Posts Tagged ‘Wilhelm Reich’

Max Stirner, Soter (Teil 8)

9. Mai 2025

Obwohl bei Stirner wenig bis nichts von der Sehnsucht nach genitalem Kontakt die Rede ist, sondern nur von der jugendlichen Sehnsucht nach dem jenseitigen „Idealen“ als Ersatzkontakt, entsprechen seine Ausführungen über die Struktur des Ich doch weitgehend Reichs Entdeckungen über die Struktur des Lebendigen, wie er sie 1951 in Die kosmische Überlagerung ausgeführt hat. Aus der massefreien Orgonenergie geht durch Überlagerung Materie im allgemeinen und die jedes Lebendige umhüllende Membran im besonderen hervor. Der so entstehende Widerspruch zwischen freier Orgonenergie und materieller Einschränkung ist Grundlage aller Entwicklung. Im emotionalen Bereich äußert sich dieser Gegensatz in der „kosmischen Sehnsucht“, d.h. dem Streben, sich aus der Membran wieder zu befreien. Das ist die gemeinsame Grundlage der Genitalität (das untere Ende des Orgonoms) und des Denkens (das obere Ende des Orgonoms).

Wie Reich bereits 1941 schrieb (Reich: Biophysical Functionalism and Mechanistic Natural Science, International Journal of Sex-Economy and Orgone Research 1(2), July 1942, S. 97-107), konnte der Mensch, der von jeher das kosmische Orgon in sich spürte, sich nur als Objekt und Werkzeug dieser Macht empfinden – der er sich gerne unterwarf, da sie ihm orgastische Erfüllung in Aussicht stellt. Dies erkläre, warum sich der Mensch so gerne und widerstandslos religiösen Gefühlen hingibt. Erst er, Reich, sei weitergegangen und habe diese Energie, die bisher als unerkennbarer Gott mystifiziert wurde, wissenschaftlich zugänglich und handhabbar gemacht. Erst er, Reich, habe die Angst vor dem Numinosen, dem Tabu, dem Heiligen überwunden.

Die ultimativ atheistische Haltung Stirners ist demnach nicht etwa eine Entfremdung von der kosmischen Orgonenergie und wahrhaft „religiösen“ Gefühlen im Sinne von echtem Kontakt zur Natur. Ganz im Gegenteil: es ist die Befreiung des „Triebes nach Selbstauflösung“ und die Abkehr von jedweder Entfremdung. Wenn Stirner gegen das „Heilige“ angeht, dann meint er Unaufgeschlossenheit (Un-Auf-Geschlossenheit) und natürlich nicht irgendwelche spontan aufkommenden natürlichen Gefühle, die man gegenüber seiner Geliebten, seinen Kindern, seinen Eltern, etc. hegt. Nicht das will er desavouieren, sondern alles, was keine spontane Sache des Herzens ist, sondern eine anerzogene „Gewissenssache“ (Der Einzige, S. 77) – im Sinne von „Über-Ich-Sache“.

Stirner unterscheidet beispielsweise zwischen dem Stolz einer Nation „anzugehören“, also ihr Eigentum zu sein, und dem Stolz eine Nationalität sein Eigentum zu nennen, genauso wie man etwa auf seine Körperstärke oder irgendeine andere seiner Eigenschaften stolz ist (Der Einzige, S. 270). Man ist „bezaubert“, „geht mit“, das Lächeln ist ansteckend, der Schmerz des anderen rührt einem das Herz, etc. Imgrunde ist es gar kein „Egoismus“ im Sinne von „Kalkül“, sondern ein spontanes Ausgreifen, eine Expansion des eigenen Egos: zeitweilige Erstrahlung („Gefühlsraum“). Im Unterschied dazu die Besessenheit und die „Liebe“, die der Papst predigt: unterschiedslos, unwandelbar und – letztendlich zynisch bedacht.

„Blind und toll wird die Liebe dadurch, daß ein Müssen sie meiner Gewalt entzieht (Vernarrtheit), romantisch dadurch, daß ein Sollen in sie eintritt, d.h. daß der ‚Gegenstand‘ Mir heilig wird, oder Ich durch Pflicht, Gewissen, Eid an ihn gebunden werde. Nun ist der Gegenstand nicht mehr für Mich, sondern Ich bin für ihn da“ (Der Einzige, S. 326). Man soll das achten, was die Menschen heilig halten, also ausgerechnet das, was sie zu gemeingefährlichen Trotteln macht. „Umgekehrt spricht sich der Egoist aus. Darum gerade, weil Du etwas heilig hältst, treibe Ich mit Dir mein Gespötte und, achtete Ich auch Alles an Dir, gerade dein Heiligtum achte Ich nicht“ (Der Einzige, S. 311).

