Archive for the ‘Psychologie’ Category

Leserbrief zur Rezension „Weltprozess nach dem Hiatus“ über Peter Sloterdijks „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit. Über das anti-genealogische Experiment der Moderne“ von Roman Halfmann, 2014

4. September 2025

Leserbrief zur Rezension „Weltprozess nach dem Hiatus“ über Peter Sloterdijks „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit. Über das anti-genealogische Experiment der Moderne“ von Roman Halfmann, 2014

Max Stirner, Soter (Teil 24)

26. August 2025

Stirner sah sich als Vollender der Aufklärung. So wie einst die äußere Welt zu bloßem Material wurde, muß auch die innere Welt, die Welt der Gedanken und Ideen, sich ganz meiner Macht unterwerfen (Der Einzige, S. 402). Er hat sozusagen in aufklärerischer Fortführung des Christentums nicht nur die „Dinge dieser Welt“, sondern auch „die Wahrheiten und ihre Macht“ (= Über-Ich) (Der Einzige, S. 390) überwunden. Es geht darum den „Geist“ genauso zu entweihen, zu entheiligen, zu entgöttern und unbedenklich nach Gefallen zu gebrauchen, wie man es mit der Natur macht (Der Einzige, S. 104). Man könnte fragen: „Beschäftigen mich die Sachen“ (vom grüblerischen Denken bis zur Versklavung durch eine fixe Idee) oder beschäftige (gebrauche) ich umgekehrt die Sachen (vgl. Der Einzige, S. 380).

Hatten die „Ergebenen“ eine unbezwungene Macht zu ihrer Herrin erhoben und angebetet, hatten sie Anbetung von Allen verlangt, so kam ein solcher Natursohn, der sich nicht ergeben wollte, und jagte die angebetete Macht aus ihrem unersteiglichen Olymp. Er rief der laufenden Sonne sein „Stehe“ zu, und ließ die Erde kreisen: die Ergebenen mußten sich’s gefallen lassen; er legte an die heiligen Eichen seine Axt, und die „Ergebenen“ staunten, daß kein himmlisches Feuer ihn verzehre; er warf den Papst vom Petersstuhle, und die „Ergebenen“ wußten’s nicht zu hindern; er reißt die Gottesgnadenschaft nieder, und die „Ergebenen“ krächzen, um endlich erfolglos zu verstummen. (Der Einzige, S. 183.

Das Denken wird so wenig als das Empfinden aufhören. Aber die Macht der Gedanken und Ideen, die Herrschaft der Theorien und Prinzipien, die Oberherrlichkeit des Geistes, kurz die – Hierarchie währt so lange, als die Pfaffen, d.h. Theologen, Philosophen, Staatsmänner, Philister, Liberale, Schulmeister, Bedienten, Eltern, Kinder, Eheleute, Proudhon, George Sand, Bluntschli usw., usw. das große Wort führen: die Hierarchie wird dauern, solange man an Prinzipien glaubt, denkt, oder auch sie kritisiert: denn selbst die unerbittlichste Kritik, die alle geltenden Prinzipien untergräbt, glaubt schließlich doch an das Prinzip. (Der Einzige, S. 392f)

„Wem die Grundsätze der Moral gehörig eingeprägt wurden, der wird von moralischen Gedanken niemals wieder frei, und Raub, Meineid, Übervorteilung u.dgl. bleiben ihm fixe Ideen, gegen die ihn keine Gedankenfreiheit schützt. Er hat seine Gedanken ‚von oben‘ und bleibt dabei“ (Der Einzige, S. 383). „Wäre die Hierarchie nicht so ins Innere gedrungen, daß sie den Menschen allen Mut benahm, freie, d.h. Gott vielleicht mißfällige Gedanken zu verfolgen, so müßte man Gedankenfreiheit für ein ebenso leeres Wort ansehen, wie etwa eine Verdauungsfreiheit“ (Der Einzige, S. 385).

„Es ist dies das Wahrzeichen aller reaktionären Wünsche, daß sie etwas Allgemeines, Abstraktes, einen leeren, leblosen Begriff herstellen wollen, wogegen die Eigenen das stämmige lebenvolle Einzelne vom Wust der Allgemeinheiten zu entlasten trachten“ (Der Einzige, S. 254). Was bei Reich die Panzerung ist, ist bei Stirner die Welt der Begriffe, die eine Art Eigenleben führen. Ähnlich wie Reich mit der Beseitigung des Panzers den authentischen Menschen unter der Charaktermaske freisetzt, befreit Stirner mit dem Ruf „Komm zu Dir!“ (Der Einzige, S. 180) das Individuum aus dem „Reich der absoluten Gedanken“ (Parerga, S. 151), aus der Herrschaft der „inneren Hierarchie“, die nichts anderes ist als die „Herrschaft des Guten“ (vgl. Parerga, S. 174), d.h. des Über-Ich. Entweder ist man selbstbestimmt oder von „sittlichen Rücksichten“ (Der Einzige, S. 261): „Ich bin nur dadurch Ich, daß Ich Mich mache, d.h. daß nicht ein Anderer Mich macht, sondern Ich mein eigen Werk sein muß“ (Der Einzige, S. 256). „Denke nicht, daß ich scherze oder bildlich rede, wenn Ich die am höheren hängenden Menschen, und weil die ungeheuere Mehrzahl hierher gehört, fast die ganze Menschenwelt für veritable Narren, Narren im Tollhause ansehe“ (Der Einzige, S. 46).

Der Mensch entschließt sich in einer bestimmten Situation zu etwas, der Wille „erstarrt“ quasi – so daß, selbst wenn sich die Situation grundlegend geändert hat, dieser zurückliegende Willensäußerungen Tribut gezahlt wird. Der Mensch macht sich zum Deppen seiner selbst: „Mein Geschöpf (…) wäre mein Gebieter geworden“ (Der Einzige, S. 215). „Beruf –Bestimmung – Aufgabe!“ (Der Einzige, S. 364) Beruf = Aufgabe, Pflicht (Der Einzige, S. 376). – Stirner unterscheidet zwischen „Beruf“ und der „natürlichen Tat“ (Der Einzige, S. 368). Der Gegensatz von „Beruf“ ist „sich ausleben, sich auflösen“ (Der Einzige, S. 372). Während ein Tier sich „realisiert“, „indem es sich auslebt, d.h. auflöst, vergeht“, versucht der wahnsinnige Mensch Begriffe zu „realisieren“, z.B. indem er bestrebt ist „Mensch“ zu sein (Der Einzige, S. 372). Der Mensch hält an sich und vertut so sein Leben, das nichts anderes ist als „Auflösen“, „wie die Zeit alles auflöst“ (Der Einzige, S. 373; Hervorhebung hinzugefügt; vgl. auch Der Einzige, S. 366).

