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Orgonomie und Metaphysik (Teil 7)

10. November 2021

Es ist eine erhellende Frage, ob Reich ein „überschreitender“ Denker war mit dem Transzendieren als Grundprinzip seiner Weltsicht, im wörtlichen Sinne als auch im Sinne der Anerkennung von etwas „Transzendentalen“, d.h. dem eigentlichen Wesen entsprechend. Der Freudsche Begriff des „Ich-Ideals“, dem man entgegenstrebt, weil es dem eigenen Grundwesen entspricht, trifft das sehr gzut. Ganz ausdrücklich transzendental wird Reich bei seinen häufigen Äußerungen über die „kosmische Sehnsucht“. Weitere Stichworte sind: „außerhalb der Charakterstruktur des Homo normalis“, „bioenergetischer Kern jenseits der Panzerung“, „Kinder der Zukunft“, „primordiales Orgon“, „Funktion statt Struktur“, die „funktionelle Transmutation“ wie auch alle anderen Funktionsschemata Reichs (z.B. die des Metabolismus des orgonomischen und mechanischen Potentials in Äther, Gott und Teufel). Der Begriff „Funktion“ an sich ist transzendental, genauso wie die Evolution an sich transzendental ist; die Arten „überschreiten“ sich. In der Rede an den Kleinen Mann sagt Reich:

Du denkst immer zu kurz, kleiner Mann, nur vom Frühstück bis zum Mittagessen. Du mußt es lernen, in Jahrhunderten zurück und in Jahrtausenden vorwärts zu denken. (S. 97) Doch ich habe mich über die hinweggeschwungen, und ich sehe dich aus der Perspektive von Jahrtausenden, vorwärts und rückwäts in der Zeit. (S. 79)

Reichs transzendentales Grundprinzip entspricht dem, was Nietzsche „Wille zur Macht“ genannt hat, im Sinne der Überschreitung der Grenzen. Diese Metastruktur der Orgonomie wird mißverstanden und so kommt es zu Fehlinterpretationen in Richtung Metaphysik und Mystik, so als hätte Reich einen „Urgrund“ bzw. transzendentale „höhere Welten“ erschlossen, nach denen es zu streben gilt („transzendieren“).

Dieses Mißverstehen entspricht der Nietzsche-Rezeption Heideggers mit ihrer falschen metaphysischen Interpretation von Nietzsches „überschreitender“ Philosophie, wie Georg Picht es dargelegt hat: es geht Nietzsche darum einen Glauben zu setzen – was dem Grundwesen des Lebens entspricht, da ohne einen solchen Leben nicht möglich ist (Nietzsche, Stuttgart 1988). Daraus, d.h. aus dem Willen zur Macht, eine Meta-Physik, d.h. eine Art „Ding“, zu machen, ist Grundlage jeder Mystik, jeder Ideologie und Religion und muß im Auge behalten werden, wenn man die Orgonomie vor den Schlammfluten des schwarzen Okkultismus bewahren will.

Man nehme „Christus“ in Reichs Oeuvre: Für Reich ist Christus das Ich-Ideal der Menschheit; etwas, was außerhalb der gepanzerten Welt steht und wonach man streben muß. Das bedeutet aber noch lange nicht, daß es Christus in dem Sinne gibt, wie es die Christen glauben, und daß man eines Tages bei ihm im Himmel ist. Es mag alles ähnlich klingen und von ähnlichen Emotionen getragen sein, doch es sind zwei vollständig unterschiedliche Vorstellungswelten!

Leider kann man aber auch gerade das Entwicklungsmodell teleologisch mystifizieren, wie es z.B. Teilhard de Chardin getan hat. Gegen ein solches Mißverstehen sei auf Hans Hass verwiesen, der im ersten Band seiner Naturphilosophischen Schriften zeigt, daß es keine göttliche Intelligenz hinter und nichts Perfektes in der Evolution gibt. Hass zerstört die Illusion, die Evolution würde geradlinig verlaufen und vollkommene Ergebnisse zeitigen. Er widerlegt definitiv die Existenz Gottes. Es sei auch auf Reichs Kritik am Konzept der Naturnotwendigkeit im nationalsozialistischen Biologismus erinnert, wie er sie in Die Massenpsychologie des Faschismus dargelegt hat.

