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Emotionen sprechen lauter als Worte (Teil 1)

28. Januar 2019

Eine Einführung in die klinische Theorie der Orgonomie mit einer Diskussion einiger paralleler Funde in der modernen Neurowissenschaft und Psychotherapie von David Holbrook, M.D.

 

Die Orgonomie ist ein Zweig der Wissenschaft, der Emotionen sowie andere Aspekte der Energiebewegung in der Natur untersucht. Der Begriff „Orgonomie“ hat die gleiche Wortwurzel wie „Organismus“ und „organisch“. Orgonomische Phänomene wurden ursprünglich von dem Psychiater und Wissenschaftler Wilhelm Reich entdeckt und beschrieben, der von 1897 bis 1957 lebte. Reich absolvierte seine Ausbildung bei Sigmund Freud und wurde von Dr. Freud als einer seiner brillantesten Schüler betrachtet. Als Psychiater richtete sich Reichs Interesse nicht nur auf die einzelnen psychologischen Symptome, sondern auch auf die umfassenden charakteristischen Funktionsweisen jedes Patienten, die er als dessen „Charakter“ bezeichnete. In seinem Buch Character Analysis (1949) stellte er fest, daß sich die Menschen nicht nur durch ihre Worte ausdrücken, sondern auch indirekt durch ihre charakteristischen Einstellungen und Verhaltensweisen sowie durch nonverbale Aspekte des Ausdrucks wie Körpersprache und andere verwandte Phänomene, wie zum Beispiel Tonfall und Gesichtsausdruck. Auf diese Weise stellte er den verbalen Ausdruck, den er als „Wortsprache“ bezeichnete, all diesen anderen nonverbalen Aspekten des Ausdrucks gegenüber, die er als „Ausdruckssprache“ bezeichnete. Alle Tiere zeigen eine Ausdruckssprache, während die Wortsprache einzigartig für den Menschen ist. Reich entwickelte Wege, um den Patienten auf dessen nonverbale Ausdruckssprache aufmerksam zu machen. Dabei wurde nicht nur auf die Körpersprache hingewiesen, sondern auch auf psychologische Einstellungen, die vom Patienten möglicherweise nicht verbal formuliert wurden, die aber dennoch offensichtlich waren.

Wir alle erfahren diese nicht verbalisierten Einstellungen täglich von jedem, mit dem wir interagieren. Unter normalen Umständen bieten diese Einstellungen und andere Aspekte des nonverbalen Ausdrucks einen Kontext für verbale Kommunikation und ergänzen die verbale Botschaft. Manchmal widerspricht die nonverbale Botschaft der verbalen Nachricht. Zum Beispiel könnte man „Ich liebe dich“ in einem aufrichtigen Ton sagen oder mit einem unaufrichtigen, sarkastischen Ton und Gesichtsausdruck. Gleiche Worte, unterschiedliche Botschaften. In diesem und anderen Beispielen übertrumpft die emotionale Botschaft die verbale. In der Tat wirkt die emotionale Botschaft in gewisser Weise auf einer anderen Ebene als Worte und kann von Person zu Person ohne bewußte Aufmerksamkeit oder bewußte Absicht beider Parteien übertragen werden.

Diese unbewußten Einstellungen oder Ausdrücke oder körperlichen Haltungen können im Laufe der Zeit chronisch geworden sein und die Person kann allmählich das Bewußtsein für sie verloren haben. Diese Phänomene nahmen ein Eigenleben an und waren weiterhin präsent, jedoch außerhalb des Bewußtseins. Der psychologische Aspekt dieser nonverbalen Botschaften oder Einstellungen, derer sich die Menschen nicht bewußt sind, wurde von Reich als „Charakterpanzer“ bezeichnet. Er nannte es „Panzer, weil das Wegdrücken dieser Einstellungen aus dem Bewußtsein einer psychologischen Abwehrfunktion dient, genau wie eine Art Panzer. Reich prägte den Begriff „Charakteranalyse“, um seine Methode zu bezeichnen, den Charakterpanzer des Patienten bewußt zu machen.

