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Das Schicksal der Orgonomie (Teil 2): Die Libidotheorie 1929 und heute

5. Februar 2016

1929 beschrieb Reich die damalige Lage der Psychoanalyse wie folgt:

Wenn man der Psychoanalyse in den Händen, besser den Köpfen von nicht wirklich analytisch Ausgebildeten begegnet, erkennt man in ihr das Werk Freuds nicht wieder; die Sache mit der Sexualität stimme ja, aber die Übertreibungen… und wo bleibt das Ethische im Menschen? Analyse sei ja sehr richtig, aber… Synthese sei nicht weniger notwendig. Und gar als Freud auf seiner Sexualtheorie die Ichpsychologie aufzubauen begann, da ging ein hörbares Aufatmen durch die wissenschaftliche Welt: endlich beginne Freud seine Absurditäten einzuschränken, endlich komme auch das „Höhere“ im Menschen zu Wort, und überhaupt die Moral… Und es dauerte nicht lange, bis man nur mehr von Ichidealen reden hörte und die Sexualität, wie die stereotype Ausrede lautet, „selbstverständlich vorausgesetzt“ wurde. Man sprach von einer neuen Ära der Analyse, von einer Renaissance… die Psychoanalyse wurde mit einem Worte gesellschaftsfähig.

Nicht weniger trostlos, nur noch widerlicher, sieht es im breiten Publikum aus. Unter dem Drucke der bürgerlichen SexuaImoral hat man sich der Psychoanalyse als einer die Lüsternheit befriedigenden Modeangelegenheit bemächtigt, man analysiert einander die Komplexe, spricht in den Salons beim Fünf-Uhr-Tee von den TraumsymboIen, streitet ohne die geringste Sachkenntnis und nur weil es sich um Sexualität handelt, für und wider die Analyse, der eine ist begeistert von der großartigen „Hypothese“, der andere, kein geringerer Ignorant, ist überzeugt, daß Freud ein Scharlatan ist und seine Theorie eine Seifenblase, und überhaupt diese „einseitige Überschätzung der Sexualität, als ob es nichts anderes, ‚Höheres‘ gäbe“, und dabei spricht der „Kritiker“ über nichts anderes als über die Sexualität. In Amerika bilden sich ganze Vereine und Diskussionsklubs für Psychoanalyse, die Konjunktur ist gut, sie muß ausgenützt werden, man lebt seine unbefriedigte Sexualität aus und verdient außerdem mit einer Mache, die sich Psychoanalyse zu nennen wagt, viel Geld. „Psychoanalyse“ ist ein gutes Geschäft geworden. So sieht es außerhalb der Psychoanalyse aus.

Und innerhalb? Eine Abfallbewegung nach der anderen, die Forscher halten dem Druck der Sexualverdrängung nicht stand. Jung stellt die ganze analytische Theorie auf den Kopf und macht daraus eine Religion, in der von Sexualität keine Rede mehr ist. Ebenso führt die Sexualverdrängung bei Adler zur These, die Sexualität sei nur eine Erscheinungsform des Willens zur Macht, damit zur Abkehr von der Psychoanalyse und zur Gründung einer ethischen Gemeinde. Rank, früher einer der begabtesten Schüler Freuds, gelangt dadurch, daß er den Libidobegriff ichpsychoIogisch verwässert, zu seiner Mutterleibs- und Geburtstraumatheorie und leugnet schließlich die wesentlichsten analytischen Erkenntnisse ab. Immer wieder wirkt sich die Sexualverdrängung gegen die Psychoanalyse aus. Auch sonst kann man im psychoanalytischen Kreise selbst die gesellschaftliche und ökonomische Gebundenheit in ihrer mildernden, abschwächenden, Kompromisse bildenden Arbeit sehen. Nach dem Erscheinen von Das Ich und das Es ist jahrelang von der Libido kaum die Rede, man versucht, die ganze Neurosenlehre auf die Ich-Termini umzumünzen, man verkündet, daß erst die Entdeckung des unbewußten Schuldgefühls die Großtat Freuds sei, man sei erst jetzt zum Eigentlichen und Wesentlichen vorgedrungen. (Dialektischer Materialismus und Psychoanalyse)

