Posts Tagged ‘Über-Ich’

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 136)

7. Juni 2024

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

In der Aufklärung gab es die Möglichkeit den subjektiven (= „geoffenbarten“) Geist des Christentums durch die „objektive“ Vernunft zu ersetzen (Diderot, Kant) – oder das Christentum (= die Moral) ganz fahrenzulassen.

Am Ende des deutschen Idealismus konnte man das „Idealistische“ (den objektiven Geist = das Über-Ich) materialistisch erden – oder ganz verwerfen.

Bei Freud/Reich ähnlich: nach dem frühen Freud (der ja nur der Kulminationspunkt einer „Bewegung“ ist, die mit Nietzsche und dem künstlerischen „Aufbruch in die Moderne“ umrissen ist) gab es nur zwei Wege weiter: Kultur oder Natur. Den ersten beschritten Freud, Alexander, Federn, et al., den zweiten Ferenzci (der zufällig mal kurz in diese Wegspur geriet), Gross und Reich.

Man könnte sagen, bei Stirner bildet sich der „Verein“ aus den Schnittstellen der Wirkungen, die von den, Marx zufolge, „abstrakten“ Individuen ausgehen. Bei Marx sind umgekehrt die Individuen die Schnittstellen gesellschaftlicher Wirkungen = Historischer Materialismus. Das führt letztendlich dazu, daß „die Gesellschaft“ zum Abstraktum wird – zum „irrationalen Über-Ich“.

Reich zufolge setzt das Leben bzw. „das Lebendige“ seine eigenen Regeln auf, organisiert sich die Gesellschaft spontan. Es bildet sich sozusagen ein „rationales Über-Ich“ (Laska) aus. Beim vermeintlichen „Atheisten“ Freud muß eine letztendlich überweltliche Vernunft ordnend und regulierend eingreifen, damit das Leben nicht an seiner eigenen Irrationalität zugrundegeht. Dabei verkennt er, daß diese Eingriffe die Selbstregulation zerstören und dadurch erst das erzeugt wird, was das „irrationale Über-Ich“ doch bekämpfen will.

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 135)

6. Juni 2024

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Diderot, Marx, Freud und Konsorten haben die Ausnahmestellung von LaMettrie, Stirner und Reich erkannt, was man von deren Bewunderern und Anhängern in aller Regel nicht sagen kann. Das ist imgrunde das LSR-Projekt in einem Satz.

Bei Wolfgang Röd fand ich folgende Stelle, die zeigt, warum Marx (bereits lange vor dem Einzigen) ein Ohr für Stirners (spätere) Sonderstellung hatte. Nach Hegel gab es nur zwei Wege weiterzugehen – einen beschritt Marx, den anderen Stirner:

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts konnte es nicht nur scheinen, als sei eine bestimmte Gestalt der Philosophie durch ihre Vollendung im Hegelschen System an die Grenze ihrer Entfaltungsmöglichkeiten gelangt, sondern als bereite sich auch die Geburt einer neuen Art Philosophie vor. Daß Marx die Situation so sah, zeigt sich schon in den Vorarbeiten zu seiner Doktor-Dissertation, wo sich der berühmte Hinweis auf Knotenpunkte in der Philosophie findet, an denen die gerade Linie der Entwicklung unterbrochen werde. Nach Marx wurde mit Hegels System ein solcher Knotenpunkt erreicht. Dies äußert sich einerseits in der Hinwendung zur Subjektivität als Reaktion auf den totalen Anspruch einer zur Vollendung gelangten Philosophie [PN: Stirner], andererseits in der Bemühung um Aufhebung der für abgeschlossen gehaltenen Art von Philosophie. An dieser Aufhebung mitzuwirken, sah Marx als seine Aufgabe an. Eine solche Aufhebung war seit längerem vorbereitet, und zwar nicht nur durch die Linkshegelianer und namentlich durch Feuerbach, sondern auch, ja vor allem durch die sogenannten utopischen Sozialisten. Was Feuerbach anbelangt, so zeigt sich bei ihm bereits jene Tendenz zur materialistischen Umstülpung der Hegelschen Philosophie, von der später Marx, Engels und deren Nachfolger sprechen sollten. (Wolfgang Röd: Dialektische Philosophie der Neuzeit, München: C.H.Beck, 1986, S. 196f)