Neben den nonverbalen Aspekten der Kommunikation spiegelt sich der Charakterpanzer auch in der Qualität der Denkprozesse der Person sowie im Inhalt der Sprache der Person wider. Die traditionelle psychoanalytische Behandlung konzentriert sich in erster Linie auf die Interpretation verbaler Inhalte, während die Charakteranalyse, die ursprünglich als Ausarbeitung psychoanalytischer Techniken entwickelt wurde, den gesamten Charakter des Individuums einschließlich der nonverbalen Aspekte seines Ausdrucks in den Mittelpunkt stellt. Die Charakteranalyse beinhaltet daher, daß der Therapeut sowohl das nonverbale Verhalten des Patienten als auch manchmal den verbalen Inhalt oder die Qualität bzw. den Untertext der Kommunikation des Patienten verbal kommentiert.

Schließlich wurde Reich bewußt, daß diese Einstellungen nicht nur im unbewußten, emotionalen Geist des Patienten und somit im nonverbalen Ausdruck, der die Einstellungen und verbalen Produktionen des Patienten begleitet, verankert sind, sondern auch, daß der Panzer in Form einer chronischen Spannung tiefer im Körper auftritt, was Reich als „muskulären Panzer“ bezeichnete. Ein allgemeinerer Begriff wäre „somatischer Panzer“, da der Panzerungsprozeß neben Muskeln auch andere Organsysteme und Gewebe betreffen kann. Diese körperliche Verankerung von Einstellungen spiegelt sich in der Alltagssprache wider, z. B. „er ist ein Arschloch“ [he’s a hard-ass] oder „sie hat eine rigide Einstellung“ [she has a stiff-necked attitude]. Menschen erleben Emotionen nicht nur psychisch, sondern auch körperlich, was beispielsweise zu Kopfschmerzen oder zu einer Magenverstimmung führt. Dies tritt noch häufiger bei Kindern auf, deren Fähigkeit, Gefühle in Worte zu fassen, im allgemeinen eingeschränkter ist. In der Tat kommt manchmal der erste Hinweis, daß man auf etwas emotional reagiert, aus dem eigenen Körper, nicht nur aus dem eigenen bewußten Geist, zumindest nicht nur aus dem Gehirn. Man hat zum Beispiel ein „Bauchgefühl“. Erst später tritt einem vors Bewußtsein, worauf man reagiert oder was man „fühlt“. Ein Gefühl kann eine Emotion ohne begleitenden Gedanken sein oder ein Gefühl kann eine Kombination aus Emotionen und bewußten Gedanken sein.

Es gibt ein Wechselspiel zwischen den Gebieten des Verbalen und Nonverbalen und dem somatischen Bereich. Das Gebiet des Verbalen umfaßt beispielsweise den somatischen Bereich, weil Sprechen ein somatischer Akt ist, der Lippen, Mund, Zunge, Kiefermuskeln, Kehlkopf, Lunge und Zwerchfell umfaßt. Tatsächlich kann der gesamte Körper auf die eine oder andere Weise am physischen Akt des Sprechens teilhaben. Darüber hinaus sind Emotionen körperliche und gleichzeitig psychologische Phänomene. In dieser Hinsicht gibt es also eine Einheit von Körper und Geist.

Reich entwickelte einen Weg, um den muskulären Panzer zu verstehen und zu bearbeiten. Er brachte den Patienten entweder dazu durch Atmen oder Treten oder Schlagen oder auf andere Weise die Anspannung zu lösen und damit die zugrundeliegende Emotion loszulassen, oder er bearbeitete die Muskelspannung des Patienten auch mit seinen eigenen Händen und löste so die Anspannung und befreite die zugrundeliegende Emotion manuell. Dieser Ansatz wird in der Orgonomie oft als „biophysikalische“ Arbeit bezeichnet, die im Gegensatz zur Charakteranalyse, die eine verbale Technik ist, eine nonverbale therapeutische Technik ist. Interessanterweise kann ein Therapeut aufgrund der Art der Wechselbeziehungen zwischen Geist und Körper durch eine der beiden Techniken – biophysikalische Arbeit oder Charakteranalyse – sowohl auf den Körper als auch auf den Geist Einfluß nehmen.

 

Dieser Text aus dem Jahre 2013 wurde mit Genehmigung von Dr. Holbrook seiner Facebook-Seite entnommen und übersetzt.