Wenn man das aufmerksam liest, fühlt man sich unwillkürlich in die Welt zwischen 1957 und 2016 versetzt:

Begegnet man dem Werk Reichs in der Version fast aller seiner Adepten, erkennt man es kaum wieder. Reichs zentraler Aussage von 1931, daß „die Neurose ein Produkt der Sexualverdrängung und der Stauung der sexuellen Energie (ist), ihre Heilung Aufhebung der Verdrängung und gesundes genitales Lebens (voraussetzt)“ (Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral, KiWi, S. 16), wird man nie begegnen. Stattdessen ein ermüdendes Blablabla über Pulsation, Blockaden und „Energie“. Statt von Sexualökonomie ist von „überweltlichen Wirkstrukturen“ und all dem verstaubten Krempel aus dem „New Age“ die Rede. Immer mehr tritt die Spiritualität, eben das „Höhere“, in den Mittelpunkt. Die Atmosphäre wurde „reiner“ und Versatzstücke von Reichs „körpertherapeutischer Arbeit“ akzeptabel für so gute wie alle. Man lese nur die schier unglaublichen Machwerke des verstorbenen Heiko Lassek! Beim breiten Publikum wird Reich nur noch mit „Orgonit“ und den Kinderfickern der Grünen in Zusammenhang gebracht. Wirklich jeder Schreiberling („Journalist“), der sich an das Thema heranwagt, kann sich von pornographischen Andeutungen und dem Suhlen im Psychotischen und Psychopathischen nicht wieder einkriegen. Wenn Reich verteidigt wird, dann als „Kämpfer gegen Rechts“, als Inspirator des besagten Grünen Abschaums und als „Rudolf Steiner“ für Arme. Ich habe an dieser Stelle keine Lust über so manchen vermeintlichen „Vertreter der Orgonomie“ herzuziehen. Wenn ich etwa daran denke, daß von manchen „Orgonomen“ ausgerechnet das Schwein Herbert Marcuse hervorgekramt wurde…

Hier ein Beispiel für die heutige Rezeption des Reichschen Werks:

Der Schriftsteller und Radiomann Matthew Sweet zeichnet für die Sendung The Life and Afterlife of Wilhelm Reich verantwortlich, die 2011 auf BBC Radio 3 lief. (Hier setzt sich der Dreck in einer Besprechung der Radiosendung fort.) Zentrum der Darstellung ist die „sexuelle Revolution“. Reichs Ideen hätten dazu beigetragen die 60er Jahre zu formen. Von der wirklich wichtigen Sache, den Kindern der Zukunft, ist an keiner Stelle in dem 45 minütigen Beitrag auch nur ansatzweise die Rede. Und das im Heimatland von A.S. Neill! Die Sendung sagt mehr über die heimlichen Obsessionen von Herrn Sweet aus als über Reich und seine Probleme!

Eingerahmt und zusammengehalten wird die Sendung von Sweets kurzem Besuch auf Reichs zugeschneiten Anwesen Orgonon. Hinzu kommen am Anfang und Ende der Sendung zwei Ausschnitte aus Reichs Tonaufnahme „Alone“, in der er darüber reflektiert, daß er keinen Gesprächs- und Ansprechpartner habe, der seine Arbeit auch nur annähernd verstehen würde. Die Sendung ist nach der Assoziationstechnik aufgebaut: „verschneites Orgonon → verschneites Galizien → ein kalter Hauch durchzog auch Reichs Kindheit → Selbstmord der Mutter“. Nach diesem Muster ist die gesamte Sendung gestaltet. In Maßen und als Notlösung ist das ja vertretbar, aber bei Sweet ist es das einzige Formelement! Genauso war 1987 Digne Meller Marcovicz‘ Film Wilhelm Reich – Viva, Little Man gestaltet. Ganz große Kunst!

