Posts Tagged ‘La Mettrie’

Email [Gespräch über LSR mit einem Physiker] (2005)

10. Juni 2023

Email [Gespräch über LSR mit einem Physiker] (2005)

Laska über Onfray (Entwurf 2006)

8. Juni 2023

Laska über Onfray (Entwurf 2006)

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 67)

28. Mai 2023

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Alle blicken auf den vollkommen perplexen Reich, behandeln ihn als Sonderling, manövrieren ihn in eine Außenseiterposition, indem sie ihm vorwerfen er würde sich in eine Außenseiterposition hineinmanövrieren – und als Fazit wird dann kurioserweise IHM vorgeworfen, ER habe sich in was „hineinmanövriert“. Dies und das folgende kann man mit Variationen auch über LaMettrie am Hofe von Friedrich dem Großen und über Stirner im Umfeld der Junghegelianer sagen!

Die Frage ist doch ganz einfach: war Reich (LaMettrie, Stirner) beknackt oder alle anderen? Normalerweise liegt die Antwort auf der Hand. Das Alltagsgeschäft der Psychiater. Aber ab und an kommen auch, wie es Baker in einem Fallbeispiel beschreibt (Der Mensch in der Falle), vollkommen Gesunde zum Psychiater, weil sie sich in der Gesellschaft wie Sonderlinge vorkommen und so behandelt werden – dann ist es Aufgabe des Psychiaters ihnen klarzumachen, daß tatsächlich sie im Recht sind und praktisch 100 % ihrer Mitmenschen durchgeknallt sind. (Es wäre doch eine Ungeheuerlichkeit gewesen, hätte Baker der betreffenden Frau gesagt: „Sie sollten sich mal überlegen, ob sie nicht auch selbst teilweise Schuld für Ihre Probleme im Leben tragen!“)

Reich war so ein Fall. Daß er auch Fehler strategischer und taktischer Natur gemacht hat (wie sollte es anders sein?), fällt dabei nicht ins Gewicht. Schließlich konnte er nichts dafür, daß die Welt ein einziges großes Irrenhaus ist.

Alle Ansichten von Bakers gesunder Patientin stimmten vollkommen mit dem überein, was etwa in Die sexuelle Revolution stand. Es ist einfach „gesunder Menschenverstand“ (d.h. wirklich gesunder). Dazu gehört auch, daß die meisten dieser gesunden Menschen, inkl. Reich, ein ziemlich naives Verhältnis zur Geschichte haben. Sie sehen nur den guten Kern und glauben, was man ihnen erzählt. Entsprechend finden sie, inkl. Reich, die folgenden Leute gut: Jesus, Marx, Lenin, Lincoln, Gandhi, Luther, Nietzsche, Madame Curie, Einstein, Freud, Beethoven, Darwin, Kolumbus, Edison, etc. – durchweg Denker und historische Persönlichkeiten, die nichts mit LSR zu tun haben, bzw. teilweise geradezu LSR-Antipoden sind.

Bei Reich wechseln einige wenige, aber alles entscheidende Stellen unglaublicher Einsichten, die sonst keiner hatte (außer L und S), ab mit langen Passagen, die nicht etwa schlecht oder daneben sind, sondern einfach nur naiv. So naiv, wie jeder gesunde Mensch von Natur aus Pazifist ist (auch wenn dadurch die organisierte Emotionelle Pest triumphiert), den Dalai Lama gut findet, weil er so schön lächelt (obwohl er tatsächlich eine diabolische Figur ist) oder gegen den Klimawandel ist (obwohl er damit Milliarden Menschen auf eine Hungerkatastrophe zusteuern läßt).

Verkomplizierend kommt hinzu, daß Reich in seinen späteren Jahren teilweise nicht mehr so naiv war, sondern „konservativ“ wurde – was auch nichts mit LSR zu tun hat.