Wilhelm Reich in Norwegen

26. September 2015

Gastbeitrag von Robert (Berlin)

Review:
Mitchel G. Ash (Hrsg.)
Psychoanalyse in totalitären und autoritären Regimen
Brandes & Apsel Verlag, Frankfurt a. M. 2010

Kapitel:
Håvard Friis Nilsen: Widerstand in der Therapie und im Krieg 1933 – 1945 – Die Psychoanalyse vor und während der Besatzung Norwegens durch die Nationalsozialisten (S.176 – 210)

Der folgende Aufsatz wird von mir nur in Bezug auf W. Reich referiert, andere Themen werden beiseitegelassen.

Bisher war nicht bekannt, dass der norwegische Vasall des Hitlerfaschismus, Vidkun Quisling, sich direkt zu Reich geäußert hätte. Durch die neuere Forschung wird aber immer klarer, dass Reich in den Ländern, in denen er sich aufhielt, eine maßgebliche Rolle spielte. In einer Rede von 28. März 1941 äußerte sich Quisling folgenderweise: „Die Psychoanalyse [sei] eine Erfindung des Juden Freud“, Reich ein eingeschleuster „sexualpornografische(r) Psychoanalytiker“, der vom „jüdischen Geist durchtränkt“ wäre. Er meinte, Reich sei „ein jüdischer Pornograf und Pseudo-Wissenschaftler“, der – so offenbar der Eindruck von Quisling – „von allen Seiten als ein Mann mit neuen, fruchtbaren Ideen aufgenommen worden“ sei. Noch spannender wird dessen Ansicht, wenn er behauptet, dass Reich an der Universität „geherrscht“ habe, von „dekadenten Intellektuellen gepriesen und von der regierenden Partei (den Sozialisten) bejubelt“ worden sei. Auch wenn wir manches als propagandistische Übertreibung ansehen müssen, wird doch ein Teil der Wahrheit entsprechen.

Nilsen meint, dass die Psychoanalyse – mehr als in anderen Ländern – in Norwegen politisiert gewesen wäre, wobei Harald Schjelderup, ein Anhänger Reichs, eine maßgebliche Rolle spielte. „Schjelderup vertrat die Ansicht, Wilhelm Reichs Charakteranalyse sei die bislang beste Arbeit über psychoanalytische Therapie und Reichs therapeutische Neuerungen, speziell betreffend das Thema Widerstand, seien … bahnbrechend(…).“ Schjelderup war es auch, der Reich dazu bewog, nach Norwegen zu kommen.

Schjelderup erlebte, wie Reich 1934 in Luzern offiziell aus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV) ausgeschlossen wurde. Wie inzwischen bekannt, ging man in der linken Psychoanalyse zuerst davon aus, dass Reich sich der skandinavischen Gruppe anschließen könnte. Als Voraussetzung für die Anerkennung dieser Gruppe in der IPV sollte jedoch jeglicher Kontakt zu Reich und seinen Schülern eingestellt werden. „Harald Schjelderup, Ola Raknes und Nic Hoel wollten diese Forderung grundsätzlich nicht akzeptieren. Seit sie Reich in Berlin kennengelernt hatten, waren sie von seiner Idee der Bedeutung des Körpers für die Analyse fasziniert, und die Art und Weise, wie Reich behandelt wurde, empörte sie.“

Auch Nic Hoel verteidigte Reich auf dem Luzerner Kongress. Sie sprach auf dem Kongress direkt zu den Zuhörern. „Laut Nic Hoel waren die Argumente der IPV gegen Reich defensiv und alles andere als überzeugend: »Die Argumentation eines Teils des Vorstands bezog sich nicht darauf, dass Reich Kommunist oder ‚Häretiker‘ war, sondern darauf, dass er aus psychoanalytischem klinischem Material gesellschaftliche Schlüsse zog.«“ W. Reich war sehr zufrieden, dass ihn Schjelderup trotz anderer politischer Ansichten unterstützte – und zwar mehr als seine marxistischen Kollegen. Ein Vorgriff auf spätere Erfahrungen mit Marxisten, die ihn verrieten oder bekämpften. Schjelderups Unterstützung war auch im Gegensatz zu der der marxistischen Psychoanalytiker kein Lippenbekenntnis, sondern Ausdruck seiner Hochachtung vor Reichs wissenschaftlicher Arbeit.

Nach dem Luzerner Kongress zog Reich auf offizieller Einladung von Schjelderup im Oktober 1934 nach Norwegen.

