Posts Tagged ‘Psychoanalyse’

James Reichs WILHELM REICH VERSUS THE FLYING SAUCERS (Teil 5)

6. Oktober 2024

Mit dem Ende der Expedition nach Arizona bricht die biographische Skizze ab und im 10. Kapitel beschäftigt sich der Autor mit dem Einfluß des amerikanischen Films auf Reich – ohne zu erwähnen, daß Filmkritik bereits in Reichs Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie eine gewichtige Rolle gespielt hatte. Siehe etwa hier.

Im Einzelnen bespricht James Reich den Einfluß der beiden Filme Walk East on Beacon! (1952) und Bad Day at Black Rock (1955) auf Wilhelm Reich. Hier ist er in seinem Element und das Buch wird wieder lesenswert. Zu recht hebt er hervor, daß der Emigrant Wilhelm Reich durch den amerikanischen Film zum Amerikaner wurde. Dazu ist aber etwas zu sagen, was der Autor nicht erwähnt: alle Amerikaner wurden durch das jüdische Hollywood zu „Amerikanern“, d.h. durch den denkbar un- wenn nicht anti-amerikanischen Blickwinkel, den aus Osteuropa immigrierte Juden auf das durch und durch christliche Amerika hatten.

Der jüdische Geist ist durch zweierlei geprägt: erstens durch einen messianischen Komplex („Sozialreform“, „Gerechtigkeit“) und zweitens durch einen tiefsitzenden mörderischen Haß auf die christliche „geschlossene“ Gesellschaft, die es unter allen Umständen zu öffnen gilt, indem sie in ihren Grundfesten zerstört wird – womit wir wieder beim messianischen Komplex wären. Man braucht nur die Geschichte der Bürgerrechtsbewegung, die Auseinandersetzung um Abtreibung, das Waffenrecht oder auch neuerdings das Gender-Zeugs in Amerika zurückverfolgen! Es sei nur an einen weiteren Lieblingsfilm von Reich, High Noon, erinnert, aber auch an den erwähnten Bad Day at Black Rock: der aufklärerische Außenseiter gegen eine geschlossene böse und feige Volksgemeinschaft aus weißen protestantischen Anglosaxen.

Es gibt aus Hollywood natürlich auch seltene christliche „Gegenfilme“, die durch und durch wirklich amerikanisch, d.h. orgonomisch sind – orgonomischer als das, was Reich vorgesetzt wurde: The Omega Man (DER orgonomische Film schlechthin) und Pale Rider.

Nach Reichs Tod drehten die Juden vollkommen auf zu einer offenen Rebellion gegen das christliche Amerika; eine Rebellion, die Amerika zerstört hat. Nach 1960 hat sich ein Film nach dem anderen über amerikanische Werte lustig gemacht, die amerikanische Geschichte ins denkbar finsterste Relief gesetzt und vor allem Werbung für kriminelle Rebellion, Drogenkonsum und pornographische Pseudosexualität gemacht. Und, ja, die amerikanische Pornoindustrie wird ebenfalls praktisch zu 100% von Juden kontrolliert, wobei es wieder um zwei Dinge geht Sozialreform („sexuelle Befreiung“) und Zerstörung einer „unterdrückerischen Gesellschaft“: Guckst du hier.

Warum erwähne ich das? Weil es zu den Anfängen der Orgonomie ins Jahr 1919 zurückführt, als Reich im Rahmen des Wiener sexuologischen Seminars mit der damals wirklich 100%ig jüdischen Psychoanalyse konfrontiert war und sein Lebenswerk mit der Empfindung anhob, ich paraphrasiere: „Hier stimmt etwas nicht, ich empfinde die Sexualität als grundlegend anders als ein Isidor Sadger!“

Noch ein Punkt, warum ich auf das ganze eingegangen bin, und soeben gesellschaftlichen Selbstmord begangen habe: der in einem der obigen Links erwähnte Gottvater der amerikanischen Pornoindustrie, Reuben Sturman, hat sich bei seiner rebellischen „sozialrevolutionären“ Rechtfertigung ausdrücklich (u.a.) auf Henry Miller berufen. Siehe dazu dieses tatsächlich neo-nazistische Video, aber ich habe sonst nirgends dieses Video-Statement von Reuben Sturman gefunden (Minute 02:22 bis Minute 05:31), der den ganzen Messias/Zerstörungs-Komplex zusammenfaßt. Zu Henry Miller mehr in Teil 6…