Imgrunde steckt hinter dem Gegensatz zwischen „Begriff“ und „Leben“ der Gegensatz zwischen Raum und Zeit. Wenn Stirner eine Philosophie hat, dann ist es diese quasi „Bergsonianische“ Dialektik von abstraktem Denken („Raum“) und konkretem Leben („Zeit“). Die räumliche Vorstellungswelt hat natürlicherweise die Qualität des Statischen, während das Lebendige dadurch gekennzeichnet ist, daß es sich in einem ständigen Fluß befindet. Dazu steht nicht im Widerspruch, daß das lebendige (funktionelle) Denken nichts anderes ist als die „rastlose Zurücknahme aller sich verfestigenden Gedanken“ (Der Einzige, S. 342); es ist nur dadurch möglich, daß man jeden Augenblick gedanken- und sprachlos wird (Der Einzige, S. 389). Es geht hier, beim bloß abstrakten Denken, nämlich um das „heilige Denken“, der vermeintlich „Denkenden“, d.h. jener, die alles in Begriffssysteme pressen und deshalb in Wirklichkeit gedankenlose Dummköpfe sind. Entsprechend sieht die gegenwärtige Welt aus (Der Einzige, S. 371). „Dem Realisierenden liegt nämlich wenig an den Realitäten, alles aber daran, daß dieselben Verwirklichungen der Idee seien“ (Der Einzige, S. 408f).

Die besagten „Realisierenden“ sind blind gegen die Unmittelbarkeit der Dinge und unfähig sie zu meistern. Deshalb erscheinen sie Stirners bereits erwähnten „kräftigen Natursohne“ als unbeholfene närrische Käuze (Der Einzige, S. 381), die kontaktlos in ihrer eigenen Traumwelt leben (Der Einzige, S. 30). Sie sind irrational, da sie sich nicht als Ganzheit wahrnehmen. Um rational zu sein, muß der Mensch sich ganz vernehmen, d.h. sowohl den Geist als auch das „Fleisch“, denn „nur, wenn er sich ganz vernimmt ist er vernehmend oder vernünftig“ (Der Einzige, S. 68, Parerga, S. 90).

Bei Stirner ist denkbar viel Reich vorweggenommen: funktionalistisches Denken; die Erstarrung versus das Lebendige, sich Hingebende und Fließende; das Abstrakte und Kontaktlose versus das handelnde und sich entfaltende Leben; fast die ganze Menschheit irre.

Wohin könnte man blicken, ohne Opfern der Selbstverleugnung zu begegnen? Da sitzt Mir gegenüber ein Mädchen, das vielleicht schon seit zehn Jahren seiner Seele blutige Opfer bringt. Über der üppigen Gestalt neigt sich ein todmüdes Haupt, und bleiche Wangen verraten die langsame Verblutung ihrer Jugend. Armes Kind, wie oft mögen die Leidenschaften an Dein Herz geschlagen, und die reichen Jugendkräfte ihr Recht gefordert haben! Wenn Dein Haupt sich in die weichen Kissen wühlte, wie zuckte die erwachende Natur durch Deine Glieder, spannte das Blut Deine Adern, und gossen feurige Phantasien den Glanz der Wollust in Deine Augen. Da erschien das Gespenst der Seele und ihrer Seligkeit. Du erschrakst, Deine Hände falteten sich, Dein gequältes Auge richtete den Blick nach oben, Du – betetest. Die Stürme der Natur verstummten, Meeresstille glitt hin über den Ozean Deiner Begierden. Langsam senkten sich die matten Augenlider über das unter ihnen erloschene Leben, aus den strotzenden Gliedern schlich unvermerkt die Spannung, in dem Herzen versiegten die lärmenden Wogen, die gefalteten Hände selbst lasteten entkräftet auf dem widerstandslosen Busen, ein leises, letztes Ach stöhnte noch nach, und – die Seele war ruhig. Du entschliefst, um am Morgen zu neuem Kampfe zu erwachen und zu neuem – Gebete. Jetzt kühlt die Gewohnheit der Entsagung die Hitze Deines Verlangens und die Rosen Deiner Jugend erblassen in der – Bleichsucht Deiner Seligkeit. Die Seele ist gerettet, der Leib mag verderben! O Lais, o Ninon, wie tatet Ihr wohl, diese bleiche Tugend zu verschmähen. Eine freie Grisette gegen tausend in der Tugend grau gewordene Jungfern!“ (Der Einzige, S. 66f).

David Holbrook, M.D.: „Genitale Liebe“ versus „gepanzerte Liebe”

23. August 2025

DAVID HOLBROOK, M.D.:

„Genitale Liebe“ versus „gepanzerte Liebe”

Das Wesen der psychiatrischen Orgontherapie (Teil 2)

8. August 2025

Bernd A. Laska hat zu Recht darauf hingewiesen, daß Therapie für Reich „hauptsächlich so etwas wie Grundlagenforschung (war), um fundierte Vorschläge für eine wirksame Prophylaxe machen zu können“ („Bemerkungen zum Thema ‚Therapie’“, Wilhelm Reich Blätter, 4/75, S. 2). Bereits 1933 schrieb Reich:

Wenn wir in irgendeinem (…) Zweige der Medizin eine Seuche bekämpfen wollen, werden wir alle Mühe daransetzen, einzelne typische Krankheitsfälle mit den bestausgebauten Methoden zu untersuchen und zu verstehen, um von daher dem Sozialhygieniker Anweisungen geben zu können. Wir konzentrieren uns also auf die individuelle Technik nicht, weil wir die individuelle Therapie allzu hoch einschätzen, sondern weil wir ohne eine gute Technik nicht die Einsichten gewinnen, die wir für das umfassendere Ziel der Strukturforschung brauchen. (Charakteranalyse, Fischer TB, S. 11)

Reichs Schüler Morton Herskowitz hat hinsichtlich des Therapieerfolgs gesagt, daß seine Patienten, selbst, wenn sie nicht ganz gesund werden, zumindest ihre Kinder besser erziehen. Die Therapie wirkt sich also erst auf die Kinder des Patienten in vollem Maße aus.

