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Die Linke, die Rechte und die Mitte (1962) (Teil 2)

12. August 2018

von Jerome Eden

Wenn die These richtig ist, daß die politischen Parteien (wie sie von den Extremen „links“ und „rechts“ deutlich gekennzeichnet werden) nichts weiter als gesellschaftliche Projektion biophysikalischer Energien sind, die vom gepanzerten Menschen zum Ausdruck gebracht werden, dann sollten wir in der Lage sein zu zeigen, daß das sich gegenseitig ausschließende, offenbar sich widersprechende Verhalten des Konservativismus contra des Liberalismus seine Wurzeln in einem gleichzeitigen, identischen gemeinsamen Funktionsprinzip hat. Lassen Sie uns dies im Sinne behalten, wenn wir einige allgemeine Kategorien untersuchen.

Genitalität: Da die Blockierung der natürlichen genitalen Äußerung und die Befriedigung bei Kindern und Heranwachsenden die Hauptursache der Panzerung ist, können wir erwarten, daß alle gesellschaftlichen Organisationen des gepanzerten Menschen im Grunde sexualverneinend sind. Beide, „die Linke“ und „die Rechte“, zeigen stets die heftigsten Reaktionen gegen jedwede natürliche Sexualreform. Alle politischen Organisationen widersetzen sich aktiv derartigen Reformen und vereinigen bei diesem Widerstand ihre Kräfte mit dem „politischen Gegner“. Gleichzeitig bedroht die Verteidigung und Bejahung eines natürlichen selbstregulierten genitalen Liebeslebens das eigentliche Fundament des politischen Irrationalismus, da es die Tür für die Entwicklung der rationalen Arbeitsdemokratie öffnet. Entsprechend ist heute das rotfaschistische Rußland in seiner Haltung zur natürlichen Sexualität weit reaktionärer als seine „reaktionären“ Gegner.

Meinungswechsel: Tagtäglich lesen wir vom Übertritt von der extremen „Linken“ zur extremen „Rechten“ und umgekehrt. Dies ist eine direkte Projektion der periodischen biophysikalischen Schwankungen von gepanzerten Äußerungen. Der Zorn des Liberalen zieht sich in die Schuld (Angst) des Konservativen zurück. Der individuelle und der gesellschaftliche Organismus kann jeweils nur ein gewisses Maß an Bewegung in jede Richtung ertragen.

Absolutismus: Beide politischen Extreme gründen ihre Ideologie auf statischen Absolutheiten. Die konservative Ideologie leitet sich vom Glauben an eine allmächtige Gottheit her, welche „unerkennbar“ ist und wissenschaftlich nicht objektiv nachgewiesen werden kann, die aber nichtsdestoweniger bestimmte Dogmen kundtut, welche von einer ausgewählten Gruppe empfangen und interpretiert werden können. Diese auserwählte Gruppe belehrt ihre Untertanen in ihrer autoritären, sexualverneinenden Ideologie, die den Massen das Gefühl von Machtlosigkeit erneut einprägt und so die Verewigung des Status quo sichert.

Im Wesentlichen leitet die liberale Ideologie ihre Autorität aus der gleichen Quelle her, obwohl sie die Existenz jeden Gottes kategorisch bestreitet, aber sie verteidigt fest ihre Position auf der Grundlage einer absoluten historischen Notwendigkeit (d.h. einem Naturgesetz, somit also Gott!). Die Propaganda über die absolute, unfehlbare Natur des „Staates“ (immer im gegenwärtigen Führer personifiziert) wird den sexualverneinenden, unterwürfigen Massen vorgesetzt, deren ruinierte Charakterstrukturen den Aufstand gegen die Tyrannei verhindern, die sie nur im Stillen erdulden können.

Überdies reagiert der statische, absolute Charakter sowohl der „Linken“ als auch der „Rechten“ mit gewalttätigem Haß auf jede Idee oder soziale Bewegung, die die „Ordnung des statischen Absolutismus“ gefährdet. Man darf z.B. reden, schreiben, forschen, Bücher herausgeben oder praktisch aktiv werden, vorausgesetzt, daß diese Tätigkeit die absolute statische Struktur des Staates akzeptiert. Ein Erzieher darf öffentlich das Erziehungssystem kritisieren, was seine Untauglichkeit, die Minderwertigkeit seiner Lehrer, die Unzulänglichkeit seiner Schüler, etc. betrifft. Aber laß ihn öffentlich die patriarchalisch-autoritäre, sexualablehnende Grundlage des Erziehungssystems verurteilen und er kann froh sein, wenn er mit heiler Haut davonkommt. Somit ist ein Maß für die praktische Freiheit, die es in jeder beliebigen Gesellschaft gibt, der Grad bis zu welchem radikale (an die Wurzel gehende) Kritik erlaubt ist und ermutigt wird.