…zurück zum Thema: Bad Day at Black Rock ist ein „jüdischer“ Anti-Nazi-Film, geht es doch im Kern um die amerikanische Schuld hinsichtlich der Internierung von japanisch-stämmigen Amerikanern in kalifornischen Konzentrationslagern nach Pearl Harbor (vgl. S. 159). Der Autor behauptet, Reich hätte diese Parallelen im Kinosaal sicherlich erkannt, zumal er ja selbst zu der gleichen Zeit als „feindlicher Ausländer“ in New York inhaftiert worden war. Nun, auf Ellis Island saß er vor allem mit „Nazis“ ein und hatte (fälschlicherweise) seine psychoanalytischen Kollegen im Verdacht, ihn angeschwärzt zu haben… Nein, Reich hat sich nie als Jude identifiziert und hat Anfang der 1920er Jahre standesamtlich die jüdische Glaubensgemeinschaft verlassen und sich, im Gegensatz zu Freud und praktisch allen anderen Psychoanalytikern, auch „kulturell“ von seiner Judenheit komplett und endgültig losgesagt. Entsprechend interpretierte Reich diesen Film, wie überhaupt alle Hollywood-Filme, rein „christlich“. Man lese in dieser Hinsicht insbesondere Reich Speaks of Freud. Ein Interview, auf das der Autor gründlich eingeht, ohne aber diesen Subtext („Ich bin kein Antisemit!“, „Ich sympathisiere mit der Katholischen Welt!“) auch nur anzudeuten.

James Reichs WILHELM REICH VERSUS THE FLYING SAUCERS (Teil 2)

30. September 2024

Des Autors Beschreibung des ORANUR-Experiments ist die mit Abstand beste, die ich je gelesen habe. Daß Reich schon vorher auf den ORANUR-Effekt gestoßen war, als er feststellte, daß das Radium in den Leuchtziffern seiner Armbanduhr dank der starke Orgon-Strahlung, der sie über Jahre ausgesetzt war, über 10mal stärker strahlte als eine fabrikneue Uhr (S. 52), hatte ich bisher immer überlesen oder ich habe es vergessen. Leider (oder zum Glück?) ignorierte Reich diesen Warnhinweis.

Einschränkend muß ich sagen, daß der Autor das ganze aus Freudianischer Sicht sieht, d.h. Reichs Verhalten im Sinne von „Fehlverhalten“ (etwa das erwähnte Ignorieren der Armbanduhr) und sogar der „Allmacht des Gedankens“. Es war dieses Restgefühl der eigenen Allmacht, das ORANUR in Reich störte, und seine Malerei stellte, so der Autor, sozusagen eine Wiederherstellung dieses Machtgefühls dar (S. 58). Im Anschluß schafft es der Autor wieder C.G. Jungs „Mandalas“ einzubringen und mit den „Fliegenden Untertassen“ zu verknüpfen, da Reich als Ergebnis des ORANUR-Experiments zu malen angefangen hat…

Ganz generell habe ich zwei Probleme mit diesem dichten und interessanten, gut und fast fehlerfrei geschriebenen Buch:

1. die Mythologisierung bzw. „Archetypisierung“ Reichs, ähnlich wie Nietzsche mythologisiert und dergestalt jeder ernsthaften Auseinandersetzung mit ihm beraubt wurde;

2. Reich wird eingemeindet in den westlichen Kulturkanon neben Freud, Jung und andere.

Eine Dämonisierung („sexbesessen“) und Verächtlichmachung („geisteskrank“) entsprach weit mehr Reichs wirklicher Bedeutung, denn in Bezug auf diese Zivilisation war er tatsächlich „der Widersacher“ und der „Ver-Rückte“. Die ständigen Verweise auf Freud, Jung, Ferenczi und andere, vor allem aber auf Literatur und Kinematographie, zeigen, wo die Reich-Rezeption mit diesem Buch angekommen ist: während Freud die Psychoanalyse in der Psychologie und „der Kultur“ verankern wollte, war es bei Reich ganz im Gegenteil in der Medizin und „im Labor“. Dieses Fortschritts wird Reich auf geradezu subversive Weise beraubt!

Alles endet im üblichen folgenlosen psychologistischen Kultur-Blablabla, dem Reich ausdrücklich ein Ende setzen wollte. Beispielsweise stellte, wie Bernd A. Laska dargelegt hat, Ferenczi1908 auf dem ersten psychoanalytischen Kongreß fest, daß die Introjektion von „unappellierbaren Prinzipien“, also der Identifikation mit den strafenden Eltern, zu einer inneren irrationalen Verhaltenssteuerung führe, d.h. zu dem, was Freud später als „Über-Ich“ bezeichnen sollte. Es ist typisch für Vertreter der „Kultur“, wie unser Autor einer ist, stattdessen mit dem Jahr 1909 anzufangen, als Ferenczi, auf Druck Freuds hin, solche revolutionären Gedanken bereits verdrängt hatte und sich allgemein über „Introjektion und Übertragung“ ergeht, insbesondere geht es um die „Übertragungszwang“ mit seinem Hunger nach Objekten und der Identifikation mit ihnen. Daraus macht der Autor dieses Buches auf S. 90-94 ein Psychoanalysieren über Reichs Identifikation mit der cineastischen UFO-Folklore der 1950er Jahre. „Die Fähigkeit zur Introjektion war bei Reich gut ausgeprägt, wie wir sehen werden“ (S. 92). Typisches Anti-LSR – der ultimative Verrat an Reich!

