Posts Tagged ‘Über-Ich’

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 49)

15. Februar 2023

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Peter Sichrovsky: Der Antifa-Komplex, München 1999. Mich interessierte das Buch, weil es von einem stammt, der erst Freund von Bubis und dann von Haider war. Offenbar ein freier Geist, der von allen gehaßt wird. Und dann ist da noch die kurze Literatur-Liste am Ende des Buches, wo Reichs Massenpsychologie des Faschismus (Köln 1997) auftaucht. Ich war gespannt, wie Sichrovsky diese Lektüre verarbeitet hat. Reich kam nicht vor, nur der Vollständigkeit halber erwähnte „psychonalytische Erklärungsansätze“ und Erich Fromm. Bis ich schließlich über den einzigen wirren Absatz im ansonsten sehr klar geschriebenen Buch stieß. Er schweigt über Reich, aber ausgerechnet an der Stelle, wo es um die LSR-Problematik geht (Über-Ich und „Unbehagen in der Kultur“), kommt er ins kaum nachvollziehbare Stottern:

Einige wenige – jedoch sehr lautstarke – Nachkommen der Täter versuchten den übertragenen väterlichen Schuldkomplex in eine Aggressivität gegen potentielle alte und neue Täter umzusetzen. Während das Schuldbewußtsein als die Differenz des Kulturanspruchs von Über-Ich und Ich die Antifa-Generation nicht weiter beschäftigte, quälte sie das Schuldgefühl als ein Unbehagen, das sich infolge der vom Kulturanspruch geforderten Triebunterdrückung einstellt und anhält, solange dieser Anspruch in Geltung ist. Die antifaschistische Generation vor allem in Deutschland kämpfte somit von Beginn an einen hoffnungslosen Ersatzkrieg, den ihre eigenen Vorfahren bewußt versäumt hatten. (S. 132)

Interessant wie einerseits Sichrovsky (Der Antifa-Komplex, S. 97) auf Edgar Alexanders Buch Der Mythus Hitler von 1937 reagiert, nämlich ganz in Übereinstimmung mit dem Katholen Alexander – und wie Reich reagierte: „M.“ (Karl Teschitz = Karl Motesiczky) nimmt LSR-Partei für die Nazis gegen die Katholiken und implizit etwa gegen (den natürlich erst später auftretenden) Stauffenberg. Teschitz spricht von den „positiven, fortschrittlichen Momente(n) im Nationalsozialismus“, dessen „fortschrittliche(m) Element“ (M.: Besprechung von „Edgar Alexander, Der Mythus Hitler“ Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie V(1)(15), S. 76-78).

Manche führen ja das Dritte Reich darauf zurück, daß Hitler nur einen Hoden hatte (stimmt nicht, er hatte mindestens zwei!), ein dicker Wälzer über Hitlers angebliche homophile Neigungen ist veröffentlicht worden, etc. So ein Monster kann er nicht gewesen sein, denn sonst hätten sich nicht so viele Riefenstahls, Rommels, (anfangs) Stauffenbergs, etc. von seinem Charme einfangen lassen. Thomas Mann hat ihn, spät und deshalb mutig, sogar als seinen „Bruder“ bezeichnet, desgleichen George Orwell.

Reich meinte, Hitler wäre der Normale schlechthin: „Nur dann, wenn die Struktur einer Führerpersönlichkeit mit massenindividuellen Strukturen breiter Kreise zusammenklingt, kann ein ‚Führer‘ Geschichte machen“ (Die Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 53). Gleichzeitig war er für Reich der „Unnormale“ schlechthin, nämlich der „Generalpsychopath“.

Genau diese Zwiespältigkeit machte das Faszinosum Hitler aus: auf der einen Seite der vorhersagbare Durchschnittsuntertan, auf der anderen der unvorhersehbar agierende wilde Mann. Aus dem gleichen Grund sind die Menschen ja auch von blutdürstigen Massenmördern so fasziniert, die bieder wirken, im Heimlichen aber unaussprechliche Dinge tun, d.h. ausbrechen. Das Phänomen Hitler hat demnach wenig bis gar nichts mit all dem moralischen und ethischen Brimborium zu tun, mit dem uns die Volkspädagogen quälen, sondern mit unserer gespaltenen, unauthentischen Existenz.

Brief von Peter Nasselstein an Bernd A. Laska über Safranskis Nietzsche-Biographie, 21. Mai 2001

2. Februar 2023

Lieber BAL,

ich lese gerade Safranskis NIETZSCHE und habe mich bis zur Stirner-Stelle durchgekämpft. Hier meine unmittelbar das Lesen reflektierenden Gedanken:

Schopenhauer macht den Hegelschen „Weltprozeß“ zur nichtigen Phrase – das gleiche tat Stirner. Das wird offensichtlich, wenn man so ungefähr die Seiten …121 bis 123… liest.

Schön! Es ist wirklich nur ein Schritt und: Schopenhauer und Stirner werden austauschbar.

Wenn Safranski etwa schreibt: „Im Kern des Menschen entdeckt Stirner eine schöpferische Kraft, die Phantome erzeugt, um sich dann von den eigenen Erzeugnissen bedrücken zu lassen“ (S. 125f). [PN 2023: „Die Welt als Wille und Vorstellung“ frei nach Schopenhauer!]

Safranski assoziiert diesen Satz mit Feuerbach. Safranski hätte aus der ganzen Logik seiner Darstellung ebenso ausführen können, daß „Nietzsches Schopenhauer“ (der ein sehr merkwürdiger „Schopenhauer“ war) die ideale Maske für den von Nietzsche verheimlichten „Nietzscheschen Stirner“ war. Und daß nicht erst für 1874 gilt „(Nietzsche) studiert Max Stirner“ (S. 378), sondern daß das bereits 1865 hinter dem „Schopenhauer-Erlebnis“ (S. 372) stand. (PN: Mir fällt gerade ein: vorbereitet durch Ortlepp 1863? oder habe ich das bei Ihnen aufgeschnappt?)

Jedenfalls habe ich mich bei Ihrer Theorie immer gefragt, wie sich denn hinter Nietzsches (ausgerechnet!) Schopenhauerianertum ein heimliches und verdrängtes Stirnerianertum verbergen soll. Safranski hat mir (ohne daß Safranski selbst weiß, was er da ausleuchtet) dies nachvollziehbarer gemacht. Safranski ist der letzte Schritt der Nietzsche-Forschung vor der Laska-Revolution.

