Archive for the ‘Psychologie’ Category

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 49)

15. Februar 2023

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Peter Sichrovsky: Der Antifa-Komplex, München 1999. Mich interessierte das Buch, weil es von einem stammt, der erst Freund von Bubis und dann von Haider war. Offenbar ein freier Geist, der von allen gehaßt wird. Und dann ist da noch die kurze Literatur-Liste am Ende des Buches, wo Reichs Massenpsychologie des Faschismus (Köln 1997) auftaucht. Ich war gespannt, wie Sichrovsky diese Lektüre verarbeitet hat. Reich kam nicht vor, nur der Vollständigkeit halber erwähnte „psychonalytische Erklärungsansätze“ und Erich Fromm. Bis ich schließlich über den einzigen wirren Absatz im ansonsten sehr klar geschriebenen Buch stieß. Er schweigt über Reich, aber ausgerechnet an der Stelle, wo es um die LSR-Problematik geht (Über-Ich und „Unbehagen in der Kultur“), kommt er ins kaum nachvollziehbare Stottern:

Einige wenige – jedoch sehr lautstarke – Nachkommen der Täter versuchten den übertragenen väterlichen Schuldkomplex in eine Aggressivität gegen potentielle alte und neue Täter umzusetzen. Während das Schuldbewußtsein als die Differenz des Kulturanspruchs von Über-Ich und Ich die Antifa-Generation nicht weiter beschäftigte, quälte sie das Schuldgefühl als ein Unbehagen, das sich infolge der vom Kulturanspruch geforderten Triebunterdrückung einstellt und anhält, solange dieser Anspruch in Geltung ist. Die antifaschistische Generation vor allem in Deutschland kämpfte somit von Beginn an einen hoffnungslosen Ersatzkrieg, den ihre eigenen Vorfahren bewußt versäumt hatten. (S. 132)

Interessant wie einerseits Sichrovsky (Der Antifa-Komplex, S. 97) auf Edgar Alexanders Buch Der Mythus Hitler von 1937 reagiert, nämlich ganz in Übereinstimmung mit dem Katholen Alexander – und wie Reich reagierte: „M.“ (Karl Teschitz = Karl Motesiczky) nimmt LSR-Partei für die Nazis gegen die Katholiken und implizit etwa gegen (den natürlich erst später auftretenden) Stauffenberg. Teschitz spricht von den „positiven, fortschrittlichen Momente(n) im Nationalsozialismus“, dessen „fortschrittliche(m) Element“ (M.: Besprechung von „Edgar Alexander, Der Mythus Hitler“ Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie V(1)(15), S. 76-78).

Manche führen ja das Dritte Reich darauf zurück, daß Hitler nur einen Hoden hatte (stimmt nicht, er hatte mindestens zwei!), ein dicker Wälzer über Hitlers angebliche homophile Neigungen ist veröffentlicht worden, etc. So ein Monster kann er nicht gewesen sein, denn sonst hätten sich nicht so viele Riefenstahls, Rommels, (anfangs) Stauffenbergs, etc. von seinem Charme einfangen lassen. Thomas Mann hat ihn, spät und deshalb mutig, sogar als seinen „Bruder“ bezeichnet, desgleichen George Orwell.

Reich meinte, Hitler wäre der Normale schlechthin: „Nur dann, wenn die Struktur einer Führerpersönlichkeit mit massenindividuellen Strukturen breiter Kreise zusammenklingt, kann ein ‚Führer‘ Geschichte machen“ (Die Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 53). Gleichzeitig war er für Reich der „Unnormale“ schlechthin, nämlich der „Generalpsychopath“.

Genau diese Zwiespältigkeit machte das Faszinosum Hitler aus: auf der einen Seite der vorhersagbare Durchschnittsuntertan, auf der anderen der unvorhersehbar agierende wilde Mann. Aus dem gleichen Grund sind die Menschen ja auch von blutdürstigen Massenmördern so fasziniert, die bieder wirken, im Heimlichen aber unaussprechliche Dinge tun, d.h. ausbrechen. Das Phänomen Hitler hat demnach wenig bis gar nichts mit all dem moralischen und ethischen Brimborium zu tun, mit dem uns die Volkspädagogen quälen, sondern mit unserer gespaltenen, unauthentischen Existenz.

DER ROTE FADEN (Band 2): Vorwort

14. Februar 2023

DER ROTE FADEN (Band 2): Vorwort

DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: Das orgonomische Testament / Nachbetrachtung & Schlußbekenntnis

11. Februar 2023

DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: Das orgonomische Testament / Nachbetrachtung & Schlußbekenntnis

DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: Das orgonomische Testament / 19. Die Dogmatik der Christusmörder: Das befreite Fließen der kosmischen Lebensenergie

10. Februar 2023

DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: Das orgonomische Testament / 19. Das befreite Fließen der kosmischen Lebensenergie

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 47)