Wie naiv und abgestumpft muß man sein, wenn man ausführt: „Ein anderer Analytiker [d.h. C.G. Jung], der zum UFO-Forscher wurde, hätte es so erklärt: ‚Das Wort „Projektion“ paßt eigentlich schlecht, denn es ist nichts aus der Seele hinausgeworfen worden, sondern vielmehr ist die Psyche durch eine Reihe von Introjektionsakten zu der Komplexität geworden, als die wir sie heute kennen‘“ (S. 99). Das beschreibt den Panzerungsprozeß – der von dem unseligen Jung als „Heilung“ hingestellt wird!

Und was „fehlerfrei“ betrifft: auf S. 86 reiht sich Unsinn an Unsinn, die dritte orgonomische Konferenz, die im August 1955 stattfand und auf der Reich seine letzte Ehefrau Aurora Karrer kennenlernte, handelte natürlich nicht vom Cloudbuster und der Space Gun, wie der Autor im Rausch seiner Assoziationskette behauptet, sondern es ging um den Medical DOR Buster. Und Reich nannte sich in Washington, D.C. nicht „Walter Roner“, weil das angeblich wie das rückwärts gelesene „ORANUR“ klingt und der Vorname „jemand, der Macht ausübt“ bedeutet (sic!), sondern weil er dieses Pseudonym bereits zu seiner Sexpol-Zeit benutzt hatte. – Das sind zwei Beispiele dafür, wie der, wenn man so will, „mythologisierende Blick“ des Autors seine Kontaktfähigkeit untergräbt, als hätten wir es bei diesem mit einem Wiedergänger C.G. Jungs zu tun.

Das ganze ist ein schönes Beispiel für das, was Karl Kraus, mit dem Spruch brandmarkte, daß die Psychoanalyse die Geisteskrankheit sei, für deren Therapie sie sich hält: das Ausweichen vor dem Wesentlichen, dem Reich mit der Orgasmustheorie, der Charakteranalyse, der Massenpsychologie, der politischen Psychologie und nicht zuletzt seiner sexualökonomischen Lebensforschung einen Riegel vorschieben wollte. Sein Namensvetter James Reich schiebt den Riegel wieder zurück.

Humana conditio ex orgonomico prospectu: Stichwort „Homo normalis” und folgende

27. September 2024

Humana conditio ex orgonomico prospectu: Stichwort „Homo normalis“ und folgende

Humana conditio ex orgonomico prospectu: Stichwort „Heilung” und folgende

23. September 2024

Humana conditio ex orgonomico prospectu: Stichwort „Heilung“ und folgende

ANHANG zu „Stirners Nachschlag, du Affe!“

12. September 2024

Die gängige Psychiatrie versuchte die Patienten über den Körper zu beeinflussen zunächst durch, ja, körperliche Folter (daher der Name „Klapsmühle“), später beispielsweise durch Schocktherapie, Schlafentzug und ähnliches, schließlich über die vermeintliche „Hirnchemie“. Auf der anderen Seite versuchten die Psychoanalyse und davon abgeleitete Systeme die Patienten über deren Ideen zu beeinflussen. Reich hingegen ist das Problem direkt angegangen. Das heißt, er hat sich nicht für die Symptome und die vermeintlich „hinter ihnen stehenden Ideationen“ interessiert, sondern für den konkreten Patienten, sein Gehabe, sein Benehmen, seine Körperhaltung, den Eindruck, den er vermittelt, seinen Charakter. Diesen geht es DIREKT anzugehen und dessen Funktion aufzulösen: die Verhinderung einer frei fließenden Lebensenergie – und letztendlich die Funktion des Orgasmus freizusetzen.

Diese Unmittelbarkeit, die sich weder um vermeintlich „objektive“ noch um vermeintlich „subjektive“ Gegebenheiten kümmert, da das „Objektive“ ideologisch verseucht und das „Subjektive“ das verinnerlichte Fremde ist, weit weg von jedem authentischen Subjekt, – diese Unmittelbarkeit ist durch und durch Stirnersche Geisteshaltung. In der Charakteranalyse bzw. Orgontherapie geht es darum „das Fremde in Eigenes zu verwandeln“ (Der Einzige und sein Eigentum, reclam, S. 353), indem die Entzweiung in Subjekt und Prädikat zur ursprünglichen Einheit zurückgenommen wird. Das ursprüngliche Kind ist nicht dies (etwa „süß“) oder das (etwa „ein Sturkopf“), also ein in diesem Fall hysterischer oder Zwangscharakter, sondern es ist schlichtweg es selbst. Ziel der Reichschen Therapie ist es, dich aus einem dank der Erziehung selbstentzweiten Besessenen wieder zu dir selbst zu machen, zum EINZIGEN.

