Archive for the ‘Psychologie’ Category

Orgonomie und Metaphysik (Teil 13)

4. Dezember 2021

Im biblischen Sprachgebrauch ist „Erkennen“ ein Synonym für „genitale Umarmung“. Dieser enge Zusammenhang erklärt die jugendliche Flucht vor den pubertären Sexualkonflikten in die „Erkenntnis“ und die Phantasie. Beispielsweise ist die Hegelsche „Geistesphilosophie“ nichts als ein Ausfluß von Hegels pubertärer Agonie: der „absolute Geist“, das Ich, „erkennt“ die Welt und hebt sie so in sich auf. Von daher auch die Faszination, die stets vom Marxismus auf bestimmte Jugendliche ausgegangen ist.

In der New Age-Systemtheorie sollen sich die Individuen den höheren Manifestationen des Geistes als Untersysteme einpassen. Klingt harmlos und „philosophisch“ und gar wissenschaftlich. Tatsächlich steckt dahinter aber Freuds Tiefenpsychologie und Reichs Sexualökonomie. Die Eltern achten auf die Erhaltung der Normen. Es kommt zur Bildung des Über-Ich. Zuerst werden die Ahnen zu den Überwachern der Normen, später werden daraus die alles sehenden Götter. Die Esoterik macht aus der Welt, dem „irdischen Jammertal“, eine einzige große Erziehungsanstalt, in der wir uns alle durch hohe Moral für weitere Stufen der Existenz qualifizieren müssen. Diese Anstalt funktioniert genauso wie ein Erziehungsheim: wer sich schlecht benimmt, muß (im nächsten Leben) büßen und hat dabei „alles nur sich selbst zuzuschreiben“.

Wie anders ist Reichs Geisteshaltung:

Die Naturvorgänge kennzeichnen sich durch Mangel jeder Art von Perfektionismus bei voller Gesetzmäßigkeit ihrer Funktionen. In einem natürlich gewachsenen Walde funktioniert zwar ein einheitliches Wachstumsprinzip. Doch es gibt nicht zwei Bäume und an den hunderttausenden Bäumen nicht zwei Blätter, die einander photographisch treu gleich wären. Der Bereich der Variation ist unendlich weiter als der Bereich des Uniformen. (Äther, Gott und Teufel, S. 86f)

Moral spielt für den normalen Jungen keine große Rolle, wenn er wirklich das gesunde, junge Lebewesen ist, das er sein soll. Er sollte sich seiner Seele ebenso unbewußt sein wie seines Atems oder irgendeiner anderen Lebensbetätigung. (Ben B. Lindsey: Revolution der modernen Jugend z.n. Die sexuelle Revolution, Fischer TB, S. 100)

Mystik und Religion bedeuten, daß das Leben ein Fehlschlag ist; der Mensch allein ist nicht gut genug. (A.S. Neill z.n. Besprechung von The Problem Family von A.E. Hamilton in Orgone Energy Bulletin 1(4), October 1949, S. 189-193)

Ihre Kraft verdankt die Kirche den mächtigen, lebensverneinenden Veränderungen der menschlichen Struktur durch die metaphysische Fassung des Lebens: Sie lebt durch das Leben, das sie tötet. (Die sexuelle Revolution, S. 267)

Ein Politiker ist in der Lage, Millionen Menschen mit der Versprechung irrezuführen, daß er ihnen die Freiheit einrichten würde, ohne es tatsächlich tun zu müssen. Niemand fordert einen Beweis seiner Kompetenz oder der Durchführbarkeit seiner Versprechungen. (…) Ein Mystiker ist ungehindert imstande, Menschenmassen mit dem Glauben eines Lebens nach dem Tode zu erfüllen, ohne die Spur eines Beweises liefern zu müssen. Übertragen wir nun die Rechte eines Politikers oder Mystikers auf einen Eisenbahningenieur. Dieser würde sofort ins Gefängnis oder in die Geisteskrankenanstalt gesperrt werden, wenn er (…) lange Reden darüber hielte, daß er zum Mond fliegen könne. Man stelle sich nun weiter vor, daß dieser Eisenbahningenieur darüber hinaus mit der Waffe in der Hand den Glauben forderte, daß seine Behauptung wahr sei, oder gar, daß er die (…) Menschen einsperren ließe, weil sie ihm den Glauben verweigerten. Der Eisenbahningenieur muß die Menschen tatsächlich, praktisch und gefahrlos von A. nach B. befördern, wenn er Eisenbahningenieur bleiben will. (Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 332f).