Motive, Mittel und Ziele: Das Handlungsmotiv bestimmt die Wahl der Mittel, mit denen das Motiv zum Ausdruck gebracht wird, was wiederum das Endergebnis bestimmt. Das Motiv (oder die Anregungsenergie) der „Linken“ und „Rechten“ ist ein Ausdruck gepanzerter Organismen. Was zum Beispiel die Sexualmoral betrifft, sind konservative Sitten Kristallisationen von vorwiegend ängstlichen Gefühlen, die im Diktum „Nicht berühren!“ zusammengefaßt sind. Das bedingt die Entwicklung der ängstlichen konservativen Tabus hinsichtlich der natürlichen Sexualität. Da die konservative Motivation nicht auf der primären, natürlichen Energie beruht, folgt daraus, daß die daran anschließenden Mittel und Ziele bei Kindern und Jugendlichen zu einer Reproduktion der gepanzerten Gefühle des Konservativismus führen.

Bei der liberalen „Linken“ ist die Anregungsenergie ebenfalls eine gepanzerte Abweichung, aber in Richtung Zorn. Der Liberale setzt Mittel ein, die Ausdruck der Verachtung für die natürliche, selbstgesteuerte Genitalität sind, was sich in „Freie Liebe für alle!“ zusammenfassen läßt. Die dünn maskierte sexualablehnende Einstellung der „Linken“ wird immer dann offensichtlich, sobald der Liberalismus an die Macht kommt. Hat die Linke erst einmal die Macht erlangt, zeigt sie eine tiefsitzende Unfähigkeit, die Massen zum genitalen Glück zu führen, nach der sie suchen. Dabei offenbart sich die Linke als ein sogar noch strengerer sexueller Tyrann als ihr konservativer Gegenspieler.

Wiederum ist das CFP beider Ideologien die Angst vor der Bewegung der Lebensenergie. Deshalb ist es nicht überraschend, daß wer immer auch diese Bewegung – tiefe, energetische Bewegung – dazu bringt, in den beiden politischen Körpern zu fließen, gewärtigen muß, (von Roten Faschisten) als „Schwarzer Faschist“ oder (von Schwarzen Faschisten) als „Roter Faschist“ bezeichnet zu werden. Nichts legt so deutlich die gemeinsame gepanzerte Wurzel beider Ideologien frei wie die Tatsache, daß beide „sich bekämpfenden“ Gruppen sich stets zu gemeinsamer zerstörerischer Tat zusammengeschlossen haben, um das Wissen vom – und die Bewegung zum – Naturgesetz der Lebensenergie im Menschen zu zertrümmern.

Grundlegende Naturforschung: Da die grundlegende Naturforschung sich mit den Wurzeln der Dinge befaßt, wie sie im Naturgesetz (Gott) zum Ausdruck kommen und demonstriert werden, müssen wir darauf gefaßt sein, dieses lebenswichtige Feld menschlicher Bestrebungen übersät zu finden von Büchern, die verboten wurden, und den hingemordeten Körpern der größten Denker, Entdecker und Forscher der Menschheit – alle in der einen oder anderen Weise gekreuzigt, weil ihre Arbeit den absoluten, statischen Charakter des gepanzerten Menschen und seiner sozialen Projektionen gefährdete. Unglücklicherweise war und ist dies der Fall von Sokrates bis Wilhelm Reich.

Soweit es den gepanzerten Menschen betrifft, haben sich seine Gefühle, Gedanken und Taten in 2000 Jahren nicht um ein Jota geändert. Nur das Bühnenbild wurde umgeändert mit neuen Hintergründen, Stilformen, Kostümen und Bezeichnungen. Doch, egal in welchem Jahrzehnt oder Jahrhundert, bestimmt die Verschiebung der biologischen Energie im gepanzerten Menschen die Schwankungen von irrationaler Angst zu irrationalem Zorn, von „rechts“ nach „links“, vom Schwarzen Faschismus zum Roten Faschismus. Und diese Abweichungen werden solange andauern, bis der Mensch lernt damit aufzuhören, bei seinen Kindern in den natürlichen Fluß der Lebensenergie einzugreifen und dieser Lebensenergie erlaubt, weder nach „rechts“ noch nach „links“, sondern unbehindert den mittleren Weg des genitalen Glücks hinabzuströmen, dem einzigen Weg zu einer friedlichen, schöpferischen menschlichen Gemeinschaft.

Original veröffentlicht in der Zeitschrift Creative Process, Vol. 2, April 1962