Stirner wird von Röd natürlich nicht erwähnt. Sah Marx schon, lange bevor Stirner in seinen Gesichtskreis trat, die Alternative zwischen „Hinwendung zur Subjektivität“ (d.h. sich dem „absoluten Geist“ entziehen) und „Aufhebung“ (beim Geist kann „Aufhebung“ nur „real werden“ bedeuten). Wenn dem so ist, dann hätte Marx selbst ein „Stirner“ werden können. Er war sich dessen bewußt (natürlich in anderer Begrifflichkeit und deshalb nicht ganz so klar): entweder sich dem Über-Ich entziehen und es liquidieren – oder diesen Geist (die Moral) aufheben, indem man ihn verwirklicht (= das Marxistische Paradies der Gerechtigkeit). Das wäre auch die Erklärung, warum nur er Stirners Bedeutung durchschaut hat. Deshalb hat er sich die Mühe gegeben ein Telefonbuch über Der Einzige und sein Eigentum zu schreiben: Die deutsche Ideologie.

Im Anschluß an Hegel gab es zwei Möglichkeiten: das System verlassen (mit dem Spintisieren aufhören) oder es weiterführen (das Spintisieren mit anderen, geeigneteren Mitteln fortführen). Vielleicht ist mein Röd-Zitat vollkommen belanglos. Das einzige, was ich interessant finde, ist das „Objektive“: daß prinzipiell diese Gabelung bevorstand, egal ob überhaupt jemand den einen Weg genommen hätte und egal, ob Stirner oder Marx je gelebt hätten.

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 133)

31. Mai 2024

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Imgrunde geht es, jedenfalls in Sachbüchern für Fachfremde, immer nur um eins und das betrifft das LSR-Projekt im Kern:

„Leute, ich erkläre euch hier mein Fach. OK, und was folgt aus diesem meinen Fach? Ja, das ist eine Frage des Sollens, da geht es um Werte, damit haben wir naturwissenschaftlichen Experten nichts zu tun, hier bist du, der Leser als politisches Wesen aufgerufen an der Ethik mitzuarbeiten.“ Oder so ähnlich.

Was ist also „die Folge“ von Quantenchromodynamik, Evolutionsbiologie, physikalischer Chemie etc.? Das Über-Ich! Die Wissenschaftler wurschteln so vor sich hin und dann, wenn es um die Resultate und die Vermittlung der Resultate bzw. um deren Konsequenzen geht…: es endet IMMER in einem Appell ans Über-Ich.

Das sieht man bei der Klimadebatte besonders kraß, weil dort seinerseits „das Über-Ich“ auf die Grundlageforschung direkt und unmittelbar rückwirkt. Es ist wirklich wie im finstersten Mittelalter: am Ende (und darum letztendlich auch am Anfang, da Naturwissenschaft von der Gesellschaft abhängt!) steht immer der Priester und die Religion. Heute ist es eher noch weit finsterer als damals. Wenn ich etwa an die „Ethik-Kommission“ für Corona denke, könnte ich mich vor Wut in der Auslegeware festbeißen!

