Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 48)

12. Februar 2023

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Das Problem liegt im Grundwesen der Psychoanalyse (das in den diversen „Weiterentwicklungen“ der Reichschen Therapie wieder durchgebrochen ist): die innere Natur steht vor Gericht, sie wird mit diversen psychischen und körperlichen Methoden hinterhältig und sadistisch überlistet (z.B. den bioenergetischen „Streßpositionen“ bei Alexander Lowen) und schließlich unterworfen. Während Reich ihr zum Durchbruch verhelfen will. – Daraus folgt alles: der Vorwurf ein triebenthemmter Psychopath zu sein, ein Psychotiker, und ein Mensch, den man Todschweigen muß, weil er eine tödliche Gefahr darstellt. Über den Teufel spricht man nicht!

Mein Blick fällt gerade auf Myron Sharafs Fury on Earth (frei übersetzt „Die Leidenschaft wütet auf Erden“). Statt all dieser Psycho-Analyse mit Reichs Mutter und dem ganzen Psychologieren…. Warum hat Sharaf nicht klar und deutlich ausgesprochen, was wirklich in Reich gebrannt hat, worin wirklich dieses „Wüten auf Erden“ bestand?! Der Buchtitel wirkt fast so, als wollte Sharaf sich zu etwas zwingen, wozu er dann doch nicht den Mut fand: den obenerwähnten „Teufel“ zu entfesseln.

Statt alles auf die letztendlich vollkommen unwichtige Episode Selbstmord der Mutter zurückzuführen, hätte Sharaf lieber darstellen sollen, wie das Wunder möglich war, daß Reich die Entfremdung von der Gesellschaft, die jedes Kind durchmachen muß, bis ins Mannesalter ausgehalten und erhalten hat: daß diese Gesellschaft im Mark krank und lebensfeindlich ist und keine Legitimation besitzt! – Aber wer in solchen Kategorien denkt, ist ja ein Fanatiker, während Leute wie Sharaf „objektiv“ bleiben wollen….

Man denke auch an Gunnar Heinsohns Antisemitismus-These? Hitler wollte, so Heinsohn, das europäische Judentum ausradieren, um (sozusagen die „ethnischen“) Grundlagen der Ethik zu beseitigen, auf daß der Germane wieder zur blonden über-ich-freien Bestie werden kann. – Der perfekte Ansatz um LaMettrie, Stirner und Reich auf die gleiche Stufe mit Hitler zu stellen: „Gegner des Über-Ich sind Judenmörder!“ (natürlich kein Zitat!).

Das wäre auch die Grundlage für eine mögliche politische Seite des Problems: auf der einen Seite der bürgerliche Freud, der unter allen Umständen den wildgewordenen Marxisten eindämmen will – und auf der anderen Seite der sozialistische Org’ler (Neu Beginnen) Siegfried Bernfeld, der die Linke von ihren sektiererischen Entartungen am rechten und linken Rand reinigen will und für eine zukünftige Sozialistische Einheitspartei intrigiert.

DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: Das orgonomische Testament / Nachbetrachtung & Schlußbekenntnis

11. Februar 2023

DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: Das orgonomische Testament / Nachbetrachtung & Schlußbekenntnis

DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: Das orgonomische Testament / 19. Die Dogmatik der Christusmörder: Das befreite Fließen der kosmischen Lebensenergie

10. Februar 2023

DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: Das orgonomische Testament / 19. Das befreite Fließen der kosmischen Lebensenergie

DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: Das orgonomische Testament / 19. Die Dogmatik der Christusmörder: Religion, Kirche, Religionsstreit im Nationalsozialismus

9. Februar 2023

DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: Das orgonomische Testament / 19. Religion, Kirche, Religionsstreit im Nationalsozialismus

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 47)

