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Eine theoretische Erneuerung der naturwissenschaftlichen Orgonomie?

28. Juli 2015

In seinem vor kurzem bei Harvard University Press erschienen Buch Wilhelm Reich, Biologist führt der auf Biologie spezialisierte Wissenschaftshistoriker James Strick u.a. aus, daß Reichs „Obsession“ mit dem Begriff „Energie“ bzw. „Lebensenergie“ vor dem Hintergrund der Auseinandersetzungen zwischen Vitalismus und Mechanismus Anfang des 20. Jahrhunderts zu verstehen ist und nur konsequent war. So sei, Strick zufolge, die „Lebensenergie“ damals kein „vitalistisches“, sondern ein Konzept der Laborwissenschaft gewesen. Auch hat beispielsweise bereits 1895 Freuds damaliger Mitstreiter Josef Breuer ausgeführt, daß der Begriff „Lebenskraft“ antiquiert sei und man heute (d.h. 1895, als die Psychoanalyse in ihren ersten Anfängen steckte) von „Energie“ reden sollte.

Entsprechend wird heutzutage vorgebracht, eine bessere, an die heute gebräuchliche wissenschaftliche Ausdruckweise besser angepaßte, Begrifflichkeit wäre das Wort „Plasma“. Es träfe die Sache viel besser als das Wort „Energie“ in „Orgonenergie“ (Lars Jörgenson: Die Grauzone in der Wissenschaft, Berlin: WDB-Verlag, 1990). Nun, „Plasma“ ist ein Aggregatzustand von Materie, da ist „Energie“ weitaus neutraler ohne inhaltsleer zu sein, wie etwa Charles Kelleys „schöpferischer Prozeß“ oder gar „Radix“.

In den 1970er Jahren wurde von „Reichianern“ versucht, den Strukturalismus an die Stelle des Funktionalismus (der etwa in der Ethnologie vollständig dem Strukturalismus weichen mußte) zu setzen. Die Welt wird als eine Art Schablone begriffen, die den Objekten, die sie ausfüllen, erst ihren Sinn gibt – oder so ähnlich. Ob diese kaum nachvollziehbare „Theorie“ besser das vermittelt, was Reich ausdrücken wollte, wage ich doch stark zu bezweifeln. Im übrigen ist der Funktionalismus aus der Feldforschung heraus entstanden, während der Strukturalismus eine Kopfgeburt am Schreibtisch war.

Das Poppersche Diktum, in der Forschung gehe es um Falsifizieren nicht um Verifizieren, ist ebenfalls eine ziemliche Kopfgeburt, denn so hätte sich nicht nur nicht die Orgonomie entwickeln können, sondern überhaupt kaum etwas in der Wissenschaft.

Wirklich alle orgonomischen Versuche zielen darauf, die gesuchten „lebendigen“ Phänomene „hervorzukitzeln“, während die mechanistische Wissenschaft eine „Todschlagunternehmung“ ist. Man denke nur an das Problem des Pleomorphismus – der unter den Tisch fällt, weil alle mikrobiologischen Proben nach 2 Tagen oder so als „kontaminiert“ weggeworfen werden. Man muß dem Lebendigen die Möglichkeit geben sich zu entfalten – während der Poppersche Szientismus alles daransetzt das Leben zu töten. Eine im wahrsten Sinne des Wortes „sterile“ Wissenschaft. Diese „Skeptiker“ forschen buchstäblich so lange, bis jeder Orgoneffekt weg ist.

Generell sind korrekte Theorien gegenüber der „bewährten wissenschaftlichen Meinung“ am Anfang so schwach, daß sich die Wissenschaft gar nicht entwickeln könnte, wenn man diese Theorien sofort mit einem Falsifizierungsterror überzöge. Zum Beispiel stimmte das kopernikanische System anfangs durchaus nicht etwa besser, sondern eher schlechter mit den Beobachtungsdaten überein als das alte Weltsystem. Wäre man „wissenschaftlich“ vorgegangen, würden wir immer noch daran glauben, daß sich die Sonne um die Erde dreht!

Es ist ein bloßer Mythos, daß die Wissenschaft sich linear und im Rhythmus falsifizierbarer Hypothesen entwickeln würde. Tatsächlich entwickelt sie sich in unterschiedlichen Strängen, die immer weiter auffächern, wovon aber die meisten Stränge wieder absterben. Und das weniger weil sie falsifiziert wurden, sondern weil ihre wissenschaftliche Anhängerschaft ausgestorben ist und nicht genug Nachfolger gefunden hat.