Als Arzt, der am Krankenbett des gesellschaftlichen Organismus tätig ist, war es für Reich von Anfang an eine Selbstverständlichkeit an den sozialen Kämpfen seiner Zeit an vorderster Front teilzunehmen:

Als angesehener Arzt und Wissenschaftler Arbeitslosendemonstrationen aktiv mitzumachen, Flugblätter [der Sozialhygiene, WR] in den Arbeitervierteln zu verteilen, sich in Schlägereien mit der Polizei zu begeben; das galt als verrückt. Die Intellektuellen konnten nicht verstehen, warum ich meine gesellschaftliche Stellung durch solche Sachen riskierte. Sie schreiben als Soziologen über Probleme der Gesellschaft. Doch sie benehmen sich wie ein Arzt, der weise Bücher über den Typhus schreibt, ohne je eine Spur davon gesehen zu haben. Daher blieben die meisten Lehrbücher der Soziologie bisher ohne Einfluß auf die Entwicklung der Gesellschaft vorwärts. Das gleiche gilt für die Sexualwissenschaft und Sexualreform. Die Sexuologen jener Zeit schrieben ihre Bücher nach den Erfahrungen der Privatpraxis. Doch die Sexual- und Neurosenprobleme sehen in der Masse anders aus, bieten grundsätzlich andere Probleme als die in der Privatpraxis, besonders der psychoanalytischen. (Menschen im Staat, S. 115)

„Ein Arzt darf sich nie auf den abstrakten Standpunkt stellen“ (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 158). Reich betrachtete sich als Arzt des „Kleinen Mannes“ und da dieser den Planeten Erde bevölkert als „planetaren Arzt“ (Rede an den Kleinen Mann, S. 79).

Myron R. Sharaf beschreibt in „Thoughts About Reich: Some Aspects of Reich’s Later Social Position” ein Treffen Reichs im Sommer 1955 mit den Orgonomen und seinen Anwälten. Vor dem anstehenden Prozeß erläuterte er sein Vorgehen. Er wolle im Gerichtssaal den Panzer seiner Prozeßgegner „durchstoßen“ und das „menschliche Wesen“ aus ihnen „herausziehen“, d.h. freilegen. Man müsse da wie ein „geübter Chirurg“ vorgehen. Mehrmals habe, Sharaf zufolge, Reich während der Zusammenkunft unterstrichen, daß die anwesenden Orgonomen „die ersten Ärzte gegen die Emotionelle Pest“ seien. Er selbst wäre froh über die reichen Erfahrungen, die er im Kampf gegen die Emotionelle Pest gewonnen habe, als er seine beschränkte Privatpraxis aufgab und sozial aktiv wurde und es sei gut, daß er jetzt Jahrzehnte nach den Tagen seiner sexual-ökonomischen Aktivitäten erneut auf dem sozialen Schauplatz tätig sein könne (S. 266f).

Bereits ein Jahrzehnt zuvor hatte Reich geschrieben:

So wie der Bakteriologe in der Ausrottung von Infektionskrankheiten seinen Lebensinhalt sieht, so hat der Sexualökonom die emotionelle Pest zu enthüllen und als Endemie der Erdbevölkerung zu bekämpfen. (Charakteranalyse, KiWi, S. 371)

Reichs eigene Emotionelle Pest zeigte sich aufgrund seiner ödipalen Belastungen insbesondere in seiner eigenen Familie. Beispielsweise war sein Sohn Peter Zeuge häßlicher Ehestreitigkeiten zwischen seinen Eltern, wo Reich z.B. seiner Frau eine unbewiesene Liebschaft mit seinem Mitarbeiter Theodore Wolfe von vor 12 Jahren vorwarf. Elsworth F. Baker beschreibt das in seinem Buch My Eleven Years With Wilhelm Reich (Part V). Als „Hauspsychiater“ der Familie Reich behandelte Baker damals, 1951, Reichs Ehefrau Ilse Ollendorff. Offensichtlich flirtete Ollendorff, wie auch alle anderen Frauen, mit dem sehr attraktiven Wolfe, doch versicherte sie glaubhaft, daß nie „etwas vorgefallen“ sei (S. 178).

Es ist unverzeihlich, daß ein Kind so etwas miterleben muß. Siehe auch Neills Brief an Reich vom 1. Oktober 1956, der kraß Reichs Anspruch in Children of the Future ins Gesicht schlägt: Peters Gefühle seien völlig durcheinander. „Er ist nicht Peter Reich; er ist Peter Reich plus Wilhelm Reich“ (Zeugnisse einer Freundschaft). Geradezu emotionaler Kindesmißbrauch ist es, wenn Reich sich an Peter mit der Bitte klammert, ihn nicht im Stich zu lassen (Der Traumvater, S. 64). Es ist einfach nicht die Aufgabe des Kindes, den Freund, die Geliebte oder gar den Elternteil für den Vater zu spielen.

Max Stirner, Soter (Teil 19)

5. August 2025

Der Konflikt zwischen Max Stirner und Reich zeigt sich nicht nach der Funktion des Orgasmus von 1927 und auch nicht nach der Funktion des Orgasmus von 1942, sondern erst mit der „Funktion des Orgasmus“ von 1951 (Die kosmische Überlagerung). Genau da wo es „kosmisch“ wird, wird das Verhältnis zwischen Stirner und Reich problematisch. Weniger weil „Gott“ oder so etwas auftritt, sondern weil hier (in Gestalt des energetischen „Orgonoms“) überindividuelle Prinzipien, Gemeinsame Funktionsprinzipien, autonome Relationen bzw. „Funktionen“ ins Spiel kommen, „scholastische Realien“.

Reich wollte die Menschen von ihrem „Charakterpanzer“, d.h. ihren erstarrten Verhaltensmustern befreien, die jede wesenseigene Willensäußerung illusorisch machen. Entsprechend hatte sich schon Stirner fast hundert Jahre zuvor gegen die Welt „fixer Ideen“ gewandt, die wir selbst aufgestellt haben, denen wir aber trotzdem als absoluten Autoritäten blind folgen. Irgendwelche Leitlinien werden willkürlich aufgestellt und gelten fürderhin als heiliges Gesetz, dem wir uns zu unterwerfen haben, auch wenn mittlerweile die Umstände ganz andere sind. So sind wir an unserem gestrigen Willen gebunden. Stirner: „Mein Wille in diesem Falle wäre erstarrt. Die leidige Stabilität! Mein Geschöpf, nämlich ein bestimmter Willensausdruck, wäre mein Gebieter geworden. Ich aber in meinem Willen, Ich, der Schöpfer, wäre in meinem Flusse und meiner Auflösung gehemmt“ (Der Einzige, S. 215). Die Nähe zum Reichschen Konzept der Panzerung ist evident.