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 132)

28. Mai 2024

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Theodor Reik reduziert in seinem Buch Geständniszwang und Strafbedürfnis die Psychoanalyse auf eine von der Libidotheorie bereinigte Ichpsychologie, die er gleichzeitig scheinbar unlösbar an Freuds neue Todestriebtheorie kettet (wie es übrigens Freud selbst in Das Ich und das Es vorexerziert hat). Sowohl Reik als auch Reich plädieren in ihren Arbeiten dafür, zwischen dem Über-Ich und dem Ich zu vermitteln, doch für Reich ist dies nur ein erster Schritt, an den sich die Vermittlung zwischen Ich und Es anschließen muß, damit es zur realen Triebbefriedigung kommen kann (zumal die Strenge des Über-Ich von der erogenen Fixierung abhängt). Reik sieht aber vollkommen vom Libidogeschehen ab und reduziert alles auf „Signale“ zwischen starren festumrissenen psychischen Einheiten. Reich wendet sich gegen diese Personifikation der psychischen Instanzen, so als wären sie voneinander unabhängige Personen, zwischen denen sich ein Drama abspielt. Reich beharrt darauf, daß der neurotische Konflikt sich zwischen der Außenwelt und dem Lust-Ich abspielt, das sich aus Angst vor Strafe an diese Außenwelt anpaßt und daran scheitert, während nach Reik die Neurose auf dem Konflikt zwischen Trieb und dem Bedürfnis nach Strafe beruht. Der Konflikt ist also für Reik, gemäß Freuds sich im Geständniszwang und Strafbedürfnis manifestierenden Todestrieb, von vornherein im Individuum angelegt und muß nicht erst von der Gesellschaft ins Individuum getragen werden. Reich hebt hervor, wie bequem doch eine solche Theorie für die Gesellschaft ist.

Was wie „Reich vs. Reik“ aussah, war in Wirklichkeit „Reich vs. Freud“. Und was wie „ärztliche Psychoanalytiker vs. Laienanalytiker“ aussah, war in Wirklichkeit „LSR vs. DMF“ – und es hat was, wenn später „emanzipatorische“ und „Marxistische“ „Reichianer“ in der Frage der „Laienanalyse“ stets mit Freud übereinstimmten.

Wenn Reich darauf bestand, daß nur Ärzte Psychoanalystiker sein dürften, ging es ihm explizit darum, daß „Geisteswissenschaftler“ wie Reik eben den „Geist“, d.h. das Über-Ich in die Psychoanalyse tragen. Das gleiche ist dann später auch prompt in der Orgonomie geschehen, als Laien, die sich als „Orgontherapeuten“ gerierten, die Orgonomie geradezu systematisch auf mystische Gleise leiteten.

Es ging um die zentrale widersprüchliche Dichotomie: kein Sollen von unten (aus dem Es), aber Ethik von oben (aus dem Über-Ich). Sozusagen die Welt als Wille (Es) und Vorstellung (Über-Ich). Daß aus dem Sein kein Sollen folge und das dazu parallele „Ethisieren“ ist der Kern der Ideologie des Liberalismus – und des Faschismus.

Ich war heute auf dem Friedhof der biologischen Revolution

11. Mai 2024

Nirgends sonst sieht man den Zerfall unseres deutschen Vaterlandes plastischer als auf dem Todesacker. Ein sterbendes Land, eine sterbende Kultur. JEDER kann es sehen auch beim diametralen Gegensatz eines Friedhofs, im nächsten Freibad:

Aber zum Todesacker: Jahr für Jahr verwahrlosen mehr Gräber und die Friedhöfe werden immer leerer. Die Respektlosigkeit gegenüber dem EIGENEN Fleisch und Blut ist atemberaubend.

Das hat zwei Elemente:

Erstens ist es Ausdruck des chaotischen Zusammenbruchs der individuellen und gesellschaftlichen Panzerung seit etwa 1960. Der psychische Aspekt der Panzerung ist das Über-Ich, d.h. die zur „inneren Stimme“ internalisierten Eltern mit ihren lustfeindlichen Geboten. Die heutigen Menschen befinden sich in einer dauerhaften Rebellion gegen die ödipalen Verstrickungen, die die Grundlage ihres Charakterpanzers bilden. Der Abbruch der Generationenkette ist Ausdruck dieser krankhaft infantilen und durch und durch impotenten „Emanzipation“, die nur deshalb auf diese verheerende Weise einsetzte, weil die EINZIG WIRKLICHE Aufklärung (LaMettrie, Stirner, Reich) jeweils erstickt wurde durch die „Aufklärer“.