8. Februar 2023

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Was ist Panzerung, was ist Charakter? Panzerung ist etwas, das als Funktionseinheit arbeitet, und Charakter ist etwas, das als Funktionseinheit arbeitet. Es sind sozusagen „starre“ Einheiten, einheitlich funktionierende Kontinua. Panzerung/Charakter ist im Wesentlichen also keine (interne) Bewegung, sondern „koexistierende Wirkung“, sind sie doch durch ihre „Eigenheit“, ihre „unveränderliche Identität“ definiert. Es gibt hier keine Bewegung von A nach B, sondern nur Sein, so wie das Bewußtsein bzw. „der Geist“ kein Oben und Unten, kein Links und Rechts, kein Vorne und Hinten und deshalb keine Bewegung hat. Charakter ist, „wie du bist“! Auch auf der Zeitachse: Panzerung ist nichts, was sich verändert, sondern eine von der Zeit unabhängige Konstante. Daher ist es fast unmöglich, die Panzerung zu entfernen bzw. den Charakter zu verändern. Der einzige Weg ist die Charakteranalyse, d.h. die Rückspiegelung des Charakters und der Panzerung. Es ist wie in einen Spiegel zu schauen und diese Gestalt „jenseits von Raum und Zeit“ zu erkennen – und diese Gestalt dann als „koexistierende Wirkung“, d.h. in einer Art Quantensprung in ihrer Gesamtheit zu transformieren.

Die Charakteranalyse ist im Wesentlichen eine Spiegelung des Patienten auf ihn selbst. Ein Spiegel ist eine koexistierende Wirkung. Man schaue sich einen Film an, die Abfolge unzähliger Photos. Ein Photo ist ja nichts anderes als ein „Spiegel“, der auf chemischen Reaktionen durch Licht beruht. Ein Film ist wie ein Traum, d.h. eine koexistierende Wirkung: unabhängig von Raum (man kann von Tibet zur nächsten Szene in Australien oder was auch immer springen) und Zeit (man kann den „Film“ für alle Ewigkeit speichern, neu schneiden, in Slow Motion, rückwärts abspielen etc.). Film, die Freudsche Psychoanalyse und die Reichsche Charakteranalyse sind eng miteinander verbunden.

Freud beschäftigte sich im Wesentlichen mit koexistierender Wirkung. Man denke nur an die Traumanalyse und das Unbewußte, das weder Raum noch Zeit kennt. Das ist die Psychoanalyse. Reichs Charakteranalyse befaßt sich ebenfalls mit koexistierende Wirkung: der Charakter ist wie eine Symphonie – sie wird in Raum und Zeit gespielt, aber sie IST jenseits von Raum und Zeit, d.h. man muß eine Symphonie als eine Gestalt begreifen oder man wird nur einen Klangbrei hören. Genauso muß man den Charakter in seiner funktionellen Einheit erfassen oder man wird nur zusammenhanglose neurotische Symptome sehen.

Freuds Unbewußtes ist identisch mit der Panzerung. Die Bewußtmachung der Verhaltensweisen löst die Panzerung auf. Außerdem erklärt koexistierende Wirkung sowohl den intergenerationellen Aspekt der Panzerung (Zeit: „Charakter durchzieht die Familie“) als auch den „massenpsychologischen“ Aspekt der Panzerung (Raum: „Charakter durchzieht den Stamm“). Umgangssprachlich sprechen wir von „Vererbung des Charakters“ („ganz wie der Vater“) und von „Nationalcharakter“.

Bereits 1933 stolperte Reich über die koexistierende Wirkung in der sozialen Orgonomie: „Es wird noch lange ein ungelöstes Rätsel bleiben, wie es möglich ist, daß die Herstellung der psychischen Strukturen der tragenden Schichte einer Gesellschaft genauso in das ökonomische Gefüge und zu den Zwecken der herrschenden Mächte paßt wie Teile einer Präzisionsmaschine“ (Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 68). Auch die Grundlage des Marxismus, die Werttheorie (siehe das Marx-Kapitel in Menschen im Staat), ist nur mit koexistenter Wirkung erklärbar. Zur Rolle der koexistierenden Wirkung beim „Freudo-Marxistischen Sexpol-Reich“ siehe meine Ausführungen über Arbeitswertlehre und koexistierende Wirkung, die das hier gesagte vielleicht verständlicher machen.