Stirner schreibt im Rückblick über sich selbst: „Was Stirner sagt, ist ein Wort, ein Gedanke, ein Begriff; was er meint, ist kein Wort, kein Gedanke, kein Begriff. Was er sagt, ist nicht das gemeinte, und was er meint ist unsagbar“ (Parerga, S. 149). Ähnlich wie Reich mit der Beseitigung des Panzers den authentischen Menschen unter der Charaktermaske freisetzt, befreit Stirner das konkrete Individuum aus dem „Reich der absoluten Gedanken“, „d.h. Gedanken, welche einen eigenen Gedankeninhalt haben“. „Es ist, indem du der Inhalt des Einzigen bist, an einen eigenen Inhalt des Einzigen, d.h. an einen Begriffsinhalt nicht mehr zu denken“ (Parerga, S. 151).

Wie Stirner die Befreiung von den erstickenden Begriffshülsen beschreibt, gemahnt an die Orgontherapie:

Ein Ruck tut Mir die Dienste des sorglichsten Denkens, ein Recken der Glieder schüttelt die Qual der Gedanken ab, ein Aufspringen schleudert den Alp der religiösen Welt von der Brust, ein aufjauchzendes Juchhe wirft jahrelange Lasten ab. Aber die ungeheure Bedeutung des gedankenlosen Jauchzens konnte in der langen Nacht des Denkens und Glaubens nicht erkannt werden. (Der Einzige, S. 164)

Die Aufklärung hätte ein solches „Recken der Glieder“ sein müssen, stattdessen wurden die Menschen nur noch mehr in die Welt bedeutungsloser Begriffe verstrickt. Die Aufklärer waren um keinen Deut besser als die Pfaffen: auch sie pfropften die Köpfe und Herzen mit Flausen über Gewissen, Pflichten, Gesetze voll. Auch sie waren nur Verführer – um keinen Deut besser als die „Jugendverführer und Jugendverderber, die das Unkraut der Selbstverachtung und Gottesverehrung emsig aussäen, die jungen Herzen verschlämmen und die jungen Köpfe verdummen“ (Der Einzige, S. 179).

Den „Idealisten“ ging es darum, den alten jüdischen und paulinischen Glauben an unabhängige Individuen, die sich gegenüber einem wandelbaren, launischen Gott, einem „Jenseits außer Uns“, versündigen können, durch ein unwandelbares „Jenseits in Uns“ zu ersetzen. Sobald sich der Mensch, fabulierte der „Atheist“ Fichte, „rein, ganz und bis in die Wurzel vernichtet“, bleibe, sozusagen als Kondensat der Seele, Gott übrig. „Diese Selbstvernichtung bestehe in der erkennenden Einsicht in die Scheinhaftigkeit der endlichen Individualität“ (Micha Brumlik: Deutscher Geist und Judenhaß, München 2002, S. 110).

Vor Stirner war alle Kritik willkürlichen Ideen dienstbar. Es handelte sich immer nur um den Streit zwischen Ideen. Stirner hat diese Ideenwelt grundsätzlich überwunden, indem er sie von einer ganz anderen, tieferen Ebene, von außerhalb des bloßen Denkens aus kritisierte (vgl. Jacob Meyerowitz: Visualizing the Limit of Thought, The Journal of Orgonomy 28(1), Spring/Summer 1994, S. 62-83). Damit war seine Kritik nicht normativistisch, aber gleichzeitig auch in keinster Weise relativistisch oder gar nihilistisch, denn er hatte die Ideen nicht alternativlos verworfen (Bernd A. Laska: Max Stirner als pädagogischer Anarchist). Seine Alternative war der lebendige Ursprung der toten Ideen, der das Kriterium seiner Kritik darstellte.

Da der besagte „Ursprung“, das Lebendige, jenseits der Ideen steht, ist er nicht in Worte ausdrückbar und damit „Nichts“. Entsprechend beginnt und endet Stirners Hauptwerk mit den Worten: „Ich hab‘ Mein Sach‘ auf Nichts gestellt“. Doch sind umgekehrt aus der Warte dieses unsagbaren „Nichts“ seinerseits die Ideen substanzlos und nichtig, da der Willkür des Lebendigen ausgeliefert. Stirner hat an die Stelle des bisherigen substanzlosen Wortgeklingels sozusagen, um mit Reich zu sprechen, „die Ausdruckssprache des Lebendigen“ gesetzt. Für Stirners vom bloßen Denken befreite Betrachtung ist der „unsagbare Urgrund“ nicht substanzlos, keine abstrakte Idee, sondern aktiv funktionierende unmittelbare Wirklichkeit – für deren Funktionieren dann aber auch das Wort „Willkür“ keinen Sinn mehr macht, da man ebensogut von Notwendigkeit sprechen könnte. Man muß unwillkürlich an Friedrich Kraus‘ „spontan dranghaft schöpferische“ „vegetative Strömung“ bzw. „Tiefenperson“ denken (Allgemeine und spezielle Pathologie der Person. Klinische Syzyiologie. Besonderer Teil. I: Tiefenperson, Georg Thieme Verlag, Leipzig 1926, S. 3).

Stirner hat diesen lebendigen Ursprung der Ideen provisorisch als „Eigner“, „Einziger“ oder „Egoist“ bezeichnet, was leider im gewöhnlichen Sprachgebrauch die besagte substanzlose abstrakte Willkür und Beliebigkeit impliziert, im Sinne von „Tu, was Du willst!“ Willkürlich handelt aber nur der, der nicht Herrscher über die Ideen ist, sondern ganz im Gegenteil von willkürlichen Ideen beherrscht wird, die nichts mit der jeweiligen konkreten Situation zu tun haben. Der Eigner tut als Naturwesen einfach, „was er nicht lassen kann“. Er steht jenseits von Ideen wie „Pflicht“ oder „Freiheit“.

Sexualität und Arbeit (Teil 4)

2. August 2025

Liebe, Arbeit und Wissen sind Kernimpulse, die nach außen gerichtet und deshalb in sich lustvoll sind. Für diesen Lustgewinn nimmt man gerne einige Mühen in Kauf. Erst durch die Panzerung verwandelt sich Sexualität in Frust, Arbeit in „sinnlose Plackerei“ und Wissen in dröge „Information“. Dies wird dann versucht sekundär zu kompensieren: durch „Pornographie“ (im denkbar weitesten Sinne), durch „Boni“ und etwa durch einen Unterricht, der aufgebaut ist wie Fernsehunterhaltung. Ohne Panzerung wären diese künstlichen Maßnahmen nicht notwendig.