Das, was Reich als „Charakterpanzer“ bezeichnet hat, nannte Stirner „Stabilität“ – im Sinne von Stillstand, „Damm gegen den Fluß“ – Panzerung:

… Wäre Ich nicht an meinen gestrigen Willen heute und ferner gebunden? Mein Wille in diesem Falle wäre erstarrt. Die leidige Stabilität! Mein Geschöpf, nämlich ein bestimmter Willensausdruck, wäre mein Gebieter geworden. Ich aber in meinem Willen, Ich, der Schöpfer, wäre in meinem Flusse und meiner Auflösung gehemmt. Weil Ich gestern ein Narr war, müßte Ich’s zeitlebens bleiben. … (ebd., S. 215)

Alle Prädikate von den Gegenständen sind meine Aussagen, meine Urteile, meine – Geschöpfe. Wollen sie sich losreißen von Mir, und etwas für sich sein, oder gar Mir imponieren, so habe Ich nichts Eiligeres zu tun, als sie in ihr Nichts, d.h. in Mich, den Schöpfer, zurückzunehmen. Gott, Christus, Dreieinigkeit, Sittlichkeit, das Gute usw. sind solche Geschöpfe, von denen Ich Mir nicht bloß erlauben muß, zu sagen, sie seien Wahrheiten, sondern auch, sie seien Täuschungen. Wie Ich einmal ihr Dasein gewollt und dekretiert habe, so will Ich auch ihr Nichtsein wollen dürfen; Ich darf sie Mir nicht über den Kopf wachsen, darf nicht die Schwachheit haben, etwas „Absolutes“ aus ihnen werden zu lassen, wodurch sie verewigt und meiner Macht und Bestimmung entzogen würden. Damit würde Ich dem Stabilitätsprinzip verfallen, dem eigentlichen Lebensprinzip der Religion, die sich’s angelegen sein läßt, „unantastbare Heiligtümer“, „ewige Wahrheiten“, kurz ein „Heiliges“ zu kreieren und Dir das Deinige zu entziehen. (ebd., S. 378f)

Humana conditio ex orgonomico prospectu: Stichwort „Geschichten” und folgende

30. August 2024

Humana conditio ex orgonomico prospectu: Stichwort „Geschichten“ und folgende

NACHTRAG zu „Die Geschichte der Orgontherapie (Teil 2)“

22. August 2024

Was ist Arbeit? Mechanische Arbeit bedeutet eine austauschbare Biene in einem Bienenstock zu sein, die blindlings nach einem Masterplan schuftet (Mechano-Mystizismus). Funktionelle Arbeit bedeutet, daß man seine einzigartige Vision und seine einzigartigen Fähigkeiten zum Ausdruck bringt.

Was sind Sex und Liebe? Seelenloser Sex bedeutet, eine schöne Frau zu ficken (Mechanismus). Sie ist schön, weil sie dem platonischen Urbild entspricht (Mystik). Liebe bedeutet, Kontakt mit einem einzigartigen Individuum zu haben (Kontakt mit ihrer einzigartigen Essenz als Person, ihrer Seele). Genitalität ist das Zusammenfließen von Sex und Liebe.

Gegen allen äußeren Anschein ist der Marxismus ein Angriff auf die Arbeitsfunktion, da diese von Marx letztendlich mit Entfremdung gleichgesetzt wird. Ziel ist die Muße im Schlaraffenland. Die Psychoanalyse ist ein Angriff auf die Sexualfunktion, denn nach Freud ist Kultur Ausfluß des Triebverzichts.

Diese beiden Formulierungen klingen nur oberflächlich gleich. Der Sozialismus verschleudert das Kapital in der Gegenwart („Sozialleistungen“, Geld für die Muße) und akkumuliert allenfalls „Sondervermögen“, während der Kapitalismus Kapital für die Zukunft aufbaut. Im Bereich des Sex ist es umgekehrt: die orgastische Potenz entlädt sich in der Gegenwart, um in der Zukunft mehr Ladung zu haben (der entspannte Organismus kann sich ausdehnen), während die orgastische Impotenz Ladung „für die Zukunft“ aufspart – was langfristig zur psychischen Resignation und bioenergetischen Schrumpfung führt.

Die „biologischen Fehlkalkulationen“ von Marx und Freud waren zwar jeweils Fehlkalkulationen, aber sozusagen „gegenläufig“, gemäß der unterschiedlichen Natur von Arbeit (Aufbau von Spannung) und Sex (Abbau von Spannung).

