Posts Tagged ‘Über-Ich’

Besprechung von Christian Fernandes‘ Dissertation LA METTRIES „TUGENDHAFTE LUST“

10. August 2024

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Ich verdanke Christian Fernandes sehr viel. Mit seiner akribischen und bahnbrechenden Herausarbeitung des Konzepts der „tugendhaften Lust“ bei LaMettrie hat er mir Reich und die Orgonomie neu erschlossen. Als, for lack of a better term, „Reichianer“ fristet man schon eine merkwürdige Existenz. Beispielsweise bin ich im vergangenen Wochenende vollkommen unvermittelt und unvorbereitet in den gigantischen Hamburger CSD-Umzug hineingeraten. Eine Millionenmetropole ganz im Zeichen der orgastischen Impotenz und der Feier der „Buntheit“ der sekundären Triebe. Vollkommen ausgetickt („Scheiße, ich MUSS hier weg!“) bin ich, angesichts eines lesbischen Paares mit der kleinen Tochter in der Mitte, die begeistert eine kleine Regenbogenfahne schwang. Entweder bin ich vollkommen gaga – oder alle anderen… Von all dem ganz offen antisexuellen Zeugs, das mir von konservativer Seite seit meiner Geburt meist nonverbal und subkutan eingetrichtert wurde, brauche ich gar nicht erst anfangen. Ein Außerirdischer erleidet eine Bruchlandung auf einem Planeten voller maliziöser Horrorclowns!

Die Lektüre dieses Buches war für mich eine große Erleichterung. Endlich eine Stimme, die nichts mit Reich zu tun hat, aber in jedem Satz und vollkommen unabhängig und im Rekurs auf einen Mann, der vor fast drei Jahrhunderten lebte, – die vollkommen in Übereinstimmung mit der Reichschen Orgasmustheorie steht. Endlich die Wahrheit der Sexualökonomie in eigenen Worten, frisch erzählt. Befreit vom ewig gleichen „Reichianischen“ Mantra konnte ich förmlich aufatmen. Genitalität existiert und ist der eine Faktor, um den sich das gesamte „Geistesleben“ der Menschen dreht.

Das Besondere an LaMettrie ist nicht nur, daß er im Gegensatz zu de Sade und Casanova und Rousseau etc. die Genitalität vorbehaltlos feiert, sondern stets im Zusammenhang mit dem Problem des zerstörerisch wirkenden Schuldgefühls sieht. Es ist eine Vorwegnahme von Reichs Orgasmustheorie und, wenn man so will, „Über-Ich-Theorie“ (Panzerungstheorie = Charakteranalyse). Genau wie bei Reich sind auch bei LaMettrie diese beiden Elemente nicht voneinander zu trennen. Die befriedigende Lust reguliert das Seelen- und Sozialleben, weil sie „tugendhaft“ macht und damit das Schuldgefühl, das der Untugend Grenzen setzen soll, überflüssig macht. Wobei umgekehrt das Schuldgefühl eine befriedigende Lust unmöglich macht. Es geht schlichtweg darum, die gesamte scheinbar rettungslos verpeilte Gesellschaft vom Kopf auf die Füße zu stellen.

Wenn man sich jahrzehntelang mit Reich beschäftigt, wird man schließlich betriebsblind. Ich danke Christian Fernandes dafür, mich wieder zum Kern der Angelegenheit gebracht zu haben. Hinzu kommt, daß diese Arbeit die erste Fortführung und eigenständige Weiterentwicklung von Laskas LSR-Projekt darstellt. Besser geht es nicht!

Besprechung der Anthologie DAS LSR-PROJEKT

9. August 2024

Das neue Laska-Buch ist da!

Irgendwie fehlt das „Abstract“ zum LSR-Projekt. Man weiß nicht recht, worauf man sich einläßt und worauf man achten soll. Das scheint mir generell das Problem zu sein, wenn man „so allein vor sich hin tüftelt“: daß man sozusagen sich die Sahnestücke für zuletzt aufbewahren will – es fehlt der heilsame Zwang die Zusammenfassung an den Anfang der Arbeit zu stellen. Der Autor sitzt zuhause und reibt sich genüßlich die Hände bei der Vorstellung, wie der Leser jene Landschaft durchschreitet und in sich organisch aufnimmt, die der Autor für ihn geschaffen hat, um ihn zu ganz bestimmten Ausblicken zu führen. Und wie fühlt sich der Leser? WENN er überhaupt angefangen hat, das unbeschilderte Land zu betreten, d.h. zu lesen, fühlt er sich als würde er durch ein sinnlosen finsteren Irrgarten stolpern, wobei er sich ständig fragt: „Was mach ich hier eigentlich? – und was soll das ganze überhaupt?“

Also: zuerst die Resultate präsentieren! Auch wenn es weh tut: „Perlen vor die Säue werfen!“, „Jetzt verpufft meine hart erarbeitete Wahrheit!“ Die gleich am Anfang präsentierten Früchte kann der Leser wohl nicht würdigen, vielleicht nicht mal verstehen, aber er weiß, worauf er bei der Lektüre achten soll. Zumindest sollte man erklären, was man mit ihm vorhat.

