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Orgonometrie bei Stirner

2. September 2024

In einem Brief erinnerte sich Friedrich Engels an ein Gespräch mit Stirner im Herbst 1842:

Wir diskutierten viel über Hegelsche Philosophie, er (Stirner) hatte damals die Entdeckung gemacht, daß Hegels Logik mit einem Fehler anfängt: das Sein welches sich als Nichts erweist und so in Gegensatz zu sich selbst tritt, kann nicht der Anfang sein; der Anfang muß gemacht werden mit etwas das selbst schon unmittelbare, naturwüchsig gegebene Einheit von Sein und Nichts ist, und aus dem erst dieser Gegensatz sich entwickelt: Und dies war nach Stirner – das „Es“ (es schneit, es regnet), etwas das ist und zugleich auch Nichts ist. – Nachher scheint er dann doch dahinter gekommen zu sein, daß es (mit) dem Es, nicht minder als mit dem Sein und Nichts, doch Nichts ist. (z.n. H.G. Helms: Die Ideologie der anonymen Gesellschaft, S. 75f)

In ihrer Besprechung von Stirners Der Einzige und sein Eigentum machen sich Marx und Engels über Stirners „undialektisches“ Denken lustig, denn der könne Übergänge, etwa vom Jüngling zum Mann nicht dialektisch erklären: (…) wir erfahren bloß, daß ‚Es‘ Dienst verrichten (…) muß (…)“ (Die Ideologie der anonymen Gesellschaft, S. 75). Helms schließt sich der Häme an, wobei er aus Der Einzige und sein Eigentum zitiert. Helms:

(…) Ja, so wird Stirner im „Wegweiser für die galante Welt“ die feine Gesellschaft auf Stichen nach Fragonard oder Boucher im „Verkehr“ „gruppirt“ gesehen haben. „Man pflegt wohl zu sagen: ‚man habe diesen Saal gemeinschaftlich inne‘.“ Das pflegt bloß Stirner zu sagen, bei dem es „aber vielmehr so“ zu sein pflegt, „daß der Saal Uns inne oder in sich hat“, sodaß der arglose Leser meinen könnte, der Stirner, der hat „es“ doch „in sich“. „So weit die natürliche Bedeutung des Wortes Gesellschaft“, der Stirner augenblicklich die unnatürliche, die einzige Bedeutung folgen lassen wird. „Es stellt sich dabei heraus, daß die Gesellschaft nicht durch Mich und Dich erzeugt wird“, sonst wäre alles in Butter, „sondern durch ein Drittes“ – da ist es wieder, dieses „unheimliche“ „es“ oder „man“ –, „welches aus Uns beiden Gesellschafter macht, und daß eben dieses Dritte das Erschaffende, das Gesellschaft Schaffende ist.“ (Die Ideologie der anonymen Gesellschaft, S. 120)

Schließlich zitiert Helms eine Stelle aus Der Einzige und sein Eigentum:

Der Gegensatz des Realen und Idealen ist ein unversöhnlicher, und es kann das eine niemals das andere werden (…). Der Gegensatz beider ist nicht anders zu überwinden, als wenn man beide vernichtet. Nur in diesem „man“, dem Dritten, findet der Gegensatz sein Ende; sonst aber decken Idee und Realität sich nimmermehr. (z.n. Die Ideologie der anonymen Gesellschaft, S. 129, 486)

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 151)

25. August 2024

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Im Kern des Gottesglaubens sah LaMettrie das Schuldgefühl, Stirner die verinnerlichten Hierarchien, bzw. das jenseits in uns, und Gott Reich das Über-Ich bzw. die Panzerung: das Fremde verdrängt das Eigene. Es geht nicht darum, ob es „horizontal“, also in unserer Umwelt einen „Gott“ gibt, d.h. irgendwelche ominösen Mächte, die man auch als „die Materie“ bzw. „Allmutter“ bezeichnen könnte, sondern um die „vertikale“ Frage, ob es ÜBER mir einen Gott gibt, ein „Über-Ich“, das mich besetzt, besitzt wie ein Dämon. Dann ist es auch egal, ob ich mich als „Atheist“ bezeichne, wie etwa die Marxisten, die trotzdem fromm sind, „vertikal“ von Schuld und Moral beherrscht werden, oder ob ich an die beseelte Natur glaube (Animismus), also formal „Theist“ bin, aber dabei im Sinne Reichs „ungepanzert“ bin.

Natürlich ist auch beides möglich bzw. ist beides meist ineinander verschränkt wie etwa in der Griechischen Stoa: der Mensch ist „horizontal“ eingebunden in einen Kosmos, in dem alles mit allem verknüpft ist, und (bzw. aber) es geht „vertikal“ um die Beherrschung der Begierden. Ob man dieses „Über-Ich“ personifiziert, wie dann später im Christentum, ist letztendlich egal, weshalb auch die Frage nach dem (A-)Theismus in die Irre führt. Deshalb konnte auch Reich von Marx und insbesondere Lenin so in die Irre geführt werden: weil Reich zumindest anfangs nicht klar zwischen „Gottlosigkeit“ und „Über-Ich-Losigkeit“ unterschieden hat.