Wissenschaft entwickelt sich evolutionär, d.h. in dem Sinne, daß manche Theorien immer mehr Anhänger finden und schließlich Allgemeingut werden, während andere Theorien schlicht aussterben. Ob dieser Prozeß jedoch direkt mit der Wahrheit korreliert, wage ich zu bezweifeln. Man denke nur mal daran, wie der Lamarckismus nach vielen Toden in den 1960er Jahren vermeintlich endgültig verendet ist – um heute in Gestalt der Epigenetik eine triumphale Auferstehung zu feiern.

Dann ist da die Besessenheit der Wissenschaft mit der „Objektivität“. Seit sie sich aus den Fängen des Aristotelismus befreit hat, dreht sich alles darum, daß man seinen Sinnen nicht trauen dürfe. Das war das Thema meiner allerersten Physikvorlesung an der Universität. Die Orgonenergie wird von vornherein ausgeschlossen, weggewischt, ausradiert. Das ist selbst in der Medizin so: früher war das höchste Gebot des Arztes, auf seinen Patienten zu hören und dessen subjektiven Beschwerden ernstzunehmen („die Klinik geht vor!“) – heute verlagert sich alles auf die Technik und Testverfahren. Auf diese Weise werden die Biopathien buchstäblich unsichtbar.

Und dann die Manie mit den Doppelblindversuchen, die den Forscher von seinem Forschungsobjekt noch weiter entfernen und die im Grunde nicht mehr besagen, als daß der gepanzerte Mensch nicht „objektiv“ sein kann – er sich selbst nicht trauen kann. Charles Konia hat alles Notwendige dazu gesagt.

Die neuere Naturwissenschaft geht den Weg der anti-autoritären Gesellschaft, von der sie ein integraler Bestandteil ist. Statt wirkliche Naturwissenschaft zu sein, entwickelt sie sich immer mehr zu einer mechanistischen Pseudowissenschaft, die das Lebendige und Energetische (also alles, was nicht maschinenartig funktioniert, etwa der subatomare Bereich, die Atmosphäre und die Astronomie auf galaktischer Ebene) mit dem denkbar ungeeignetsten Modellen erklären will: „Billardkugeln und Maschinen“. (Das wird von einer verkopften, „buddhistischen“ Art von Spiritualität flankiert!)

Die Wissenschaft zerstört sich geradezu systematisch selbst, etwa indem der Forscher immer weiter von seinem Forschungsobjekt getrennt wird und dadurch, daß allein schon der finanzielle und organisatorische Aufwand alle Möglichkeiten sprengt. Man denke nur an die sinnlosen Großbeschleuniger, die die knappen Forschungsetats leerfegen.

Ich glaube nicht, daß die Orgonomie einen Blumentopf gewinnen wird, wenn sie sich dem gegenwärtigen mechanistischen Trend in der Wissenschaft anbiedert.

Was mich persönlich am meisten bedrückt, sind die Naturwissenschaftler selbst: Da finden sich Leute, die nur studieren, um zur „Elite“ zu gehören. Ihnen ist die Wissenschaft nur Mittel zum Zweck, sie wird entsprechend mechanisch kalt betrieben. Das sind dann Leute, die mit „Knockout-Mäusen“ den Nobelpreis gewinnen. Eine zweite Gruppe sind persönlichkeitsgestörte Freaks, die seit frühster Jugend vor dem Computer sitzen, sich Science-Fiction-Romane reinziehen und für die die Naturwissenschaft nur eine einzige Funktion hat: sie so weit wie irgend möglich von den eigenen Emotionen zu trennen. Und schließlich sind da die philosophisch veranlagten Naturforscher, die die innere Logik der Naturwissenschaft durchdringen wollen: sie sind diejenigen, die der systematischen Zerstörung der Naturwissenschaft das ideologische Fundament verpassen.

Vor einiger Zeit habe ich bei einer Zufallsbegegnung mit einem Physikprofessor (Marke „Berkeley und Osnabrück“) über die Orgonenergie diskutiert. Solche Gespräche sind vollkommen sinnlos, da die Hürden willkürlich so hoch gesetzt werden, daß von vornherein kein Argument durchkommt. Als ich das To-T-Experiment erwähnte und daß es nur bei einer sehr geringen relativen Luftfeuchtigkeit richtig funktioniert, wurde eingewendet, daß bei 50% relativer Luftfeuchtigkeit die Luft sowieso keine Wärme mehr leitet und ohnehin sei der Versuchsaufbau kein in sich geschlossenes System. Überspitzt gesagt könnte man behaupten, von uns werde verlangt, die Orgonkonzentration in einer von der Umwelt hermetisch abgeschirmten Sauna zu messen, also so, daß von vornherein gar kein Orgoneffekt auftreten kann.