In der folgenden orgonometrischen Gleichung wird beschrieben wie beim Gesunden die vegetative Erregung ständig zwischen Sexualität und Arbeit hin und her pendelt und sich Liebe und Sex, Wissen und Tätigkeit gegenseitig ergänzen. Gefühlloses „Ficken“ und sinnloses „Roboten“ werden weder angestrebt noch sind sie tolerierbare Optionen:

Beim Neurotiker hingegen sind Arbeit und Sexualität sich gegenseitig ausschließende und wechselseitig sich behindernde Funktionen. Mit der Pulsation zwischen Liebe und Sex ist die Doppelmoral gemeint (Jungfrau gegen Hure), bei der zwischen Wissen und Tätigkeit der ständige Wechsel zwischen Hobby und „Sklavenarbeit“. Nichts verkörpert unsere Kultur besser als der „liebende Ehemann“, der regelmäßig ins Bordell geht und der „engagierte Mitarbeiter“, der sich im Hobbykeller verwirklicht:

Max Stirner, Soter (Teil 15)

14. Juli 2025

Der Ruf der Gutmenschen nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit weckt in Wirklichkeit nur Rachsucht, Intoleranz und schiere Boshaftigkeit. Dem Egoismus wird vorgeworfen, die Leute zu entzweien, doch unterdessen, „hören Wir nichts mehr als das Schwertergeklirr der uneinigen Freiheitsträumer“ (Der Einzige, S. 176), deren unterschiedliche „Visionen“ sie voneinander entzweien. Hingegen ruft der Egoismus einfach nur zur Freude über sich selbst, d.h. zum „Selbstgenuß“ auf (Der Einzige, S. 180).

Und was nochmals den „satanischen Egoisten“ betrifft: es ist „uneingestandener, heimlicher, verdeckter und versteckter Egoismus“, der „betrogene Egoismus, wo Ich nicht Mich befriedige, sondern eine meiner Begierden“ (Der Einzige, S. 182). „Also auch die Religion ist auf unseren Egoismus begründet, und sie – beutet ihn aus, berechnet auf unsere Begierden, erstickt sie viele andere um Einer willen. Dies gibt denn die Erscheinung des betrogenen Egoismus, wo Ich nicht Mich befriedige, sondern eine meiner Begierden, z.B. den Glückseligkeitstrieb“ (Der Einzige, S. 182). Auf diese Weise wird aus Egoismus „Knechtschaft, Dienst, Selbstverleugnung“ – Besessenheit. Und wenn die derart verbogenen Pseudo-Egoisten vermeinen am meisten egoistisch zu sein, ziehen sie dem Wort „Egoist“ nur Abscheu und Verachtung zu (Der Einzige, S. 182).

Der Thelemit handelt nicht nur um keinen Deut besser, als die religiösen (also „anti-liberalen“) und die „liberalen“ Narren, sondern letztendlich sogar aus den gleichen Gründen: so wie der religiöse Mensch (inkl. dem „Atheisten“, der irgendwelchen heiligen Ideen folgt) hartherzig und „strenggerecht“ ist, in seinem „heiligen Verlangen“ sich vor Gott und den göttlichen Gesetzen selbst verleugnet und so zum Deppen macht, verhält sich auch sein angeblicher Gegenspieler gegenüber Gott Mammon. „Von Gelddurst getrieben verleugnet der Habgierige alle Mahnungen des Gewissens, alles Ehrgefühl, alle Milde und alles Mitleid: er setzt alle Rücksichten aus den Augen: ihn reißt die Begierde fort“ (Der Einzige, S. 64). Imgrunde ist das die gleiche Situation, wie zu Zeiten der religiösen Erziehung (Der Einzige, S. 182). Es ist die gleiche Ungezügeltheit wie in der Religion, die nichts anderes ist als „Freiheit des Geistes“. Der Geist („fixe Ideen“) und die Lüste („Süchte“) sind im Mystizismus und im „Materialismus“ im Sinne eines selbstbezüglichen Leerlaufs „frei“: sie drehen sich um und in sich selbst, sind ohne Kontakt und unbefriedigbar (orgastische Impotenz) (Der Einzige, S. 53). – Nebenbei: der Unterschied zwischen orgastischer Potenz und Impotenz: „(…) Dies eigene Denken unterscheidet sich von dem freien Denken ähnlich, wie die eigene Sinnlichkeit, welche Ich nach Gefallen befriedige, von der freien, unbändigen, der Ich erliege“ (Der Einzige, S. 381).

Während sich der eine vor dem Gott des Himmels und den göttlichen Gesetzen verleugnet, ist der andere der Knecht Mammons der Erde. „Wer aber aus Liebe zu schnödem Gewinne handelt (…) ist (…) ein Sklave des Gewinnes, nicht erhaben über Gewinn, ist Einer, welcher dem Gewinn, dem Geldsack angehört, nicht sich, ist nicht sein eigen. Muß ein Mensch, den die Leidenschaft der Habgier beherrscht, nicht den Geboten dieser Herrin folgen, und wenn ihn einmal eine schwache Gutmütigkeit beschleicht, erscheint dies nicht eben nur als ein Ausnahmefall gerade derselben Art, wie fromme Gläubige zuweilen von der Leitung ihres Herrn verlassen und von den Künsten des ‚Teufels‘ berückt werden? Also ein Habgieriger ist kein Eigener, sondern ein Knecht, und er kann nichts um seinetwillen tun, ohne es zugleich um seines Herrn willen zu tun, – gerade wie der Gottesfürchtige“ (Der Einzige, S. 335). „(…) auf gleicher Stufe stehen Geldgier und Sehnsucht nach dem Himmel“ (Der Einzige, S. 379)

Das kann man noch am ehesten mit dem Reich‘schen Dreischichten-Modell erklären. Die Schicht zwischen der sozialen Fassade und dem bioenergetischen Kern, also die „sekundäre Schicht“, ist sowohl der Ort der „sekundären Triebe“ (Perversionen, ungesunden Begierden) als auch der der Panzerung („Über-Ich“, Moral). Die Perversionen machen die Moral notwendig und die Moral erzeugt die Perversionen!