Mary Higgins, seit einem halben Jahrhundert die Kuratorin des Wilhelm Reich Infant Trust, führt Sweet durch das Museum. Als nächstes wird der Orgontherapeut Harry Lewis interviewt, ein Schüler von Victor Sobey, der wiederum einer der medizinischen Orgonomen zu Reichs Lebzeiten war. Hier sind die beiden 1993 zu sehen:

Lewis berichtet über den Konflikt Freud-Reich und im Anschluß daran Higgins über Reichs Sexpol-Zeit in Berlin. Wie Sweet sich ausdrückt: „Er gab jungen verwirrten Berlinern radikale Ratschläge über Sex.“ Higgins‘ Beschreibung ist vollkommen korrekt, doch vorher hat Sweet vorgegeben, wie man das zu verstehen hat.

Reich habe, Sweet zufolge, nicht nur eine Marxistische, sondern auch eine sexuelle Revolution angestrebt. Als nächstes kommt – die Pest vollends zum Zuge: Christopher Turner. Turner ist Autor des 2007 erschienenen Buches Adventures in the Orgasmatron: How Renegade Europeans Conceived the American Sexual Revolution and Gave Birth to the Permissive Society.

In Sweets Sendung erklärt uns Turner Reichs Buch Die Massenpsychologie des Faschismus!

Hier eine Beschreibung von Turners pestilentem Machwerk:

Die faszinierende jedoch bisher unbekannte Geschichte über Wissenschaft, Sex und das Amerika der Nachkriegszeit.
Bereits lange vor den 1960er Jahren entwickelte sich die sexuelle Revolution in Amerika angeführt von verbannten europäischen Denkern, die das weite Land als reif für die Befreiung erachteten. (…) Turner erzählt die Geschichte der Revolution – eine erhellende, packende, oft bizarre Geschichte über Sex und Wissenschaft, Ekstase und Repression.
Im Zentrum der Schilderung steht die Orgon-Box – eine große, schlanke Konstruktion aus Holz, Metall und Stahlwolle. Ein Mensch, der in der Kiste saß, konnte, wie geglaubt wurde, sein „orgastisches Potential“ erhöhen – den Körper von repressiven Kräften befreien und seine sexuelle Potenz verbessern. Norman Mailer, Saul Bellow und William Burroughs saßen in der Orgon-Box und suchten nach einer Synthese von sexueller und politischer Befreiung.
Die Box war die Erfindung von Wilhelm Reich, einem Außenseiter der Psychoanalyse und abtrünnigen Anhänger Freuds, der seine Theorien über die sexuelle Energie während des Zweiten Weltkriegs nach Amerika brachte. Bei ihm handelt es sich um die archetypische Geschichte eines zielstrebigen Wissenschaftlers, der sich mit einer argwöhnischen Gesellschaft in Konflikt befindet: er war mit einem landesweiten Verbot seiner Orgon-Box konfrontiert, einer Untersuchung durch das FBI, einer aufreibenden Begegnung mit Einstein und Anfällen von Verfolgungswahn, die es ihm verunmöglichten sich selbst zu verteidigen.
Turners lebhafter Darstellung zufolge nahmen Reichs Bestrebungen jene von Alfred Kinsey, Herbert Marcuse und anderen prominenten Denkern vorweg – Bestrebungen, die eine Transformation der westlichen Einstellung zur Sexualität herbeiführten in einer Art und Weise, die diese Denker nicht einmal selbst sich hätten vorstellen können.

Exakt, wortwörtlich, die gleiche Scheiße, mit der es Mildred Brady Ende der 1940er Jahre gelang, die FDA auf Reich aufmerksam zu machen, was schließlich zu seiner Inhaftierung und vorzeitigem Tod führte. Die Emotionelle Pest bleibt sich treu!