Reichs Selbstverständnis als Wissenschaftler (Teil 2)

12. September 2012

Über die unmögliche Position der Orgonomie im Wissenschaftsbetrieb mit ihren nur ungepanzerter Empfindung zugänglichen Ansatz schrieb Jerome Greenfield:

Ein Mann, der sich als sexuell normal betrachtet, d.h. erektiv und ejakulativ potent ist, weiß vielleicht nicht, was man mit „orgastischer Potenz“ meint und denkt, daß man übertreibt, romantisiert oder eben sexuelle Schwierigkeiten hat. Der Begriff selbst, den Reich definierte als „die Fähigkeit, den unwillkürlichen Bewegungen beim Orgasmus völlig nachzugeben sowie zur vollständigen Entladung der sexuellen Erregung am Höhepunkt des Sexualaktes zu gelangen“, dieser Begriff wird wirklich und als Unterschied von normaler Potenz erfaßbar nur aufgrund eigener subjektiver Erfahrung. Diese Dialektik trifft für viele – keinesfalls alle, möchte ich hinzufügen – Beobachtungen Reichs an Orgonfunktionen zu, die nur für relativ wenig abgepanzerte Menschen wahrnehmbar sind. Und weil Abpanzerung in unserer Kultur nicht nur endemisch, sondern weitgehend nicht als biopathische Erscheinung anerkannt ist, bedeutet das, daß große Gebiete der Lebenswahrnehmung von der allgemeinen Erfahrung ausgeschlossen sind, selten ihren Weg in die Wissenschaft finden und meist auf das Gebiet der Künste verwiesen werden, wo subjektive Wahrnehmungen eher gelten gelassen werden. (Greenfield: „Über Probleme als ‚Reichianer’“, Wilhelm Reich Blätter, 5/76, S. 96-101)

Bernd A. Laska hat den bemerkenswerten Schluß gezogen, Reich sei gewisserweise naturwissenschaftlicher als die gleichzeitige „Naturwissenschaft“ gewesen. Zur Definition dessen, was Reich als „naturwissenschaftlich“ verstanden habe, nennt Laska Stichwörter wie „rational, holistisch, konsequent diesseitig, nichtmetaphysisch“.

Nicht gemeint ist offensichtlich die Übernahme von Methoden und Prinzipien, die bei der Erforschung spezieller Aspekte des Naturgeschehens bisher verwendet wurden, nur weil sie dort erfolgreich waren. So sind Richtungen wie Psychophysik, Reflexologie oder experimentelle Psychologie, obwohl mit naturwissenschaftlichen Methoden arbeitend, im Sinne Reichs „nicht naturwissenschaftlich genug“, weil sie Funktionen isoliert erforschen und sich nicht organisch in umfassendere Theorien einfügen. (Laska: Wilhelm Reich, rororobildmono, S. 21f)

Siehe auch Siegfried Bernfelds und Serjei Feitelbergs Artikel „Über psychische Energie, Libido und deren Meßbarkeit“ (Imago, Bd. 16, 1930, S. 66-118), sowie ihr gemeinsames Buch Energie und Trieb – Psychoanalytische Studien zur Psychophysiolgie (Wien 1930) und die daran anschließenden Diskussionen im Imago und der Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse.

Diese Art von „Naturwissenschaft“ war für Reich Anathema. Übrigens begann Reich als strenger materialistischer Mechanist, der es noch 1922 ablehnte, Libido in quantitativen Begriffen aufzufassen, wie es die Physik bei der Energie tut (Frühe Schriften, S. 162).

Von dem Adlerianer Thomas Kornbichler, Autor der Studie Wilhelm Reich – Enfant terrible der Psychoanalyse, wurde Reich dessen „Szientismus“ vorgeworfen. Reich habe den „psychoanalytischen Szientismus“ auf die Spitze getrieben. Sein naturwisenschaftliches Weltbild sei rationalistisch und biologistisch gewesen, ein „enges Korsett, in das er die Fülle des ganzen Lebens einzuzwängen versuchte“ (Berlin 1989, S. 13).