Die transzendentale Sichtweise der Orgonomie hat auch Auswirkungen auf die therapeutische Praxis, ist doch die Neurose nichts anderes als „stures Verharren“ angesichts einer sich ändernden Umwelt. Dann liegt die Aufgabe der charakteranalytischen Psychotherapie in der Öffnung hin zur „Transzendenz“, d.h. sowohl nach „transzendental“ außerhalb des Panzers als auch „transzendierend“ zur Zukunft. Besonders wichtig ist das okulare Segment. Es entspricht der psychogenetischen Stufe, in der der Bezugsrahmen gesetzt wird. Danach kommt die orale Stufe, d.h. die Hinwendung zur nährenden Welt bzw. den möglichen existentiellen Enttäuschungen, die damit einhergehen können („Depression“). Gefolgt von der analen Stufe: Organisation bzw. Desorganisation. Dann die phallische Stufe: aggressive Behauptung: Wille zur Macht in seiner krudesten Form, gefolgt schließlich vom Gegenteil der Behauptung: dem vollständigen Loslassen in der genitalen Stufe.

Dieses Stufenmodell ist potentiell sehr irreführend, denn es legt nahe, daß die prägenitalen Triebe primär sind, d.h. die Genitalität sich aus ihnen erst entwickeln muß. Tatsächlich geht es um den Ausdruck der primären (sozusagen „primordialen“) Genitalität auf jeweils höherer Organisationsebene. In diesem Sinne verkörpert die Orgonomie das Gegenteil von Transzendenz etwa im Gegensatz zur Psychoanalyse, wo es um „Sublimation“, „Vergeistigung“, Überwindung der Triebe geht. Wie jede Naturwissenschaft gibt es ab einem gewissen Punkt auch keine Weiterentwicklung der Orgonomie als solcher. Man denke im Vergleich nur daran, daß sich seit Newton kaum etwas an der Optik geändert hat oder seit Schrödinger und Heisenberg kaum etwas an der Quantenmechanik. Eines Tages wird es keine Weiterentwicklung der Physik mehr geben (jedenfalls nicht in grundsätzlichen Fragen).

Es gibt nichts jenseits des Orgons und so auch keine „transzendentale“ Entwicklung; das funktionelle Denken wurde entdeckt, es war sich immer gleich und wird sich nie entwickeln können, ganz einfach, weil das Orgon ständig gleich funktioniert (vgl. den sehr wichtigen Artikel von S. Clark & R. Frauchinger: „Paradigm-Maker or Paradigm-Breaker“ Journal of Orgonomy, 20, 1986). Entweder hat man einen Orgasmus oder man hat keinen, es gibt da kein Wachstum in der Qualität der „Orgasmen“. Meine Beschreibung der Entwicklung der Orgasmusfunktion im Tierreich wurde u.a. dadurch so verwickelt, weil die Orgasmusfunktion als die Grundkonstituente des Lebendigen an sich keine Entwicklung kennt. In der ewigen Wiederkehr, die die Pulsation ausmacht, kann es keine Entwicklung geben.

Die Kinder der Zukunft sind die Kinder der Urzeit. Kaum etwas ist Lächerlicher als der Begriff einer „kulturellen Entwicklung“: die Höhlenmalereien in Frankreich haben schon vor 15 000 Jahren alles in der Malerei geleistet; nichts wird jemals die griechische Plastik, die Malerei und Plastik der Renaissance oder die klassische Musik übertreffen. Es gibt keine Entwicklung, sondern nur der ewig gültige Ausdruck des sich immer gleichbleibenden kosmischen Orgons. Es ist mehr als nur fraglich, daß sich der Mensch in irgendeiner Weise biologisch, spirituell oder sozial weiterentwickeln wird – wie es die Christen, die Kommunisten, die Nazis und jetzt das New Age erhoffen. In den matriarchalen „primitiven“ Gesellschaften, wie die der Trobriander, gab es keine Entwicklung, sondern nur die Ewige Wiederkehr von ein für allemal eingesetzten Ritualen. Man beachte auch die „geschichtlichen“ Marxistischen Angriffe auf Reichs „ungeschichtliches“ Menschenbild; ebenso die an der Geschichte orientierte Psychoanalyse und vergleiche sie mit der orthodoxen Orgontherapie, wie Reich selbst sie am Ende praktizierte, die nur am hier und jetzt interessiert war und die Historie, d.h. die Zeit weitgehend draußen vor ließ!