Stirner hat den Weg zum Lebendigen geebnet, ist gegen die Kontaktlosigkeit angegangen, dem das Lebendige durch rigide Begriffe, Gesetze, Vorgaben ausgesetzt ist. Man denke vor allem an die „Moral“, aber auch allgemein an das Denken in Begriffen. Du bist dann nicht mehr das konkrete „Du“, sondern nur jemand, der für irgendeinen abstrakten Begriff steht! Descartes‘ cogito ergo sumhabe, so Stirner, den Sinn: „Man lebt nur, wenn man denkt!“ Auf diese Weise lebe nur der Geist. „Ebenso sind dann in der Natur nur die ‘ewigen Gesetze’, der Geist oder die Vernunft der Natur das wahre Leben derselben. Nur der Gedanke, im Menschen, wie in der Natur, lebt; alles Andere ist tot! Zu dieser Abstraktion, zum Leben der Allgemeinheiten oder des Leblosen muß es mit der Geschichte des Geistes kommen. Gott, welcher Geist ist, lebt allein. Es lebt nichts als das Gespenst“ (Der Einzige, S. 94). „Und was heißt vernünftig sein? Sich selbst vernehmen? Nein, die Vernunft ist ein Buch voll Gesetze, die alle gegen den Egoismus gegeben sind“ (Der Einzige, S. 372).

Nur Entfremdete, von Gespenster Besessene kümmern sich etwa um „die Sache der Menschheit“, der sie sich und andere opfern. Der sich selbst Genießende hingegen gibt sich wie ein Tier dem Fluß des Lebens hin. Wie dem „schweinischen“ Tiere, geht es ihm immer nur um seinen Lustgewinn, nie „um die Sache“ (Der Einzige, S. 400): „Kinder (…) haben kein heiliges Interesse und wissen nichts von einer ‚guten Sache‘. Desto genauer wissen sie, wonach ihnen der Sinn steht, und wie sie dazu gelangen sollen, das bedenken sie nach besten Kräften“ (Der Einzige, S. 392).

Entwurf einer Besprechung von Robinson: The Freudian Left (17.12.71)

6. Mai 2025

Entwurf einer Besprechung von Robinson: The Freudian Left (17.12.71)

Brief an Zoltán E. Erdély (1994)

27. April 2025

Brief an Zoltán E. Erdély (1994)

Der Todestrieb und das isolierte Über-Ich

25. April 2025

Die Periode 1919-1925 von Reichs Leben ist genauso interessant wie bisher unterbelichtet. Freud hatte festgestellt, daß die Psychoanalyse nicht funktioniert, also entwickelte er die Todestriebtheorie, d.h. die Natur ist schuld, nicht Sigmund! Zur gleichen Zeit arbeitete Reich in der Tat mit destruktiven, impulsiven „Todestrieb-Patienten“, die sich beispielsweise ein Messer in die Genitalien rammten. Patienten, um die sich Freud nie gekümmert hat. Und Reich begann mit eben diesen Patienten, die Psychoanalyse zur Charakteranalyse weiterzuentwickeln – die im Gegensatz zur Freudschen Psychoanalyse tatsächlich funktionierte und heilte. Zur gleichen Zeit erforschte er die „Energetik der Triebe“ und legte mit seiner ersten Formulierung der „orgastischen Potenz“ die Grundlage der Orgasmustheorie.

Aber bleiben wir beim Thema Todestrieb, das ja schließlich 1932/33 zum endgültigen Bruch mit Freud führte. Anfang der 1920er Jahre war Reich noch Medizinstudent und ein absoluter Neuling in der Psychoanalyse, so daß er zu dieser Zeit Freud noch nicht herausfordern konnte – und überhaupt wollte. Trotzdem kann man schon in Der triebhafte Charakter eine erste Widerlegung der Todestriebtheorie ausmachen. Für Reich war der „Todestrieb“ tatsächlich das, was er als „isoliertes Über-Ich“ bezeichnete, das im Patienten wie ein unwiderstehlicher Trieb wirkte, der sie dazu brachte sich selbst, aber auch andere ob ihrer, wenn man so will, „sexuellen Lebenstriebe“ zu strafen, etwa indem sie sich eine Messerschneide in die Vagina steckten.

Das, also die Rolle des Über-Ichs, das aus einer unheilvollen Identifikation mit den strafenden Eltern hervorgegangen war, implizierte einen gesellschaftlichen Faktor, nicht einen unveränderlichen biologischen wie bei Freuds Todestrieb. Dieser gesellschaftliche Faktor war beeinflußbar. Erstens psychologisch, indem man sich psychoanalytisch mit dem isolierten Über-Ich auseinandersetzte. Aus dieser Auseinandersetzung mit dem Über-Ich entwickelte sich die Charakteranalyse. Zweitens war es gesellschaftlich anzugehen, indem man den, wie Reich es später in „Eltern als Erzieher“ (1927) nannte, „Erziehungszwang“ der Eltern anging.

Max Stirner, Soter (Teil 5)

22. April 2025

Betrachten wir, was Stirners größter, wenn nicht überhaupt sein eigentlicher Widersacher einzuwenden hat: Auch wenn Nietzsche ihn nirgends erwähnt, stellt doch sein Gesamtwerk eine Kritik der optimistischen Anthropologie Stirners dar. Für den „heroischen Pessimisten“ Nietzsche war jedes „eigentlich“ Werden des (für Nietzsche) angeblich entfremdeten Menschen eine Illusion. Man könne sich nicht, so Nietzsche, außerhalb des kranken Getriebes stellen und objektive Kritik üben, wie es alle „Offenbarungen“ tun. Man könne sich nicht, wie Stirner es tut, außerhalb der krankmachenden Moral stellen, da nach Nietzsche alles Moral ist; alles ist Bewertung, Perspektive, d.h. das Aufzwingen von Standpunkten, von „Ideen“. „Die Welt ist Wille zur Macht und nichts außerdem.“ Die Welt selbst hat sozusagen eine sadomasochistische Struktur, so daß das rationale Funktionieren „egoistischer Vereine“ ausgerechnet beim grausamen Raubtier Mensch abwegig sei.