Das bringt mich abschließend noch einmal zum leidigen Thema „irrationales Über-Ich“ vs. „rationales Über-Ich“: Stirner unterschied zwischen von oben eingegebenen und von der Umwelt angeregten Ideen. Das „irrationale Über-Ich“ ist sozusagen „vertikal“, gibt Befehle wie ein Puppenspieler, der seine Marionette dirigiert, das „rationale Über-Ich“ hingegen ist „horizontal“. Ich muß mich im gesellschaftlichen Raum orientieren und einpassen, was ich automatisch seit Kindheitstagen beim gemeinsamen Spielen und allgemein im Umgang über die Goldene Regel und etwa den Straßenverkehr lerne. Dadurch entwickele ich etwas (das „rationale Über-Ich“), das ich gerne als „Neben-Ich“ bezeichnen möchte: es ist nicht die „vertikale“ Stimme meines Vaters von oben („Über-Ich“), sondern die „horizontale“, d.h. die auf Augenhöhe befindliche Stimme meines Nebenmannes („Neben-Ich“). Keine (ver)inner(licht)e Instanz über mir im Sinne Stirners, sondern neben mir, d.h. ich identifiziere mich nicht mit dem Vater, sondern mit dem Bruder. Das Über-Ich ist „unappelierbar“ – mit dem Nebenmann hingegen „kann man sprechen“. Ich trage damit nicht meinen fremden Feind (Über-Ich), sondern meinen gleichgesinnten Freund (Neben-Ich) in meinem Inneren. Erinnert sei an Stirners „Verein“!

Beim Über-Ich spricht Stirner von den internalisierten Hierarchien, dem Jenseits oder vielmehr Gott in uns und, in Bezug auf die „frommen Atheisten“ von der Gesellschaft in uns. Beim Neben-Ich ist auch etwas in uns: Wollust ist nur möglich, wenn ich mich auf den Partner einlasse, mich mit ihm bzw. natürlich ihr identifiziere, ähnlich in der gemeinsamen Arbeit oder überhaupt in einem gedeihlichen zwischenmenschlichen Miteinander, Stichwort „Spiegelneuronen“. Beim Über-Ich sind meine Ich-Grenzen sozusagen nach oben hin („vertikal“) verschmiert, d.h. das Ich wird vom Über-Ich okkupiert, der Mensch ist nicht mehr er selber, sondern nimmt einen „Charakter“ an, spielt eine bloße Rolle und vergißt dabei, daß er dabei nur Schauspieler ist. Beim Neben-Ich sind meine Ich-Grenzen sozusagen zur Seite hin („horizontal“) verschmiert. Und genau hier ist auch eine Lücke in Stirners Gedankengebäude, denn ohne die Menschen „neben mir“, meine Mitmenschen gäbe es gar kein „Ich“, keine Sprache, kein Bewußtsein, kein Begriff von „selbst“ bzw. vom „Selbst“: ohne ein Außen gibt es kein Innenleben. Und selbst das ist noch rein akademisch, denn ohne soziale Umwelt gäbe es mich von Anfang an gar nicht, da ein einzelner Mensch nicht nur biologisch und materiell, sondern vor allem auch emotional gar nicht lebensfähig wäre. Beim Säugling ist das offensichtlich. Ich weiß natürlich, daß für Stirner die Familie und all das kein „Verein“ in seinem Sinne ist… – wie gesagt, da ist eine Lücke in seinem Denken. Sowohl bei La Mettrie (wie Christian Fernandes in seinem neuen Buch ausführt) und Reich (jedenfalls dem späten Reich – den Laska nicht mehr als so wichtig empfand) sehe ich diese Lücke nicht.

Das „Horizontale“ ist auch beim Militär wichtig: das „vertikale“ Befehl und Gehorsam ist, klar, unverzichtbar, aber imgrunde wichtiger für die Kampfkraft ist die „horizontale“ Kameradschaftlichkeit: ich muß mich auf meinen Nebenmann verlassen können, im Zweifelsfall mein Leben für ihn geben, und wir müssen ein eingespieltes Team sein. Potentiell stört da alles „Vertikale“ eher. Das machte absurderweise auch die Stärke der Wehrmacht aus, die dezidiert „horizontal“ funktionierte, mit weitgehender Entscheidungsfreiheit der unteren Ränge und einer landsmannschaftlichen Homogenität der Züge (beispielsweise waren der Unteroffizier und alle anderen im Zug meines Vaters Hamburger, die sich blind verstanden und in jeder Hinsicht die gleiche Sprache sprachen). Während die Alliierten, insbesondere die Amis und die Russen, starr auf zentrale Führung setzten und auf eine Durchmischung der Kader, damit die Einzelnen nur über die Führung verbunden waren. Problem ist, die Zentrale weiß gar nicht, kann gar nicht wissen, was gerade an der Front vor sich geht und die Soldaten können untereinander kaum kommunizieren. Ähnliches läßt sich über die Betriebsführung im täglichen Wirtschaftsleben sagen. Diversität ist unsere schlimmste Schwäche! – Das Über-Ich ist vollkommen kontaktlos banane, während das Neben-Ich nichts anderes ist, als eben das: Kontakt mit der Wirklichkeit.

Im platonischen Dialog Protagoras erläutert Hippias in einer sehr kurzen Rede ethische und politische Ansichten. Wie auch andere zeitgenössische Sophisten stellt er dort die Natur (phýsis) in einen Gegensatz zum in der menschlichen Gesellschaft geltenden Gesetz (nómos). Wenn Dinge einander ähnlich sind, so seien sie es von Natur aus; einige Menschen seien von Natur aus Verwandte, Freunde und Mitbürger. Das Gesetz hingegen sei ein Tyrann der Menschen und erzwinge vom Menschen Unnatürliches. https://de.wikipedia.org/wiki/Hippias_von_Elis

Hier gehört auch die Frage von Theismus und Über-Ich hin: Laska hat sich explizit gegen den bei Reich so wichtigen Komplex (Bachofen, Matriarchat, Trobriander, DeMeos Saharasia-Theorie, Historischer Materialismus – „Urkommunismus“) verwahrt und alles auf eine Utopie ausgerichtet. Diesen Unterschied zwischen „Gott über mir“ und „Gott neben mir“, findet sich beispielsweise noch bei den germanischen Göttern. Grabfunde, Überlieferungen, etc. weisen darauf hin, daß sich unsere heidnischen Vorfahren nicht groß um das Christentum scherten. Ein weiterer Gott, ein weiterer Kult, der problemlos in die existierenden Tempel und Kulte und Überlieferungen integriert werden konnte. Man war sozusagen auf Augenhöhe mit den Göttern. Ganz anders bei den Christen, die radikal alles „Heidnische“ zurückwiesen und schließlich sogar die Inquisition ins Leben riefen und den Staatsapparat einschalteten, um „Ungläubige“ grausam töten zu lassen. Für mich ich das ein fernes Echo des Unterschieds zwischen einer „Neben-Ich-Gesellschaft“ und einer „Über-Ich-Gesellschaft“.