Nilsen ist der Ansicht, dass Reich seine Experimente aufgrund derselben Einstellung wie Schjelderup durchführte: „Schjelderup und Reich teilten wichtige Ansichten: Beide waren skeptisch, was die neuen spekulativen Tendenzen der Psychoanalyse anbelangte, und beide fühlten sich dem Empirismus verpflichtet. Außerdem teilte Schjelderup die Ansicht, die Reich in der Diskussion über Laienanalyse vertreten hatte: Die Psychoanalyse sei eine klinische Spezialdisziplin und der Medizin zuzuordnen. (…)

Schjelderup nahm Reichs Charakteranalyse ebenso wie die folgenden Arbeiten, die in Richtung Vegetotherapie wiesen, zur Gänze an. Für ihn war Reich der wichtigste Pionier, wenn es darum ging, die Psychoanalyse zu einem stärker empirisch orientierten Fach zu machen, und er lobte Reichs Beitrag (…) öffentlich sowohl in wissenschaftlichen Vorträgen als auch bei internationalen Konferenzen.“

In einem Artikel von 1936 war Schjelderup war der Ansicht, „…dass Reichs neue Charakteranalysetechnik ein neues Zeitalter der Psychologie einläuten könnte:
»Es ist nicht länger der Traum, sondern das Verhalten, das den Königsweg, die Via Regia, zum Unbewußten darstellt. […] Ich verweise interessierte Leser auf Reichs Arbeiten Charakteranalyse und Psychischer Kontakt und vegetative Strömung. Meiner Meinung nach repräsentiert Reichs Charakteranalyse den wichtigsten Fortschritt in der Psychotherapie seit Freud.«

Aus diesem Artikel geht klar hervor, dass Reich von Schjelderup nicht etwa als freundliche Geste in politisch schwierigen Zeiten nach Norwegen eingeladen worden war.“

„Das widerspricht allen bisherigen Darstellungen der Geschichte der Psychoanalyse in Norwegen, die Schjelderup Skepsis gegenüber Reich in den Vordergrund gestellt hatten.“ Hier ist besonders R. Alnæs zu nennen, der häufig in deutschen Publikationen zum Thema zitiert wird.

Schjelderup hoffte mit Hilfe von Reichs Charakteranalyse den Brückenschlag zur „Mainstream-Psychologie in Form des Behaviorismus“ schlagen zu können und damit „einen Beitrag zur wissenschaftlichen Akzeptanz der Psychoanalyse“ zu leisten.

In Bezug auf Reichs „Forschungsprojekt“ zur „Erforschung vieler psychoanalytischer Grundsätze im Lichte anderer Wissenschaften wie der Physiologie und der Zellbiologie“ konstruiert Nilsen allerdings eine Chronologie der Ereignisse. „Reichs so genannte Bionen-Experimente und das später folgende Orgon-Konzept, das er in Oslo entwickelte, wurden zur damaligen Zeit von der Wissenschaft abgelehnt.“ Nebenbei sei festgestellt, dass die Psychoanalytiker zwar ständig behaupten, Reich hätte wissenschaftlichen Humbug betrieben, aber selbst sich nie die Mühe machen, dies auch wissenschaftlich zu belegen, mit der Begründung, Reichs Hypothesen und Experimente wären an sich unwissenschaftlich, so als wären die Psychoanalytiker an sich Experten in Physiologie oder Mikrobiologie.

Zwar ist es richtig, dass Reich schon in Norwegen eine Lebensenergie postulierte, aber die Orgon-Energie benannte er erst am Schluss seines Aufenthalts in Norwegen.

Trotz dieser Ablehnung führte „Reichs Einfluss (…) dazu, dass die norwegische Psychoanalyse die Standardtherapie um die Berücksichtigung von Körpersprache, Muskelspannungen, Gesichtsausdruck, Tonfall, Atmungsweise (…) anreicherte.“

Dann geht Nilsen auf Nic Waal näher ein. Er schreibt: „Sowohl Nic als auch Sigurd Hoel zählten während Wilhelm Reichs Aufenthalts in Norwegen zu seinen engsten Freunden und Kollegen.“ Zu den weiteren Freunden zählt Nilsen Arnulf Øverland, der „ein berühmter Autor, Dichter und Herausgeber [und] …neben Sigurd Hoel der wichtigste Exponent und Pionier des Freudianismus in der Literatur war; er stand Reich auch während dessen Aufenthalt in Oslo nahe. Das Gedicht »Du sollst nicht schlafen«, das erstmals in Wilhelm Reichs Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualtheorie erschien, beschreibt einen Traum und stellt Øverlands Treue zur Psychoanalyse von Anfang an unter Beweis. […]