Bernd Laska begründet Reichs Verhalten damit, daß Reich im „brennenden Haus“ nicht zu Atem kam. Ich glaube das nicht. Reich war „einfach nur“ naiv.

Andererseits möchte ich mich auch dagegen verwahren, die Welt als „Narrenhaus“ zu sehen. Natürlich leben wir nicht im Narrenhaus! Wenn jemand seine Arbeit macht und die Stadt wie auf wundersame Weise perfekt funktioniert (Arbeitsdemokratie), wenn Kinder spielen, die Jugend Lebensfreude ausströmt und die Alten immer mehr ihre innere Schönheit nach außen tragen, wenn die Vögel zwitschern und die Bäume rauschen – dann sind wir nicht im Irrenhaus. Im Irrenhaus sind wir, wenn das einfache scheinbar unendlich kompliziert wird. Wenn wir vor dem „Reformstau“ stehen und „die Lage noch nie so ernst war wie heute“. Das höre ich, seit ich höre, also etwa seit 1971!

In diesem Sinne war Reichs Naivität Ausdruck seiner Gesundheit: Es gibt keine Probleme, alles ist lösbar!

Zum Themenkomplex von Reichs Naivität gehört auch, daß es schlichtweg falsch ist, daß der frühe Reich sich klar ausgedrückt hat und alles tat, um verstanden zu werden und daß der späte Reich kryptisch wurde. Abgesehen von ein paar wenigen technischen Artikeln, die eh nicht für die Verbreitung bestimmt waren, sondern „for the record“, wurden Reichs Schriften immer zugänglicher. Die frühen psychoanalytischen Aufsätze sind in einem gewundenen und mit der psychoanalytischen Geheimsprache durchsetzen Stil geschrieben, dem man nur mit großer Konzentration folgen kann. Danach hat Reich auf eine geradezu einschläfernde Weise allgemeinverständlich geschrieben. Und das mit der „orgonomischen Geheimsprache“ ist ein Mythos. Später hat er sogar weitgehend auf „Orgon“ verzichtet und lieber von „kosmischer Lebensenergie“ gesprochen. „Melanor“, etc. findet sich nur in den erwähnten paar Artikeln – und selbst die sind sofort verständlich, wenn man denn guten Willens ist. „Geheimsprachlich“ drücken sich vielmehr Reichs Gegner aus: Wissenschaftler (etwa Psychologen), die ständig mit neuen Wortschöpfungen aufwarten und „Denker“, die sich a la Adorno daran berauschen, daß kein Mensch ihnen folgen kann.

Es waren vor allem Ollendorff und Neill, die Reich vorgeworfen haben, er würde es seinen Lesern viel zu schwer machen. Das hat Reich ernst genommen und tatsächlich noch einfacher geschrieben (etwa in Äther, Gott und Teufel). In seiner Naivität erkannte Reich nicht, daß es nicht etwa an der (nicht vorhandenen) Kompliziertheit seiner Ausdrucksweise lag, – sondern an der inneren Abwehr von Ollendorff und Neill.

Hierher gehört auch, daß Reich nur „immanente Kritik“ zuließ, – denn selbst ihm wurde die innere Abwehr seiner Mitmenschen manchmal zu viel. Wer nicht zuhören, wer nicht lesen kann (und die meisten Menschen, können nicht lesen – sie lesen, was sie lesen wollen, nicht was auf dem Papier steht), – hat kein Recht „kritische Fragen“ zu stellen! Das meinte Reich mit seiner Forderung nach „immanenter Kritik“.

Die Welt ist ein Irrenhaus, also ist es nur logisch, daß der Nicht-Beknackte Reich da zugrunde gehen mußte? Kein gesunder Mensch braucht in dieser Welt zugrundezugehen. Die meisten, praktisch alle, kommen sogar hervorragend zurecht. Wie etwa Neill verblüfft konstatierte, als ausgerechnet seine Schüler hervorragend im wohl neurotischten Teil der Gesellschaft zurechtkamen, der Armee. An ihr (und allgemein an der Gesellschaft) scheitern allenfalls die Allerkränkesten… Ich bin nicht stolz auf mein Scheitern als Soldat!

