Posts Tagged ‘Sublimation’

Der verdrängte Christus: 24. Freuds Christusmord

19. September 2018

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

DER VERDRÄNGTE CHRISTUS:

24. Freuds Christusmord

Orgonometrie (Teil 2): Kapitel 6.f.

26. April 2016

orgonometrieteil12

1. Zusammenfassung

2. Die Hauptgleichung

3. Reichs „Freudo-Marxismus“

4. Reichs Beitrag zur Psychosomatik

5. Reichs Biophysik

6. Äther, Gott und Teufel

a. Der modern-liberale (pseudo-liberale) Charakter

b. Spiritualität und die sensationelle Pest

c. Die Biologie zwischen links und rechts

d. Der bioenergetische Hintergrund der Klassenstruktur

e. Die Illusion vom Paradies und die zwei Arten von „Magie“

f. Die gesellschaftlichen Tabus

Orgonmystik

20. September 2015

Gerade bin ich beim Surfen im Internet zufällig über einem Blog mit Photos von Sri Chinmoy gestolpert. Da er eine gewisse Bedeutung in meinem Leben hatte, bin ich hängen geblieben. Als ich dann nach ein paar Minuten mit meiner Schreibarbeit weiter machte, hatte ich ein intensives „Bewußtseinserlebnis“, wie es der Orgontherapie-Patient aus der Behandlung kennt. Ich bin überzeugt, daß Leute wie Sri Chinmoy genau so ihre lebenslangen Anhänger gewinnen: irgendwelche außergewöhnlichen Gefühle überzeugen diese, daß sie ein für allemal die Wahrheit gefunden haben. Das sind dann solche Typen, die sich auch in die nächstbeste Frau „unsterblich“ verlieben würden. Wie bewerkstelligen „religiöse Führer“ und ganz allgemein religiöse Systeme etwas, was sonst nur der Sexus vermag?

Wie Reich in Massenpsychologie des Faschismus ausgeführt hat, ist Religion nichts anderes als fehlgeleitete sexuelle Erregung. Diese wird auf „keusche“ Weise heraufbeschworen, indem jene Bewußtseinszustände erzeugt werden, die gemeinhin mit sexueller Erregung einhergehen. Das geschieht durch eine feierliche „übermannende“ Architektur, Riten und Musik die einen „orgastischen“ Spannungsbogen haben, eine „aufgeladene“ Atmosphäre, wie sie charakteristisch für orgonotische Erstrahlung ist, und durch eine „verzückte“ Erscheinung der „Erleuchteten“ mit selig „orgastisch“ weggetretenen Augen.

In der hinduistischen Religiosität wird diese sexuelle Komponente offen eingestanden. Beispielsweise haben in der klassischen indischen Musik die Liedtexte durchweg einen geradezu anzüglichen sexuellen Gehalt. Es sind schmachtende Liebeslieder. Alles dreht sich um „Bhakti“, die durchaus sexuelle Liebe zu Gott bzw. seiner Inkarnation auf Erden, dem Guru. Wobei der Gläubige stets die weibliche Rolle übernimmt, die ihren unerreichbaren Geliebten anschmachtet. Sexuelle Abstinenz im realen Leben soll das Seelenfeuer weiter anfachen.

Rationalistische Atheisten werden niemals die Religion besiegen oder auch nur eindämmen können. Es geht in der Religion nicht um bewußte „rationale“ Entscheidungen und Einsichten, sondern um Gefühle und „Bewußtseinszustände“, die einen spontan überkommen. Insbesondere sind jene betroffen, die „Lücken“ in ihrer Panzerung haben. Allenfalls vollkommen „zugepanzerte“ Menschen wären frei von religiösen Anwandlungen.