Reich, der ob der mangelnden Ernsthaftigkeit der Norweger und ihrer Ignoranz gegenüber dem Extremismus und der Gefahr, die das Hitler-Regimedarstellte, tief verärgert war, ließ Øverlands Gedicht stolz auf der ersten Seite seines Journals abdrucken – ein Text, der mehr bewirkte als jeder Leitartikel.“

Hier ist anzumerken, dass Reichs Journal Zeitschrift für politische Psychologie und Sexualökonomie (und nicht „Sexualtheorie“ wie Freuds Buch von 1905) hieß.

Bevor Reich Norwegen verließ, kam es zu schweren Spannungen zwischen ihm und Schjelderup. Wahrscheinlich Ende September 1939 schrieb er einen Brief an Schjelderup, „…in dem er ihm mitteilte, dass es Schjelderup nicht länger erlaubt sei, die Begriffe »Charakteranalyse« oder »Vegetotherapie« zu verwenden, da diese seine, Reichs, Erfindungen seien und nur in Zusammenarbeit mit ihm angewendet werden dürften. Reichs bitterer Tonfall war Ausdruck seines Gefühls, von Schjelderup verraten worden zu sein, doch Schjelderup war seinerseits ebenso frustriert von der Art und Weise…“, wie Reich seine Reputation und die der Psychoanalyse durch seine Öffentlichkeitsarbeit geschadet hatte. Schjelderup sah sich gezwungen, wegen Reichs schlechtem Ruf sich von ihm in der Öffentlichkeit zu distanzieren. 1940 veröffentlichte er ein Buch Neurosen und der neurotische Charakter mit Angriffen auf „… den Reichschen Sexualismus und seine Überzeugung, eine befreite Sexualität sei das Allheilmittel gegen sämtliche Neurosen.“ Um sich in der Öffentlichkeit von Reich reinzuwaschen, unterstellte er ihm Positionen, die er gar nicht vertrat, während er therapeutisch weiter mit Reichs Charakteranalyse arbeitete. Während Hoel ihm von der Veröffentlichung während und wegen der deutschen Besetzung abriet, auch weil die darin Kritisierten sich nicht mehr dazu äußern konnten, weil sie auf der Flucht waren, wurde Schjelderup vom prodeutschen Hitleranhänger Klaus Hansen ermuntert, das Buch zu veröffentlichen – was dann auch geschah. Hoel brach daraufhin die Beziehung zu Schjelderup ab, der allerdings in einer Widerstandsgruppe an der Universität mitmachte. Am 15. Oktober 1943 kam er deswegen in ein Konzentrationslager in der Nähe zu Oslo, was er knapp überlebte.

Ein weiterer Anhänger Reichs war Nina Hasvold. Sie stammte ursprünglich aus St. Petersburg, war Kindergärtnerin und ließ sich psychoanalytisch ausbilden. Sie besuchte Reichs Seminare in Berlin und zog 1936 nach Norwegen. Dort bekam sie eine zweijährige Charakteranalyse durch Nic Waal. Sie leitete ein Kinderheim für jüdische Flüchtlingskinder, manche kamen aus kommunistischen Familien. Nach der deutschen Besatzung rettete sie die Kinder in einer verwegenen Flucht nach Schweden.

Ob Hasvold in der ZPPS mitschrieb, wäre m. E. noch zu klären. Ebenso ist ungeklärt, ob Reich bei der Rettung der Kinder aus Deutschland 1938 mitwirkte.

Interessant ist ebenso, dass Trygve Braatøy, Ola Raknes und Sigurd Hoel nach Schweden flüchteten.

Nach dem Krieg verhinderte der ehemalige Einfluss Reichs den Anschluss der Norweger an die IPV. Erst nach dem Tod von Schjelderup 1975 wurde die norwegische Vereinigung in die IPV aufgenommen.

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Die Panzersegmente (Teil 1): Der Augenpanzer

5. November 2014

Das Auge ist keine tote Kamera, wie wir im „Biologie“-Unterricht gelernt haben, sondern ein lebendiges Organ, dessen Funktionieren in jeder Hinsicht von Bewegung abhängt.