Nach Hegel ist die Natur durch die ewige Wiederkehr des Gleichen gekennzeichnet, während es in der menschlichen Kultur historische Entwicklung gibt. Wenn Reich nun Kultur und Natur versöhnen wollte, konnte er dies nur auf Grundlage der Natur machen. Dies ist sehr wichtig, um Reichs Stellung in der deutschen nachhegelschen Geistestradition, zu der der Marxismus zentral gehört, verstehen zu können. Aus der Sicht der sich ständig gleichbleibenden primitiven Kulturen ist Reichs Anklage des „Sitzens“ (des auf der Stelle Sitzenbleibens des gepanzerten Menschen) bei all ihrer Berechtigung irgendwie, d.h. auf einer tieferen Ebene „unorgonomisch“. Auch ganz praktisch ist es fraglich, an die Entwicklung von Menschen zu glauben: entweder nimmt man die Wahrheit sofort an, wenn man auf sie trifft, oder nie! Hierher gehört Reichs tiefer therapeutischer Pessimismus.

Natürlich hat sich z.B. Reich entwickelt. Aber meine Chronik der Orgonomie zeigt doch gerade eben auch, daß bei Reich schon alles am Anfang da war. Das gleiche sieht man ganz besonders deutlich bei Nietzsche: schon als 13jähriger hat er praktisch genau dasselbe geschrieben, wie als 43jähriger. Dies hat besonders schön Hermann Josef Schmidt in seinem Buch über Nietzsches Kindheit dargelegt (Nietzsche absconditus, Berlin 1991). Der reife Mann („Übermensch“) wird dem Kind wieder ähnlicher; dem, was der erste Psychologe, d.i. Nietzsche, den „Grundcharakter“ genannt hat (Menschliches, Allzumenschliches, A 612). (Vgl. auch Nietzsches Brief vom 19.12.1876 an Cosima Wagner, der Nietzsches endgültige Selbstfindung signalisiert.)

Lebenspraktisch kann man kaum Entscheidenderes sagen, als daß man sich auf seine Ursprünge besinnen muß, um „der zu werden, der man ist“ (Nietzsche). Eine solche Sichtweise hat auch eine weitgehende therapeutische Bedeutung bei Patienten, die sich selbst verloren haben, ohne Identität durch die Welt fallen und dann in Außensteuerungen halt suchen, anstatt zur Selbststeuerung zu finden, die auf der ewigen Wiederkehr des Gleichen in der orgonotischen Pulsation beruht. Deshalb geht man heute ja auch zum Psychologen, wegen Identitäts- und Sinnkrisen.

Es wurde ausgeführt, die Orgasmusfunktion sei an sich transzendental, überschreitend im Sinne von Entladung und Erfüllung der orgastischen Sehnsucht („Liebe“). Aber diese Transzendenz will nur sich selber, ist eine immer wiederkehrende periodische Funktion, ewige Wiederkehr, wie z.B. bei der Zellteilung (= Orgasmus) des potentiell unsterblichen Einzellers, der gefangen ist im absoluten Ring der Immanenz. Dieser Seinsaspekt des Lebendigen ist die andere Seite der Orgasmusfunktion. Der patriarchale Mensch ist aus diesem Sein herausgefallen und mußte sich vor dem „orgastischen Tod“ („der kleine Tod“, Orgasmusangst = Todesangst) in die Erstarrung (Panzerung) retten, um nicht unterzugehen.