Auch Reich ist hervorragend in der Welt zurecht gekommen: im Krieg, als Emigrant.

Er ist nicht an seiner Gesundheit gescheitert, sondern wegen dieses „Plus“, von dem ich oben sprach: das „LSRische“. Kurz: er hatte eine Mission. Das hat die Emotionelle Pest aktiviert. Deshalb auch seine Faszination für die Christus-Figur.

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 65)

21. Mai 2023

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Warum sind alle, die versuchen den Bereich der ko-existierenden Wirkung zu nutzen, so unglücklich? Ich kenne keinen einzigen wirklich glücklichen „Okkultisten“. Bereits in den primitiven Gesellschaften waren die Medizinmänner und Magier stets die Freaks, die Hermaphroditen, die Schizophrenen etc. Es ist kein Zufall, daß Freud, der sich fast ausschließlich im Bereich der ko-existierenden Wirkung (Traumdeutung etc.) bewegte, den Todestrieb konzipierte und auch in anderer Hinsicht der genaue Gegenpol Reichs war, der sich kaum für dieses eigentliche Metier der Psychoanalyse, „das Hören mit dem Dritten Ohr“, interessierte. Man denke auch an C.G. Jungs tiefe Affinität zum Nationalsozialismus oder das haltlose Geraune eines Martin Heidegger.

Es ist, als wenn eine dunkle Wolke über diesen Menschen hinge und sie von einem übelriechenden Dunst umgeben wären.

Der funktionelle Gegensatz der ko-existierenden Wirkung ist die relative Bewegung. Es sind zwei heteronome Funktionen, die ineinander übergehen können. Wird dieser Übergang unterbunden („frustriert“), entsteht genau das Miasma, das ich soeben zu umreißen versuchte. Das bedeutet nichts anderes, als daß man sich im Bereich der ko-existierenden Wirkung nicht dauerhaft aufhalten kann. Es ist wie ständiges Flirten, ohne daß einer der beiden einen Schritt vorwärts macht. Was bleibt, ist Frust und Enttäuschung. Oder man nehme die Psychoanalyse: eine Deutung kann befreiend sein, aber das ständige Räkeln im Unbewußten erzeugt genau das, wovon die Psychoanalyse doch heilen will. Der Gegensatz von Reichs Drang zu sozialer Aktion („Bewegung“) in den 1920er Jahren und das Sitzenbleiben und Spintisieren seiner psychoanalytischen Kollegen war genau das.

Man nehme beispielsweise Kenneth Angers The Inauguration of the Pleasure Dome, wo alles immer in der Schwebe bleibt. Es gibt nicht, wie in einem normalen Film eine Auflösung der Spannung, d.h. den Übergang in eine reale Handlung, die der üblichen Logik von Ursache und Wirkung folgt – der Bewegung von A nach B. Genauso bleibt ein Actionfilm oberflächlich und zutiefst unbefriedigend, wenn ihm „das Geheimnis“ abgeht, es ihm an „ko-existierender“ Tiefe mangelt. Genau deshalb gehört beispielsweise Clint Eastwoods Pale Rider zu meinen Lieblingsfilmen.

Im übrigen handelt Ursula Jauchs Buch über LaMettrie, Jenseits der Maschine, von der „Maschine“ (der pulsierende und von Strömungen durchzogene Körper) und der Imagination. Bei Stirner ist es das, was ich im vorangegangenen Teilen, insbesondere Teil 28, angeschnitten habe: es ist etwas vorhanden, was im Sinne einer „eigensinnigen“ Subjektivität (heute insbesondere „Transgender“) mißbraucht werden kann.