Zweitens gibt es eine weitere „innere Stimme“ und das ist unsere ureigenste Stimme, die „Stimme der Natur“, wie man so schön sagt. Sie verbindet uns mit dem eigenen Blut und Boden, d.h. mit der Zeit (die über uns selbst hinausweisende Abfolge der Generationen) und den Raum, den unsere Ahnen uns unter unendlichen Opfern erkämpft und bereitet haben, damit wir gedeihen und sie in uns weiterleben können.

Der verwahrlosende Friedhof sagt uns, daß die biologische Revolution, die nach Reichs Tod eingesetzt hat, auf eine fundamentale Weise gescheitert ist. Da wir das Fremde in uns (das Über-Ich) nicht gnadenlos ausgemerzt haben, werden wir vom Fremden überrannt. Und man glaube doch nicht, daß der durch Vernachlässigung geschändete Grabstein bezeugt, daß das Über-Ich überwunden ist! Nein, das rotgrüne Toastbrot unterwirft sich, VOLLKOMMEN abgeschnitten von seiner eigenen Natur wie es ist, mehr denn je dem Fremden bis zur kompletten Selbstaufgabe, alles nur um ein „gutes Gewissen“ zu haben: die sprichwörtlichen Gutmenschen.

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 128)

5. Mai 2024

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Wilhelm Reich: „Laßt (das Kind) wachsen, wie es die Natur verlangt, und ändert eure Institutionen entsprechend“ (Children of the Future, FS&G, S. 44).

Reich (…) beobachtete und diskutierte das „angeborene moralische Verhalten im Menschen“ (Children of the Future, S. 43), moralisches Verhalten, das natürlich auftritt, wenn das Individuum ungepanzert ist – wenn natürliche Bedürfnisse nicht unterdrückt und [demnach keine] unnatürliche[n], antisoziale[n] und kriminelle[n] Triebe geschaffen wurden. Dieses (…) Verhalten wird nicht aufgezwungen und unterscheidet sich von dem, das durch autoritäre oder permissive Verhaltenskodizes diktiert wird. Eine von außen kommende Moral muß dem gesunden Menschen also nicht aufgezwungen werden. (Virginia Whitener: Adolescent Sexuality, The Journal of Orgonomy, Vol. 35 No. 1, 2001, S. 106)

Das ist die perfekte Beschreibung dessen, was Laska sehr unpassend als „rationales Über-Ich“ bezeichnet hat. – Reich zufolge ist es die Tragödie des Menschen, mit der ethischen Normvermittlung, d.h. dem Aufstellen der Ideale zugleich deren Verwirklichung verunmöglicht zu haben.

Man kann nicht ein bißchen Selbstregulierung mit ein bißchen moralischer Forderung mischen. Entweder man vertraut der Natur als grundsätzlich anständig und selbstregulierend, oder man tut es nicht, und dann gibt es nur einen Weg, den der Erziehung durch Zwang. Es ist wichtig zu begreifen, daß die beiden Erziehungsmethoden nicht zusammenpassen. Das Kind wird nur verwirrt und in seiner emotionalen Struktur auseinandergerissen, wenn sowohl moralischer Zwang als auch Selbstregulierung angewendet werden. Am schlimmsten ist natürlich die Erziehung zur Selbstregulierung durch zwanghaftes Fordern. (Children of the Future, S. 46)

Der Kompromiß, der anstatt die Sache ein bißchen besser zu machen, alles nur noch weiter vermurkst – das Elend einer Aufklärung, die doch nur „liberal“ ist. Der ultimative Verrat, dem LaMettrie, Stirner und Reich ausgesetzt waren. Entweder gibt es einen Bruch oder es gibt keinen. Liberales Rumgeeiere a la Rousseau und Freud macht alles nur noch schlimmer.