Stirners „Eigner“ hingegen argumentiert nicht aus der Perspektive des Strebens, d.h. des Willens zu Macht, heraus, sondern aus der der bloßen Bewahrung seiner Eigenheit gegen die Enteignung durch die Gesellschaft, d.h. aus der Schwäche heraus, die für Nietzsche gleichbedeutend mit der Lüge ist. Wenn Wahrheit überhaupt einen Sinn mache, dann sei es die Sicht von einer höheren Perspektive, von der größeren Macht her, – die groß genug ist, um sich nicht zu bewahren, sondern „heroisch“ verschwenden zu können. Für Nietzsche gibt es kein authentisches, wahres Leben außerhalb der „Wertsetzungen“, d.h. „Machtsetzungen“. Hinter jeder Maske gäbe es nur wieder eine weitere Maske, ohne zu einer „Eigenheit“, bzw. „Eigentlichkeit“ vordringen zu können. Von daher sei Eigenheit bzw. „Eigentlichkeit“ die Lüge der Schwachen, deren beschränkte Perspektive kaum über die Grasnarbe reiche. Nietzsches implizite Kritik an Stirner bestand in der Entlarvung dieses Ressentiments des Grashüpfers. Nietzsches Moral war, nicht die Schwäche als „Wahrheit“ zu verkaufen, sondern die Wahrheit aus eigener Machtfülle zu „setzen“.

Nietzsches Haltung zu Stirner entspricht ziemlich genau der Haltung Freuds zu Reich: der abgeklärte Blick des desillusionierten Aristokraten hinab auf den ungestümen kindlichen Romantiker, der sich naiv den vermeintlich wahren „eigentlichen“ Gefühlen, der vermeintlich „guten Natur“ hingibt, „sein Steckenpferd reitet“. Aber warum wurde dieser Konflikt nie offen ausgetragen? Warum schwiegen Nietzsche und Freud ihren jeweiligen Antipoden tot? Die Antwort findet sich in den letzten Schaffensperioden der beiden Männer. Nietzsche wandte sich am Ende von seiner Philosophie des „Willens zur Macht“ ab und dem lebendigen Urgrund seines Denkens zu. In seiner wenn man so will „Autobiographie“ Ecce homo war Nietzsches letztes Thema Nietzsche selbst und der Durchbruch zum Authentischen, der ihm ja auch schließlich auf verzerrte Weise durch das Absinken in den Wahn gelungen ist.

Nietzsche konnte sich nicht mit Stirner explizit auseinandersetzen, ohne sich (im doppelten Sinne des Wortes) zu verraten. Ähnlich gelagert war es mit Freud, der zum Schluß doch an der gegenüber Reich verteidigten „Kultur“, mit der das Untier Mensch zu zivilisieren sei, zu zweifeln anfing.

Als Freud vor den Nazihorden 1938 nach England flüchten mußte, machte er Aufzeichnungen, aus denen hervorgeht, daß er an seinen eigenen Spekulationen zweifelte. Vielleicht ließen sich Neurosen vermeiden, schrieb er, wenn man das kindliche Sexualleben frei gewähren ließe, wie es bei vielen Primitiven der Fall war. Er war verunsichert, ob die Ätiologie der Neurosen nicht doch komplizierter sein würde, als er sie ausgeführt habe. Er ließ es dahingestellt, ob nicht eine zu frühzeitige Eindämmung des Sexualtriebes eine negative Wirkung auf die spätere Kulturbereitschaft bewirken könnte. Er sprach zynisch von einem „hochgeschätzten“ Kulturbesitz, von dem vieles auf Kosten des Sexualtriebes erworben wurde. In seinem letzten Brief an Arnold Zweig drückte er seinen Mißmut über Zweigs Bewunderung des Buches Das Unbehagen in der Kultur mit den Worten aus: „Was Sie für trostreiche Aufklärung in meinem Unbehagen entdeckt haben, kann ich nicht leicht erraten. Dies Buch ist mir fremd geworden“. Das Buch, das nach scharfen Auseinandersetzungen mit Reich zustande gekommen war, sollte jetzt nicht mehr gelten. Sollte also Reich doch recht behalten? (Walter Hoppe: Wilhelm Reich, München 1984, S. 65f)

Am Ende stellte sich heraus, daß die „kindlichen ‚kulturfeindlichen‘ ‚Nihilisten’“ Stirner und Reich die Realisten waren, während Nietzsche und Freud bei ihrer lebenslangen Flucht vor sich selbst ihr Leben für das inhaltsleere Spiel der sinnlosen und willkürlichen „Werte“ vertan hatten, für ein kindisches Maskenspiel. Genau das ist Thema der Fälschung Meine Schwester und ich.