Derartige Anwandlungen sind auch vollkommen harmlos, solange sie nicht Anlaß für „feste religiöse Überzeugungen“ oder gar religiösen Fanatismus werden. Man kann beispielsweise von einem Weihnachtsoratorium, das man in einer Kirche hört, und der Verkündigung vollkommen ergriffen sein, daß das Licht in die Finsternis getreten ist und diese besiegt habe. Es handelt sich dabei um eine natürliche Erregung bzw. Erstrahlung der organismischen Orgonenergie. Es wird erst pathologisch, wenn man daran festhält, d.h. wenn man sich gegen das Weiterströmen der Orgonenergie sperrt. Je orgastisch impotenter man ist, desto fester klammert man sich an die vermeintlichen „Offenbarungen“: aus der Orgonenergie wird „Gott“.

Im Tantra wird die Sexualität, die stets mit „Bewußtseinszuständen“ jenseits des Alltagsbewußtseins einhergeht, für die „geistige Befreiung“ benutzt. Das mag auf den ersten Blick geradezu „sexualpositiv“ aussehen, entspricht jedoch ganz im Gegenteil der extremsten Form der orgastischen Impotenz, denn es wird auf die genital-orgastische Entladung verzichtet, „um keine spirituelle Kraft zu verschwenden“. Es entspricht in etwa dem, was Freud „Sublimation“ genannt hat.

Von Seiten der „Esoterik“ wird nun versucht, auch die Orgonenergie selbst, die durch die Erforschung der orgastischen Plasmazuckung entdeckt wurde (Orgasmusformel, bioelektrische Experimente, Bion-Experimente), für „spirituelle“ Zwecke zu instrumentalisieren. Demnach ist die Orgonenergie sozusagen eine vermittelnde Zwischenschicht zwischen dieser Welt und der „geistigen Welt“. Die Orgonenergie wird zu etwas rein Subjektivem, das weitgehend bar einer physikalisch meßbaren Realität ist. Etwas, was dem „Geist“ erlaubt, sich in der materiellen Welt zu manifestieren.

Die Orgonomie war von Anfang an mit derartigen Vorstellungen konfrontiert. Schon Anfang der 1920er Jahre setzte sich Reich mit vermeintlich „esoterischen“ Ansätzen in seinen Buchbesprechungen auseinander, die er für psychoanalytische Zeitschriften schrieb. In den 30er Jahren war Reichs Freund und Mitarbeiter Roger DuTeil ein Bergsonianer und „Spiritualist“. In seinem in der Originalausgabe Die Bione von 1938 veröffentlichten Aufsatz „Leben und Materie“, billigt er dem Leben eine metaphysische Sonderstellung zu. Reich selbst wollte diesen Aufsatz aus späteren Auflagen gestrichen wissen, was ja auch geschah, und im übrigen bestritt Reich schon damals ausdrücklich, daß „das Lebendige ein vom Nichtlebenden völlig abgetrenntes, eigens metaphysisch gegebenes Gebiet“ sei (ebd.). Sechs Jahre später sagt er in seinem Artikel „Orgonotic Pulsation“:

Wenn wir nicht vorsichtig vorgehen, könnten durchaus einige Generationen von Mystikern erstehen, die das Orgon metaphysisch, losgelöst von der nicht-lebenden Natur und nicht vom Standpunkt der Naturwissenschaft her verstehen. Und ich denke, wir haben bereits mehr als genug Mystizismus in dieser Welt. (Orgonomic Functionalism, No. 5, S. 44)

Der Artikel zeigt, wie sich Reich ganz von Zugeständnissen an sowohl den („dialektischen“) Materialismus als auch insbesondere den „Spiritualismus“ befreite. In „Orgonotic Pulsation“ strebt er danach, sich langsam von allen Begriffen, die irgendwelche Konnotationen mit materiellen oder „spirituellen“ Substanzen haben, zu befreien. Entsprechend spricht er von „orgonotischer Erregung von Isolatoren“ statt „Ladung“, und von „orgonotischer Anziehung und Abstoßung“ statt „Kontraktion und Expansion“. An anderer Stelle will er den Substanz-Begriff „vegetative Strömung“ durch die funktionelle „plasmatische Erregung“ ersetzt wissen (Der Krebs, Fischer TB, S. 347).

