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Die Linke, die Rechte und die Mitte (1962) (Teil 1)

10. August 2018

von Jerome Eden

Die in der Kindheit und Jugend beginnende Behinderung des natürlichen genitalen Ausdrucks im Menschentier ist ein Hauptfaktor bei der Bildung der chronischen Muskelpanzerung unserer Spezies. Der Muskelpanzer dient der Bindung und Drosselung des gefühlsbetonten Ausdrucks von Angst, Zorn und insbesondere von Liebe. Jedoch sind diese emotionalen Ausdrucksformen im Individuum niemals vollständig gebunden und gedrosselt, sie stellen deshalb die Energie für das Sozialverhalten und die gesellschaftlich Organisation des Menschen zur Verfügung.

Neben der Abtrennung des Menschen vom Kontakt mit seinen einheitlichen Wurzeln in der Natur führt die Panzerung dazu, die Äußerungen des Menschen in, auf den ersten Blick polar entgegengesetzten, unvereinbaren Zweiheiten aufzuspalten. Zum Beispiel ist der gepanzerte Mensch gleichzeitig pornographisch und zwanghaft moralisch. Er organisiert Gesellschaften zur Verhinderung von Grausamkeiten an Tieren, kerkert jedoch „jugendliche Straffällige“ dafür ein, daß sie es gewagt haben ihre naturgegebene genitale Liebe zum Ausdruck zu bringen. Er gesellt sich Suchtrupps bei, um eine verlorengegangene Welpe zu suchen, metzelt dann aber Tausende von Rehen zum „Sport“ nieder. Für „die Entwicklungshilfe“ gibt er Millionen von Dollar aus, um sie dann zu atomarer Asche zu pulverisieren. Er schickt Millionen von Nahrungspaketen nach Übersee, pflügt jedoch hektarweise Weizen unter und bestraft Farmer, wenn sie ihre „Quote“ überschritten haben. Sehnsüchtig schreibt er von „Unabhängigkeit“, „Freiheit“ und „Gleichheit“, zerschlägt aber jeden praktischen Schritt hin zur Verwirklichung dessen, wovon er nur träumen kann. Kurz gesagt, ist der gepanzerte Mensch ein Widerspruch aus verzerrten Lebensäußerungen, irrational, willkürlich und ohne Sinn und Verstand. Wir verdanken der Arbeit von Dr. Wilhelm Reich, daß wir die logische Notwendigkeit dieses Irrsinns verstehen können. Es ist Dr. Reichs funktionelle Denktechnik, eine Denktechnik, deren leitendes Prinzip „die Identität der Variationen in ihrem gemeinsamen Funktionsprinzip (common functioning principle, CFP)“ ist, die es uns ermöglicht, in dieser Unordnung einen Sinn auszumachen.

Schauen wir, ob wir diese Denktechnik auf die gegenwärtigen politischen Aktivitäten anwenden können. Im Bereich der Politik (die Machtorganisation des gepanzerten Menschen) finden wir zwei antagonistische, sich offenbar gegenseitig ausschließende politische Philosophien – Liberalismus und Konservatismus. In der Theorie tritt der Liberale für soziale Reformen ein und arbeitet aktiv darauf hin, derartige Reformen entweder jetzt gleich oder in der nahen Zukunft zu verwirklichen. Auf der anderen Seite befürwortet der Konservative in allen Dingen eine Verewigung des Status quo und der konservative Einfluß macht sich mehr als ein passiver, zurückhaltender Bremsmechanismus gegen jede Bewegung hin zur sozialen Veränderung geltend.

Während Perioden relativer gesellschaftlicher Stabilität hält die eine Gruppe eine Haltung freundlicher Toleranz gegen die andere aufrecht. Ökonomischer und sozialer Druck mobilisiert jedoch diese Gruppen zu immer heftigeren Gefühlsäußerungen von Feindseligkeit. Und Perioden gesellschaftlicher Krisen zwingen die Gruppen, die jeweils andere für nationale und internationale Probleme verantwortlich zu machen.