Was mich schlichtweg anwidert, ist, wie Gurus, Esoteriker und vermeintlich „Wissende“ ihr eigenes persönliches Abbild mit den tiefsten Gefühlen verbinden, die ein Mensch haben kann (nämlich die des kosmischen Kontakts). Du siehst einen Sonnenuntergang und spürst, wie die kosmische Energie durch dich strömt und genau solche Gefühle verbindest du mit Osho oder welchem Grottenolm auch immer. Wie ausgerechnet diese Gefühle genutzt werden, um als Vehikel für pathologische Machtinteressen zu dienen, ist an Widerwärtigkeit kaum zu übertreffen!

Und die Perversion geht noch weiter, während Leute wie etwa Hermann Hesse ihre geistigen Produkte ganz ehrlich als Kunstprodukte präsentieren, beanspruchen die genau gleichgearteten Geschichten (á la den Wahngebilden eines Nikolai Levashov, Rudolf Steiner oder L. Ron Hubbard) eine objektive Realität. Jeder schöpferische Mensch unternimmt „außerkörperliche Zeitreisen“, aber nur die Pestcharakter machen daraus Weltanschauung in der andere Leben müssen! Hesse ist dafür ein sehr gutes Beispiel von Demian über Steppenwolf bis zu Glasperlenspiel. Wäre er ein Modju gewesen, hätte auch er eine Religion gründen oder Anbeter um sich scharen können. Aber er hat seine orgonotische Schöpfergabe nicht mißbraucht.

Die diversen mystischen Lehren sind unvereinbar und schließen sich teilweise gegenseitig aus. Ist das nicht der Beweis dafür, daß es das spirituelle Wissen gar nicht gibt? Nur da, wo all diese spirituellen Lehren doch auf eine sehr verschwommene Art und Weise übereinstimmen, finden sich verblüffende Parallelen zur Orgonomie – auf eine sehr verschwommene Art und Weise.

Bezeichnenderweise verwahren sich diese Leute vehement dagegen, daß man ihre substanzlosen spirituellen Theorien irgendwie infrage stellt oder relativiert. Bezeichnenderweise sollen dann nicht etwa sie, sondern wir die Engstirnigen sein. Verteidigen wir die Orgonomie, sind wir engstirnig und greifen wir ihr Bezugssystem an, sind wir erstrecht engstirnig. Das erinnert mich frappant an die Argumentationsweise geschulter FDJ-Kader im Gespräch mit Westdeutschen. Geschickt brachten sie es zuwege, daß man praktisch permanent wie ein Trottel dastand, obwohl man doch die viel besseren Argumente hatte. Wie funktioniert das?

Reich hat das in Menschen im Staat wie folgt erklärt: sie nutzen geschickt unsere Schuldgefühle, Unsicherheiten und „Leichen im Keller“ aus. Wir sind dann wie kleine Jungen, denen man spöttisch-ernst sagt: „Schau mir in die Augen! Du hast doch wieder heimlich an dir rumgespielt?!“ Genauso verhalten sich die spirituellen Spökenkieker: sie haben dich wegen deiner Schuldgefühle, Unsicherheiten und „Leichen im Keller“ in der Hand. Aber was verschafft ihnen diese überlegene Position? Sie haben Macht über dich, weil sie sich über den Niederungen des bloßen Sexus in die spirituelle Welt erhoben haben, während du immer noch ein schuldbewußtes Tier bist. Diese Schuld rührt daher, weil du in dieser sexualfeindlichen Gesellschaft aufgewachsen bist und sie in deiner Struktur verankert ist. Du bist der schuldbeladene Rebell, während sie über dir thronen, „die Weisheit der Jahrtausende“ hinter sich.

Wie sich gegen sie wehren? Zu Zeiten der Sexpol hat Reich die befreiende Wirkung der Gruppe genutzt: „Wenn alle ‚es tun‘ kann es ja nicht so schlimm sein!“ Später, als er im Exil allein auf sich gestellt war, ist er seinerseits zum Angriff durch Werturteile übergegangen, d.h. er hat in seiner „sozialen Psychiatrie“ dem Opponenten die Maske vom Gesicht gerissen und dessen verborgene Motive bloßgelegt. Der bekannteste Aspekt dieses Vorgehens sind seine Anschuldigungen einer kommunistischen Verschwörung. Man darf sich nie in die Defensive treiben lassen – natürlich vorausgesetzt man hat wirklich recht.