Was machen nun die ach so innovativen „Weiterentwickler“ der Orgonomie? Sie fallen noch hinter die provisorische, von Substanzbegriffen geprägte Orgonomie der Anfänge zurück, reden von irgendwelchen Seelensubstanzen und müssen metaphysische „Formgesetze“ erfinden, die ihr „chaotisches“ mechano-mystisches Universum ordnen. Wie Reich schreibt: „Mit Zwecken läßt sich leicht alles erklären“ (ebd., S. 77f). Man braucht nicht mehr die Natur unbekannter Funktionen mühsam ergründen, vielmehr wird einem alles fertig auf dem Tablett serviert: es ist „Gottes Wille“, es ist der „Geist“, das „Naturgesetz“, dem alles folgt. Für Blitze ist der Donnergott verantwortlich! – Nichts anderes verbirgt sich hinter inhaltsleeren Begriffen wie „Wirkstruktur“. Was ist für die Struktur der Bion-Präparate verantwortlich? Jenseitige Strukturen!

In die gleiche Kategorie gehören die „Lösungen“ für das Rätsel des menschlichen Bewußtseins. Was ist Bewußtsein? Das „metaphysische Heinzelmännchen“ wie Reich es nennt,

das angeblich im Hintergrunde der Lebensfunktionen wirkt, denkt, fühlt, empfindet, reagiert. Das führt nirgends hin. (ebd., S. 400)

Nach Reich ist Bewußtsein das Zusammenfließen der diversen Sinneseindrücke und Emotionen in eine funktionelle Einheit (Äther, Gott und Teufel, Frankfurt 1983, S. 63). Sinneseindrücke und Emotionen führt Reich ihrerseits bis „auf die Bewegungsformen der Weichtiere und Protisten“ (Charakteranalyse, KiWi, S. 519) und letztendlich auf die „Reizempfindlichkeit des rein physikalischen Orgons“ zurück (Äther, Gott und Teufel, S. 91).

Diese Leute sprechen von einem „primordialen Bewußtsein“, das Erinnerungen etwa so speichert wie ein Magnetband. Dabei hat Reich in der Charakteranalyse lang und breit ausgeführt, daß das Ich die Summe aller vergangenen Erlebnisse ist. Da wird nichts mechanisch „abgespeichert“, sondern in der Vergangenheit wurden bestimmte Weichen für die Strukturierung des sich entwickelnden Organismus gestellt, weshalb „Erinnerungen“ nichts anderes sind als die Wahrnehmung der aktuellen biophysischen Struktur des Organismus. Wie sollte es auch anders sein? Imgrunde sagen die „Weiterentwickler“ der Orgonomie natürlich auch nichts anderes, nur daß sie die Welt überflüssigerweise verdoppeln.

Die „Orgonmystiker“ fallen der Panzerung zum Opfer. Das, was sie wahrnehmen, ist die durch die Panzerung „umgebogene“ und verzerrte Orgonenergie, die entsprechend etwas Krankhaftes, „Okkultes“ an sich hat und auf ein „Jenseits“ ihrer selbst verweist – d.h. auf jenseits der Panzerung. Die vermeintliche Wahrnehmung der Orgonenergie entspricht hier der krankhaften Transformation von Emotion in Sensation.

Tantra ist Antisexualität, nämlich orgastische Impotenz, genauso wie die „Orgonesoteriker“ Antiorgonenergie sind, d.h. Panzerung.

Die folgende Abbildung beschreibt in etwa was geschieht:

Orgonomie und Transzendenz

23. Dezember 2011

Es ist eine interessante Frage, ob Reich ein transzendentaler Denker war mit dem „Überschreiten“ als Grundprinzip seiner Weltsicht. Ganz ausdrücklich transzendental wird Reich bei seinen häufigen Äußerungen über die „kosmische Sehnsucht“. Weitere Stichworte sind: „außerhalb der Charakterstruktur des Homo normalis“, „Kinder der Zukunft“, „primordiales Orgon“, „Funktion statt Struktur“, die „funktionelle Transmutation“ wie auch alle anderen Funktionsschemata Reichs (z.B. die des Metabolismus des orgonomischen und mechanischen Potentials in Äther, Gott und Teufel). Der Begriff „Funktion“ an sich ist transzendental, genauso wie die Evolution an sich transzendental ist; die Arten „überschreiten“ sich. In der Rede an den Kleinen Mann sagt Reich:

Du denkst immer zu kurz, kleiner Mann, nur vom Frühstück bis zum Mittagessen. Du mußt es lernen, in Jahrhunderten zurück und in Jahrtausenden vorwärts zu denken. (S. 97)

Reichs transzendentales Grundprinzip entspricht dem, was Nietzsche „Wille zur Macht“ genannt hat, im Sinne der Überschreitung der Grenzen. Diese Metastruktur der Orgonomie wird mißverstanden und so kommt es zu Fehlinterpretationen in Richtung Metaphysik und Mystik. Dieses Mißverstehen entspricht der Nietzsche-Rezeption Heideggers mit ihrer falschen metaphysischen Interpretation von Nietzsches transzendentaler Philosophie, wie Georg Picht es dargelegt hat (Nietzsche, Stuttgart 1988). Das ist das Wesen jeder Mystik, jeder Ideologie und Religion und muß im Auge behalten werden, wenn man die Orgonomie vor den Schlammfluten des schwarzen Okkultismus bewahren will.

Leider kann man aber auch gerade das Entwicklungsmodel teleologisch mystifizieren, wie es z.B. Teilhard de Chardin getan hat. Gegen ein solches Mißverstehen sei auf Hans Hass verwiesen, der im ersten Band seiner Naturphilosophischen Schriften zeigt, daß es keine göttliche Intelligenz hinter und nichts Perfektes in der Evolution gibt. Hass zerstört die Illusion, die Evolution würde geradlinig verlaufen und vollkommene Ergebnisse zeitigen. Er widerlegt definitiv die Existenz Gottes. Es sei auch auf Reichs Kritik am Konzept der Naturnotwendigkeit im nationalsozialistischen Biologismus erinnert, wie er sie in Die Massenpsychologie des Faschismus dargelegt hat.

Die transzendentale Sichtweise der Orgonomie hat auch Auswirkungen auf die therapeutische Praxis, ist doch die Neurose nichts anderes als „stures Verharren“ angesichts einer sich ändernden Umwelt. Dann liegt die Aufgabe der charakteranalytischen Psychotherapie in der Öffnung hin zur „Transzendenz“, d.h. zur Zukunft. Besonders wichtig ist das okulare Segment. Es entspricht der psychogenetischen Stufe, in der der Bezugsrahmen gesetzt wird. Danach kommt die orale Stufe, d.h. die Hinwendung zur nährenden Welt bzw. den möglichen existentiellen Enttäuschungen, die damit einhergehen können („Depression“). Gefolgt von der analen Stufe: Organisation bzw. Desorganisation. Dann die phallische Stufe: aggressive Behauptung: Wille zur Macht in seiner krudesten Form, gefolgt schließlich vom Gegenteil der Behauptung: dem vollständigen Loslassen in der genitalen Stufe.

Dieses Stufenmodel ist potentiell sehr irreführend, denn es legt nahe, daß die prägenitalen Triebe primär sind, d.h. die Genitalität sich aus ihnen erst entwickeln muß. Tatsächlich geht es um den Ausdruck der primären (sozusagen „primordialen“) Genitalität auf höherer Organisationsebene. In diesem Sinne verkörpert die Orgonomie das Gegenteil von Transzendenz etwa im Gegensatz zur Psychoanalyse, wo es um „Sublimation“, „Vergeistigung“, Überwindung der Triebe geht. Wie jede Naturwissenschaft gibt es ab einem gewissen Punkt auch keine Weiterentwicklung der Orgonomie als solcher. Man denke im Vergleich nur daran, daß sich seit Newton kaum etwas an der Optik geändert hat oder seit Schrödinger und Heisenberg kaum etwas an der Quantenmechanik. Eines Tages wird es keine Weiterentwicklung der Physik mehr geben (jedenfalls nicht in grundsätzlichen Fragen).