Nietzsche und die Entwicklung des Menschen (Teil 3)

10. Juli 2025

Wenn das Leben seine Instinktsicherheit verliert, hat es, Nietzsche zufolge, die Vernunft als Tyrannen nötig, weil es sonst in der Anarchie seiner widerstreitenden Triebe, die nicht mehr von einem herrschenden Instinkt regiert werden, verloren ist (Götzendämmerung, Das Problem des Sokrates). Freud und Hans Hass teilen diese Meinung mit Nietzsche, während Reich die Diktatur durch eine „Arbeitsdemokratie“ funktionell ersetzen will. Anstelle dem Aufdämmen und der Regelung der Triebe durch geistige Moral und physische Panzerung tritt die sexualökonomische genitalorgastische Funktion. Nicht unsere Moral unterscheidet uns vom Tier (wir haben sie notwendig, wenn wir „regredieren“), sondern unsere Genitalität (die Moral erübrigt).

In seinem 1963 erschienen Buch Das sogenannte Böse, führte Konrad Lorenz den „Aggressionstrieb“ ein (gemeint ist natürlich „Destruktionstrieb“), den der Mensch mit allen höheren Tieren teile, aber zusammen mit seinen anderen atavistischen Trieben steuern, kontrollieren, unterdrücken und sublimieren müsse. So muß sich, Lorenz zufolge, der Mann zusammenreißen, um nicht gleich über jede Frau auf der Straße herzufallen. Die modernen Soziobiologen führen Rassismus und Nationalismus auf unsere „egoistischen Gene“ zurück, die wir zu beherrschen hätten. Dergestalt stellt sich die Frage der soziopathogenen Panzerung erst gar nicht, bzw. sie stellt sich umgekehrt: unsere Steinzeittriebe oder -gene sind für alles Unheil verantwortlich und wir müssen uns gegen sie abpanzern.

Reich hat 1942 in Die Funktion des Orgasmus dargelegt, daß es widersinnig ist, von einem „Aggressionstrieb“ zu sprechen, da er kein Trieb im eigentlichen Sinne sei, „sondern das unerläßliche Mittel jeder Triebregung. Diese ist an sich aggressiv, weil die Spannung zur Befriedigung drängt“. Demgegenüber faßt Hans Hass unter dieser Bezeichnung

sämtliche angeborenen und erworbenen Steuerungen zusammen, welche als Akte von Instinkt und Intelligenz dazu führen, daß der Mensch sich Mitmenschen gegenüber ärgerlich, gegnerisch, bösartig, feindlich, ja sadistisch verhält. (Hass/Lange-Prollius: Die Schöpfung geht weiter, 1978, S. 252)

Hass wendet sich gegen die Annahme, diese aggressiven Tendenzen des Menschen seien nur eine Antwort auf ihn frustrierende Umwelteinflüsse und daß ohne Frustrationen keine Aggressionen aufträten. Als abschreckendes Beispiel verweist Hass auf das Buch Frustration and Aggression (Yale 1939) der Psychoanalytiker Dollard, Miller, Doob, Mowrer und Sears, wonach durch Frustrationen, die das Kind in seiner Entwicklung erfährt, zur Aggression neigende Menschen entstehen.

In den Vereinigten Staaten empfahlen darum einige Psychologen den Müttern, ihre Kinder ohne Widerspruch und Strafe, also permissiv und möglichst frustrationsfrei zu erziehen. Diese Anregung (…) führte jedoch keineswegs zu einem überzeugenden Resultat. (ebd. S. 253f)

Betrachtet man jedoch extreme Formen von Destruktion, z.B. wenn ein SS-Wachmann in Auschwitz einer Mutter das Kleinkind aus den Armen riß, an den Beinchen packte, um den Schädel des Kindes an einer Betonwand zu zerschmettern, dann sieht man, daß da kaum der Affe durchbricht, sondern die Zivilisation. Freud und Lorenz und andere, die von „bösen Trieben“ reden, sehen mit ihrer „realistischen“ Weltanschauung sofort den angeborenen Aggressions- und Todestrieb am Werk, aber die weit grausigere Wahrheit ist, daß der SS-Mann dies als typischer Moralist tat, dem sein Gewissen befahl, seine natürlichen mitmenschlichen Gefühle mit aller Gewalt zu unterdrücken: „Wenn ich dies tue, zeige ich, daß du kein Mensch bist – und die Moral erlaubt mir, ja, zwingt mich, solch schädliches Ungeziefer auszurotten.“ Moral! Schließlich ist auch die Bibel auf seiner Seite, wenn er beim Religionsunterricht aufgepaßt hat (Ps 137,9)!

Die moderne Neurobiologie zeigt, daß das Mitgefühl ein „Trieb“ ist und damit die gängige Moral schlichtweg überflüssig und schädlich. Mitgefühl beruht schlichtweg darauf, daß wir mitfühlen – Moral kann das nur behindern. Ich zitiere aus David Holbrooks Weltnetzseite:

Ein anderes Thema in der Neurowissenschaft, das in den letzten Jahren sehr populär geworden ist, war die Entdeckung sogenannter „Spiegelneuronen“: „Mitte der 1990er Jahre fand der italienische Neurowissenschaftler Rizzolati … im prämotorischen Kortex von Makaken eine Klasse von Neuronen, die nicht nur bei selbstinitiierten Bewegungen feuerten, sondern auch bei der Beobachtung entsprechender Bewegungen bei anderen Affen …“ (Wallin 2007, S. 76). Mit anderen Worten, dieselben Motoneuronen, die gefeuert haben, als der Affe seinen Körper bewegte, wurden auch ausgelöst, als der betreffende Affe einen anderen Affen beobachtete, der ähnliche Bewegungen machte. Dies hat die 100 Jahre alte Doktrin, daß motorische und sensorische Neuronen zwei völlig getrennte Kategorien von Neuronen in separaten Bereichen des Gehirns sind, umgeworfen. Darüber hinaus „sind es nur beabsichtigte Aktionen, die das Feuern von Spiegelneuronen auslösen…“, d.h. Aktionen, die geplant und absichtlich ausgeführt werden. „Es ist offensichtlich nicht unsere Wahrnehmung von Handlungen per se, die eine mitschwingende Antwort auslöst, sondern vielmehr die Wahrnehmung von Handlungen, die den Eindruck vermitteln, daß eine Absicht dahinter steckt …“. Dies hat zu der Theorie geführt, daß Spiegelneuronen die neuronale Basis für das Phänomen der Empathie und für bestimmte Aspekte der Wahrnehmung der Motive oder Absichten der Handlungen anderer darstellen können. Das Interessante ist, daß diese Wahrnehmungen eng mit der Beobachtung somatischer, nonverbaler Ausdrucksbewegungen in anderen verbunden sind: „… Es sind nicht nur die wahrgenommenen beabsichtigten Zustände anderer, sondern auch ihre Emotionen und körperlichen Empfindungen, die unsere Spiegelneuronen dazu bringen können zu feuern …. es wurde theoretisiert (Iacoboni 2005), daß die Insula (ein Bereich des Gehirns) unsere Eindrücke der Affekte [Emotionen] anderer aus dem Kortex, der wahrnimmt, zur Amygdala [einem Kern im Gehirn] übermittelt, die dann im Beobachter körperliche Gefühle auslöst“ (S. 77). Dies ist ein Beispiel dafür, wie die Neurowissenschaft den Weg weist für ein anatomisches und physiologisches Verständnis der Prozesse der nonverbalen, unbewußten, unwillkürlichen Übertragung von Emotionen von einer Person, oder einem Lebewesen, auf eine andere (für eine ausführliche Diskussion über die Entdeckung der Spiegelneuronen und ihre Implikationen siehe Iacoboni 2008).