Immer wenn gesellschaftliche Spannungen zunehmen, zeigen sich die spezifischen Eigenschaften der jeweiligen Gruppe deutlich in ihren Extremen. So finden wir, daß der extreme Liberale („links“) den Roten Faschismus und der extreme Konservative („rechts“) den Schwarzen Faschismus befürwortet. Um die Dynamik dieser Situation zu verstehen, müssen wir zu unserem Wissen über die Panzerung im Menschentier zurückkehren, der Wurzel und Quelle allen irrationalen politischen Lebens.

Die Funktion des Muskelpanzers liegt darin, ein Niveau des Energiemetabolismus aufrechtzuerhalten, den das Individuum von seiner Struktur her aushalten kann. Jedes ungewohnte Ansteigen oder jede ungewohnte Bewegung der biologischen Lebensenergie wird vom gepanzerten Menschen als Angriff gegen seine Struktur empfunden, da diese Bewegung entsprechende Verschiebungen in starren Organismen erfordert, um das autonome Bewegungsvermögen zu blockieren. Selten wird ungebundene Energie als lustvoll empfunden und der gepanzerte Mensch bringt diese bewegliche Energie entweder als Angst oder als Zorn zum Ausdruck. Daraus folgt, daß alle politischen Organisationen, die von gepanzerten Menschen aufgebaut werden, nichts weiter als vergesellschaftete Projektionen biophysikalischer Zustände sind. Derartige gesellschaftliche Strukturen sind notwendig, um sozial akzeptable Ventile für sekundäre ungebundene Energie zur Verfügung zu stellen. Daher ist das konservative („rechte“) Lager die soziale „Heimat“ für die Angst des gepanzerten Menschen, während sein Zorn sich im „linken“ Lager der Liberalen zu verankern sucht.

An diesem Punkt wäre es von Vorteil, wenn wir uns daran erinnern, daß wir es mit den dynamischen Funktionen der Panzerung und damit mit ihren gesellschaftlichen Projektionen zu tun haben. Daher kann jedes Konzept, das derartige bewegliche, sich dauernd ändernde Zustände beschreiben soll, dies bestenfalls näherungsweise leisten. Der gepanzerte Mensch ist nie ein Lebewesen, das entweder vollständig von Zorn oder vollständig von Angst bestimmt wird. In jedem gegebenen Moment bestehen beide sich einander ausschließenden Äußerungen im gepanzerten Lebewesen und beide finden ihr gemeinsames Funktionsprinzip (CFP) in den tiefsten, ursprünglichen Äußerungen des Liebeslebens des Organismus. Diese Faktoren gelten auch bei den Organisationen, welche ihre Existenz aus den gepanzerten Strukturen herleiten.

[Nachbemerkung des Übersetzers: Edens Ausführungen können gewisserweise als Einführung in den Artikel von Paul Mathews gelten, der hier demnächst veröffentlicht werden wird und dessen Illustration umgekehrt erst Edens Ausführungen verständlich machen wird.]

Die natürliche Funktion eines politischen Führers

2. März 2016

Der Psychiater Dr. Charles Konia über Rationalität und Irrationalität in der Politik:

Die natürliche Funktion eines politischen Führers

The Journal of Orgonomy (Vol. 47, No. 2, Fall 2013/Winter 2014)

11. November 2014

In dem Artikel „The Exception that Proves the Rule: The Natural Organization of America“ legt Charles Konia dar, daß Verantwortung eine soziale Funktion ist, Freiheit eine tiefere biologische Funktion. In der amerikanischen „Revolution“ wollten die einen, wie Washington, einfach nur die Unabhängigkeit, d.h. die Verantwortung für ihr Leben selbst übernehmen, die anderen, insbesondere Jefferson, wollten Freiheit, indem sie in einer „richtigen“ Revolution „die da oben“ blutig stürzen. Das zeigte sich beispielsweise an der unterschiedlichen Haltung der beiden Parteien zur Französischen Revolution, die das Mutterland England bedrohte.

Heute wird Jefferson von ganz Links bis ganz Rechts unisono als tiefer, radikaler Geist gepriesen, während man „Pragmatikern“ wie Washington mit kaum verhohlener Verachtung gedenkt. Das Problem ist, daß man „Freiheit“ mit politischen oder gar militärischen Mitteln nie und nimmer erlangen wird. Die Menschen sind nämlich biologisch freiheitsunfähig, ähnlich wie eine Regenbogenforelle „meerwasser-unfähig“ ist. Entsprechend war der pseudo-liberale Charakter Jefferson ein gemeingefährlicher Freiheitskrämer, dessen Reden von „Freiheit“ fast zwangsläufig im amerikanischen Bürgerkrieg münden mußten, von dem sich das Land bis heute nicht restlos erholt hat.