— Ende der Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 150)

24. August 2024

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Mit Reich war ich immer der Meinung, daß „die Menschen“ „wissen“ – die Menschen kennen die Wahrheit. Reich hat das in seiner Sexpol-Zeit in den Biersälen Wiens und Berlins bei seinen Massenkundgebungen hautnah miterlebt. Jeder Orgontherapeut sieht das tagtäglich in seiner Praxis: wenn die Menschen den Mund aufmachen (will sagen WIRKLICH aufmachen, d.h. die Panzerung/das Über-Ich fahrenlassen), dann kommt genau das heraus, was man ihnen predigen will, aber gar nicht predigen muß, weil es JEDER weiß. Das kann auch gar nicht anders sein, denn „zwischen den Gedanken“ quillt doch immer das authentische Leben hervor.

Was dieses „natürliche Wissen“ betrifft, könnte man das durchaus als „Ge-Wissen“ bezeichnen: das natürliche, d.h. spontane Empfinden für gut und schlecht, für Recht und Unrecht. Kinder können Gerechtigkeitsfanatiker sein. Ist es das, was Laska als „rationales Über-Ich“ bezeichnet hat? Oder meinte er rationale Regelungen, denen man sich freiwillig unterwirft, weil sie „neutral“ sind, wie etwa die Straßenverkehrsordnung?

Das läßt auch an den Stirnerschen Unterschied zwischen Freiheit und Eigenheit denken (die Straßenverkehrsordnung schränkt meine Eigenheit nicht wirklich ein – ganz im Gegenteil). Mir geht es nur um definitorische Hygiene: Über-Ich ist DAS Problem, DAS Irrationale – und dann: „rationales Über-Ich“. Die Problematik erinnert an Reichs „Panzerung“, denn wir investieren unser größtes Talent, unsere größte Stärke, unser ganzes Genie in diesen zentralen Abwehrmechanismus. Hier spielt Nietzsches „Übermensch“ hinein. Ich weiß, Nietzsche kannte den Begriff „Über-Ich“ nicht, aber trotzdem: der Über-Mensch ist jemand, der diese „größte Stärke“ in sich integriert, wobei aber, so Nietzsche, auf dem Weg dahin die meisten Zugrunde gehen und nur eine kleine Elite erfolgreich ist… Implizit wollte Nietzsche dergestalt Stirner überwinden. Hier paßt auch Marx hinein: der „vergesellschaftete Mensch“ (d.h. der ver-Über-Ich-te Mensch) wird schließlich zum vermeintlich wirklich autonomen Menschen. Man denke an Trotzki mit seinen Phantasien von einem sozialistischen Übermenschen, wobei der Bolschewismus tatsächlich eine merkwürdige Mischung von Marxismus und Nietzscheanismus war.

„Rousseau, Marx, Nietzsche“ kann im Grunde auf Rousseau reduziert werden und damit auf die merkwürdige Spannung zwischen Naturkult (natürliches Empfinden) und Gesellschaftsvertrag („rationales Über-Ich“?). Das findet sich etwa bei Marx, dessen doch so „objektive“ Politökonomie einen morali(stisch)en, eben „politischen“ Kern hat, was sich auch an der Absurdität zeigt, daß es überhaupt Kommunisten gibt. Warum, wenn doch alles naturgesetzlich abläuft? (Kommunisten, die kein anderes Thema haben als „Bewußtsein“ und Ideologie. Die letzten Idealisten!) Desgleichen Nietzsche, dessen Wille zur Macht nicht zur ewigen Wiederkunft passen will. Welche Rolle sollte ein „Wille“ in einem Uhrwerk spielen? Vielleicht ist das Unsinn, zumal ich das ganze nicht mal ansatzweise geschlossen ausformulieren könnte, aber ist die merkwürdig erratisch auftretende Theorie vom „rationalen Über-Ich“ nicht in diese Reihe zu stellen? Es ist ein Element, ein Element der Willkür, das nicht zum „liquidare super-ego RADICALMENTE“ passen will.

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 149)

23. August 2024

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Was Laska Marx und Nietzsche vorgehalten hat, dreht sich in keinster Weise um Plagiatsvorwürfe, Prioritäten etc., sondern einzig um ihre Verweigerung einer (öffentlichen) Auseinandersetzung mit Stirner. Mich erinnert das etwas an die mecho-mystische Physik: angefangen mit der Rotverschiebung bis hin zu irgendwelchen Problemen der Elementarteilchenphysik: anstatt sich mit dem Sachverhalt „an sich“ auseinanderzusetzen, wird gleich der ganze Kosmos, der „Urknall“, „String-Theorie“ etc. involviert, um ein Teilproblem zu lösen. Entsprechend entwickelten Marx und Nietzsche umfassende Welttheorien, nur um mit dem Stachel Stirner fertigzuwerden. Hier gehört auch Nietzsches Rede vom „Nihilismus“ (bei Marx ist es Hegelisierend die „Entfremdung“) hin: die Menschen würden (wenn man Nietzsche sozusagen „rückübersetzt“) lieber ihre Gesellschaft in den humanen Grundfesten sprengen, den ganzen Planeten in die Luft jagen, statt sich mit LSR auseinanderzusetzen. Hat schon mal jemand Nietzsches „Nihilismus“-Meme mit dessen Angst vor Stirner verbunden? Laska meinte, Nietzsche wäre in den Wahnsinn, ins Nichts, geflohen, genau zu dem Zeitpunkt als eine Stirner-Renaissance drohte. Die Menschen sterben lieber, als der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. So als stünde LSR für das absolute Grauen, schlimmer als der Tod. Es ist das Grauen der Vampire und Gespenster vor dem Sonnenlicht – der Authentizität zwischen den Gedanken, von der ich oben sprach. Wenn der Lebenssaft in verdorrte Glieder fließt, ist das der Supergau, da alles Morsche und Versteinerte, das nicht mehr lebendig pulsieren und nachgeben kann, zersprengt wird.