L und S und R und das Affektleben der Intellektuellen (Teil 4)

18. Mai 2023

Bereits seit etwa 1937, spätestens aber 1947, dämmerte es Reich, der sich zuvor ausschließlich in „linken“, „progressiven“ Kreisen bewegt hatte, daß seine vermeintlichen Freunde tatsächlich die schlimmsten Feinde des Fortschritts sind. Sie, die stets gegen die „Autoritäten“ (die Vater-Imago, das Über-Ich) und „das System“ (repressive Strukturen, die Panzerung), angetreten waren, kamen ins Stottern, Stolperten, wenn es tatsächlich ans Eingemachte ging und real zu werden drohte. Es waren stets nur Worte gewesen, die im Gegensatz zu ihrer biophysischen Struktur standen, also eine Lüge waren. Für Reich waren es Leute, die eine unzuverlässige oder unwahre Idee oder Ansicht vertreten: Quacksalber in Sachen Wahrheit und Freiheit, „Wahrheits- und Freiheitskrämer“. Kaum besser als Faschisten, die die reaktionäre Sau rot anmalen. Schlimmer! Denn es ist mehr als ein bloßes Zurschaustellen „des Guten“ – es gibt jenseits dieses Gutmenschentums sonst nichts beim linken Charakter. Er IST Lüge – sonst nichts. Er ist bioenergetisch hohl!

Man ist immer wieder betroffen von der schrecklichen Angst, die der Liberale zeigt, wenn man seine Abwehr erfolgreich angreift. Er gerät außer sich und wird irrational. (Elsworth F. Baker: Der Mensch in der Falle, S. 270)

Kaum, daß die wirkliche Probleme angesprochen werden, insbesondere daß Wahrheit und Freiheit solange Illusion bleiben müssen, solange nicht die Charakterstrukturen wahr und frei (ungepanzert) sind, geraten Linke in eine Situation, in der es um ihre nackte Existenz geht. Es ist, als wenn man bei strahlendem Sonnenschein den Vorhang beiseite schiebt und dem Vampir das Kruzifix vor sein Gesicht hält!

Man bemerkt (…), daß frei praktizierende Ärzte gewöhnlich konservativ sind, während Psychiater und Psychoanalytiker, die weit intellektueller und mehr auf das Wort angewiesen sind, im allgemeinen liberal sind; das mag die zunehmende Tendenz in der Psychiatrie erklären, Gefühle und Freuds Libidotheorie, die sich mit dem [bioenergetischen] Kern befaßt, weniger zu betonen und statt dessen eine neutralere, entsexualisierte Ichpsychologie vorzuziehen. (ebd. S. 272)

Genauso ist es allgemein mit den Gesellschaftswissenschaften, insbesondere aber mit der Philosophie bestellt, die gegenwärtig von Michel Foucault und Konsorten dominiert werden. Linksintellektuelle fühlen sich, je nach intellektueller Konjunktur, zeitweise von LaMettrie, Stirner und Reich magisch angezogen, nur um schließlich alles zu verkorksen, was L und S und R ausmacht, oder sie gleich ganz in den Orkus zu treten. Oberflächlich fühlen sie sich zunächst angesprochen, aber die Botschaft (die Wahrheit) stellt sich schließlich als Krypton für ihre biophysische Struktur (die Lüge) heraus.

L und S und R und das Affektleben der Intellektuellen (Teil 3)

17. Mai 2023

Mit Laska kann man sagen, daß sich heute die Naturwissenschaft mit allem und jedem beschäftigt, aber ausgerechnet die Beschäftigung mit allen „Über-Ich-bezogenen“ Begriffen (Gott, Religion, Moral, Gewissen u.a.) tabuisiert. Das Private und das Politische, d.h. Fragen der Moral, bleiben ausdrücklichst draußen vor (Laskas Einleitung zu LaMettries Der Mensch als Maschine, S. XXXIIf). In diesem Bereich tummeln sich dann die „Gesellschaftswissenschaftler“, die mit Diderot davon ausgehen, daß – „Wer nicht vernünftig denken will [also ein Rechter, gar ein Nazi ist!], verzichtet darauf, Mensch zu sein und muß daher als entartetes Wesen behandelt werden“ (z.n. ebd. S. XXXII). Die Umerziehungs-, Vernichtungslager und Gaskammern des GULAG warten auf die Gegner der rotgrünen „Vernunft“!