Aber weiter: Nach einigen Seiten Stirner-Begeisterung, d.h. Laska-Plagiat (Stichwort „Über-Ich“!), kommt der Satz: „Die Stirnersche Philosophie war ein grandioser Befreiungsschlag,….“ (S. 128) Triebhaft beendet mit dem Halbsatz: „…, wunderlich und skurril bisweilen.“ Und, mittlerweile ist Safranskis Über-Ich ganz im Sattel, gefolgt von dem Satz: „Auch konsequent in einem sehr deutschen Sinne.“ Aha! bzw. A.H.!!! Safranski ist einer: fremde Würstchen stibitzen, mit dem Schwanz wedeln, anhimmeln – und schließlich anpissen! Nächste Seite: „… Nietzsche (wird) bei Stirner etwas gänzlich Fremdes und sicherlich auch (!) für ihn Abstoßendes wahrgenommen haben.“ Im Anschluß daran endet dann das Kapitel merkwürdig holprig – und hat nichts mehr mit Stirner zu tun.

Doch dann findet sich im nächsten Kapitel doch wieder Aufspießungswürdiges. Auf S. 132 schreibt Safranski, daß Nietzsche mittels Stirner „das Wissen gegen das Wissen (kehrt), um dem unmittelbaren Leben Raum zu schaffen“. Ähnliches hätte Safranski über den Einfluß Schopenhauers auf Nietzsche sagen können: die Erziehung zur Nüchternheit. Nun gut, auf S. 138 zitiert Safranski Nietzsche im Zusammenhang mit dessen Wagner-Desillusionierung:

Es sei ein verhängnisvoller Irrtum gewesen und es habe ihn krank gemacht, schreibt [Nietzsche], jene „metaphysische Vernebelung alles Wahren und Einfachen, der Kampf mit der Vernunft gegen die Vernunft, welcher in Allem und Jedem ein Wunder und Unding sehen will“. Diese Formulierung erinnert auf den ersten Blick an jene von Stirner angeregte Formel vom Wissen, das seinen Stachel gegen das Wissen kehrt. Mit dieser Formel hatte Nietzsche dem Leben Platz schaffen wollen für den Gewinn einer zweiten Unmittelbarkeit. Die Formel hatte einen vitalistischen Sinn. Im Dienste des Lebens sollte die Macht des Erkennens und Wissens eingeschränkt werden. Aber dieses Manöver der Entmachtung des Wissens durch das Wissen gilt ihm jetzt als Selbstbetrug der Vernunft. Es erscheint ihm unredlich, mit der Vernunft gegen die Vernunft zu fechten.

– Hier verwirrt sich alles, irgendwie wird Stirner (!) zu einem unredlichen Betrüger und Nietzsches Befreiung von Wagner/Schopenhauer wird uns „irgendwie“ als Befreiung von Stirner verkauft! So muß es jedenfalls beim Leser ankommen. Interessant auch, wie hier Safranski (in unbewußter Nachäffung Nietzsches?) Schopenhauer und Stirner vermengt.

-PN

Safranski (Fortsetzung) 28 Mai 2001:

Wir waren auf S. 138. Danach taucht Stirner namentlich nicht weiter auf, aber seine Gegenwart bleibt spürbar.

Es (bzw. mir) wird klar, daß Nietzsche in der Schaffensperiode von Menschliches, Allzumenschliches und Morgenröthe Stimer nahe kommt:

Der Grundsatz „individuum est ineffabile“ bedeutet für [Nietzsche]: das Ungeheure auch in der Einzelheit des Individuums zu entdecken. Aber wer liebt schon das Ungeheure? Eher weicht man ihm aus ins Bekannte und Vertraute. Und so kommt es, daß die „Allermeisten“ nichts Eiligeres zu tun haben, als nach einem „Phantom von ego“ zu suchen, das vor der Ungeheuerlichkeit des eigenen Selbst schützt. Wo findet man dieses Phantom? Bei den Anderen. Was die Anderen über mich festgestellt haben oder was ich glaube, daß sie es festgestellt haben, und was ich selber getan habe, um ein bestimmtes Bild dort draußen und vor mir selbst zu erzeugen – diese Eindrücke und Handlungen bringen jene Verhältnisse hervor, bei denen „Einer immer im Kopfe des Andern, und dieser Kopf wieder in anderen Köpfen“ steckt. (S. 217)

(Übrigens „Stirnerisiert“ Safranski auch selbst auf S. 217f – im Heideggerschen Gewande.) Andererseits ist für Nietzsche das Innere ein Schlachtfeld, in dem eine Art „Super-Ich“ (mein Begriff) Herr werden soll: Nietzsche fordert, man solle eine ganze Person sein. „Solches Ganzsein aber bedeutet nicht die unmögliche Überwindung der dividualen Existenzweise (d.h. der Panzerung = Über-Ich, PN), sondern wirkungsvolle Selbstgestaltung und selbstinstrumentierung.“ Im Sinne des Willens zur Macht „Macht über sich selbst gewinnen (…) Machtergreifung über sich selbst“ (S. 187f). Und er zitiert Menschliches, Allzumenschliches (KSA 2,20). So taucht das Über-Ich beim Stirnerisierenden Nietzsche doch wieder auf! (Safranski hätte die Möglichkeit gehabt, den Willen zur Macht als „Erschaffung“ des Über-Ichs zu entlarven. Zum Beispiel wenn er später schreibt:

Selbstüberwindung im Schaffen einer ganzen imaginären Welt aus Ideen, Bildern und Szenen, wie sie das Zarathustra-Projekt entwirft, ist mehr als Selbsterhaltung. Es ist Selbststeigerung. Und dies ist der zweite Aspekt des Willens zur Macht. Man denkt zu gering vom Leben, wenn man in ihm nur den Trieb zur Selbsterhaltung entdeckt. (S. 291)

Auf diese Weise ist Nietzsche wirklich gleichzeitig beides LSR und DMF [PN 2023: in PNs Privatsprache das Gegenteil von LSR: Diderot/Marx/Freud]. Weshalb er ja auch so beliebt ist.

Nietzsches Über-lch‘lertum wird an Stellen wie folgender auf S. 264 deutlich: „(…) wenn Nietzsche später Flauberts ‚Versuchungen des heiligen Antonius‘ kennenlernt, wird er dort wiedererkennen, was es bedeutet, von den eigenen folternden Phantasien überwältigt zu werden. Aber Nietzsche kämpft um den Willen zur Macht über sich selbst (…),“ d.h. er will sich bewältigen. Tatsächlich ist der „Über-Mensch“ in gewisser Weise ein „Über-Ich-Mensch“. Jedenfalls wird das (mir) klar, wenn Safranski auf S. 268f Nietzsches Schopenhauer-Schrift zitiert, daß dein wahres Wesen nicht in dir verborgen liegt, „sondern unermesslich hoch über dir oder wenigstens über dem, was du gewöhnlich als dein Ich nimmst“. Safranski spricht Nietzsche: „In jedem Versuch zur Selbstgestaltung im Sinne der Steigerung wirkt bereits der Wille zum Über-Menschen. …seine Fähigkeit zur Selbstbeherrschung und Selbstgestaltung in aufsteigender Linie.“ Und wieder zitiert Safranski Menschliches, Allzumenschliches (KSA 2,20). Das gleiche Zitat auch am Ende des Buches S. 364 bei der Auseinandersetzung mit Foucaults Nietzsche-Interpretation.