Hier kommt schließlich Stirner ins Spiel: erst wenn ich mich „entpanzere“, ein genitaler Charakter werde, werde ich nicht mehr gelebt, sondern lebe selber und bin Herr meines eigenen Schicksals und meiner ökonomischen Existenz, eigne mir mein Eigentum an.

Wirklich verständlich wird das ganze aber erst, wenn man sich die zentrale orgonometrische Gleichung der Orgonomie selbst erschließt:

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 46)

7. Februar 2023

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Bernd A. Laskas LSR-Projekt (www.lsr-projekt.de) versucht dingfestzumachen, warum sowohl die Reaktionäre als auch, was noch wichtiger ist, die Progressiven drei Geistesgrößen zu „Parias des Denkens“ machten: LaMettrie, Max Stirner und Reich. Ihre Gegenspieler waren jeweils Diderot, Marx und Freud. Laska versucht, die Differentia specifica zu identifizieren. Diese drei Parias waren die einzigen, die konsequent gegen das Über-Ich (die verinnerlichten lebensfeindlichen gesellschaftlichen Normen) und für die Kinder der Zukunft eintraten. Das Antisoziale, das sowohl von der Reaktion als auch den vermeidlichen Progressiven mit moralischem Furor bekämpft wird, wird eben erst durch die „moralische Erziehung“ der Kinder hervorgerufen! Diese grundsätzliche Einigkeit von „L und S und R“, ist viel bedeutsamer als ihre Unterschiede. Das gleiche gilt für die Unterschiede etwa zwischen Marx und Freud. Das bedeutet auch, daß keiner der genannten den folgenden direkt beeinflußt haben, mal abgesehen von Reichs Lektüre von Stirners Der Einzige und sein Eigentum.

Reich „gehörte einfach nicht dazu“, weder zu den Psychoanalytikern noch zu den Marxisten, und der „Freudo-Marxismus“ verkörpert das genaue Gegenteil von Reichs Kernbotschaft. (Man betrachte nur den heutigen Triumphzug des „Kulturbolschewismus“!) Und tatsächlich wurde er nicht nur als Psychoanalytiker von Freud selbst abgelehnt, sondern auch als Marxist von allen Fraktionen des Marxismus: den Kommunisten, den Sozialdemokraten (siehe Bernfelds „Gegenartikel“: „Reich ist kein Marxist!“) und den Marxistischen Talmudisten, beispielsweise Erich Fromm: „Reich ist kein Marxist!“

Und was ist mit dem Orgon. Gibt es da nicht jede Menge naturphilosophische Vorgänger? Nun, die Entdeckung des Orgons ist etwas grundsätzlich anderes als die zahllosen Spekulationen über einen „Urgrund“ und ähnlichem! Viel wichtiger sind zwei andere Vordenker Reichs, die mit ihrer grundsätzlichen Herangehensweise die Entdeckung des Orgons vorbereiteten:

Reich waren seine beiden Vorstreiter LaMettrie und Stirner durch F.A. Langes Geschichte des Materialismus ein Begriff. Was lernte Reich von dem Neu-Kantianer Lange? Langes Buch ist eine Kritik des Materialismus, insbesondere von dessen mechanistischer Betrachtungsweise des biologischen und „geistigen“ Lebens. Lange kritisierte den atomistischen Ansatz: mit Teilchen im leeren Raum kann man Leben und insbesondere das „innere Erleben“ (Seele, Bewußtsein) nicht erklären. Es muß „etwas“ geben, das die Leere zwischen den Atomen aufhebt, ein Kontinuum herstellt. Wir können beispielsweise Legosteine so lange und kompliziert zusammenfügen, wie wir wollen, es wird nie ein lebendes, gar sich seiner selbst bewußtes Wesen dabei herauskommen.

Genau diesem „Bindeglied“ jenseits aller Mechanik ist Henri Bergson nachgegangen, der Reichs Denken entscheidend beeinflußt hat.