Der Gegensatz Freud-Reich war nicht der faire Gegensatz „des Einzigen (SF) gegen den Einzigen (WR)“ (Der Einzige, S. 229), sondern der Gesellschaft, vertreten durch den von fixen Ideen besessenen Freud, gegen den Einzigen Reich – also extrem unfair. Genauso unfair und „moralisch“ verwerflich, wie der Gegensatz zwischen Gesellschaft (vertreten durch die psychoanalytisch geschulten Eltern) und Kind, dessen angeborenes eigensinniges „Verbrechertum“ ausgetrieben werden soll, damit es sich für das vermeintlich Höhere opfere.

Leserbrief zu Volkmar Sigusch (1983)

21. April 2025

Leserbrief zu Volkmar Sigusch (1983)

Max Stirner, Soter (Teil 4)

18. April 2025

„Unsere Atheisten sind fromme Leute“ (Der Einzige, S. 203). „[S]elbst diejenigen Sittlichen, welche den persönlichen Gott leugnen, behalten ja am Guten, am Wahren, an der Tugend ihren Gott und ihre Göttin“ (Parerga, S. 131f). Die Aufklärung ist an ihrer jämmerlichen Inkonsequenz gescheitert. Auf die knappste Formel gebracht: man hat Gott beseitigt, aber die Menschen desto mehr mit jenen „Prädikaten“ belastet, die vorher Gott zugeschrieben wurden. Deshalb konstatiert Stirner sogar eher eine Verschlechterung als eine Verbesserung: habe man zuvor die Massen zur Religion abgerichtet, sollen sie sich nun infolge der vermeintlichen Aufklärung sogar mit „allem Menschlichen“ befassen. Auf diese Weise werde die „Dressur“ der Menschen immer allgemeiner und umfassender (Der Einzige, S. 365). Freudismus! Marxismus!

Stirners zwei große kontemporäre Gegenspieler Feuerbach und Marx waren auch die Gegenspieler Reichs. Freuds „Atheismus“ war nämlich derjenige Feuerbachs: sei ein Mensch, „die Kultur geht vor“, d.h. die Religion ist zwar eine Illusion, aber um so mehr hat die Sittlichkeit die Grundlage des gesellschaftlichen Lebens zu sein (Der Einzige, S. 52).

Dieses normative Zurechtstutzen des Einzelnen ist der Kern des „Atheismus“ von Feuerbach, der jeweils Marx und Freud entscheidend beeinflußt hat. Ein „Atheismus“, bei dem, um nochmals mit Freud zu reden, die Kultur stets vorgeht. Um sie zu retten haben Marx und Freud die kulturfernsten Bereiche unserer materiellen Existenz und sogar unsere „polymorph-perversen Triebe“ ins Feld geführt, damit ja nicht an den sittlichen Grundlagen gerührt wird: wir sollen auf das materialistische „Es“ schauen, es bemeistern lernen – und das idealistische „Über-Ich“ unbeachtet lassen. Entsprechend wirft Marx Stirner vor, daß dieser obskurantistischerweise „wirklich an die Herrschaft des abstrakten Gedanken, der Ideologie in der heutigen Welt (glaubt), er glaubt, in seinem Kampfe gegen die ‚Prädikate‘, die Begriffe, nicht mehr eine Illusion, sondern die wirklichen Herrschermächte der Welt anzugreifen“. Stirner vernachlässige, schreibt Marx, die wirklichen, materialistischen Lebensgrundlagen (nämlich die Notwendigkeit zu produzieren) und verkleistere dergestalt die sich daraus ergebenden Herrschaftsverhältnisse (Marx: Die deutsche Ideologie, In: FRÜHE SCHRIFTEN, Zweiter Band, Darmstadt 1971, S. 276).

Das ist die gleiche Litanei, die alle „materialistischen“ Linken bis zum heutigen Tage gegen Reich angestimmt haben. Ganz ähnlich sieht es bei den Freudisten aus, die Reich eine Verkennung der komplizierten Triebstruktur des Menschen vorhalten. (Freud sogar ausdrücklich gegenüber ausgerechnet – Lou Salome!) Aber man darf sich nicht durch die ausgewogen „realistische“, schmutzig „materialistische“ Hülle täuschen lassen: es geht Marx, Freud und ihren Anhängern darum, daß die „Prädikate Gottes“ (Feuerbach) unberührt bleiben. Es geht diesen vermeintlichen „Aufklärern“ darum, daß eben „die wirklichen Herrschermächte der Welt“ unangetastet bleiben. Es geht ihnen um die Sittlichkeit.

Damit führen sie auf geniale (nämlich bis heute undurchschaute) Weise einen „Klassenkampf von oben“ fort, wie ihn vor ihnen die Priester, Pfaffen und Philosophen gefochten haben. Jedenfalls spricht Stirner von einem „Klassenkonflikt“ zwischen den „Gebildeten“ und den „Ungebildeten“ (vgl. Parerga, S. 77-79). Die einen stellen irgendwelche geistigen Prinzipien auf, für die sie unterwürfigen Respekt einfordern. (Man denke an die Marxisten und Freudisten!) Die anderen, stehen diesen verqueren Gedanken zunächst gleichgültig gegenüber, können sich aber nicht gegen sie erwehren. „Hierarchie ist Gedankenherrschaft, Herrschaft des Geistes!“ Wir werden von jenen unterdrückt, die sich auf heilige Gedanken stützen. Dieser Konflikt setzt sich bis ins Innenleben fort, „denn kein Gebildeter ist so gebildet, daß er nicht auch an den Dingen Freude fände, mithin ungebildet wäre, und kein Ungebildeter ist ganz ohne Gedanken“ (Der Einzige, S. 79f).