Und weiter im Text: Wie befürchtet versteht auch Safranski die Ewige Wiederkehr nicht. Aber heroisch quäle ich mich voran zur Seite 255, wo im Zusammenhang einer Diskussion der Diskussion um Nietzsches angeblicher Homosexualität ein verdeckter Angriff auf Reich zu finden ist. Safranski: man dürfe Nietzsche nicht auf „die Geheimgeschichte seiner Sexualität“ reduzieren.

Man macht sie zum privilegierten Ort des Wahrheitsgeschehens. Die Sexualität gilt als Wahrheit der Person. Es ist dies die vielleicht prominenteste Wahrheitsfiktion des 20. Jahrhunderts, doch schon im 19. Jahrhundert war sie aufgekommen. Unter der Rohheit und versteckten Aggressivität eines solchen Willens zur Wahrheit, der die Person von ihrer Sexualgeschichte her entschlüsselt, hat Nietzsche gelitten. Zwar hat auch er das Triebgeschehen erforscht, aber er hat darin eine unendliche Vielfalt entdeckt, er war in dieser Angelegenheit Polytheist und huldigte nicht dem phantasielosen Monotheismus der Sexual-Deterministen.

Wieder: darum ist Nietzsche so beliebt: Aufklärer und gleichzeitig Lehrer des verkleisternden Ausweichens. (Die Differenz von Psychoanalyse und Nietzsche wird auf S. 337, Abs. 2 erläutert.)

Safranskis Angriff auf Nietzsches „Biologismus und Naturalismus“ und natürlich Primitivismus wirkt wie die entsprechenden Marxistischen Angriffe auf Reich von anderen (S. 301-304).

Genervt setze ich meine Lektüre fort:

Wie für Marx ist auch für Nietzsche Stirner letztendlich Kleinbürger: weil er zu impotent ist, um gemäß dem Willen zur Macht ein „Über-Ich“ (ein Ziel, eine Vision) über sich zu setzen – aber Safranski denkt natürlich nicht an diese Verbindung, wenn er schreibt:

Es geht [Nietzsche] nicht, wie wir schon gehört haben, um defensive Selbsterhaltung, sondern um das Prinzip offensiver Selbststeigerung. Leben ist ein expansives Geschehen. Bestandssicherung mag für den ängstlichen Kleinbürger wichtig sein, das Leben insgesamt aber darf man sich nicht als Philister-Welt vorstellen. Dieser Gedanke von der Selbststeigerungs-Tendenz des Lebens wird im Zarathustra prägnant formuliert: „Nur, wo Lebens ist, da ist auch Wille: aber nicht Wille zum Leben, sondern (…) Wille zur Macht“. (S. 297)

Nein, wenn Safranski auf den Gleichklang von Nietzsche und Marx zu sprechen kommt, dreht es sich um Moral und Klassenkampf (S. 299). – Und es stimmt ja auch: bei allem „diabolischen“ Perspektivismus („Klassenstandpunkt“) gibt es für beide etwas Höheres als bloße „kleinbürgerliche Selbstbehauptung“ und damit verborgen doch eine höhere Moral (im Sinne des „Willens zur Macht“).

Ich nähere mich dem Ende und muß feststellen, daß Safranski nicht mal mit dem Tod Gottes was anfangen an (S. 320ff). Er begreift nicht, daß mit der Beseitigung Gottes alles beseitigt ist: alle Maßstäbe, alle Moral, alle Ethik. Aber die Menschen, einschließlich Safranski, machen weiter, so als wäre nichts geschehen. Gott ist tot? Na und!! Hat er je gelebt? Nietzsche hat die (bzw. eine) Konsequenz gezogen, d.h. er ist „Faschist“ geworden, aber um diesen Ertrag seines Lebens wird er von Safranski und elendigen „Nietzsche-Rettern“ a la Schmidt betrogen! Diese Leute wollen einen „humanistischen“ Nietzsche, einen zurechtgestutzten Nietzsche, um der Entscheidung zu entgehen: Nietzsche und damit die systematische Vernichtung von Milliarden von degenerierten Menschen und die Versklavung der übrigen für die Bedürfnisse einer klitzekleinen übermenschlichen Elite – oder LSR. Seid doch einmal konsequent!!

Stattdessen ein ewiges BlaBlaBlaBlaBlaBlaBlaBlaBla, das nie zum Ziel kommt. Und dieses Hirnleuchten wird dann auch noch als „Denken“ bezeichnet! Entsprechend endet das Buch mit den Sätzen: „Mit Nietzsches Denken kommt man nirgendswo an, es gibt kein Ergebnis, kein Resultat. Es gibt bei ihm nur den Willen zum unabschließbaren Abenteuer des Denkens“ (S. 365). Das ewige Ausweichen vor dem Wesentlichen.

[PN 2023: Laska selbst äußert sich zu dieser bundesdeutschen Großleistung hier.]

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 44)

27. Januar 2023

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Wäre ich beispielsweise Gesangslehrer, würde ich den Schüler einfach bitten, etwas zu singen, das aufnehmen und ihm das sozusagen „charakteranalytisch“ zurückspiegeln, indem wir uns gemeinsam die Aufnahme anhören. Sodann würde ich ihn fragen, was hier nicht zu seiner Vision von dem paßt, was er erreichen wollte, erstrebt hat. Auf diese Weise würde ich die Hemmung, die ihm sein Leben frustabel macht, d.h. seine individuelle Panzerung ansprechen.

In einem zweiten Schritt würde ich ihn fragen, ob es wirklich seine eigene wahre Vision von Singen, von Performance, ist oder er irgendeiner heteronomen Modeerscheinung aufgesessen ist, mit der er sich nicht wirklich identifizieren kann. Ich würde damit sozusagen die gesellschaftliche Ideologie angehen, die soziale Panzerung.

Im ersten Fall geht es um die Technik, im zweiten um den Stil. Das Ziel meines Unterrichts wäre es, Fassade und Kern wieder miteinander zu verbinden und die sekundäre Schicht in einem Zweifrontenkrieg immer weiter einzuengen und schließlich zu zermalmen.

Das bringt mich zu Marx, demzufolge Arbeit definiert ist als „Vision“ plus Handanlegen, was von vornherein die gesamte Thematik von Arbeitsteilung, Überbau und Unterbau, Produktionsmittel und Produktionsverhältnisse, Klassenbewußtsein und gesellschaftliche Ideologie impliziert. Ich habe in den vorangegangenen Teilen dieser Blogserie versucht darzustellen, daß es sich hier um sozusagen Masken der Stirnerschen Anthropologie handelt: verinnerlichte Hierarchien, Über-Ich, Panzerung.

Bei Freud geht es um das „Ichideal“, d.h. die Vision dessen, was man gerne wäre; womit man sich identifiziert: mit dem heteronomen Vorgaben der Gesellschaft (letztendlich der „schwarzen“ Mittlere Schicht in der obigen Abbildung) oder mit dem autonomen bioenergetischen Kern.