Bioenergetisch sind Kommunismus und Mystizismus ähnlich begründet. Ein Orgontherapeut hat geschrieben, daß „wir bei der Behandlung einzelner Neurotiker sehen können, wie (…) Selbstwahrnehmung und einfaches Denken zu Grübelsucht und Intellektualismus werden” (Howard J. Chavis: „The Role of the Social Facade in Modern Life” Journal of Orgonomy 27I(2), Fall/Winter 1993, S. 208). Man braucht „intellektualismus“ nur mit „Mystizismus“ ersetzen.

David Holbrook, M.D.: „LIEBESANGST“: AUSZÜGE AUS EINIGEN TEXTEN AN EINEN 20-JÄHRIGEN MÄNNLICHEN PATIENTEN VON MIR, DER VIEL PSYCHEDELISCHE DROGEN NIMMT

2. Dezember 2021

DAVID HOLBROOK, M.D.:

„Liebesangst“: Auszüge aus einigen Texten an einen 20-jährigen männlichen Patienten von mir, der viel psychedelische Drogen nimmt

David Holbrook, M.D.: AUF DER ANDEREN SEITE DES FLUSSES / SIND STAATSAUSGABEN „INVESTITIONEN“? / WIE MAN DEN MENSCHEN HILFT, UM DIE MAN SICH SORGT, AUCH WENN MAN KEIN THERAPEUT IST

30. November 2021

DAVID HOLBROOK, M.D.:

Auf der anderen Seite des Flusses

Sind Staatsausgaben „Investitionen“?

Wie man den Menschen hilft, um die man sich sorgt, auch wenn man kein Therapeut ist

Der linke Reich: Reich und die Technik

15. November 2021

Was den technologischen Fortschritt angeht, war Reich zeitlebens gespalten. Beispielsweise finden sich Anfang der 1930er Jahre Aussagen, die Lenins Diktum entsprechen, Kommunismus sei Sowjetmacht plus Elektrifizierung: der technologische Fortschritt, etwa das Arbeiten in Fabriken, sei mit einer sexuellen Befreiung einhergegangen. Entsprechend hat also die Technologie dazu beigetragen, den Menschen biophysische zu befreien.

Zehn Jahre später hat Reich dann in der umgeschriebenen und erweiterten Neuauflage der Massenpsychologie des Faschismus natürlich gegenteilige Töne angeschlagen: der Mensch sei durch seinen Kontakt zur Maschine selbst zur Maschine geworden, d.h. biophysisch entartet. Dabei blieb er, wie praktisch jeder seiner Generation, ein Technikfreak: immer das neuste Auto, die modernste Laboreinrichtung. Und dann ist er natürlich auch „Katastrophist“: der Zusammenbruch der technischen Zivilisation im/nach dem Zweiten Weltkrieg sollte die Menschen wachrütteln und verändern. Ohnehin wäre es besser, wenn wir zum einfachen Leben, wie es etwa die Trobriander führen, zurückkehrten.

Man kann schön von einem „indigenen“ Leben träumen, bis man unerträgliche Zahnschmerzen hat, sich das Becken gebrochen hat und die Freundin elendig und mit unvorstellbaren Schmerzen bei der Geburt des gemeinsamen Kindes verreckt, weil kein Kaiserschnitt durchgeführt werden kann und wenn, es einer Schlachtung bei lebendigem Leibe gleichkäme. Ich für meinen Teil bin heilfroh im 21. Jahrhundert leben zu dürfen! (Jedenfalls war ich das bis vor zwei Jahren.)