Das ist auch ungefähr der Inhalt von Sweets Radiosendung. Norman Mailer, Saul Bellow und William Burroughs werden als Beispiele für Reichs Einfluß erwähnt. Lewis weist darauf hin, wie berühmt Reich doch war, als er in Amerika erschien: der Hörsaal der New School of Social Research in New York sei vollständig überfüllt gewesen. Morton Herskowitz beschreibt seine Begegnung mit Reich und die Orgontherapie. Turner beruft sich auf „Reichs Tochter“ (wohl Lore Reich), die ihm erklärt habe, daß Reich, der manische und depressive Episoden gehabt habe, doch ganz offensichtlich „manisch-depressiv“ gewesen sei. Higgins stellt auf unangenehm sektiererisch und „kultisch“ wirkende Weise Reichs Umgang mit der FDA und dem amerikanischen Gerichtssystem als Triumph dar: die Wissenschaft habe sich durchgesetzt. Die Qual endet mit einer Aussage der feministischen Theoretikerin Germaine Greer, die sehr stark von Reich beeinflußt wurde:

Leider habe sich gezeigt, daß die sexuelle Revolution nicht zu mehr Glück geführt habe, denn die Befreiung des Sex habe gezeigt, daß er wie alles andere auch sei, d.h. mit dem Wegfall der äußeren Repression hätte sich gezeigt, daß selbstregulierte Sexualität nicht zärtlich und liebevoll sei – diese Vorstellung sei angesichts der Realität offensichtlich verrückt gewesen. Außerdem habe man, anstelle das repressive Gesellschaftssystem politisch zu analysieren, sich, Reich folgend, quasi religiös nach innen gekehrt, um die Repression in seinem Inneren zu suchen. Dies habe eine ganze Generation (politisch) lethargisch gemacht.

Diese Leute können sich ihr gesamtes Leben mit Reich beschäftigen – und nichts, rein gar nichts, verstehen!

Was Lewis geradezu enthusiastischen Hinweis auf Reichs Aufnahme in New York betrifft: das hat einen Hintergrund, der in der Radiosendung (man möchte sagen: zum Glück) nicht durchklingt. Sobey war der einzige Orgontherapeut in Reichs Umgebung (obwohl alle, bis auf Baker und Silvert, linksliberal eingestellt waren), der sich selbst als eine Art „Marxist“ verstand. Bei ihrem letzten Treffen vor seiner Inhaftierung habe sich Reich ihm gegenüber ausdrücklich zu Marx bekannt. In der Folgezeit bildeten er und seine Schüler, insbesondere Lewis, so etwas wie das „Linksaußen“ der Orgonomie. Wenn Lewis sagt, Reich wäre in New York begeistert empfangen worden, bezieht sich das auf die Sozialisten. Was Leute wie Lewis geflissentlich nicht erwähnen, ist daß Reich genau zu diesem Zeitpunkt mit seinem Konzept „Arbeitsdemokratie“ sich ein für allemal von den Sozialisten distanziert hat. Ilse Ollendorff beschreibt das als Zeitzeugin in ihrer Reich-Biographie. Reich hätte es so einfach haben können, wenn er nur opportunistischer gewesen wäre!

Herskowitz beschreibt die Halsstarrigkeit als Beispiel für Reichs therapeutische Herangehensweise. Halsstarrige Menschen seien buchstäblich halsstarrig. Er würde das so angehen, daß er den Muskel drückt bis dieser schmerzt und die Patienten dabei auffordern, die Gefühle auszudrücken, die von der kontrahierten Muskulatur zurückgehalten werden. Gut, nur leider geht heute kein gutausgebildeter Orgontherapeut mehr so vor! Ich habe mich damit in Warum Orgontherapie nichts bringt beschäftigt. Das dort dargestellte Orgontherapie-Opfer war ein Patient aus dem Sobey-Umfeld.

