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Reich und Hegel

23. Januar 2017

Ausgangspunkt von Hegels Philosophie ist die Frage, wie Bewegung überhaupt möglich ist. Zenons Paradoxon ist allgemein bekannt: ein Pfeil kann sich vom „philosophischen“ Standpunkt her nicht bewegen, denn in jedem Moment, an dem wir den Pfeil mit unserem „philosophischen Auge“ betrachten, steht er still. Es ist wie bei den Einzelbildern einer Filmrolle. Hegel zufolge ist Bewegung nur möglich, weil zwei sich gegenseitig ausschließende Tatsachen (der Pfeil ist entweder hier oder dort) koexistieren können (der Pfeil bewegt sich). Diese Einheit von „hier“ und „dort“ ist die synthetische Funktion des Geistes, und so ist alles um uns herum eigentlich nichts als Geist oder vielmehr die Entfremdung des „reinen Geistes“, d.h. der Logik und ihrer Bewegungsgesetze jenseits von Raum und Zeit. Dieser „Geist“ ist autonom, d.h. weder mein Verstand („hier“) noch dein Verstand („dort“), sondern der allgemeine Geist. Der „reine Geist“ wird zum „absoluten Geist“, wenn er sich in Kunst und Musik, Religion und Philosophie manifestiert, wo sich der Geist seiner selbst bewußt wird. Der „absolute Geist“ ist die höhere Synthese des „subjektiven Geistes“ des Individuums und des „objektiven Geistes“ der Ethik (Familie, Gesellschaft, Staat). Dieser „objektive Geist“ manifestiert sich in der Geschichte der Welt, und die Geschichte der Welt ist nichts anderes als die Geschichte von Staaten, Reichen und Dynastien. Das endgültige Ziel dieser Entwicklung ist, wie angedeutet, der „absolute Geist“. Daher muß das egoistische Individuum, das die Entwicklung des „objektiven Geistes“ behindert, unterjocht, d.h. vollkommen der Ethik unterworfen werden. Der Staat ist alles, denn der Staat ist die Manifestation Gottes, oder vielmehr führt der Staat zur endgültigen Manifestation Gottes als „absoluter Geist“. Dergestalt waren „Staaten mit einem philosophischen Ziel“, also kommunistische (und faschistische) Staaten die höchsten Manifestationen des Hegelschen Denkens. Marx war die Fortsetzung von Hegel: die vollständige Unterwerfung des egoistischen Individuums unter die Idee „Menschheit“ (heute „Globalismus“). Max Stirner war das Gegenteil von Hegel: die „subjektive“, „unethische“ Selbstregulierung.

Reich hat sich von Anfang an auf die Seite von Stirner gestellt. Warum er dann als „Marxist“ galt und sich auch selbst mehr oder weniger bis zum Schluß als solcher betrachtete? Weil er Anhänger der Dialektik war, d.h. glaubte, daß es bestimmte „Bewegungsgesetze“ gibt. Der Unterschied ist nicht nur, daß die „Reichsche Dialektik“ nach zur Zukunft hin offen ist. Er wurde aus der KPD geworfen, weil er behauptet hatte, daß die Kommunisten, auf der Seite doch „die Geschichte“ stand, verloren hatten. Er glaubte nicht an die Rationalität des bisherigen „eisernen“ Geschichtsablaufs. Aber vor allem: Reich vertrat nicht die „Vergesellschaftung des Menschen“, die „Ethik“, d.h. das Verinnerlichen der Vorgaben jener, die dich in der Hand haben. Stalin war die Verkörperung des Über-Ichs schlechthin, der Stalinismus die denkbar brutalste Vorführung, wie das Über-Ich installiert wird: werde wie ich oder stirb.

Ekstase, sexuelle Zwangsmoral und Gott

1. Dezember 2016

Reich zufolge ist Religion eine Art Ersatzbefriedigung, ein Ersatz für sexuelle Erfüllung. Das wird offensichtlich in der religiösen Imagination, ob diese nun in der Musik oder der bildenden Kunst zum Ausdruck kommt. Die „Liebe“ zu Gott hat sexuelle Konnotationen, das Paradies; religiöse Ekstase ist ununterscheidbar von sexueller. Die Religion sorge, so Reich, gleichzeitig aber auch dafür, daß die Menschen sexuell gehemmt werden, sich jede natürliche Lust als sündhaft versagen und „Disziplin lernen“.

Michael Ferguson et al. (University of Utah) konnte jetzt zeigen, daß das Glücksgefühl in Phasen intensiver religiöser Gefühle vom Belohnungszentrum im Gehirn hervorgerufen wird. „Bei der spirituellen Erfahrung feuern ähnliche Neuronen wie bei Liebe, Sex, Glücksspiel oder auch Sucht.“ An die Stelle der Selbstregulierung auf der Grundlage sexueller Befriedigung tritt ein sadomasochistisches Seelendrama.

Die jungen Mormonen, die die Forscher mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanz-Tomographie während ihrer religiösen Hingabe untersuchten, beschrieben „ein Gefühl des Friedens und der Wärme, viele waren sogar so bewegt, daß sie Tränen in den Augen hatten (…). Auch im Gehirn der Gläubigen tat sich einiges: Während der Phasen starker spiritueller Gefühle registrierte der Hirnscanner eine deutliche Aktivierung des Nucleus accumbens – einem wichtigen Teil des Belohnungs-Schaltkreises im Gehirn. Dieses Hirnzentrum trägt unter anderem dazu bei, daß wir bei Liebe, Sex, Musik, aber auch Glücksspiel und Drogen intensive Befriedigung verspüren. Offenbar hat auch das Glücksgefühl bei der religiösen Praxis der Mormonen in diesem Schaltkreis seinen Ursprung.“

Gleichzeitig „löste die religiöse Praxis bei den gläubigen Probanden aber noch weitere Hirnveränderungen aus: Auch Zentren für die Aufmerksamkeit und der mediale präfrontale Cortex waren in den Phasen starker spiritueller Empfindungen besonders aktiv. Dieses Hirnareal ist unter anderem für Bewertungen, die Einschätzung von Situationen und moralische Überlegungen zuständig. Demnach hat die religiöse Verzückung bei den frommen Mormonen durchaus auch eine rationale Komponente und ist kein reines, diffuses Gefühl.“

Das Orgon und die Kunst (Teil 3)

19. April 2015

An anderer Stelle habe ich bereits eine Beobachtung von Elsworth F. Baker über den Wind erwähnt:

Ende 1950 saßen Baker und einige andere Orgonomen abends mit Reich zusammen im Obergeschoß von Reichs Anwesen auf Orgonon. Baker schreibt, daß der Wind damals „stöhnte“ und er fährt fort: „Heute (1978) kann der Wind so stark blasen wie er will, ohne daß es stöhnt. Offensichtlich war es die Orgonenergie, die stöhnte. Ich merkte an, daß es klang, als ob die Orgonenergie leiden würde. Reich stimmte dem zu und wies darauf hin, daß sie Emotionen ausdrücken könne.“ 1950 litt die Atmosphäre noch emotional, heute, ein halbes Jahrhundert später, ist sie weitgehend auf ein rein mechanisches Funktionieren reduziert und kämpft in Form von „Unwettern“ verzweifelt um ihr Überleben. Sie ist schon fast tot – und keiner weiß, wovon überhaupt die Rede ist, wenn man darauf hinweist!

Ich selbst habe den Eindruck, daß die Atmosphäre früher lebendiger war. Aber das könnte natürlich auch an mir, meinem eigenen Alterungsprozeß, liegen und es ist schwer bis unmöglich darüber mit irgendjemanden zu reden. Allenfalls kann man die Dimension Zeit durch die des Raumes ersetzen, etwa wenn man von Nizza nach Hamburg fährt, d.h. von einem Gebiet, das unmittelbar an Saharasia grenzt, in eine noch ziemlich DORfreie Region. (Zum Nordpol hin nimmt das DOR wieder zu.)

Eine Möglichkeit, in die Vergangenheit der atmosphärischen Orgonenergie zu blicken, ist die Kunst, in der Emotionen unmittelbar ausgedrückt werden: Literatur, Poesie, vor allem aber die Musik. Ein denkbar direkter Weg, das ORANUR und DOR der Atmosphäre auf der Zeitachse zu verfolgen, könnte die Malerei sein.

Ein Forscherteam um Christos Zerferos vom National Observatory in Athen hat die vielen Bilder von Sonnenuntergängen untersucht, die im Laufe der letzten Jahrhunderte gemalt wurden. Die Atmosphärenphysiker ermittelten anhand der farblichen Darstellungen, wie viel Vulkanstaub, der besonders farbenprächtige Sonnenuntergänge erzeugt, sich in der Atmosphäre befand.

Auf dem Gemälde „Sonnenuntergang“ von William Turner aus dem Jahr 1833 dominieren beispielsweise glühende Rottöne. Solche Sonnenuntergänge könnten in diesem Jahr tatsächlich typisch gewesen sein: 1831 war der Vulkan Babuyan auf den Philippinen ausgebrochen. Ein Bild Turners aus dem Jahr 1828 wird dagegen von einem eisblauen Himmel bestimmt.

Die Forscher wählten mehr als 500 Gemälde aus der Zeit zwischen 1500 und 1900 aus. 54 der Bilder waren in einem Zeitraum von drei Jahren nach einer größeren Vulkaneruption entstanden. In den vier Jahrhunderten hatten sich elf Vulkanausbrüche von katastrophalem Ausmaß ereignet.

Zerefos und seine Kollegen ermittelten bei allen Werken das Verhältnis von Rot- zu Grüntönen und rechneten dies in einen Index um, der die Menge von Schwefel-Aerosolen in der Atmosphäre der mittleren Breiten der nördlichen Hemisphäre angibt. Das Ergebnis stimmte erstaunlich gut mit anderen Meßreihen der Vulkanaktivität überein, schreiben die Forscher.

Sie kommen zu dem Schluß, daß die Künstler die natürlichen Farbenverhältnisse recht präzise wiedergeben und daß Kunstwerke eine bislang ungenutzte Fundgrube für Umweltinformationen aus früheren Jahrhunderten sein können.

Was das mit unserem Thema zu tun hat? Da die Maler die Umwelt offensichtlich ziemlich akkurat widergegeben haben, könnte man mit Hilfe entsprechender Gemälde die Entwicklung von ORANUR und DOR in der Atmosphäre im Laufe der Jahrhunderte verfolgen!

Beispielsweise konnte der Meteorologe Hans Neuberger 1970 nachweisen, daß der Himmel auf Gemälden, die zwischen 1550 und 1849 entstanden, also zur Zeit der „kleinen Eiszeit“, erwartungsgemäß 10 bis 15 Prozent mehr Wolken zeigt, als man nach heutigen Maßstäben erwarten sollte. Dazu untersuchte er 12000 Gemälde aus 41 Museen.

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