Und selbst was die Umweltverschmutzung betrifft: früher stanken die Städte unerträglich nach Menschen- und Pferdefäkalien, waren vom ewigen Pferdegetrampel und holprigen Pferdewagen unfaßbar laut, aus den Schornsteinen stiegen Giftschwaden aus nichtraffinierter Kohle und anderen Brennstoffen, die Lebensmittel waren voller Gift (beispielsweise wurde der Wein routinemäßig mit Blei versüßt) und fiese Krankheiten grassierten, die wir vor allem durch die Verbesserung der Hygiene ausgerottet haben. Nicht zuletzt wegen der mangelnden Fluktuation grassierten Erbkrankheiten durch Inzucht. Noch heute stößt man auf Indiostämme mit sechs Fingern an der Hand, etc. Mangelernährung, Klein- und Fehlwuchs waren die Norm.

Mit Reich und Hans Hass sehe ich Technologie einfach nur als ein Werkzeug des Lebendigen mit deren Hilfe der schmale Grat, auf dem das Lebendige wandelt, ausgeweitet werden kann. „Wir waren sogar schon auf dem lebensfeindlichen Mond!“ Auch könnten wir Gefahren abwenden, die die gesamte Biosphäre zerstören, etwa gigantische Meteoriten. Es ist wie mit einem Skalpell: in der Hand eines sadistischen Triebtäters ist es das lebensfeindliche Instrument, während es in der Hand eines guten Chirurgen die Verkörperung der Lebensbejahung schlechthin ist. Übrigens hat schon einmal der technische Fortschritt die Menschheit und den Großteil der anderen Lebewesen gerettet: ohne fossile Brennstoffe (erst Kohle, dann Öl) stände auf dem Planeten buchstäblich kein Baum und kein Strauch mehr! Es wäre alles verfeuert. Keine Übertreibung, ich erinnere nur daran, daß Spanien und England vor den großen Armadas dicht bewaldet waren. Und was das vermeintliche „Treibhausgas“ CO2 betrifft: erdgeschichtlich leidet dieser Planet, also vor allem das Pflanzenreich, unter einem verzweifelten Kohlenstoffmangel. Die Erde benutzt den Menschen, der integraler Bestandteil der Natur ist, um die Erdatmosphäre wieder mit Kohlenstoff anzureichern, damit es auf diesem Planeten weiter Leben geben kann.

Orgonomie und Metaphysik (Teil 7)

10. November 2021

Es ist eine erhellende Frage, ob Reich ein „überschreitender“ Denker war mit dem Transzendieren als Grundprinzip seiner Weltsicht, im wörtlichen Sinne als auch im Sinne der Anerkennung von etwas „Transzendentalen“, d.h. dem eigentlichen Wesen entsprechend. Der Freudsche Begriff des „Ich-Ideals“, dem man entgegenstrebt, weil es dem eigenen Grundwesen entspricht, trifft das sehr gzut. Ganz ausdrücklich transzendental wird Reich bei seinen häufigen Äußerungen über die „kosmische Sehnsucht“. Weitere Stichworte sind: „außerhalb der Charakterstruktur des Homo normalis“, „bioenergetischer Kern jenseits der Panzerung“, „Kinder der Zukunft“, „primordiales Orgon“, „Funktion statt Struktur“, die „funktionelle Transmutation“ wie auch alle anderen Funktionsschemata Reichs (z.B. die des Metabolismus des orgonomischen und mechanischen Potentials in Äther, Gott und Teufel). Der Begriff „Funktion“ an sich ist transzendental, genauso wie die Evolution an sich transzendental ist; die Arten „überschreiten“ sich. In der Rede an den Kleinen Mann sagt Reich:

Du denkst immer zu kurz, kleiner Mann, nur vom Frühstück bis zum Mittagessen. Du mußt es lernen, in Jahrhunderten zurück und in Jahrtausenden vorwärts zu denken. (S. 97) Doch ich habe mich über die hinweggeschwungen, und ich sehe dich aus der Perspektive von Jahrtausenden, vorwärts und rückwäts in der Zeit. (S. 79)

Reichs transzendentales Grundprinzip entspricht dem, was Nietzsche „Wille zur Macht“ genannt hat, im Sinne der Überschreitung der Grenzen. Diese Metastruktur der Orgonomie wird mißverstanden und so kommt es zu Fehlinterpretationen in Richtung Metaphysik und Mystik, so als hätte Reich einen „Urgrund“ bzw. transzendentale „höhere Welten“ erschlossen, nach denen es zu streben gilt („transzendieren“).