Man wird Eigner seiner selbst, d.h. gewinnt „seine eigene Stimme“, wie man so schön sagt!

Orgonbiophysik und LSR (Teil 2)

26. Januar 2023

Max Stirner geht es nicht um Egoismus, sondern um Einzigkeit, d.h. darum, vor allem die Kinder von jenen inneren Instanzen freizuhalten, die sie von sich selbst entfremden und es ihnen unmöglich machen situationsgerecht und rational zu denken und zu handeln. Das ist Aufklärung in Stirners Sinne, während es etwa Kant darum ging, diese inneren Instanzen, etwa „Pflicht und Gewissen“, vor dem Zugriff der Aufklärung zu schützen. Im Anschluß hat Hegel diese Okkupationsmacht des Inneren weiter ausgebaut. Daran hat Marx‘ materialistische Wende nichts geändert, sondern ganz im Gegenteil den Einzelnen vollends zu einem bloßen „Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“ gemacht.

Woher wissen „aufgeklärte“ Intellektuelle praktisch instantan worum es bei L & S & R geht bzw. daß das gefährlich ist? Sie regen sich auf, als wenn es um ihre schiere Existenz geht! Es ist keine im eigentlichen Sinne intellektuelle Reaktion, sondern eine energetische. Wer das „Gewissen“, die „inneren Hierarchien“, das Über-Ich angreift – mit einem Wort den eigentlichen Kern der Panzerung (ihren psychologischen Sinn) – der stellt sich gegen das DOR, versucht es zu sequestrieren. Umgekehrt versucht das DOR das OR zu sequestrieren. (siehe dazu auch den morgigen Blogbeitrag!)

LSR ist dermaßen energetisch aufgeladen, daß man bei Annäherung einen elektrischen Schlag verpaßt bekommt. Und das meine ich nicht nur im übertragenen Sinne. Es geht um PHYSIKALISCHE Vorgänge, die mit psychologischen Inhalten verknüpft sind – der terrorartigen Furcht, die Menschen dazu treibt, frei pulsierende, erstrahlende Babys zu domestizieren, d.h. ihnen ein schlechtes Gewissen, ein schlechtes Körper- und Eigengefühl zu verpassen und ihnen „Werte zu vermitteln“. Dem Toten, d.h. dem Gepanzerten (DOR), ist das Lebendige (OR) unerträglich, ruft unerträgliche Sehnsüchte hervor und erinnert an verdeckte unerträgliche Schmerzen eines verpfuschten Lebens. Man nimmt Rache, folgt seinem Ressentiment – das den Gegnern von LSR tief ins Gesicht gegraben ist.

Homo normalis reagiert aus seinem DOR-Sumpft heraus niemals derartig emotional heftig mit übersteuerten Haßreaktionen auf einen Mann wie Hegel und dessen bekanntes Diktum: „Die Pädagogik ist die Kunst, die Menschen sittlich zu machen.“ Kultur ginge vor Natur und man müsse die Eigentümlichkeit des Kindes brechen:

…bestimmt sich das Recht der Eltern über die Willkür der Kinder durch den Zweck, sie in Zucht zu halten und zu erziehen. Der Zweck von Bestrafungen ist nicht die Gerechtigkeit als solche, sondern subjektiver, moralischer Natur, Abschreckung der noch in Natur befangenen Freiheit und Erhebung des Allgemeinen in ihr Bewußtsein und ihren Willen. (Grundlinien der Philosophie des Rechts)

Gegen diese „Erhebung des Allgemeinen“, d.h. gegen die Zerstörung der Eigenheit des Kindes, die Zerschlagung seiner Fähigkeit zur Selbstregulation, die Zerstörung seiner freien Pulsationsfähigkeit, die Kreuzigung seiner Lebendigkeit sind nur drei Männer aufgestanden und haben dafür einen hohen Preis bezahlt: LaMettrie, Stirner und Reich. Ihre Gegner waren Diderot, Marx und Freud, die jeweils im Namen der Aufklärung alles in ihrer Macht taten, damit alle zukünftigen Kinder von Geburt an weiterhin „vergesellschaftet“ werden und das mit immer perfideren und durchschlagenderen Methoden. Ihr letztendliches Ziel war das Ersticken jedweder Lebendigkeit, der Triumph des Todes, DOR.

Leute, beschäftigt Euch mit dem LSR-Projekt!

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 43)

20. Januar 2023

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Die westliche und östliche „Spiritualität“ (also das, was Reich als Mystizismus bezeichnet hat) strebt danach das eigene vergängliche, ohnmächtige Ich in etwas größerem Aufgehen zu lassen – um dann um so mächtiger aufzuerstehen: „So ihr euch jetzt unterwerft, werdet ihr im Himmel thronen und alles Sterbliche richten!“ Wie in der SS: die Vernichtung des eigenen Ich (deshalb die Totenkopf-Symbolik) – und seine Auferstehung zu einem allmächtigen KZ-Schergen.

Imgrunde ist das alles, ganz im Sinne von Reichs Massenpsychologie des Faschismus, fehlgeleitete Sehnsucht.

Die Aufklärung a la Kant und Freud wollte diesen Mechanismus von vornherein unterbinden, indem sie das souveräne, selbstverantwortliche, verstandesgeleitete Individuum gegen die „Schlammfluten des Okkultismus“ aufrichtete. Groteskerweise ging das nur dadurch, daß das Individuum negiert wurde: „imgrunde sind unsere Aufklärer doch recht fromme Leute“ (Stirner).

Man kommt aus dem was Reich als „Mechano-Mystizismus“ (Einheit von neuer „Aufklärung“ und altem „Mystizismus“) bezeichnet hat einfach nicht heraus – weil man aus der Sexualität nicht heraustreten kann.

Was diese Aussage bedeutet? Nun:

Nur LaMettrie, Stirner und Reich haben den Ausgang aus der mechano-mystischen Falle gewiesen. Um mit Stirner zu reden: die Hierarchie dringt nicht ins Innere, das Individuum ist nicht Gedanke, sondern hat Gedanken, die es jederzeit loslassen kann, um im „schöpferischen Nichts“ zu versinken (Der Einzige und sein Eigentum, Stuttgart 1981, S. 385): die Fähigkeit Wollust zu empfinden, orgastische Potenz.

Problem bei diesen Ausführungen ist, daß immer noch der „Beobachter“, das Ego übrigbleibt, doch egoistische Wollust im ganzen Umfang kann man nur erleben, wenn man die Rolle des Beobachters aufgibt, mit dem Körper eins wird, mit dem Partner eins wird, mit dem Kosmos eins wird – zum buchstäblichen „Einzigen“ wird.

„Spiritualität“ ist nichts anderes als sadomasochistisch entstelltes LSR!