Man besuche Gymnasien und Universitäten, Diskussionsrunden und Expertenforen – diese Zweiteilung des intellektuellen Lebens springt dir überall ins Auge. Erschreckend „kalte“ und „schizoide“ („autistische“) Naturwissenschaftler, Mathematiker, Informatiker, Ingenieure etc. die alle wirklich wichtigen Fragen „den Politikern“ überlassen – die von rein gar nichts eine Ahnung haben. Auf der anderen Seite Leute, die Michel Foucault und anderen Ideologen hinterherlaufen, deren gesamte Lebensleistung sich darum dreht L und S und R zu verdrängen. Entsprechend sind ihre Helden beispielsweise De Sade, Nietzsche und Herbert Marcuse.

Beide Gruppen von Intellektuellen, d.h. die von der Naturfakultät und die von der Gesellschaftsfakultät, wirken wie Sektenanhänger, merkwürdig blasiert, abgetrennt vom Leben und – verpeilt. Wie Reich etwa in Äther, Gott und Teufel ausgeführt hat: Naturwissenschaft kann nur funktionieren, wenn sie sich mit ihren Forschungsinstrumenten auseinandersetzt, also in erster Linie der individuell menschlichen und damit der gesellschaftlichen Struktur! Das gleiche gilt für die Gesellschaftswissenschaft. Beispielsweise ist es hochgradiger Unsinn, Fächer wie Soziologie und Politologie betreiben zu wollen, ohne Kenntnis von Elsworth F. Bakers soziopolitischer Charakterologie zu haben. Wir leben tatsächlich in einem vorwissenschaftlichen Zeitalter und das, was sich heute „Wissenschaftler“ schimpft, sind tumbe Scholastiker und gemeingefährliche Pfaffen!

L und S und R und das Affektleben der Intellektuellen (Teil 1)

15. Mai 2023

Irgendwas machen L und S und R mit den Gehirnen! Der weltberühmte Psychiater Otto F. Kernberg in einem Kapitel über „Temptations of Conventionality“:

Adorno et al.’s efforts continue those of Wilhelm Reich (1935 [Reich’s book The Sexual Revolution]) to integrate psychoanalytic thinking with Marxist theory and to explain the repressive nature of sexuality, both in Western society and in Soviet Russia. Generalizing from his understanding of German fascism, Reich proposed that the capitalist system had transformed the personality structure of all individuals in that capitalist society by exerting authoritarian power through the paternalistic family. Whereas Freud thought that the repression of sexuality was the price for cultural evolution, Reich thought that the repression of sexuality and of genital sexuality in particular represented the effects of a pathological superego, which in turn resulted from the social structure of capitalism. He traced a socially generalized submission to conventional mores to the same cause: conventionality was based on excessive repression of genital sexuality. (Arnold M. Cooper, Otto F. Kernberg, Ethel Spector Person, eds.: Psychoanalysis. Toward the Second Century, New Haven: Yale Univ. Press, 1989, S. 20)

Daß die Bemühungen von Adorno et al. jene von Wilhelm Reich fortsetzten, kommentierte Bernd Laska mit einem sarkastischen „Oh“. Auch unterstrich er folgenden Satz: „Während Freud der Meinung war, daß die Unterdrückung der Sexualität der Preis für die kulturelle Evolution sei, war Reich der Meinung, daß die Unterdrückung der Sexualität und insbesondere der genitalen Sexualität die Auswirkungen eines pathologischen Über-Ichs darstelle….“ Hier notiert sich Laska am Rande „Satzlogik!“ Dieser Satz macht nämlich kaum Sinn: für sich betrachtet sind die Aussagen über Freud und Reich zweifellos richtig, aber zusammen formen sie eine verquere „Logik“, wie man sie vielleicht in ungelenken Schüleraufsätzen findet. Es ist, als wenn die „Gedankenwellen“ am Thema Wilhelm Reich brechen und alles durcheinander gerät! Die affektive Erregung stört offenbar die Gedankentätigkeit.