Das erstere wurde von Marx ins Gegenteil verkehrt, das letztere von Freud. Verkompliziert wird das ganze dadurch, daß Marx‘ ideologische Fassade „die Befreiung der lebendigen Arbeitskraft von der Unterdrückung durch das tote Kapital“ war, Freuds Oberfläche war die Befreiung der Libido von der Kathexis = Auflösung der Panzerung. Kein Wunder, daß Reich eine Zeitlang eine Art Freudo-Marxist war, d.h. einer gigantischen Lüge aufsaß!

Die Geschichte der Orgontherapie (Teil 2)

21. August 2024

Reich ist es nicht immer leichtgefallen eindeutig zu sein. Er neigte zu unbefriedigenden Kompromissen. Das fängt schon mit der Edition seiner europäischen Bücher an, die er in Amerika neu herausgab. Einerseits stand er zu seinen psychoanalytischen und Marxistischen Einsichten und wollte seine intellektuelle Entwicklung wirklichkeitsgetreu dokumentiert wissen, andererseits schrieb er seine alten Schriften so um, daß es seinen neusten Erkenntnissen und Haltungen entsprach. Resultat sind merkwürdige Hybride, die man „so oder so“ lesen kann.

Reich läßt sich so interpretieren, daß die psychoanalytische Begrifflichkeit (libidinöse Entwicklungsstufen, psychische Struktur, der Ödipuskomplex, die Rolle der Übertragung, etc.) noch immer aktuelle Bedeutung haben, oder so, daß sie allenfalls von geschichtlichem Interesse sind. Darauf basiert beispielsweise der Streit zwischen den beiden wichtigsten medizinischen Orgonomen zu Reichs Zeit: Elsworth F. Baker (Man in the Trap) und Chester M. Raphael (Wilhelm Reich: Misconstrued-Misesteemed).

Ähnlich ist es mit dem Einfluß von Marx auf Reich bestellt: manche ernsthafte Wissenschaftler können es angesichts von Reichs Schriften schlichtweg nicht nachvollziehen, wie die überwiegende Mehrzahl der Orgonomen es fertigbringt, nicht nur Marx links liegen zu lassen, sondern auch jede Marxistische Analyse als „pestilent“ anzugreifen.

Diese teilweise geradezu tragikomischen Diskrepanzen sind damit erklärbar, daß Reich unterschiedlichen Menschen je nach gegebener Situation unterschiedliche Signale vermittelte. Beispielsweise war Baker einer der wenigen Orgonomen, wenn ich es richtig überblicke abgesehen von Ola Raknes sogar der einzige Orgonom, mit einer abgeschlossenen psychoanalytischen Ausbildung. Auch war er von Reich dafür ausersehen, dessen frühe psychoanalytische Beiträge in Amerika neu herauszugeben. Entsprechend wird Reich Baker ein ganz anders gefärbtes Bild der Orgontherapie vermittelt haben als etwa dem nur oberflächlich in Psychoanalyse ausgebildeten Gynäkologen Raphael.

Ähnlich ist die Sache mit Marx bestellt: Baker war, neben Michael Silvert, zu Reichs Zeiten der einzige Orgonom, der politisch rechts stand, alle anderen waren linksliberal. Es liegen Briefe von Reich an Baker vor, in denen er besorgt nachfragt, ob angesichts von Veröffentlichungen wie People in Trouble ihr Verhältnis gefährdet sei. Immer wieder bekundete Reich gegenüber Baker, aber auch gegenüber übereifrigen Linken unter seinen Anhängern, daß Marx für die heutige Zeit jede Bedeutung verloren habe. Geradezu gegensätzlich äußerte er sich gegenüber Victor Sobey, dem einzigen Orgonomen, der aus der Arbeiterklasse hervorgegangen war. Noch 1957 sagte er Sobey, daß er, Reich, noch immer ein „Marxist“ sei. Eine Erklärung, die angesichts von People in Trouble glaubwürdig ist, auch wenn die Schüler Bakers sagen, daß Reich sich niemals derartig geäußert haben könne.

Wie mit all dem umgehen? So wie Reich damit umgegangen ist! Es hängt immer von den Zusammenhängen ab! Heute werden Psychologen und Psychiater kaum bis gar nicht mehr in Psychoanalyse ausgebildet. Man begegnet Psychiatern, selbst Diplompsychologen, die selbst an psychoanalytischen Grundbegriffen scheitern! Entsprechend ist der Bezug auf eine psychoanalytische Begrifflichkeit heutzutage geradezu ein revolutionärer Akt. Hinzu kommt, daß die Psychoanalyse die praktische Arbeit ungemein erleichtert: wenn etwa die klassische charakteranalytische und biophysische Vorgehensweise im Sande verläuft, kann man beispielsweise mit dem Gegensatz von Über-Ich und Ichideal arbeiten, wie Reich es bereits 1925 in Der triebhafte Charakter beschrieben hat (siehe dazu die Ausführungen von Robert A. Harman: „Clinical Applications of Reich’s Work with Impulsive Characters: The Ego, Ego-Ideal, Superego and the Id”, Journal of Orgonomy, 46,1, Spring/Summer 2012).