Es ist die Hierarchie von „menschlichem“ (idealem) Leben und „bürgerlichem“ (egoistischen) Leben. Ganz oben steht die heilige Nation und der Staat, darunter das profane bürgerliche Leben (Der Einzige, S. 107f). Das wiederholt sich dann Stufenweise von den gebildeten Bürgern und dem ungebildeten „Pöbel“ bis hinab zum Familienleben. Über die Dressur der Kinder in der Familie setzt es sich im Inneren der Menschen fort: das Gewissen, d.h. sich des „Heiligen“ gewahr sein und entsprechend die „Naturtriebe“ auszuspionieren („innere Polizei“ gegen „innerer Pöbel“) (Der Einzige, S. 97).

Als die „Dressur“ noch nicht so weit fortgeschritten war, waren die sittlichen Instanzen noch Personen (die Eltern, der „Landesvater“, etc.) und entsprechende Wahngebilde (etwa „Gott“), denen man persönlich Loyalität schuldete, doch im Unterschied zum Konservativen läßt sich der fortschrittliche Liberale nichts mehr befehlen – er gehorcht nur noch unpersönlichen Gesetzen (Der Einzige, S. 118f). Dieser „Fortschritt“ beruht auf seiner strukturellen Rebellion gegen persönliche Autorität – um sich desto vorbehaltloser einem „unpersönlichen Herrscher“ zu unterwerfen (Der Einzige, S. 119).

Genauso steht es mit der Frage nach persönlichem Besitz: der Sozialist will nicht bloß die rechtlichen, sondern auch die materiellen Unterschiede aufheben, was nichts anderes bedeutet, als daß nicht nur niemand „selbstherrlich“ befehlen soll, sondern auch keiner etwas haben soll, an dem er seine Eigenheit festmachen könnte, vielmehr sollen alle am unpersönlichen Allgemeineigentum teilhaben. Auf diese Weise wird aus der Gesellschaft selbst ein „höchstes Wesen“, dem wir alles schuldig sind (Der Einzige, S. 135). Letztendlich geht es darum, wirklich alle persönlichen Eigenschaften, alle Traditionen von sich zu streifen und nichts als ein Mensch zu sein (Der Einzige, S. 141). So verschwindet schließlich der egoistische und unverwechselbare „Eigene“ vollständig und geht im Menschen auf (Der Einzige, S. 150f). Letztendlich erweist sich die liberale Flucht vor Autorität, Besitz und Tradition (also die Flucht vor dem Vater) als Flucht vor sich selbst – und als vervollkommnete Unterwerfung. „[W]er sich selbst ganz besitzt, wer in das Heiligtum seines eigenen Wesens eingedrungen ist, wer bei sich ist, der ist beim Vater“ (Parerga, S. 42).

Der aus dieser Rebellion entstammende „Atheismus“ tut kaum mehr als den „Gott des Einzelnen“ durch den „Gott Aller“ zu ersetzen (Der Einzige, S. 158). Wird nämlich der Eigenwille eingeschränkt, sucht er Zuflucht im Eigentum, wird dieses weggenommen, sichert es sich in der Eigenheit die Fortdauer. Deshalb muß schließlich auch jede individuelle Meinung aufgehoben werden, denn mit meiner unvernünftigen Meinung, meinem unvernünftigen „Glauben“, bleibt auch mein Gott bestehen. Er muß ersetzt werden durch einen „allgemeinen menschlichen Glauben“, einen „Vernunftglauben“ (Der Einzige, S. 141). Religion wird zum Kultus der Gesellschaft. „Somit hat man allein dann Aussicht, die Religion bis auf den Grund zu tilgen, wenn man die Gesellschaft und alles, was aus diesem Prinzipe fließt, antiquiert“ (Der Einzige, S. 347). Das macht den „Atheismus“ der Kommunisten und Psychoanalytiker („die Kultur [= die Gesellschaft] geht vor“] zu einer Absurdität. In jedem Teil hier Laskas Stirner-Buch!

Zum Gedenken an Bernd A. Laska, 4. August 1943 – 8. April 2025 (Teil 3)

16. April 2025

Ich habe mich anfangs gesperrt, einen derartigen „persönlichen“ Nachruf zu schreiben, weil sich über vier Jahrzehnte erstreckende Beziehung zwischen Laska und mir nie eng war. Dazu waren wir einfach zu unterschiedlich. Der Katholik Laska war über Karlheinz Deschners Religionskritik und die Anfänge der linken Studentenbewegung Mitte der 1960er Jahre als einer der ersten Nachkriegsdeutschen überhaupt auf Reich gestoßen. Ich war denkbar areligiös und „akulturell“ aufgewachsen und gerade deshalb hatten mich Religion und Kultur (Bildende Kunst und Musik) von früh an in ihren Bann gezogen – Dinge, die Laska, zunächst Bauzeichner und dann Ingenieur (Baustatiker), zeitlebens wirklich vollkommen kalt ließen. Nachdem meine kindlich-jugendlichen „Studien“ im „religiös-kulturellen“ Bereich und auch im naturwissenschaftlichen (ich laß eifrig das „X-Magazin“, „Bild der Wissenschaft“, die Bücher von beispielsweise Hoimar von Ditfurth etc.) nur meine wachsende Verachtung für all dieses Zeugs nährten, stieß ich schließlich auf Reich („Bingo!“) und wollte fortan nichts anderes sein als ein orthodoxer Anhänger der Orgonomie. Für mich war und ist sie die endgültige Wahrheit.

