1984) zitiert Emilio Segrè aus der bedeutsamen Rede über „Die neuen Ziele der Experimentalphysik“ die Professor Orso Mario Corbino 1929 hielt:

Besser als eine einfache Überlagerung der Techniken wäre eine Verschmelzung der Mentalität eines Biologen mit der durch die neue Physik geschaffenen Denkweise in ein und demselben Hirn. Hermann von Helmholtz (…) gab (…) seinen Lehrstuhl für Physiologie auf, um (…) Physik zu lehren. Es war zum größten Nutzen der Wissenschaft. Heute liegen die Dinge genau umgekehrt. Die experimentelle Physik (…) hat (…) alle Werkzeuge an der Hand, anderen, weniger fortgeschrittenen Wissenschaften weiterzuhelfen.

Segré führt aus, daß in der Tat nicht wenige der führenden Gestalten in der neuen Disziplin Molekularbiologie in der Physik ausgebildet waren und ihre Laufbahn als Physiker begannen. Es konnte nicht ausbleiben, daß sie eine extrem mechanistische Denkungsart in die Lebensforschung trugen.

In dieser Hinsicht federführend war Max Delbrück, ein Schüler des Quantentheoretikers Max Born. Carl Friedrich von Weizsäcker zufolge wandte sich Delbrück der Biologie zu, von der Problemstellung der „Quantentheorie des Subjekts“ geleitet (Aufbau der Physik, München 1985). In seinem Buch Wahrheit und Wirklichkeit (Hamburg 1986) stellt Delbrück das Ergebnis seiner Bemühungen dar, indem er den Realismus und die kartesische Trennung von Geist und Materie kritisiert und meint, wissenschaftliche Aussagen seien letztlich sprachlich Konstruktionen.

Der Widerstand, der der Idee entgegengebracht wird, daß Bewußtsein und physikalische Phänomene als gleichberechtigt zu betrachten sind, entspricht der Sorge, die Wissenschaft könnte dann auch auf die menschliche Person übergreifen. (…) Vor allem diejenigen sprechen sich gegen eine derartige Entwicklung der Wissenschaft vom Menschen aus, die fürchten, es könnte offenbar werden, daß der Geist nichts anderes als eine Maschine sei. Doch haben wir schon gesehen, daß die Antithese von externer und interner Wirklichkeit nur eine Illusion ist. Es gibt nur eine Wirklichkeit.

Hier sieht man sehr schön wie subtil doch die Aufweichung des alten mechanistischen Weltbildes nur dazu führte, das Lebendige vollends zu mechanisieren, wo es früher zumindest noch eine separate Schutzstellung als „Geist“ (und damit, wie erwähnt, „Entelechie“, „Prana“ etc.) einnahm! Gleichzeitig wird der maschinenhafte Mechanizismus unangreifbar, weil man ja die Spaltung zwischen Geist und Materie überwunden habe.

Dazu muß man wissen, daß der Hauptbeitrag von Delbrücks Lehrer, Born in der Quantenmechanik in der Wahrscheinlichkeitsdeutung der Schrödingerschen Wellenfunktion bestand, „eine Deutung, die der Wahrscheinlichkeit eine primäre Rolle in der Physik zuschrieb und damit das Verhalten einzelner Teilchen weitgehend unbestimmt ließ, so daß sich eine akausale Beschreibung ergab“ (Franco Selleri: Die Debatte um die Quantentheorie, Braunschweig 1983). Born selber beschrieb diese Wendung vom statisch Toten zum fließenden Lebendigen in der Physik, als die Abwendung vom alten mechanistischen Weltbild, wie folgt: „Erkenntnis der Wahrheit ist das Ziel des Forschers. Aber nirgendwo findet er etwas Ruhendes, Dauerndes. Nicht alles läßt sich erforschen, noch weniger vorhersagen“ (Born: Physik im Wandel meiner Zeit, Braunschweig 1957). Nirgendwo findet sich Sicherheit und das Statische, – so daß Reichs Kritik am Absoluten in Äther, Gott und Teufel ins Leere läuft.

Der extremste Mechanizismus, der durch die Genetik das Leben selbst vernichtete – und durch „das Atom“ sogar den ganzen Planeten bedroht, schlägt in sein scheinbares Gegenteil um. So sagte in einem Bild der Wissenschaft-Interview Herwig Schopper, damals Generaldirektor von CERN, im September 1984:

Es sieht so aus, als ob die „First Principles“, die wir benutzen, um die Natur zu erklären, um zu verstehen, warum es in der Natur überhaupt eine Ordnung gibt, warum in der Natur kein Chaos herrscht, nicht letzte unzerstörbare Materieklötzchen wären, sondern Symmetrien. Wir entfernen uns damit von Demokrit, der den Begriff des Atoms für das letzte unteilbare Teilchen eingeführt hat. Wir bewegen uns auf Platon zu, der lehrte, das letzte Fundament der Realität seien abstrakte Dinge, „Ideen“.