Reich als „manisch-depressiv“ zu beschreiben, weil sich Phasen großer Verzweiflung mit denen überbordendem Enthusiasmus und Optimismus abwechselten, ist an Gemeinheit kaum zu überbieten. Hier ist nicht der Platz, um sich mit Reichs Charakter und persönlichen Problemen zu beschäftigen. Faszinierend ist, wie paßgenau Reich „diagnostiziert“ wird, um sich eine wirkliche Auseinandersetzung mit seinem Werk zu ersparen. Er wurde einfach verrückt und man braucht sich ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr mit seinen Forschungen beschäftigen. Oder er war manisch-depressiv, so daß man sich Dinge aus jenen Phasen herausgreifen kann, in denen er ernst zunehmen war. Wenn man „Alone“ hört: der arme Mann! Wenn man vom Schwung seiner Arbeit mitgetragen zu werden droht: der arme Mann!

Higgins scheint vom gleichen Kaliber wie die kleingeistigen Fanatiker, mit denen sich Reich in seinen letzten Jahren umgab. Man siehe dazu meine Ausführungen in Fragwürdigkeiten der Reich-Biographik. Man kann es so sehen oder so… Als Treue zu Reich – oder als ultimativem Verrat an dem Mann. Geradezu… „tragikomisch“ ist das falsche Wort – ist es, wenn Higgins sagt:

Und, wie Sie wissen, wenn es eine Sache gibt, denke ich, die seit Reichs Tod sich als richtig erwiesen hat – obwohl sicherlich wenig, wenn überhaupt, sehr wenig wissenschaftliche Arbeit geleistet wurde und so weiter und so weiter – aber ich glaube der Trust hat die Richtigkeit von Reichs anfänglicher Haltung bewiesen.

Mein Gott, wenn der Trust etwas bewiesen hat, dann, daß es ohne Reich keine orgonomische Forschung mehr gab!

Auf den Einwand, der Einsatz sei hoch gewesen (Reichs Leben!), antwortet Higgins, daß es um Reichs Arbeit ging und daß er niemandem erlaubte, sich ihr in den Weg zu stellen.

Er hätte geradezu getötet, um sie zu schützen. Und tatsächlich hat er hier ein Gewehr bei sich getragen und wollte nicht mit den FDA-Agenten sprechen.

Nachfrage nach Nachrichtenbrief?

31. Dezember 2015

Das Konzept des Nachrichtenbriefs beruht auf einem bioenergetischen Rechenfehler. Deshalb kann der Nachrichtenbrief nie und nimmer einen „meßbaren“ positiven Effekt haben. (Zum „nie und nimmer“ gleich mehr!) Der Nachrichtenbrief war als Angebot geplant bzw. schälte sich dies sehr schnell als seine Rechtfertigung heraus, nachdem er aus einer Laune heraus ins Netz gestellt worden war: ein Angebot, dem langsam aber sicher eine immer weiter ansteigende Nachfrage zuwachsen sollte.

Dieses Ansinnen ist nicht nur vollständig gescheitert, sondern ohnehin von Grund auf falsch, denn rationale, lebenspositive Produkte sind stets eine Funktion der Nachfrage. Nehmen wir als Beispiel illegale Drogen. Hier erzeugt das Angebot die Nachfrage. Je mehr Drogen, desto höher die Nachfrage, auch wenn die Gegner der Prohibition das Gegenteil behaupten. Das Gegenbeispiel sind lebenswichtige Medikamente (sozusagen „legale Drogen“): erst ist die drängende Nachfrage da, der über kurz oder lang ein entsprechendes Angebot entgegenwächst. Oder wie Reich sich bei der Definition der Arbeitsdemokratie ausdrückt: „Da alle Arbeitsprozesse voneinander abhängen und miteinander organisch verflochten sind; da ferner die Konsumption [die Nachfrage] die Produktion [das Angebot] bestimmt, ist eine natürlich gewachsene und organisch funktionierende Organisation in der gesellschaftlichen Basis gegeben“ (Die Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 279).

Es besteht schlicht und ergreifend keinerlei Nachfrage nach Wilhelm Reich und der Orgonomie. Oder mit anderen Worten: es fehlen dem Nachrichtenbrief sämtliche arbeitsdemokratischen Grundlagen. Jeder kann sich selbst bei Suchmaschinen ein Bild davon machen, daß das einzige, was „in Sachen Wilhelm Reich“ zumindest marginal nachgefragt wird, neurotischer oder gar pestilenter (destruktiver) Unsinn ist wie „Orgonit“ oder irgendwelche zusammengemurksten „Körpertherapien“.