Reichs funktioneller Denkansatz wurde durch den „Dialektischen Materialismus“ vorbereitet. Dieser geht auf Hegels „idealistische Dialektik“ zurück. Hegel kannte auf eine sehr abstrakte Weise die gleichzeitige funktionelle Gegensätzlichkeit und Einheit. Im ersten Teil seiner Wissenschaft der Logik schrieb er: Der Anfang ist nicht reines Nichts, sondern ein Nichts, aus dem etwas hervorgehen soll. Das Sein ist also auch im Anfang. Der Anfang umfaßt sowohl Sein als auch Nichts: er ist die Einheit von Sein und Nichts. Die Gegensätze, Sein und Nichts, sind also am Anfang in unmittelbarer, undifferenzierter Einheit. Die Analyse des Anfangs macht also den Begriff der Einheit von Sein und Nicht-Sein, oder in reflektierter Form die Einheit des Verschiedenen und des Nicht-Unterschiedenen, oder die Identität von Identität und Nicht-Identität.

Hier Hegel im Wortlaut:

Der Anfang ist nicht das reine Nichts, sondern ein Nichts, von dem etwas ausgehen soll; das Sein ist also auch schon im Anfang enthalten. Der Anfang enthält also beides, Sein und Nichts; ist die Einheit von Sein und Nichts; – oder ist Nichtsein, das zugleich Sein, und Sein, das zugleich Nichtsein ist.

Ferner Sein und Nichts sind im Anfang als unterschieden vorhanden; denn er weist auf etwas Anderes hin; – er ist ein Nichtsein, das auf das Sein als auf ein Anderes bezogen ist; das Anfangende ist noch nicht; es geht erst dem Sein zu. Der Anfang enthält also das Sein als ein solches, das sich von dem Nichtsein entfernt oder es aufhebt, als ein ihm Entgegengesetztes.

Ferner aber ist das, was anfängt, schon, ebensosehr aber ist es auch noch nicht. Die Entgegengesetzten, Sein und Nichtsein sind also in ihm in unmittelbarer Vereinigung; oder er ist ihre ununterschiedene Einheit.

Die Analyse des Anfangs gäbe somit den Begriff der Einheit des Seins und des Nichtseins, – oder in reflektierter Form, der Einheit des Unterschieden- und des Nichtunterschiedenseins, – oder der Identität der Identität und Nichtidentität. Dieser Begriff könnte als die erste, reinste d.i. abstrakteste, Definition des Absoluten angesehen werden (…). (Wissenschaft der Logik, Zweite Auflage 1841, S. 63f, Werke in zwanzig Bänden, Bd. 5, Frankfurt: Suhrkamp 1969, S. 73f)

Der Kreis schließt sich, denn wir sind hier bei Stirners „Einzigem“, der seine Sache auf nichts, das Nichts (im Sinne Hegels) gestellt hat.

Anhang zu „Peter liest die kommentierte Neuauflage der Originalausgabe von Reichs MASSENPSYCHOLOGIE DES FASCHISMUS (Teil 7)“

6. Februar 2023

Es geht darum, die Meinungsführerschaft zu übernehmen, die gesellschaftliche Ideologie zu verändern. Wie? Reich meinte, daß man so etwas grundsätzlich nur machen könne, indem man auf einen Zug springt, der bereits abgefahren ist. „Eine sozialwissenschaftliche Anschauung von einigem Format kann nur dann durchdringen und soziale Praxis werden, wenn sie von den Menschenmassen bereits im Leben spontan erworben wurde“ (Die Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 195). (Was paradoxerweise aber auch impliziert: „Man macht Geschichte nur, wenn man Prozesse und Probleme, die der Allgemeinheit verborgen sind, rechtzeitig sieht“ [Menschen im Staat, 1995, S. 45].)

Schließlich gibt es allerorten Bewegung in Richtung Kinder der Zukunft von Leuten, die nie was von Reich gehört haben oder ihn vielleicht sogar hassen. Zum Beispiel die bis die Gesetzgebung eingemündete Ablehnung körperlicher Gewalt gegen Kinder. Aufgabe der Orgonomie wäre es, diese Bewegung zu unterstützen und zu fokussieren. Zu fokussieren in der Richtung, daß es nicht um körperliche Gewalt per se geht, sondern um die Emotionelle Pest, den Haß auf das Lebendige im Kind. Ein Haß, der alle möglichen Äußerungsformen hat.

