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DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: 5. Orgonomie und Religion (Teil 1)

19. Juni 2022
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DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: Das orgonomische Testament / 5. Orgonomie und Religion (Teil 1)

„The Origin of an Oranur Reaction” von Roberto Maglione

10. Oktober 2021

Hier handelt es sich um eine ebenso lange wie (teilweise…) hervorragende Gesamtdarstellung von Reichs ORANUR-Experiment. Maglione geht bis ins Detail und bezieht sich u.a. auf bisher unveröffentlichtes Archivmaterial. Durch die Lektüre habe ich viel dazugelernt.

Alles schön und gut, wenn da nicht wieder (siehe meine letzte Rezension) diese unglückselige Verquickung von Mechanismus und Mystizismus wäre, etwa wenn Maglione schreibt:

Reich entdeckte in der Natur eine neue Art von Energie, die lebensfördernde Eigenschaften hat und überall angezapft werden kann. Er fand auch heraus, daß dieses Energiekontinuum, das sich als winzige energetische Einheiten ausdrücken kann, durch verschiedene Phasen der Existenz gekennzeichnet ist, d.h. es kann sich in einem dynamischen, ungestörten, fließenden Zustand befinden, in einem erregten und chaotisch bewegten Zustand (Oranur genannt) oder schließlich in einem tödlichen und statischen Zustand (DOR genannt). (…) Allerdings stellte Reich fest, daß diese energetischen Einheiten bei einem niedrigen Erregungsgrad therapeutische Eigenschaften haben könnten. Darüber hinaus könnte der Oranur-Zustand bei einem etwas höheren Anregungsgrad eine motorische Kraft erzeugen und damit eine unendliche Anzahl von technischen Anwendungen hervorbringen. Er könnte auch radioaktive Materie in eine höchst nützliche und lebensfördernde Materie verwandeln. Kürzlich wurde die Hypothese aufgestellt, daß dieser Zustand auch zur Schaffung höherer Bewußtseinszustände beitragen kann.

Hier zeichnet sich eine bedenkliche Triade aus psycho-sozialer, technischer und schließlich spiritueller Heilserwartung in Zusammenhang mit „kontrollierten“ ORANUR-Reaktionen ab.

Der obige Absatz wurde durch eine kurze Passage eingeleitet, die bei einer Darstellung des ORANUR-Experiments eher verwundert. Es ging bei dieser nämlich um alle möglichen Utopien von Platos Politeia, über Morus‘ Utopia bis zu Bacons New Atlantis und schließlich der Französischen Revolution. Nun, im Anschluß des oben zitierten Absatzes lesen wir etwas über das sozusagen „höhere Sozialleben“ durch ORANUR:

Ich glaube, daß der erregte Zwischenzustand [ORANUR zwischen OR und DOR] dieser winzigen energetischen Einheiten von grundlegender Bedeutung für den von den Philosophen angenommenen Wandel ist, der uns zu einer neuen Art von Welt führen kann, in der das französische Motto [Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit] endlich seine wohlverdiente Entsprechung findet. Wie ein Portal [!] oder ein obligatorischer Schritt, nach dem sich eine neue Welt auftun kann.

In den daran anschließenden Sätzen gewinnt diese ORANUR-induzierte sozialistische Utopie einen mystischen Einschlag, denn derartiges habe bereits in mythischer Vergangenheit existiert, eine „Wissenschaft des Äthers“. Maglione weiter:

Ich hoffe, daß der Inhalt dieses Papiers dazu beitragen kann, friedlich den Weg zu beschreiten, der zu diesem Portal führt, hinter dem wir vielleicht endlich die utopische Insel oder Welt finden, nach der so viele der eifrigsten Köpfe auf diesem Planeten dramatisch und hartnäckig gesucht haben.

Unvermittelt werden wir in die Geisteswelt des utopischen Sozialisten Charles Fourier versetzt! Wir betreten hier die Welt des Reichianismus bzw. Blauen Faschismus, die ich in „Reichianische Bücher“ (hier, hier und hier) dargestellt habe: eine letztendlich toxische Welt aus „Spiritualität“, Freiheitskrämerei und – ORANUR.

Besonders störend ist etwas, was ich bereits in meiner Besprechung von Magliones Buch über quantitative Orgonometrie vermerkt habe (S. 269): sein Hang die Orgonenergie zu „mechanisieren“, indem er sie gewisserweise aus „Atomen“ zusammensetzt. Das wird etwa in diesem Satz deutlich: „Reich stellte anhand dieser vorläufigen Ergebnisse fest, daß Kernmaterial, welches einige Zeit konzentrierten Orgonenergie-Einheiten ausgesetzt war, seine radioaktive Potenz verlöre, und beobachtete eine Veränderung seiner radioaktiven Zerfallskonstante.“ Jeder andere hätte einfach geschrieben: „…konzentrierter Orgonenergie ausgesetzt war…“. Tatsächlich stellt sich Maglione die ORANUR-Reaktion ungefähr wie Wärmeausbreitung, d.h. die Ausbreitung von chaotischer thermischer Bewegung von Molekülen vor: „Sobald die Oranur-Reaktion einsetzt, breitet sie sich auf die benachbarten Einheiten im Raum aus, bis sie verschwindet, wenn die Energie der erregten Orgoneinheiten nicht mehr ausreicht, um die Erregung auf die benachbarten Orgoneinheiten zu übertragen.“

Es ist geradezu grotesk, wie Maglione den Gegensatz von Einsteins und Reichs Weltentwürfen illustriert:

Für Einstein bestehe die Luft, die uns umgibt, aus Atomen und das war‘s. „Reich stellte stattdessen die Hypothese auf, daß zusätzlich zu den oben genannten Komponenten eine Energie die Atmosphäre und auch das gesamte Universum so erfüllt, daß ein Kontinuum entsteht. Er fand heraus, daß dieses Energiekontinuum aus winzigen Einheiten mit unterschiedlichen Eigenschaften besteht und bestimmten Gesetzen unterliegt.“ In der Abbildung sehen wir bei Einstein tatsächlich ein Kontinuum, bei Reich „Teilchen, die ein Kontinuum bilden“.

Oder man nehme folgende Abbildung:

Es ist zu ahnen, was gemeint ist, aber… Orgonenergie-Einheiten werden dynamisch und dann zu Materie-Einheiten? Orgonpartikel werden zu OR und dann zu Materiepartikeln?

In einer daran anschließenden Abbildung stellt Maglione den Erregungslevel der Orgonenergie in Prozent dar; 0% gleich Bildung von Materie, atmosphärische Heilung und höheres Bewußtsein, 100 % der Tod, bzw. DOR. Je höher der Erregungszustand der Orgonenergie, desto toter wird sie? Maglione: „In der Grafik entspricht ein Erregungsgrad von Null (…) Einheiten, die frei und dynamisch und ungestört in der Atmosphäre oder in lebenden Organismen fließen, während ein Erregungsgrad von 100 % tödlichen und statischen Einheiten entspricht, die alle ihre Bewegungen verloren haben.“ Ähhh…

Solche Formulierungen sind „Reichianismus“ in der Tradition von Paul Ritter und Charles Kelley: Reich wird solange um und neuformuliert, bis wirklich alles hoffnungslos zerredet ist und der Leser verwirrt und paralysiert zurückbleibt.

Ein weiteres Beispiel für diesen Reichianismus:

Reich beschränkte die Qualität der Orgoneinheiten nicht darauf, durch äußere Einwirkungen nur im physischen Bereich angeregt zu werden. Er nahm an, daß, wenn alles in der Natur von Orgonenergie-Einheiten als Grundbestandteil charakterisiert ist, die auf unterschiedliche Weise zu Materieteilchen aggregiert sind, eine Reaktion auf diese aktivierenden Agenzien auch im biologischen und emotionalen Bereich der lebenden Systeme auftreten kann, indem die Einheiten innerhalb der lebenden Systeme genauso erregt sind und sich austoben, wie in der Umwelt.

Irgendwie stimmt das, aber trotzdem ist das keine Orgonomie, eine Wissenschaft, sondern die Darstellung eines naturphilosophischen Modells, das nur peripher etwas mit Reichs Forschung zu tun hat. Das schadet der Orgonomie massiv, denn jeder, der sowas liest, wird Reich unter die vielen absonderlichen Spinner einordnen, die jeweils ihr eigenes „Weltmodell“ entworfen haben.

Leider hat sich ein kleiner aber ärgerlicher Fehler eingeschlichen. Maglione zitiert aus bisher unveröffentlichten Notizen von Myron Sharaf („Historical Notes. Some Notes on Oranur – March 15, 1951“) wonach Eva Reich am 19. Februar beinahe gestorben wäre, als sie „ihre Hand“ in einen Orgonenergie-Akkumulator steckte. Tatsächlich hat sich Maglione verlesen („hand“ vs. „head“) und Eva Reich hatte ihren Kopf hineingesteckt. Ein kleines Detail, aber der eine oder andere unvorbereitete Leser wird sich an den Kopf kratzen!

Wie wenig Maglione wirklich in der Materie drinsteckt, sieht man auch daran, daß unvermittelt „DOR“ auftaucht. Zwar hatte Maglione den Unterschied zwischen OR, ORANUR und DOR vorher korrekt beschrieben, ihm fällt aber nicht auf, daß Reich im Ersten ORANUR-Bericht, also 1951, das als „DOR“ bezeichnet, was er später „ORANUR“ genannt hat, und daß das eigentliche DOR erst später von Reich entdeckt wurde. Das, was Maglione also als „DOR“ beschreibt, ist in Wirklichkeit ORANUR, auch wenn Reich selbst von „DOR“ spricht… Äh, ja!

Der Beschreibung des ORANUR-Experiments folgt eine ellenlange und extrem detaillierte Darstellung der Gesetzmäßigkeiten von Alpha- und Gammastrahlung, um zu sehen, ob Reich und seine Mitarbeiter sich schlichtweg eine Strahlenvergiftung zugezogen haben. Es ist Maglione hoch anzurechnen, diesen hanebüchenen Unsinn endgültig ins Märchenland verbannt zu haben! Das ist zwar verdienstvoll, aber es hätte schon die Überlegung ausgereicht, daß einem Privatmann bzw. einzelnem Arzt wohl kaum eine gefährliche Strahlenquelle zur Verfügung gestellt worden wäre bzw. daß es dafür wohl kaum einen allgemeinzugänglichen Markt gegeben hätte. Die „Radiumnadeln“, die Reich benutzte, waren schlichtweg radioaktive Nadeln, die Ärzte damals in Krebstumoren steckten. Das war die damalige Strahlentherapie. Selbstredend nicht ganz ohne, aber auf keinen Fall so gefährlich, daß bei unsachgemäßem Umgang Arztpraxen hätten evakuiert werden müssen!

Der Aufsatz endet mit der Analyse eines Atomunfalls/ORANUR-Ereignisses in Rußland.

Zusammenfassend schreibt Maglione ganz entsprechend dem anfangs Zitierten: „Ein richtig eingedämmtes und kontrolliertes Oranurfeld könnte technologische Anwendungen haben, wie z.B. 1. die Verringerung der Zerfallskonstante eines radioaktiven Elements; 2. Energieerzeugung (Motorkraft) und Antigravitation; 3. Heilung von Krankheiten; 4. und Entwicklung höherer Bewußtseinszustände, um nur einige der bisher bekannten zu nennen.“ Dazu führt er als weiterführende Literatur u.a. an:

  • Maglione R, Reichs Orgonenergie. Ein Portal zu höheren Bewusstseinsstufen? (auf Italienisch), In Glielmi N, Fontana M, Maglione R, Valleri T, Argomenti Reichiani, GEDI Gruppo Editoriale, Mailand, 2007
  • Maglione R, Mazzocchi A, Ätherische Energien und Orte der Verehrung. Die religiöse Stätte als therapeutischer Ort. Eine Pilotstudie an 62 antiken Stätten (auf Italienisch), Advanced Therapies, Vol VI, N 11, 2017, Nuova Ipsa, Palermo

Wahrheit und Wirklichkeit (Teil 2: die fundamentale Ebene)

7. Juli 2020

Willkürlich greife ich ein entsprechendes Erlebnis aus ziemlich vielen heraus. Aus dem Zusammenhang gerissen erwähnte jemand im Büro mir gegenüber einen „Problemkunden“, Herrn xyzabz. Alles andere als ein gewöhnlicher Name! Wir unterhielten uns humorvoll über ihn, und dabei ging ich zum Fenster auf der anderen Seite des Büros und schaute auf die Straße hinunter. Ich sah (zum ersten Mal in meinem Leben) dort unten auf dem großen städtischen Platz ein Auto eines Beerdigungsunternehmens mit der großen Aufschrift „xyzabc“ auf dem Rückfenster. Wir alle waren völlig verblüfft. Es war ganz so, als ob „das Universum“ einen (wirklich passenden!) „Kommentar“ zu unserem Gespräch über Herrn xyzabc abgeben würde! Von dem astronomischen Zufall ganz zu schweigen!

Irgendetwas „stimmt“ nicht mit der Realität selbst. Das ist auch der Grund, warum Verschwörungstheorien bei mir nicht so gut funktionieren. „Ist es nicht bemerkenswert, daß zur Zeit und am Ort des JFK-Attentats, bei 9/11 usw. dieses und jenes geschah?!“ „Nun ja…“ Es gibt einen Bereich jenseits von oder, besser gesagt, neben Ursache und Wirkung. Etwas, das eng mit dem Bewußtsein selbst verbunden ist. Und auch das Bewußtsein ist etwas, das von Ursache und Wirkung getrennt ist. Wie Dr. Robert A. Harman aufgezeigt hat, hat dieser Bereich etwas mit kosmischer Überlagerung, Schwerkraft usw. zu tun, mit KOORDINIERUNG jenseits von Raum und Zeit.

Reich wurde beeinflußt von Kant (über F.A. Lange), Hegel (über Marx/Engels) und Platon (gewissermaßen über Freud: Eros, Thanatos, die Triebe, Ödipus usw. sind platonische Ideen, wie in Jungs Archetypen deutlich wird; siehe auch, was Freud über sein Konzept der „Libido“ und Platon schrieb). Alle drei verbinden Bewußtsein und Realität auf einer fundamentalen Ebene. Wie Kant betonte, muß es etwas „Transzendentales“ geben, damit wir überhaupt etwas über die Realität verstehen können (siehe auch Leibniz‘ „prästabilierte Harmonie“), nach Hegel bewegen sich Realität und Bewußtsein nach ein und denselben Regeln und nach Platon ist die Wirklichkeit bloßer flacher Schatten „überwirklicher“ mehrdimensionaler Ideen.

All dies wird verdaulicher mit Nietzsches Vision der ewigen Wiederkehr des Gleichen, die impliziert, daß dein Ich/Selbst/Bewußtsein eine Illusion ist: wir sind das Universum, was bedeutet, daß dieser Moment unseres Bewußtseins mit diesem Moment des gesamten Universums identisch ist. Wir sind keine „freischwebenden Geister“, sondern gehören in einem grundlegenderen Sinne hierher, als wir uns das jemals ausmalen könnten. Und in Momenten der „Synchronizität“ erkennen oder vielmehr ahnen wir schwach etwas von einer Überrealität, die tiefer ist, als jede ach so tiefgründige Religion je erfassen könnte. „Tiefer“ im Sinne des berühmten Nietzsche-Gedichts!

Synchronizität ist letztendlich mit der Kosmologie verbunden, die man auf den Kampf mit Paradoxa, etwa das Olbers’sche Paradoxon, reduzieren kann… Gegenwärtig habe ich das Gefühl, daß dieser Kampf darauf hinausläuft, das ich die Beziehung zwischen relativer Bewegung und koexistierender Wirkung nicht verstehe. Ich kann Geschichte, Entwicklung usw. verstehen (Heraklit) und ich kann „Existenz“ (Parmenides) verstehen, aber es ist nicht einfach, sie miteinander zu verbinden.

Historisch wurde dies durch strömende Atome gelöst (Demokrit), die der Vorläufer der Orgonenergie sind (siehe Äther, Gott und Teufel). Aber dies war offensichtlich nichts weiter als ein billiger Kompromiß, der nichts wirklich löste. Reich versuchte voranzukommen, indem er alle mechanischen Konzepte hinter sich ließ und sich ausschließlich auf die Bioenergetik konzentrierte, mit dem Psychiater als dem ultimativen Naturwissenschaftler. Womit wir wieder am Anfang dieses Beitrags wären… Wir haben bisher nicht mal annähernd verstanden, was die Wirklichkeit „wirklich“ ist!

nachrichtenbrief133

24. September 2019

Paul Mathews: Der genitale Charakter und die genitale Welt

19. September 2019

 

Paul Mathews:
Der genitale Charakter und die genitale Welt

 

Der genitale Charakter und die genitale Welt

13. April 2018

DIE ZEITSCHRIFT FÜR ORGONOMIE

Paul Mathews: Der genitale Charakter und die genitale Welt

acologo

Der genitale Charakter und die genitale Welt (Teil 1)

9. Oktober 2017

DIE ZEITSCHRIFT FÜR ORGONOMIE

Paul Mathews: Der genitale Charakter und die genitale Welt

acologo

Orgonometrie (Teil 2): Kapitel VI.13.

27. Mai 2016

orgonometrieteil12

I. Zusammenfassung

II. Die Hauptgleichung

III. Reichs „Freudo-Marxismus“

IV. Reichs Beitrag zur Psychosomatik

V. Reichs Biophysik

VI. Äther, Gott und Teufel

1. Der modern-liberale (pseudo-liberale) Charakter

2. Spiritualität und die sensationelle Pest

3. Die Biologie zwischen links und rechts

4. Der bioenergetische Hintergrund der Klassenstruktur

5. Die Illusion vom Paradies und die zwei Arten von „Magie“

6. Die gesellschaftlichen Tabus

7. Animismus, Polytheismus, Monotheismus

8. Dreifaltigkeit

9. „Ätherströme“, Überlagerung und gleichzeitige Wirkung

10. Die Schöpfungsfunktion

11. Die Rechtslastigkeit der Naturwissenschaft

12. Bewegung und Bezugssystem

13. Der Geist in der Maschine

Orgonometrie (Teil 2): Kapitel 6.k.

14. Mai 2016

orgonometrieteil12

1. Zusammenfassung

2. Die Hauptgleichung

3. Reichs „Freudo-Marxismus“

4. Reichs Beitrag zur Psychosomatik

5. Reichs Biophysik

6. Äther, Gott und Teufel

a. Der modern-liberale (pseudo-liberale) Charakter

b. Spiritualität und die sensationelle Pest

c. Die Biologie zwischen links und rechts

d. Der bioenergetische Hintergrund der Klassenstruktur

e. Die Illusion vom Paradies und die zwei Arten von „Magie“

f. Die gesellschaftlichen Tabus

g. Animismus, Polytheismus, Monotheismus

h. Dreifaltigkeit

i. „Ätherströme“, Überlagerung und gleichzeitige Wirkung

j. Die Schöpfungsfunktion

k. Die Rechtslastigkeit der Naturwissenschaft

Die Orgonomie und die Energetik (Teil 3)

4. Mai 2015

Seit Franz Anton Mesmer wurde wohl kaum ein anderer Mediziner von der eigenen Profession derartig die Kollegialität verweigert wie dem Arzt Wilhelm Reich. Was immer man von den Theorien und der Praxis Mesmers halten mag, ist heute, nach 200 Jahren, seine entscheidende Rolle in der Geschichte der ärztlichen Psychotherapie nicht länger bestreitbar: Charcot, Freud und alles was danach gekommen ist, wäre ohne ihn undenkbar. Ich behaupte, daß auch Reich, ob seine Verächter Recht haben oder nicht, ob seine Theorien haltbar sind oder nicht, in nicht allzu ferner Zukunft eine ähnliche Ehre zu Teil werden wird: die Ehre in Darstellungen der Geschichte der Medizin als entscheidender Anreger neuer Entwicklungen erwähnt zu werden.

Schon heute wird in vielen Gesundheitseinrichtungen und selbst in Psychiatrien mit den „körpertherapeutischen“, bzw. „bioenergetischen“ Techniken Reichs gearbeitet – wenn auch durchweg in entstellter Form und manchmal unter Verschweigen des Urhebers. Aber auch etwa aus der psychiatrischen Diagnostik ist Reich nicht wegzudenken, z.B. stammt der Begriff „phallisch-narzißtischer Charakter“ von ihm (1926) und sein Buch Charakteranalyse war als Einführung in die psychoanalytische Technik und psychoanalytische Charakterologie (die er begründet hat) über lange Zeit, als die Psychiatrie noch psychoanalytisch orientiert war, unverzichtbar.

Schon Anfang der 1920er Jahre beschäftigte sich Reich als einer der ersten Psychoanalytiker in der Klinik von Wagner-Jauregg und im Wiener Psychoanalytischen Ambulatorium mit den psychopathischen Persönlichkeitsstörungen oder, wie er es bezeichnete, mit dem „triebhaften Charakter“, wobei er sich auch intensiv mit der „multiplen Persönlichkeit“ auseinandersetzte, die er bereits damals auf den sexuellen Kindesmißbrauch zurückführte.

Es ist ein Skandal, daß seine damalige Arbeit, aus der er übrigens seine „Charakteranalyse“ entwickelte, in den betreffenden heutigen Arbeiten zum Thema nicht erwähnt wird. Aus der Charakteranalyse heraus, in deren Folge bei Patienten Strömungsempfindungen auftraten, entwickelte Reich in den 1930er Jahren eine umfassende Meßreihe, in der er die Emotionen der Angst und der Lust mittels Verstärkerröhren und einem Oszillographen darstellen konnte, indem er das elektrische Hautpotential ober- und unterhalb der Epidermis abnahm. Damit nahm er einen Teil der Forschungsarbeiten von Masters und Johnson aus den 1960er Jahren vorweg – und wieder wird Reichs Name in diesem Zusammenhang nirgendwo erwähnt.

Selbst in der Psychoanalyse wurde und wird er praktisch nirgends erwähnt. Man schlage irgendeine neuere Arbeit z.B. über Anna Freud auf und die Wahrscheinlichkeit ist sehr groß, daß man nichts über Reich finden wird. Wenn er doch Erwähnung findet, werden ihm meist Dinge unterschoben, die mit seiner Arbeit nichts zu tun haben und teilweise geradezu das Gegenteil seiner Intentionen darstellen. Zum Beispiel wird er als libertärer Verkünder der sexuellen Befreiung hingestellt, während ganz im Gegenteil bei ihm stets die Eigenverantwortung im Mittelpunkt stand, d.h. die Macht sich nicht willenlos jeder Regung hinzugeben, sondern sich willentlich zu entscheiden. Seine Therapie zielte in all ihren Entwicklungsphasen letztendlich darauf ab, den Menschen diese Entscheidungsfreiheit zurückzugeben, so daß sie nicht etwa durch pornographische Manipulationen in der Werbung konditioniert werden können.

Reichs Ausgangspunkt war die psychoanalytische Libidotheorie, wie sie sich ihm Anfang der 1920er Jahre darstellte. Sie war quasi ein thermodynamisches Modell, in dem im Organismus bestimmte Quanta unzerstörbarer Energie gespeichert ist, die innerhalb unterschiedlicher, voneinander getrennter Systeme, z.B. als orale, anale oder genitale Libido umgewandelt, in Lustbetätigung verbraucht oder zu arbeitsfähiger Energie veredelt, bzw. „sublimiert“ wird.

Reichs originärer Beitrag bestand darin, dieses mechanistische Modell aufzubrechen, indem er die verschiedenen Libido-Kreisläufe, die nicht viel mehr als theoretische Konstrukte waren, mit dem realen aktuellen Sexual- und Arbeitsleben der Patienten verband. Er fand heraus, daß erstens die angeblich isolierten oralen, analen und genitalen (hysterischen) Pathologien eine Funktion der genitalen Befriedigung bzw. Frustration sind und daß zweitens nicht nur kein Gegensatz zwischen genitaler Befriedung und Sublimierung (Arbeit) besteht, sondern daß sie sich vielmehr wechselseitig bedingen.

Ein weiterer Schritt war dann in den 1930er Jahren die Klärung, um was für energetische Vorgänge es dabei im einzelnen eigentlich geht. Reich verband seine Orgasmustheorie mit der Arbeit des Chefs der Berliner Charité Friedrich Kraus, der in einer bis heute nicht aufgearbeiteten umfassenden Theorie den menschlichen Organismus als ein durch elektrochemische Prozesse betriebenes Energiesystem beschrieb. An den Grenzflächen zwischen zirkulierenden Salzelektrolyten und stationären Kolloidelektrolyten, die keine Membranen durchdringen können, bilden sich elektrische Potentiale, deren Ausgleich Energie erzeugt, wobei sich elektrische Energie in mechanische umwandelt und so das Biosystem betrieben wird.

Parallel mit dieser theoretischen Loslösung von der Psychoanalyse entwickelte Reich die „Vegetotherapie“, eine Art umfassender körperorientierter Verhaltenstherapie, in der im Rahmen einer charakteranalytischen Durcharbeitung der Widerstände durch Hinweise auf die Blockierungen des Atmens und auf chronische Muskelverkrampfungen an anderen Stellen des Körpers, sowie durch direkte Manipulation dieser chronisch verkrampften Muskulatur der Organismus zu einem ausgeglichenen vegetativen Tonus zurückgeführt werden soll. Gesundheit zeigt sich hier in einem vollständigen Funktionieren aller denkbaren Reflexe, insbesondere des Würgereflexes und letztendlich des 1937 von Reich zuerst beschriebenen „Orgasmusreflexes“, einer Ganzkörperzuckung auf dem Höhepunkt der geschlechtlichen Erregung.

Dieser Ansatz führte Reich in den Bereich der psychosomatischen Erkrankungen, die er, stark verkürzt dargestellt, auf die besagten chronischen Muskelverkrampfungen zurückführte. Insbesondere beschäftigte sich Reich mit der Krebserkrankung, bzw. mit dem, was er als „karzinomatöse Schrumpfungsbiopathie“ bezeichnete. Bösartige Wucherungen waren für Reich das späte Symptom einer schleichenden Erkrankung des Vegetativums, das sich aufgrund chronischer Sexualenttäuschung sozusagen in sich selbst zurückzog und die bösartigen Wucherungen stellten sozusagen ein letztes Aufbäumen von Teilen des Organismus gegen diesen schleichenden Sterbensprozeß dar. In seiner, hier extrem verkürzt dargestellten, umfassenden Krebstheorie hat Reich viele Ergebnisse der Psychoonkologie teilweise um Jahrzehnte vorweggenommen.

Am Beispiel des so verstandenen Krebses läßt sich besonders leicht aufzeigen, daß Erkrankungen größtenteils ein soziales Problem darstellen: d.h. das soziale Milieu ist dafür verantwortlich, wie harmonisch sich der Mensch entwickeln kann, ob er aus sich heraus gehen kann und Erfüllung in der Sexualität und in der Arbeit findet oder ob er es nicht kann. Das besondere bei Reich ist nun, daß er nicht nur solche „psycho-somato-sozialen“ Theorien vertreten hat, sondern konkret Schritt für Schritt den kausalen Zusammenhang von der Desorganisierung der Gesellschaft bis zur Desorganisierung des Gewebes aufzeigen kann.

Hier zwei Zitate, die ungefähr umreißen, in welcher geistigen Atmosphäre Reich die ersten Schritte hin zur Orgonomie unternommen hat.

Henri Bergson in Schöpferische Entwicklung (Zürich, o.J., S. 207):

Der menschliche Intellekt, wie wir ihn uns vorstellen, ist nicht mehr jener von Plato im Gleichnis der Höhle geschilderten. Seine Funktion ist es nicht mehr, leere Schatten vorübergleiten zu sehen, nicht mehr, jenseits seiner selbst gewandt, das aufglühende Gestirn zu schauen. Er hat anderes zu leisten. Angeschirrt wie Arbeitstiere im schweren Tagewerk spüren wir das Spiel unserer Muskeln und Gelenke, die Schwere des Karrens und den Widerstand der Scholle: handeln und sich als handelnd wissen, in Kontakt treten mit der Realität, ja sie – nur aber nach ihrer Bedeutung für das werdende Werk, für die Schürfung der Furche – leben, das ist die Funktion des menschlichen Intellekts. Dennoch badet uns ein wohliger Strom, dem wir die Kraft selbst zu Arbeit und Leben entschöpfen. Jeden Augenblick eratmen wir etwas von diesem Ozean von Leben, dem wir eingesenkt sind, fühlen wir, wie sich unser Wesen, oder doch der Verstand, der es lenkt, nur durch eine Art örtlicher Erstarrung aus ihm gebildet hat. Die Philosophie also kann nur die Anstrengung sein, sich diesem Ganzen neu zu verschmelzen.

Ein Beispiel dieser Tradition, die, wenn auch auf mystisch-abstrakte Weise, die Orgonomie beinahe wortwörtlich vorwegnimmt, findet sich in Karl Joels Seele und Welt – Versuch einer organischen Auffassung (1923). In einer zeitgenössischen Buchbesprechung heißt es:

Die Weltanschauung Joels ist eine organische und weist bei aller Selbstständigkeit Beziehungen zu Denkern wie Plotin, Schelling, Fechner, Bergson u.a. auf. Organisch ist sie, weil nach ihr das Leben die wahre, ursprüngliche Wirklichkeit ist, weil Geist und Materie nur verschiedene Stufen lebendigen Werdens sind, wobei der Geist, die Seele die Produktion und Variation in der Welt bedeutet, deren Erstarrung, Mechanisierung, Stabilisierung das Körperliche erzeugt. Die Welt als Ganzes ist eine Entfaltung und Entschließung der organischen Einheit, die in allem sich auswirkt. Die Welt ist durch und durch Funktion, sie ist eine Objektivation der ewig sich verkörpernden und ewig über alle Verkörperung hinausstrebenden schöpferischen Tat. Die Materie ist nur die passive, sinkende Seite des Weltlebens, das Komplement der Seele, die innere Sammlung, die im Materiellen sich entäußert. Gott ist das ewige Leben, das Leben in beständiger Erneuerung, die Einheit, während die Welt Vielheit ist. (Rud. Eisler in Neue Freie Presse)

So die Verlagswerbung in Joels Nietzsche und die Romantik (Jena, o.J.) wo er z.B. schrieb:

Gegensätze berühren sich nicht, sie sind vielmehr ursprünglich eins und treten auseinander als die abgekehrten Pole eines Ganzen; denn Heterogenes gibt keinen Gegensatz. Aller Gegensatz beruht auf Gemeinschaft. (S. 217)

Dies ist eine Vorwegnahme des Orgonomischen Funktionalismus, wenn nicht sogar der Orgonometrie.

Die klassische Physik kennt drei Thermodynamische Gesetze, die wie folgt orgonomisch interpretiert werden können:

  1. Energie kann nicht „erzeugt“ werden, sondern nur umgewandelt. Dies bedeutet, daß die Orgonenergie die letzte nicht weiter ableitbare Realität ist.
  2. Spontan gleichen sich alle Potentialunterschiede in der Natur aus. Dies nannte Reich „mechanisches Potential“, durch das Orgonenergie-Konzentrationen wieder abgebaut werden.
  3. Der absolute Nullpunkt von -273,2 °C = 0 K ist unerreichbar. Dieses sogenannte „Nernstsche Theorem“ weist darauf hin, daß die Orgonenergie ein durch nichts zu durchdringendes Kontinuum ist.

Alle Energetiker vor und nach Reich bauten und bauen ihre Theorien auf die ersten beiden Thermodynamischen Gesetze auf. Hans Hass stellt immerhin kurz die Theorie des Wiener Konstrukteurs und Fabrikbesitzers Kurt Wieser („der in machen Gedanken der Energontheorie nahekam“) aus den 1940er Jahren vor, die eine Ausnahme ist (Hass: Naturphilosophische Schriften Bd. 3, München 1987).

Hass zufolge machte Wieser den Vorschlag, den beiden Grundgesetzen ein drittes hinzuzufügen. (Wobei sowohl Wieser als auch Hass vergessen, daß der dritte Platz schon durch das wenig bekannte Nernstsche Theorem belegt war.) Wieser nannte es „Gesetz der zunehmenden Wirkung einzelner Energiequellen“, das besagt, daß „in einzelnen Fällen (…) sich einzelne Urkräfte andere Urkräfte um sich herum“ gliedern.

Hass erscheint Wiesers Gedanke,

daß Energie sich unter bestimmten Bedingungen zusammenballt, differenziert und in immer mächtigeren Potentialen – den Trägern des Lebensprozesses – manifestiert, (…) nicht unberechtigt.

Weiter schreibt Hass:

Auch hier stehen wir vor einer nicht weiter „erklärbaren“ Grundeigenschaften des besonderen Etwas „Energie“. Auf dieser Grundeigenschaften beruht letztlich die gesamte Evolution. Wohlgemerkt: Nicht die Gestalten erklären sich aus ihr – jedoch: daß es überhaupt zu solchen Gestalten kommen konnte. Der Physiker – für den die Organismen außerhalb seiner „Kompetenz“ liegen – mag kaum geneigt sein, ein solches Grundgesetz den beiden ersten anzufügen. Von der Energontheorie her finde ich dagegen diesen Vorschlag berechtigt. (Hervorhebungen hinzugefügt)

Wiesers „Vorschlag“ ist identisch mit der Reichschen Formulierung des orgonomischen Potentials – dem, durch Experimente nachgewiesen, spontanen Aufbau von Energiepotentialen.

Wieser, Hass und natürlich Reich stehen durchaus nicht allein da. So hat der berühmte Quantentheoretiker Erwin Schrödinger 1944 in seinem Buch Was ist Leben? ausgeführt, daß das Phänomen Leben nicht zum 2. Thermodynamischen Gesetz paßt. Deshalb warf er die Frage nach einem neuen Gesetz in der Physik auf und postulierte die „negative Entropie“, die nichts anderes als Reichs Orgonomisches Potential ist.

In neuerer Zeit hat der Physiker und Chemie-Nobelpreisträger Ilya Prigogine Zweifel an der Entropie-Lehre wachgehalten. Es sei ja keineswegs zutreffend, so der Spiegel (4/87) in einer Zusammenfassung der Arbeiten Prigogines, daß der Kosmos allenthalben in immer simplere Bausteine zerbröckle. Beweis seien

hochgradig komplexe Organismen, die im Laufe weniger Jahrmilliarden entstanden sind und dem Entropie-Gefälle offensichtlich entgegenwirken. Doch auch in der unbelebten Materie sieht Prigogine Eckpfeiler, die dem Entropie-Prozeß standhalten, so etwa die (…) Baryonen, kompliziert gebaute Elementarteilchen, die sich seit 20 Milliarden Jahren nicht verändert haben.