Es gibt nichts jenseits des Orgons und so auch keine „transzendentale“ Entwicklung; das Funktionelle Denken wurde entdeckt, es war sich immer gleich und wird sich nie entwickeln können, ganz einfach, weil das Orgon ständig gleich funktioniert (vgl. den sehr wichtigen Artikel von S. Clark & R. Frauchinger: „Paradigm-Maker or Paradigm-Breaker“ Journal of Orgonomy, 20, 1986). Entweder hat man einen Orgasmus oder man hat keinen, es gibt da kein Wachstum in der Qualität der Orgasmen. Meine Beschreibung der Entwicklung der Orgasmusfunktion im Tierreich wurde u.a. dadurch so kompliziert, weil die Orgasmusfunktion als die Grundkonstituente des Lebendigen an sich keine Entwicklung kennt. In der ewigen Wiederkehr, die die Pulsation ausmacht, kann es keine Entwicklung geben.

Die Kinder der Zukunft sind die Kinder der Urzeit. Kaum etwas ist lächerlicher als der Begriff einer „kulturellen Entwicklung“: die Höhlenmalereien in Frankreich haben schon vor 15 000 Jahren alles in der Malerei geleistet; nichts wird jemals die griechische Plastik, die Malerei und Plastik der Renaissance oder die klassische Musik übertreffen. Es gibt keine Entwicklung, sondern nur der ewig gültige Ausdruck des sich immer gleichbleibenden kosmischen Orgons. Es ist mehr als nur fraglich, daß sich der Mensch in irgendeiner Weise biologisch, spirituell oder sozial weiterentwickeln wird – wie es die Christen, die Kommunisten, die Nazis und jetzt das New Age erhoffen. In den matriarchalen „primitiven“ Gesellschaften, wie die der Trobriander, gab es keine Entwicklung, sondern nur die Ewige Wiederkehr von ein für allemal eingesetzten Ritualen. Man beachte auch die „geschichtlichen“ Marxistischen Angriffe auf Reichs „ungeschichtliches“ Menschenbild; ebenso die an der Geschichte orientierte Psychoanalyse und vergleiche sie mit der orthodoxen Orgon-Therapie, wie Reich selbst sie am Ende praktizierte, die nur am hier und jetzt interessiert war und die Historie, d.h. die Zeit weitgehend draußen vor ließ!

Nach Hegel ist die Natur durch die ewige Wiederkehr des Gleichen gekennzeichnet, während es in der menschlichen Kultur historische Entwicklung gibt. Wenn Reich nun Kultur und Natur versöhnen wollte, konnte er dies nur auf Grundlage der Natur machen. Dies ist sehr wichtig, um Reichs Stellung in der deutschen nachhegelschen Geistestradition, zu der der Marxismus zentral gehört, verstehen zu können. Aus der Sicht der sich ständig gleichbleibenden primitiven Kulturen ist Reichs Anklage des Sitzens irgendwie ziemlich „unorgonomisch“. Auch ganz praktisch ist es fraglich, an die Entwicklung von Menschen zu glauben: entweder nimmt man die Wahrheit sofort an, wenn man auf sie trifft, oder nie! Hierher gehört Reichs tiefer therapeutischer Pessimismus.

Natürlich hat sich z.B. Reich entwickelt. Aber meine Chronik der Orgonomie zeigt doch gerade eben auch, daß bei Reich schon alles am Anfang da war. Das gleiche sieht man ganz besonders deutlich bei Nietzsche: schon als 13jähriger hat er praktisch genau dasselbe geschrieben, wie als 43jähriger. Dies hat besonders schön Hermann Josef Schmidt in seinem Buch über Nietzsches Kindheit dargelegt (Nietzsche absconditus, Berlin 1991). Der reife Mann („Übermensch“) wird dem Kind wieder ähnlicher; dem, was der erste Psychologe, d.i. Nietzsche, den „Grundcharakter“ genannt hat (Menschliches, Allzumenschliches, A 612). (Vgl. auch Nietzsches Brief vom 19.12.1876 an Cosima Wagner, der Nietzsches endgültige Selbstfindung signalisiert.)