8. Februar 2023

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Was ist Panzerung, was ist Charakter? Panzerung ist etwas, das als Funktionseinheit arbeitet, und Charakter ist etwas, das als Funktionseinheit arbeitet. Es sind sozusagen „starre“ Einheiten, einheitlich funktionierende Kontinua. Panzerung/Charakter ist im Wesentlichen also keine (interne) Bewegung, sondern „koexistierende Wirkung“, sind sie doch durch ihre „Eigenheit“, ihre „unveränderliche Identität“ definiert. Es gibt hier keine Bewegung von A nach B, sondern nur Sein, so wie das Bewußtsein bzw. „der Geist“ kein Oben und Unten, kein Links und Rechts, kein Vorne und Hinten und deshalb keine Bewegung hat. Charakter ist, „wie du bist“! Auch auf der Zeitachse: Panzerung ist nichts, was sich verändert, sondern eine von der Zeit unabhängige Konstante. Daher ist es fast unmöglich, die Panzerung zu entfernen bzw. den Charakter zu verändern. Der einzige Weg ist die Charakteranalyse, d.h. die Rückspiegelung des Charakters und der Panzerung. Es ist wie in einen Spiegel zu schauen und diese Gestalt „jenseits von Raum und Zeit“ zu erkennen – und diese Gestalt dann als „koexistierende Wirkung“, d.h. in einer Art Quantensprung in ihrer Gesamtheit zu transformieren.

Die Charakteranalyse ist im Wesentlichen eine Spiegelung des Patienten auf ihn selbst. Ein Spiegel ist eine koexistierende Wirkung. Man schaue sich einen Film an, die Abfolge unzähliger Photos. Ein Photo ist ja nichts anderes als ein „Spiegel“, der auf chemischen Reaktionen durch Licht beruht. Ein Film ist wie ein Traum, d.h. eine koexistierende Wirkung: unabhängig von Raum (man kann von Tibet zur nächsten Szene in Australien oder was auch immer springen) und Zeit (man kann den „Film“ für alle Ewigkeit speichern, neu schneiden, in Slow Motion, rückwärts abspielen etc.). Film, die Freudsche Psychoanalyse und die Reichsche Charakteranalyse sind eng miteinander verbunden.

Freud beschäftigte sich im Wesentlichen mit koexistierender Wirkung. Man denke nur an die Traumanalyse und das Unbewußte, das weder Raum noch Zeit kennt. Das ist die Psychoanalyse. Reichs Charakteranalyse befaßt sich ebenfalls mit koexistierende Wirkung: der Charakter ist wie eine Symphonie – sie wird in Raum und Zeit gespielt, aber sie IST jenseits von Raum und Zeit, d.h. man muß eine Symphonie als eine Gestalt begreifen oder man wird nur einen Klangbrei hören. Genauso muß man den Charakter in seiner funktionellen Einheit erfassen oder man wird nur zusammenhanglose neurotische Symptome sehen.

Freuds Unbewußtes ist identisch mit der Panzerung. Die Bewußtmachung der Verhaltensweisen löst die Panzerung auf. Außerdem erklärt koexistierende Wirkung sowohl den intergenerationellen Aspekt der Panzerung (Zeit: „Charakter durchzieht die Familie“) als auch den „massenpsychologischen“ Aspekt der Panzerung (Raum: „Charakter durchzieht den Stamm“). Umgangssprachlich sprechen wir von „Vererbung des Charakters“ („ganz wie der Vater“) und von „Nationalcharakter“.

Bereits 1933 stolperte Reich über die koexistierende Wirkung in der sozialen Orgonomie: „Es wird noch lange ein ungelöstes Rätsel bleiben, wie es möglich ist, daß die Herstellung der psychischen Strukturen der tragenden Schichte einer Gesellschaft genauso in das ökonomische Gefüge und zu den Zwecken der herrschenden Mächte paßt wie Teile einer Präzisionsmaschine“ (Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 68). Auch die Grundlage des Marxismus, die Werttheorie (siehe das Marx-Kapitel in Menschen im Staat), ist nur mit koexistenter Wirkung erklärbar. Zur Rolle der koexistierenden Wirkung beim „Freudo-Marxistischen Sexpol-Reich“ siehe meine Ausführungen über Arbeitswertlehre und koexistierende Wirkung, die das hier gesagte vielleicht verständlicher machen.

Hier kommt schließlich Stirner ins Spiel: erst wenn ich mich „entpanzere“, ein genitaler Charakter werde, werde ich nicht mehr gelebt, sondern lebe selber und bin Herr meines eigenen Schicksals und meiner ökonomischen Existenz, eigne mir mein Eigentum an.