Der Neurologen Michele Rucci (University of Boston) zufolge stehen die Augen beim „Fixieren“ eines Objekts keineswegs still, sondern bewegen sich unwillkürlich hin und her. Werden diese Augenbewegungen in einer entsprechenden Versuchsanordnung kompensiert, kann der Proband feine Details schlechter wahrnehmen.

Sehen funktioniere nicht wie bei einer Kamera, mit der ein Bild aufgenommen und anschließend analysiert wird, sondern der eigentliche Prozeß des Schauens beeinflusse, was man sehe, erklärt Michele Rucci.

Leuten, die mit Pferden zu tun haben, wird Michael Geitners Methode der „Dual-Aktivierung“ ein Begriff sein. Mit ihr lassen sich Probleme wie Schreckhaftigkeit, Schwierigkeiten beim Verladen, Bewegungsschwächen und Taktfehler in den Griff bekommen. Geitner hat denkbar einfache Übungen entwickelt, die das Pferd dazu zwingen, Reize gleichzeitig mit beiden Augen zu verarbeiten und von beiden Seiten zu erfassen.

Diese Methode erinnert an EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) zur Behandlung des posttraumatischen Streßsyndroms beim Menschen. Beim EMDR folgt, ähnlich wie in der klassischen Orgontherapie, der Blick des Patienten dem Finger des Arztes, der vor seinen Augen hin und her geführt wird, während der Patient die auslösende Situation seines Traumas innerlich visualisiert. In der Orgontherapie wird zur weiteren Stimulierung des Augensegments eine Penlight-Taschenlampe benutzt.

In einem ganz anderen Zusammenhang kann man Augenpanzerung bei Hunden beobachten. Hunde sind uns gewisserweise näher als unsere nahsten genetischen Verwandten, die Schimpansen. Hunde können nämlich unseren Gesichtsausdruck weit besser deuten als jeder Menschenaffe.

Seit geraumer Zeit ist der Golden Retriever „Modehund“. Um die ungeheure Nachfrage zu decken, nimmt man es mit der Zucht nicht so genau, so daß vermehrt die Produkte von Inzucht auf den Markt kommen. Ein Kennzeichen der Inzucht sind neben körperlicher Krankheitsanfälligkeit psychische Auffälligkeiten, insbesondere die sogenannte „Retriever-Wut“, die man auch als “Mental lapse syndrome“ bezeichnet. In einem entsprechenden Forum heißt es dazu:

Die Sudden Onset Aggression äußert sich in plötzlicher und unvorhersehbarer anfallsartiger Aggression. Das Verhalten tritt völlig unprovoziert und unkontrollierbar auf. Die Hunde machen dabei einen abwesenden Eindruck und greifen Personen (…) an. Dabei erscheinen die Augen des Tieres häufig glasig und die Pupillen sind weit dilatiert.

Es ist extrem wichtig, ein Gefühl für okulare Panzerung zu gewinnen, da groteskerweise ausgerechnet sogenannte „Reichianer“ ganz besonders darunter leiden. Das liegt daran, daß in den sogenannten „Körperpsychotherapien“ oder gar „Körpertherapien“ die Panzerung des Augensegments vernachlässigt wird.

Resultat sind dann Menschen, deren Stirn unbeweglich ist und die, was besonders gruselig wirkt, kaum die Augenlider bewegen. Einer der lebensnotwendigen Grundreflexe!

Durch Zufall bin ich auf folgendes Video gestoßen. Eine interne Werbesendung der Sekte „Scientology“. Was dort gesagt wird, ist vollkommen gleichgültig (es geht um die Mobilisierung der Mitglieder). Wichtig sind nur die starren Augen. Es wirkt so, als wären diese Leute in einer ständigen Hypnose.

Dieser Ausdruck erinnert mich an die „Sehmänner“, wenn sie, lange vor dem Video- und schließlich Internetzeitalter, die Sexkinos und Sexshows auf Sankt Pauli verließen. Sie hatten genau den gleichen „Energiestau“ in den Augen, den gleichen Ausdruck. Es war sogar exakt das gleiche stagnierte und „schmutzige“ Gefühl, das ihr Augensegment vermittelte: DOR!

Hier ein weiteres Video, das Scientologen zeigt, bei denen diese „schmutzige“ okulare Panzerung extrem ausgeprägt ist. Interessanterweise sind sie auch voller schmutziger Gedanken:

Das traurige dabei ist, daß wir alle bis zu einem gewissen Grade an dieser Panzerung leiden. Der erste Schritt zur Freiheit besteht darin, sich dessen in sich selbst und bei seinen Mitmenschen bewußt zu werden. Kontakt!