Laska war an Reich geschult: entweder gibt es eine „sexualökonomische“ Selbstregulierung oder eine sexualfeindliche moralische Regulierung. Entsprechend kann man zweierlei zeigen: erstens, daß die moralische Regulierung durch und durch widersprüchlich ist und letztendlich immer das hervorruft, was sie bekämpfen will; zweitens, kann man die beiden Ansätze nicht vermischen, weil dabei nicht halb, sondern doppelt so viel Leiden herauskommt. Diese quasi manichäische Radikalität ist nur eins: konsequentes Denken. Und das ist wahrscheinlich das größte Tabu. Niemand wagt etwas konsequent zu Ende zu denken, sondern biegt immer vorher ab.

Stirner vs. Marx, Biologismus vs. Soziologismus

16. August 2024

Stirner und Marx sahen das Subjekt nicht als das Eigentliche, „Authentische“, sondern nur als Phrase. Stirner hat das explizit gesagt, im Sinne, daß kein Wort, kein Begriff den Einzigen erfassen kann – man ist vor seinem Denken, sozusagen „Zwischen seinen Gedanken“. Bei Marx ist das Subjekt nur ein Ensemble gesellschaftlicher Verhältnisse, d.h. das Verhalten der Subjekte zueinander bzw. eine bloße Reflektion der von den Subjekten stets neu umgeformten materiellen Verhältnisse – es gibt sozusagen nur das Verhältnis.

Es ist ungefähr so, als würde ich (Stirner) sagen, daß es die Mondlandung nie gegeben hat und du (Marx) darauf antwortest: „Was! Du glaubst tatsächlich, daß es den Mond wirklich gibt?!“ Für das, worum es Laska geht (die „Verschwörung“ im Sinne des Über-Ichs) bleibt bei dieser Marxschen Denkfigur kein Platz mehr, da sich alles in „Verhältnisse“ auflöst und die Über-Ich-Problematik entsprechend ganz aus der Sicht verschwindet.

Bei Stirner löst sich das Subjekt in die Biologie auf, in das, was Reich als „Menschentier“ bezeichnet hat. Wir spielen zwar Rollen, tragen „Charaktermasken“, aber sie sind unsere Werkzeuge, während in der Welt des Wahnsinns, von der sich Stirner distanziert, sich die Menschen selbstvergessen über diese elende Schauspielerei, dieses degoutante Schmierentheater definieren. Und genau hier kommt Marx‘ Historischer Materialismus (wie er später bezeichnet wurde) ins Spiel, mit dem er Stirner überwinden wollte: das Leben ist das Kasperletheater des „Klassenkampfs“ und nichts außerdem. Am Ende stand das, was wir noch heute in Nordkorea bewundern können: wirkliches Kasperletheater, dreidimensional aus Fleisch und Blut. Man vertue sich nicht: all die krypto-Marxistischen Clowns bei den Grünen und den Sozialdemoratten sind genauso!

Und was ist nun mit denen, für die das Subjekt keine Phrase ist, die also, meinetwegen, an die „unsterbliche Seele“ glauben? Das sind die authentischen Konservativen, die einen verzerrten (mystischen) Kontakt zum „Menschentier“ in sich haben. Sie sind offensichtlich nicht vollkommen kontaktlos, während die Linke die reine Pest ist; emotionale Wüste, die letztendlich ein verwüstetes Land hinterläßt. Das beobachten wir gerade live in Deutschland!

Laskas Randnotizen zu Hans G. Helms‘ DIE IDEOLOGIE DER ANONYMEN GESELLSCHAFT (Teil 7)

13. August 2024

Laskas Randnotizen zu Hans G. Helms‘ DIE IDEOLOGIE DER ANONYMEN GESELLSCHAFT (Teil 7)

Besprechung der Anthologie DAS LSR-PROJEKT

9. August 2024

Das neue Laska-Buch ist da!

Irgendwie fehlt das „Abstract“ zum LSR-Projekt. Man weiß nicht recht, worauf man sich einläßt und worauf man achten soll. Das scheint mir generell das Problem zu sein, wenn man „so allein vor sich hin tüftelt“: daß man sozusagen sich die Sahnestücke für zuletzt aufbewahren will – es fehlt der heilsame Zwang die Zusammenfassung an den Anfang der Arbeit zu stellen. Der Autor sitzt zuhause und reibt sich genüßlich die Hände bei der Vorstellung, wie der Leser jene Landschaft durchschreitet und in sich organisch aufnimmt, die der Autor für ihn geschaffen hat, um ihn zu ganz bestimmten Ausblicken zu führen. Und wie fühlt sich der Leser? WENN er überhaupt angefangen hat, das unbeschilderte Land zu betreten, d.h. zu lesen, fühlt er sich als würde er durch ein sinnlosen finsteren Irrgarten stolpern, wobei er sich ständig fragt: „Was mach ich hier eigentlich? – und was soll das ganze überhaupt?“

Also: zuerst die Resultate präsentieren! Auch wenn es weh tut: „Perlen vor die Säue werfen!“, „Jetzt verpufft meine hart erarbeitete Wahrheit!“ Die gleich am Anfang präsentierten Früchte kann der Leser wohl nicht würdigen, vielleicht nicht mal verstehen, aber er weiß, worauf er bei der Lektüre achten soll. Zumindest sollte man erklären, was man mit ihm vorhat.