Was tun? Die Frage sollte sein, ob es irgendeinen Aspekt der Orgonomie gibt, der einer bisher unerfüllten Nachfrage entspricht bzw. einer Nachfrage, die sich in Zukunft abzeichnet!

Blickt man zurück auf Reichs Karriere in Wien, Berlin, Kopenhagen, Oslo und New York gab es eine Zeit, in der Reichs „Botschaft“ begierig aufgesogen wurde, so daß die Emotionelle Pest alle Kräfte aufbringen mußte, um das Lebendige unter Kontrolle zu halten. Nach Reichs Tod, d.h. seit Anfang der 1960er Jahre ist diese Nachfrage nach und nach weggebrochen und heute bei Null angelangt.

Was geschehen ist? Es kam zu einem der größten Umbrüche in der Menschheitsgeschichte: die Umwandlung von der autoritären zur antiautoritären Gesellschaft. Mit einigem Schrecken und großem Widerwillen hat Reich noch die Beatniks und den Rock’n Roll miterlebt, die den Ausbruch der Hölle angekündigt hatten. „Reichs Themen“ sind mittlerweile vollkommen uninteressant geworden: aus der Sexualnot wurde – „Sex“, ein Konsumgut wie jedes andere auch; aus der Befreiung des Kindes wurden – Fans von Miley Cyrus; aus der Orgonenergie wurde – der Dalai Lama. Es ist vollkommen abwegig in einer derartigen gesellschaftlichen Atmosphäre den Leuten mit „Wilhelm Reich“ auf die Pelle rücken zu wollen.

Das ist aber auch gleichzeitig eine ungeheure Chance für die Orgonomie, denn das antiautoritäre System steht unmittelbar vor dem Kollaps und – die Letzten werden die Ersten sein! Das ist auch der tiefere Grund für meine kompromißlose Ablehnung des „Reichianismus“. Ich kann mir kaum etwas Destruktiveres für die Orgonomie vorstellen, als sich dieser untergehenden Gesellschaft anzupassen. Das „Reichianische“ Gesindel, das ich in diesem Blog bis zum Erbrechen behandelt habe, erinnert mich fatal an die Psychoanalytiker Anfang der 1930er Jahre, die sich allen Ernstes an das nationalsozialistische Regime anpassen wollten. Was für ein Gesindel!

widerstand

Charles Konia und die Politik

6. September 2012

Manchen ist der Blog von Charles Konia, gegenwärtige der führende Denker in der Orgonomie, „zu politisch“, wenn nicht sogar „zu parteipolitisch“. Konia hätte die Politik zurück in die Orgonomie getragen, aus der Reich sie verband habe. Manchen seien seine entsprechenden Beiträge eine derartige Provokation, daß sie aufgegeben hätten sie zu lesen, um nicht vor Wut zu platzen.

Ich könnte anführen, daß Reich in den 1950er Jahren intern noch weit intensiver für Eisenhowers Wahl gefochten hat, als nun Konia auf seinem privaten Blog für die Romneys. Oder ich könnte mich wiederholen: daß heute, in der antiautoritären Gesellschaft, zentrale Bereiche des Lebens politisiert seien und die vermeintliche „Politik“ Konias nur verzweifelte Gegenwehr ist. Stattdessen möchte ich die Sache an dieser Stelle von einer etwas anderen Warte aus betrachten:

In der Orgonomie sind drei Themen unangebracht:

  1. Sex,
  2. Religion und
  3. Politik.

Es ist schlichtweg undenkbar innerhalb der Orgonomie so über Sex zu reden, wie es allgemein üblich ist, nämlich auf pornographische Weise. Reich hat das in seiner Umgebung keine Sekunde toleriert. Elsworth F. Baker hat geschrieben, die Orgonomie sei eine sehr puritanische Angelegenheit – und das ist zweifellos wahr. Warum das so ist, hat Reich in seiner Rede an den Kleinen Mann beschrieben. Kaum wird es „etwas lockerer“, zieht der Kleine Mann alles gnadenlos auf sein Niveau herab und es wird unmöglich von der Funktion des Orgasmus oder der kosmischen Überlagerung zu sprechen.