Lebenspraktisch kann man kaum entscheidenderes sagen, als daß man sich auf seine Ursprünge besinnen muß, um „der zu werden, der man ist“ (Nietzsche). Eine solche Sichtweise hat auch eine weitgehende therapeutische Bedeutung bei Patienten, die sich selbst verloren haben, ohne Identität durch die Welt fallen und dann in Außensteuerungen halt suchen, anstatt zur Selbststeuerung zu finden, die auf der ewigen Wiederkehr des Gleichen in der orgonotischen Pulsation beruht. Deshalb geht man heute ja auch zum Psychologen, wegen Identitäts- und Sinnkrisen.

Es wurde ausgeführt, die Orgasmusfunktion sei an sich transzendental, überschreitend im Sinne von Entladung und Erfüllung der orgastischen Sehnsucht („Liebe“). Aber diese Transzendenz will nur sich selber, ist eine immer wiederkehrende periodische Funktion, ewige Wiederkehr, wie z.B. bei der Zellteilung (= Orgasmus) des potentiell unsterblichen Einzellers, der gefangen ist im absoluten Ring der Immanenz. Diesen Kreis will die Emotionelle Pest transzendieren, wie z.B. Wagner im Ring des Nibelungen, wo der Ring für das absolut Böse steht, das zerbrochen werden muß (hier treffen sich Nationalsozialismus und Christentum). So hat die Emotionelle Pest, als Negativ und Negation der Orgasmusfunktion, zwei Aspekte: einmal als Verneinung der Transzendenz (die Verneinung der genitalen Liebe), das andere Mal als Transzendieren der Immanenz (die Zerstörung der einzig sicheren und festen Position in dieser Welt: der genitalen Libidostufe)!

Der Seinsaspekt des Lebendigen ist die andere Seite der Orgasmusfunktion, die „transzendental“ das Leben überschreitet (der Orgasmus als „der kleine Tod“). Der patriarchale Mensch ist aus diesem Sein herausgefallen und mußte sich vor dem „orgastischen Tod“ (Orgasmusangst = Todesangst) in die Panzerung retten, um nicht unterzugehen.

Nietzsche und die Entwicklung des Menschen

15. November 2011

Der natürliche Mensch empfindet sich nicht als zu den Tieren gehörig. Was übrigens schon 1870 Nietzsche aufgefallen ist (Studienausgabe, Bd. 7, S. 102). Nietzsche fügt aber auch hinzu, der Mensch müsse sich durch die Illusion des Nichttierseins dem „Gesamtzweck des Weltwillens“ entziehen, denn nur im Wahn seiner Überweltlichkeit könne er Frieden finden. Diesen Wahn des gepanzerten Menschen hat Reich denn ja auch angegriffen und die Rückkehr zur Natur gepredigt. Nietzsche sagte 18 Jahre später aber auch: „Auch ich rede von ‚Rückkehr zur Natur‘, obwohl es eigentlich nicht ein Zurückgehen, sondern ein Hinaufkommen ist“ (Götzendämmerung, Streifzüge eines Unzeitgemäßen, A 48). Wie nahe Nietzsche der Vorstellung der Orgonomie kommt und wie gleichzeitig unendlich fern er ihr steht (da er primäre und sekundäre Triebe nicht ausreichend trennt), zeigt folgende Stelle aus Der Antichrist (A 3):

Nicht was die Menschen ablösen soll in der Reihenfolge der Wesen ist das Problem … (– der Mensch ist ein Ende –): sondern welchen Typus Mensch man züchten soll, wollen soll, als den höherwertigeren, lebenswürdigeren, zukunftsgewisseren. Dieser höherwertigere Typus ist oft genug schon dagewesen, aber als ein Glücksfall, als eine Ausnahme, niemals als gewollt. Vielmehr ist er gerade am besten gefürchtet worden, er war bisher beinahe das Furchtbare – und aus der Furcht heraus wurde der umgekehrte Typus gewollt, gezüchtet, erreicht: das Haustier, das Herdentier, das kranke Tier Mensch, – der Christ

