
DER ROTE FADEN (Band 2): 33. Sigmund Freud, Constantin Vlad, Wilhelm Reich
In Ein Wort zum „Pride Month“, oder: Wie operiert das absolut Böse? habe ich mich mit der Funktionsweise der Emotionellen Pest beschäftigt und dabei die ersten beiden Schichten der biophysischen Struktur behandelt: den bioenergetischen Kern und die mittlere bzw. „sekundäre“ Schicht. Was aber gegen das Vorgehen der Emotionellen Pest tun und was ist mit der dritten Schicht, der äußeren Fassade? Die beiden Fragen bedingen einander!
Der Hauptgegner der Emotionellen Pest ist der Spiegel! Du kannst sonstwas für Illusionen über dich selbst haben: ein Blick in den Spiegel, belehrt dich eines Besseren. Aus diesem Grund hassen die Mächtigen auch die Satiriker, die ihnen „einen Spiegel vorhalten“.
Was bedeutet es in einen Spiegel zu schauen? Der Spiegel zeigt die Fassade, die äußere Schicht der Charakterstruktur, und sagt dem bioenergetischen Kern: „Schau, das ist aus Dir geworden!“ Mit anderen Worten: Das hat die die Emotionelle Pest, die in der mittleren („sekundären“) Schicht zwischen Kern und Fassade Struktur gewordene lebensfeindliche Gesellschaft, aus dir gemacht. Du hast dich und alles, wofür du ehemals standst, verraten und verkauft!
Charakteranalyse war von Anfang an nichts anderes als das „Fremdartige“, nicht wirklich zur Person gehörige, also die Neurose auf den Neurotiker zurückzuspiegeln. Das Böse erträgt den Blick in den Spiegel nicht.
[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]
Wäre ich beispielsweise Gesangslehrer, würde ich den Schüler einfach bitten, etwas zu singen, das aufnehmen und ihm das sozusagen „charakteranalytisch“ zurückspiegeln, indem wir uns gemeinsam die Aufnahme anhören. Sodann würde ich ihn fragen, was hier nicht zu seiner Vision von dem paßt, was er erreichen wollte, erstrebt hat. Auf diese Weise würde ich die Hemmung, die ihm sein Leben frustabel macht, d.h. seine individuelle Panzerung ansprechen.
In einem zweiten Schritt würde ich ihn fragen, ob es wirklich seine eigene wahre Vision von Singen, von Performance, ist oder er irgendeiner heteronomen Modeerscheinung aufgesessen ist, mit der er sich nicht wirklich identifizieren kann. Ich würde damit sozusagen die gesellschaftliche Ideologie angehen, die soziale Panzerung.
Im ersten Fall geht es um die Technik, im zweiten um den Stil. Das Ziel meines Unterrichts wäre es, Fassade und Kern wieder miteinander zu verbinden und die sekundäre Schicht in einem Zweifrontenkrieg immer weiter einzuengen und schließlich zu zermalmen.

Das bringt mich zu Marx, demzufolge Arbeit definiert ist als „Vision“ plus Handanlegen, was von vornherein die gesamte Thematik von Arbeitsteilung, Überbau und Unterbau, Produktionsmittel und Produktionsverhältnisse, Klassenbewußtsein und gesellschaftliche Ideologie impliziert. Ich habe in den vorangegangenen Teilen dieser Blogserie versucht darzustellen, daß es sich hier um sozusagen Masken der Stirnerschen Anthropologie handelt: verinnerlichte Hierarchien, Über-Ich, Panzerung.
Bei Freud geht es um das „Ichideal“, d.h. die Vision dessen, was man gerne wäre; womit man sich identifiziert: mit dem heteronomen Vorgaben der Gesellschaft (letztendlich der „schwarzen“ Mittlere Schicht in der obigen Abbildung) oder mit dem autonomen bioenergetischen Kern.
Man wird Eigner seiner selbst, d.h. gewinnt „seine eigene Stimme“, wie man so schön sagt!
In ihrem Aufsatz „No Man Is an Island: The Individual and Society from an Orgonomic Viewpoint“ (The Journal of Orgonomy Vol. 43, No. 1, Spring/Summer 2009, S. 39-55) setzt sich die orgonomische Psychologin Virginia Whitener u.a. mit einem bisher unveröffentlichten Manuskript von Charles Konia aus dem Jahre 2007 auseinander: Functional PaleoAnthropology: The Origin of Human Armor.
Als vor vier oder fünf Millionen Jahren der Vormensch das aufrechte Gehen, seine Sprechwerkzeuge und den opponierbaren Daumen entwickelte, blieb das Gehirn vorerst etwa gleich groß wie zuvor. Die Funktion war zuerst da, die sie „steuernde“ Struktur kam erst später hinzu! Das „Erfassen“ von Gegenständen und das „Erfassen“ von Ideen erregten sich gegenseitig bioenergetisch. Ähnlich beim Sprechapparat: durch die Fähigkeit der Vokalisation entwickelte sich die Sprache und damit das Denken.
Durch die Steigerung der Erregungs- und Wahrnehmungsfunktion erhöhte sich die orgonotische Ladung des Gehirns. In Die kosmische Überlagerung hatte Reich Anfang der 1950er Jahre spekuliert, daß der Mensch sich abgepanzert habe, als er sich seiner Wahrnehmung bewußt wurde, sich selbst zum Objekt seiner Beobachtung machte und darüber strauchelte.