Um mit Nietzsche zu reden, geht es darum, welcher züchtende Gedanke herrschen soll. Und hier gibt es imgrunde nur zwei Alternativen: entweder ist es der Gedanke, den sowohl der pseudoliberale Westen als auch der reaktionäre Osten vertritt, nämlich daß der Mensch von außen gesteuert werden muß (durch die gesellschaftliche „Wokeness“ oder durch die Tradition) – oder der Gedanke der Selbst-Regulation. Es geht um Willkür auf der einen Seite (irgendwelche willkürlich gefaßten mechanistischen Gesellschaftsverträge oder Offenbarungen mystischer Epileptiker) und die objektiven Gesetze der kosmischen Orgonenergie auf der anderen Seite.

Reichs Entdeckung der Orgonenergie hat die Kindererziehung aus dem Bereich der Meinungen herausgeholt, die in der Charakterstruktur und den kulturellen Vorurteilen wurzeln. Das gesamte Spektrum der Erziehungsprobleme kann nun besser verstanden und rational behandelt werden, wenn man es aus einer orgonomisch-energetischen Perspektive betrachtet. (Richard Schwartzman: „Etiology, Prevention, and Early Treatment of Armoring“, Journal of Orgonomy, 29(1), Spring/Summer 1995, S. 66f)

Und so ist es in allen Bereichen und Fragestellungen: „Reichs Entdeckung der Orgonenergie hat sie aus dem Bereich der Meinungen herausgeholt, die in der Charakterstruktur und kulturellen Voreingenommenheit begründet sind.“

Oder Nietzscheanisch ausgedrückt: Es gibt zwei Beweggründe für die Schaffung von Ordnung: die aus (seelischer) Schwäche und die aus (seelischer) Stärke. Die erstere ist kleinlich, gemein und durch „Angst vor Barbarei“ (Angst vor den Starken) geprägt, die letztere durch Großmut und die Kraft Unordnung zuzulassen und auszuhalten. Die erstere ist unflexibel, da sie sich nach einer ewig unveränderlichen Blaupause richtet, die letztere ist funktionell, d.h. sie steht in Übereinstimmung mit sich innerhalb vorhersehbarer, da naturgegebener Grenzen ewig ändernden unvorhersehbaren, weil spontanen Wirkungszusammenhängen.

Peter liest die kommentierte Neuauflage der Originalausgabe von Reichs MASSENPSYCHOLOGIE DES FASCHISMUS (Teil 7)

5. Februar 2023

Im Nachwort zur zweiten Auflage vom März 1934, also ein halbes Jahr nach der Erstausgabe, läßt sich bereits die dritte Auflage von 1946 vage ausmachen. Zunächst ringt Reich damit, was ausschlaggebend ist: die Struktur der Gesellschaft oder die (Charakter-)Struktur der Menschen und kommt zu einer orgonometrischen Formulierung:

Die Menschen bilden zwar die Gesellschaft, aber sie unterliegen den Gesetzen, die, nun von ihnen unabhängig, sie beherrschen. Denken und Struktur dieser Menschen bestimmen Struktur und Form der Gesellschaft, aber die Struktur und Form der Gesellschaft hält die Menschen gleicher Struktur zusammen; die Geschichte Iehrt immer wieder: Versucht man die Struktur der Menschen allein zu ändern, so widerstrebt die Gesellschaft. Versucht man die Gesellschaft allein zu ändern, so widerstreben die Menschen. Das zeigt, daß keines für sich allein verändert werden kann, was begreiflich ist, denn subjektive menschliche und objektive gesellschaftliche Struktur sind nicht nur einander gegenseitig Objekt, sondern auch identisch. (S. 195, Hervorhebungen hinzugefügt)

Beispielsweise wolle der Nationalsozialismus „den Menschen in einem bestimmten, der Masse als ‚Sozialismus‘ erscheinenden Sinne verändern, ohne die Änderung der Grundlage der Gesellschaft zuzulassen“ (S. 195). Er werde aus diesem Grunde scheitern.