Die Frage, ob LaMettrie, Stirner und Reich orgastisch potent waren bzw. das ausleben konnten, stellt sich nicht, bzw. ist unwichtig. Worauf es ankommt, ist, daß man spürt, wie es sein könnte – daß die Welt, wie sie ist, „ver-rückt“ ist und daß man eine „Utopie“ hat, ein Gefühl dafür, wie sie sein könnte. Diese innere Welt ist entscheidend, während alle „Enthüllungen“ über das mehr oder weniger armselige äußere Leben, bzw. „schwache Punkte“ im Leben von LaMettrie, Stirner und Reich – nicht wichtig sind. – Jene, die feixend über das konkrete Leben von LaMettrie („hemmungsloser Gierlappen“), Stirner („armselige Existenz“) und Reich („paranoider Trottel“) herziehen, zielen in Wirklichkeit auf jenes, das LaMettrie, Stirner und Reich intuitiv gespürt haben: „das Lebendige“ wie es sich z.B. im Kleinkind verkörpert, daß noch nicht „die Hierarchie“ in sich internalisiert hat, das noch nicht gepanzert ist, d.h. kein Über-Ich entwickelt hat. – Nur wer kein Über-Ich hat, kann sich wie ein ungepanzertes Kind restlos in der Wollust und im Gegenüber auflösen.

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 42)

14. Januar 2023

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Was das Verhältnis von Stirner zu Marx und Nietzsche betrifft, findet sich eine sehr schöne Stelle in Camus Der Mensch in der Revolte: Camus zieht einen lehrreichen Vergleich zwischen Marx und Nietzsche, indem er darauf hinweist, daß das Denken von Marx die Unterwerfung der Natur voraussetzt, um der Geschichte zu gehorchen, während das Denken von Nietzsche die Unterwerfung der Geschichte voraussetzt, um sicherzustellen, daß der Natur (unmoralisch, jenseits von Gut und Böse) gehorcht wird.

Ich glaube, daß hier Camus den Nagel auf den Kopf getroffen hat. (Camus‘ Passage über Stirner im gleichen Buch selbst ist schlichtweg konfus!) Ein passender roter Faden, an dem man sich in diesem so verwirrenden Gelände orientieren kann. Zwei gegensätzliche Wege, auf denen Stirner verarbeitet wurde. Beim einen wurde aus der Empörung des Einzigen gegen eine ihm aufoktroyierte Wahnwelt (Über-Ich) der Kampf „des Menschen“ gegen eine seiner Emanzipation hinderliche Natur (der Kapitalismus mit seinen Unmenschlichkeiten als vermeintlicher Naturzustand), während beim anderen aus der besagten Empörung der Kampf des Inkulturierten wurde, der seine vermeintlich „natürlichen“ Triebe endlich ausleben will. Dergestalt ist das 20./21. Jahrhundert mit seinen antifaschistischen und antikommunistischen Kreuzzügen nichts anderes als ver-Murxter Stirner.

Auch ist interessant wie Camus selbst zum Problem steht: die Verweigerung des Ich gegenüber „der Welt“; die einzige Frage, die für ihn zählt, ist die nach dem Selbstmord. Stirner „existentialistisch“ entartet, letztendlich wieder Schopenhauer.

Eine Email von Peter Nasselstein an Bernd A. Laska, 10.09.03

12. Januar 2023

PN: Liest sich glatt, keinerlei Häme etc wie sonst so oft. Aber: Von Sexualität kein Wort. Und Merksatz 1: Biopathien sind unbekannten Ursprungs (aber dann orgontherapeutisch zu behandeln).

Dieser Satz ist (Robert A.) Dews klassischer Definition der Biopathien entnommen: using classical medical concepts, the ethiologies of these diseases remain elusive

BAL: Vielleicht berechtigt, when using classical medical concepts ??? Aber hat Dew denn auf nicht-klassische Weise den Ursprung der Biopathien zu erklären versucht?

PN: Ja, denn das ist ja der Sinn des Satzes: Ätiologie unbekannt, weil Pulsationsstörung nicht beachtet wird – denn die würde einen langen Schwanz an Implikationen nach sich ziehen und letztendlich unsere „pulsationsschädigende“ Gesellschaftsordnung infrage stellen.

BAL: Da war der alte Freud doch radikaler: als er sagte (wann eigentlich? wo?), dass seine Psychoanalyse in puncto Heilen mit Lourdes nicht mithalten könne, er sie auch nicht als Heilmethode empfehle, sondern wegen ihres Wahrheitsgehaltes.

PN: Freud war, wenn ich mich recht erinnere, Anatom des Nervensystems, der kaum je mit wirklichem menschenlichen Leiden in Kontakt kam – und wenn, dann war es eine interessante Kuriosität. Bei Reich war das anders (Krieg, bei Wagner-Jauregg auf der Station, im psychoanalytischen Ambulatorium) und bei Dew auch (Internist, der tagtäglich mit den unbeschreiblichsten Grausamkeiten der Innereien konfrontiert ist) – die wollten wirklich heilen. Es war Reich, der Freuds snobistische Gesprächstherapie in eine regelrechte Psychotherapie MIT EINEM THERAPIEZIEL verwandelt hat.

Ich bezweifle nicht, daß die Psychoanalyse einen Wahrheitsgehalt hat – wenn man in sehr allgemeinen Begriffen spricht (Über-Ich, Ödipuskomplex, Unbewußtes, Verdrängung, Übertragung, prägenitale Organisation – das wars dann auch schon – und alles nur in einer holzschnittartigen Primitivversion brauchbar). Das besondere an Freud war eine „Wahrheitssuche“, die ihn stets zu den absurdesten Schwachsinnigkeiten geführt hat: eine grandiose Flucht vor den paar Grundwahrheiten der Psychoanalyse in immer neue verwickelte Absurditäten und geradezu psychotische „Interprätationen“. „Die Psychoanalyse ist die Krankheit, die sie zu heilen vorgibt.“

Aber Sie wollen darauf hinaus, daß die Orgonomie zur Medizin verflacht wird. Das ist so’ne Sache. Egal was man macht: konzentriert man sich auf die Physik, kommt etwa Peter Reich und sagt, man solle sich doch mehr auf die wirklich wichtigen soziologischen Beiträge seines Vaters konzentrieren; macht man das, dann kommen Leute wie (Chester M.) Raphael und schreien „Orgon!“, usw.

Dabei ist es ziemlich egal, was man macht, solange man nicht den Roten Faden verliert. Und ich weigere mich, dabei auf Ärzte herabzublicken, die „nur“ Leute in den ORAC setzen oder „nur“ psychiatrische Orgontherapie“ machen. Es kommt auf den Geist an, mit dem sie es tun. Zugegeben manche sind erschreckend geistlos….