Wirklich verständlich wird das ganze aber erst, wenn man sich die zentrale orgonometrische Gleichung der Orgonomie selbst erschließt:

Orgonbiophysik und LSR (Teil 5)

3. Februar 2023

Ja, was ist denn nun „LSR“? Bernd Laska schrieb mir 2004:

Für mich eine uralte Erfahrung seit wrb[Wilhelm Reich Blätter]-Zeiten 1975: die Leute, die zu Reich stoßen, sind nicht die Richtigen (= sehen Reich völlig anders als ich 😉 ). (…) Eine weitere Erfahrung seit auch schon ca. 20 Jahren: die Leute, die zu Stirner stossen, sind nicht die Richtigen (= sehen Stirner völlig anders als ich 😉 ). Sie „tolerieren“ mich, diskutieren aber nicht meine einschlägigen Bücher und Artikel (obwohl ich in „Der Einzige“ schreiben darf). Im „Gästebuch“ der MS-Ges. [Max Stirner Gesellschaft] tauchte seit Jahren mein Name nicht einmal auf. Dito im Stirner-Forum. (…) Für La Mettrie gibt’s keine Szene, glaube ich. Ab und zu jemand, der enthusiastisch die 4 Bände [von und über LaMettrie] bestellt – dann Funkstille, keine Kritik, keine Nachfrage, kein Schulterklopfen, nix. Das soll kein Gejammer sein. Es ist eine sachliche Feststellung, die „an sich“ nicht verwunderlich, sondern sogar folgerichtig ist: jedenfalls die Ratlosigkeit des Publikums, das entweder Philosophie lernen will oder Philosophiegeschichte. LSR ist keins von beiden. Was dann ???“

Was ist LSR in seiner Essenz? Laska schrieb mir ebenfalls vor nunmehr fast 20 Jahren in einem bestimmten konkreten Zusammenhang:

(der und der und der) sehen sich als heute zeitgemäße Kämpfer für Aufklärung und Rationalität, wie einst die Psychoanalytiker (Freud, Federn…) und Marxisten (KP, Fromm, Bernfeld, Fenichel…). Sie sehen in Reich einen ganz speziellen Feind und bekämpfen ihn (seine von ihnen geahnte Idee, in deren Licht ihr Rationalismus irrational erscheint) fanatischer als sie ihre Alltagsgegner bekämpfen – und vor allem nicht offen.

Das ist es: LSR wird sozusagen „beschwiegen“. LaMettrie wurde als unwürdig aus der Gemeinschaft der Aufklärer ausgestoßen, Marx’ Mammutbuch zu Stirner vergammelte in der Schublade, Nietzsche verschwieg ihn peinlich krampfhaft, Reich wurde schlichtweg aus dem Gedächtnis der Psychoanalyse getilgt. Der endgültige Todesstoß war die Rehabilitierung der drei: LaMettrie als Vordenker DeSades und Rousseaus, Stirner als Prophet des modernen Egoismus und Reich als Antifaschist. Helden des demokratischen und vor allem bunten Westens! (Wüüürggghhh!) Hauptsache es wird nie der Kern berührt oder auch nur durch das bloße Begründen der Sequestration dieser drei Aufklärer angedeutet.

Den besagten Kern hat Reich genannt, als er schrieb, daß „keine andere Stelle meiner Theorie meine Arbeit und Existenz derart gefährdet (hat) wie gerade die Behauptung, daß Selbststeuerung möglich, natürlich vorhanden und allgemein durchführbar ist“ (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 141). Er „betone die Rationalität der primären Emotionen des Lebendigen” (Äther, Gott und Teufel, S. 54) und behauptet entsprechend: „Alle Ethik ist im Grunde antisexuell” (Menschen im Staat, 1995, S. 143).

Die Menschen rasten darob aus, weil es sie gar nicht gibt! SIE SIND BESESSEN! Will sagen, aus ihnen spricht die verinnerlichte gepanzerte Gesellschaft, die verzweifelt um ihre Existenz ringt. Reich und Laska waren nie Teil dieser Gesellschaft der lebenden Toten. Was ich hier von Reich zitiert habe, ist der gemeinsame Ursprung der Orgonbiophysik und des LSR-Projekts.

Liquidar

Super-Ego

Radicalmente

Brief von Peter Nasselstein an Bernd A. Laska über Safranskis Nietzsche-Biographie, 21. Mai 2001

2. Februar 2023

Lieber BAL,

ich lese gerade Safranskis NIETZSCHE und habe mich bis zur Stirner-Stelle durchgekämpft. Hier meine unmittelbar das Lesen reflektierenden Gedanken:

Schopenhauer macht den Hegelschen „Weltprozeß“ zur nichtigen Phrase – das gleiche tat Stirner. Das wird offensichtlich, wenn man so ungefähr die Seiten …121 bis 123… liest.

Schön! Es ist wirklich nur ein Schritt und: Schopenhauer und Stirner werden austauschbar.

Wenn Safranski etwa schreibt: „Im Kern des Menschen entdeckt Stirner eine schöpferische Kraft, die Phantome erzeugt, um sich dann von den eigenen Erzeugnissen bedrücken zu lassen“ (S. 125f). [PN 2023: „Die Welt als Wille und Vorstellung“ frei nach Schopenhauer!]