Mein Problem war damals, daß ich als Arbeiterkind (Laska war auch eins!) niemanden kannte, der auch nur im allerentferntesten meine wirklich extrem absonderlichen, da hochgestochenen Interessen teilte, und ich auf die paar Mitte der 1970er Jahre erhältlichen Reich-Bücher und irgendein „Reichianisches“ Zeugs a la Alexander Lowen reduziert war. In einem dieser Bücher stieß ich schließlich auf eine Annonce für Laskas Zeitschrift „Wilhelm Reich Blätter“, fand über diesen Umweg schnell Kontakt zu Jerome Eden, bestellte das „Journal of Orgonomy“ etc. Laska hatte eine ganze Welt für mich geöffnet, die Orgonomie war noch lebendig, wovon ich vorher keinerlei Ahnung hatte. Aber schon bald begann mein Konflikt mit Laska: ich verdammte ihn ob des Einflusses der amerikanischen Orgonomen auf mich sehr bald als „Reichianer“. Er war dabei, zu einem „Feind“ zu werden. Daß er es wagte, Artikel von Alexander Lowen zu veröffentlichen und gewisse andere Leute auch nur zu Wort kommen zu lassen! Ich erlebte über seine Zeitschrift sozusagen „live“ mit, wie er sich immer mehr Max Stirner zuneigte, was für mich der Anlaß war, Stirner auseinanderzunehmen. Einfach nur, weil Laska sich auf ihn berief! Das baldige, wirklich klägliche Scheitern meines Unterfangens Stirner zu „dekonstruieren“ und meine Einsicht, daß Laska in dieser Beziehung vollkommen recht behalten hatte, waren eine nachhaltige Lektion.

1982 stellte er wegen solcher hoffnungslosen Figuren wie mir seine Zeitschrift ein und begann zu erforschen, was die Essenz seiner beiden Helden Reich und Stirner sei. Schon bald kam LaMettrie hinzu und Laskas „LSR-Projekt“ nahm langsam Gestalt an. Ich war einer der erstaunlich wenigen alten Leser, die ihm auf diesem Weg treu blieben und seine Bücher von und über LaMettrie kauften, sowie das eine Buch mit Stirners Parerga. Er bewegte sich aber sozusagen am Rande meiner eklektischen Interessen (Orgonbiophysik, UFOs, Roter Faschismus, Saharasia, Orgonometrie, Hans Hass, christliche Theologie, Nietzsche, etc.), die kaum bis keinerlei Überschneidungspunkte mit ihm hatten. Unser persönliches Verhältnis blieb stets unterkühlt, obwohl wir uns einige Male trafen, wobei ich aber jeweils sozusagen nur „Anhängsel“ anderer war. Seine Website ließ meine alte Begeisterung für seine geistige Klarheit und nicht zu übertreffende „akademische“ Integrität immer wieder von neuem aufflammen bis hin zu regelmäßigen begeisterten „Bekenntnissen“ zu seinem LSR-Projekt. Er war sichtlich konsterniert, derartig enthusiastische Treueschwüre ausgerechnet von meiner Seite zu hören.

Im Vergleich zu ihm, habe ich mich immer als hemmungslosen „Dampfplauderer“ empfunden und es stets bedauert, daß er nicht „mehr Worte gemacht hat“. Welch ein Privileg ihn gekannt zu haben. Er war mein distanzierter Erzieher, ich sein letztendlich doch loyaler Schüler. Danke, Herr Laska!

Laskas Quellen für die „Jahrtausendentdeckung“ in MASSENPSYCHOLOGIE DES FASCHISMUS und DIE SEXUELLE REVOLUTION

15. April 2025

Laskas Quellen für die „Jahrtausendentdeckung“ in MASSENPSYCHOLOGIE DES FASCHISMUS und DIE SEXUELLE REVOLUTION

Zum Gedenken an Bernd A. Laska, 4. August 1943 – 8. April 2025 (Teil 1)

9. April 2025

Bernd Laska war kein Mann großer bzw. ausufernder Worte, da die doch nur dazu dienen, den Kern der Aussage im Gewirr der Argumente verschwinden zu lassen. Oder wie mir Laska 1999 schrieb:

Zu all dem kann man sicher viel Kluges schreiben – „man“, aber nicht ich. „Parallelen“ gibt’s immer irgendwie massenhaft, ich suche die Diskrepanzen. Ich will ja gerade raus aus dem ganzen Sprachschlamassel, in dem natürlich auch L/S/R noch drin steckten.

Laskas Theorie über Reich war kurz zusammengefaßt: Mai 1926 überreicht Reich sein Manuskript von Die Funktion des Orgasmus, worauf Freud antwortet: „So dick?“, will sagen, Reich solle sich wie alle anderen Psychoanalytiker gefälligst mit immer neuen Nebensächlichkeiten auseinandersetzen. Reich erkrankt an Tuberkulose und schreibt Anfang 1927 im Sanatorium von Davos unter ein Portraitphoto von sich selbst: „Konflikt mit Freud“. Im Juli 1927 fällt die Politisierung Reichs. Laskas Kommentar: „Freud & Co trieben R in die ‚Politik‘, um ihn dann unter eben dem Vorwand, seine ‚Politik‘ sei ‚gefährlich‘, zu vernichten.“

Ausführlicher führte Laska mir gegenüber aus:

Freud war anfangs eher jovial gegenüber dem ganz jungen R (nie „seelenverwandt“, wie Sie aaO schreiben), dann ironisch („So dick?!“ / „ambitionierter Steckenpferdreiter“) etc., bald ernsthaft besorgt, aber noch um Gelassenheit bemüht abwartend, schließlich (nach Maso-Ms 1.1.1932 „Schritte gegen Reich“) zur Vernichtung entschlossen. Er wußte nur nicht: wie. Denn R hätte sich nie ohne Begründung abservieren lassen, trat vielmehr immer unverhüllter als der „wahre Freud“ gegen den lebenden (insofern „wahreren“) Freud auf. Da kam für Freud die „politische Karte“ wie gerufen, und er verschmähte es in seiner Not sogar nicht, sich mit einer elenden Figur wie Boehm zu verbünden (17.4.33: „Befreien Sie mich von Reich!“) Dieser politische „Nebel“ von 1933/34 blendete manche PsA damals, blendete sogar R und blendet Fallend & Co noch heute. (Und ich könnte – wenn Sie darauf bestehen, um das Diabolische daraus zu tilgen – auch konzedieren, daß er sogar den Nebelwerfer Freud blendete). Also: kein „master plan“; fataler: eine echte, ohne viel Absprache funktionierende „conspiracy“ (im lat. Wortsinn), im übrigen auch die, in die ich Jim Martin’s Funde einbetten würde (während JM die „order from Moscow“, falls sie gefunden werden würde, für das non-plus-ultra an conspiracy zu halten scheint).

Laska schrieb mir einst:

Reichs Weg scheint mir noch lange nicht plausibel und produktiv gedeutet. Als Resultat meines gewiß langen Studiums des Reich’schen Werkes auf der Basis meiner Herkunft aus der arbeitenden/realistischen Sphäre ist LSR entstanden. Mein Verhältnis zum Komplex Philosophie ist vielleicht vergleichbar mit dem, das Reich zum Komplex Neurose hatte. Reich begab sich in diesen Unrat nicht, weil er sich dort – wie Freud et al. – wohl und heimisch fühlte. LSR erinnert auch ein bißchen an eine „Widerstandsanalyse“…

Was das LSR-Projekt betraf hat sich Laska nie „offen erklärt“. Der Leser müsse erst den großen Verdacht nachvollziehen, dann können wir des Pudels Kern besprechen – wenn das dann noch nötig ist! Es ist ähnlich wie mit der Charakteranalyse, die ursprünglich zur eigentlichen psychoanalytischen Deutung („des Pudels Kern“) führen sollte, dann aber die Deutung überflüssig gemacht hat: der Patient spricht es selbst aus, er spürt es selbst.

Es sei auch gesagt, wie er zu mir und damit zum NACHRICHTENBRIEF stand:

Aber noch einmal kurz zu unserer Differenz jenseits vieler möglicher Mißverständnisse. Sie läßt sich vielleicht ein wenig so umschreiben: Sie favorisieren mehr den späten Reich (ab ca. 1940), ich mehr den frühen. Sie fokussieren auf Nietzsche, den kühnen Denker, ich auf den evasiven. Sie sehen in „Mystik“, „Gott“, „Gewissenszwang“, „irrationalem Über-Ich“, etc. etwas von Wert, während ich es „radikal liquidiert“ sehen möchte in meiner Wunschwelt – wobei, wie ich gleich hinzufügen muß, es mir nicht um die Konstruktion einer Wunschwelt geht, sondern LSR für mich eher so etwas wie eine lebensnotwendige Selbstbehauptung darstellt.

Zur Orgonomie und dem ganzen Umfeld stand er wie folgt:

Die Abwehr gegen Reich (von Fachleuten) war für mich (als Nichtfachmann) schon immer das stärkste Indiz, daß Reich „recht hatte“ (nicht nur „jeder hat irgendwo recht“). Die Entwicklung seit 1945 scheint aber dahin zu gehen, daß die alte Abwehr gegen L+S+R schwindet – im Namen der großen Toleranz und der Abneigung gegen die „großen Gesänge“ und der Ideologie der Ideologielosigkeit und… Alles wird ihnen „egal“ – bis auf die jeweils ihnen durch die Massenpropaganda suggerierten „Entscheidungen“, die die sich souverän dünkenden modernen Subjekte zu treffen meinen (politisch, alltagsmodisch, wie auch immer). LSR wird vielleicht von einigen als philosophiehistorische Schrulle genommen, sogar goutiert (bis sie auf eine andere Schrulle stoßen). Ein anderes Problem wäre die Abwehr Reichs durch Reichianismus (rein oder „weiterentwickelt“) bzw. die „Rehabilitationen“, wie sie L+S+R gelegentlich von „wohlmeinenden“ Leutchen erfahren.