Ähnliches findet sich bei der Auseinandersetzung mit LaMettrie. Nehmen wir Ursula Pia Jauchs Jenseits der Maschine (Philosophie, Ironie und Ästhetik bei Julien Offray de La Mettrie, München: Hanser, 1998). Zentral für die Bedeutung LaMettries ist sein Verhältnis zu De Sade in Sachen Sexualität und seine Kritik am Gewissen. Den „Exkurs: Sade, La Mettrie und die Lustmaschine“ beginnt Jauch wie folgt: „An dieser Stelle ist es angebracht, in zwei, drei Worten auf die Diskrepanz in der ‚moralischen‘ Wertung der Lust zwischen Sade und La Mettrie einzugehen“ (S. 347). Warum das Zentrale nur in „zwei, drei Worten“ (sic!)? Am Rande verweist Laska auf S. 389. Dort hebt der Abschnitt „…adieu la Morale!“ mit dem Satz an: „Versuchen wir, La Mettries Argumentation in aller Kürze zu rekonstruieren.“ Laska notiert: „warum nicht detailliert?“ Augen zu und durch scheint Jauchs Motto zu sein, wenn es um die Absage an „Moral“, Gewissenbisse, Kants kategorischen Imperativ, kurz das Über-Ich geht, d.h. ums Eingemachte! Für Nebensächlichkeiten und „statt Aufklärung: Wiederverzauberung der Welt“ stellt Jauch jedoch hunderte Seiten zur Verfügung.

Email [L & S & R] (2009)

21. Februar 2023

Email [L & S & R] (2009)

Email [der LSR-Tod] (2009)

13. Februar 2023

Email [der LSR-Tod] (2009)

Orgonbiophysik und LSR (Teil 3)

28. Januar 2023

In seiner „paraphilosophischen“ Forschungsarbeit hat Laska stets seine „serendipity“ geleitet. Ein Wort, das bei ihm immer wieder und wieder auftaucht und das nur annähernd mit „glücklicher Zufall“ übersetzt werden kann. Es war immer das Vertrauen, sozusagen „Urvertrauen“ in den eigenen guten Riecher, der ihn Mitte der 1960er Jahre über das zufällige Hören eines Vortrags des Kirchenkritikers Karlheinz Deschner in Frankfurts Club Voltaire zu Reich brachte, dessen Die sexuelle Revolution 1966 erschien. Ende der 1970er Jahre stolperte er über die marginale Erwähnung Max Stirners im Reichschen Werk (insbesondere in der Literaturliste zum Christusmord, das er zu dieser Zeit übersetzte), die sonst niemand groß beachtet hatte. Auf LaMettrie stieß er schließlich über den nihilistisch, anti-universalistischen Philosophen Panajotis Kondylis. Auf www.lsr-projekt.de heißt es dazu:

(Durch die Auseinandersetzung mit Reich und Stirner) sensibilisiert für die Problematik „Aufklärung“, die mir allenthalben inadäquat behandelt worden zu sein schien, kam mir Kondylis‘ große Studie von 1981 (Die Aufklärung im Rahmen des neuzeitlichen Rationalismus) in die Hände. Nachdem ich Kondylis‘ einleitende Bemerkungen über seinen „nihilistischen“ Standpunkt und seine Methode gelesen hatte, fand ich schnell und treffsicher jenes Kapitel heraus, das auf 15 Seiten das gedankliche Zentrum der 725-seitigen Abhandlung und zugleich die Achillesferse der Kondylis’schen Philosophie enthielt: „VII. Formen des Nihilismus in der Aufklärung. 3. Die Konsequenten: La Mettrie und Sade“ (S. 503-517).