Peter liest die Laska/Schmitz-Korrespondenz (Teil 21)

2. Mai 2024

Hermann Schmitz hat LaMettrie, Stirner und Reich nicht mal im Ansatz wirklich begriffen– und auch von Laska wurden sie ihm nicht „Schmitz-adäquat“ nahegebracht.

Schmitz möchte sozusagen „den Raum“ bzw. „das Kontinuum“ retten. Den Raum ohne Grenzflächen, den Raum als eine Art Gefühlsereignis. In der westlichen Philosophie ist der Mensch sozusagen in die „gefühllose“ Leere geworfen, in der im weitesten Sinne „Atome“ driften, die irgendwie miteinander in Beziehung gesetzt werden und Gebilde mit Grenzflächen bilden, die man wieder als „Atome“ betrachten kann. Letztendlich ist alles leer und öde und beliebig – bedeutungslos. Das ist anders beispielsweise in der Ostkirche, wo Gott das gesamte Universum und die gesamte Menschenwelt mit seinen „unerschaffenen Energien“ durchwirkt, denen sich der Mensch öffnen muß, um ganz und gar im kosmischen Corpus Christi aufzugehen. Ganz ähnlich sieht es in der animistischen Urreligion aus, wie Reich sie in Äther, Gott und Teufel beschreibt. Die Umwelt ist belebt und das Innenleben des Menschen, seine Gefühle sind nicht nur im übertragenen Sinne „subjektive Atmosphären“ bzw. „gesellschaftliche Atmosphären“, sondern sind eins mit der objektiven Atmosphäre. Man denke etwa an das ORANUR-Experiment, wo die Umwelt von Emotionen beherrscht wird.

In ihrem Buch über LaMettrie versucht Ursula Pia Jauch Jenseits der Maschine darzulegen, wie LaMettrie, der „Maschinen-Mensch“ schlechthin, es unternommen hat, die Natur „wieder zu verzaubern“. Man kann Jauchs Ansatz kritisieren als fast schon bewußten Gegenentwurf zu Laskas LSR-Interpretation, aber: nichts stand LaMettrie ferner als der maschinelle Mensch, der Roboter. Ihm ging es ganz im Gegenteil darum, das Tier im Menschen zu rehabilitieren und durch Beseitigung der menschentypischen Schuldgefühle, also des „Über-Ich“, die Trennung von der Natur rückgängig zu machen und den Menschen dergestalt wieder in die besagten „Atmosphären“ einzutauchen. Schmitz tut hingegen von vornherein LaMettrie als unbedeutenden „Kasper“ ab. Meines Erachtens macht er daß, weil er das von LaMettrie bekämpfte „Über-Ich“ als übergreifende, wenn man so will, „gesellschaftliche Atmosphäre“ retten will und er entsprechend LaMettrie als, ja, asozialen Penner verachtet.

Ähnlich mit Stirner, der für Schmitz DIE Verkörperung der Entfremdung des Menschen ist, sozusagen der ultimative Kleinbürger, der sich mit nichts und niemand identifiziert und als Gollum eine vereinsamte Existenz des „Mein, mein, mein!“ fristet. Wo doch das Gegenteil der Fall ist: Stirner will durch Beseitigung des „Über-Ich“ die Kontaktlosigkeit und den Ersatzkontakt („das Heilige“) aufheben, auf daß der Mensch (ja, „der Mensch“) wieder frei durchatmen und die Welt in ihrer ganzen Fülle genießen, sozusagen in „den Atmosphären“ sich wieder expansiv entfalten kann.