Safranski assoziiert diesen Satz mit Feuerbach. Safranski hätte aus der ganzen Logik seiner Darstellung ebenso ausführen können, daß „Nietzsches Schopenhauer“ (der ein sehr merkwürdiger „Schopenhauer“ war) die ideale Maske für den von Nietzsche verheimlichten „Nietzscheschen Stirner“ war. Und daß nicht erst für 1874 gilt „(Nietzsche) studiert Max Stirner“ (S. 378), sondern daß das bereits 1865 hinter dem „Schopenhauer-Erlebnis“ (S. 372) stand. (PN: Mir fällt gerade ein: vorbereitet durch Ortlepp 1863? oder habe ich das bei Ihnen aufgeschnappt?)

Jedenfalls habe ich mich bei Ihrer Theorie immer gefragt, wie sich denn hinter Nietzsches (ausgerechnet!) Schopenhauerianertum ein heimliches und verdrängtes Stirnerianertum verbergen soll. Safranski hat mir (ohne daß Safranski selbst weiß, was er da ausleuchtet) dies nachvollziehbarer gemacht. Safranski ist der letzte Schritt der Nietzsche-Forschung vor der Laska-Revolution.

Aber weiter: Nach einigen Seiten Stirner-Begeisterung, d.h. Laska-Plagiat (Stichwort „Über-Ich“!), kommt der Satz: „Die Stirnersche Philosophie war ein grandioser Befreiungsschlag,….“ (S. 128) Triebhaft beendet mit dem Halbsatz: „…, wunderlich und skurril bisweilen.“ Und, mittlerweile ist Safranskis Über-Ich ganz im Sattel, gefolgt von dem Satz: „Auch konsequent in einem sehr deutschen Sinne.“ Aha! bzw. A.H.!!! Safranski ist einer: fremde Würstchen stibitzen, mit dem Schwanz wedeln, anhimmeln – und schließlich anpissen! Nächste Seite: „… Nietzsche (wird) bei Stirner etwas gänzlich Fremdes und sicherlich auch (!) für ihn Abstoßendes wahrgenommen haben.“ Im Anschluß daran endet dann das Kapitel merkwürdig holprig – und hat nichts mehr mit Stirner zu tun.

Doch dann findet sich im nächsten Kapitel doch wieder Aufspießungswürdiges. Auf S. 132 schreibt Safranski, daß Nietzsche mittels Stirner „das Wissen gegen das Wissen (kehrt), um dem unmittelbaren Leben Raum zu schaffen“. Ähnliches hätte Safranski über den Einfluß Schopenhauers auf Nietzsche sagen können: die Erziehung zur Nüchternheit. Nun gut, auf S. 138 zitiert Safranski Nietzsche im Zusammenhang mit dessen Wagner-Desillusionierung:

Es sei ein verhängnisvoller Irrtum gewesen und es habe ihn krank gemacht, schreibt [Nietzsche], jene „metaphysische Vernebelung alles Wahren und Einfachen, der Kampf mit der Vernunft gegen die Vernunft, welcher in Allem und Jedem ein Wunder und Unding sehen will“. Diese Formulierung erinnert auf den ersten Blick an jene von Stirner angeregte Formel vom Wissen, das seinen Stachel gegen das Wissen kehrt. Mit dieser Formel hatte Nietzsche dem Leben Platz schaffen wollen für den Gewinn einer zweiten Unmittelbarkeit. Die Formel hatte einen vitalistischen Sinn. Im Dienste des Lebens sollte die Macht des Erkennens und Wissens eingeschränkt werden. Aber dieses Manöver der Entmachtung des Wissens durch das Wissen gilt ihm jetzt als Selbstbetrug der Vernunft. Es erscheint ihm unredlich, mit der Vernunft gegen die Vernunft zu fechten.

– Hier verwirrt sich alles, irgendwie wird Stirner (!) zu einem unredlichen Betrüger und Nietzsches Befreiung von Wagner/Schopenhauer wird uns „irgendwie“ als Befreiung von Stirner verkauft! So muß es jedenfalls beim Leser ankommen. Interessant auch, wie hier Safranski (in unbewußter Nachäffung Nietzsches?) Schopenhauer und Stirner vermengt.

-PN

Safranski (Fortsetzung) 28 Mai 2001:

Wir waren auf S. 138. Danach taucht Stirner namentlich nicht weiter auf, aber seine Gegenwart bleibt spürbar.

Es (bzw. mir) wird klar, daß Nietzsche in der Schaffensperiode von Menschliches, Allzumenschliches und Morgenröthe Stimer nahe kommt:

Der Grundsatz „individuum est ineffabile“ bedeutet für [Nietzsche]: das Ungeheure auch in der Einzelheit des Individuums zu entdecken. Aber wer liebt schon das Ungeheure? Eher weicht man ihm aus ins Bekannte und Vertraute. Und so kommt es, daß die „Allermeisten“ nichts Eiligeres zu tun haben, als nach einem „Phantom von ego“ zu suchen, das vor der Ungeheuerlichkeit des eigenen Selbst schützt. Wo findet man dieses Phantom? Bei den Anderen. Was die Anderen über mich festgestellt haben oder was ich glaube, daß sie es festgestellt haben, und was ich selber getan habe, um ein bestimmtes Bild dort draußen und vor mir selbst zu erzeugen – diese Eindrücke und Handlungen bringen jene Verhältnisse hervor, bei denen „Einer immer im Kopfe des Andern, und dieser Kopf wieder in anderen Köpfen“ steckt. (S. 217)