Wie sich diese Panzerung von innen her anfühlt, beschreibt eine Frau, nachdem sie sich von Scientology befreien konnte, wie folgt:

Mir kommt es vor, als hätte ich bisher alles durch eine geriffelte Milchglasscheibe wahrgenommen, die sich plötzlich beiseite schiebt, was ich erst jetzt bemerke, wo sie verschwindet. Ich muß meinen Kopf richtig schütteln, aber es bleibt, wie es ist. Ich bin so verwundert, daß ich mich richtig umschauen muß. Alles ist wie vorher, und doch sieht auf einmal alles anders aus – klarer, deutlicher. Was war denn bloß los? Auch mein ganzer Körper fühlt sich anders an, konkreter, leichter, besser. (Anonymus: Entkommen. Eine Ex-Scientologin erzählt, Reinbek bei Hamburg 1993, S. 187)

Wir alle leben in einem derartigen depersonalisierten Trancezustand, in solch einer Nebelwelt, mit fremden, tauben, schweren Körpern. Es ist die gepanzerte, die kontaktlose Welt.

Seit einigen Jahren spritzen Schönheitschirurgen das altbekannte Nervengift Botulinus, um Gesichtsmuskeln lahmzulegen und auf diese Weise Falten zu beseitigen. Als willkommener Nebeneffekt stellte sich ein, daß bei den Klientinnen Kopfschmerzen verschwanden. Selbst bei hoffnungslosen Fällen von Migräne half das Botulinustoxin („Botox“). Die direkte Wirkung hält nur wenige Monate an, dann sind die neuro-muskulären Endplatten wieder toxinfrei und die Muskeln verkrampfen erneut, aber auch danach kehrten die Kopfschmerzen nicht oder nur in einem geringeren Umfang zurück.

In den letzten Jahren haben sich Forschungsergebnisse akkumuliert, die diese anekdotischen Berichte bestätigt haben. Seit 2011 wird Botox offiziell als Mittel gegen Migräne eingesetzt. Siehe dazu den Stern-Artikel mit der Überschrift „Bakteriengift löst verkrampfte Muskeln“.

Die New York Times meinte bereits 2003, es sei vielleicht übertrieben Botox, das ja auch ein von Bakterien stammendes Naturprodukt ist, als „das Penizillin des 21. Jahrhunderts“ zu bezeichnen, aber immerhin sei es denkbar breit einsetzbar: z.B. bei Gesichtszuckungen, Stottern, um Patienten mit verkrampften Stimmbändern ihre Stimme zurückzugeben, Tennisellenbogen, Karpaltunnel-Syndrom, Schreibkrampf; im Magenbereich zur Bekämpfung von Fettsucht und Geschwüren, Schmerzen im unteren Rückenbereich, Inkontinenz, Vaginismus; bei Lähmungen nach einem Schlaganfall und bei Klumpfüßen von Neugeborenen.

Tatsächlich ist Botox eine zweischneidige Sache.

Erstens bestätigt es erneut Reichs Theorie, daß emotionale und psychosomatische Störungen, etwa die Migräne, auf chronische Muskelverspannungen zurückgehen, die wir nicht willkürlich steuern können, sondern denen wir (ohne die Hilfe eines Orgontherapeuten) auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind.

Andererseits zeigt der Schutzmechanismus Panzerung, daß wir einen funktionierenden Energieapparat haben. Im Endstadium der Krebserkrankung, die durch eine energetische Schrumpfung gekennzeichnet ist, und ganz allgemein beim Sterbensprozeß, hört die Energieproduktion auf und entsprechend löst sich auch unsere Panzerung auf. (Siehe dazu Reichs Der Krebs.) Gleichzeitig sind die Patienten bemerkenswert gelassen und angstfrei. Das, was sich auf den ersten Blick positiv anhört, ist eine Tragödie, denn sie bedeutet, daß das Leben in uns erstirbt: Tote haben keine Panzerung.

Wenn man sich die leeren, bewegungslosen, puppenhaften Gesichter von Hollywoodstars (angebliche Schauspieler!) und neuerdings sogar von Politikern anschaut, – es sind Totenmasken. Dort wo die Muskeln sich nicht mehr bewegen können, gibt es auch keine Emotionen mehr. Das Ende ist nahe, die Zombies übernehmen die Weltherrschaft!