Nietzsche und die Entwicklung des Menschen (Teil 2)

9. Juli 2025

1870 notierte sich Nietzsche, daß der Mensch sich den Tieren nicht als zugehörig empfinde (Studienausgabe, Bd. 7, S. 102). Er fügt hinzu, der Mensch müsse sich durch die Illusion des Nichttierseins dem „Gesamtzweck des Weltwillens“ entziehen, denn nur im Wahn seiner Überweltlichkeit könne er Frieden finden. Anders als bei Reich konnte bei ihm also von einer „Rückkehr zur Natur“ nicht die Rede sein.

Zwar gab Nietzsche 18 Jahre später an, auch er rede von „Rückkehr zur Natur“, doch diese sei „eigentlich nicht ein Zurückgehen, sondern ein Hinaufkommen“ (Götzendämmerung, Streifzüge eines Unzeitgemäßen, A 48). Wie nahe Nietzsche der Vorstellung der Orgonomie kommt und wie gleichzeitig unendlich fern er ihr steht (da er primäre und sekundäre Triebe nicht ausreichend trennt), zeigt folgende Stelle aus Der Antichrist (A 3):

Nicht was die Menschen ablösen soll in der Reihenfolge der Wesen ist das Problem … (– der Mensch ist ein Ende –): sondern welchen Typus Mensch man züchten soll, wollen soll, als den höherwertigeren, lebenswürdigeren, zukunftsgewisseren. Dieser höherwertigere Typus ist oft genug schon dagewesen, aber als ein Glücksfall, als eine Ausnahme, niemals als gewollt. Vielmehr ist er gerade am besten gefürchtet worden, er war bisher beinahe das Furchtbare – und aus der Furcht heraus wurde der umgekehrte Typus gewollt, gezüchtet, erreicht: das Haustier, das Herdentier, das kranke Tier Mensch, – der Christ

Von Stirner und Nietzsche beeinflußt schrieb Reich 1920, der Mensch müsse sich aus seinen infantilen inzestuösen Bindungen lösen, genauso habe die ganze Menschheit in ihrer „geistigen Phylogenese“ die Reife des Mannes zu erlangen, der „er selbst“ ist, „wie es einzelnen Individuen in der Ontogenese tausendfach gelang“. Die Menschheit befinde sich also noch auf der „infantilen Stufe“ und der Fortschritt liege in der „phylogenetischen Reifung“ der Menschheit hin zur „geistigen Individualität“ (Frühe Schriften, S. 71).

Die Psychoanalyse hat Freuds „Libido“ mit dem platonischen „Eros“ gleichgesetzt (siehe dazu auch Götzendämmerung, A 23). Der Nietzsche-Interpret Walter Kaufmann hat das gleiche mit Nietzsches Willen zur Macht getan. Nietzsche lasse keinen Zweifel daran, „daß dieser Trieb der Eros ist, der sich erst in der Selbstvervollkommnung erfüllen kann“ (Nietzsche, Darmstadt 1988, S. 298). Bei Reich ist diese Erfüllung identisch mit Genitalität, d.h. der liebevollen Selbsthingabe, bei Nietzsche mit dem antiken „hedonistischen“ verfeinerten, andauernden Glück der Selbstüberwindung. Der erste Psychologe Nietzsche spricht hier von der Sublimation, wie sie später auch Freud verstand – die Reich dann durch sein Konzept der Genitalität ersetzte.

Nietzsches Meisterung des Chaos durch eine bezwingende Idee („Wille zur Macht“) wird durch Reichs Genitalität („Hingabe“) aufgehoben, die wiederum dem Platonischen „Eros“ entspricht, d.h. dem Hingezogensein aus der Welt der bloßen Schatten zu den perfekten schönen Gestalten der Ideenwelt. Doch hinter der „übersinnlichen Realien“ des Platon verbirgt sich etwas sehr Sinnliches, das als genitale Umarmung identisch ist mit dem allgemeinen Funktionsprinzip der kosmischen Überlagerung und schließlich mit jener Ewigkeit, die sich am Höhepunkt des Tages, dem Platonischen „Großen Mittag“ Nietzsches, wenn die Sonne im Zenit steht und die Schatten verschwinden, aktualisiert. Erst Reich hat das mit Leben erfüllt, was die beiden, jedenfalls nach Kaufmans Einschätzung, größten Denker der Menschheit (Platon und Nietzsche) halbfertig – erdachten. Immerhin kam Nietzsche dem schon sehr nahe (und stand ihm gleichzeitig sehr fern) als er schrieb:

Die eigentlichen Epochen im Leben sind jene kurzen Zeiten des Stillstandes, mitten innen zwischen dem Aufsteigen und Absteigen eines regierenden Gedankens oder Gefühls. Hier ist wieder einmal Sattheit da: alles andere ist Durst und Hunger – oder Überdruß. (Der Wanderer und sein Schatten, A 193)

Was sekundäre Triebe betrifft entspricht die Nietzschesche Sublimation des Willens zur Macht, die zur aristokratischen Noblesse, menschlicher Größe und Gerechtigkeit führt, dem „Erkenne dich selbst“ aus Reichs Rede an den Kleinen Mann. Doch ansonsten steht Nietzsche sicherlich Freud näher als Reich, wie die Kapitelüberschriften des Hauptteils von Kaufmanns Buch zeigen:

Nietzsches Philosophie  der Macht: „Moral und Sublimierung“, „Sublimierung, Geist und Eros“ und „Macht gegen Lust“

Nietzsche ging es wie Freud um Bändigung, Sublimierung und (im Sinne Hegels) Auf-Hebung der Natur, was zwar nicht schlichtweg mit der Unterdrückung der Natur gleichzusetzen ist, aber bei einer mangelnden Unterscheidung zwischen primären und sekundären Trieben doch darauf hinausläuft.