(Übrigens „Stirnerisiert“ Safranski auch selbst auf S. 217f – im Heideggerschen Gewande.) Andererseits ist für Nietzsche das Innere ein Schlachtfeld, in dem eine Art „Super-Ich“ (mein Begriff) Herr werden soll: Nietzsche fordert, man solle eine ganze Person sein. „Solches Ganzsein aber bedeutet nicht die unmögliche Überwindung der dividualen Existenzweise (d.h. der Panzerung = Über-Ich, PN), sondern wirkungsvolle Selbstgestaltung und selbstinstrumentierung.“ Im Sinne des Willens zur Macht „Macht über sich selbst gewinnen (…) Machtergreifung über sich selbst“ (S. 187f). Und er zitiert Menschliches, Allzumenschliches (KSA 2,20). So taucht das Über-Ich beim Stirnerisierenden Nietzsche doch wieder auf! (Safranski hätte die Möglichkeit gehabt, den Willen zur Macht als „Erschaffung“ des Über-Ichs zu entlarven. Zum Beispiel wenn er später schreibt:

Selbstüberwindung im Schaffen einer ganzen imaginären Welt aus Ideen, Bildern und Szenen, wie sie das Zarathustra-Projekt entwirft, ist mehr als Selbsterhaltung. Es ist Selbststeigerung. Und dies ist der zweite Aspekt des Willens zur Macht. Man denkt zu gering vom Leben, wenn man in ihm nur den Trieb zur Selbsterhaltung entdeckt. (S. 291)

Auf diese Weise ist Nietzsche wirklich gleichzeitig beides LSR und DMF [PN 2023: in PNs Privatsprache das Gegenteil von LSR: Diderot/Marx/Freud]. Weshalb er ja auch so beliebt ist.

Nietzsches Über-lch‘lertum wird an Stellen wie folgender auf S. 264 deutlich: „(…) wenn Nietzsche später Flauberts ‚Versuchungen des heiligen Antonius‘ kennenlernt, wird er dort wiedererkennen, was es bedeutet, von den eigenen folternden Phantasien überwältigt zu werden. Aber Nietzsche kämpft um den Willen zur Macht über sich selbst (…),“ d.h. er will sich bewältigen. Tatsächlich ist der „Über-Mensch“ in gewisser Weise ein „Über-Ich-Mensch“. Jedenfalls wird das (mir) klar, wenn Safranski auf S. 268f Nietzsches Schopenhauer-Schrift zitiert, daß dein wahres Wesen nicht in dir verborgen liegt, „sondern unermesslich hoch über dir oder wenigstens über dem, was du gewöhnlich als dein Ich nimmst“. Safranski spricht Nietzsche: „In jedem Versuch zur Selbstgestaltung im Sinne der Steigerung wirkt bereits der Wille zum Über-Menschen. …seine Fähigkeit zur Selbstbeherrschung und Selbstgestaltung in aufsteigender Linie.“ Und wieder zitiert Safranski Menschliches, Allzumenschliches (KSA 2,20). Das gleiche Zitat auch am Ende des Buches S. 364 bei der Auseinandersetzung mit Foucaults Nietzsche-Interpretation.

Und weiter im Text: Wie befürchtet versteht auch Safranski die Ewige Wiederkehr nicht. Aber heroisch quäle ich mich voran zur Seite 255, wo im Zusammenhang einer Diskussion der Diskussion um Nietzsches angeblicher Homosexualität ein verdeckter Angriff auf Reich zu finden ist. Safranski: man dürfe Nietzsche nicht auf „die Geheimgeschichte seiner Sexualität“ reduzieren.

Man macht sie zum privilegierten Ort des Wahrheitsgeschehens. Die Sexualität gilt als Wahrheit der Person. Es ist dies die vielleicht prominenteste Wahrheitsfiktion des 20. Jahrhunderts, doch schon im 19. Jahrhundert war sie aufgekommen. Unter der Rohheit und versteckten Aggressivität eines solchen Willens zur Wahrheit, der die Person von ihrer Sexualgeschichte her entschlüsselt, hat Nietzsche gelitten. Zwar hat auch er das Triebgeschehen erforscht, aber er hat darin eine unendliche Vielfalt entdeckt, er war in dieser Angelegenheit Polytheist und huldigte nicht dem phantasielosen Monotheismus der Sexual-Deterministen.

Wieder: darum ist Nietzsche so beliebt: Aufklärer und gleichzeitig Lehrer des verkleisternden Ausweichens. (Die Differenz von Psychoanalyse und Nietzsche wird auf S. 337, Abs. 2 erläutert.)

Safranskis Angriff auf Nietzsches „Biologismus und Naturalismus“ und natürlich Primitivismus wirkt wie die entsprechenden Marxistischen Angriffe auf Reich von anderen (S. 301-304).