Es gibt einen ganzen Kulturbereich, in der erstarrte Gesichtszüge seit jeher gang und gäbe sind:

In Der politische Irrationalismus aus Sicht der Orgonomie habe ich kurz Hans Hass‚ „Expedition zum Menschentier“ beschrieben. Dabei stellte sich heraus, daß, je nachdem es sich um mehr oder weniger „wilde“ (bzw. „indigene“), domestizierte oder „verwestlichte“ Menschentiere handelt, insbesondere der Gesichtsausdruck signifikant unterschiedlich ist: ungepanzert und offen (wie in indigenen Gesellschaften), gepanzert und erstarrt (wie in den asiatischen Gesellschaften) oder gepanzert und manipulativ (wie in den „aufgeklärten“ westlichen Gesellschaften).

Ein internationales Psychologen-Team um Takahiko Masuda (University of Alberta, Edmonton) zeigte japanischen und amerikanischen Testpersonen Darstellungen von Gesichtern, die diese am Computer so manipulieren konnten, daß die Münder und die Augen unterschiedliche Gefühle ausdrückten. Dabei stellte sich heraus, daß für die Japaner der Augenausdruck, für die Amerikaner die Mundstellung das entscheidende Kriterium für den Gefühlsausdruck ist.

Der kulturelle Unterschied wird etwa anhand der „Emoticons“ deutlich: in Japan schreibt man nicht, wie auf der linken, sondern wie auf der rechten Seite:

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Takahiko Masudas Studien wurden durch Ryo Oda vom japanischen Nagoya Institute of Technology bestätigt.

Er fand mit Hilfe des so genannten „Vertrauensspiels“, daß unsoziale Einstellungen unmittelbar an der Mimik ablesbar sind. Bei Paaren von Probanden trat einer als Verteiler auf, dessen Aufgabe darin bestand, einen bestimmten Geldbetrag zwischen sich und seinem Partner aufzuteilen. Der Empfänger hatte die Option, das Spiel abzubrechen, wenn er kein Vertrauen in den Verteiler hatte. In diesem Fall erhielt der Empfänger vom neutralen Spielleiter einen relativ geringen Fixbetrag.

Oda hatte vorher per psychologischer Tests fünf reine Egoisten und fünf reine Altruisten ausgesucht, die als Verteiler agieren sollten, während 40 Studenten als Empfänger fungierten. Vor dem Spiel schauten sich die Studenten ein tonloses Video an, in dem sich die Verteiler vorstellten.

Im Schnitt brachten die Studenten den Altruisten mehr Vertrauen entgegen. Die beiden gegensätzlichen Charaktereigenschaften waren also an der Mimik erkennbar.

Oda hat (…) herausgefunden, daß freundlich gestimmte Altruisten öfter das Duchenne-Lächeln im Gesicht tragen. Dabei handelt es sich um das Gegenstück zum affektierten „Cheese!“ – ein natürliches, willentlich kaum kontrollierbares Lächeln, das eben nicht nur die Mundregion betrifft, sondern auch die Augen. Das könnte zumindest ein Anhaltspunkt sein, anhand dessen wir selbstlose und selbstsüchtige Menschen unterscheiden, vermutet Oda.

Asiaten haben die kulturspezifische Eigenheit, daß sie beim Interpretieren von Gesichtsausdrücken einseitig auf die Augen fixiert sind, weshalb es ihnen Schwierigkeiten bereitet emotionale Ausdrücke korrekt zuzuordnen. In den Augen ähneln sich die Ausdrücke für Angst und Überraschung sowie Ekel und Ärger so stark, daß Asiaten sie immer wieder verwechseln. Europäer hingegen haben keine Schwierigkeiten die unterschiedlichen Emotionen auseinanderzuhalten, weil sie ihren Blick gleichmäßig über das gesamte Gesicht schweifen lassen.

Jerome Eden über die Emotionelle Pest (Teil 2)

24. Mai 2014

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In der Broschüre The Emotional Plague vs. Orgonomic UFOlogy veröffentlichte Jerome Eden den Aufsatz „Wie man die Emotionelle Pest erkennt“ (PPCC BULLETIN, Vol. 8, No. 2, April 1981, S. 35-38).