Wenn die Gesellschaftsform nur in der menschlichen Struktur und nicht anderswie real gegeben und faßbar ist, dann ergibt sich von selbst, daß der Angriffspunkt der Revolution nicht die gesellschaftliche Form allein, auch nicht die Änderung der Menschen allein sein kann; die Widersprüche unseres gesellschaftlichen Seins und die Widersprüche der menschlichen Struktur und der zwischenmenschlichen Beziehungen sind massenpsychologisch identisch; es geht dabei um die politisch-psychologische Weckung und Provokation der menschlichen Widersprüche; das ist psychologisch dasselbe, als wenn wir soziologisch sagen, daß sich die Klassengegensätze verschärfen. Die Menschen müssen sich ihres Leidens derart bewußt werden und zu verzweifeln beginnen, daß sie über sich selbst hinausspringen und derart die gesellschaftliche Struktur zerschlagen, um eine neue zu schaffen. Anders wird es nicht gehen. (S. 195f)

Dieses Bewußtmachen sollte sich sehr bald in das Konzept der Arbeitsdemokratie verwandeln: Fachbewußtsein statt Klassenbewußtsein.

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 45)

4. Februar 2023

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Ich betrachte Occams Diktum, daß es keine „Beziehungen“, keinen „Raum“, keinen „Äther“ an sich gäbe, sondern ausschließlich die konkreten einzelnen Dinge, die sich aufeinander beziehen, als letztendlich unvereinbar mit Reichs Orgonomie. Der Nominalist ist der (im wahrsten Sinne des Wortes) wurzellose Liberale, der nur die Myriaden Variationen sieht, nicht jedoch das Gemeinsame Funktionsprinzip (CFP), auf das sich der Konservative „rückbezieht“.

Nun, an sich ist Stirner radikaler Nominalist. Es ist bezeichnend, daß sowohl bei Occam als auch bei Stirner die voraussetzungslose, selbstherrliche „Schöpfung aus dem Nichts“ eine zentrale Rolle spielt.

Es gibt eine untergründige Verbindung zwischen Occams radikalem Nominalismus, Leibniz‘ anti-Newtonsche Monadenlehre und Stirner einerseits – und dem Neo-Platonismus, Newtons Absoluten Raum/Äther und Reichs Orgontheorie andererseits.

Occams Insistieren, daß es neben der äußeren, objektiven Wahrheit auch eine innere, subjektive Wahrheit gibt, ist auch unvereinbar – mit Reichs Gesundheitsbegriff. Oder man betrachte, wie Reich mit Bergsons sozusagen „einzig-eigenen subjektiven“ „Erlebnis der Dauer“ in Äther, Gott und Teufel umgeht – er gibt ihr eine objektivistische und „realistische“ Wende. Wahrheit ist der Kontakt mit der Wirklichkeit. Punkt!

Das nur als oberflächliche Stichworte, die in etwa anzeigen, wo der Gegensatz zwischen Stirner und Reich zu suchen ist. Occam ist beim Festmachen dieses Gegensatzes ein sehr passender Ansatzpunkt. Es hat schon eine gewisse historische Tiefe, wenn sich immer wieder Reichianer ganz im Occamschen Geiste von der „orgonomischen Scholastik“ befreien wollen.

Der Gegensatz zwischen Stirner und Reich tut sich nicht nach Die Funktion des Orgasmus von 1927 und auch nicht nach Die Funktion des Orgasmus von 1942 auf, sondern erst nach der „Die Funktion des Orgasmus“ von 1951 (Die kosmische Überlagerung). Genau da wo es „kosmisch“ wird, werden Stirner und Reich unvereinbar. Weniger weil „Gott“ oder „Kosmisches“ ins Spiel kommt, sondern weil hier (in Gestalt des energetischen „Orgonoms“) überindividuelle Prinzipien, Common Functioning Principles, autonome Relationen bzw. „Funktionen“ ins Spiel kommen, „scholastische Realien“ – gegen die sich der Nominalist Occam wandte. – In dieser Beziehung sind Stirner und Reich schlichtweg unvereinbar.