Genervt setze ich meine Lektüre fort:

Wie für Marx ist auch für Nietzsche Stirner letztendlich Kleinbürger: weil er zu impotent ist, um gemäß dem Willen zur Macht ein „Über-Ich“ (ein Ziel, eine Vision) über sich zu setzen – aber Safranski denkt natürlich nicht an diese Verbindung, wenn er schreibt:

Es geht [Nietzsche] nicht, wie wir schon gehört haben, um defensive Selbsterhaltung, sondern um das Prinzip offensiver Selbststeigerung. Leben ist ein expansives Geschehen. Bestandssicherung mag für den ängstlichen Kleinbürger wichtig sein, das Leben insgesamt aber darf man sich nicht als Philister-Welt vorstellen. Dieser Gedanke von der Selbststeigerungs-Tendenz des Lebens wird im Zarathustra prägnant formuliert: „Nur, wo Lebens ist, da ist auch Wille: aber nicht Wille zum Leben, sondern (…) Wille zur Macht“. (S. 297)

Nein, wenn Safranski auf den Gleichklang von Nietzsche und Marx zu sprechen kommt, dreht es sich um Moral und Klassenkampf (S. 299). – Und es stimmt ja auch: bei allem „diabolischen“ Perspektivismus („Klassenstandpunkt“) gibt es für beide etwas Höheres als bloße „kleinbürgerliche Selbstbehauptung“ und damit verborgen doch eine höhere Moral (im Sinne des „Willens zur Macht“).

Ich nähere mich dem Ende und muß feststellen, daß Safranski nicht mal mit dem Tod Gottes was anfangen an (S. 320ff). Er begreift nicht, daß mit der Beseitigung Gottes alles beseitigt ist: alle Maßstäbe, alle Moral, alle Ethik. Aber die Menschen, einschließlich Safranski, machen weiter, so als wäre nichts geschehen. Gott ist tot? Na und!! Hat er je gelebt? Nietzsche hat die (bzw. eine) Konsequenz gezogen, d.h. er ist „Faschist“ geworden, aber um diesen Ertrag seines Lebens wird er von Safranski und elendigen „Nietzsche-Rettern“ a la Schmidt betrogen! Diese Leute wollen einen „humanistischen“ Nietzsche, einen zurechtgestutzten Nietzsche, um der Entscheidung zu entgehen: Nietzsche und damit die systematische Vernichtung von Milliarden von degenerierten Menschen und die Versklavung der übrigen für die Bedürfnisse einer klitzekleinen übermenschlichen Elite – oder LSR. Seid doch einmal konsequent!!

Stattdessen ein ewiges BlaBlaBlaBlaBlaBlaBlaBlaBla, das nie zum Ziel kommt. Und dieses Hirnleuchten wird dann auch noch als „Denken“ bezeichnet! Entsprechend endet das Buch mit den Sätzen: „Mit Nietzsches Denken kommt man nirgendswo an, es gibt kein Ergebnis, kein Resultat. Es gibt bei ihm nur den Willen zum unabschließbaren Abenteuer des Denkens“ (S. 365). Das ewige Ausweichen vor dem Wesentlichen.

[PN 2023: Laska selbst äußert sich zu dieser bundesdeutschen Großleistung hier.]

Der Nihilist, der Zyniker und der Fanatiker

23. Januar 2023

Montesquieu, Voltaire, Buffon, Rousseau, Diderot, Helvétius, Condillac, d’Alembert, Holbach – sie alle widmeten sich der vernünftigen Erhellung natürlicher und moralischer Wirkungsgesetze in der Welt, während einzig er, der unbelehrbare La Mettrie, die dunklen, antiaufklärerischen Seiten einer menschlichen Maschinenmoral mit den denkerischen Fluchtpunkten von Agnostizismus, Atheismus, Nihilismus und Gewissenslosigkeit entwickelte. Kein Wunder, distanziert sich unter diesen Bedingungen das Projekt „Aufklärung“ von einer Figur, die nur als Kritiker, ja Verräter am gemeinsamen Ziel einer fortschrittsoptimistischen „Erleuchtung“ gelten kann. (Ursula Pia Jauch: Jenseits der Maschine, München 1998, S. 31)

Für den Marxisten Max Adler (…) zeigt sich an Stirners Einzigem die kognitive Beschränktheit, moralische Fragwürdigkeit und politisch-soziale Destruktivität bürgerlicher individualistischer Ideologie – ein Deutungsschema, das standardisiert und bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts fortgeschrieben wurde. In der Entgegensetzung von wissenschaftlichem Sozialismus und bürgerlicher Ideologie erscheint Stirner regelmäßig als Vertreter der bürgerlichen Ideologie. Adler sah Stirner hingegen differenzierter: Er ist für ihn auch genauso ein „Vorläufer“ des Marxismus und zwar hinsichtlich seiner psychologischen Einsichten und – marxistische Dialektik – seiner Bekämpfung aller und jeder Ideologie. (Information Philosophie, Heft 2/12, Juni 2012, S. 90).