Konia zufolge ist die Vokalisation ein ähnlich wichtiger Faktor, denn mit ihr geriet die Atmung unter bewußte Kontrolle. Durch die „Atemsperre“, den zentralen Mechanismus der Panzerung, konnte der Mensch seine Angst, die mit der Selbstwahrnehmung einherging kontrollieren.
Entsprechend ist es kein Zufall, daß in der Orgontherapie die Sprache eine solch zentrale Rolle spielt („Charakteranalyse“) und je nach der Schwere der Augenpanzerung zuerst diese oder die Atemsperre angegangen wird. Neurotiker verharren in einer festgehaltenen Inspirationshaltung, d.h. die Atmung bleibt panikartig in der Einatmungsphase stecken („Schreckreaktion“), um das vegetative Zentrum mit Energie zu versorgen, während die mit Hingabe und Öffnung verbundene Ausatmung unterdrückt wird. Durch Mobilisierung der geregelten Atmungspulsation in der Orgontherapie soll das Energieniveau auch der Peripherie wieder gehoben werden, um den Schockzustand des Organismus (Kontraktion) und damit die Panzerung beheben zu können.
Nachdem Kontakt („Bewußt-Sein“) hergestellt ist, wird die Atemsperre meist zuerst gelöst (d.h. was die ganze Therapie betrifft, aber auch in jeder einzelnen Sitzung), um den Organismus zunächst einmal energetisch aufzuladen. Das Brustsegment als Sitz von Herz und Lunge bezeichnet Morton Herskowitz als „die hauptsächliche Bewegungsquelle des Energieniveaus des Körpers“ („The Segmental Armoring“, Annals of the Institute for Orgonomic Science, 4(1), September 1987, S. 66-87).
Wenn man diese Überlegungen (insbesondere aber Reichs betreffende Ausführungen in Die kosmische Überlagerung) Revue passieren läßt, wird unvermittelt deutlich, was Orgontherapie imgrunde überhaupt ist: es geht um unsere Existenz als Mensch per se. Nicht einfach wir liegen auf der Matratze: es geht um die Geschichte des Tiers Mensch, um die Spezies Homo sapiens, um die Menschheit und ihr Sein im kosmischen Orgonenergie-Ozean.
Bis vor kurzem glaubte man, daß die Sprache den Menschen auszeichne, doch nachdem man Hunden, Affen und Papageien über das Antippen von Symbolen, Gebärdensprache und Papageien sogar über Vokalisation beachtliche Wortschätze von über tausend Worten beibrachte, also Sprache auf alltäglichem Konversationsniveau, begann selbst diese scheinbar letzte Grenze zu bröckeln. Immerhin gibt es aber eine letzte Hürde, die die menschliche Einmaligkeit sichert: die Grammatik, also die Fähigkeit sich über einfachste kurze Aussagensätze hinaus zu verständigen und abstrakte Sachverhalte darzustellen und zu entwickeln. Was ist Grammatik? Mustererkennung und das selbständige Anwenden dieser Muster, die sich irgendwann in der Sprachgemeinschaft herauskristallisiert haben.
Interessanterweise entstehen ständig neue Sprachen („Pidgin“), etwas auf Neuguinea, wenn vorher isolierte Völker sich etwa auf Indonesisch und Englisch verständigen müssen. Es ist immer wieder faszinierend, wie sich, ohne daß es eine erkennbare „Führung“ gibt, spontan eine vollkommen neue Grammatik herausbildet, die manchmal gar nichts mehr mit den Ursprungssprachen zu tun hat. Das ist wirklich ein Wunder der Arbeitsdemokratie: die organische Selbstorganisation der Gesellschaft. Bewußtsein ist untrennbar mit unserer Existenz als Gruppenwesen verbunden.
Wir kontrollieren unsere Atmung, um sprechen zu können – und legen damit die Grundlage unserer Panzerung. Und wir filtern die Welt durch ein Netz von Regeln – und legen damit die Grundlage der Emotionellen Pest („Vor-Urteile“). Berühmt ist Nietzsches Satz aus der Götzen-Dämmerung, wir würden Gott solange nicht los, wie wir noch an die Grammatik glaubten. Das letztere versucht die woke Sprache aufzuheben, indem die Gesetze der Grammatik systematisch zerstört werden, um ja niemanden irgendwelche „Muster“ überzustülpen. Das ganze erinnert an Wittgenstein, an Zen und nicht zuletzt an Stirner, d.h. die angestrebte Rückkehr zum authentischen „unsagbaren“ Ich, indem man die Sprache (und damit letztendlich die Panzerung) selbst überwindet.
Stirner antwortete seinen Kritikern:
Stirner nennt den Einzigen und sagt zugleich: Namen nennen dich nicht; er spricht ihn aus, indem er ihn den Einzigen nennt, und fügt doch hinzu, der Einzige sei nur ein Name; er meint also etwas anderes als er sagt, wie etwa derjenige, der dich Ludwig nennt, nicht einen Ludwig überhaupt, sondern dich meint, für den er kein Wort hat.
Was Stirner sagt, ist ein Wort, ein Gedanke, ein Begriff; was er meint, ist kein Wort, kein Gedanke, kein Begriff. Was er sagt, ist nicht das Gemeinte, und was er meint, ist unsagbar.