Darin fiel mir sofort als krampfhaft und gewaltsam auf, daß Kondylis diese beiden Autoren unbedingt zusammenspannen, d.h. zu gleichgearteten „Nihilisten“, stilisieren will. Daraufhin befaßte ich mich intensiv mit den Originalschriften von La Mettrie und Sade und stellte, konträr zu Kondylis, deren im Kern geradezu gegensätzliche Positionen fest. Zugleich entdeckte ich in einer Art serendipity, daß die Kernidee La Mettries der von Stirner und der von Reich im Grunde gleicht und nur in anderen Begriffen zum Ausdruck gebracht worden ist – und daß es eben diese Kernidee gewesen sein muß, die L/S/R zu jeweils in ihrer Epoche einzigartigen Aufklärern gemacht hat, die insbesondere von den politisch erfolgreichen Aufklärern – also Voltaire, Diderot et al.; Marx, Nietzsche et al.; Freud et al. – geradezu verfemt worden sind.

Dieser grundsätzliche Ansatz, der von einem bestimmten „Lebensgefühl“ ausgeht und diesem vertraut, ist von der Struktur her identisch mit Reichs Vorgehen in der Orgonbiophysik.

Man nehme etwa Reichs bioelektrische Experimente: seit dem Band Jenseits der Psychologie wissen wir, wie Reich mit seinen Mitarbeitern aus dem Kaiser Wilhelm Institut (heute Max Planck Institut) ringen mußte. Für ihn waren die Ergebnisse gut genug, weil sie seine Intuition bestätigten und in den Gesamtrahmen (Kraus, Hartmann, Müller, Vegetotherapie, etc.) paßten. Die Kaiser Wilhelm-Leute wollten (auf Reichs Kosten, der das ganze aus eigener Tasche finanzieren mußte) das ganze weiter „absichern“. Man kann davon ausgehen, daß bei dieser „Absicherung“ das versickert wäre, um was es Reich ging. (Später haben Dew und Braid sowie Hebenstreit Reichs Experimente mit modernen Geräten wiederholt und weitgehend bestätigt.)

Und so in allem. Man kann Forschung auch scheinobjektiv betreiben, nämlich so, daß die zu erforschenden Phänomene buchstäblich im Datensalat versickern. Sei das nun, daß de Sade und LaMettrie beide der gleichen Kategorie zugeordnet werden und dergestalt der letztere sich von der Bedeutung her in nichts auflöst, oder etwa im Falle der beiden Sexualforscher Masters und Johnson bei der elektrophysiologischen Untersuchung der Sexualreaktion der Sadomasochismus und die Genitalität auf die gleiche Ebene gehoben werden, weil man „objektiv“, d.h. „wissenschaftlich“ an die Sache herangeht. „Liebe ist Liebe!“ – und deshalb bedeutungslos… Alles löst sich in bedeutungslose Willkür auf, entsprechend dem folgenlosen „Gelaber“ der Philosophen. Man landet in diese entropische Beliebigkeit, weil man nicht auf seinen guten Riecher vertraut, bzw. weil man sich nicht selbst vertraut, bzw. weil man eine „un-LSR-sche“ psychische Struktur hat und jedes Vertrauen zerstört ist.

Ähnliches läßt sich über die heutige psychiatrische Diagnostik sagen, die wirklich alles und zwar angeblich „ganzheitlich“ absichern will und dermaßen ins Detail geht, daß die zentralen Probleme des Patienten verschwinden. Reich hingegen hat seine Schüler immer gemahnt, bei Fallpräsentationen doch bitte auf diese Scheingenauigkeit zu verzichten und den Fall in vielleicht 10 Sätzen zu umreißen. Er hat in diesem Zusammenhang jedes „mechanische und systematische“ Denken verdammt (wie es heute von den ICD- und DSM-Manualen verkörpert wird) und an seine Stelle ein „funktionelles und strukturelles Denken und Vorstellen gesetzt“ (Charakteranalyse, KiWi TB, S. 426). Sozusagen: Nerven Sie mich nicht mit Details und systematischen Auflistungen, sondern streichen Sie hervor, welche Strukturen eine wichtige Funktion einnehmen!