Dieses Mißverstehen entspricht der Nietzsche-Rezeption Heideggers mit ihrer falschen metaphysischen Interpretation von Nietzsches „überschreitender“ Philosophie, wie Georg Picht es dargelegt hat: es geht Nietzsche darum einen Glauben zu setzen – was dem Grundwesen des Lebens entspricht, da ohne einen solchen Leben nicht möglich ist (Nietzsche, Stuttgart 1988). Daraus, d.h. aus dem Willen zur Macht, eine Meta-Physik, d.h. eine Art „Ding“, zu machen, ist Grundlage jeder Mystik, jeder Ideologie und Religion und muß im Auge behalten werden, wenn man die Orgonomie vor den Schlammfluten des schwarzen Okkultismus bewahren will.

Man nehme „Christus“ in Reichs Oeuvre: Für Reich ist Christus das Ich-Ideal der Menschheit; etwas, was außerhalb der gepanzerten Welt steht und wonach man streben muß. Das bedeutet aber noch lange nicht, daß es Christus in dem Sinne gibt, wie es die Christen glauben, und daß man eines Tages bei ihm im Himmel ist. Es mag alles ähnlich klingen und von ähnlichen Emotionen getragen sein, doch es sind zwei vollständig unterschiedliche Vorstellungswelten!

Leider kann man aber auch gerade das Entwicklungsmodell teleologisch mystifizieren, wie es z.B. Teilhard de Chardin getan hat. Gegen ein solches Mißverstehen sei auf Hans Hass verwiesen, der im ersten Band seiner Naturphilosophischen Schriften zeigt, daß es keine göttliche Intelligenz hinter und nichts Perfektes in der Evolution gibt. Hass zerstört die Illusion, die Evolution würde geradlinig verlaufen und vollkommene Ergebnisse zeitigen. Er widerlegt definitiv die Existenz Gottes. Es sei auch auf Reichs Kritik am Konzept der Naturnotwendigkeit im nationalsozialistischen Biologismus erinnert, wie er sie in Die Massenpsychologie des Faschismus dargelegt hat.

Die transzendentale Sichtweise der Orgonomie hat auch Auswirkungen auf die therapeutische Praxis, ist doch die Neurose nichts anderes als „stures Verharren“ angesichts einer sich ändernden Umwelt. Dann liegt die Aufgabe der charakteranalytischen Psychotherapie in der Öffnung hin zur „Transzendenz“, d.h. sowohl nach „transzendental“ außerhalb des Panzers als auch „transzendierend“ zur Zukunft. Besonders wichtig ist das okulare Segment. Es entspricht der psychogenetischen Stufe, in der der Bezugsrahmen gesetzt wird. Danach kommt die orale Stufe, d.h. die Hinwendung zur nährenden Welt bzw. den möglichen existentiellen Enttäuschungen, die damit einhergehen können („Depression“). Gefolgt von der analen Stufe: Organisation bzw. Desorganisation. Dann die phallische Stufe: aggressive Behauptung: Wille zur Macht in seiner krudesten Form, gefolgt schließlich vom Gegenteil der Behauptung: dem vollständigen Loslassen in der genitalen Stufe.

Dieses Stufenmodell ist potentiell sehr irreführend, denn es legt nahe, daß die prägenitalen Triebe primär sind, d.h. die Genitalität sich aus ihnen erst entwickeln muß. Tatsächlich geht es um den Ausdruck der primären (sozusagen „primordialen“) Genitalität auf jeweils höherer Organisationsebene. In diesem Sinne verkörpert die Orgonomie das Gegenteil von Transzendenz etwa im Gegensatz zur Psychoanalyse, wo es um „Sublimation“, „Vergeistigung“, Überwindung der Triebe geht. Wie jede Naturwissenschaft gibt es ab einem gewissen Punkt auch keine Weiterentwicklung der Orgonomie als solcher. Man denke im Vergleich nur daran, daß sich seit Newton kaum etwas an der Optik geändert hat oder seit Schrödinger und Heisenberg kaum etwas an der Quantenmechanik. Eines Tages wird es keine Weiterentwicklung der Physik mehr geben (jedenfalls nicht in grundsätzlichen Fragen).