Ein solches „Abstract“ liegt nun mit dem von dem Würzburger Philosophen Dr. Christian Fernandes herausgegebenen Laska-Anthologie Das LSR-Projekt vor.

Man erlaube mir einen eigenen kleinen Versuch:

Begriffe wie „Selbstsucht“, „Egoismus“, „Eigensinnigkeit“, „Sichgehenlassen“ haben zu recht einen denkbar schlechten Leumund. Gleichzeitig erweist sich jedem denkenden und historisch versierten Menschen „die Gesellschaft“, an die man sich anpassen soll, um nicht „selbstsüchtig“, „rücksichtslos“ etc. zu sein, als denkbar „irrational“, im Sinne von destruktiv, verblendet und dem sicheren Untergang geweiht. Jeder Mensch, der in dieser Gesellschaft aufwächst und durch sie „enkulturiert“ wird, verinnerlicht vom Tage seiner Geburt an diese Irrationalität, so daß seine vermeintliche „Eigensinnigkeit“ schließlich nur Ausdruck dieser Irrationalität sein kann. Die Irrationalität wird dadurch verdoppelt, daß die als „Über-Ich“ verinnerlichten gesellschaftlichen Gebote, das bekämpfen sollen, was es ohne sie gar nicht gäbe. Genau das bezeichnet Bernd A. Laska als „irrationales Über-Ich“. Potenziert wird diese Irrationalität dadurch, daß durch die Bildung des „irrationalen Über-Ich“ die Selbstregulierung jedes Einzelnen durch ein „rationales Über-Ich“ (schlichtweg Rücksicht auf andere gemäß der im ungestörten Sozialverkehr jedem sich von selbst evident werdenden Goldenen Regel) unmöglich gemacht wird.

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 148)

7. August 2024

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Kunst: entweder fließt es aus einem raus („automatisches Schreiben“) oder es ist „gewollt“ und damit gekünstelt und deshalb wertlos. Das ist auch das große Mißverständnis in der Stirner-Rezeption: es geht nicht um das „Ich“ (d.h. ein Gedanke, ein bloßes Gespenst), sondern um das, was sozusagen zwischen den Gedanken ist und einzig produktiv und „wertschöpfend“ ist – und deshalb fremd in der gewohnten gekünstelten Welt. Das beste Beispiel ist das dichterische und graphische Erbe von William Blake, einer der ganz wenigen wirklich genitalen Charaktere. Ein „Außerirdischer“ wie Reich – fremd in der gepanzerten Welt.

Bei LaMettrie finden sich zwei zentrale Begriffe: „tugendhafte Lust“ und „die Lehre von den Schuldgefühlen“. Bei Reich entspricht das formal dem Unterschied zwischen „Orgasmustheorie“ und „Charakteranalyse“ (Auflösung der Panzerung = des Über-Ichs). Wobei Laska seine Arbeitsweise mit dem Ursprung und Kern der Charakteranalyse identifiziert: der Widerstandsanalyse. Charakteranalyse ist nicht bloße „Dekonstruktion“ ins voraussetzungslose Leere hinein, wie es manche woke „Reichianer“ gerne hätten, sondern ist geleitet vom ICHIDEAL der genitalen liebevollen Heterosexualität. Genauso wie ein Orthopäde sich am natürlichen menschlichen Gang orientiert und nicht am krabbeln eines seitwärts gehenden Krebstieres. Wieder: gepanzert (gewollt) oder nichtgepanzert (spontan).

Ich wundere mich selbst, wie früh und organisch ich nach Reich gekommen bin – bevor ich überhaupt von ihm gehört habe. Das ist wichtig und hat auch Laska offenbar bewegt. Man denke nur an seine Beschäftigung mit „Nietzsche absconditus“ (Hermann Josef Schmidt). Nietzsche ist der einzige Philosoph, dessen Denken man bis auf die Kindergartenzeit zurückverfolgen kann. Sagen wir mal so: wenn LSR stimmt, muß es organisch und automatisch aus der kindlichen Seele erwachsen.

Man stelle sich die Frage, ob man überhaupt irgendjemanden vom geheimnisvollen „LSR-Kern“ intellektuell bzw. „philosophisch“ überzeugen kann, oder nur einige „Auserwählte“ sozusagen abholen kann. Dabei geht es natürlich nicht darum, ob jemand „gesünder“, „ungepanzerter“, „wacher“, gar „intelligenter“ ist, sondern um einen gewissen Außenseiterstatus, in dem Sinne, daß derjenige instinktiv spürt, daß mit der Gesellschaft und der „Geistesgeschichte“ etwas FUNDAMENTAL nicht stimmt. Wer seit Kindheitstagen „eingemeindet“ ist, wird es nie verstehen. Nicht mal rein intellektuell, einfach weil die gefühlsmäßige Abwehr zu stark ist. Reich hat das, seinen Sonderstatus als quintessentieller Außenseiter, spätestens bei den Psychoanalytikern gespürt („Also irgendwas stimmt hier nicht…“), Stirner sicherlich am Anfang des Studiums und LaMettrie als junger Arzt. Rousseau, Marx und Freud waren zwar oberflächlich jeweils auch „Revolutionäre“, aber ihre Gesellschaftskritik war explizit doch immer gegen den Einzelnen und gegen „Utopisten“ gerichtet – gegen jeden, der aus dem ehernen Geschichts- bzw. „Vernunftprozeß“ auszubrechen wagte.