Aus ähnlichen Gründen ist die Religion tabu, ansonsten würde die Orgonomie nämlich in einer Schlammflut aus Sentimentalität, Bekenntniswut und „Spiritualität“ ersticken.

Von der prinzipiell irrationalen Politik brauchen wir erst gar nicht anfangen! Work, not Politics!

Andererseits jedoch handelt die Orgonomie von kaum etwas anderem als diesen drei Themen! Reich hat zig Bücher über Sex, Religion und Politik geschrieben! Der Unterschied ist nur, daß er jeweils die bioenergetischen Hintergründe angibt, also die orgastische Potenz und die orgastische Impotenz beschreibt, den bioenergetischen Unterschied von Mechanismus und Mystizismus, die unterschiedlichen Panzerstrukturen, etc. Es geht also gar nicht um die „Tabuthemen“ an und für sich, sondern darum, wie man sie behandelt, d.h. auf welcher Ebene mit ihnen umgeht.

Wenn Konia sich in seinem Blog mit dem gegenwärtigen Wahlkampf in den USA beschäftigt, dann ausschließlich von der Warte eines medizinischen und sozialen Orgonomen aus. Es geht nicht um Politik per se, sondern um die Panzerstruktur der Massen.

Trotzdem werden nachwievor manche Konias Schlußfolgerungen als parteipolitisch kontaminiert betrachten. Genauso sehen andere Reichs Analyse als einseitig christlich geprägt und seine Haltung zur Sexualität als zu puritanisch. Oder mit anderen Worten: manchen paßt die ganze Richtung nicht!

Nach meinem Dafürhalten haben diese Kritiker ein zu abstraktes Verständnis der Orgonomie. Das ganze erinnert mich etwas an das alte Diktum, daß aus dem Sein kein Sollen folgen kann. Ganz ähnlich sollen offenbar aus den orgonomischen Erkenntnissen keine Schlußfolgerungen gezogen werden, sondern alles „wertfrei“ bleiben.

Ich glaube, man kann Konias Position am ehesten wie folgt verorten:

Homo normalis hat keinen Zugang zu den tieferen Betrachtungsweisen und verharrt in einer Welt aus Herrenwitzen am politischen Stammtisch und leeren Bekenntnissen zur „christlichen Tradition“. Lebendigere Menschen lernen, daß es „eine andere Welt“ gibt, die Orgonomie, und wenden sich dieser in geradezu mystischer Weise zu. Wie durch Zauberhand ist die alptraumhafte klaustrophobische Welt des Homo normalis verschwunden, bzw. schrumpft angesichts „kosmischer Weiten“ in seiner Bedeutung zu einem Nichts zusammen. Aber das ist natürlich eine Illusion. Tatsächlich gibt es nichts wichtigeres als diese Welt des Homo normalis. Sie gilt es mit den Mitteln der Orgonbiophysik zu begreifen und zu verändern ohne Angst vor „Kontamination“. Das ist der Arbeitsbereich von medizinischen und sozialen Orgonomen wie Konia.

Die drei großen Tabus in der antiautoritären Gesellschaft

16. Juni 2012

Elsworth F. Baker zufolge gibt es drei Tabus, die die autoritäre Gesellschaft zusammenhalten:

  1. Sex;
  2. Politik; und
  3. Religion.

Darüber darf nicht geredet werden. Man kann einwenden, daß über kaum etwas anderes geredet wurde, aber Genitalität war tabu (man denke nur an Reichs Erfahrungen in der Psychoanalyse!), es durfte nicht angerührt werden, daß all die hochtrabenden politischen Debatten Ausdruck von Neurose sind, und nichts mit der Arbeitsdemokratie zu tun haben, und es durften die Grundlagen der Religionen nicht in Frage gestellt werden. All das ist „intim“, „persönlich“, entspricht „inneren Überzeugungen“, etc.