BAL: Ich will das [Reich, Silvert, Soziopathen] nicht abstreiten. Aber was wusste (Lois) Wyvell, was sogar die linke Europäerin (Ilse) Ollendorff, von dem, was Reich um- und antrieb ? Als die ihn kennen lernten, da war schon viel perdu, da hatte er SICH vor Augen, als er in FO42 bemerkte, man solle Autobiographien in jungen Jahren schreiben, denn: „manche Illusionen [!], die man … noch hat, befähigen einen…“ usw. (k&w, S.16)

PN: Wyvell ist ja nur eine Nebenfigur. Einzig interessant, weil sie wie kaum jemand anderer Einblicke in den privaten Reich hatte. Vielleicht mehr als Ollendorff (Gewöhnung macht blind, stumpft ab). Vor allem in Reichs Beziehung zu Silvert (einem wahrhaftigen Monster), in dem er sicherlich seinen „Mr. Hyde (?)“ sah.

BAL: Dass üble Typen sich zu WR hingezogen fühlten, und er das resigniert akzeptierte (CM: „auch du brauchtest sie…“), OK, menschlich verständlich. Aber dass es kaum Andere gab (und gibt); dass offenbar kaum ein Zeitgenosse von intellektuellemRang das Gespräch mit ihm suchte; dass der „Konflikt mit Freud“, der Ausschluss, so gespenstisch lautlos über die Bühne ging; dass es keine „immanente“ Kritik gab, die er sich ja wohl ernsthaft wünschte, u.v.a.m. DAS ist die weltumspannende „conspiracy“.

PN: Ja. Ich will ja auch nicht die „Silvert-Sache“ ins Zentrum stellen oder gar die Orgonomie mit „Reichs Geheinmnis“ erklären. Für mich ist es nur die naheliegenste Erklärung für eine kleine Nebensache: warum so viele Soziopathen sich zu Reich hingezogen fühlen.

Interessant ist die Beschreibung von Reichs Anfangszeit in New York. Wie alte „Freunde“ aus Berlin und Wien mit ihm Kontakt aufnahmen – und fluchtartig das weite suchten.

Nehmen wir aus aktuellem Anlaß mal Adorno: voll von Freudistischen und Marxistischen Theorien. Und dann ein mögliches Gespräch mit Reich: während Adorno theoretisieren will, kommt Reich mit den biologischen (medizinischen) Grundlagen der Charakterbildung, den Besonderheiten der Kindererziehung („Ist Ihnen aufgefallen, daß in New Yorker Kinderwagen, die Babys auf dem Bauch liegen? Das ist der Anfang des 3. Weltkrieges!“), etc.

Und mit den beschränkten Fach-Psychiatern und lebensfeindlichen Baby-Experten konnte Reich erst recht nicht sprechen.

Hat das was mit LSR zu tun? Nun ja, auf ihre Weise waren auch LaMettrie und Stirner „konkretistisch“: die Kunst des guten Lebens – und darin die Utopie verwoben.

Deshalb ist es nicht so einfach mit der „medizinischen (oder physikalischen, etc.pp) Verflachung des Reichschen Lebenswerkes“. Die gibt es, zweifellos, aber…. Vorsicht! – Was hält einem vom wirklichen, konkreten Leben ab (dem Reparieren des Kühlschranks, einer effektiven psychotherapeutischen Tätigkeit am Patienten, der Erforschung der Atmosphäre, dem Erfinden narrensicherer Computerprogramme, etc.pp.)? Das ÜBER-ICH?

Sehr grob und sehr platt: der LSR-Gehalt des Reparierens von Kühlschränken ist in Reichs mysteriösem (und irgendwie unpassenden) Begriff „Arbeitsdemokratie“ aufgehoben.

Sie selbst schrieben mir mal über sich: „Als Resultat meines gewiss langen Studiums des Reich’schen Werkes auf der Basis meiner Herkunft aus der arbeitenden/realistischen Sphäre ist LSR entstanden. Mein Verhältnis zum Komplex Philosophie ist vielleicht vergleichbar mit dem, das Reich zum Komplex Neurose hatte. Reich begab sich in diesen Unrat nicht, weil er sich dort — wie Freud et al. — wohl und heimisch fühlte…“ Reich fühlte sich in der „arbeitenden/realistischen Sphäre“ heimisch! Und deshalb kann man die Arbeit des Psychiaters und Internisten nicht so einfach als irrelevant wegwischen!

(…)

BAL: Aber (drei deutsche Reichianer)…  Aaaarrrggghh.

Die Schuttschicht auf Reichs Grab wird immer dicker (statt dass Schichten des Reich-gemachten „Palimpsests“ abgetragen werden).

PN: Eva Reich hat all diese Leute ja tatkräftig unterstützt – damit Reichs Name nicht verlorengeht.

BAL: Das lag ganz auf der Linie, dass sie die Nachlassverwaltung an Higgins gegeben hat. (Ob sie selbst weniger schädlich gewirkt hätte, muss freilich dahingestellt bleiben).

PN: Entweder hätte sie alles freigegeben – und dabei obskure Figuren bevorzugt. Oder, was ich eher glaube, sklavisch die Anweisungen ihres Vaters befolgt: das bereits Veröffentlichte unverändert neu herausgeben – und ansonsten die Archive bis 2007 geschlossen gehalten. – Und während dessen auf Orgonon allen möglichen Unsinn getrieben….

BAL: Reichs Name wurde jedenfalls bekannt, aber alles, wofür er steht oder stehen könnte, wurde um so effektiver verschüttet, zu einem grossen Teil auch durch Evas Herumtingeln in aller Welt, wo sie unter Missbrauch der Autorität ihres Namens ein verwaschenes Reich-Bild an viele „Multiplikatoren“ vermittelt haben wird. In Brasilien hat sie auch ihre fans.

PN: Besonders fatal sind Geschichten wie: Auf der Fahrt nach Arizona sprach mein Vater zu mir über Selbsrregulierung und daß sich die Leute von Ärzten unabhängig machen und sich selbst therapieren sollen. – Und daraus macht Eva dann eine Rechtfertigung für all die Geschäftemacher, die ohne die Last eines Studiums und einer Ausbildung auf sich genommen haben, nach ein paar Wochendseminaren als „Reich-Therapeuten“ auftreten. Und was meinte Reich? Das genaue Gegenteil: die Verhinderung einer „Therapie-Szene“.

Wirklich was aus Reichs Anregung zu machen, ist sie mangels eigener Orgontherapieausbildung unfähig. Wie (Richard) Schwartzman mir mal sagte: Ich kann den Patienten nicht helfen! Wie soll ich das tun? Die können sich nur selbst helfen. Ich kann allenfalls assistieren. Was Sie hier auf meiner Couch für viel Geld machen, könnten Sie ebensogut selbst zu Hause machen. Aber Sie werden es nicht tun! – Er hatte recht.