Reich schrieb über diese Freiheitskrämer im Christusmord, daß, hätten sie die Macht „Freiheit und Selbstregulierung“ über Nacht einfach so zu dekretieren, eine Menschheitskatastrophe die Folge wäre, die unser Leben wie eine neue Sintflut hinwegspülte.

Leute wie Washington wollten hingegen „nur“ Unabhängigkeit – ein Ziel, daß man tatsächlich mit „sozialen“ Mitteln erreichen kann. Überall dort, wo die Menschen sogenannte „bürgerliche Revolutionen“ hatten, etwa nach dem Krieg in Westdeutschland, als sich die Marktwirtschaftler gegen die Sozialisten durchsetzten, kam es zur Prosperität. Überall dort, wo man radikaler und grundsätzlicher vorging, etwa auf dem chinesischen Festland, kam es zur ultimativen Katastrophe. In diesem Zusammenhang erinnere ich an die Begeisterung für Mao, den größten Massenmörder der Menschheitsgeschichte, die selbst den einen oder anderen „Reichianer“ in ihren Bann gezogen hat („Kulturrevolution“). Leute wie Jefferson und Mao sind im gesellschaftlichen Bereich die Entsprechung zu den Reichianischen Körpertherapeuten: verantwortungslose Freiheitskrämer, die mit Dingen hantieren, von denen sie nicht die blassesten Schimmer haben.

Das bringt mich zur Gegenwart und dem ewigen Streit, ob Leute wie Konia eine „akzeptable“ Sicht auf die USA haben. Dabei wird beispielsweise auf den „Petrodollar“ verwiesen, den die Amerikaner mit militärischer Gewalt verteidigten, um so ihre Währung auf Kosten der übrigen Welt künstlich am Leben zu halten, obwohl die Gelddruckmaschinen der Federal Reserve seit Jahrzehnten heißlaufen. Die USA als „Weltterrorist“ und die EU als Erfüllungsgehilfe. Dabei wird stets übersehen, daß einem „Freiheitshelden Jefferson“ stets ein „Diktator Lincoln“ folgen muß, soll nicht alles in Unfreiheit und Barbarei enden!

Wie Robert Harman in „Practical Functional Economics (Part IV): The State of the Global Economy“ darlegt, hat der Kapitalismus aufgrund orgonomischer Gesetzmäßigkeiten („orgonotische Pulsation“) ein Zentrum und eine Peripherie. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war London und das britische Pfund das Zentrum, seit spätestens dem Zweiten Weltkrieg ist es New York und der Dollar. Beide Währungen wurden theoretisch durch Gold gedeckt, wobei man Gold (bzw. natürlich eine Golddeckung) benötigte, um an Pfund bzw. Dollar zu kommen. Für das Zentrum selbst (erst London dann New York) war deshalb die eigene Golddeckung kurioserweise vollkommen unbedeutend.

Diesen Absatz nehme ich auf meine Kappe: Das System brach deshalb jeweils zusammen, als Frankreich (1.) 1926 den Goldstandard einführte, dabei den Franc stark unterbewerte und damit das überbewertete und kaum goldgedeckte Pfund destabilisierte; und (2.) 1965 gegenüber den USA darauf bestand, für seine goldgedeckten Dollar auch tatsächlich das entsprechende amerikanische Gold zu erhalten, d.h. es physisch nach Frankreich zu verfrachten. Der Präzedenzfall war da, der Damm war gebrochen, so daß 1971 Nixon die Golddeckung aufgeben mußte. Im ersteren Fall mündete Frankreichs Rebellion gegen das Zentrum des Weltkapitalismus in der Großen Depression der 1930er Jahre, im zweiten Fall im Zusammenbruch von 2007. Daß im zweiten Fall der Zusammenbruch so lange hinausgezögert werden konnte, liegt u.a. am „Petrodollar“, der an die Stelle der Golddeckung getreten war. Die ganze Welt mußte ihr Rohöl mit Dollar bezahlen, der letztendlich in amerikanischen Kassen endete. Man stelle sich vor, der Zusammenbruch wäre zu Hochzeiten des Kalten Krieges erfolgt! Heißt das, daß man die Geldpolitik der USA gut finden muß oder jeden ihrer Versuche, die internationale Ordnung aufrechtzuerhalten? Nein, aber es geht nicht an, Amerika als Beelzebub schlechthin darzustellen und freiheitskrämerisch die Moralkeule zu schwingen.