Warum Laska das gegenüber Schmitz nicht erläutert, ihn so auf freies Feld lockt und dann in offener Schlacht mit einem beherzten Stich in die Brust endgültig erledigt, ist mir ein Rätsel. Laska hätte sagen können: „Durch die Beseitigung einer trennenden Schicht (also Beseitigung der Panzerung gleich des Über-Ich) heben L und S und R ‚Grenzflächen‘ auf und machen den Weg für jene Heilung der Welt frei, die die Neue Phänomenologie doch anstrebt. Warum dann Ihre so unbedingte Gegnerschaft zu S, Ihre affektgeladene Verachtung für L und ihr demonstratives Desinteresse an R? Weil die Neue Phänomenologie von grund auf eine Lüge ist!“

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 126)

1. Mai 2024

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Ende der 1990er Jahre in der wöchentlichen In und Out-Liste der BILD-Zeitung: „Ja zu den philosophischen Aphorismen von Adorno! ‚Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen. Es gibt kein richtiges Leben im falschen.‘ (Minima Moralia, 32,90 DM)“

Adorno meint sicher, er habe die (fast!) unlösbare Aufgabe gelöst. Er hat also richtig im Falschen gelebt!

Wenn ich es recht überlege, kennzeichnet das (daß der eine Satz den anderen Satz ad absurdum führt) die ganze Diderot/Marx/Freud-Dialektik: für sich und isoliert klingen die Sätze wie „LSR“, im Zusammenhang jedoch sind sie entweder verwirrender Unsinn oder Anti-LSR. Man nehme nur Freud! Da ist ein Satz wie der folgende aus Die Zukunft einer Illusion, der ebensogut von Bernd Laska stammen könnte:

Während die Menschheit in der Beherrschung der Natur ständige Fortschritte gemacht hat und noch größere erwarten darf, ist ein ähnlicher Fortschritt in der Regelung der menschlichen Angelegenheiten nicht sicher festzustellen, und wahrscheinlich zu jeder Zeit, wie auch jetzt wieder, haben sich viele Menschen gefragt, ob denn dieses Stück des Kulturerwerbs überhaupt der Verteidigung wert ist. (Studienausgabe Bd. 9, S. 140f)

Es wird geradezu grotesk, wenn man dann weiterliest:

Es ist nicht richtig, daß die menschliche Seele seit den ältesten Zeiten keine Entwicklung durchgemacht hat und im Gegensatz zu den Fortschritten der Wissenschaft und der Technik heute noch dieselbe ist wie zu Anfang der Geschichte. Einen dieser seelischen Fortschritte können wir hier nachweisen. Es liegt in der Richtung unserer Entwicklung, daß äußerer Zwang allmählich verinnerlicht wird, indem eine besondere seelische Instanz, das Über-Ich des Menschen, ihn unter seine Gebote aufnimmt. Jedes Kind führt uns den Vorgang einer solchen Umwandlung vor, wird erst durch sie moralisch und sozial. Diese Erstarkung des Über-Ichs ist ein höchst wertvoller psychologischer Kulturbesitz. Die Personen, bei denen sie sich vollzogen hat, werden aus Kulturgegnern zu Kulturträgern. Je größer ihre Anzahl in einem Kulturkreis ist, desto gesicherter ist diese Kultur, desto eher kann sie der äußeren Zwangsmittel entbehren. (ebd., S. 145)

Oder etwa Freuds „LSR-Satz“: „Denken Sie an den betrübenden Kontrast zwischen der strahlenden Intelligenz eines gesunden Kindes und der Denkschwäche des durchschnittlichen Erwachsenen“ (ebd., S. 180). Eine halbe Seite weiter gefolgt vom „Anti-LSR-Satz“: „Nun haben wir aber kein anderes Mittel zur Beherrschung unserer Triebhaftigkeit als unsere Intelligenz. Wie kann man von Personen, die unter der Herrschaft von Denkverboten stehen, erwarten, daß sie das psychologische Ideal, den Primat der Intelligenz, erreichen werden?“ (ebd., S. 181).