In der antiautoritären Gesellschaft hat sich nichts daran geändert. Man denke nur einmal daran, daß Homosexualität groteskerweise nicht als Perversion bezeichnet werden darf! Wenn ich Staubsauger, Bernhardiner oder Kleinkinder sexuell begehre, bin ich pervers, schmierige Außenminister darf ich jedoch sogar heiraten!

Was die Politik betrifft: Man schaue sich folgende Debatte über den Islam an. Alles sehr mutig (das sage ich ohne Ironie), aber niemandem fällt auf, daß diese linken „Humanisten“ mindestens so verrückt sind, wie die Islamisten, die sie kritisieren. Niemand ist sich dessen gewahr, wie verpeilt und lächerlich dieser „Humanismus“ und dieses „Linkssein“ ist – daß es der vollkommen irrationalen Abwehr bioenergetischer Strömungen entspricht. Ganz nebenbei gesagt: diese Art von „Humanismus“ (Roter Faschismus) hat im letzten Jahrhundert 100 000 000 Menschen ermordet!

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Und was schließlich die Religion angeht, darf man alles anbeten, tibetische und hinduistische Götte etwa, aber wehe jemand deutet an, wie schlichtweg bizarr es ist, wenn ein Europäer die „weiße Tara“ anbetet. „Der wagt es meinen Glauben anzugreifen!“ Den Papst und Protestanten, die tatsächlich der Bibel folgen, darf man nach Belieben dekonstruieren, aber wehe man dehnt die Religionskritik auf beispielsweise die „östlichen Weisheitslehren“ aus! Dann gilt man plötzlich als „beschränkt“!

Betrachten wir die drei Tabus in der antiautoritären Gesellschaft:

  1. Sex: In Die sexuelle Revolution führt Reich aus:

    Gerade weil die autoritative Bindung selbst zu einem großen Teil unbewußt wird, entzieht sie sich der bewußten Beeinflussung. Es hat wenig zu sagen, wenn die unbewußte Bindung an die elterliche Autorität oft als Gegenteil, als neurotisches Revoltieren zum Ausdruck kommt; es vermag die sexuellen Interessen dennoch nicht zur Entfaltung zu bringen, es sei denn in Form triebhafter und unbeherrschter sexueller Aktionen, als krankhafte Kompromisse zwischen Sexualität und Schuldgefühl. (Fischer TB, S. 93)

    Darauf beruht heute die gesamte „öffentliche Sexualität“, man denke nur daran was Madonna und Lady Gaga an Pornographie in die Zimmer unserer Kinder tragen. Es geht wirklich nur um eins: „Dafür strafe ich dich, du geiles Stück!“

  2. Politik: Wie Charles Konia ausgeführt hat, bedeutet „Linkssein“ vor allem eines: der soziale Aktivismus soll das Gewissen erleichtern, die Schuldgefühle verschwinden lassen und dergestalt den bioenergetischen Druck senken. Wehe jemand spricht das an!
  3. Religion: In der autoritären Gesellschaft war letztendlich die Religion für die Lösung der Frage nach den Schuld zuständig: Vergebung. In der antiautoritären Gesellschaft verschwindet hingegen die Religion, d.h. (verzerrter) Kernkontakt, immer mehr. Dort, wo noch Religion zu finden ist, wird sie zu einer „Religion ohne Gott“, d.h. eine „Religion“ ohne (wie auch immer verzerrten) bioenergetischen Kontakt. Man denke nur an den Siegeszug des Buddhismus (oder dessen, was Europäer für „Buddhismus“ halten). Gott ist ein größeres Tabu als jemals zuvor.

Nach wie vor haben erstens die Funktion des Orgasmus, zweitens die Arbeitsdemokratie und drittens die Entdeckung des Orgons keinen Platz in der gepanzerten Gesellschaft.