(…) Reichs Kampfansage an Freuds „Kulturkonservatismus“ und Versuch der „Radikalisierung“ der Psychoanalyse stand im Zeichen einer Befreiung der ‚wahren Natur’ von der kulturellen Sexualmoral. Reich war stets auf der Suche nach dem biologischen Fundament der Triebe, von dem aus er die gesellschaftlich geschaffene Verkümmerung der Menschen kritisieren konnte. Weil sich, so Reich, das „menschliche Tier“ (…) durch den historischen „Einbruch der Sexualmoral“ (…) von seiner Natur und dem in ihr schlummernden harmonisierenden „sexualökonomischen“ Selbstregulationsprinzip entfremdete, herrschten in der Welt seelische und körperliche Störungen, Krieg, Gewalt und Irrationalismus vor. Wieder aufgehoben werden könne diese Entfremdung nur durch die Herstellung der „orgastischen Potenz“ der Menschen (…). An den richtigen Orgasmus ist die ganze Reichsche Norm geknüpft, und das Glücksversprechen einer natürlichen harmonischen Ordnung. Freuds revolutionäre Erkenntnis war es gerade – auch hier zeigt sich wieder die dem Freudschen Denken immanente Tendenz zur Entbiologisierung des vermeintlich Natürlichen –, dass der scheinbar natürlichen genitalen Sexualität eine lebensgeschichtliche Genese zugrunde liegt, dass sie nichts Ursprüngliches ist. Dies brachte ihn dazu, den Begriff der Sexualität auf die Dimension der Lust im Allgemeinen auszuweiten und eine infantile Sexualität zu konstatieren, eine These, mit der er auf breitesten Widerstand stieß. Reich macht diese Freudsche Differenzierung zwischen dem Sexuellen, dem Streben nach Lust, und der Genitalität, der psychosexuellen Zentrierung der Lust im Genitalorgan, wieder rückgängig und fällt so (…) hinter Freud zurück. Genitalität, auch noch reduziert auf ein physiologisch fassbares Konzept, ist ihm ein „Naturgesetz“, das sich selbsttätig entfalten würde, würde sie nicht sexualmoralisch gehemmt, und wird zum Fetisch, dem jede andere Lustform zum Opfer fällt. (Markus Brunner: Eros und Emanzipation. Zur Dialektik der sexualrevolutionären „Radikalisierung“ der Freudschen Psychoanalyse. In: Dehmlow: “… da liegt der riesige Schatten Freud’s jetzt nicht mehr auf meinem Weg”, Marburg 2008, S. 270-287)

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 42)

14. Januar 2023

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Was das Verhältnis von Stirner zu Marx und Nietzsche betrifft, findet sich eine sehr schöne Stelle in Camus Der Mensch in der Revolte: Camus zieht einen lehrreichen Vergleich zwischen Marx und Nietzsche, indem er darauf hinweist, daß das Denken von Marx die Unterwerfung der Natur voraussetzt, um der Geschichte zu gehorchen, während das Denken von Nietzsche die Unterwerfung der Geschichte voraussetzt, um sicherzustellen, daß der Natur (unmoralisch, jenseits von Gut und Böse) gehorcht wird.

Ich glaube, daß hier Camus den Nagel auf den Kopf getroffen hat. (Camus‘ Passage über Stirner im gleichen Buch selbst ist schlichtweg konfus!) Ein passender roter Faden, an dem man sich in diesem so verwirrenden Gelände orientieren kann. Zwei gegensätzliche Wege, auf denen Stirner verarbeitet wurde. Beim einen wurde aus der Empörung des Einzigen gegen eine ihm aufoktroyierte Wahnwelt (Über-Ich) der Kampf „des Menschen“ gegen eine seiner Emanzipation hinderliche Natur (der Kapitalismus mit seinen Unmenschlichkeiten als vermeintlicher Naturzustand), während beim anderen aus der besagten Empörung der Kampf des Inkulturierten wurde, der seine vermeintlich „natürlichen“ Triebe endlich ausleben will. Dergestalt ist das 20./21. Jahrhundert mit seinen antifaschistischen und antikommunistischen Kreuzzügen nichts anderes als ver-Murxter Stirner.

Auch ist interessant wie Camus selbst zum Problem steht: die Verweigerung des Ich gegenüber „der Welt“; die einzige Frage, die für ihn zählt, ist die nach dem Selbstmord. Stirner „existentialistisch“ entartet, letztendlich wieder Schopenhauer.

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 41)

9. Januar 2023

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Ich kann nur zitieren, welche Bedeutung das ganze hat, kann ich nicht sagen:

Je mehr nun aber Einem die Furcht Ruhe läßt, desto mehr beunruhigen ihn die Wünsche, die Begierden und Ansprüche. Goethe’s so beliebtes Lied, „Ich hab‘ mein‘ Sach auf nichts gestellt“, besagt eigentlich, daß erst nachdem der Mensch aus allen möglichen Ansprüchen herausgetrieben und auf das nackte, kahle Dasein zurückgewiesen ist, er derjenigen Geistesruhe teilhaft wird (…) (Arthur Schopenhauer: Aphorismen zur Lebensweisheit, reclam 1953, S. 145)

Stirner und Goethe?! Aber wahrscheinlich habe ich hier mal wieder was „entdeckt“, was eh jeder außer mir wußte.