Diese ganze Perfidie (erst LSRisch lächeln, dann antiLSRisch in den Magen treten) von obskurantistischen Pseudo-Aufklärern wie Freud und Adorno…

Im nächsten Teil dazu mehr.

Nachbemerkung: Beim letzten Freud-Zitat werde ich etwas unsicher. Einerseits geht es darum, daß die vermeintliche „Aufklärung“ (etwa gegen den Katholizismus) benutzt wird, um den „Primat der Intelligenz“, d.h. in diesem Zusammenhang das Über-Ich zu stärken. Andererseits könnte hier so etwas durchscheinen wie die Laskasche Unterscheidung zwischen irrationalem und rationalem Über-Ich.

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 124)

21. April 2024

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Im Ukraine-Krieg war untergründig stets Immanuel Kants Stimme vernehmbar: „Handle nur nach dieser Maxime, wobei du gleichzeitig wollen kannst, daß sie zu einem universellen Gesetz wird.“ Wenn Rußland es tut, wird es schließlich jede Nation tun, usw. Der Punkt ist, daß a) die Realität so nicht funktioniert, d.h. niemand wird tatsächlich so handeln; und b) ein „universelles Gesetz“ ist unsinnig, weil es eine Vielzahl von Umständen gibt. Kant träumte schließlich von einer einzigen Weltregierung, um den universellen Frieden zu sichern. Kant war ein verdammter globalistischer Kommunist.

Diese vermeintliche „Aufklärung“ ist doch nur Religion mit anderen Mitteln, d.h. es läuft immer auf das Gegenteil von ungepanzerter Selbstbestimmung hinaus. In die gleiche Kategorie fällt Adornos Diktum, „es kann kein gutes Leben im Schlechten geben, nichts Wahres im Falschen“. Nicht nur, daß es hervorragend zu seinem Elitedenken und seinem großbürgerlichen Hochmut paßte. Man kann sich gut ausmalen, wie Adorno auf die drei letzten „kitschigen“ Seiten von Reichs Rede an den kleinen Mann reagiert hätte, wo Reich das gute, einfache, anständige, „kleinbürgerliche“ Leben preist: die exakte Gegenposition zum besagten Diktum, das ebenfalls auf den kommunistischen Terror hinausläuft.

Wie grundsätzlich anders Reichs Herangehensweise war, zeigte sich bei seinen Sexpol-Veranstaltungen: daß, wenn sie sich geschützt und in der Gruppe geborgen fühlen und durch die Sanktionierung durch die Gruppe vom individuellen Über-Ich befreit sind, einfache Menschen genau die gleichen Gedanken und Empfindungen äußern, wie sonst nur die ganz raren genitalen Charaktere. (Manche behaupten, Reich wäre damit der Begründer der Gruppentherapie gewesen.) Man kann den Menschen und der Natur vertrauen jenseits aller von Meisterdenkern, die keinerlei Kontakt zu den Massen und zur Natur haben, ausgeheckten bzw. erträumten Idealwelten – die sich letztendlich immer als Höllen erweisen.

Adorno konnte seinen berühmten Satz nur Formulieren, weil er einer jener Marxisten war, die Reich so sehr verabscheut hatte: zu denen, die sich nie bei Demonstrationen und Massenveranstaltungen sehen ließen, sondern lieber wie Marcuse bei Heidegger promovierten und in Intellektuellenzirkeln ihre Gehirnsekrete absonderten. Jene, die keinerlei Kontakt zu den Zadnikers, Templetons und Ross‘ hatten.

Wer „bildet“ diese Gesellschaft: diese Gesellschaft wird von den Lehrern „gebildet“ (inklusive den Eltern, den Nachbarn, Kollegen und den Medien: „Über-Ich“). Alle folgen der „Kultur“ und alle geben den gleichen Schwachsinn von sich. Aber wenn sie zur Ruhe kommen, sich entspannen und im intimen Kreis ihr Herz öffnen, wird fast jeder Dinge von sich geben, als hätte er Reich „etc.“ gelesen.