Hingegen wurde Reich 1927 von Eugen Bleuler gelobt:

Zum Unterschied von manchen neueren Arbeiten der Freudschüler verlegt sich R. nicht nur aufs Behaupten, sondern er sucht, wenigstens im Hauptteile, ernstlich Beweise zu geben, die allerdings mit den nicht untersuchten Grundbegriffen der Psychoanalyse stehen und fallen. (z.n. in Wilhelm Reich Blätter, 3/80, S. 155)

In die gleiche Kerbe schlug 1928 Arthur Kronfeld:

Wenn auch Einzelbeobachtungen und Erklärungsversuche – oft etwas schematisch und konventionell – in die Sprache der Libidotheorie gekleidet sind, so ist doch das Bestreben des Verfassers rühmlich, jede Formulierung kasuistisch zu belegen und alle spekulativen Formulierungen zu vermeiden. (…) Er warnt, namentlich gegen Rank gerichtet, vor methodisch ungenauem Deuten, das häufig von „einer bloßen Analogie auf Identität“ schließt, und ist ständig sorgsam bemüht, das wirklich Tatsächliche über seine Probleme zusammenzutragen. (ebd., S. 156)

Im Gegensatz zu Freud verstand sich Reich immer als Arzt, nicht als Psychologe. Während Freud in seinen Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse hervorhob, die Psychoanalyse unterscheide sich von den „anderen“ ärztlichen Disziplinen dadurch, daß das Hören und das Wort im Mittelpunkt stehen und in der normalen ärztlichen Ausbildung alles auf den direkten Augenschein ausgerichtet sei (Fischer Taschenbuch, 1992, S. 14f), legte Reich grade auf diesen unmittelbaren Augenschein aller höchsten Wert.

Reich schaute den Patienten an, während Freud dem Patienten nur zuhörte. Reich faßte den Patienten an, während Freud nur durch Worte intervenierte. In diesem Sinne war Reich ein weit konventionellerer Arzt als Freud. Freud beklagte, daß das Medizinstudium den angehenden Psychoanalytiker vom Kern der Psychoanalyse wegbringe und stattdessen biologisch, anatomisch, chemisch und physikalisch indoktriniere (ebd. S. 18f). Reich sah grade in dieser spezifisch ärztlichen Sichtweise die Grundvoraussetzung einer erfolgreichen Anwendung der Psychoanalyse (siehe die damalige Diskussion zur Laienanalyse).

Übrigens hat Reich als Student verlangt, daß die Prüfungen verschärft werden, „indem an die Kandidaten Anforderungen höchsten Ausmaßes gestellt werden, durch Einführung von obligaten, strengen und recht häufigen Kolloquien“ („Zwei kaum bekannte Arbeiten des jungen Reich“, Wilhelm Reich Blätter, 2/80, S. 58-66).

Bernd A. Laska hat den Vorwurf, Reich hätte sich nicht mit seinen Berufskollegen, d.h. anderen Wissenschaftlern auseinandergesetzt, zurückgewiesen und darauf verwiesen, daß man sich nur die Jahre bis zu Reichs Ausschluß aus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung anschauen müsse: es sei geradezu umgekehrt gewesen (Laska: Wilhelm Reich Blätter, 3/81, S. 139).

Dazu auch Freud über seine eigenen Erfahrungen:

Mir schien es (…), als ob die sogenannte wissenschaftliche Polemik im ganzen recht unfruchtbar sei. Abgesehen davon, daß sie fast immer höchst persönlich betrieben wird.

Freud weiter:

Sie werden nun gewiß urteilen, daß eine solche Ablehnung literarischer Diskussion einen besonders hohen Grad von Unzugänglichkeit gegen Einwürfe, von Eigensinn oder, wie man es in der liebenswürdigen wissenschaftlichen Umgangssprache ausdrückt, von „Verranntheit“ bezeugt. Ich möchte Ihnen antworten, wenn Sie einmal eine Überzeugung mit so schwerer Arbeit erworben haben werden, wird Ihnen auch ein gewisses Recht zufallen, mit einiger Zähigkeit an dieser Überzeugung festzuhalten. Ich kann ferner geltend machen, daß ich im Laufe meiner Arbeiten meine Ansichten über einige wichtige Punkte modifiziert, geändert, durch neue ersetzt habe, wovon ich natürlich jedesmal öffentlich Mitteilung machte. Und der Erfolg dieser Aufrichtigkeit? Die einen haben von meinen Selbstkorrekturen überhaupt nicht Kenntnis genommen und kritisieren mich noch heute wegen Aufstellungen, die mir längst nicht mehr dasselbe bedeuten. Die anderen halten mir grade diese Wandlungen vor und erklären mich darum für unzuverlässig. (Freud: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, S. 235)

Freud sagt dann noch: „An den grundlegenden Einsichten habe ich bisher nichts zu ändern gefunden und hoffe, es wird auch weiterhin so bleiben“ (ebd. S. 236). Er führt die „allgemeine Auflehnung“ gegen die Psychoanalyse auf die „dritte Kränkung“ zurück, die nach Kopernikus und Darwin die Menschheit durch ihn, Freud erlitten habe (ebd. S. 273f). Reich hat diese Kränkung auf die Spitze getrieben: