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Orgonometrie (Teil 2): Kapitel VI.13.

27. Mai 2016

orgonometrieteil12

I. Zusammenfassung

II. Die Hauptgleichung

III. Reichs „Freudo-Marxismus“

IV. Reichs Beitrag zur Psychosomatik

V. Reichs Biophysik

VI. Äther, Gott und Teufel

1. Der modern-liberale (pseudo-liberale) Charakter

2. Spiritualität und die sensationelle Pest

3. Die Biologie zwischen links und rechts

4. Der bioenergetische Hintergrund der Klassenstruktur

5. Die Illusion vom Paradies und die zwei Arten von „Magie“

6. Die gesellschaftlichen Tabus

7. Animismus, Polytheismus, Monotheismus

8. Dreifaltigkeit

9. „Ätherströme“, Überlagerung und gleichzeitige Wirkung

10. Die Schöpfungsfunktion

11. Die Rechtslastigkeit der Naturwissenschaft

12. Bewegung und Bezugssystem

13. Der Geist in der Maschine

Hans Hass‘ Beiträge zu Wilhelm Reichs Konzept „Arbeitsdemokratie“

25. Juli 2015

Es gibt eine ins Auge springende Übereinstimmung zwischen der Energontheorie von Hans Hass und der Orgonomie von Wilhelm Reich. Hass zufolge ist jedes Energon ein „arbeitsteiliges Gefüge“, – also eine Arbeitsdemokratie. Reichs folgende Aussagen über das Wesen der Arbeitsdemokratie haben denn auch viel „Energontheoretisches“ an sich, wie wir noch sehen werden:

Die Summe aller natürlichen Arbeitsbeziehungen nennen wir Arbeitsdemokratie (…). [Sie] sind ihrem Wesen nach funktionell und nicht mechanisch. Sie können nicht willkürlich organisiert werden, sie ergeben sich spontan aus dem Arbeitsprozeß selbst. Die wechselseitige Abhängigkeit (…) ist (…) durch die Verwobenheit der Arbeitsfunktion gegeben. Man kann sich kein willkürliches Gesetz denken, das diese natürlichen Arbeitsbeziehungen verändern könnte. Man kann nicht den Arbeiter am Mikroskop von Glasschleifer unabhängig machen. Die Natur der Linsen wird einzig von den Gesetzen des Lichtes und der Technik diktiert (…) und die Tätigkeit des Menschen von der Natur seiner Bedürfnisse.

Diese sieben Sätze enthalten das Wesentliche der vier Bände der Naturphilosophischen Schriften von Hans Hass!

Betrachten wir zunächst den arbeitsdemokratischen Prozeß in den verschiedenen Bereichen der Natur. Hass zufolge gibt es vier verschiedene Arten von Energonen:

  1. die Pflanzen als „Parasiten der Sonne“ und Nahrung der Tiere;
  2. die Tiere als Parasiten der Pflanzen;
  3. das Tier Mensch als Berufstätiger, der vom Bedarf anderer Menschen lebt; und
  4. aus Berufstätigen sich zusammensetzende Erwerbsorganisationen: Unternehmen, Betriebe, Konzerne und ganze Staaten.

Die Einteilung der Energontheorie in Funktionen, Funktionsträger und Triebtheorie (die für den Energonbau durch den Menschen wichtig ist) erinnert stark an die Systematik, die O.H. von der Gablentz in seiner Einführung in die Politische Wissenschaft (Köln 1965) derselben gegeben hat:

  1. Funktionslehre,
  2. Institutionslehre und
  3. Entscheidungslehre.

Die Institutionslehre beschäftigt sich mit den Parteien, Verbänden, dem Parlament etc. Soweit es sich dabei um „juristische Personen“ handelt, kommt dies dem Energonbegriff schon recht nahe.

Zentraler Punkt der Energontheorie ist, daß über den Menschen, der Erwerbskörper bildet, die Evolution weitergeht. Reich hat in Massenpsychologie des Faschismus ähnliche Gedanken angeschnitten, wenn auch unter negativen Vorzeichen:

Der Maschinenbau und die Maschinenhandhabung haben den Menschen mit dem Glauben erfüllt, daß er sich selbst in die Maschinen hinein und durch sie hindurch fort- und „höher“-entwickle. Er verlieh den Maschinen aber auch ein Aussehen und eine Mechanik, die tierartig sind. (…) Die Produkte der mechanistischen Technik wurden so die Erweiterung seiner selbst. Die Maschinen bilden in der Tat eine mächtige Erweiterung seiner biologischen Organisation. Sie befähigen ihn, die Natur in einem weit höheren Grade zu bewältigen, als seine Hände allein es ihm ermöglichen.

Hier beschreibt Reich den Übergang vom nackten Menschentier zum Berufstätigen mit den „mächtigen Erweiterungen seines biologischen Systems“.

In seinem Aufsatz über Orgonometrie (Orgone Energy Bulletin, Vol. 2, S. 168) ging Reich noch einen Schritt weiter und vergleicht die Organisation der verschiedenen Berufstätigen, die Fabrik, mit einem Organismus. Beide seien „jeweils ein funktionelles Ganzes“, das durch ein gemeinsames Funktionsprinzip (CFP) gebildet und bestimmt wird. Dieses CFP durchdringt

alle Einheiten (…), die im festumrissenen Funktionsbereich eingegliedert sind. Wie immer auch die Anstrengungen eines Organismus (…) oder die Anzahl und Art der Produkte der Fabrik variieren mögen, bleibt das CFP imgrunde dasselbe, solange das spezifische Ganze bestehen bleibt. Und das funktionelle Ganze bleibt nur solange, was es ist, solange es vom selben CFP regiert wird. Eine Fabrik mag mechanisch dieselbe sein, ob sie nun Werkzeuge herstellt oder im Krieg Munition. Funktionell hat sie sich verändert, wenn von der Herstellung von Werkzeugen zur Produktion von Munition übergegangen wurde, da sich das CFP verändert hat. Ein Arbeiter bleibt hinsichtlich der Anzahl seiner Organe und Zellen derselbe, wenn er aufhört ein Bauhandwerker zu sein und ein Kupferschmied wird. Funktionell stellt er jedoch eine vollkommen andere Ganzheit dar, wenn er das CFP seines Daseins ändert. Nach einiger Zeit wird sich diese Veränderung auch in seiner ganzen Persönlichkeit zeigen.

Aus Einzellern entwickeln sich Tierarten, die im Menschentier kulminieren. Aus dem Menschentier entwickeln sich „Berufsarten“, die in der arbeitsdemokratischen Organisation kulminieren.

Am Anfang haben wir den orgonotisch vollständig integrierten Einzeller, der funktionell durch die Keimzellen vertreten wird, aus denen sich alle Tiere entwickeln. Bei dieser Aufspaltung geht phylo- und ontogenetisch diese orgonotische Integration (CFP) verloren und wird auf höherer Stufe erst beim Tier Mensch wieder neu erlangt. (Siehe dazu Die biologische Entwicklung aus orgonomischer Sicht.) Parallel bildet sich dabei langsam das Bewußtsein aus, mit dessen Hilfe der Mensch zur „Keimzelle“ der Berufsköper wird. Durch diese Arbeitsteilung spaltet sich das neue CFP von neuem auf: es entsteht eine neue Fauna aus Schustern, Bäckern, Müllern, Gärtnern und was sonst noch so kreucht und fleucht. Am Endpunkt der Evolution bildet sich eine finale Integrationsstufe aus: die arbeitsdemokratische Organisation, z.B. eine Fabrik. Und auch hier kommt es zu Hemmungen der evolutionären Entwicklung, die beseitigt werden müssen, genauso wie der Orgonom die prägenitalen Fixierungen beseitigt. (Siehe dazu Der Kapitalismus und die Funktion des Orgasmus [Teil 6].) So können wir auch Reichs Marxistische Periode besser beurteilen und von neuem fortführen.

Hass zufolge finden sich verschiedene Berufskörper zusammen und bilden „Erwerbsorganisationen“, die den nicht weiter zu steigernden Höhepunkt der Evolution darstellen. Hass vergleicht die Erwerbsorganisationen mit den Metazoen. In ihnen wäre der Mensch bzw. der Berufskörper auch nur ein austauschbares Teil wie die Zelle im Organismus.

Was ist so fremd an der Vorstellung, daß Erwerbsorganisationen Organismen wie wir sind? Stellen wir doch ebenfalls nur ein lose zusammengefügtes föderatives Gebilde aus ziemlich unabhängigen Organen dar, die sich wiederum ausnahmslos aus kleineren Individuen, den Zellen, zusammensetzen. Das Bewußtsein, bzw. unsere „unsterbliche Seele“, ist doch ein marginales Nebenprodukt der Koordination dieser Einzelteile, das im Schlaf und im Tod erlischt und von jedem Schnaps aus den Fugen gebracht werden kann! Legen wir also etwas von unserem Hochmut ab und öffnen uns der Tatsache, daß auch wir nur Zellen im Organismus der BASF oder von Hoechst sind!

Hass zufolge muß sich der Mensch gegen die evolutionäre Entwicklung hin zu immer integrierteren Erwerbsorganisationen stemmen, denn während der Berufskörper noch seiner Keimzelle (dem Menschen) diene, verkehrt sich dies nun: der Mensch dient der Institution!

Aus arbeitsdemokratischer Sicht ist das nicht zwingend, denn genauso wie es bei der Ausbildung des (genitalen) Menschen Verbiegungen zur Prägenitalität gab, sehen wir auch in Energonen wie z.B. BASF ähnliche pathologische Verbiegungen, die sie von der Weiterentwicklung zu arbeitsdemokratischen Erwerbsorganisationen abhält.

Wie sich der Prozeß der Lebensentfaltung gegen den Menschen selbst richten kann, ließe sich „orgonographisch“ wie folgt darstellen:

Das Problem ist, daß sich die (künstlichen) Organe des Menschen gegen ihn selbst richten. Die Entwicklung des Lebens, die dem Tier künstliche Organe geschenkt hat – vom Schneckenhaus des Einsiedlerkrebses bis zum Verwaltungsgebäude der Deutschen Bank – wendet sich schließlich gegen das Leben selber. Es ist eine direkte Entsprechung der Abpanzerung des Menschentiers.

In Zeugnisse einer Freundschaft spricht Reich davon, die „Institution der mechanisierten Zivilisation“ gründe sich „notwendigerweise auf harte Bäuche, eingezogene Hintern, rausgestreckte Oberkörper und steife Muskeln.“ Demgegenüber ließe sich das freifließende Leben nicht mechanisch organisieren:

Man kann Banden, Gauner, Profitmacher, eine Eisenbahnlinie, eine Kriegsmaschinerie organisieren, aber nicht Leben und Wahrheit.

Reich geht sogar bis ins Extrem:

(…) natürlich kann es kein universelles orgastisches Leben geben, wenn die ganze Umwelt unnatürlich ist (…) das Lebensniveau der Trobriander wird bald wieder vorhanden sein – glücklicherweise.

Hass gibt uns einen Hinweis auf die energieökonomischen Hintergründe der menschenzerstörenden Fehlentwicklung im Lebensstrom, wenn er den Fortschritt, der mit dem Energon Erwerbsorganisation erreicht ist, namhaft macht: das erste Mal in der Evolution befreit sich der Lebensstrom von der Last des „föderativen Aufbaus“.

So wird z.B. jede einzelne Zelle mit der Unterhaltung eines eigenen Kraftwerkes (den Mitochondrien) belastet. Erst bei den Erwerbsorganisationen ist jede nur erdenkliche Funktionszusammenlegung möglich geworden. Die Berufskörper innerhalb eines Unternehmens (also dessen „Zellen“) brauchen z.B. nicht je einen Elektrogenerator. Der ganze Betrieb hat einen zentralen Generator oder einen Anschluß ans öffentliche Netz. Mit diesem ökonomischen Fortschritt geht aber auch das verloren, was Reich dazu führte, den Organismus als das Muster aller Arbeitsdemokratie zu nehmen: eben der föderative Aufbau.

Und schließlich schlägt diese Fortschritt ja auch unausweichlich in sein Gegenteil um. Es sei nur daran erinnert, wie ungemein überlegen sich einst die Länder des Realsozialismus ob ihrer totalen Zentralisation fühlten. Ähnliches ließe sich über die gescheiterten Zusammenschlüsse von Großkonzernen sagen.

Hass sagt, daß in den Betrieben „perfekte Zentralisation“ wohl möglich geworden sei,

sich jedoch als schädlich erwiesen [habe], da sie die Initiative der Mitarbeiter lähmt. Ein gewisses Maß an „dispositiver Freiheit“ hat sich hier als förderlich gezeigt. Bei den besonders erfolgreichen Großbetrieben der USA gilt die Parole: „Ziele zentralisieren, Entscheidungen dezentralisieren.“

Genau hier findet sich die Selbstregulierung in der Entfaltung des Lebensstroms.

Ein weiterer Punkt, der der Erwerbsorganisation viel von ihrem Schrecken nimmt: Wir werden nicht nur zu Zellen und Organen der Erwerbsorganisationen, sondern diese können ebensogut auch uns als Organe dienen! Hass weist darauf hin, daß das Herz ja nicht nur dem Körper als Ganzem dient, sondern umgekehrt auch der Körper als Organ des Herzens betrachtet werden kann. So ist der kleine Angestellte nicht nur ein „Rad im Getriebe“, sondern umgekehrt kann er auch den Betrieb als künstliches Organ seiner selbst betrachten!

In seinem Der Einzige und sein Eigentum stellt Max Stirner in diesem Sinne seinen „Verein der Egoisten“ gegen die „Gesellschaft“. Den Unterschied zwischen beiden faßt er wie folgt:

Hat sich ein Verein zur Gesellschaft kristallisiert, so hat er aufgehört, eine Vereinigung zu sein, denn Vereinigung ist ein unaufhörliches Sich-Vereinigen, er ist zu einem Vereinigtsein geworden, zum Stillstand gekommen, zur Fixheit ausgeartet, er ist – tot als Verein, ist der Leichnam des Vereins und der Vereinigung, d.h. er ist Gesellschaft.

Stirner impliziert hier nicht nur einen gesellschaftlichen Organismus (indem er von „Leichnam“ spricht), sondern er beschreibt gleichzeitig auch den Abpanzerungsprozeß im Lebensstrom. Durch dieses Absterben des „Vereins“ (der Arbeitsdemokratie) wird das Individuum zum Knecht des übriggebliebenen Leichnams, während es ursprünglich genau umgekehrt war:

In den Verein bringst Du deine ganze Macht, dein Vermögen, und machst Dich geltend, in der Gesellschaft wirst Du mit deiner Arbeitskraft verwendet; in jenem lebst du egoistisch, in dieser menschlich, d.h. religiös, als ein „Glied am Leibe dieses Herrn“: der Gesellschaft schuldest Du, was du hast, und bist ihr verpflichtet, bist von „sozialen Pflichten“ – besessen, den Verein benutzt Du und gibst ihn „pflicht- und treulos“ auf, wenn Du keinen Nutzen weiter aus ihm zu ziehen weißt. Ist die Gesellschaft mehr als Du, so geht sie Dir über Dich; der Verein ist nur Dein Werkzeug oder das Schwert, wodurch Du deine natürliche Kraft verschärfst und vergrößerst; der Verein ist für Dich und durch Dich da, die Gesellschaft nimmt umgekehrt Dich für sich in Anspruch und ist auch ohne Dich; kurz die Gesellschaft ist heilig, der Verein dein eigen: die Gesellschaft verbraucht Dich, den Verein verbrauchst Du.

Dieser extreme Egoismus (bzw. „Separation“) mag auf den ersten Blick gegen die Arbeitsdemokratie gerichtet sein, aber man kann gegen seine liberalen Kritiker den folgenden Satz Stirners halten: „Erst mit der letzten Separation endigt die Separation selbst und schlägt in Vereinigung um.“ Man betrachte zu diesem Satz auch die erste Abbildung.

Dies bringt uns zur „Entwicklung des autoritären Staatsapparats aus rationalen sozialen Beziehungen“, über die Reich in Massenpsychologie des Faschismus geschrieben hat. (In diesem Kapitel spricht Reich auch vom „Organismus der Gesellschaft“!) Für Reich war der erste Briefträger

die menschlich verkörperte zwischenmenschliche Beziehung des Briefschreibens und -beförderns. Auf diese Weise entstand ein gesellschaftliches Organ. (Hervorhebung von Reich)

Weiter beschreibt Reich, wie sich dann dieses Organ der Gesellschaft zum Staat verselbstständigte und sich gegen dieselbe stellte. Das geschieht durch „Funktionserweiterung“ (Hass). Reich erwähnt die „neuartige Funktion“ der Postzensur. Nun ist

die Ausschaltung derjenigen Funktion der sozialen Administration, die über der und gegen die Gesellschaft funktioniert, (…) eine der Arbeitsdemokratie innewohnende Tendenz. Der natürliche arbeitsdemokratische Prozeß verträgt keine anderen administrativen Funktionen als solche, die dem Zusammenhalt der Gesellschaft und der Erleiterung ihrer Lebensfunktionen dienen.

Julius Wagner-Jauregg und wir

18. März 2015

Wagner-Jauregg ist bis heute unvergessen, weil er als bisher einziger Psychiater 1927 den Nobelpreis erhielt. Damit wurde seine jahrzehntelange Arbeit zur Heilung von Psychosen durch künstlich hervorgerufenes Fieber und Infektionskrankheiten gewürdigt.

Er war Kollege und Freund von Sigmund Freud. In einem Verfahren wegen von Jaureggs Elektrotherapie bei Kriegsneurosen erstattete Freud ein Gutachten zu von Jaureggs Gunsten. Wagner von Jauregg verfaßte den Bericht für die Wiener Fakultät, aufgrund dessen Freud ordentlicher Professor wurde. (Schott/Tölle: Geschichte der Psychiatrie, München 2006, S. 524).

Reich hatte an der Universität Psychiatrie-Vorlesungen bei Wagner-Jauregg gehört, und im Anschluß an das Medizinstudium seine Facharztausbildung an der von Wagner-Jauregg geleiteten Universitätsklinik für Neurologie und Psychiatrie gemacht.

In den 1940er Jahren erinnerte sich Reich an seinen Lehrer. Nachdem Reich ausführt, daß das Sitzen im Orgonenergie-Akkumulator zu einer „Erstrahlung“ der organismischen Orgonenergie führt, fährt er fort:

Man könnte von einem Standpunkt aus die Orgontherapie auch als eine natürliche „Fiebertherapie“ bezeichnen, wenn man das Fieber korrekt als Anzeichen erhöhter bioenergetischer Tätigkeit des Organismus auffaßt. Von hier aus versteht man auch manche Heilungsmethoden in der Medizin, die bisher rein empirisch, ohne begriffen zu sein, angewendet werden. Die Malariatherapie, die mein klinischer Lehrer Wagner-Jauregg in Wien gegen die allgemeine Parese einführte, besteht in nichts anderem als in der künstlichen Anregung starker Zellerstrahlung durch Injektion von Malariaparasiten. Hierher gehört der heiße Tee mit Rum bei Erkältung ebenso wie der „warme Umschlag“ gegen Zahnschmerzen. Wir stehen vor der Aufgabe, die Wirkungen mancher chemischer Heilmittel von diesem Standpunkt aus zu begreifen. (Der Krebs, Fischer TB, S. 323)

Wagner-Jauregg lehnte es ab, psychische Erkrankungen als reine Erbkrankheiten zu betrachten, wie es damals en vogue war. Es gäbe zwar eine unterschiedliche Vulnerabilität doch Auslöser könnten beispielsweise Infektionserkrankungen sein.

Er konnte sich vorstellen, daß bei einer Erkrankung einzelner Organe das Gehirn mitbetroffen sei und abnorm funktioniere – etwa daß Psychosen Folgen gastrointestinaler Erkrankungen seien, bei denen Stoffwechselprodukte von Bakterien toxische Wirkungen auf das Nervensystem ausübten. Seine grundsätzlich psychosomatische oder besser somatopsychische Haltung sollte er später in dem schönen Satz, jede Körperzelle sei am depressiven Prozeß beteiligt, in radikaler Weise ausdrücken.

Für einen einführenden Überblick verweise ich auf den soeben zitierten kurzen Aufsatz von Theodor Meißel Wagner-Jauregg – ein Wegbereiter der modernen biologischen Psychiatrie.

Wagner-Jauregg war ein Deutschnationaler, wenn auch kein Rassist; seine erste Frau war Jüdin. Aus seiner großdeutschen Gesinnung heraus war seine Annäherung an die Nationalsozialisten im Verlauf der 1930er Jahre nur allzu natürlich. Meißel schließt daran jedoch grundsätzliche Überlegungen an:

Wagner-Jaureggs Wahlspruch: „Wer einen Charakter hat, braucht keine Prinzipien“ zeigt ihn als zutiefst problematischen Menschen, der sich selbst Charakter zuspricht und verbindlicher Prinzipien ledig sein zu können glaubt, die Gefahr übersehend, damit verbindliche menschliche Spielregeln zu entwerten, Grenzen überschreiten zu können und übergriffig zu werden. Die schöne poetische Übersetzung dieses Wahlspruchs von Paul Lorenz für die Wagner-Jauregg-Medaille (…) „eine durch und durch edle Natur bedarf keiner eigenen Gesetze“ – diese Übersetzung transzendiert Wagner-Jaureggs Problematik in einen menschlichen Grundkonflikt, den zwischen menschlicher Natur und menschlicher Kultur und Zivilisation. Wagner-Jaureggs Wahlspruch macht seine Affinität bzw. fehlende Abgrenzung zu einer Herrenmenschenideologie verständlich.

Die Frage ob Wagner-Jauregg ein „Nazi“ war, sei dergestalt auch heute noch von Bedeutung, „um Prinzipien menschlicher Kultur, menschlicher Gesittung zu erhalten, zu verteidigen und weiterzuentwickeln.“

Für den Studenten der Orgonomie ist das ganze von Bedeutung, weil Wagner-Jauregg seinen Wahlspruch sicherlich (wenn auch vielleicht nur indirekt) von Nietzsche abgeleitet hat und dieser wiederum mit einiger Sicherheit von Max Stirner.

Es ist bezeichnend, daß vermeintlich „kritische Geister“ wie Theodor Meißel das Heil in „ethischen Prinzipien“ suchen, der Konservative im „Charakter“. Hier wird auch unmittelbar deutlich, warum die Orgonomie so eine Affinität zum konservativen Spektrum hat.

Abschließend einige Zitate aus dem Nachlaß und den Schriften Nietzsches:

Ideale der Art sind die vorwegnehmenden Hoffnungen unserer Triebe, nichts weiter. So gewiß wir Triebe haben, verbreiten diese auch in unserer Phantasie eine Art Schema von uns selber, wie wir sein sollen, um unsere Triebe recht zu befriedigen – dies ist idealisieren. (Kritische Studienausgabe, Bd. 9, S. 336f)

Vertrauen wir den Trieben, sie werden schon wieder Ideale schaffen! wie es die Liebe immerfort thut. (Bd. 9, S. 353)

Und weiter bezeichnet Nietzsche die Triebe als „schaffende Künstler“ (Bd. 9, S. 354). „Das Ideal ist die Vorwegnahme der Hoffnungen unserer Triebe (der herrschenden Triebe)“. Ein anderes Ideal entsteht, wenn „ein anderer Trieb zur Herrschaft kommt“ (Bd. 9, S. 396). Das „Rechte und Naturgemässe“ ist, „ohne Grundsätze, aber mit Grundtrieben, ein beweglicher Geist im Dienste starker Grundtriebe, und eben deshalb ohne Grundsätze“ zu leben (Bd. 3, S. 149).

Was ist der Mensch? Ein Haufen von Leidenschaften, welche durch die Sinne und den Geist in die Welt hineingreifen. (Bd. 10, S. 207)

Funktionalismus bei Hans Hass (Teil 3)

1. Januar 2014

Hans Hass‘ Energontheorie harmoniert perfekt mit Reichs Ausführungen in Der biologische Rechenfehler im menschlichen Freiheitskampf. Wir haben die Maschinen und Werkzeuge geschaffen, die auf uns zurückwirken und uns (die wir doch eigentlich ihre Herren sein sollten) versklaven.

Orgonometrisch sieht das wie folgt aus:

lebendiemaschine

In einer ungepanzerten Gesellschaft benutzt der Mensch seine zusätzlichen Organe (Maschinen), um die Macht des Lebendigen auszuweiten (Gleichung 1). Gleichzeitig separiert er das Lebendige in sich von der toten Maschine (Gleichung 2).

In einer gepanzerten Gesellschaft hingegen identifiziert sich der Mensch mit der Maschine und wird selbst zur Maschine (Gleichung 1). Gleichzeitig verliert er jede Kontrolle über die Maschine (Gleichung 2).

Darüber hinaus gibt es in der Energontheorie keinen Unterschied zwischen materiellen Werkzeugen (Hammer, Auto, PC, etc.) und immateriellen Werkzeugen (Sprache, Gesetze, Moral, Ethik, Religion, etc.). So gesehen ist in ihr durchaus Platz für das Über-Ich und Charakterpanzer bzw. natürlich Kritik am Über-Ich und am Charakterpanzer, was die obigen orgonometrischen Erörterungen weiter vertieft.

Der Energontheorie zufolge besteht kein funktioneller Unterschied zwischen der Schutzvorrichtung eines Igels (Stacheln) und der eines Kaninchens (die immaterielle Verhaltensvorschrift „Lauf weg!“). Es ist letztendlich gleichgültig ob der Gendarm real vor mir steht oder immateriell in meiner Brust steckt (vgl. Der Einzige und sein Eigentum, Reclam, S. 55).

Wie sich vom Über-Ich, dem „Gendarmen in der Brust“ befreien? In Begriffen der Energontheorie: im Rahmen einer Funktionserweiterung. Wir sind einerseits Tiere (Metazoen, die aus Keimzellen hervorgegangen sind), andererseits wiederum selbst Keimzellen von Hyperzellern. Wir haben die Welt erschaffen, die uns umgibt. Wie haben wir das gemacht? Mit unseren Händen, die ursprünglich dazu geschaffen waren, um sich an Äste zu klammern, und mit unserem Gehirn, das ursprünglich dazu geschaffen war, uns zu intelligenten Tieren zu machen, die das natürliche Nahrungsangebot optimal ausnutzen können. Durch Funktionserweiterung dieser beiden Organe wurden wir zu Keimzellen von Hyperzellern – und im Laufe der Entwicklung wurden wir zu Sklaven unserer von uns erschaffenen Umgebung. Aber genauso, wie wir das Gehirn für die Entwicklung von zusätzlichen Organen (vom Hammer bis zum Space Shuttle, von der Sprache bis zur höheren Mathematik) „mißbrauchten“, steht es uns frei im Rahmen einer weiteren Funktionserweiterung des Gehirns uns kritisch mit unserer Lage auseinanderzusetzen und uns von unseren zusätzlichen Organen, insbesondere dem Über-Ich, wieder zu distanzieren, bzw. sie ganz abzustoßen.

Hass hat uns gelehrt, unsere Ehrfurcht vor der Lebensentfaltung zu überwinden: das, was ist und was „natürlich“ ist, muß nicht gut sein. Gut für wen? Für die Hyperzeller (Wirtschaft und Staat). Nicht gut für wen? Für den nackten Menschen, für den Egoisten, für den Einzigen, für das Menschentier. Das bedeutet nicht ein Zurück zur Natur, sondern: die Lebensentfaltung hat uns, hat mir zu dienen.

Ich möchte nie mehr auf das zusätzliche Organ Computer und Internet verzichten – sehr wohl aber auf das Über-Ich. Wie sieht dieses ominöse „Über-Ich“ aktuell aus? Wie werden unsere Kinder im Interesse der Hyperzeller bzw. des Lebensstroms, den sie fortsetzen, verformt? Es liegt im Interesse der Lebensentfaltung, daß sie selbstvergessene, konsumorientierte, unkritische RTL-Gucker werden, die sich einbilden Egoisten zu sein, in Wirklichkeit aber einzig und allein dem Egoismus der Lebensentfaltung dienen. Der größte Feind dieser über die Keimzellen der Hyperzeller hinwegströmenden Lebensentfaltung sind kritische „Egoisten“, die ihre Stellung im Rahmen der Lebensentfaltung kennen. Aus energontheoretischer Sicht sind sie die Stimme der Keimzelle(n) der Hyperzeller. Beispielseise hatte Max Stirner eine recht gute Vorstellung von der Lebensentfaltung in Gestalt der Philosophie Hegels („die Entfaltung des absoluten Geistes“).

Betrachten wir doch einmal Stirners Leben und Werk aus energontheoretischer Sicht: Damals waren Staaten entweder Berufskörper des jeweiligen Königs (wie im absolutistischen Frankreich: „der Staat bin ich“ – so wie der Handwerker sagt: „die Firma bin ich“) oder gigantische Erwerbsorganisationen, etwa Preußen, wo sich der König als erster und höchster Diener des Staates verstand. Hegel war der Ideologe dieser Erwerbsorganisation, in der der Bürger zum Rädchen im Getriebe wird und von Kindheit so gedrillt wird, bis er schließlich „den Gendarmen in seiner Brust hat“. Auch Stirner wurde da hineingepreßt und sollte als Lehrer aus freien Menschentieren Zellen des Hyperzellers „Preußen“ machen. Dagegen empörte er sich in Funktionserweiterung dessen, was er gelernt hatte. Leider blieb seine Argumentation größtenteils „geistesgeschichtlich“. Dagegen stellte Marx sein „materialistisches“ Programm, – das aber nicht viel mehr war als doch nur wieder Hegel.

Stirners „Verein der Egoisten“ ist nichts anderes als eine Ansammlung von Keimzellen, die sich von ihren Hyperzellern emanzipiert haben und mit ihren zusätzlichen Organen wieder frei umgehen.

Stirner stellt (ganz im Sinne von Hans Hass) das Recht (also gewisserweise das „Über-Ich“ der Gesellschaft) als „zusätzliches Organ“ (sozusagen ein immaterielles Werkzeug) dar, daß sich gegen seinen eigenen Schöpfer wendet, ihm sozusagen über den Kopf wächst:

Der Gedanke des Rechts ist ursprünglich mein Gedanke oder er hat seinen Ursprung in Mir. Ist er aber aus Mir entsprungen, ist das „Wort“ heraus, so ist es „Fleisch geworden“, eine fixe Idee. Ich komme nun von dem Gedanken nicht mehr los; wie Ich Mich drehe, er steht vor Mir. So sind die Menschen des Gedankens „Recht“, den sie selber erschufen, nicht wieder Meister geworden: die Kreatur geht mit ihnen durch. Das ist das absolute Recht, das von Mir absolvierte oder abgelöste. Wir können es, indem Wir‘s als absolutes verehren, nicht wieder aufzehren, und es benimmt Uns die Schöpferkraft; das Geschöpf ist mehr als der Schöpfer, ist „an und für sich“. (Der Einzige und sein Eigentum, S. 225)

„Das Recht ist der Geist der Gesellschaft“ (Der Einzige und sein Eigentum, S. 204) – und stempelt mich zum Verbrecher, wenn ich ich bin. Das Recht, ursprünglich ein Interessenausgleich zwischen Individuen, ein Werkzeug meiner Macht, wurde zu einer heiligen fixen Idee, die mich, ihren Schöpfer, auslöschen will. – Die Energontheorie beschreibt nichts anderes: der Mensch erschuf sich seine Umwelt, um leben zu können und brachte es zu einer ungeheuren Machtsteigerung – nur um festzustellen, daß sich alles gegen ihn, den Schöpfer, wendet; manipuliert, abhängig und kurz vor der Auslöschung. – Was bei Stirner der „Einzige“ ist, ist bei Hass die „Keimzelle Mensch“.

Wie drückt man diese Gewalt nun verkehrterweise aus? Man sagt, Ich habe ein Recht auf diesen Baum, oder er sei mein rechtliches Eigentum. Erworben also habe Ich ihn durch Gewalt. Daß die Gewalt fortdauern müsse, damit er auch behauptet werde, oder besser: daß die Gewalt nicht ein für sich Existierendes sei, sondern lediglich im gewaltigen Ich, in Mir, dem Gewaltigen, Existenz habe, das wird vergessen. Die Gewalt wird, wie andere meiner Eigenschaften, z.B. die Menschlichkeit, Majestät usw., zu einem Fürsichseienden erhoben, so daß sie noch existiert, wenn sie längst nicht mehr meine Gewalt ist. Derart ist ein Gespenst verwandelt, ist die Gewalt das – Recht. Diese verewigte Gewalt erlischt selbst mit meinem Tode nicht, sondern wird übertragen oder „vererbt“. (Der Einzige und sein Eigentum, S. 307)

Das entspricht ganz der Panzerung, die ja in der individuellen Geschichte des Menschen am Anfang auch eine rationale Schutzfunktion hatte, d.h. anfänglich ebenfalls sozusagen ein „zusätzliches Organ“ war, dann aber außer Kontrolle geriet: wir haben keine Panzerung mehr, wir sind Panzerung, d.h. wir „haben“ einen Charakter. Ausgeweitet auf die Gesellschaft ist das die jeweilige „Kultur“, die von Generation zu Generation weitergetragen wird.

Seitdem die Abstammung des Menschen aus primitiveren Lebensformen erwiesen sei, liege, so Hass, ein „natürliches und neutrales“ Bezugssystem vor. So wie aus der Lebensentwicklung

jede neue Struktur, jedes neue Phänomen hervorgegangen ist – so sollten auch die Begriffssysteme aller Spezialwissenschaften auf die gemeinsame Wurzel dieser Entwicklung zurückgehen. (…) Es wird nur allzuleicht übersehen, daß (die) Begriffe das höchst persönliche Werk des Menschen sind – nicht aber notwendigerweise ein Spiegel der Wirklichkeit. (…) Diese „Schubladen“, die über Erziehung und Tradition von einem Gehirn auf das nächste übertragen werden, machen uns leicht glauben, daß die Erscheinungen, die in ihnen zusammengefaßt sind, von Natur her zusammengehören, daß diese Einheiten also das „Wesen“ dieser Welt kennzeichnen. Das tun sie aber nur beschränkt – denn jeder Begriff ist bloß eine uns dienliche Einrichtung, ein Werkzeug unseres Geistes – jeder von ihnen, mit einem Wortsymbol versehen, ist ein uns dienender Funktionsträger und in diesem Sinn auch wieder ein erworbenes – ein „künstliches“ Organ. Und (…) hier besteht die Gefahr, daß aus Dienern Herren werden, indem sich diese Schubladen nicht mehr wirklich unseren Zwecken unterwerfen, sondern höchst selbstsüchtig unsere Gedanken in ihre Schablone pressen. (…) Wir brauchen (Worte), wir können ohne sie nicht denken – aber man muß ihnen mit äußerstem Mißtrauen begegnen. (…) Das junge, sich erst bildende Gehirn ist in dieser Hinsicht noch frei und unbehindert. Es kann jeden dieser Diener erst prüfen, ehe es sich ihm anvertraut.

Hass stimmt hier vollkommen mit Stirner überein, d.h. die „emanzipatorischen“ Implikationen sind bei beidem identisch. Stirner:

Begriffe sollen überall entscheiden, Begriffe das Leben regeln, Begriffe herrschen. (…) Nach Begriffen wird alles abgeleiert, und der wirkliche Mensch, d.h. Ich werde nach diesen Begriffsgesetzen zu leben gezwungen. (…) Eine unzählige Menge von Begriffen schwirren in den Köpfen umher, und was tun die Weiterstrebenden? Sie negieren diese Begriffe, um neue an deren Stelle zu bringen! (…) So schreitet die Begriffsverwirrung vorwärts. (Der Einzige und sein Eigentum, S. 104f)

Es geht um eine zweifache „Götzendämmerung“: einerseits um die erörterte Befreiung von der Knechtung durch Begriffe, die von unseren zusätzlichen Organen, sich zu Herren über uns aufgeschwungen haben und andererseits um die Empörung gegen jenen Entfaltungsstrom, dessen willenlose Werkzeuge wir bisher waren, der aber doch nur aufgrund unserer Anstrengung leben kann.

Zum Gedenken an Hans Hass (Teil 3)

10. Juli 2013

Eines der Grundleistungen der Energone, die Verbesserung ihrer Nachkommen, dient weder dem Individuum, dem durch die Fortpflanzung, d.h. durch die fünfte als Voraussetzung der sechsten Grundleistung, nur Verluste entstehen, noch der Art, die durch die Entstehung neuer, besser angepaßter Arten nur neue Konkurrenz gewärtigen muß, sondern einzig und allein einer Instanz, die über Individuum und Art hinausweist: der Entfaltung des Lebens. Ständig steigert dieser „Entfaltungsstrom“ sein räumliches Volumen und seine Potenz, Arbeit zu leisten. Er ist ein sich ausbreitender Prozeß der Energieballung.

In der zweiten Phase der Evolution wird durch diese alles besiegende Kraft, die immer mehr Materie zusammenballt und organisiert, das gesamte Leben auf diesem Planeten bedroht. Scheinbar kann nichts mehr die Berufskörper und Erwerbsorganisationen davon abhalten, diesen Planeten in einen mit ihren Abfallprodukten übersäten Mond zu verwandeln.

Für Hass ist die Lebensentfaltung nicht heilig, sondern ganz im Gegenteil – nicht verdammens-, aber sehr wohl im Stirnerschen Sinne empörenswert! Daß am „Entfaltungsstrom“ nichts per se „lebenspositives“ ist, sieht man am Energon „Handelsvertreter“: er könnte z.B. Kettensägen in die letzten Winkel Brasiliens bringen. Hier werden die Lebensgrundlagen des Menschen vernichtet, aber die Wirtschaft wird (zumindest kurzfristig) angekurbelt, was den blinden, bewußtseinslosen „Entfaltungsstrom“ anschwellen läßt.

Man muß das durchschauen und sich von der Lebensentfaltung emanzipieren. Kern dieser Aufklärung ist die Empörung des Einzelnen, der seinen Egoismus wiederfindet. Und hier kommt das Über-Ich ins Spiel, denn das Über-Ich ist nichts anderes als „der Gendarm in der Brust“, die Eltern in uns, die Gesellschaft in uns, letztendlich die „zusätzlichen Organe“ in uns.

Wenn z.B. Max Stirner von der „Menschheit“ schreibt, entspricht dies vollkommen, bis hin zum „ich will nicht dem Egoisten ‚Menschheit‘ dienen, sondern selbst Egoist sein“ (Stirner sinngemäß). Im folgenden entspricht „Menschheit“ bei Stirner der „Lebensentfaltung“ bei Hass – man braucht nur die Wörter tauschen und es könnte ebenso von Hass stammen:

Wie steht es mit der Menschheit, deren Sache Wir zur unsrigen machen sollen? Ist ihre Sache etwa die eines Anderen und dient die Menschheit einer höheren Sache? Nein, die Menschheit sieht nur auf sich, die Menschheit will nur die Menschheit fördern, die Menschheit ist sich selber ihre Sache. Damit sie sich entwickelt, läßt sie Völker und Individuen in ihrem Dienste sich abquälen, und wenn diese geleistet haben, was die Menschheit braucht, dann werden sie von ihr aus Dankbarkeit auf den Mist der Geschichte geworfen. Ist die Sache der Menschheit nicht eine – rein egoistische Sache? (Der Einzige und sein Eigentum, S. 4).

Stirners Der Einzige und sein Eigentum ließe sich mit Hass‘ Theorie naturwissenschaftlich ableiten und zwar mit einem zeitgemäßen Akzent: „Konsum“ statt „das Wahre, Gute und Rechte“ wie zu Stirners Zeiten.

Die Verbindung von Energontheorie und Triebtheorie liegt darin, daß in der ersten Phase der Evolution die Energone (Pflanzen und Tiere) ihre Energiequellen („Platz an der Sonne“, Pflanzen und andere Tiere) durch Raub („Raubinstinkte“) anzapfen, während sie in der zweiten Phase der Evolution (Hyperzeller: Berufskörper und Erwerbsorganisationen) ihre Energie ganz im Gegenteil dadurch gewinnen, indem sie nicht etwa die Gebrechen ihrer Energiequellen ausnutzen (wie es Raubtiere tun, die junge und kranke Tiere reißen), sondern indem sie behilflich sind, diese Gebrechen zu überwinden. Sie gewinnen so Kunden und damit ein Einkommen (Energie). Sie versuchen, die Kunden an sich zu binden.

Das Problem ist, daß dadurch die gesellschaftliche Tendenz entsteht, die Menschen zu dem zu machen, was gemeinhin mit den Worten „Konsumismus“ und „Markenfixiertheit“ umrissen wird. Genauso wie in der individuellen Über-Ich-Produktion das Kind „ent-eignet“ werden soll, liegt es in der inneren Logik der Lebensentfaltung, dem Konsumenten (die Energiequelle der Hyperzeller) den Eigenwillen zu rauben. Man betrachte sich nur mal, eine beliebige Schulklasse, wo die Kids nur für irgendwelche schwachsinnigen Markenartikel leben und zu willenlosen Vollidioten heranwachsen – und sich dabei allen ernstes einbilden „Egoisten“ und frei zu sein.

Der Grundimpetus der Energontheorie ist ein emanzipatorischer:

[L]etzter Zweck dieser Ausführungen ist es, das, was Glaube, Moral und ethische Wunschvorstellungen seit eh und je anstreben, einer konkreten Verwirklichung näherzubringen – freilich, auf einem anderen als dem bisher beschrittenen Weg. (Der Hai im Management, S. 49).

Die gesellschaftspolitischen Konsequenzen lassen sich aus folgender Aufstellung ableiten, bei denen das Interessen des einzelnen Menschen gegen das Interesse des Lebensstrom (hier mit rot markiert) gestellt werden:

  • Persönliches Interesse
    Lebensstrominteresse.
  • Großer Glücksbezug aus Wenigem.
    Glücksbezug aus möglichst teuren Gütern und Dienstleistungen. Unersättlichkeit.
  • Lange Haltbarkeit und Nutznießung der künstlichen Organe.
    Möglichst schnelles Verschleißen, besonders jener des Luxuskörpers. Unmodern-, Wertloswerden.
  • Zufriedenheit aus Freundschaftsbeziehungen.
    Freundschaftsbeziehungen, die zu Konsum führen (Essen, Trinken, Reisen, Unterhaltung usw.).
  • Bescheidenheit, Glück aus dem eigenen Selbst.
    Unbescheidenheit, kein Glück aus dem eigenen Selbst, Glück aus konsumfördernden Handlungen.
  • Verringerung der unangenehmen Arbeit, Freude an der Arbeit.
    Vermehrung jeglicher Arbeit, Umsatz, Steigerung des Nationalproduktes.
  • Befriedung der Welt, niedrigere Steuern.
    Gefühl der Unsicherheit, das hohe Staatsausgaben für Verteidigung rechtfertigt.
  • Abstimmung der Luxuskörper auf die eigenen Fähigkeiten.
    Keine solche Abstimmung. Jeder soll sich bis zum Tod nach etwas sehnen, das er noch nicht hat.
  • Entwicklung der eigenen Interessen.
    Entwicklung der eigenen Interessen derart, daß sie in konsumführende Kanäle einfließen.
  • Eigene Meinung.
    Ja keine eigene Meinung.
  • Charakter, Ehrenhaftigkeit.
    Charakter und Ehrenhaftigkeit nur insofern, als sie nicht zu einem Stagnieren der Machtsteigerungswünsche führen.
  • Eigener Entschluß.
    Ja kein eigener Entschluß. Die Entschlüsse werden fertig ins Haus geliefert, und zwar so, daß sie zu Konsum führen.
  • Verläßliche Nachrichtenübermittlung.
    Nachrichten werden zum Unterhaltungs- und Beeinflussungsmittel.
  • Unaufdringliche Staatsleitung.
    Aufdringliche Staatsleitung.
  • Gemächlichkeit.
    Steigerung der Schnelligkeit. Die Reise von Europa nach den USA soll nicht fünf, sondern nur mehr zwei Stunden dauern. Das ist ungeheuer wichtig.
  • Beherrschung der menschlichen Technik. Sie soll sein Diener sein, den man selbst ruft, wenn man etwas braucht. Der Diener soll einen nicht unaufhörlich stören, indem er seine möglichen Dienste anpreist.
    Beherrschung des Menschen durch seine Technik. Anhaltendes, rapides Wirtschaftswachstum.

(…) Dieses Modell wird somit von einem Menschen getragen, der darauf ausgerichtet ist, sich von direkter oder indirekter Beeinflussung freizuhalten, sich freiwilliger Selbstbeschränkung zu unterwerfen [PN: rationales Über-Ich], um so die negativen Faktoren der Lebensentfaltung zu beherrschen. [Hass:] „Auf seiner Fahne steht wieder Freiheit, jedoch vielleicht zum erste Mal völlig zurecht [PN: im Zusammenhang wird deutlich, daß Stirners „Eigenheit“ der passendere Begriff im Rahmen der Energontheorie wäre]. Sein zentrales Streben ist: Herr im eigenen Haus zu sein. Es läuft darauf hinaus, das Ich von allen fremddienlichen Einheiten zu befreien – so daß jede tatsächliche Fremddienlichkeit eine durchaus selbstgewollte und somit freie ist. Endziel ist hier ein möglichst freier Wille“. (Andreas Hantschk und Michael Jung: Rahmenbedingungen der Lebensentfaltung. Die Energontheorie des Hans Hass und ihre Stellung in den Wissenschaften, Solingen 1996, S. 196)

[youtube:https://www.youtube.com/watch?v=UONfK3fsF_8%5D

Grundelemente einer orgonomischen Soziologie (Teil 9)

4. Mai 2013

Zum weiteren Verständnis muß zunächst eine Grundschwierigkeit ausgeräumt werden, an der viele bei ihrer Beschäftigung mit Max Stirner scheitern: er hat nicht der subjektiven „solipsistischen“ Willkür Tür und Tor geöffnet, sondern ganz im Gegenteil sich gegen die Willkür der Menschensatzungen empört, um den Gesetzen der Natur wieder Geltung zu verschaffen, gegen die jede Empörung einfach nur eine Kinderei, also Religion ist. Aber genau das haben sich seine „Nachfolger“, Adorno & Co., zuschulden kommen lassen: kindsköpfigerweise „entlarvten“ sie auch „die Natur“ (z.B. die Genitalität) als bloße Ideologie – und öffneten so der Willkür wieder Tür und Tor. Getoppt wird diese merkwürdige „Dialektik der Aufklärung“, indem plötzlich Reich und Stirner als Faschisten „entlarvt“ dastehen (vgl. dazu Bernd Laskas rororo Bildmonographie über Wilhelm Reich, S. 39).

Zum besseren Verständnis Stirners möchte ich Nietzsche zitieren:

Wir aber wollen Die werden, die wir sind, – die Neuen, die Einmaligen, die Unvergleichbaren, die Sich-selber-Gesetzgebenden, die Sich-selber-Schaffenden! Und dazu müssen wir die besten Lerner und Entdecker alles Gesetzlichen und Notwendigen in der Welt werden: wir müssen Physiker sein, um, in jenem Sinne, Schöpfer sein zu können, – während bisher alle Wertschätzungen und Ideale auf Unkenntnis der Physik oder im Widerspruch mit ihr aufgebaut waren. Und darum: Hoch die Physik! (Die fröhliche Wissenschaft, A 335)

Die Nähe zu Reich, dem „Stirnerischen“ Naturwissenschaftler, ist evident.

In der Denkweise der Kritischen Theorie wird Reich „entlarvt“ als Instrument der kapitalistischen „instrumentellen Vernunft“, die ihn zum totalen Herrscher über die Schöpfung macht, indem er den Menschen und insbesondere dessen Sexualität verdinglicht. Nochmals: Das ist Reich (bzw. Stirner) gegen sich selbst gewendet! Die Kritische Theorie stellt eine radikale Absage an „Stirner-Reich“ dar – indem deren „Aufklärung über die Aufklärung“ gegen die „Aufklärung über die Aufklärung“ gewendet wird.

Jenen (Reich und Stirner), die gegen die „Enteignung des Einzigen“ bzw. gegen die Zerstörung der Selbstregulation protestieren, wird Hybris vorgeworfen: als Non-Plus-Ultra-Kapitalisten würden sie die Natur enteignen. Mit diesem Vorwurf unterscheiden sich Adorno & Co. aber in nichts von den christlichen Kritikern der Aufklärung. Theodor Adornos Dialektik der Aufklärung entlarvt sich so letztendlich als pfaffenhafte Anti-Aufklärung, die aufschreit: „Nichts ist diesen Teufeln heilig!“

Schauen wir, wie Adorno Reichs soziologische Erklärung der Wende von Weimar nach Hitler-Deutschland, bewertet hat:

Es ist nicht so, daß psychologische Dispositionen wirklich Faschismus verursachen, sondern „Faschismus“ bezeichnet eigentlich ein psychologisches Gebiet, das von Kräften, die ihn aus ganz unpsychologischen Interessengründen fördern, erfolgreich ausgenutzt werden kann. (z.n. Annete Leppert-Fögen: Die deklassierte Klasse, Fischer TB, 1974, S. 191)

Was, um alles in der Welt, sind „unpsychologische Interessengründe“? Das soll wohl Adornos „Materialismus“ zum Ausdruck bringen. Adorno will Beweggründe entlarven, verschleiert aber ihren ideologischen, d.h. „bio-psychologischen“ Hintergrund! Überhaupt trifft das ganz allgemein auf den Marxismus zu: er will entlarven, verschleiert aber nur, weshalb er sich so hervorragend als Herrschaftsideologie eignete.

Und was oder wer sind jene „Kräfte“, die ein „psychologisches Gebiet“ (sic!) aus rein materiellen „Interessengründen“ ausnutzen? Natürlich das mythische „Kapital“ mit seinen Klasseninteressen. Nun hat aber Reich gezeigt, daß der Faschismus alles andere als eine Verschwörung des „Finanzkapitals“ war, das ein „psychologisches Gebiet“ rational für seine Interessen manipulierte, sondern daß hier vollkommen irrationale politische Prozesse am Werk waren, die wiederum auf bestimmten Charakterstrukturen beruhten, nicht auf vagen „psychologischen Dispositionen“.

Es geht nicht um isolierte „Dispositionen“, sondern um Charakterstrukturen, die mit der gesellschaftlichen Struktur funktionell identisch sind. Funktionell identisch in der Hinsicht, daß es um die Erfüllung bzw. Nichterfüllung der biologischen Grundbedürfnisse geht. Das sind die „unpsychologischen Interessengründe“. Adornos Kritik zielt also ins Leere. Ein eklektisches Zusammenmanschen von laienhafter Psychoanalyse und abstraktem Pseudomarxismus, das Reich seit Beginn der Sexualökonomie 1928 vernichtend kritisiert hat.

Seinerseits hat (bzw. hätte) Horkheimer als guter Marxist den Reichschen Ansatz, über den Umweg Nietzsche, wie folgt kritisiert:

Weder im individuellen noch im nationalen Charakter liegt der Grund der von ihm (Nietzsche) bekämpften (intellektuellen) Unsauberkeit, sondern in der Struktur der gesellschaftlichen Totalität, die beide in sich enthält. Indem er als typisch bürgerlicher Philosoph die Psychologie, wenngleich die tiefste, die es bis heute gibt, zur Grundwissenschaft der Geschichte machte, hat er den Ursprung der geistigen Verkommenheit sowie den Weg aus ihr verkannt, und das Schicksal, das seinem eigenen Werke widerfuhr (…) hat daher seine Notwendigkeit. (z.n. Steven E. Aschheim: Nietzsche und die Deutschen, Stuttgart 1996, S. 195)

Diese Aussage von 1935 ist vorweggenommen die perfekte Marxistische Kritik an der „faschistischen“ sozialen Orgonomie, wie sie sich heute darstellt. Es ist imgrunde die gleiche Kritik, die der frühe Marx Stirners Der Einzige und sein Eigentum angedeihen ließ: Selbststeuerung und die Bio-Psychologie ihrer Verhinderung sind des Teufels.

Dieses Zusammenspiel von „psychologischen Dispositionen“ (dilettantische Psychoanalyse) auf der einen und „unpsychologischen Interessengründen“ (dilettantische Politökonomie) auf der anderen Seite zeigt die ganze Scharlatanerie Adornos, der als Laie sowohl nichts von Psychologie, Psychiatrie und Medizin als auch nichts von Volkswirtschaft versteht, und zu allem Überfluß nie einen direkten Kontakt mit dem sozialen Kampf der Massen hatte. Aber „Soziologie“ betreiben… In Wirklichkeit ist er einfach nur ein spintisierendes Kind, das mit Freudschen und Marxschen Mythen („das Kapital“, „das Über-Ich“, etc.) wie mit Bauklötzen spielt und sich ein verschrobenes Märchenschloß errichtet, an dem nichts aber auch rein gar nichts stimmt! Daß modern-liberale Charaktere auf diesen Dreck reinfallen, liegt an ihrer Kontaktlosigkeit: der Intellekt ist kein Erkenntnisorgan mehr (Kontakt), sondern ein Organ der Abwehr (Unterbindung von Kontakt).

Wie ist Adorno mit den Stirnerschen Einsichten über das „Heilige“ umgegangen? Er hat, um sowohl dem „Heiligen“ als auch den Stirnerschen Einsichten zu entgehen, einen „dialektischen“ Irrgarten angelegt, in dem sich keiner mehr zurecht findet. Ein Alptraum von kontaktlosem Intellektualismus. Wie Adorno so schön schreibt: „In schroffem Gegensatz zum üblichen Wissensideal bedarf die Objektivität dialektischer Erkenntnis nicht eines Weniger, sondern eines Mehr an Subjekt“ (Negative Dialektik, suhrkamp, S. 50). In seinem reaktionären Obskurantismus unterscheidet er sich in nichts von Figuren wie Heidegger (dem er einen „Jargon der Eigentlichkeit“ vorwirft) und Carl Schmitt.

Daß solche Leute mit ihrer „Dialektik der Aufklärung“ Reich entlarven und die Natur vor seinem sexualökonomischen und orgon-technologischen Zugriff bewahren wollen – ist einfach ein schlechter Witz. Ihre Verteidigung von Natur und Autonomie erinnert fatal an die Verteidigung des Proletariats durch die Marxisten. Es ist in jedem Sinne des Wortes Verrat an Stirners „Aufklärung über die Aufklärung“.

Was ist dann falsch an der Moderne? Es ist nur eines falschgelaufen und das hat nichts mit der Moderne per se zu tun: die Panzerung des Menschentiers. Am sichtbarsten wird diese Panzerung in der Verdoppelung der Welt in das angeblich „barbarische“ Tier und die objektive Wertewelt. Wie Stirner hat Reich gezeigt, daß der Mensch gespalten ist:

Er ist im Grunde hilflos, freiheitsunfähig und autoritätssüchtig, denn er kann nicht spontan reagieren; er ist gepanzert und erwartet Befehle, denn er ist widerspruchsvoll und kann sich auf sich selbst nicht verlassen. (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 176)

Aber Adorno, Zygmunt Bauman, et al. haben nichts besseres zu tun als weiter gegen die „barbarische Natur“ zu kämpfen. Natürlich predigen sie keine objektive Wertewelt, sondern – die Selbstrücknahme, den Selbsthaß. Gramgebeugte Pfaffen! Etwa wenn Bauman als Essenz seines Denkens in Dialektik der Ordnung „eine Ethik der Distanz und des Ferneffekts (fordert), die mit der unheimlichen Zunahme der räumlichen und zeitlichen Folgen technischen Agierens vereinbar wäre“ und gegen den „nackten, nüchternen Überlebenswillen“ zu mobilisieren sei… Klingt gut, aber dahinter tun sich pseudo-liberale Abgründe auf…

stinrerich

Grundelemente einer orgonomischen Soziologie (Teil 8)

3. Mai 2013

Sozialforscher nehmen die gesellschaftliche Wirklichkeit in Abhängigkeit von ihrer Charakterstruktur wahr. Konservative betrachten den „Zivilisationsprozeß“ als einen des Verfalls, der den einst erreichten Standard gefährdet, während „kritische Theoretiker“ ganz im Gegenteil eine Geschichte der Erstarrung sehen, gegen die angegangen werden muß. Beide Sichtweisen sind einseitig. Es ist als würden die einen einen Beamten nur während der Woche im Amt sehen, die anderen denselben Beamten nur am Wochenende, wenn er „die Sau raus läßt“. Man sieht nur die Symptome, nicht die zugrundeliegende Panzerung. Oder mit anderen Worten: im Amt funktioniert die Panzerung und die Symptome sind weitgehend unter Kontrolle, am Wochenende gibt sie nach und es kommt zu allen möglichen Ausbrüchen von Perversion.

Das gepanzerte Denken kann nicht erfassen, daß Erstarrung und Chaos keine Gegensätze sind, sondern einander bedingen. Aus der Erstarrung muß Chaos hervorgehen und aus dem Chaos eine um so schlimmere Erstarrung, die schließlich in noch chaotischeren Verhältnissen mündet, usf. Man führe sich beispielsweise die Geschichte Rußlands in den letzten hundert Jahren vor Augen. Zeitkritische Theorien, die keinen Zugang zu den bioenergetischen Grundlagen sozialer Abläufe haben, können nicht mehr leisten, als diesen fatalen Teufelskreis zu unterstützen.

Man kann ganze soziologische Theoriegebäude darauf gründen, die Moderne habe den Menschen domestiziert und daß, wenn diese Domestizierung versagt, die ungeregelte Vormoderne durchbricht. Ebenso offensichtlich ist aber auch, daß die Moderne die Menschen ganz im Gegenteil freier und „wilder“ gemacht hat. Die Moderne kann in einer Entwicklungsphase oder in einem Gesellschaftssegment „autoritäre“ Erstarrung bedeuten und in einer anderen „antiautoritäre“ Enthemmung, bei der die Panzerung zeitweise versagt.

Hier die entsprechende Aufstellungen aus der Charakteranalyse (KiWi, S. 574, Vorsicht falsche Beschriftung, hier korrigiert) für den gesellschaftlichen symptomlosen „Affektblock“:

sozioaffblock

Bei nachgebender Panzerung kommt es zu gesellschaftlichen Symptomen (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 110, hier noch in einer psychoanalytisch geprägten Begrifflichkeit von „Trieb“ und „Abwehr“):

reichfreuddynamik

Die verdrängte „Wildheit“ und das verdrängende „Ordnende“ gemahnt natürlich an Norbert Elias’ „Prozeß der Zivilisation“ Einen solchen hat es in dieser Form nie gegeben, wie Hans Peter Duerr gezeigt hat. Es gibt keine „unzivilisierten“ Völker. Das Konzept der Barbarei, in das „die Moderne“, d.h. die Aufklärung ordnend eingebrochen sei, ist ein Konstrukt, um gleich zwei Dinge runterzumachen: erstens die Aufklärung und zweitens den angeblich barbarischen Naturzustand. Reichs unverzeihliche Ketzerei ist, daß er sowohl an die ordnende, rationale Kraft der Natur, als auch an die der Aufklärung, d.h. an die Selbststeuerung, geglaubt hat.

Beispielsweise sagt der Adorno-Schüler Zygmunt Bauman, Intoleranz sei spezifisch für die Moderne, da die Konstruktion von Ordnung der Eingliederung und Zulassung grenzen setzt. Jeder Indiostamm (oder etwa „Reichs Stamm der Trobriander“) ist jedoch weit intoleranter und ordnungsversessener als jedes Projekt der Moderne, d.h. der Anpassungsdruck ist größer.

Rechtfertigung der „Kritischen Theorie“ ist, daß die Moderne in einer Affektsperre gefangen sei und es gelte, diese Blockade aufzulösen. Das Wesen der Moderne wird dabei gerne am Holocaust und der Bombe von Hiroshima festgemacht. Ich sehe in beiden Fällen eine alles durchdringende Kontaktlosigkeit am Werk: der gepanzerte Mensch, den Reich als „Maschinenmensch“ bezeichnet hat. Die vollkomme Stupidität, ohne jedes menschliche Empfinden – halt gepanzerte Menschen.

Der Unterschied zur „Frankfurter Schule“ ist der, daß diese die irrige Schlußfolgerung zieht, diese Affektsperre müßte gelöst werden, was solche Menschheitsverbrechen schließlich unmöglich mache. Dies ist offensichtlicher Unsinn, denn die Lösung der Affekte kann unmöglich die Lösung sein, sondern kann das ganze nur noch weiter verschlimmern. Soll doch die Affektsperre dafür sorgen, daß nicht das Chaos der sekundären Triebe durchbricht. Also genau das, was wir seit etwa 1960 mit immer größerer Vehemenz erleben! Die Lösung kann nur die Überwindung der Kontaktlosigkeit sein. Ansonsten tritt nämlich an die Stelle des „verkrampften Schalterbeamten“, der Freak mit pinker Irokesenfrisur und dessen maschinenartige Stupidität ist noch weit größer, wie die kleingeistige Klientel der Grünen tagtäglich unter Beweis stellt.

Zum Schluß dieses Teils zitiere ich etwas, was am Ende einer 40seitigen Darstellung der Kritischen Theorie steht und mir zeigt, daß die Kritische Theorie durch und durch geklauter und massakrierter Max Stirner (und damit geklauter und massakrierter Wilhelm Reich) ist:

Kritische Theorie darf (…) als Gebot ausgelegt werden, das gegen Gebote gerichtet ist, sie verzichtet auf den emphatischen Praxisbegriff, der sie einst faszinierte, sie bestärkt Individuen, Widerstand zu leisten, über ihre eigenen normativen Grundlagen gibt sie keine Rechenschaft. (Anton Amann: Soziologie. Ein Leitfaden zu Theorien, Geschichte und Denkweisen, Wien 1996, S. 387)

So gesehen ist Theodor Adornos „Dialektik der Aufklärung“ eine Verballhornung der Entlarvung der Aufklärung durch Stirner („Ich habe meine Sache auf nichts gestellt“, d.h. argumentiere jenseits „normativer Grundlagen“). Hierher gehört dann auch Bauman, der in der Tradition von Adorno die Moderne als „dysfunktionalen“ Versuch auffaßt, durch Ordnen die Barbarei auszuschließen. Dies, also die Anklage gegen die „instrumentelle Vernunft“, die in ihrem Ordnungswahn das Lebendige zerstört und im Holocaust kulminierte, ist bloß ein müder Aufguß von Stirners Der Einzige und sein Eigentum – und gleichzeitig eine Attacke gegen Stirner, der letztendlich für den Holocaust verantwortlich gemacht wird. Die Räuber brechen nicht nur ins Haus ein und entwenden das Inventar, sie richten auch den Hauseigentümer per Kopfschuß als verbrecherischen Unhold hin.

Ein beliebiges Beispiel für die Dialektik der Aufklärung aus Stirners Buch:

Von Befehl und Willkür Einzelner befreite das Bürgertum. Allein jene Willkür blieb übrig, welche aus der Konjunktur der Verhältnisse entspringt und die Zufälligkeit der Umstände genannt werden kann; es blieben das begünstigende Glück und die „vom Glück Begünstigten“ übrig. (…) Ändern Wir [so sagen die Kommunisten gegen das Bürgertum, PN] denn die Verhältnisse, aber ändern Wir sie durchgreifend und so, daß ihre Zufälligkeit ohnmächtig wird und ein Gesetz! Seien Wir nicht länger Sklaven des Zufalls! Schaffen Wir eine neue Ordnung, die den Schwankungen ein Ende macht. Diese Ordnung sei dann heilig! (Der Einzige und sein Eigentum, S. 132, Hervorhebungen hinzugefügt)

Das heißt, die alten feudalen Zustände sind wiederhergestellt.

Stirners Der Einzige und sein Eigentum ist eine einzige große Abhandlung über die Dialektik der Aufklärung. Und wie haben Max Horkheimer und Adorno darauf reagiert? Direkt mit Todschweigen und indirekt durch ihren Attentäter Hans G. Helms mit dessen Buch Die Ideologie der anonymen Gesellschaft von 1966. Erst plündern sie Stirner aus und dann „entlarven“ sie ihn als das Urschwein aller faschistischen Megaschweine. Siehe dazu Bernd A. Laska auf seiner Heimatseite www.lsr-projekt.de.

Max Stirner und die Orgonbiophysik

14. August 2012

Panzerung zersplittert das Ich. Das kann man sich an folgendem Schema verdeutlichen:

Der gesunde Mensch ist eine Einheit, während der Neurotiker innerlich zerrissen ist, was beim Psychotiker so weit geht, daß die abgespaltenen „Persönlichkeitsanteile“ zu inneren Stimmen werden. Der Neurotiker ist zumeist zu weit abgepanzert, als daß er etwas von dem Chaos weiß, das in ihm herrscht. Es wird erst „laut“, wenn sich die Panzerung aufzulösen beginnt. Das erklärt das Phänomen, warum so viele Menschen „rumzuspinnen“ beginnen, wenn sie weicher werden. Insbesondere durch eine Orgontherapie können die befreiten Strömungen zu Teilstrebungen werden, die wie „höhere Eingebungen“ imponieren. Das wird verschärft durch eine der erstaunlichsten Erfahrungen, die man während der Orgontherapie machen kann: daß sich das eigene Ich, „die Gesundheit“, fremdartig anfüllt. Man selbst ist sich am fremdesten, weil man sein Leben lang den Kontakt geflohen ist – und das „Ich“ ist nichts anderes als Kontakt! „Kasper Hauser“ hat kein Ich!

Wenn wir ganz allein „mit uns“ sind, spalten wir uns automatisch auf: das reicht von „Ich bin Ich“ (also zwei?), geht über das Selbstgespräch und endet bei der Schizophrenie. Wenn wir alleine sind, sind wir „der Wanderer und sein Schatten“. Wir sind nie wirklich „In-Dividuum“. Erst in der Liebe hören wir auf, eine „Affäre mit uns selbst zu haben“ und werden mit uns selbst identisch, weil wir aus der Welt der Selbstbespiegelung treten. Erst wenn sich zwei Spiegel gegenübertreten und sich der eine im anderen spiegelt, wird er mit sich selbst identisch. Indem ich in einen anderen Menschen aufgehe, vereinige ich mich mit dem ganzen Universum, konkret mit dem Orgonenergie-Ozean, von dem ich nur ein abgeschnürter Teil bin.

Während der genitalen Überlagerung hört Schritt für Schritt jede Phantasietätigkeit und das Denken selbst auf. Die Spaltung im Organismus in verschiedene Geistesfunktionen wird aufgehoben, so daß der Mensch erst in diesem Zustand zu einem mit sich selbst identischen unteilbaren In-Dividuum wird.

In der genitalen Umarmung streift man seine Masken, Gedanken und Hintergedanken ab – und erreicht einen nackten Zustand, in dem man nicht mehr handelt, sondern Handlung ist. Diesen Zustand kann man nicht alleine, als Einzelner, erreichen, da man, wenn man „alleine“ ist, niemals wirklich alleine sein kann: man hat immer sich selbst. Es klingt absurd, ist aber vollkommen logisch: man kann erst zu sich selbst finden, wenn man in einem anderen „vergeht“.

Wenn ich mich nicht auf die Arbeit konzentrieren kann, weil mir andere Sachen durch den Kopf gehen, bin ich auch nicht bei mir: ich bin gespalten und deshalb kein „In-Dividuum“. Löse ich mich aber ganz selbstvergessen in der Arbeit auf – bin ich wirklich. Das ist orgastische Potenz.

Es gibt keinerlei Gegensatz zwischen Reichs „Plasmasack“ und Max Stirners „leibhaftigem Einzigen“.

Man kann behaupten, daß der „Eigner seiner Selbst“ sein Selbst nicht aufgibt – und damit letztendlich orgastisch impotent ist. Ich behaupte hingegen, daß nur dieser „Eigner seiner Selbst“ überhaupt in der Lage ist, sich nicht nur von seinem Über-Ich, sondern auch von seinem Ich zu trennen, da er weiß, daß er mehr ist als seine Gedanken und sein Selbstbild.

Schon auf dem Gymnasium habe ich mich über meinen Philosophielehrer geärgert, der immer behauptete, daß wir nicht mehr sind als unsere Gedanken und damit vollständig in der Sprache aufgehen. Gerade bei Reich und Stirner hat mir besonders gefallen, daß das wirkliche Selbst, der leibhaftige Eigner dieser Gedanken zwischen und Unterhalb der Gedanken steckt. In diesem Bereich harmonieren Reich und Stirner vollständig.

Als die Europäer in der Renaissance das Individuum entdeckten, war dies praktisch identisch mit der Entdeckung der Leiblichkeit, d.h. der Sexualität. Und wenn Stirner als Höhepunkt und Abschluß dieser Aufklärung vom Einzigen als dem „Leibhaftigen“ spricht und vom „Weltgenuß = Selbstgenuß“, dann ist das – „Wilhelm Reich“.

Wirklich wichtig an Stirner ist natürlich weniger, daß „im Einzigen selbst der Eigner in sein schöpferisches Nichts zurückkehrt“, sondern das, was wie kein anderer Bernd Laska herausgearbeitet hat: es geht in erster Linie um das Über-ich, also das, was Stirner die „internalisierte Hierarchie“ nennt – das, was Reich als „Panzerung“ bezeichnet hat.