Ein neues „Do-it-yourself-Buch“? Nein, natürlich nicht. Aber ein neues Bewußtsein dessen, was man sich selbst antut: das ewige Weglaufen vor dem Wesentlichen. Aber genau das wäre Eva und Konsoren unerträglich, denn die Sache wäre nicht mehr „frei“ und „bunt“ UND „demokratisch“, sondern FOKUSSIERT. Die Reich-Szene, die maßgebend von Eva kreiert wurde, ist genau das, was zu heilen sie vorgibt: Flucht vor dem Lebendigen.

Warum initiiert der Orgontherapeuten-Ausbilder nicht sowas, was Reich angeregt hat? Weil das dann sofort als „Manual“ von xyz und anderen ausgenutzt werden würde.

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 40)

5. Januar 2023

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Der Marxismus ist aus Marx‘ „Widerlegung“ von Stirners Anthropologie hervorgegangen. Siehe Marx‘ Die deutsche Ideologie. Bei Stirner dreht sich alles um die „inneren Hierarchien“, d.h. die Verinnerlichung der gesellschaftlichen Ideologie, also das, was Freud „Über-Ich“ und Reich „Panzerung“ genannt hat. Diese Dichotomie von (Eigen-) Natur und Gesellschaft wurde von Marx ersetzt durch die von materiellem Unterbau und ideellem Überbau, d.h. deine Eigenheit ist (ideelle) Illusion bzw. widersetzt sich dem unaufhaltsamen (materiellen) Fortschritt.

Ende der 1920er und Anfang der 1930er Jahre vermischt der Pseudo-Marxist Reich diese beiden Sichtweisen, indem er frägt auf welche Weise die gesellschaftliche Ideologie auf das Individuum einwirkt. Die Marxsche Gesellschaftslehre mußte, so Reich, diese Frage als außerhalb ihres Bereichs liegend offenlassen, die Psychoanalyse hingegen kann sie beantworten: in der Familie bekommt das Kind ein Über-Ich verpaßt. Reich beschrieb die Schere zwischen „progressivem“ Unterbau (Ökonomie) und „regressivem“ Überbau (Ideologie). Beispielsweise ist ein Arbeiter in moderne Zusammenhänge eingebunden, doch sein Bewußtsein ist immer noch von der bäuerlichen Herkunft seiner Familie geprägt.

Gewisserweise kann man vom Gegensatz zwischen Genealogie und Entwicklung sprechen. Die Generationen meiner Vorfahren werden immer weniger, sozusagen „spitzen sich zu“ (16 Ururgroßeltern, 8 Urgroßeltern, 4 Großeltern, 2 Eltern), während ich selbst Ursprung einer sich immer weiter auffächernden Entwicklung sein kann. Das Gewissen bzw. Über-Ich, das ganze kulturelle Gepäck, ist sozusagen „überdeterminiert“, während mir selbst praktisch unendlich viele Optionen offenstehen.

Meines Dafürhaltens drückt das Stirner wie folgt aus:

Kommt es darauf an, sich zu verständigen und mitzuteilen, so kann Ich (…) nur von den menschlichen Mitteln Gebrauch machen, die Mir, weil Ich zugleich Mensch bin, zu Gebote stehen. Und wirklich habe Ich nur als Mensch Gedanken, als Ich bin Ich zugleich gedankenlos. Wer einen Gedanken nicht los werden kann, der ist soweit nur Mensch, ist ein Knecht der Sprache, dieser Menschensatzung, dieses Schatzes von menschlichen Gedanken. Die Sprache oder „das Wort“ tyrannisiert Uns am ärgsten, weil sie ein ganzes Heer von fixen Ideen gegen uns aufführt. Beobachte Dich einmal jetzt eben bei deinem Nachdenken, und Du wirst finden, wie Du nur dadurch weiter kommst, daß Du jeden Augenblick gedanken- und sprachlos wirst. Du bist nicht etwa bloß im Schlafe, sondern selbst im tiefsten Nachdenken gedanken- und sprachlos, ja dann gerade am meisten. Und nur durch diese Gedankenlosigkeit, diese verkannte „Gedankenfreiheit“ oder Freiheit vom Gedanken bist Du dein eigen. Erst von ihr aus gelangst Du dazu, die Sprache als dein Eigentum zu verbrauchen. (Der Einzige und sein Eigentum, reclam, S. 388)

Wenn man sich meine obige Skizze anschaut: im Fokalpunkt bricht sozusagen die („gedanken- und sprachlose“) Biologie ein und die Karten werden neu gemischt. Das ist der ganze Sinn der Reichschen „sexualökonomischen Lebensforschung“.

Man kann die obige Abbildung aber auch anders interpretieren, mehr „Marxistisch“: Affektiv („plebejisch“) sagt das Menschentier „ich“, doch dieses „Ich“ wird von einem Chor gesungen: den unendlich vielen Zellen, Organen, Antrieben, physiologischen Vorgängen, etc. „Ich habe mein Sache auf Nichts gestellt“, verweist im Sinne des jüdischen Altertums auf das absolute „Chaos“ unzähliger Strebungen („Tohuwabohu“). Tatsächlich fließen im retikulären Aktvierungssystem Myriaden Impulse zusammen, um so unser Bewußtsein zu bilden, ungefähr so wie in der Abbildung dargestellt.

Interessanterweise kann man die Geschichte der Arbeitsdemokratie ähnlich betrachten: Warum spreche ich Sie im Plural an („sie“)? Soweit ich mich an germanistische Aussagen erinnere, wurde das erst am Ausgang des 18. Jahrhunderts wirklich Usus. Vorher wurde weitgehend „geduzt“. Nur die Untertanen sprachen den Herrscher im Plural mit „Sie“ an, weil der ja nie „ich“, sondern immer nur „Wir“ sagte (Pluralis majestates). Das „Sie“ ist dann im bürgerlichen Zeitalter langsam zu einer allgemeinen Höflichkeitsform geworden. (Im Englischen ist das entgegen dem ersten Anschein nicht anders, denn „you“ steht ursprünglich für das Plural „ihr“!)

In der einfachen Ökonomie des Mittelalters waren die Menschen noch „Individuen“, während mit der wachsenden Arbeitsteilung der Einzelne immer mehr in ein Netz von Beziehungen eingebunden war. Schaute er „zurück“, was andere alles zuarbeiten mußten, damit er ein Produkt produzieren konnte, war es, als blicke er auf eine „Genealogie“ zurück. Entsprechend wurde auch aus einfachen Menschen ein „wir“, das mit „Sie“ angeredet werden muß. Wir tendieren dazu „Penner“ und Pensionäre zu duzen, während Leute, die voll im Arbeitsleben stehen, die ganze Gesellschaft vertreten: wir, ihr, „Sie“.