Nietzsche und die Entwicklung des Menschen (Teil 1)

8. Juli 2025

Nietzsche zufolge konstituiert sich alles Leben durch Perspektiv- und Horizontbildung. Die Schaffung eines „Lebensraumes“ durch den „Willen zur Macht“ = Willen zur Beständigung = Ewige Wiederkehr des gleichen Zustandes = „Sein“. Leben ist die Formung einer Perspektive, ob nun organisch oder geistig. In diesem Sinne beruht, nach Nietzsche, das Leben auf einem Grundirrtum, nämlich dem, daß es im „dionysischen“ Fluß der Zeit etwas „apollinisch“ Beharrendes gäbe. Alles, was existieren will, müsse sich mit einer „perspektivischen Sphäre“ umgeben. Das Prinzip der Individuation, ob es sich nun im biologischen Organismus oder in unserer Gedankenwelt mit ihren Hoffnungen und dem Empfinden der Individualität zeigt, ist nichts weiter als ein lebensnotwendiger Schein – die Illusion des Seins, wo es nur den ewigen Wechsel von Werden und Vergehen gibt. Genauso wie das biologische Leben eine Struktur braucht, benötigt auch jede Form von bewußtem Leben eine geistige Struktur, um nicht im Fluß der Zeit auseinandergerissen zu werden. Es ist wie das Öffnen der Bauchhöhle: die inneren Organe fallen aus dem orgonotischen System heraus und der Mensch vergeht.

Leben ist Werten = Werte bestimmen = Urteilen = Ur-Teilen = etwas aus dem undifferenzierten Chaos herausheben. Nietzsche: „Wenn wir von Werten reden, reden wir unter der Inspiration, unter der Optik des Lebens: das Leben selbst zwingt uns Werte anzusetzen, das Leben selbst wertet durch uns, wenn wir Werte ansetzen…“ (Götzendämmerung, Moral als Widernatur, A [Aphorismus] 5).

Das Leben ist natürlich das Orgon, nicht als „Sein“, als metaphysische Substanz, sondern als Potential für scheinbar „Seiendes“, so wie Reich es in Die kosmische Überlagerung am Beispiel der Formation von Lebensformen aus der primordialen Bewegung des Orgons dargestellt hat (Die kosmische Überlagerung, Frankfurt 1997, S. 40-68).

Es gibt kein „Sein“, da alles nur in der Zeit (nicht) „ist“. Um aber überhaupt existieren zu können, müssen wir „Sein“ simulieren, indem „ganz unten“ die Zelle so tut, als „wäre“ sie (in Wirklichkeit unterliegen aber auch ihre Strukturen dem ständigen Fluß, dem sie früher oder später ganz nachgeben müssen) und indem „ganz oben“ der Mensch sich ein Weltbild errichtet, in dessen Bezugssystem er „sein“ kann. Alles ist Schein, aber, und das ist Nietzsches Punkt, es kommt darauf an, ob es ein dem Leben dienender Schein (z.B. das animistische Weltbild von Ureinwohnern) oder ob es ein dem Leben schadender Schein ist (z.B. der Glauben an Engel und Teufel). Auch das Kind braucht für seine gesunde Entwicklung etwas, woran es glauben kann – es kommt nur darauf an, ihm einen lebenspositiven Schein zu vermitteln. Nietzsche sprach nicht von der Abschaffung aller Werte, sondern von der Umwertung aller Werte (vgl. auch Jerome Edens Auseinandersetzung mit Nietzsche und Reich in The Value of Values, Eden 1980).

Auf den ersten Blick hat die Orgonomie an sich wenig mit Werten gemein, denn die erinnern an das Über-Ich und damit an die Panzerung. Doch man kann ein „Wertesystem“ auch als notwendige orgonotische Struktur betrachten, so wie z.B. Muschelgehäuse lebensnotwendig sind. Ohne die starre Muschelschale kein pulsierendes Muschelfleisch! Die lebenswichtige, ja das Leben erst konstituierende Membran des ursprünglichsten orgonotischen Systems, des Bions, entspricht den Hüllen von Zellen mit ihren Rezeptoren, dem unterschiedlichen Aussehen der Tierarten, bis hin zur „Corporate Identity“ in der Wirtschaft und den Persönlichkeiten von Menschen.

Genauso wie sich aus dem Fluß des Orgons orgonotische Systeme herausbilden, indem sie eine Membran formen, muß auf geistiger Ebene der Mensch „perspektivische“ Glaubenssysteme entwerfen, um „sein“ zu können. Zerstört man z.B. das Weltbild von genitalen Naturvölkern durch die Zivilisation, gehen die betreffenden Völker zugrunde, da die Grundlage ihres „Seins“ unter ihnen weggezogen wurde. Kinder werden neurotisch, wenn sie einerseits ziemlich frei erzogen werden, andererseits aber keine Werte, keinen Glauben vermittelt bekommen. Nimmt man einem Menschen seinen Glauben, stirbt er, was den mörderischen Haß der Gläubigen gegen die Aufklärer erklärt. Es geht buchstäblich um Leben oder Tod. Es gibt so etwas wie „moralischen Krebs“: Menschen mit Werten haben etwas Dynamisches an sich, während anarchische Menschen in ihrer Eigenheit verharren, „sitzen bleiben“, wie Reich es nannte, nicht vom Willen nach vorne getrieben werden, d.h. auch im Prägenitalen hängenbleiben.

Aus diesem Grunde glaubte Nietzsche, daß der Tod Gottes den Untergang der Menschheit bedeuten würde, wenn der Mensch sich nicht selbst Werte setzte. Aber der heutige Mensch sei zu schwach zu glauben („wie Jakob mit einem Gott zu ringen“) oder Werte zu „setzen“ – und einfach nur ein verächtliches unendlich perverses, dekadentes in seiner heillosen Entartung dem sicheren Untergang geweihtes Nichts, dessen „Emanzipation“ gleichbedeutend mit dem Weg in den Tod ist. Wer kennt nicht den typischen Jugendlichen, der an nichts glaubt, mit seinem leeren Blick – er braucht nicht erst Selbstmord begehen – er ist schon tot! Deshalb sind sinnstiftende religiöse und kulturelle Aktivitäten genauso lebensnotwendig wie die Arbeit.