Posts Tagged ‘Christus’

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 99)

19. Januar 2024

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Hinter dem Über-Ich (Schuld: „die Stimme des Vaters“) steht das Ich-Ideal (Scham: „der Vater als unerreichbares Vorbild“) und dahinter schließlich die eigene Kern-Identität („ich und der Vater sind eins“). Diese Staffelung nicht zu sehen, ist ein „biologische Rechenfehler“. Er erklärt, warum Reich sich nie ganz von „Marx, Freud, Einstein“ emanzipieren konnte. Beispielsweise Nietzsche hat redlich versucht sich von Wagner zu lösen, ist daran aber zerbrochen. Die gesamte Linke kämpft gegen den Vater – zu dem schlimmen Preis, daß sie sich vollkommen vom biologischen Kern gelöst hat.

Bei Reich wäre das alles kein Problem gewesen, wenn:

1. Reich einen vernünftigen Vater gehabt hätte (aber wer hat den schon!) und „Du benimmst Dich wie Dein Vater!“ im größeren Familienkreis nicht als schlimmste Beleidigung galt; oder wenn

2. Reich einen vernünftigen Vaterersatz gefunden hätte. Mir fällt aber kein einziger passender Kandidat ein. „Gott“?

Wenn man sich nicht mit seinem Vater identifizieren kann, geht man, da „kernlos“, emotional und psychisch zugrunde. Identifiziert man sich aber mit ihm, bzw. dem Über-Ich, natürlich erstrecht! Der Ausweg ist das Ich-Ideal. Und genau diesen Weg haben die Menschen instinktiv stets gewählt, man denke nur an die Buddhisten mit ihren Buddha-Statuen, Moslems mit ihrem „in allen Lebenslagen vorbildlichen Menschen“ Mohammed oder die Christen mit Jesus.

Buddha ist die Verkörperung der kompletten Abgeklärtheit („nichts berührt mich“), d.h. die Apologie des Ausweichens vor dem Konflikt (emotionale Kontaktlosigkeit), Mohammed ist die Apologie des sowohl repressiven als auch, was seine eigenen Bedürfnisse anbetrifft, permissiven Vaters (sekundäre Triebe), während Christus den bioenergetischen Kern selbst verkörpert. Die beiden unterschiedlichen Personen Christus und Gottvater sind in ihrer Natur ein und dasselbe.

Sollen wir also Christen werden? Nein! Reich lesen, insbesondere sein Buch Christusmord, um den biologischen Rechenfehler zu durchschauen. Dabei geht es natürlich nicht um „Erlösung“, sondern darum zumindest perspektivisch der Panzerung (dem Über-Ich) ihre Grundlage zu entziehen.

Christus und die Liebe

31. Dezember 2023

Warum war für Reich die Christus-Figur, die vielleicht gar nicht historisch ist, sondern von den Römern gegen die Juden oder von den Juden gegen die Römer schlichtweg ausgedacht wurde, so wichtig? Was ist so besonderes an dieser „himmlischen Figur“, die, wie Nietzsche richtig sagt, nur auf die Erde kommt, um dann wirklich nichts Bedeutendes von sich zu geben? Warum einer Monty Python-Witzfigur Bedeutung beimessen, die Wasser in Wein verwandeln, über Wasser gehen und Blinde mit einer Schlammpaste aus Spucke und Staub sehend machen kann? Welche Bedeutung sollte irgendein verpeilter jüdischer Rabbi von vor 2000 Jahren für uns haben? Warum im Zusammenhang mit Laskas LSR-Projekt einen religiösen Spinner diskutieren?

Die Antwort liefert folgende Predigt eines Bischofs der „nestorianischen“ Assyrischen Kirche des Ostens:

Hier die Übersetzung: “Der Herr Jesus kam und sagte: Ich werde Euch ein Gesetz geben, das Liebe heißt. Vergeßt ‚nicht töten‘, ‚nicht stehlen‘, ‚nicht, nicht, nicht‘. Vergeßt sie alle. Vergeßt all die Gesetze. Er sagt: An dem Tag, an dem Ihr lernt, zu lieben, werdet Ihr nicht mehr töten. An dem Tag, an dem Ihr lernt zu lieben, werdet Ihr nicht mehr stehlen. An dem Tag, an dem Ihr lernt zu lieben, werdet Ihr niemanden mehr verletzen, denn es ist die Liebe, die Euch diese Fähigkeit verleiht.”

Wenn man sagt, daß Jesu Botschaft die Liebe gewesen sei, ist das nur ein Allgemeinplatz, aber so, wie es Bischof Mar Mari Emmanuel ausdrückt, wird sie bemerkenswert und entspricht formal Reichs Orgasmustheorie und dem LSR-Projekt, d.h. der Befreiung vom Über-Ich. Siehe dazu meine beiden Bücher Der verdrängte Christus: Bd. 1 Orgonomie und Christentum und Bd. 2 Das orgonomische Testament.

Diese „Frohe Botschaft“ wird dann jedoch stets unmittelbar aufgehoben und ins Gegenteil verkehrt, durch den eigentlichen Begründer des Christentums: Paulus, der von nichts anderem redet, als daß wir durch und durch böse sind und nichts Gutes in uns haben und uns deshalb ganz und gar Jesus überantworten sollen – dem Über-Ich. „Wo Ich war, soll Christus sein!“ Von Anfang an, prügeln die Christen den „dämonischen“ Eigensinn aus ihren Kindern – „weil sie sie lieben“.

Arbeitsdemokratie: Religion ist Ahnen- und Nachfahren-Kult

23. November 2023

Robert A. Harman hat die These aufgestellt, daß die Gesellschaft durch langfristige Verpflichtungen zusammengehalten wird. Ich schulde dir etwas. Das bindet uns über längere Zeiträume aneinander. So wird das Netz der Arbeitsdemokratie gewoben. Ich gebe dir etwas (Ladung), also schuldest du mir etwas, bis du deine Schuld mir gegenüber begleichst bzw. „entlädst“.

Das hat mich auf den Gedanken gebracht, daß entsprechend jede Religion auf der Erde ursprünglich kaum etwas mit Mystik und „Erlösung“ zu tun hat, vielmehr beinhaltet sie Opfergaben an die Götter als Antwort auf deren „Arbeit“ (es regnen lassen, Früchte produzieren, Feinde fernhalten usw.), so wie unsere Opfergaben sie für uns arbeiten lassen (es regnen lassen, Früchte produzieren, Feinde fernhalten usw.). Das lebt unmittelbar im Katholizismus weiter: die Heiligen sind nicht wirklich tot, sondern genauso Teil der Kirche wie die Lebendigen und im Volksglauben haben sie ähnliche Funktionen übernommen, wie einst bestimmte heidnische Götter. Man denke nur an Petrus, der frappant an Poseidon und Thor erinnert. Die Gläubigen sind dergestalt in ein dichtes Beziehungsgeflecht eingebunden mit „Gaben“, Verpflichtungen und Hoffnungen, die auf die Zukunft gerichtet sind und weit weit in die Vergangenheit zurückreichen.

Religion ist eine Art „Arbeitsdemokratie“, die auf orgonotische Funktionen projiziert wird, die in dem Sinne fehlinterpretiert werden, daß sie personalisiert sind (die Götter). Ich bezweifle, daß bisher jemand die Verbindung zwischen Religion und Arbeitsdemokratie gesehen hat, aber sie ist so offensichtlich, wenn man die tatsächliche Praxis des Katholizismus sieht: ein ziemlich kompliziertes „Geschäft“, das verschiedene Engel und Heilige, Maria, Christus, den Vater und den Heiligen Geist, Opfergaben und Erntedankfeste umfaßt. Der Kathole fühlt sich in diesem Netz geborgen und die Gemeinschaft hat eine fast unzerstörbare Dauer.

Genau deshalb waren Länder wie Polen und Irland stets solche geschlossenen Gesellschaften, die selbst in der Diaspora ihre nationale Identität bewahrten. Von daher auch die Versuche der Weltverschwörer gegenwärtig insbesondere Irland durch forcierte „Migration“ seiner Identität zu berauben und etwa in Amerika seit Jahrzehnten der Versuch durch Städteplanung die geschlossenen Gemeinschaften von Iren, Polen, Italienern, etc. mit ganz ähnlichen Mitteln zu zerschlagen. Kein „ethnisches Gestrüpp“, soll sich dem freien Fluß des Kapitals entgegenstellen. (Was selbstredend auch im Interesse der Kommunisten ist!)

Wir denken, Religion sei die persönliche Beziehung zu Gott oder „Christus“ in der Gegenwart. Ursprünglich war die Religion jedoch Ahnenverehrung, ähnlich der besagten Verehrung der Heiligen im Katholizismus. Im Sinne von Harmans Zeittheorie war es eine arbeitsdemokratische Verpflichtung gegenüber der Vergangenheit, die die Grundlage für unsere Gegenwart bildet. Eine auf den Himmel projizierte Beziehung. Und die Götter waren ein Ausdruck unseres Engagements für die Zukunft, das Ich-Ideal und in gewisser Weise die Kinder der Zukunft, die auf den Himmel projiziert wurden.

Ursprünglich gehört die Religion nicht zum psychologischen Bereich des Einzelnen, sondern eher zum sozialen Bereich. Ethnologen haben nie eine Gesellschaft ohne Religion gefunden. Religion ist eigentlich ein Element der Arbeitsdemokratie, d.h. ein Engagement über Raum und vor allem Zeit hinaus. Das ganze mystische Brimborium mit persönlicher „Erlösung“ ist eine Verfallserscheinung.

Das wird unmittelbar evident, wenn man die Vorgehensweise von christlichen Missionaren bei Naturvölkern betrachtet. Hier werden stets die Außenseiter und Sonderlinge angesprochen, die sich eben nicht im, nennen wir es mal, „Glaubensnetz“ ihrer Gemeinschaft geborgen fühlen und deshalb sozusagen einen „direkten Draht“ zu Gott suchen. Von diesen Randständigen her wird dann langsam von den Missionaren die Gemeinschaft aufgerollt, wobei darauf bedacht gelegt wird, nach und nach das „Netz“ zu zerstören. Das diese Missionare objektiv im Interesse amerikanischer Kapitalinteressen arbeiten, paßt ins Bild.

Übrigens haben wir im Recht etwas ganz ähnliches. Und ist Recht von Religion überhaupt trennbar? Ich denke nicht nur an das Gesetz Mose und die Scharia, sondern auch an die Tabus und Gebote der Naturreligionen. Wieder: von Mystik und „Erlösung“ ist da wenig die Rede.

Die untergründige Identität von Religion, Recht und „bioenergetischer Spannung“ im Sinne Harmans sieht man an der Tatsache, daß auch das Recht in gewisser Weise den Tod nicht kennt. Das bezieht sich natürlich in erster Linie auf das Erbrecht, aber auch generell hat die „juristische Person“; etwas Unkörperliches, etwas, was nicht an Zeit und Raum gebunden ist. Nochmals: mit Mystik hat das zunächst einmal gar nichts zu tun, aber alles mit der Arbeitsdemokratie.

Reich im Kampf gegen den Nihilismus des Westens ( Teil 1: Der Tod des Menschen)

24. Oktober 2023

Für Reich war Christus ein genitaler Charakter, der sein Anderssein innerhalb der Begriffswelt seines ererbten pharisäischen Judentums zum Ausdruck zu bringen versuchte – bzw. gar nicht anders konnte. Das Christentum entstand aus dem Versuch seiner Jünger diesen Mann irgendwie zu verstehen. Für sie war er ein Mensch, aber auf unbestimmte Weise auch etwas darüber hinaus; nach ihrem jüdisch-hellenistischen Weltbild ein „Gottmensch“. In der griechischen und orientalischen Kirche wurde dann mehr die göttliche Seite hervorgehoben, was ihn unnahbar machte, die Religion „orthodox“ erstarren ließ und ganz zu einem Machtinstrument des Staates machte.

In der römischen Kirche und im Anschluß daran in der evangelischen wurde mehr die menschliche Seite hervorgehoben. Man denke nur an all die Kruzifixe mit dem zerschundenen, erniedrigten und leidenden Heiland, – während im Osten selbst der am Kreuz hängende Jesus noch immer der souveräne Kaiser des Universums ist.

Auf beiden Seiten triumphierte dergestalt die Emotionelle Pest, indem sie den lebendigen Impuls „Christus“ zum Erstarren brachte. Wobei der Westen auch noch der gnostischen Häresie verfiel, die sozusagen das Menschliche, Allzumenschliche an Jesus wieder wettmachen sollte. Aus dem souveränen Herrscher des Universums wurde der Botschafter aus einer Lichtwelt, der die Frohe Botschaft in die absolute Finsternis trägt. Das sieht man im zentralen Satz der Theologie der Westkirche, den ich wie folgt formulieren möchte: „Ohne die Gnade Gottes sind wir alle elende, verkommene Sünder, die die Hölle und die Strafe Gottes verdienen. Jedes gute Potential, überhaupt schlichtweg alles Gute in uns kommt einzig und allein von Gott und der Kraft des Heiligen Geistes, wenn wir uns taufen lassen und unser Herz Christus schenken.“ Dieser Satz ist die Emotionelle Pest des Abendlandes: Du bist weniger als nichts, das Über-Ich ist alles.

Die im Westen triumphierende Gnosis betrachtet die Schöpfung und damit auch jedes einzelne menschliche Herz als zutiefst verfehlt und böse von Natur aus. Wir müssen innerlich ersterben, damit der Lichtbringer aus einer anderen Welt, Christus, in uns leben kann. Das zeigte sich unmittelbar in der Kindererziehung. Kinder, die in evangelikalen und fundamentalistisch katholischen Sekten aufgewachsen sind, können Geschichten aus den Abgründen der Hölle erzählen… Selbst unsere eigenen Kinder sind weniger Wert als Hundekot, wenn wir nicht Christus in sie hineinprügeln. Unsere eigenen Triebe, überhaupt alles an uns, ist des Teufels, solange nicht ganz allein Christus in uns herrscht.

Kann man sich einen schlimmeren Verrat an der „Lehre“ des vor 2000 Jahren ermordeten Christus Jesus vorstellen? In der antignostischen Orthodoxie scheint immerhin das genaue Gegenteil durch: daß die Schöpfung und damit der Mensch von Grund auf gut ist:

Die von Gott gegebene Würde wird durch das Vorhandensein der sittlichen Grundsätze in jedem Menschen bestätigt, die durch die Stimme des Gewissens erkannt werden. Darüber schreibt der heilige Apostel Paulus im Brief an die Römer: „Die Forderung des Gesetzes ist ihnen ins Herz geschrieben; ihr Gewissen legt Zeugnis davon ab, ihre Gedanken klagen sich gegenseitig an und verteidigen sich” (Röm 2, 15). Namentlich deshalb offenbaren die sittlichen Normen, die der menschlichen Natur eigen sind, wie auch die sittlichen Normen, die in der Göttlichen Offenbarung enthalten sind, den Plan Gottes mit dem Menschen und seine Bestimmung. Sie sind wegweisend für ein glückseliges Leben, das der von Gott geschaffenen Natur des Menschen würdig ist. Das größte Vorbild eines solchen Lebens hat der Welt der Herr Jesus Christus offenbart.

Unwürdig ist das Leben eines Menschen in Sünde, weil es den Menschen selbst zerstört und anderen Menschen sowie der Umwelt Schaden zufügt. Die Sünde stellt die Hierarchie der Beziehungen in der Natur des Menschen auf den Kopf. Statt daß der Geist Macht über den Leib hat, unterwirft er sich in der Sünde dem Fleisch. Der Heilige Johannes Chrysostomus verweist hierauf und sagt: „Wir haben die Ordnung verkehrt und das Böse ist so stark geworden, daß wir die Seele zwingen, den Wünschen des Fleisches zu folgen” (Gespräch 12 Homilien über Genesis). Das Leben nach den Gesetzen des Fleisches ist den Geboten Gottes zuwider und entspricht nicht den sittlichen Grundsätzen, die von Gott in die Natur des Menschen hineingelegt wurden. In den Beziehungen zu anderen Menschen handelt der Mensch unter dem Einfluß der Sünde als Egoist, der sich nur um die Befriedigung seiner Bedürfnisse auf Kosten der Nächsten kümmert. Ein solches Leben ist gefährlich für eine Person, für eine Gesellschaft und für die Umwelt, weil es die Harmonie des Seins zerstört und mit seelischen und körperlichen Leiden, Krankheiten und Hilflosigkeit gegenüber den Folgen der Zerstörung der Umwelt endet. Ontologisch führt ein sittlich unwürdiges Leben nicht zur Zerstörung der von Gott gegebenen Würde, aber es trübt sie so weit ein, daß sie kaum wahrnehmbar ist. Gerade deshalb bedarf es einer starken Willensanstrengung, um die natürliche Würde eines Schwerverbrechers oder eines Tyrannen zu sehen und erst recht, um sie anzuerkennen. (https://www.kas.de/c/document_library/get_file?uuid=5633845a-d204-d782-ad23-56ddf784c6b9&groupId=252038)

Bei allem Kampf gegen „das Fleisch und den Egoismus“, der natürlich auch die Ostkirche prägt, bleibt doch zumindest die Würde des Menschen erhalten. Ich habe das zitiert, weil man hieran sehen kann, wie aus der „Lehre Christi“ sich die frühe Kirchenlehre entwickelte und aus diesem bereits lebensfeindlichen, pestilenten Kern der gnostische Nihilismus des Westens – der schließlich im Tod Gottes mündete.

Paulus und Hegel gegen LSR

16. Oktober 2023

1.

In seinem ersten Brief an die Korinther (1 Kor 6,15-20) hat Apostel Paulus das exakte Gegenteil dessen formuliert, wofür die Namen Reich, LaMettrie und Stirner stehen:

„15. Wißt ihr nicht, daß eure Leiber Glieder Christi sind?“

Dein Leib ist gar nicht dein Leib, sondern er gehört der Gemeinschaft (die in Gestalt des Über-Ichs in dir wohnt), ist ein Organ ihrer Moral!

„15. Soll ich denn die Glieder Christi nehmen und zu Gliedern einer Hure machen? Auf keinen Fall!“

Nach biblischer Lehre macht der Geschlechtsverkehr aus zwei Personen auf mystische Weise eine Person. („16. Oder wißt ihr nicht, daß, wer der Hure anhängt, ein Leib [mit ihr] ist? ‚Denn es werden‘, heißt es, ‚die zwei ein Fleisch sein.‘ 17. Wer aber dem Herrn anhängt, ist ein Geist [mit ihm].“) Auf diese Weise trage ich die Unmoral (Hurerei) in meine Gemeinschaft, wenn ich mich mit „Huren“ einlasse. Ich entfremde mich der Gemeinschaft.

„18. Flieht die Unzucht! Jede Sünde, die ein Mensch begehen mag, ist außerhalb des Leibes; wer aber Unzucht treibt, sündigt gegen den eigenen Leib.“

Das markiert die Sonderstellung der sexuellen Sünde, die deshalb schlimmer ist als selbst Mord! Das erklärt den gesamten Katholizismus und seine Lebensfeindlichkeit.

„19. Oder wißt ihr nicht, daß euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes in euch ist, den ihr von Gott habt, und daß ihr nicht euch selbst gehört?“

Selbst dein Leib ist nicht dein Eigentum! Was für ein sadomasochistischer Alptraum, der durch den anschließenden Vers noch verschärft wird:

„20. Denn ihr seid um einen Preis erkauft worden. Verherrlicht nun Gott mit eurem Leib!“

Der Preis war der Foltertod Christi. Wir sollen uns schuldig fühlen und gegen unsere „teuflischen“ Triebe ankämpfen, um uns dieses Opfers als würdig zu erweisen.

2.

Hegel wollte zeigen, daß die objektive Welt nur die Entäußerung des Geistes (des Geistes „an sich“) ist und es gilt diese Entäußerung/Entfremdung zu überwinden, indem der Staat, sozusagen als wahrer „Corpus Christi“, alle individuelle subjektive Willkür beseitigt und die „objektive“ Vernunft herrscht. Das entspricht dem Traum von Klaus Schwab bzw. des WEF: Die KI wird alles regulieren, du wirst nichts besitzen und glücklich sein. Marx hat genau diese Weltanschauung vertreten (mit der Akzentverschiebung, daß sich der Mensch durch seine materielle Arbeit selbst erschaffen hat), während Stirner der diametrale Gegenentwurf ist.

West gegen Ost, Liberale gegen Konservative: Die Theologie des Ukraine-Krieges

9. September 2023

Das Grundcharakteristikum gepanzerten Denkens ist das Zerstückeln der funktionellen Einheit in unversöhnliche Gegensätze, die dann notdürftig in willkürlichen zusammengezimmerten Konstrukten wieder zusammengeführt werden. Nehmen wir die Bibel; das Buch, das die Geschichte der Menschheit beschreibt.

Am Anfang stehen zwei Bäume. Der eine Baum schenkt das ewige Leben, d.h. man ist eins mit allem. Der zweite ist der „Baum der Erkenntnis“, d.h. diese Eintracht wird analytisch auseinandergenommen, das angeblich Gute vom angeblich Schlechten geschieden – die Einheit zerfällt und mit der Zwietracht zieht der Tod in die Welt ein.

Der kleine Finger meiner rechten Hand lebt verhältnismäßig „ewig“. Schlag ich ihn aber mit einem Hackebeil ab, löse ich ihn aus der Einheit des Körpers, wird er schnell verrotten. Entsprechend hatten sich Adam und Eva von Gott gelöst, als sie sich seinem Gebot widersetzten und vom Erkenntnisbaum aßen. Die Frucht ihrer Sünde war der Tod.

Gott kehrte in Gestalt Christi zu seinen Geschöpfen zurück, um die Nachkommen von Adam und Eva zu erlösen. Was und wie das geschah, läßt sich auf zweierlei Art und Weise beschreiben und erklären, d.h. gemäß dem Schisma des Christentums in West- und Ostkirche; einer Zwietracht, in der sich die Urtragödie der Menschheit wiederholt.

In der Westkirche mußte die Menschheit das Paradies verlassen, weil es sich Gottes „Einheitsgebot“ (d.h. nicht von der entzweienden Frucht zu essen) widersetzte. Diese Ursünde, die Urrebellion, war erblich und konnte nur aufgehoben werden, indem das unschuldig geborene himmlische „Christkind“ auf die Erde kommt und am Kreuz stellvertretend die Sühne für all die schuldbeladen geborenen Erdenkinder übernimmt und durch seinen Martertod ungeschehen macht. Du bist erlöst, wenn du dich zu Christus bekennst und auf diese Weise mit ihm eins wirst und dergestalt an der Sündenvergebung teilhast.

In der Ostkirche hingegen erbten die Kinder von Adam und Eva nicht etwa deren Sünde, litten also nicht an der „Erbsünde“, sondern sie erbten so etwas wie einen „Gendefekt“: daß man sterben muß, den Tod. Der Herrscher des Garten Edens erschien schließlich erneut auf Erden, um an den „Baum des Lebens“ geschlagen zu werden. Wer in der Eucharistie von der Frucht dieses Baumes ißt (dem Fleisch und Blut Christi), wird vom besagt Defekt geheilt und dergestalt vom Tod befreit.

Im Osten ist also von Schuld und Sühne gar keine Rede, was dabei aber verlorengeht. ist das „Christkind“. Es ist schlichtweg undenkbar, daß in der orthodoxen Ikonographie Christus als schwaches, ahnungsloses, hilfsbedürftiges Menschenbaby dargestellt wird, so wie es der Westen tut, um Christi alles entscheidende Unschuld möglichst sinnfällig zu unterstreichen. Allein schon damit entfällt in der orthodoxen Welt die Möglichkeit ein Buch wie Reichs Christusmord zu formulieren!

Andererseits zeichnet die römisch-katholische und protestantische Interpretation der Bibel ein derartig kleinkariertes, legalistisches und rachsüchtiges Gottesbild, daß in ihr Atheismus und Nihilismus von vornherein angelegt sind.

Nur so wurde überhaupt die Aufklärung möglich, aber unter welchem Preis! Der Preis war die Fixierung des westlichen Geistes auf die Frage der Schuld und auf das Schuldgefühl. Wirklich alles dreht sich um das Schuldgefühl, d.h. die in der Muskulatur blockierte Aggression (die besagte Rebellion gegen Gottvater)!

Für den konservativen westlichen Christen wurde das immerhin durch den immer wieder beschworenen Opfertod Christi gemildert. Das Schuldgefühl wurde weitgehend erledigt und der Konservative konnte sich deshalb mit anderem beschäftigen und einigermaßen rational handeln.

Beim vermeintlich „aufgeklärten“ nur oberflächlich vom Christentum emanzipierten Liberalen hingegen löste sich wegen seiner strukturellen Unfähigkeit zum „Glauben“ (Vertrauen aufgrund von Kernkontakt) dieser Knoten keinesfalls und bestimmte ungebrochen sein Leben. Das erklärt die dauernden Versuche des Liberalen mit immer neuen gutmenschlichen Aktionen, Sozialprogrammen, Masseneinwanderung, Unterwerfungsgesten und immer neuen Schuldbekenntnissen, irgendwie mit der nagenden Schuld umzugehen. Imgrunde beschäftigt ihn nichts anderes! Es ist ein Irrsinn jenseits jeder Psychose!

Das erklärt auch den instinktiven Haß des Liberalen auf das „durch und durch gewissenlose“ orthodoxe Rußland, der anfänglich sogar den Marxismus beseelte und seit 1989 erneut beseelt. Entsprechend ist auch die fanatische Kriegsbegeisterung AUSGERECHNET des Liberalen angesichts des Ukrainekriegs erklärlich. Umgekehrt steht der Osten dem Emanzipatorischem, dem Individuum und der individuellen Verantwortung beim Westmenschen unverständig gegenüber.

In gewisser Weise sehen wir, West und Ost, im jeweils anderen förmlich den leibhaftigen Teufel. Das ist so, weil der gepanzerte Mensch weder das Proto-Evangelium (die Geschichte vom Garten Eden) noch das Evangelium (die Geschichte vom Christusmord) verstehen kann. Er sieht nur immer Bruchstücke, die er jeweils zu einseitigen bizarren Kollagen zusammenfügt. Die wahre Geschichte des Christentums wurde erst 1953 erzählt.

Das Reich des Teufels (Teil 9): Christusmord und kosmische Überlagerung

23. August 2023

Es ist eine metaphysische Auseinandersetzung!

Das klingt mystisch und ist tatsächlich eine denkbar schlechte Wortwahl, aber passendere Begriffe wie „bioenergetisch“ oder „bio-sozial“ leiten potentiell sogar noch weiter von dem Weg ab, den es hier gedanklich nachzuvollziehen gilt.

Um was geht es? Um Gott! Und wieder gibt es wahrhaftig bessere Begriffe…

Der Mensch ist so geschaffen, daß er das Ebenbild Gottes ist. In Christus ist sogar Gott selbst Mensch geworden. Ich spreche hier nicht als Christ, der ich dezidiert nicht bin, sondern im Sinne von Reichs Christusmord: mit jedem einzelnen Baby kommt Gott selbst auf die Welt!

Das Baby, gar der ungeborene Mensch, ist Gott näher als sonst etwas auf dieser Welt. Von daher der unerklärliche Haß: die unerklärliche Begeisterung für Abtreibungen, das augenzwinkernde Spiel mit Pädophilie, Drag Queen-Shows und „Satanismus“ (der Kult um Moloch). Ich erinnere nur an den verdrängten Pizza Gate-Skandal und die entsprechenden Clinton-Emails.

Es geht gar nicht direkt um die Kinder als solche oder gar, wie manche ideologisch verbohrte „Reichianer“ glauben, bei der Abtreibung um „Sexualökonomie“, sondern es geht um den, ja, metaphysischen Haß gegen Gott. Deshalb, und aus keinem anderen Grund, beschneiden, verstümmeln, vergewaltigen, foltern, erniedrigen, beschmutzen, zerstören, verstümmeln, brechen und ermorden sie Kinder.

Das ist letztendlich der greifbare Kern des Christusmordes, und die Wiederauferstehung ist, nach Reich, daß immer wieder gottgleiche Kinder geboren werden, die „Kinder der Zukunft“. Es sei auch daran erinnert, daß im zweiten Kapitel des Matthäusevangeliums der „Kindermord von Bethlehem“ beschrieben wird, dem das Christusbaby nur knapp entgangen ist.

Das sind die zwei Lager: entweder liebst du Kinder; Kinder, aus deren Augen dich Gott selbst anblickt; oder du haßt sie, weil du dich in permanenter Rebellion gegen Gott befindest und nur Haß und Rachegelüste gegen ihn empfindest.

Woher kommt dieser Haß? In Die kosmische Überlagerung spekuliert Reich darüber, daß das Bewußtsein letztendlich auf die Abspaltung eines winzigen Teils des kosmischen Orgonenergie-Ozeans zurückgeht, der durch eine pulsierende, orgonomförmige („bohnenförmige“) Membran vom besagten Ozean abgetrennt ist. Das Bewußtsein dieser Trennung, die gleichzeitig erst Leben konstituiert und Bewußtsein möglich macht, führt zu Angst (Orgasmusangst), gegen die sich das Orgonom abpanzert. Auf diese Weise ist die Angst, so können wir schließen, die Quelle der Rebellion gegen Gott. Kleinkinder, Babys, insbesondere aber Embryos werden das unmittelbare Ziel dieses rachedürstigen Hasses, weil sie durchlässig (ungepanzert) sind und augenfällig die Orgonomform verkörpern. Die Emotionelle Pest weiß von all dem natürlich nichts, funktioniert aber auf dieser, wenn man so will, „primärprozeßhaften“ Ebene.

Das Reich des Teufels (Teil 8): Theodizee

22. August 2023

Warum läßt Gott all diese Teufelei zu? Du bist weniger als eine Mikrobe in der Darmschleimhaut des Universums, stellst aber solche Fragen? Stellen wir eine angemessene Frage, nämlich die schwierigste, die man einem Christen stellen kann: Wenn Christus Teil des Dreieinigen Gottes ist, wie konnte er dann Judas zu einem vollwertigen Apostel machen und mit allen damit zusammenhängenden Vollmachten (von Dämonen austreiben bis Tote wiederbeleben) ausstatten? Er wußte doch, was passieren würde!

Nun, der Teufel hatte Jesus explizit in Versuchung geführt, doch dessen Allmacht auszuleben, was Raum und Materie betrifft, d.h. den Superhelden zu machen. Jesus hat dem Versucher widerstanden und ist Mensch geblieben. Genauso hat er darauf verzichtet in die Zukunft zu blicken, denn ohne diesen Verzicht, macht die ganze Heilgeschichte null Sinn. Daß die göttliche Natur doch ab und an durchbricht, etwa in der Speisung der 5000 oder in seinen Prophetien über seine eigene Wiederauferstehung und den Untergang Jerusalems (letztendlich auch während des Letzten Abendmahls über den Verrat durch Judas), tut dem keinen Abbruch, weil es entweder um Symbolik oder um etwas geht, was auch die Propheten vor ihm vollbracht haben.

Die wahre „Teufelei“ ist das ständige Festbeißen und krittelige Grübeln über derartige „Widersprüche“ und Sinnfragen. Man schaue in die Augen vor allem linker Kritiker Reichs – das Aufblitzen ihrer zynischen Boshaftigkeit. Statt sich dem Geschehen, letztendlich der orgonotischen Strömung ganz hinzugeben, wie Jesus es vorgelebt hat, wird alles „hinterfragt“ und zerredet. Es ist Panzerung, speziell okulare Panzerung, – es ist das eigentliche Reich des Teufels, der metaphysische Haß auf Gott! In diesem Zusammenhang verweise ich zurück auf den Ausgang dieser Serie von Blogeinträgen: Der Christusmord aus christlicher Sicht. Zu diesem Thema auch der morgige abschließende Blogeintrag.

Der Christusmord aus christlicher Sicht

10. August 2023

Ein offenbar blutdurstiger und gleichzeitig gerechtigkeitsfanatischer Gott läßt seinen einzigen Sohn ermorden, um ein über die Generationen übermittelte „Erbschuld“ zu tilgen, für die er selbst verantwortlich war und auf deren Tilgung er hätte verzichten können. Nach Reich verbirgt sich hinter dieser absurden, alptraumhaften Geschichte der Haß auf das Lebendige allgemein und auf das Neugeborene („das eigene Kind“) insbesondere.

Interessanterweise war Reichs dezidiert jüdischer Lehrer Freud von einem geradezu gegenteiligen Mythos beseelt: die „Urhorde“ wird vom „Urvater“ tyrannisiert, bis sich dessen Söhne zusammenrotten und ihn erschlagen. Der Christusmythos würde, so Freud, seine befreiende Kraft dadurch gewinnen, daß am „Gottessohn“ die Sühne für den „Urvatermord“ vollstreckt wird. Aber noch heute seien es geborene Mörder, die Vaterfiguren wie Freud ständig bedrohen, – wie Reich es tat.

Um zu begreifen, was sich tatsächlich hinter dem Christusmord verbirgt, müssen wir zu Abraham zurück, der seinen Sohn Isaak zu opfern bereit war, weil Gott dies zur Schuldtilgung von ihm verlangte. Doch stattdessen befielt in letzter Sekunde ein mit allen Vollmachten ausgestatteter Engel Gottes (tatsächlich der präinkarnierte Christus) Abraham, als Ersatz für das Sohnesopfer ein Lamm zu nehmen, das an Stelle von Isaak geschlachtet wird. Und schließlich, im Neuen Testament, opfert sich der nunmehr inkarnierte Christus selbst in Gestalt „des Lammes“ (die zweite Person Gottes). Statt einen Sohn von den Menschen zu fordern, gibt Gott den Menschen seinen eigenen einzigen Sohn. Die Botschaft ist also: hört damit auf eure Kinder zu morden, um mir, dem Gottvater, zu dienen.

Dazu passen die vorangegangenen Reden Jesu, die sich durchgehend darum drehen, daß Gott alles tut, ins dreckigste Schlammloch oder den dichtesten Dornenbusch kriecht, um auch noch das letzte „verlorene Schaf“ zu retten. Es ist Gott, der mit seiner Liebe die Menschen verfolgt. Er will keine Opfer, sondern ganz im Gegenteil opfert er sich selbst. Man muß nichts tun, außer sich als sein Schaf zu erkennen geben („man muß an ihn glauben“), dann schenkt er, der gute Hirte, einem die durch nichts sonst verdiente Rettung.

Uns heutigen sagt das rein gar nichts. Schafe? Schuld? Buße? Opfern? Rettung? Gott? Doch bis vor zweitausend Jahren und noch heute in der gesamten nichtchristlichen Welt, reichen Menschen durch buchstäbliche Opfergaben oder durch die Befolgung religiöser Vorschriften Gott etwas dar, damit er sich ihrer erbarmt. Sie dienen sich Gott an, verfolgen ihn sehnsuchtsvoll, buhlen um seine Liebe. Die mörderischen Kinder flehen den Vater an, ihnen doch zu verzeihen! Deshalb kann die christliche Lehre vom bedingungslos liebenden Gott für einen Israeli, einen Iraner, einen Koreaner, einen Ureinwohner Neuguineas etc. etwas ungemein Befreiendes sein und etwas zutiefst Überzeugendes haben, eine revolutionäre Offenbarung, – während wir in der Wolle gefärbten christlichen Europäer nur desinteressiert mit den Schultern zucken.

Ihnen – die alle ihren Göttern bis heute Lämmer oder irgendwelche anderen Tiere opfern! – sagt der christliche Glaube geradezu das Gegenteil dessen, was er uns „Post-Christen“ sagt. Wir sehen in Christus den sinnlos geopferten Isaak, während sie ganz im Gegenteil die Botschaft aufnehmen: „Höre auf Isaak zu opfern!“ Gott will Isaak nicht, auch kein Surrogat, sondern ganz im Gegenteil gibt er seinen eigenen Sohn. Gott will nicht, daß du ihn mit deiner Liebe beschwichtigst, sondern ganz im Gegenteil, daß du seine Liebe akzeptierst, – daß du glaubst, vertrauen hast, dich hingibst, UNGEPANZERT bist.

Man verstehe mich nicht falsch: Ich bin dezidiert kein Christ! Ich glaube aber (Reich hat das angedeutet), daß keine andere Religion so „orgonomisch“ ist, wie das Christentum. Außerdem glaube ich, daß das Christentum das Römische Reich und damit die menschliche Zivilisation schlechthin gerettet hat. Ohne Christentum gäbe es keine Wissenschaft, es gäbe schlichtweg keine Welt, sondern nur irgendwelche von einander isolierten Reiche die ohne gemeinsame Geschichte kommen und gehen! Die Orgonomie wird diese Welt vor dem Untergang in die Barbarei retten, ähnlich wie es das Christentum in Bezug auf das Römische Reich getan hat. Der Anfang ist genauso mickrig und Mitleid erregend wie damals.

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 67)

28. Mai 2023

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Alle blicken auf den vollkommen perplexen Reich, behandeln ihn als Sonderling, manövrieren ihn in eine Außenseiterposition, indem sie ihm vorwerfen er würde sich in eine Außenseiterposition hineinmanövrieren – und als Fazit wird dann kurioserweise IHM vorgeworfen, ER habe sich in was „hineinmanövriert“. Dies und das folgende kann man mit Variationen auch über LaMettrie am Hofe von Friedrich dem Großen und über Stirner im Umfeld der Junghegelianer sagen!

Die Frage ist doch ganz einfach: war Reich (LaMettrie, Stirner) beknackt oder alle anderen? Normalerweise liegt die Antwort auf der Hand. Das Alltagsgeschäft der Psychiater. Aber ab und an kommen auch, wie es Baker in einem Fallbeispiel beschreibt (Der Mensch in der Falle), vollkommen Gesunde zum Psychiater, weil sie sich in der Gesellschaft wie Sonderlinge vorkommen und so behandelt werden – dann ist es Aufgabe des Psychiaters ihnen klarzumachen, daß tatsächlich sie im Recht sind und praktisch 100 % ihrer Mitmenschen durchgeknallt sind. (Es wäre doch eine Ungeheuerlichkeit gewesen, hätte Baker der betreffenden Frau gesagt: „Sie sollten sich mal überlegen, ob sie nicht auch selbst teilweise Schuld für Ihre Probleme im Leben tragen!“)

Reich war so ein Fall. Daß er auch Fehler strategischer und taktischer Natur gemacht hat (wie sollte es anders sein?), fällt dabei nicht ins Gewicht. Schließlich konnte er nichts dafür, daß die Welt ein einziges großes Irrenhaus ist.

Alle Ansichten von Bakers gesunder Patientin stimmten vollkommen mit dem überein, was etwa in Die sexuelle Revolution stand. Es ist einfach „gesunder Menschenverstand“ (d.h. wirklich gesunder). Dazu gehört auch, daß die meisten dieser gesunden Menschen, inkl. Reich, ein ziemlich naives Verhältnis zur Geschichte haben. Sie sehen nur den guten Kern und glauben, was man ihnen erzählt. Entsprechend finden sie, inkl. Reich, die folgenden Leute gut: Jesus, Marx, Lenin, Lincoln, Gandhi, Luther, Nietzsche, Madame Curie, Einstein, Freud, Beethoven, Darwin, Kolumbus, Edison, etc. – durchweg Denker und historische Persönlichkeiten, die nichts mit LSR zu tun haben, bzw. teilweise geradezu LSR-Antipoden sind.

Bei Reich wechseln einige wenige, aber alles entscheidende Stellen unglaublicher Einsichten, die sonst keiner hatte (außer L und S), ab mit langen Passagen, die nicht etwa schlecht oder daneben sind, sondern einfach nur naiv. So naiv, wie jeder gesunde Mensch von Natur aus Pazifist ist (auch wenn dadurch die organisierte Emotionelle Pest triumphiert), den Dalai Lama gut findet, weil er so schön lächelt (obwohl er tatsächlich eine diabolische Figur ist) oder gegen den Klimawandel ist (obwohl er damit Milliarden Menschen auf eine Hungerkatastrophe zusteuern läßt).

Verkomplizierend kommt hinzu, daß Reich in seinen späteren Jahren teilweise nicht mehr so naiv war, sondern „konservativ“ wurde – was auch nichts mit LSR zu tun hat.

Bernd Laska begründet Reichs Verhalten damit, daß Reich im „brennenden Haus“ nicht zu Atem kam. Ich glaube das nicht. Reich war „einfach nur“ naiv.

Andererseits möchte ich mich auch dagegen verwahren, die Welt als „Narrenhaus“ zu sehen. Natürlich leben wir nicht im Narrenhaus! Wenn jemand seine Arbeit macht und die Stadt wie auf wundersame Weise perfekt funktioniert (Arbeitsdemokratie), wenn Kinder spielen, die Jugend Lebensfreude ausströmt und die Alten immer mehr ihre innere Schönheit nach außen tragen, wenn die Vögel zwitschern und die Bäume rauschen – dann sind wir nicht im Irrenhaus. Im Irrenhaus sind wir, wenn das einfache scheinbar unendlich kompliziert wird. Wenn wir vor dem „Reformstau“ stehen und „die Lage noch nie so ernst war wie heute“. Das höre ich, seit ich höre, also etwa seit 1971!

In diesem Sinne war Reichs Naivität Ausdruck seiner Gesundheit: Es gibt keine Probleme, alles ist lösbar!

Zum Themenkomplex von Reichs Naivität gehört auch, daß es schlichtweg falsch ist, daß der frühe Reich sich klar ausgedrückt hat und alles tat, um verstanden zu werden und daß der späte Reich kryptisch wurde. Abgesehen von ein paar wenigen technischen Artikeln, die eh nicht für die Verbreitung bestimmt waren, sondern „for the record“, wurden Reichs Schriften immer zugänglicher. Die frühen psychoanalytischen Aufsätze sind in einem gewundenen und mit der psychoanalytischen Geheimsprache durchsetzen Stil geschrieben, dem man nur mit großer Konzentration folgen kann. Danach hat Reich auf eine geradezu einschläfernde Weise allgemeinverständlich geschrieben. Und das mit der „orgonomischen Geheimsprache“ ist ein Mythos. Später hat er sogar weitgehend auf „Orgon“ verzichtet und lieber von „kosmischer Lebensenergie“ gesprochen. „Melanor“, etc. findet sich nur in den erwähnten paar Artikeln – und selbst die sind sofort verständlich, wenn man denn guten Willens ist. „Geheimsprachlich“ drücken sich vielmehr Reichs Gegner aus: Wissenschaftler (etwa Psychologen), die ständig mit neuen Wortschöpfungen aufwarten und „Denker“, die sich a la Adorno daran berauschen, daß kein Mensch ihnen folgen kann.

Es waren vor allem Ollendorff und Neill, die Reich vorgeworfen haben, er würde es seinen Lesern viel zu schwer machen. Das hat Reich ernst genommen und tatsächlich noch einfacher geschrieben (etwa in Äther, Gott und Teufel). In seiner Naivität erkannte Reich nicht, daß es nicht etwa an der (nicht vorhandenen) Kompliziertheit seiner Ausdrucksweise lag, – sondern an der inneren Abwehr von Ollendorff und Neill.

Hierher gehört auch, daß Reich nur „immanente Kritik“ zuließ, – denn selbst ihm wurde die innere Abwehr seiner Mitmenschen manchmal zu viel. Wer nicht zuhören, wer nicht lesen kann (und die meisten Menschen, können nicht lesen – sie lesen, was sie lesen wollen, nicht was auf dem Papier steht), – hat kein Recht „kritische Fragen“ zu stellen! Das meinte Reich mit seiner Forderung nach „immanenter Kritik“.

Die Welt ist ein Irrenhaus, also ist es nur logisch, daß der Nicht-Beknackte Reich da zugrunde gehen mußte? Kein gesunder Mensch braucht in dieser Welt zugrundezugehen. Die meisten, praktisch alle, kommen sogar hervorragend zurecht. Wie etwa Neill verblüfft konstatierte, als ausgerechnet seine Schüler hervorragend im wohl neurotischten Teil der Gesellschaft zurechtkamen, der Armee. An ihr (und allgemein an der Gesellschaft) scheitern allenfalls die Allerkränkesten… Ich bin nicht stolz auf mein Scheitern als Soldat!

Auch Reich ist hervorragend in der Welt zurecht gekommen: im Krieg, als Emigrant.

Er ist nicht an seiner Gesundheit gescheitert, sondern wegen dieses „Plus“, von dem ich oben sprach: das „LSRische“. Kurz: er hatte eine Mission. Das hat die Emotionelle Pest aktiviert. Deshalb auch seine Faszination für die Christus-Figur.