LaMettrie und „Die Hochzeit des Figaro“. Programmheft und dazugehörige kurze Korrespondenz

23. Dezember 2022

LaMettrie und „Die Hochzeit des Figaro“. Programmheft und dazugehörige kurze Korrespondenz

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 34)

1. Dezember 2022

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Charles Konia hat den die westliche Welt zerstörenden Antiautoritarismus wie folgt definiert:

Antiautoritär bezieht sich auf die absolute Ablehnung jeglicher Form von sozialer Autorität auf lokaler Ebene. Wenn die lokale Autorität abgeschafft wird, entsteht unweigerlich Chaos. Um zu überleben, muß die Gesellschaft daher ein anderes autoritäres System auf zentraler Ebene einführen. In der Tat ist die antiautoritäre Politik die Taktik der politischen Linken, um die Macht zu ergreifen. Ein Beispiel ist die antiautoritäre russische Revolution von 1917 und der Aufstieg des roten Faschismus und die Geburt der totalitären Sowjetunion. (Clueless, S. 142, Hervorhebungen hinzugefügt).

Entsprechend schreibt Dimitri Wolkogonow in seiner Stalin-Biographie: „Der Stalinismus führte zu dem Anachronismus des Primats der [„zentralen“] Politik gegenüber der [„lokalen“] Ökonomie, des [„zentralen“] Staates gegenüber der [„lokalen“] Gesellschaft“ (Stalin. Triumph und Tragödie, Düsseldorf 1989, S. 738). Das paßt zur Litanei der Linken, daß sich endlich wieder die Politik gegen die Ökonomie durchsetzen müsse und daß die Menschen wieder politisch bewußter werden müßten. Wolkogonow: „Stalinismus – das ist die absolute Diktatur der Politik über die Ökonomie, über das soziale und geistige Leben, über die Kultur“ (ebd.). Ich erinnere an die alles erstickende linke Political Correctness, die an sich nur einen Feind kennt: die Selbstorganisation der Massen.

Die lokale, die Gesellschaft erhaltende Autorität, insbesondere des ökonomischen Fachwissens, wird ersetzt durch die Pseudoautorität vollkommener Traumtänzer, die die Hebel der Zentralmacht in Händen halten bzw. diese für die Zukunft erträumen, wie dem „Kriegsökonomen“ Trotzki, dem kubanischen „Wirtschaftsleiter“ Che Guevara oder etwa dem „Wirtschaftsexperten“ Rudi Dutschke. Wichser! Michael S. Voslensky erinnert sich, wie seine Genossen in der KPdSU immer sagten: „Man darf nichts dem Selbstlauf überlassen!“ (Das Geheime wird offenbar. Moskauer Archive erzählen. 1917-1991, München 1995).

Nicht nur Wichser, sondern mörderische Wichser! Kommunisten haben das Vergasen von Menschen erfunden. Seit 1936 hat der NKWD LKWs benutzt, deren Abgase ins Innere geleitet wurde. Erfinder dieser Massentötungsmaschine war ein NKWD-Mitarbeiter namens Berg. Gaskammern wie bei den deutschen Sozialisten wurden nicht benötigt. So berichtet der Häftling Lew Rason, daß im Herbst 1937 sein Häftlingstransport aus Moskau mit 517 Mann abging. Im Frühjahr waren davon noch 22 Häftlinge am Leben – der „natürliche Schwund“ in sowjetischen Lagern. Von den 1 000 000 Erschießungen zwischen 1917 und 1990 will ich gar nicht erst anfangen. Zum Beispiel beschloß der NKWD am 5. August 1937 in den folgenden vier Monaten 75 950 „antisowjetische Elemente“, also einfache Leute von der Straße, zu verhaften und zu erschießen. Der Plan wurde übererfüllt. Während neun Monaten im Jahre 1937/38 wurden insgesamt 140 000 „Schädlinge“ erschossen. Da eignet sich gut ein Vergleich mit den Einsatzkommandos des SD der SS: sie erschossen am Anfang des Feldzugs in der UdSSR 90 000 Juden. Ausrottung ganzer Völker war den Kommunisten ebenfalls nicht fremd: als die halbe Million Tschetschenen und Inguschen im Frühling 1944 aus dem Kaukasus nach Kasachstan vertrieben wurden, brachte man die transportuntüchtigen Kranken, Greise und Kinder um, indem man sie z.B. in Scheunen trieb und diese anzündete und unter Feuer nahm. Insgesamt wurden 2,5 Millionen Menschen umgesiedelt, aus dem gleichen Grund, den die Deutschen für ihren Feldzug angaben (und noch heute für ihre Umvolkungsprogramme angeben): neue Siedlungsgebiete. Die Kommunisten haben es sogar soweit getrieben, daß nach dem Holocaust Stalin ein antijüdisches Pogrom plante und im Ostblock die „antizionistische“ Hetze sich in wirklich nichts von Streichers Stürmer unterschied.

Angesichts dieser Fakten waren die Angriffe etwa gegen Ernst Nolte grotesk. Es war einfach so, daß der Holocaust eine Reaktion auf den Kommunismus war: ohne den Zivilisationsbruch GULAG hätte es kein Auschwitz gegeben. Natürlich gab es keinen mechanisch-kausalen Zusammenhang, sondern nur eine „dialektische“ Verbindung, aber mit der Dialektik standen die „Dialektischen Materialisten“ ja schon immer auf Kriegsfuß.

In Archipel Gulag legte Solschenizyn den Roten Faschismus bloß. Mit diesem Buch waren die Bolschewiki erledigt. In seinem zweiten großen Werk Das Rote Rad, das vom Revolutionsjahr 1917 und dessen Vorgeschichte handelt, beachtet er die Bolschewiki und ihren lächerlichen Oktober-Putsch gar nicht, sondern konzentriert sich auf die Februar-Revolution: all sein Haß gilt den antiautoritären Liberalen, die das eigentliche Verhängnis darstellen.

In einem Buch von Michail Bakunin unterstrich sich Stalin folgenden Satz: „Verlieren Sie keine Zeit des Zweifels an sich selbst, weil das die sinnloseste Beschäftigung ist von denen, die der Mensch erdacht hat“ (Wolkogonow: Stalin, S. 237). Bakunins Satz sagt alles über Stalins Verhalten, seinen Charakter aus. Der Schlüssel zum Modju per se (Mocenigo-Djugashwilli). Aber ist das nicht auch irgendwie „Stirneriansch“? Immerhin wußten Bakunin und Stirner voneinander. Über den „Nihilisten“ Netschajew war Lenin mit Bakunin verbunden. Dergestalt findet sich Stirner nicht nur, wie allgemein bekannt ist, im Gründungsgebälk des italienischen Faschismus, sondern auch (wie ich an einem Beispiel zeigen werde) des deutschen Nationalsozialismus und eben auch des Bolschewismus.

All das („inspiriert durch Stirner“) beruht auf einer „mißglückten biologischen Revolution“: die lokalen Autoritäten (das Über-Ich) werden beseitigt, doch alles wird schlimmer, weil an ihre Stelle eine abgehobene, vollkommen kontaktlose und deshalb im Effekt massenmörderische zentrale Autorität tritt (das ultimative Über-Ich).