Reich hatte die Hoffnung, daß der Zweite Weltkrieg auch die allerletzte Illusion von den Menschen nehmen würde und deshalb in der Nachkriegszeit die „Arbeitsdemokratie“ ausbrechen würde. Gewisserweise hatte er recht, denn die Generation unserer Väter und Mütter, die für nichts und wieder nichts durch die Hölle gegangen waren, war wirklich ein für allemal „fertig“. Ich weiß doch, was in meiner Familie, mit meinen Eltern abgelaufen ist – und so war es in jeder einzelnen deutschen Familie! So sehe ich die Apathie, kalte Verachtung und die grundsätzliche Verweigerung von Engagement die dem Enthusiasmus und der Aufbruchstimmung der „68er“ entgegenschlug: es war die absolut gesunde Verweigerung irgendwelchen neuen „Kulturprojekten“ zu folgen. (Wohin das führt, zeigt heute der Grüne Abschaum!) „Bioenergetisch“ betrachtet ist damals das genaue Gegenteil dessen vorgegangen, als was es oberflächlich erschien.

Nur ein grundsätzlich anderes „68“ hätte zum Erfolg führen können, nämlich das, was Reich vorschwebte: Schluß, endgültig Schluß mit aller Politik, allen großen Ideen und Ideologien, die Menschen nehmen ihr Leben selbst in die Hand, angefangen von den kleinsten Einheiten.

Peter liest die Laska/Schmitz-Korrespondenz (Teil 16)

20. April 2024

Für Hermann Schmitz gibt es drei Grundverfehlungen des westlichen Geistes: erstens die autistische Verfehlung, d.h. heiß das In-sich-selbst-verrannt-sein, zweitens die „dynamistische“ Verfehlung, d.h. die Besessenheit mit Macht, und drittens die „ironistische“ Verfehlung, d.h. die Beliebigkeit des eigenen Standpunkts.

Damit steht Schmitz in denkbar fundamentaler Opposition gegen Stirner und dessen einzigen ernstzunehmenden Interpreten und „Propagandisten“, nämlich Bernd Laska. Geht es doch Stirner um genau das, dessen Bekämpfung Schmitz zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat: erstens den unaussprechlichen „Einzigen“, zweitens den „Egoisten“ und drittens den „Eigner“, für den Wahrheit und Wirklichkeit sein frei verfügbares Eigentum sind.

Tatsächlich geht es Stirner in Laskas (einzig gültigen) Interpretation bei „Einzigkeit“, „Egoismus“ und „Selbsteignertum“ um die Befreiung von einer Instanz, einer „Besessenheit“ durch etwas wesensfremdes aber unhinterfragbar „Heiliges“, die Laska etwas hilflos als „Über-Ich“ bezeichnet. Gegen diese Instanz gilt es sich vermeintlich „autistisch“, „machtbesessen“, „ironistisch“ abzusetzen: WO ÜBER-ICH WAR, SOLL ICH WERDEN. Es geht um die Selbstbehauptung der Insassen eines weltweiten KZs! Eines KZs, das gar keiner Wachen bedarf, weil jeder Insasse eine „Wache“ in Gestalt seines Über-Ichs in sich trägt.

Schmitz ist für diese Perspektive absolut blind und führt wahnwitzigerweise das asoziale über-ich-gesteuerte „autistische“, „machtbesessene“, „ironistische“ Verhalten der KZ-Insassen auf den Einfluß jener zurück, die das ganze als einzige durchschaut haben und sich gegen das Über-Ich empört haben! Warum tut er das, warum diese auffällige Faszination für „das Heilige“ und „das Einpflanzen von Gefühlen“? Stockholmsyndrom (Laska ist James Bond und Schmitz sowohl die entführte Millionärstochter als auch, in einer Doppelrolle, M!):