Was hingegen Marx betrifft, hat seine Begrifflichkeit heutzutage eine Hegemoniestellung, die es praktisch unmöglich macht öffentlich bio-soziologisch zu argumentieren, d.h. von der bio-physischen Struktur des Menschen her.

Die Geschichte der Orgontherapie (Teil 1)

20. August 2024

Seinen ersten Patienten behandelte Reich als er noch Medizinstudent war. Man wartete darauf, daß der Patient frei zu assoziieren begann und brachte Sinn in den surrealen Fluß der Gedankenfetzen. Der Patient kam auf diese Weise zu immer tieferen Einsichten über seine psychische Entwicklung und gab entsprechend sein unvernünftiges (neurotisches) Verhalten auf.

Problem war, daß die meisten Patienten gar nicht dazu in der Lage waren frei zu assoziieren und die Deutungen größtenteils vollkommen willkürlich waren. Reich regte ein „technisches Seminar“ an, in dem angehende Psychoanalytiker lernen sollten, mit den Widerständen der Patienten gegen das freie Assoziieren umzugehen und angemessene Deutungen zu geben. Aus dieser „Widerstandsanalyse“ entwickelte sich rasch die Charakteranalyse. In diesem Rahmen formulierte Reich erstmals den „phallisch-narzißtischen Charakter“. (Er präsentierte das am 6. Okt. 1926 vor der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung in seinem Vortrag „Über den genital-narzißtischen Charakter“ [Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse 8(2), S. 268, 1927].)

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Reich entwickelte sich schnell zu einem zentralen Lehrer der Psychoanalyse. Insbesondere aus Amerika kamen haufenweise angehende Psychoanalytiker, um von ihm ausgebildet zu werden. Daß er als führender Psychoanalytiker nicht allgemein anerkannt wurde, lag daran, daß er die Charakteranalyse von Anfang an mit seiner Orgasmustheorie verband, d.h. die Charakteranalyse hatte die „orgastische Potenz“ als Ziel. Durch die Orgasmustheorie wurde aus der vagen Vorstellung von der Libido eine konkrete Energie, die „entladen“ werden mußte. Dem konnte und wollte keiner seiner Schüler folgen.

Im skandinavischen Exil entwickelte sich aus der Charakteranalyse die Vegetotherapie, die auch von körperlicher Seite her den Patienten „orgasmusfähig“ machen, d.h. den „Orgasmusreflex“ freilegen sollte. Reich gewann eine Reihe von Schülern für sich, jedoch gelang es ihm wiederum nicht, die Therapie als systematische „Orgasmusbefähigungstherapie“ durchzusetzen.

Im Amerika, wohin er 1939 emigrierte, systematisierte er die Vegetotherapie, indem er die sieben Panzerungssegmente formulierte, die es von oben nach unten nacheinander aufzulösen galt. Aus der Vegetotherapie wurde die „psychiatrische Orgontherapie“, die ab 1946 von einer neuen Generation von Therapeuten unter Führung von Elsworth F. Baker, Chef der Frauenabteilung eines psychiatrischen Hospitals, praktiziert wurde.

1948 wurde die American Association for Medical Orgonomy gegründet, die feste Standards aufstellte. Imgrunde wiederholte sich hier das gleiche wie einst im Technischen Seminar in Wien. Reich war nach wenigen Wochen eigener psychoanalytischer Therapie Psychoanalytiker geworden und entwickelte dann wenig später ein strukturiertes Ausbildungsprogramm für Psychoanalytiker. Zwei Jahrzehnte später war der ausgebildete Psychoanalytiker Baker nach sechs Wochen Therapie bei Reich selbst Orgontherapeut. Ende 1949 war Baker innerhalb der soeben gegründeten Wilhelm Reich Foundation zuständig für die Ausbildung neuer Orgontherapeuten und es wurde ein Ausbildungsprogramm für Psychiater (bzw. angehende Psychiater) entwickelt. Dieses Programm wurde nach dem Ende der Wilhelm Reich Foundation im Jahre 1954 und Reichs Tod im Jahre 1957 von Baker fortgeführt und kontinuierlich weiter systematisiert. Elf Jahre nach Reichs Tod gründete Baker das American College of Orgonomy („College“ im Sinne von „Kollegium“, eine Vereinigung von Orgonomen) in dessen Rahmen dieses Programm bis heute fortgeführt wird.

Einige von Reichs Schülern, die Reich bis zum Ende treu geblieben sind (den Rest beachten wir hier erst gar nicht) haben ihrerseits selbst Therapeuten ausgebildet, später sogar einige von Bakers Schülern. Da wäre zunächst Ola Raknes zu nennen, der Reich seit dessen Berliner Zeit kontinuierlich begleitet hatte. Auf ihn gehen „Vegetotherapeuten“ in Skandinavien und die „Orgontherapie-Schule“ von Federico Navarro in Italien zurück. Nach Reichs Tod kam es zu einem Bruch innerhalb der American Association for Medical Orgonomy. Beispielsweise bildete der Orgonom Victor Sobey unabhängig von Baker Orgontherapeuten aus (meist Psychologen). Und schließlich kam es innerhalb des American College of Orgonomy selbst 1982 zu einer Abspaltung, als eine Gruppe von Bakers Schülern eine eigene Organisation gründeten, das Institute for Orgonomic Science, da sie dem Urteilsvermögen des auf die 80 zugehenden Baker nicht mehr vertrauten. (Baker wollte das bis dahin informelle „Kollegium“, das nichteimal einen festen, zentralen Sitz hatte, in eine Organisation samt Hauptquartier umgestalten.)

Natürlich lassen sich keine generellen Urteile fällen, aber wenn man beispielsweise die theoretischen Ergüsse von Navarro oder so manchen Artikel in den Annals of the Institute for Orgonomic Science, etwa über den „okularen Charakter“ liest, kommt man doch stark ins Zweifeln. Navarros Buch Die sieben Stufen der Gesundheit (Frankfurt: Nexus, 1986) ist schlichtweg indiskutabel. Beispielsweise führt er Haarausfall auf okulare Panzerung zurück – und andere derartige haltlose „Theorien“, die kaum mehr sind als primitivstes Psychologisieren des Physischen. Ähnlich erstaunlich sind manche Ausführungen in den Annals of the Institute of Orgonomic Science. Dort wird beispielsweise eine Diskrepanz konstatiert zwischen der Behauptung, daß eine starke Augenpanzerung in jedem Fall auf einen „schizophrenen Charakter“ hinweist und der Tatsache, daß kaum einer dieser „schizophrenen Charaktere“ je an Schizophrenie im klinischen Sinne erkrankt. Schon mal die Charakteranalyse gelesen? (Die Diagnose wird nicht nach den Symptomen, sondern nach dem neurotischen Charakter gestellt, der den Symptomen zugrundeliegt!) Was die Schüler von Victor Sobey betrifft, verweise ich auf meine gestrigen Ausführungen.

Einer der Hauptstreitpunkte, der diese gesamte Entwicklung durchzog, war, ob nur Mediziner bzw. Psychiater Orgontherapeuten werden sollen. In den 1920er Jahren hat Reich, in Opposition gegen Freud, eindeutig Stellung gegen die „Laienanalyse“ genommen. Als Reich im Exil zunehmend in Isolation geriet, lockerte sich diese schroffe Ablehnung von Nichtmedizinern. Beispielsweise war Ola Raknes Psychologe. Als dann jedoch ab 1946 vermehrt Psychiater um eine Ausbildung baten, kehrte Reich zu seiner ursprünglichen Position zurück. Beispielsweise legte er Alexander Lowen nahe, ein Medizinstudium zu absolvieren, was dieser auch tat, als ihm danach aber auch noch bedeutet wurde, eine Facharztausbildung zum Psychiater auf sich zu nehmen, verließ er entnervt die Orgonomie.

Dem vielleicht ersten der modernen „Reichianischen Therapeuten“, Paul Ritter, schrieb Reich am 9. Oktober 1950 persönlich, daß er auf keinen Fall Leute in „Therapie“ nehmen solle, egal wie sehr es ihn auch dränge ihnen zu helfen. Reich fuhr fort:

Sie (die Orgontherapie) ist nicht mehr und nicht weniger als bio-psychiatrische Chirurgie und kann nur von versierten und gut ausgebildeten Menschen mit der entsprechenden (Charakter-) Struktur auf eine sichere Weise durchgeführt werden. Sie ist deshalb auf Ärzte beschränkt. (Journal of Orgonomy, May 1977)

Nach Reichs Tod hat sich die Psychiatrie in Amerika langsam aber sicher verändert: Psychotherapie wird heute durchweg von Psychologen praktiziert, während sich der Psychiater weitgehend auf diagnostische Gespräche und das Verabreichen von Psychopharmaka beschränkt. Orgonomen sind in dieser Beziehung heute die große Ausnahme.

Parallel dazu hat sich auch die Orgontherapie weiterentwickelt. Obwohl Reich die charakteranalytische Arbeit nie aufgab, verlagerte sich doch sein Augenmerk immer mehr auf die „biophysische Arbeit“, zumal Reich an der eigentlichen „Psychotherapie“ zunehmend das Interesse verlor und am Körper direkt mit der Orgonenergie, bzw. direkt am „Orgonom“ arbeiten wollte. Baker steuerte dieser Tendenz in seinem 1967 erschienen Buch Der Mensch in der Falle entgegen. Der Orgonom Richard Schwartzman erwähnt in seinen Erinnerungen über seine zwölfjährige Therapie, daß ihn Baker nicht ein einziges Mal berührt habe. (Andere Patienten haben gleichzeitig andere Erfahrungen gemacht! Jeder Fall ist anders!)

Am Ende seiner Laufbahn ist Baker zum Schluß gekommen, daß man vielleicht doch Psychologen zulassen sollte, soweit sich diese von jeder „biophysischen Arbeit“ fernhalten. Entsprechend werden heute beim American College of Orgonomy promovierte Psychologen zu „Charakteranalytikern“ ausgebildet.

Zum bisher letzten Bruch ist es vor kurzem gekommen, weil Schwartzman (mittlerweile verstorben) diese Beschränkung weitgehend aufheben wollte, vor allem deshalb, weil es kaum noch Mediziner gibt, die sich zu Orgontherapeuten ausbilden lassen wollen. Die Orgontherapie ist gewisserweise wieder „im Exil“ und muß ums Überleben kämpfen.

Orgontherapie im Kontext, oder: Die Orgonomie ist revolutionär oder sie ist keine Orgonomie

18. August 2024

Die psychiatrische Orgontherapie ist aus der psychoanalytischen Tiefenpsychologie hervorgegangen. „Tiefenpsychologie“ ist eine Psychologie, die sich mit dem Unbewußten auseinandersetzt. Und das nicht nur mit Trieben („Es“), sondern auch mit Manierismen („Ich“) und Normen („Über-Ich“): drei Bereiche, denen wir ausgeliefert sind, meist ohne zu wissen, wie uns geschieht. Wir sind nicht Herren im eigenen Haus! Freuds Therapieansatz war es, das Unbewußte bewußt zu machen und damit unsere Infantilität zu überwinden.

Problem dabei war, daß das bloße Bewußtmachen kaum einen therapeutischen Effekt hatte. Das war so, weil selbst die Tiefenpsychologie nicht „tief genug“ reichte. Sie ignorierte nämlich explizit zwei Bereiche: die Soziologie („Wir sind keine Gesellschaftsreformer!“, Freud paraphrasiert) und die Biologie („Wir sind nur Psychologen!“, ebenfalls Paraphrase). Reich hat die Psychoanalyse zur Soziologie hin ausgeweitet, indem er offenlegte, daß die sexuelle Unterdrückung, im Gegensatz zur ökonomischen, die Menschen so verformt, daß sie der eigenen (sowohl sexuellen als auch ökonomischen) Unterdrückung nicht nur zustimmen, sondern sie aktiv unterstützen – letztendlich aus Orgasmusangst. (Ich erinnere an Freuds Reaktion auf reichs Analyse des Masochismus!)

Dieser Umweg über die „Politik“ ermöglichte es ihm schließlich ins „biologische Fundament“ vorzudringen, wurde er sich doch dessen bewußt, wie grundsätzlich irrational und wirklichkeitswidrig die herrschende letztendlich masochistische Ideologie ist – nicht zuletzt in der Wissenschaft, die zunehmend so sakrosankt und genauso irrational wurde, wie einst die Religion. (Muß ich, was die heutige Zeit betrifft, an den Wissenschaftsbetrug „Corona“ erinnern!) Das machte den Weg frei, die Psychoanalyse auf ein biologisches und schließlich biophysikalisches Fundament zu setzen, was gleichzeitig die Abfolge von Psychoanalyse, Charakteranalyse, charakteranalytischer Vegetotherapie bis hin zur psychiatrischen Orgontherapie beschreibt.

Heute ist der Orgontherapeut für seinen Patienten das Bindeglied das, bzw. der „Link“ der, diesen auf der einen Seite mit dem äußeren sozialen Bereich verbindet (zwischenmenschlicher Kontakt, der eine „individuelle“ Sexualökonomie erst ermöglicht) und auf der anderen Seite mit dem biologischen Bereich (letztendlich der Kontakt mit der vegetativen Strömung, was uns erst wahrhaft zu Lebewesen macht).

Es kann von daher weder eine „unpolitische“ Orgonomie geben, noch eine Orgonomie, die sich dem „wissenschaftlichen Konsens“ beugt. Das ist angesichts all des Wahnsinns, ich sage nur „Klimawandel“ oder „Genderforschung“, heute sogar noch wahrer als zu Reichs Zeiten.