Der letzte Absatz ist auf meinem eigenen Mist gewachsen, karikaturhaft verkürzt und wird Harmans Ausführungen in keinster Weise gerecht, d.h. die Große Depression und „2007“ hatten weit komplexere Ursachen, aber im Kern stimmt es. Es ist auch bezeichnend, daß ausgerechnet Frankreich („Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“) an der Wiege der beiden Katastrophen steht. Es geht darum, wie sich die globale Wirtschaft spontan organisiert und wie die Akteure damit umgehen.

Dabei gibt es beständig eine Auseinandersetzung zwischen der lebendigen Arbeit und den ökonomischen Gesetzmäßigkeiten auf der einen Seite und der Emotionellen Pest (der „Antiarbeit“) auf der anderen Seite. Ein schlagendes Beispiel ist der Euro, der weitgehend ein „französisches“ Projekt ist. Wie Harman im Anschluß an Reich darlegt, ist die lebendige Arbeit eine internationale Funktion, die durch Staatsgrenzen nur behindert wird. Aus dieser Sicht war die Einführung des Euro ein lebenspositives Projekt. Geradezu diabolisch ist es, daß gleichzeitig die Südländer durch den starken Euro, der in keinster Weise ihre schwache Produktivität zum Ausdruck brachte, dazu verführt wurden, sich bis zum Abwinken zu verschulden. Und statt diese Schulden, die eh niemals beglichen werden können, einfach abzuschreiben und eine Krise in Kauf zu nehmen, die man vielleicht noch hätte bewältigen können, wurde vor allem auf den Druck Frankreichs hin „gerettet“, d.h. ein um so katastrophalerer Zusammenbruch in die Zukunft verschoben. Heute sind wir dergestalt in der Situation, daß wir so tief verstrickt sind, daß wir den Euro gar nicht mehr aufgeben können, wobei gleichzeitig dessen Erhalt ebenfalls in die garantierte Apokalypse münden wird. Das ist die Emotionelle Pest: sie führt (verantwortungslos und im Namen der „Freiheit“) das Lebendige in Situationen, aus denen es kein Entkommen mehr gibt. Harman:

Ich habe hier zusätzliche Aufmerksamkeit auf die Beschreibung dieser Situation in Europa gelegt, weil es ein so klares Beispiel dafür ist, wie die Emotionelle Pest funktioniert. Die Pest schafft Verwirrung und Immobilisierung bis zu dem Punkt, wo menschliches Denken und Handeln (…) ein extremes Niveau von Sinnlosigkeit erreicht, das zu tragisch selbstzerstörerischem Verhalten führt, das nur das Ausmaß an Verwirrung und Immobilisierung verstärkt. Was geschieht, ist das Sequestrieren und Beseitigen der Lebensfunktion selbst. Wenn die fadenscheinigen Rationalisierungen entfernt werden, ist die einzige Logik an der Pest die Logik der Notwendigkeit, das Leben abzusondern und zu eliminieren. (S. 71f)

Man nehme etwa folgende Ausführungen gegen die USA, den Petrodollar, etc. Sie führen in ihrer inneren Logik dazu, daß der Kern der Weltökonomie, die USA und der Dollar, funktionsunfähig gemacht wird, auf der Weltbühne die Anarchie ausbricht und Verbrechersyndikate, d.h. ehemalige kommunistische „Staaten“ wie Rußland und China die Welt dominieren. Das alles natürlich im Namen der „Freiheit“, gar des „Lebendigen“. Das Schlimme ist, daß niemand die Emotionelle Pest erkennt, sondern ganz im Gegenteil alle vermeinen hier würden sich Liebe, Leben und Freiheit regen und die Erlösung nahe sein:

[youtube:http://www.youtube.com/watch?v=PiTZuozOaBA%5D