Es gibt nichts jenseits des Orgons und so auch keine „transzendentale“ Entwicklung; das funktionelle Denken wurde entdeckt, es war sich immer gleich und wird sich nie entwickeln können, ganz einfach, weil das Orgon ständig gleich funktioniert (vgl. den sehr wichtigen Artikel von S. Clark & R. Frauchinger: „Paradigm-Maker or Paradigm-Breaker“ Journal of Orgonomy, 20, 1986). Entweder hat man einen Orgasmus oder man hat keinen, es gibt da kein Wachstum in der Qualität der „Orgasmen“. Meine Beschreibung der Entwicklung der Orgasmusfunktion im Tierreich wurde u.a. dadurch so verwickelt, weil die Orgasmusfunktion als die Grundkonstituente des Lebendigen an sich keine Entwicklung kennt. In der ewigen Wiederkehr, die die Pulsation ausmacht, kann es keine Entwicklung geben.

Die Kinder der Zukunft sind die Kinder der Urzeit. Kaum etwas ist Lächerlicher als der Begriff einer „kulturellen Entwicklung“: die Höhlenmalereien in Frankreich haben schon vor 15 000 Jahren alles in der Malerei geleistet; nichts wird jemals die griechische Plastik, die Malerei und Plastik der Renaissance oder die klassische Musik übertreffen. Es gibt keine Entwicklung, sondern nur der ewig gültige Ausdruck des sich immer gleichbleibenden kosmischen Orgons. Es ist mehr als nur fraglich, daß sich der Mensch in irgendeiner Weise biologisch, spirituell oder sozial weiterentwickeln wird – wie es die Christen, die Kommunisten, die Nazis und jetzt das New Age erhoffen. In den matriarchalen „primitiven“ Gesellschaften, wie die der Trobriander, gab es keine Entwicklung, sondern nur die Ewige Wiederkehr von ein für allemal eingesetzten Ritualen. Man beachte auch die „geschichtlichen“ Marxistischen Angriffe auf Reichs „ungeschichtliches“ Menschenbild; ebenso die an der Geschichte orientierte Psychoanalyse und vergleiche sie mit der orthodoxen Orgontherapie, wie Reich selbst sie am Ende praktizierte, die nur am hier und jetzt interessiert war und die Historie, d.h. die Zeit weitgehend draußen vor ließ!

Nach Hegel ist die Natur durch die ewige Wiederkehr des Gleichen gekennzeichnet, während es in der menschlichen Kultur historische Entwicklung gibt. Wenn Reich nun Kultur und Natur versöhnen wollte, konnte er dies nur auf Grundlage der Natur machen. Dies ist sehr wichtig, um Reichs Stellung in der deutschen nachhegelschen Geistestradition, zu der der Marxismus zentral gehört, verstehen zu können. Aus der Sicht der sich ständig gleichbleibenden primitiven Kulturen ist Reichs Anklage des „Sitzens“ (des auf der Stelle Sitzenbleibens des gepanzerten Menschen) bei all ihrer Berechtigung irgendwie, d.h. auf einer tieferen Ebene „unorgonomisch“. Auch ganz praktisch ist es fraglich, an die Entwicklung von Menschen zu glauben: entweder nimmt man die Wahrheit sofort an, wenn man auf sie trifft, oder nie! Hierher gehört Reichs tiefer therapeutischer Pessimismus.

Natürlich hat sich z.B. Reich entwickelt. Aber meine Chronik der Orgonomie zeigt doch gerade eben auch, daß bei Reich schon alles am Anfang da war. Das gleiche sieht man ganz besonders deutlich bei Nietzsche: schon als 13jähriger hat er praktisch genau dasselbe geschrieben, wie als 43jähriger. Dies hat besonders schön Hermann Josef Schmidt in seinem Buch über Nietzsches Kindheit dargelegt (Nietzsche absconditus, Berlin 1991). Der reife Mann („Übermensch“) wird dem Kind wieder ähnlicher; dem, was der erste Psychologe, d.i. Nietzsche, den „Grundcharakter“ genannt hat (Menschliches, Allzumenschliches, A 612). (Vgl. auch Nietzsches Brief vom 19.12.1876 an Cosima Wagner, der Nietzsches endgültige Selbstfindung signalisiert.)

Lebenspraktisch kann man kaum Entscheidenderes sagen, als daß man sich auf seine Ursprünge besinnen muß, um „der zu werden, der man ist“ (Nietzsche). Eine solche Sichtweise hat auch eine weitgehende therapeutische Bedeutung bei Patienten, die sich selbst verloren haben, ohne Identität durch die Welt fallen und dann in Außensteuerungen halt suchen, anstatt zur Selbststeuerung zu finden, die auf der ewigen Wiederkehr des Gleichen in der orgonotischen Pulsation beruht. Deshalb geht man heute ja auch zum Psychologen, wegen Identitäts- und Sinnkrisen.

Es wurde ausgeführt, die Orgasmusfunktion sei an sich transzendental, überschreitend im Sinne von Entladung und Erfüllung der orgastischen Sehnsucht („Liebe“). Aber diese Transzendenz will nur sich selber, ist eine immer wiederkehrende periodische Funktion, ewige Wiederkehr, wie z.B. bei der Zellteilung (= Orgasmus) des potentiell unsterblichen Einzellers, der gefangen ist im absoluten Ring der Immanenz. Dieser Seinsaspekt des Lebendigen ist die andere Seite der Orgasmusfunktion. Der patriarchale Mensch ist aus diesem Sein herausgefallen und mußte sich vor dem „orgastischen Tod“ („der kleine Tod“, Orgasmusangst = Todesangst) in die Erstarrung (Panzerung) retten, um nicht unterzugehen.

Orgonomie und Metaphysik (Teil 6)

9. November 2021

Die „metaphysische Krise“ des Westens kann man am „Filioque-Streit” festmachen, der vor 1000 Jahren die Christenheit spaltete in West und Ost. Der Westkirche zufolge geht der Heilige Geist, „der Lebendigmacher“, nicht aus Gottvater hervor, sondern aus Vater und Sohn. Der Westen bestand auf dieser sperrigen Formulierung, um sich gegen den Arianismus zu behaupten, nach dem Christus einen niedrigeren Rang hat als Gottvater. Außerdem ist diese Formulierung näher am biblischen Text.

Im Effekt bedeutete dieses unglückliche Herumdoktern an der Dreieinigkeit, daß der Heilige Geist übertragen wurde: von Gottvater auf Christus auf den Papst und so weiter bis hinab zum getauften Baby. Der damit einhergehende Machtmißbrauch und die unausweichliche Willkür machte die Reformation und schließlich die Aufklärung unausweichlich, wo schließlich praktisch jeder seinen eigenen „Heiligen Geist“ hervorbrachte: jeder hatte seine eigene „Meinung“.

Entgegen dieser westlichen Tendenz zum „Nominalismus“ stand der „Realismus“ (Platonismus) der Ostkirche: alles hat seine unmittelbare Entsprechung in der „geistigen Welt“, weshalb der Heilige Geist unmittelbar ist – jeder weiß, was er zu tun hat, da jeder unmittelbar mit dem Heiligen Geist verbunden ist, solange er Teil der Kirche und ihrer Rituale bleibt, d.h. mit der Quelle in Resonanz bleibt.

Beide Kulturkreise haben einen hohen Preis für ihre jeweilige Weltsicht bezahlt: Zerfall und der „Tod Gottes“ im Westen, Versteinerung und Stillstand im Osten. Beide wurden auf unterschiedliche Weise Opfer des mechano-mystischen Grundirrtums unserer Zivilisation. Im Funktionalismus ist „Emanzipation“ möglich bei gleichzeitiger Verbundenheit mit der einen Quelle. Beides bedingt sogar einander!

Orgonomie und Metaphysik (Teil 5)

6. November 2021

Es gibt 8 Milliarden einzelne Menschen und es gibt „den Menschen“ (z.B. reagieren alle Menschen auf ein Lächeln gleich), aber dieser „Mensch“ wird uns nie entgegentreten können. In diesem Sinne gibt es „den Menschen“ eben nicht. Genauso ist es mit dem „Sein“. Die Dinge „sind“, haben „ein Sein“, aber „das Sein“ an sich gibt es natürlich nicht.

Was „Metaphysiker“ zum Ausdruck bringen wollen, wenn sie von „dem Menschen“ oder, wie Heidegger, vom „Sein“ sprechen und für den „Humanismus“, gegen die „Seinsvergessenheit“ etc. sprechen, ist in Wirklichkeit Tiefe, die sie auf eine mystisch verzerrte Weise wahrnehmen.

Der Humanismus ist eine vage Vorstellung vom genitalen Charakter, der ohne Fremdkonditionierung aus seinem bioenergetischen Kern heraus lebt: Ecce homo – Christus. Und „die Seinsvergessenheit“ deutet schlichtweg darauf, daß der Raum nicht leer ist: die kosmische Orgonenergie.

Der Humanist übersieht, daß sein Appell ins Leere zielt, solange nicht die Emotionelle Pest und ganz allgemein die menschliche Panzerung angegangen werden. Und Metaphysiker wie Freud, der Reich gegenüber sagte, „der Eros werde eine Anstrengung machen“, verkennen, daß jedwede „Seinsgeschichte“ durch die menschliche Panzerung modelliert wird.

Orgonomie und Metaphysik (Teil 4)

4. November 2021

Mystik ist der verzerrte Kontakt zum bioenergetischen Kern und damit zum kosmischen Orgonenergie-Ozean. Von besonderem Interesse sind die buddhistische, islamische und christliche Mystik, da sie auf einen Zusammenhang verweisen, auf den ich in Max Stirner und die Kinder der Zukunft verwiesen habe:

In der buddhistischen Mystik dreht sich alles um die Aussage „Das bist nicht du!“ Wir verstricken uns ins Unglück, wenn wir uns mit allem möglichen identifizieren, letztendlich sogar mit unserem vermeintlichen „Ich“. Lassen wir das alles fahren, werden wir Glückseligkeit, das Nirwana erlangen. Das ist nichts anderes als die metaphysische Überhöhung und Verabsolutierung dessen, von dem Wilhelm Reich und Max Stirner gesprochen haben: löse dich von deinen „inneren Hierarchien“ (dem Über-Ich, der Panzerung), die du durch Identifikation mit unterdrückerischen Personen (insbesondere den Eltern) verinnerlicht hast, indem du dich mit ihnen identifizierst hast.

Die islamische Mystik ist ähnlich aufgebaut: Ordne Gott nichts anderes bei, denn das ist Götzendienst, der dich versklavt. Genauso die „negative Theologie“ der christlichen Mystik: alles, was man Gott zuschreiben kann, trifft ihn nicht. Um ihn zu erfahren, muß man alles von sich fallenlassen. Was uns wieder zum Buddhismus führt, wenn Meister Eckhart sagt: „Nimm dich selber wahr und wo du dich findest, da laß von dir ab. Das ist das allerbeste.“ Das ist geradezu eine Beschreibung der Orgontherapie!

Mystiker nehmen auf verzerrte (und deshalb letztlich destruktive) Weise das wahr, worum es in der Orgonomie geht! Gewisserweise sind es Wahrheitskrämer, die sich mit Dingen beschäftigen, von denen sie nicht wirklich Ahnung haben, sondern nur eine vage „Ahnung“… Ziel der Orgonomie ist es, Mystik ein für allemal auszumerzen, da sie genau das erzeugt, was sie implizit vorgibt zu bekämpfen: Panzerung!

David Holbrook, M.D.: PANIKATTACKEN / DIE WIRKUNG DES „PANZERS“ AUF DIE WAHRNEHMUNG UND ERFAHRUNG VON WAHRHEIT / DIE HALTUNG DER VERACHTUNG / METHODEN DES DENKENS / AN DER GRENZE „DIE LEITER HOCHZIEHEN“ VERSUS EINE RECHTSSTAATLICHE DEMOKRATISCHE GESELLSCHAFT / JOHN CLEESE (KOMIKER UND CHARAKTERANALYTIKER) ÜBER DIE VORTEILE EIN EXTREMIST ZU SEIN

1. November 2021

DAVID HOLBROOK, M.D.:

Panikattacken

Die Wirkung des „Panzers“ auf die Wahrnehmung und Erfahrung von Wahrheit

Die Haltung der Verachtung

Methoden des Denkens

An der Grenze „die Leiter hochziehen“ versus eine rechtsstaatliche demokratische Gesellschaft

John Cleese (Komiker und Charakteranalytiker) über die Vorteile ein Extremist zu sein

David Holbrook, M.D.: LÜGEN, VERSTECKEN UND DIE WAHRHEIT / DIE SCHICHTEN DER WAHRHEIT

25. Oktober 2021

DAVID HOLBROOK, M.D.:

Lügen, Verstecken und die Wahrheit

Die Schichten der Wahrheit