Orgonomie und Metaphysik (Teil 3)

26. Oktober 2021

Reich 1950:

Materielle Organismen sind Werkzeuge der Orgonenergie und nicht umgekehrt. An dieser Stelle ist es wichtig, sich vor dem Mystiker zu schützen. (…) Die Seele des Mystikers ist nichts anderes als die Orgonität der Orgon-Biophysik. In beiden Fällen sind der Körper, die Form, die Materie nur die Werkzeuge des Geistes. Der Mystiker mißversteht uns. Wir haben es mit greifbaren, meßbaren und sichtbaren Manifestationen von Energie zu tun. Ein „Geist“ ist weder greifbar, noch meßbar, noch sichtbar. Es liegt in der Tat im Charakter eines mystischen Geistes, daß er unerkennbar, unkontrollierbar bleibt. Der Geist des Mystikers hat nichts mit der Orgonenergie zu tun, außer dieser einen Verbindung: Was wir im praktischen Sinne zu verstehen vermögen, lebt und erlebt der Mystiker als Spiegelbild. Natürlich hat auch ein Mystiker manchmal recht. Leider weiß er nicht, wo: Der mystische Geist ist das Spiegelbild unserer Orgonenergie, unverständlich, surreal, nutzlos und unmeßbar. („The Orgone Biophysical Meaning of Bions“ Orgonomic Functionalism No. 8, Spring 2021, S. 123)

Das Fatale dabei ist, daß der Mystiker dieses Ungreifbare wie einen fixen Gegenstand behandelt. Der Geist ist sozusagen die „greifbare Wirklichkeit“, während die materielle Welt nur eine Schimäre, „Maya“, ist.

Erhellend in einem negativen Sinne fand ich Seite 99 von Jürgen Fischers Buch Orgon und DOR (Berlin 1995), wo er sich kurz mit Energiefeldern beschäftigt, die die Grundlage der materiellen Erscheinungen seien. Schön und gut, aber in seiner Beschreibung sind diese Energiefelder etwas Statisches, sozusagen eine fixe Blaupause, nach der sich dann die materiellen Strukturen richten. Wenn man dies mit bestimmten Gedankgängen bei Heiko Lassek und Arnim Bechmann ebenfalls von ca. 1995 vergleicht, dann sieht man, daß hier ein Einfallstor steckt, durch das der Mystizismus in die Orgonomie eindringt. Diese Leute können als Vertreter der Orgonomie auftreten, sogar als „orthodoxe“ Vertreter der Orgonomie, denn für sie ist ja das Orgon das Primäre, auf das alles andere beruht. Für Reich war es nur so, daß die Orgonenergie das Bewegende war, während die Materie dieser Bewegung Grenzen zog (z.B. die organismische Orgonenergie vs. die sie umhüllende Membran; oder die Überlagerung zweier vorher freier Orgonenergie-Ströme, die nun einander eine „materielle“ Grenze sind): aus diesem dialektischen Gegensatz geht die Form hervor. Bei den mystischen (vermeintlichen) Vertretern der Orgonomie ist diese Dialektik verschwunden und eine starre, undialektische Naturphilosophie an ihre Stelle getreten, bei der geistige Formprinzipien sich zunächst in „feinstofflichen“ und dann in materiellen Seinsebenen äußern.

Von Seiten der „Esoterik“ wird versucht, die Orgonenergie selbst, die durch die Erforschung der orgastischen Plasmazuckung entdeckt wurde (Orgasmusformel, bioelektrische Experimente, Bion-Experimente), für „spirituelle“ Zwecke zu instrumentalisieren. Demnach ist die Orgonenergie sozusagen eine vermittelnde Zwischenschicht zwischen dieser Welt und der „geistigen Welt“. Die Orgonenergie wird zu etwas rein Subjektivem, das weitgehend bar einer physikalisch meßbaren Realität ist. Etwas, was dem „Geist“ erlaubt, sich in der materiellen Welt zu manifestieren.

Die Orgonomie war von Anfang an mit derartigen Vorstellungen konfrontiert. Schon Anfang der 1920er Jahre setzte sich Reich mit vermeintlich „esoterischen“ Ansätzen in seinen Buchbesprechungen auseinander, die er für psychoanalytische Zeitschriften schrieb. In den 1930er Jahren war Reichs Freund und Mitarbeiter Roger DuTeil ein Bergsonianer und „Spiritualist“. In seinem in der Originalausgabe Die Bione von 1938 veröffentlichten Aufsatz „Leben und Materie“, billigt er dem Leben eine metaphysische Sonderstellung zu. Reich selbst wollte diesen Aufsatz aus späteren Auflagen gestrichen wissen, was ja auch geschah, und im übrigen bestritt Reich schon damals ausdrücklich, daß „das Lebendige ein vom Nichtlebenden völlig abgetrenntes, eigens metaphysisch gegebenes Gebiet“ sei (ebd.). Sechs Jahre später sagt er in seinem Artikel „Orgonotic Pulsation“:

Wenn wir nicht vorsichtig vorgehen, könnten durchaus einige Generationen von Mystikern erstehen, die das Orgon metaphysisch, losgelöst von der nicht-lebenden Natur und nicht vom Standpunkt der Naturwissenschaft her verstehen. Und ich denke, wir haben bereits mehr als genug Mystizismus in dieser Welt. (Orgonomic Functionalism, No. 5, S. 44)

Der Artikel zeigt, wie sich Reich ganz von Zugeständnissen an sowohl den („dialektischen“) Materialismus als auch insbesondere den „Spiritualismus“ befreite. In „Orgonotic Pulsation“ strebt er danach, sich langsam von allen Begriffen, die irgendwelche Konnotationen mit materiellen oder „spirituellen“ Substanzen haben, zu befreien. Entsprechend spricht er von „orgonotischer Erregung von Isolatoren“ statt „Ladung“, und von „orgonotischer Anziehung und Abstoßung“ statt „Kontraktion und Expansion“. An anderer Stelle will er den Substanz-Begriff „vegetative Strömung“ durch die funktionelle „plasmatische Erregung“ ersetzt wissen (Der Krebs, Fischer TB, S. 347).

Was machen nun die ach so innovativen „Weiterentwickler“ der Orgonomie? Sie fallen noch hinter die provisorische, von Substanzbegriffen geprägte Orgonomie der Anfänge zurück, reden von irgendwelchen Seelensubstanzen und müssen metaphysische „Formgesetze“ erfinden, die ihr „chaotisches“ mechano-mystisches Universum ordnen. Wie Reich schreibt: „Mit Zwecken läßt sich leicht alles erklären“ (ebd., S. 77f). Man braucht nicht mehr die Natur unbekannter Funktionen mühsam ergründen, vielmehr wird einem alles fertig auf dem Tablett serviert: es ist „Gottes Wille“, es ist der „Geist“, das „Naturgesetz“, dem alles folgt. Für Blitze ist der Donnergott verantwortlich! – Nichts anderes verbirgt sich hinter inhaltsleeren Begriffen wie „Wirkstruktur“. Was ist für die Struktur der Bion-Präparate verantwortlich? Jenseitige Strukturen!

In die gleiche Kategorie gehören die „Lösungen“ für das Rätsel des menschlichen Bewußtseins. Was ist Bewußtsein? Das „metaphysische Heinzelmännchen“ wie Reich es nennt,

das angeblich im Hintergrunde der Lebensfunktionen wirkt, denkt, fühlt, empfindet, reagiert. Das führt nirgends hin. (ebd., S. 400)

Nach Reich ist Bewußtsein das Zusammenfließen der diversen Sinneseindrücke und Emotionen in eine funktionelle Einheit (Äther, Gott und Teufel, Frankfurt 1983, S. 63). Sinneseindrücke und Emotionen führt Reich ihrerseits bis „auf die Bewegungsformen der Weichtiere und Protisten“ (Charakteranalyse, KiWi, S. 519) und letztendlich auf die „Reizempfindlichkeit des rein physikalischen Orgons“ zurück (Äther, Gott und Teufel, S. 91). Das bedeutet nicht, daß Bewußtsein Tiefe hätte und bis „ins Orgon“ zurückreicht! Vielmehr tritt etwas ins Bewußtsein, wenn ein Impuls an die Oberfläche durchdringt. Bewußtsein ist demnach ein Oberflächenphänomen.

Vom Mystizismus infizierte Leute sprechen von einem „primordialen Bewußtsein“, das Erinnerungen etwa so speichert wie ein Magnetband. Dabei hat Reich in der Charakteranalyse lang und breit ausgeführt, daß das Ich die Summe aller vergangenen Erlebnisse ist. Da wird nichts mechanisch „abgespeichert“, sondern in der Vergangenheit wurden bestimmte Weichen für die Strukturierung des sich entwickelnden Organismus gestellt, weshalb „Erinnerungen“ nichts anderes sind als die Wahrnehmung der aktuellen biophysischen Struktur des Organismus. Wie sollte es auch anders sein? Imgrunde sagen die „Weiterentwickler“ der Orgonomie natürlich auch nichts anderes, nur daß sie die Welt überflüssigerweise verdoppeln.

Die „Orgonmystiker“ fallen der Panzerung zum Opfer. Das, was sie wahrnehmen, ist die durch die Panzerung „umgebogene“ und verzerrte Orgonenergie, die entsprechend etwas Krankhaftes, „Okkultes“ an sich hat und auf ein „Jenseits“ ihrer selbst verweist – d.h. auf jenseits der Panzerung. Die vermeintliche Wahrnehmung der Orgonenergie entspricht hier der krankhaften Transformation von Emotion in Sensation.

Wenn etwa Tantra Antisexualität ist, nämlich orgastische Impotenz, sind entsprechend „Orgonesoteriker“ Antiorgonenergie, d.h. Panzerung.

Die folgende Abbildung beschreibt in etwa was geschieht:

Der verdrängte Christus: 24. Freuds Christusmord

19. September 2018

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

DER VERDRÄNGTE CHRISTUS:

24. Freuds Christusmord

Orgonometrie (Teil 2): Kapitel 6.f.

26. April 2016

orgonometrieteil12

1. Zusammenfassung

2. Die Hauptgleichung

3. Reichs „Freudo-Marxismus“

4. Reichs Beitrag zur Psychosomatik

5. Reichs Biophysik

6. Äther, Gott und Teufel

a. Der modern-liberale (pseudo-liberale) Charakter

b. Spiritualität und die sensationelle Pest

c. Die Biologie zwischen links und rechts

d. Der bioenergetische Hintergrund der Klassenstruktur

e. Die Illusion vom Paradies und die zwei Arten von „Magie“

f. Die gesellschaftlichen Tabus

Nietzsche und die Entwicklung des Menschen

15. November 2011

Der natürliche Mensch empfindet sich nicht als zu den Tieren gehörig. Was übrigens schon 1870 Nietzsche aufgefallen ist (Studienausgabe, Bd. 7, S. 102). Nietzsche fügt aber auch hinzu, der Mensch müsse sich durch die Illusion des Nichttierseins dem „Gesamtzweck des Weltwillens“ entziehen, denn nur im Wahn seiner Überweltlichkeit könne er Frieden finden. Diesen Wahn des gepanzerten Menschen hat Reich denn ja auch angegriffen und die Rückkehr zur Natur gepredigt. Nietzsche sagte 18 Jahre später aber auch: „Auch ich rede von ‚Rückkehr zur Natur‘, obwohl es eigentlich nicht ein Zurückgehen, sondern ein Hinaufkommen ist“ (Götzendämmerung, Streifzüge eines Unzeitgemäßen, A 48). Wie nahe Nietzsche der Vorstellung der Orgonomie kommt und wie gleichzeitig unendlich fern er ihr steht (da er primäre und sekundäre Triebe nicht ausreichend trennt), zeigt folgende Stelle aus Der Antichrist (A 3):

Nicht was die Menschen ablösen soll in der Reihenfolge der Wesen ist das Problem … (– der Mensch ist ein Ende –): sondern welchen Typus Mensch man züchten soll, wollen soll, als den höherwertigeren, lebenswürdigeren, zukunftsgewisseren. Dieser höherwertigere Typus ist oft genug schon dagewesen, aber als ein Glücksfall, als eine Ausnahme, niemals als gewollt. Vielmehr ist er gerade am besten gefürchtet worden, er war bisher beinahe das Furchtbare – und aus der Furcht heraus wurde der umgekehrte Typus gewollt, gezüchtet, erreicht: das Haustier, das Herdentier, das kranke Tier Mensch, – der Christ

Als Stirnerianer und Nietzscheianer schrieb Reich 1920, der Mensch müsse sich aus seinen infantilen inzestuösen Bindungen lösen, genauso habe die ganze Menschheit in ihrer „geistigen Phylogenese“ die Reife des Mannes zu erlangen, der „er selbst“ ist, „wie es einzelnen Individuen in der Ontogenese tausendfach gelang“. Die Menschheit befinde sich also noch auf der „infantilen Stufe“ und der Fortschritt liege in der „phylogenetischen Reifung“ der Menschheit hin zur „geistigen Individualität“ (Frühe Schriften, S. 71).

Der Nietzsche-Interpret Walter Kaufmann setzt Nietzsches Willen zur Macht mit dem platonischen „Eros“ gleich (Psychoanalytiker haben das gleiche mit Freuds „Libido“ getan; siehe dazu auch Götzendämmerung, A 23). Nietzsche lasse keinen Zweifel daran, „daß dieser Trieb der Eros ist, der sich erst in der Selbstvervollkommnung erfüllen kann“ (Nietzsche, Darmstadt 1988, S. 298). Bei Reich ist diese Erfüllung identisch mit Genitalität, bei Nietzsche mit dem antiken „hedonistischen“ verfeinerten, andauernden Glück der Selbstüberwindung. Der erste Psychologe Nietzsche spricht hier von der Sublimation, wie sie später auch Freud verstand – die Reich dann durch sein Konzept der Genitalität ersetzte.

Nietzsches Meisterung des Chaos durch eine bezwingende Idee („Wille zur Macht“) wird durch Reichs Genitalität („Meisterung des prägenitalen Chaos“) aufgehoben, die wiederum dem Platonischen „Eros“ entspricht, d.h. dem Hingezogensein zu den perfekten schönen Gestalten der Ideenwelt. Doch hinter der übersinnlichen Wirklichkeit des Platon verbirgt sich etwas sehr sinnliches, das als Genitale Umarmung identisch ist mit dem allgemeinen Funktionsprinzip der Kosmischen Überlagerung und schließlich mit jener Ewigkeit, die sich am Höhepunkt des Tages, dem Platonischen „Großen Mittag“ Nietzsches, wenn die Sonne im Zenit steht und die Schatten verschwinden, aktualisiert. Erst Wilhelm Reich hat das mit Leben erfüllt, was, jedenfalls nach Kaufmans Einschätzung, die beiden größten Denker der Menschheit (Platon und Nietzsche) halbfertig – erdachten. kam Immerhin kam Nietzsche dem schon sehr nahe als er schrieb:

Die eigentlichen Epochen im Leben sind jene kurzen Zeiten des Stillstandes, mitten innen zwischen dem Aufsteigen und Absteigen eines regierenden Gedankens oder Gefühls. Hier ist wieder einmal Sattheit da: alles andere ist Durst und Hunger – oder Überdruß. (Der Wanderer und sein Schatten, A 193)

Was sekundäre Triebe betrifft entspricht die Nietzschesche Sublimation des Willens zur Macht, die zur aristokratischen Noblesse, menschlicher Größe und Gerechtigkeit führt, dem „Erkenne dich selbst“ aus Reichs Rede an den Kleinen Mann. Doch ansonsten steht Nietzsche sicherlich Freud näher als Reich, wie die Kapitelüberschriften des Hauptteils von Kaufmanns Buch zeigen:

Nietzsches Philosophie der Macht: „Moral und Sublimierung“, „Sublimierung, Geist und Eros“ und „Macht gegen Lust“

Nietzsche ging es wie Freud um Bändigung, Sublimierung und (im Sinne Hegels) Auf-Hebung der Natur, was wohl das Gegenteil der Unterdrückung der Natur ist, aber bei einer mangelnden Unterscheidung zwischen primären und sekundären Trieben doch darauf hinausläuft.