Und genau hier ist eine Nähe zu LSR! Laskas Gegner würden zu gerne in abseitige Details gehen, vermeintlich „wissenschaftlich“ arbeiten, während Laska stur auf dem beharrt, was funktionell und strukturell wichtig ist. Klar, daß eine solche Arroganz, ein solches Vertrauen in die eigene serendipity, provoziert.

Das Problem mit den Forschungsobjekten Reichs ist doch, daß sie fast durchweg ziemlich „elusiv“ sind. Gut möglich etwa, daß jemand die Wirkung von Orgonenergie-Akkumulatoren (ORACs) auf Krebsmäuse untersucht, nichts findet und dann ausklamüsert, wie wohl Reich auf seine vermeintlich fehlerhaften Ergebnisse gekommen ist. Ohne daß dieser Jemand je auf den Gedanken kommt, daß seine ORACs zu groß sind; daß es bei ORACs nicht um eine mechanische „Bestrahlung“, sondern um den Kontakt zweier Energiefelder geht, wo es zu einer wechselseitigen „Erstrahlung“ kommt. Das mit der „Erstrahlung“ ist für ihn schon „unbewiesene Metaphysik“ und wenn man ihm sagt, daß er das doch selbst unter dem Mikroskop bei Bionen beobachten, auf der Couch eines Medizinischen Orgonomen erfahren und im ORAC spüren soll: „Bin ich hier in eine Sekte reingeraten?!“ Und wenn man ihm dann gar noch erklären muß, daß heutzutage die meisten ORACs energetisch tot sind und daß er sich doch bitte nach Maine oder Oregon begeben muß, um einen wirklich funktionstüchtigen ORAC zu erleben und daß er am besten dort seine Krebsmäuse-Experimente durchführen soll, aber nur wenn der (rein subjektive) DOR-Index unter „5“ ist…

Ja, wenn das so einfach mit der Orgonbiophysik wäre wie etwa mit der Festkörperphysik… Es ist ähnlich wie bei LSR: keine andere Theorie muß mit „Widerstandanalyse“ arbeiten. Foucault & Co. können ihre Ergebnisse auf den Tisch knallen und vor einem aufgeschlossenen Publikum mehr oder weniger klug darüber diskutieren. Laska kann das nicht!

Ich muß auch ständig an eine Anekdote denken, die Reichs Sekretärin Lois Wyvell beschrieben hat: tagsüber versuchte Reich seinen Mitarbeitern die Orgonbiophysik nahezubringen, die aber ständig ihm gegenüber vorschützten, ihnen fehle dafür die wissenschaftliche Vorbildung. Und was taten sie an den langen Abenden? Sie trafen sich in Dr. Howard Lee Wylies Hütte, der dort unter begeistertem Zuspruch Seminare über Elektronik (sic!) abhielt! Reich hantierte mit elusiven Phänomenen, die nicht anerkannt waren. Wylie mit Transistoren und Widerständen. Alles greifbar und anerkannt. Als Reich das rausfand, ist er natürlich ausgerastet.

Ähnlich Laska: LSR ist angeblich zu ungreifbar und verschwommen – aber „die Leute“ haben unendlich viel Zeit und Geduld, um sich mit verwirrenden (aber „(geistes)wissenschaftlich“ anerkannten) Dingen wie Deleuze und Nietzsche abzugeben. Und dann geifern sie Laska an: er wäre der Obskurantist, der sich mit abwegigen Dingen beschäftigt.