Der Witz dabei ist, daß diese „abstrakten Dinge“, die Ideen, eben auch nur – Bauklötze sind… Die materiellen Bauklötze sind nur – Ideen… Die Wirklichkeit verflüchtigt sich, einfach weil man nicht in der Lage ist, funktionell zu denken.

Wilhelm Reich, Physiker: 7. Wahrheit und Wirklichkeit, b. Die fundamentale Ebene

13. Mai 2026

Wilhelm Reich, Physiker: 7. Wahrheit und Wirklichkeit, b. Die fundamentale Ebene

Wilhelm Reich, Physiker: 3. Der physikalische Laie Wilhelm Reich, b. Der Atomkern

8. Februar 2026

Wilhelm Reich, Physiker: 3. Der physikalische Laie Wilhelm Reich, b. Der Atomkern

Epikur, die praktische Klugheit (Phronesis) und das „rationale Über-Ich“ – Ergänzung zu: Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 83)

4. Oktober 2023

Auf Wikipedia heißt es zu Epikur:

Die innere Logik der epikureischen Lehre wird unter anderem in der Begründung der zentralen Stellung von Lust und Lebensfreude deutlich (…). Demnach gibt das noch durch keinerlei soziale Konditionierung geprägte frühkindliche Empfinden die natürliche Richtung menschlichen Strebens an: Lust suchen (…) – Unlust vermeiden. (…) Die starken Schwankungen, denen das kindliche Lust- und Glücksempfinden ausgesetzt ist, können in der Jugend durch das Hinzukommen vernunftgegründeter Einsicht (Phronesis) unter Kontrolle gebracht und allmählich in stetigere Bahnen gelenkt werden. Einsicht und stabile Daseinslust bedingen einander (…). Ohne diese Funktion und Ausrichtung aber wäre die Fähigkeit, vernünftig zu denken, aus der Sicht Epikurs nutzlos, wie er mit einer Spitze gegen die philosophische Konkurrenz in dem Brief an Menoikeus ausgeführt hat: „Daher ist die Einsicht sogar wertvoller als die Philosophie: ihr entstammen alle übrigen Tugenden, weil sie lehrt, daß es nicht möglich ist, lustvoll zu leben, ohne einsichtsvoll, vollkommen und gerecht zu leben, ebensowenig, einsichtsvoll, vollkommen und gerecht zu leben, ohne lustvoll zu leben.“

Tugend und Lust bedingen einander. Das eine ist ohne das andere nicht denkbar. LaMettrie war in dieser Hinsicht der moderne Epikur.

Epikur vertrat den Atomismus Demokrits, wenn auch mit einer entscheidenden Abweichung, denn nach Epikur läßt die Natur geringe willkürliche Bahnabweichungen der Seelenatome zu.

Diese geringen Abweichungen machen es den Lebewesen möglich, willentlich eine Bewegung in Gang zu setzen, sind aber so klein, daß sie die beobachtete Regelmäßigkeit der Natur nicht tangieren.

Dieses spontane Agieren entspricht der Orgonenergie. Ihre Spontanität ist die Grundlage von „freiem Willen“, Autonomie und der Eigenheit im Sinne Stirners.

Epikur

EIN QUERSCHNITT DURCH DAS SCHAFFEN JEROME EDENs: Die Lebensenergie am Rande der Wissenschaft

3. Oktober 2020

 

EIN QUERSCHNITT DURCH DAS SCHAFFEN JEROME EDENs: Die Lebensenergie am Rande der Wissenschaft

Wahrheit und Wirklichkeit (Teil 2: die fundamentale Ebene)

7. Juli 2020

Wilhelm Reich, Physiker: 7. Wahrheit und Wirklichkeit

Orgonometrie (Teil 2): Kapitel 6.i.

4. Mai 2016

orgonometrieteil12

1. Zusammenfassung

2. Die Hauptgleichung

3. Reichs „Freudo-Marxismus“

4. Reichs Beitrag zur Psychosomatik

5. Reichs Biophysik

6. Äther, Gott und Teufel

a. Der modern-liberale (pseudo-liberale) Charakter

b. Spiritualität und die sensationelle Pest

c. Die Biologie zwischen links und rechts

d. Der bioenergetische Hintergrund der Klassenstruktur

e. Die Illusion vom Paradies und die zwei Arten von „Magie“

f. Die gesellschaftlichen Tabus

g. Animismus, Polytheismus, Monotheismus

h. Dreifaltigkeit

i. „Ätherströme“, Überlagerung und gleichzeitige Wirkung