Ich habe soeben in meinem Archiv den Maler Hans Tombrock entdeckt und daß Reich von ihm Bilder für seine Sammlung gekauft hat. Reich hat sich sehr mit solchen randständigen Landstreicher-Existenzen identifiziert. Die Zwanziger Jahre sind voll davon. Warum hat mich als Schüler Klabund so fasziniert? Hier gehört auch die Brecht/Stirner-Sache hin (Lenz Prütting). Hier ist etwas im Grenzgebiet von Ästhetik, Philosophie, Literaturgeschichte, Kunstgeschichte, Gesellschafsgeschichte, „Mythologisierung der eigenen Biographie“: ein schwammiger Bereich, für den mir die Begrifflichkeit fehlt. Worüber rede ich hier eigentlich? Es geht hier um das gesamte Universum des „Schöngeistigen“, dessen wahrer Kern, wahrer Inhalt, wahrer Sinngehalt noch nie erfaßt wurde. Tendenzmäßig am ehesten vielleicht von der Marxistischen Ästhetik a la Georg Lukács… – Keine Ahnung, aber es wäre ein unbestimmtes Feld, das sich LSR-mäßig erschließen lassen müßte. Warum war es Reich so wichtig, ein Museum zu hinterlassen, das seine Lebensatmosphäre auffängt und konserviert? Es geht um die Vermittlung eines bestimmten Vibes, der sich etwa in den Bilden Tombrocks findet.

Als absoluter Kunstverächter hatte Laska leider keinerlei Sinn für sowas. Und er hätte auch nicht mit seinem „ich komme aus der arbeitenden Sphäre“ kommen können, denn „unterschichtiger“ „proletarischer“ als Tombrock geht es nicht.

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 147)

6. August 2024

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

So gut wie alles, was seit 1845 über Max Stirner geschrieben wurde, also über sein Buch Der Einzige und sein Eigentum, ist für die Tonne. Allgemein ist es einfach nur abstoßend, wie sich irgendwelche Sonderlinge in ihrer „Einzigkeit“ wälzen, einem radikalen Nominalismus frönen, über „das Nichts“ meditieren und sich an ihrer eigenen Bilderstürmerei berauschen. All die Bibliotheken die seit fast 200 Jahre mit diesem Zeugs gefüllt wurden, sind allenfalls zu einem einzigen gut: das dingfest zu machen, dem nicht nur alle ausgewichen sind, sondern das durch diese Papierflut auch auf ewig unerreichbar begraben werden sollte.

Was ist am Grunde des Berges, im Zentrum, weit unten unter dem Gipfel des Papierhaufens, sozusagen die geheime Grabkammer des Pharaos? Es ist der Kern von Stirners Nominalismus. Sein „Nominalismus“ bedeutet, daß es keine „abstrakten Objekte“ gibt, d.h. Begriffe bloße Werkzeuge sind, unsere Werkzeuge – und keinerlei Macht über uns haben sollten. In der amerikanischen Fassung der Massenpsychologie des Faschismus hat Reich ein ganzes Kapitel darüber geschrieben: darüber wie aus unseren Werkzeugen unsere Herrscher wurden. Letztendlich geht es um die Panzerung, deren psychischer Aspekt das Über-Ich ist.

Es geht darum, daß wir uns nicht mittels eines bloßen Willensaktes aus dieser imgrunde lächerlichen Sklaverei befreien können, sondern „nur“ darum, (1.) uns unserer Situation bewußt zu werden und (2.) entsprechend ZU HANDELN, was vor allem heißt, jede Generation so aufwachsen zu lassen, daß sie wirklich „eigener“ sind als die jeweils vorausgehende Generation. Es geht um ein Reha-Programm nach 6000 Jahren in einem psychiatrischen Horrorhospital.

Stirner bedeutet eben nicht, daß, frei nach Hume, die Seele keine Substanz hat, d.h. nur Oberfläche ist, oder ähnlich wie bei Nietzsche alles nur wesenlose Worte und Handlungen sind („Alles ist nur Maske und nichts außerdem!“), wir also wie bei einer CSD-Umzug unsere geschlechtliche Identität frei wählen können, sondern Stirner verweist auf eine Realität hinter dem Virtuellen: die Maske verweist auf einen Maskenträger. Mit anderen Worten: die Wirklichkeit ist nicht so wie sie nun mal halt ist, Nietzsches „Amor fati!“, sondern es herrscht der Große Verdacht, daß zwar alles falsch ist, sich aber hinter der Lüge eine Wahrheit verbirgt.

Das erinnert etwas an Marx‘ Wert- und Fetisch-Theorie: die Preise fluktuieren zwar, aber das ist nicht die wirkliche Wirklichkeit, denn sie hängen mit wenig flexiblen sozusagen „Gummibändern“ vom Wert ab, entsprechend leben die Menschen nicht unbekümmert in einer schönen Warenwelt, sondern waten tatsächlich durch das Blut der den Arbeitern abgepreßten Lebenszeit, die den Wert der Waren bestimmt. Das entspricht ziemlich genau Stirners „Gespinsten“, die die Menschen davon abhalten, die wirkliche Wirklichkeit zu sehen. Bei Nietzsche gibt es keine wirkliche Wirklichkeit, sondern nur die Aktualität, nur Oberfläche, nur „Willen zur Macht“ (das eben kein metaphysisches Konzept ist!). Das zu erkennen, ist der „Große Mittag“: du erkennst, daß alles so ist, wie es ist (Amor fati) und ewig so wiederkehren wird, weil es nichts weiter gibt als das Puzzle der Wirklichkeit, das wie eine Uhr mit Notwenigkeit immer zur gleichen Konstellation zurückkehren muß. Bei Nietzsche ist der Einzige damit nicht „unerschöpflich“ wie Gott, sondern identisch mit der Welt.