Als Stirnerianer und Nietzscheianer schrieb Reich 1920, der Mensch müsse sich aus seinen infantilen inzestuösen Bindungen lösen, genauso habe die ganze Menschheit in ihrer „geistigen Phylogenese“ die Reife des Mannes zu erlangen, der „er selbst“ ist, „wie es einzelnen Individuen in der Ontogenese tausendfach gelang“. Die Menschheit befinde sich also noch auf der „infantilen Stufe“ und der Fortschritt liege in der „phylogenetischen Reifung“ der Menschheit hin zur „geistigen Individualität“ (Frühe Schriften, S. 71).

Der Nietzsche-Interpret Walter Kaufmann setzt Nietzsches Willen zur Macht mit dem platonischen „Eros“ gleich (Psychoanalytiker haben das gleiche mit Freuds „Libido“ getan; siehe dazu auch Götzendämmerung, A 23). Nietzsche lasse keinen Zweifel daran, „daß dieser Trieb der Eros ist, der sich erst in der Selbstvervollkommnung erfüllen kann“ (Nietzsche, Darmstadt 1988, S. 298). Bei Reich ist diese Erfüllung identisch mit Genitalität, bei Nietzsche mit dem antiken „hedonistischen“ verfeinerten, andauernden Glück der Selbstüberwindung. Der erste Psychologe Nietzsche spricht hier von der Sublimation, wie sie später auch Freud verstand – die Reich dann durch sein Konzept der Genitalität ersetzte.

Nietzsches Meisterung des Chaos durch eine bezwingende Idee („Wille zur Macht“) wird durch Reichs Genitalität („Meisterung des prägenitalen Chaos“) aufgehoben, die wiederum dem Platonischen „Eros“ entspricht, d.h. dem Hingezogensein zu den perfekten schönen Gestalten der Ideenwelt. Doch hinter der übersinnlichen Wirklichkeit des Platon verbirgt sich etwas sehr sinnliches, das als Genitale Umarmung identisch ist mit dem allgemeinen Funktionsprinzip der Kosmischen Überlagerung und schließlich mit jener Ewigkeit, die sich am Höhepunkt des Tages, dem Platonischen „Großen Mittag“ Nietzsches, wenn die Sonne im Zenit steht und die Schatten verschwinden, aktualisiert. Erst Wilhelm Reich hat das mit Leben erfüllt, was, jedenfalls nach Kaufmans Einschätzung, die beiden größten Denker der Menschheit (Platon und Nietzsche) halbfertig – erdachten. kam Immerhin kam Nietzsche dem schon sehr nahe als er schrieb:

Die eigentlichen Epochen im Leben sind jene kurzen Zeiten des Stillstandes, mitten innen zwischen dem Aufsteigen und Absteigen eines regierenden Gedankens oder Gefühls. Hier ist wieder einmal Sattheit da: alles andere ist Durst und Hunger – oder Überdruß. (Der Wanderer und sein Schatten, A 193)

Was sekundäre Triebe betrifft entspricht die Nietzschesche Sublimation des Willens zur Macht, die zur aristokratischen Noblesse, menschlicher Größe und Gerechtigkeit führt, dem „Erkenne dich selbst“ aus Reichs Rede an den Kleinen Mann. Doch ansonsten steht Nietzsche sicherlich Freud näher als Reich, wie die Kapitelüberschriften des Hauptteils von Kaufmanns Buch zeigen:

Nietzsches Philosophie der Macht: „Moral und Sublimierung“, „Sublimierung, Geist und Eros“ und „Macht gegen Lust“

Nietzsche ging es wie Freud um Bändigung, Sublimierung und (im Sinne Hegels) Auf-Hebung der Natur, was wohl das Gegenteil der Unterdrückung der Natur ist, aber bei einer mangelnden Unterscheidung zwischen primären und sekundären Trieben doch darauf hinausläuft.