Auch sonst ist Schopenhauer für LSR interessant, denn z.B. äußert er sich begeistert zu Diderot und Seneca, Nietzsches Reaktion auf Stirner kann man wohl nur vor dem Schopenhauerschen Hintergrund verstehen; Freud (und selbst Reich) wurden von Schopenhauer beeinflußt, etc. Und ich habe auch den leisen Verdacht, daß sogar Stirner von Schopenhauer beeinflußt wurde. Ohnehin gibt es formal (natürlich nicht inhaltlich) viele Parallelen zwischen den beiden.

Goethes Lied von 1806 in seiner Gesamtheit:

Ich hab‘ meine Sach‘ auf nichts…

 
Ich hab' meine Sach' auf nichts gestellt, juchhe!
Drum ist so wohl mir in der Welt, juchhe!
Und wer will meine Kamerade sein,
Der stosse mit an, der stimme mit ein
Bei dieser Neige Wein.
 
Ich stellt' meine Sach' auf Geld und Gut, juchhe!
Darüber verlor ich Freud' und Mut, o weh!
Die Münze rollte hier und dort,
Und hascht' ich sie an einem Ort,
Am andern war sie fort.
 
Auf Weiber stellt' ich nun meine Sach', juchhe!
Daher mir kam viel Ungemach, o weh!
Die Falsche sucht' sich ein ander Teil,
Die Treue macht' mir Langeweil,
Die Beste war nicht feil.
 
Ich stellt' meine Sach' auf Reis' und Fahrt, juchhe!
Und ließ meine Vaterlandesart, o weh!
Und mir behagt' es nirgends recht,
Die Kost war fremd, das Bett war schlecht,
Niemand verstand mich recht.
 
Ich stellt' meine Sach' auf Ruhm und Ehr', juchhe!
Und sieh', gleich hat ein andrer mehr, o weh!
Wie ich mich hatt' hervorgetan,
Da sah'n die Leute scheel mich an,
Hatte keinem Recht getan.
 
Ich setzt' meine Sach' auf Kampf und Krieg, juchhe!
Und uns gelang so mancher Sieg, juchhe!
Wir zogen in Feindes Land hinein,
Dem Freunde sollt's nicht viel besser sein,
Und ich verlor ein Bein.
 
Nun hab' ich meine Sach' auf nichts gestellt, juchhe!
Und mein gehört die ganze Welt, juchhe!
Zu Ende geht nun Sang und Schmaus;
Nur trinkt mir alle Neigen aus,
Die letzte muß heraus!

Man kann dieses, Goethes Lied Schopenhauerisch interpretieren, nämlich das eh alles sinnlos ist und der Wille, der all diese Pein hervorruft, im Geistigen Zuflucht suchen sollte. Ähnlich wie Freuds Vorstellung von der „Sublimierung“. Oder eben Stirnerisch: wenn du nicht deine Interessen vertrittst, andere werden es definitiv nicht tun, also laß dich nicht von dieser Welt einwickeln.

Dazu passen Goethes und Schillers Aussagen über das „Ich“ bei Descartes, Spinoza, Berkeley, Leibniz, Kant und Fichte in den Xenien (Nr. 374-384). Man vergleiche etwa die Xenie „Denk‘ ich, so bin ich. Wohl! Doch wer wird immer auch denken? Oft schon war ich und hab‘ wirklich an gar nichts gedacht“ – mit Stirners entsprechender Aussage in Der Einzige und sein Eigentum, Reclam S. 389, die ich im vorangegangenen Teil dieser Reflektionen erwähnt habe.

Auch erinnert mich folgendes Stirner-Zitat: „(…) es ist ein mächtiger Unterschied, ob Ich Mich zum Ausgangs- oder zum Zielpunkt mache. Als letzteren habe Ich Mich nicht, bin mir mithin noch fremd, bin mein Wesen, mein ‚wahres Wesen‘, und dieses Mir fremde ‚wahre Wesen‘ wird als Spuk von tausenderlei Namen sein Gespött mit mir treiben“ (Max Stirner: Der Einzige und sein Eigentum, reclam, S. 368) – an Goethe, der mal an den Rath Schlosser schrieb: „Wahrhaft hochachten kann man nur, wer sich nicht selbst sucht“ (z.n. Nietzsches Jenseits von Gut und Böse, Aphorismus Nr. 266).

Natürlich ist Stirner kein „Nachläufer“ Goethes (etwas, was mangels Quellen, sowieso nie mit Sicherheit erschlossen werden kann), aber für einen Goethe-Kenner wie Nietzsche muß dieser „Gleichklang“ von Stirner und Goethe wirklich frappierend gewesen sein. Kann es nicht sein, daß sich bei Nietzsche doch Aussagen über Stirner finden lassen: nur daß Stirner von Nietzsche zur Tarnung die Maske Goethes verpaßt bekommen hat?