Marx hat Stirner „überwunden“, indem er alles auf Ökonomie reduzierte und Stirner als „Fetischisten“ entlarvte, während Nietzsche Stirner (und Marx) „überwandt“, indem er aus Stirners „Alles was man von Gott sagt, trifft auf mich zu!“ das „Gott“ strich. Es gibt keinen „Einzigen“ und er kann kein „Eigentum“ haben, da alles eins ist.

Im krassen Gegensatz zu Nietzsche war Laska zeitlebens ein Revolutionär, der die Wirklichkeit, „wie sie nun mal aktuell ist“, bis aufs Blut haßte. Das einzige, was er als authentisch (sozusagen als „nichtvirtuell“) anerkannte, war die Natur (inklusive noch über-ich-freie Kinder) und „theoriefreie“ Technik, wie sie sich einem Ingenieur darstellt. Marxist konnte er nicht sein, weil die Werttheorie letztendlich Metaphysik ist (kaum mehr als Aristoteles und Thomas von Aquin!) und Nietzscheaner konnte er nicht sein, weil er die Menschenwelt nicht als unwandelbare „Natur“ akzeptierte.

Problem ist, daß Laska diese meine Ausführungen nie und nimmer unterschrieben hätte, weil er immer „Mißverständnisse“ vermeiden wollte. Deshalb sein Rückzug auf die Darstellung der Rezeptionsgeschichte, sozusagen auf eine Aktualität, die sich selbst transzendiert, weil ihre inneren Widersprüche so evident sind. – Aber wer läßt sich darauf wirklich ein? Laskas Funde werden zur Kenntnis genommen und dann, wie etwa bei Ursula Pia Jauch (LaMettrie) oder Rüdiger Safranski (Nietzsche), in irgendwelche Theoriekonstruktionen verwurstet. Stirnerianer nehmen sie zur Kenntnis und machen dann unbekümmert weiter mit ihrem bizarren Stirner-Kult, der (genau wie der Mohammed-Kult im Islam) nur ihre eigenen Perversionen, Idiosynkrasien und Beschränktheiten ideologisch untermauern soll.

Alles was zum Thema Marx und Stirner zu sagen ist (Teil 2)

5. August 2024

Was den so gerne von „Reichianern“ gefeierten frühen, „humanistischen“ Marx vom späteren Marx unterscheidet, ist die Arbeitswertlehre – auf die Reich dermaßen viel Wert legte. Noch 1844 hatte Marx selbst die Arbeitswertlehre abgelehnt, 1847 bei der nächsten Gelegenheit, also nach seiner Auseinandersetzung mit Stirner, war sie dann das Zentrum seiner Wirtschaftstheorie. Ob es da einen Zusammenhang gibt? Ich kann nur diese Frage stellen, ohne sie befriedigend beantworten zu können, weshalb die folgende Skizze mit Vorsicht zu genießen ist:

Die Arbeits- und Mehrwertlehre besagt, daß die Menschen durch den Einsatz der Maschinen verarmen, weil der Anteil der einzig wertproduzierenden menschlichen Arbeit abnimmt. Damit die Maschine uns nicht frißt, müssen wir sie vergesellschaften. Klingt gut (hat auch Reich begeistert – siehe unten), bedeutet aber die „wissenschaftliche“ Rechtfertigung der Ent-Eignung. Die Perfidie! Man kämpft gegen die den Menschen versklavende Maschine – um den Menschen zu „ent-eignen“!

Das folgende Zitat zeigt, daß Reichs Denken hinsichtlich „der Maschine“ in eine ganz andere Richtung geht – und zeigt gleichzeitig, warum er sich Marx und insbesondere seiner Arbeitswertlehre so verbunden fühlte. Reich schrieb in seiner Massenpsychologie des Faschismus:

Die maschinelle Zivilisation bedeutete dem Menschen nicht nur eine Verbesserung seines tierischen Daseins, sondern sie hatte darüber hinaus die subjektiv weit wichtigere, aber irrationale Funktion, das Nicht-Tiersein, das grundsätzlich Anders-als-das-Tier Sein, immer wieder zu betonen. Welches Interesse hat der Mensch, so lautet die nächste Frage, immer wieder laut hinauszuschreien, sei es in Wissenschaft, sei es in Religion, Kunst oder anderen Lebensäußerungen, daß er ja ein Mensch und kein Tier sei; daß die höchste Aufgabe des menschlichen Daseins die „Tötung des Tierischen“ und die Pflege der „Werte“ sei, daß das Kind vom „kleinen wilden Tier“ zum „höheren Menschen“ zu erziehen sei? Wie ist es möglich, müssen wir fragen, daß der Mensch sich selbst so konsequent den biologischen Ast absägt, auf dem er wuchs und in dem er unverrückbar verwurzelt ist? Wie ist es möglich, müssen wir weiter fragen, daß er die gesundheitlichen, kulturellen und ideellen Verwüstungen nicht sieht, die diese biologische Verleugnung in seinem Leben in Form der seelischen Erkrankungen, der Biopathien [psychosomatischen Erkrankungen], der Sadismen und Kriege anrichtet? Ist es intelligentem Verstehen möglich zuzugeben, daß die menschliche Misere nicht aus der Welt geschafft werden kann, solange sich der Mensch nicht wieder voll zu seinem Tiersein bekennt? (…) „Weg vom Tier; weg von der Sexualität!“ – sind die Leitsätze aller menschlichen Ideologiebildung. Gleichgültig, ob es ein Faschist in die Form des rassisch reinen „Übermenschen“, ein Kommunist in die Form der proletarischen Klassenehre, ein Christ in die Form der „spirituell-moralischen Natur“ des Menschen oder ein Liberaler in die Form der „höheren menschlichen Werte“ kleidet. Aus all diesen Ideen klingt immer wieder die eine eintönige Melodie hervor: „Ich bin ja gar kein Tier; ich habe doch die Maschinen erfunden und das Tier nicht! Und ich habe gar keine Genitalien wie das Tier!“ Hierher gehört die Überbetonung des Intellekts, des „reinen“ mechanischen, logischen Verstandes gegenüber dem Trieb, der Kultur gegenüber der Natur, des Geistes gegenüber dem Körper, der Arbeit gegenüber der Sexualität, des Staates gegenüber dem Individuum, des Übermenschen gegenüber dem Untermenschen.