Und an anderer Stelle:

Ich habe irgendwo das Werk Rs als Palimpsest bezeichnet, das aus vielen Schichten besteht, die eine Grundaussage überdecken. Die Schichten bestehen aus den Bemühungen Rs, seine Grundaussage „wissenschaftlich“ zu vermitteln – was von den jeweiligen Wissenschaftsgemeinden nicht akzeptiert wurde. Ich trage mit LSR diese Schichten ab. Mit welcher Berechtigung könnte ich als Laie auf allen Gebieten auch darauf bestehen, daß R richtig liegt und die Experten falsch? Und warum sollte ich? Ich bin an der Grundaussage interessiert, und ich bin mir „existentiell“ vollkommen sicher, daß Rs (weder „wissenschaftliche“ noch „philosophische“) Grundaussage richtig ist. Die will ich mit LSR freilegen. Schon die Genese des LSR-Projekts zeigt, daß R dessen Anfang war (und Motor ist). Auf ein Verständnis der „Reichianer“ kann ich dabei leider nicht hoffen.

Und schließlich:

Viele Reichanhänger scheinen darauf aus zu sein, WR zu „rehabilitieren“. Mein Herangehen ist eher umgekehrt: Was war und ist an WR so inakzeptabel, daß so viele sich von ihm distanzier(t)en, ihn hass(t)en, bekämpf(t)en – und zwar ohne Nennung des wahren Grundes?

Auf meinen Einwand, der späte Reich stehe ihm wohl fremd gegenüber, antwortete Laska:

Nein, überhaupt nicht fremd. Aber ich sehe sie [also Reichs damalige mehr konservative Haltung] nicht als die genuin Reich’sche bzw. LSR’sche. Natürlich ist die „konservative, pessimistische Anthropologie“ angesichts der Menschheitsgeschichte (incl. „Trobriander“ etc.) die realistischere, aber etwa in dem Sinn wie Hegel realistisch ggü den alten Aufklärern war. Reich bzw. LSR sollte angesichts von Reichs späten Äußerungen jedenfalls nicht unter die „konservative, pessimistische Anthropologie“ subsumiert werden. In diesem Sinne nehme ich „den Frieden, den er mit der Religion und den anderen bürgerlichen Institutionen schloß“, nicht allzu ernst. Ich erkläre ihn mir biographisch wie so vieles in Reichs Karriere (—>meine „Palimpsest“-These). Immerhin schloß er den CM, wenn ich mich recht entsinne, mit der Vision, wahre „Kultur“, die bisher nicht war, werde einmal möglich sein. (bei Stirner: das Zeitalter des „Eigners“). Woher nahm er diese Zuversicht? Jedenfalls nicht aus den Erhebungen aus den „6 Jahrtausenden“. Doch wohl, wie Stirner: Aus sich!

dieser Reich – der frühe Reich: Ich würde sagen: beide stehen mir gleichermassen fern. Aber es gibt darunter (—> meine „Palimpsest“-These) einen dritten, und den habe ich wohl von Anfang an gespürt. Seine Freilegung ist – LSR.

Abschließend:

Am Anfang meiner tieferen Beschäftigung mit WR stand die Erfahrung, daß die „Reichity“ nicht „tragfähig“ ist; daß die allermeisten Reichianer xxxxxxx sind. Die „Stirnerity“ dito. Und gäbe es eine „Lamettrity“, erwartete ich jetzt nichts anderes. Meine Reaktion darauf war LSR.

Laska stand über den heutigen Auseinandersetzungen:

An diesem ganzen Hin-und-Her zwischen Permissivität (zB Clinton) und moralischer Aufrüstung (zB Bush) nehme ich keinen besonderen Anteil. Aber ich glaube, Reich hatte recht mit der pauschalen Tendenz-Diagnose: „The human ocean has begun to stir.“ Er ist nicht mehr zu beruhigen. Der Zerfall der alten, „ethischen“ (Über-Ich-kontrollierten) Kultur zeigt sich überall. Daran ändert der „boom“ der Ethik nichts, auch nicht die „konservativen Feldzüge“ dieses oder jenes Reaktionärs. Nur: was wird daraus? Nix Gutes, wie ich vermute. Was immer nach den alten Schemata geschieht – Moral plus oder minus – ist falsch. Wäre ich Gott, wäre ich sehr alarmiert über die Zukunft meiner Schöpfung. Zum Glück bin ich’s nicht.

Leider gibt es m.W. niemanden (mit einer löblichen Ausnahme :-), der diesen Prozeß wenigstens prinzipiell richtig zu deuten weiß. Selbst die kühnsten Revolutionäre waren „Ethiker“ oder „Anti-Ethiker“ wie Sade (der nicht umsonst ein Star unter heutigen Intellektuellen ist – sofern sie nach Ahnherren suchen); sie waren und sind auf Moral/Über-Ich angewiesen, zum Gehorchen oder zum Revoltieren. „Anethiker“ wie L/S/R blieben rudimentär/nihilismusgetarnt/palimpsestartig – kaum identifizierbar.