Oder doch nicht? Betrachten wir die Sache aus einer etwas anderen Perspektive: (siehe die anschließenden Teile 46 und 47)

Orgonbiophysik und LSR (Teil 5)

3. Februar 2023

Ja, was ist denn nun „LSR“? Bernd Laska schrieb mir 2004:

Für mich eine uralte Erfahrung seit wrb[Wilhelm Reich Blätter]-Zeiten 1975: die Leute, die zu Reich stoßen, sind nicht die Richtigen (= sehen Reich völlig anders als ich 😉 ). (…) Eine weitere Erfahrung seit auch schon ca. 20 Jahren: die Leute, die zu Stirner stossen, sind nicht die Richtigen (= sehen Stirner völlig anders als ich 😉 ). Sie „tolerieren“ mich, diskutieren aber nicht meine einschlägigen Bücher und Artikel (obwohl ich in „Der Einzige“ schreiben darf). Im „Gästebuch“ der MS-Ges. [Max Stirner Gesellschaft] tauchte seit Jahren mein Name nicht einmal auf. Dito im Stirner-Forum. (…) Für La Mettrie gibt’s keine Szene, glaube ich. Ab und zu jemand, der enthusiastisch die 4 Bände [von und über LaMettrie] bestellt – dann Funkstille, keine Kritik, keine Nachfrage, kein Schulterklopfen, nix. Das soll kein Gejammer sein. Es ist eine sachliche Feststellung, die „an sich“ nicht verwunderlich, sondern sogar folgerichtig ist: jedenfalls die Ratlosigkeit des Publikums, das entweder Philosophie lernen will oder Philosophiegeschichte. LSR ist keins von beiden. Was dann ???“

Was ist LSR in seiner Essenz? Laska schrieb mir ebenfalls vor nunmehr fast 20 Jahren in einem bestimmten konkreten Zusammenhang:

(der und der und der) sehen sich als heute zeitgemäße Kämpfer für Aufklärung und Rationalität, wie einst die Psychoanalytiker (Freud, Federn…) und Marxisten (KP, Fromm, Bernfeld, Fenichel…). Sie sehen in Reich einen ganz speziellen Feind und bekämpfen ihn (seine von ihnen geahnte Idee, in deren Licht ihr Rationalismus irrational erscheint) fanatischer als sie ihre Alltagsgegner bekämpfen – und vor allem nicht offen.

Das ist es: LSR wird sozusagen „beschwiegen“. LaMettrie wurde als unwürdig aus der Gemeinschaft der Aufklärer ausgestoßen, Marx’ Mammutbuch zu Stirner vergammelte in der Schublade, Nietzsche verschwieg ihn peinlich krampfhaft, Reich wurde schlichtweg aus dem Gedächtnis der Psychoanalyse getilgt. Der endgültige Todesstoß war die Rehabilitierung der drei: LaMettrie als Vordenker DeSades und Rousseaus, Stirner als Prophet des modernen Egoismus und Reich als Antifaschist. Helden des demokratischen und vor allem bunten Westens! (Wüüürggghhh!) Hauptsache es wird nie der Kern berührt oder auch nur durch das bloße Begründen der Sequestration dieser drei Aufklärer angedeutet.

Den besagten Kern hat Reich genannt, als er schrieb, daß „keine andere Stelle meiner Theorie meine Arbeit und Existenz derart gefährdet (hat) wie gerade die Behauptung, daß Selbststeuerung möglich, natürlich vorhanden und allgemein durchführbar ist“ (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 141). Er „betone die Rationalität der primären Emotionen des Lebendigen” (Äther, Gott und Teufel, S. 54) und behauptet entsprechend: „Alle Ethik ist im Grunde antisexuell” (Menschen im Staat, 1995, S. 143).

Die Menschen rasten darob aus, weil es sie gar nicht gibt! SIE SIND BESESSEN! Will sagen, aus ihnen spricht die verinnerlichte gepanzerte Gesellschaft, die verzweifelt um ihre Existenz ringt. Reich und Laska waren nie Teil dieser Gesellschaft der lebenden Toten. Was ich hier von Reich zitiert habe, ist der gemeinsame Ursprung der Orgonbiophysik und des LSR-Projekts.

Liquidar

Super-Ego

Radicalmente