Machen Maschinen nicht unsere Arbeit viel effektiver, werden wir durch sie nicht alle reicher? Nun ja, ich zitiere Wikipedia:

Die vom Kapitalisten gewonnene Profitrate sinke nach Marx (…) immer weiter, (…) durch den zunehmenden Einsatz von Maschinen (…), da nach der Arbeitswertlehre die wertschöpfende Instanz einzig in der menschlichen Arbeitskraft liege, welche durch den Einsatz von Maschinen kontinuierlich abnehme (…). Andererseits sinke [Marx zufolge] die Profitrate aufgrund der Konkurrenz der Kapitalisten untereinander, die sich stets unterbieten müssen, um auf dem Markt bestehen zu können. Um diese durch stetig sinkende Einnahmen entstehenden Kosten auszugleichen, müsse der Kapitalist auf der anderen Seite Ausgaben einsparen – vornehmlich durch Senkung der Produktionskosten, d.h. durch Lohnsenkungen der Arbeiter oder durch Verlängerung der Arbeitszeit sowie Steigerung der Arbeitsproduktivität. Der aus dieser Konstellation unvermeidliche Widerspruch zwischen dem Verwertungsinteresse des Kapitals und den Bedürfnissen des Proletariats bestimmt nach Marx den grundsätzlich antagonistischen Charakter der kapitalistischen Produktionsweise und sei letztlich die Ursache für die regelmäßig auftretenden Krisen des Kapitalismus, die schließlich auch zu revolutionären Erhebungen der Arbeiter führen müssen.

Letztendlich ist das „Rage Against the Machine“.

Ein Marxist würde mich natürlich jetzt auseinandernehmen, aber das ist halt das Grundwesen des Marxismus, daß man alles unendlich zerlabern kann. Allein schon, daß der „Wert“ nicht von der historischen Entwicklung abstrahiert, also von der kapitalistischen Produktionsweise gelöst, werden kann; Waren nicht für sich, sondern nur im Vergleich untereinander einen Wert haben; es nicht um menschliche Arbeit an sich geht, sondern um „abstrakte“ menschliche Arbeit, etc.

Marx hat die klassische Triade von Boden, Arbeit und Kapital auf die Arbeit reduziert, letztendlich auf die Arbeitsteilung, d.h. die „Entfremdung“. Klingt auch wieder gut, aber erstens führt das praktisch zum Wahnsinn und zweitens ist es theoretisch „Anti-Stirner“. Ist die Forderung „morgens Fischer, mittags Bäcker, abends Statiker“ etwa nicht irrsinnig? So wollten die Maoisten allen Ernstes Albanien organisieren und haben es teilweise tatsächlich durchgezogen. Der Stalinistische Kampf gegen das „Spezialistentum“ = gegen die „Fraktionsbildung“ = gegen das EIGNER-Sein! Kapital ist in letzter Konsequenz immer „Geistkapital“, Know How, „Spezialistentum“ und vor allem „eine Vision haben“. Der Marxismus hat das immer plattgewalzt. Wobei es, genauso wie bei der Arbeitswertlehre, letztendlich gegen „Stirner“ ging.

Oberflächlich ist es der „Kampf gegen die Maschine“ und der „Kampf gegen die Entfremdung“, und beides hat Leute wie Reich und Hans Hass wirklich inspiriert, doch untergründig ging es ganz im Gegenteil immer gegen den „Eigner“ und das „Eigentum“ – und das im Stirnerschen Sinne. Das sieht man ja noch bei den heutigen Bolschewisten, den Grünen: oberflächlich klingt ihr Programm emanzipatorisch und „lebenspositiv“, aber dahinter verbirgt sich eine alles zerfressende Aggressivität gegen das, was Reich mit „Liebe, Arbeit und Wissen“ umrissen hat.

Der gesamte Marxismus ist nichts weiter als inhaltsleere Polemik. Was etwa die Marxsche Verelendungstheorie betrifft, darf man sich nicht am Begriff „Verelendung“ festbeißen. Trotzki hat zurecht darauf hingewiesen, daß der Marxismus auch dann recht hat, wenn alle Arbeiter zu Millionären würden – solange die Kapitalisten Multimilliardäre sind… Und absurderweise muß zugegeben werden, daß der Marxismus nicht vollkommen falsch liegt, denn der Einkommensunterschied zwischen Arbeiter und Boß wird mit jedem Jahr absurder. Kurioserweise akzentuieren das die Sozialdemokraten, indem Facharbeiter heute locker den Spitzensteuersatz zahlen, während die Reichen immer neue Schlupflöcher finden – und ihre Fabriken mit Milliarden subventioniert werden. Marx wird von einer kleinen Schicht von marginalisierten Intellektuellen gebraucht, die die „Emanzipationsbewegung“ für die eigene wirtschaftliche Rundumversorgung nutzen, wie heute die Nichtsnutze der Grünen und der SPD.

Ausgerechnet Karl Liebknecht hat privatim gesagt, daß die „pseudomaterialistische“ in Wirklichkeit aber „moralisierende“ Mehrwerttheorie nur vom Wesentlichen ablenkt: von den Unterschiedlichen Interessen und dem Machtgefälle zwischen Arbeit und Kapital. Das Ausbeuter-Gesocks der rotgrünen Funktionäre nutzt diese induzierte Interessenblindheit leidlich aus, um ohne Arbeit, sogar ohne Kapazität zur Arbeit (etwa Talent) wie die Maden im Speck zu leben.