Ein solches „Abstract“ liegt nun mit dem von dem Würzburger Philosophen Dr. Christian Fernandes herausgegebenen Laska-Anthologie Das LSR-Projekt vor.

Man erlaube mir einen eigenen kleinen Versuch:

Begriffe wie „Selbstsucht“, „Egoismus“, „Eigensinnigkeit“, „Sichgehenlassen“ haben zu recht einen denkbar schlechten Leumund. Gleichzeitig erweist sich jedem denkenden und historisch versierten Menschen „die Gesellschaft“, an die man sich anpassen soll, um nicht „selbstsüchtig“, „rücksichtslos“ etc. zu sein, als denkbar „irrational“, im Sinne von destruktiv, verblendet und dem sicheren Untergang geweiht. Jeder Mensch, der in dieser Gesellschaft aufwächst und durch sie „enkulturiert“ wird, verinnerlicht vom Tage seiner Geburt an diese Irrationalität, so daß seine vermeintliche „Eigensinnigkeit“ schließlich nur Ausdruck dieser Irrationalität sein kann. Die Irrationalität wird dadurch verdoppelt, daß die als „Über-Ich“ verinnerlichten gesellschaftlichen Gebote, das bekämpfen sollen, was es ohne sie gar nicht gäbe. Genau das bezeichnet Bernd A. Laska als „irrationales Über-Ich“. Potenziert wird diese Irrationalität dadurch, daß durch die Bildung des „irrationalen Über-Ich“ die Selbstregulierung jedes Einzelnen durch ein „rationales Über-Ich“ (schlichtweg Rücksicht auf andere gemäß der im ungestörten Sozialverkehr jedem sich von selbst evident werdenden Goldenen Regel) unmöglich gemacht wird.

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 147)

6. August 2024

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

So gut wie alles, was seit 1845 über Max Stirner geschrieben wurde, also über sein Buch Der Einzige und sein Eigentum, ist für die Tonne. Allgemein ist es einfach nur abstoßend, wie sich irgendwelche Sonderlinge in ihrer „Einzigkeit“ wälzen, einem radikalen Nominalismus frönen, über „das Nichts“ meditieren und sich an ihrer eigenen Bilderstürmerei berauschen. All die Bibliotheken die seit fast 200 Jahre mit diesem Zeugs gefüllt wurden, sind allenfalls zu einem einzigen gut: das dingfest zu machen, dem nicht nur alle ausgewichen sind, sondern das durch diese Papierflut auch auf ewig unerreichbar begraben werden sollte.

Was ist am Grunde des Berges, im Zentrum, weit unten unter dem Gipfel des Papierhaufens, sozusagen die geheime Grabkammer des Pharaos? Es ist der Kern von Stirners Nominalismus. Sein „Nominalismus“ bedeutet, daß es keine „abstrakten Objekte“ gibt, d.h. Begriffe bloße Werkzeuge sind, unsere Werkzeuge – und keinerlei Macht über uns haben sollten. In der amerikanischen Fassung der Massenpsychologie des Faschismus hat Reich ein ganzes Kapitel darüber geschrieben: darüber wie aus unseren Werkzeugen unsere Herrscher wurden. Letztendlich geht es um die Panzerung, deren psychischer Aspekt das Über-Ich ist.

Es geht darum, daß wir uns nicht mittels eines bloßen Willensaktes aus dieser imgrunde lächerlichen Sklaverei befreien können, sondern „nur“ darum, (1.) uns unserer Situation bewußt zu werden und (2.) entsprechend ZU HANDELN, was vor allem heißt, jede Generation so aufwachsen zu lassen, daß sie wirklich „eigener“ sind als die jeweils vorausgehende Generation. Es geht um ein Reha-Programm nach 6000 Jahren in einem psychiatrischen Horrorhospital.

Stirner bedeutet eben nicht, daß, frei nach Hume, die Seele keine Substanz hat, d.h. nur Oberfläche ist, oder ähnlich wie bei Nietzsche alles nur wesenlose Worte und Handlungen sind („Alles ist nur Maske und nichts außerdem!“), wir also wie bei einer CSD-Umzug unsere geschlechtliche Identität frei wählen können, sondern Stirner verweist auf eine Realität hinter dem Virtuellen: die Maske verweist auf einen Maskenträger. Mit anderen Worten: die Wirklichkeit ist nicht so wie sie nun mal halt ist, Nietzsches „Amor fati!“, sondern es herrscht der Große Verdacht, daß zwar alles falsch ist, sich aber hinter der Lüge eine Wahrheit verbirgt.

Das erinnert etwas an Marx‘ Wert- und Fetisch-Theorie: die Preise fluktuieren zwar, aber das ist nicht die wirkliche Wirklichkeit, denn sie hängen mit wenig flexiblen sozusagen „Gummibändern“ vom Wert ab, entsprechend leben die Menschen nicht unbekümmert in einer schönen Warenwelt, sondern waten tatsächlich durch das Blut der den Arbeitern abgepreßten Lebenszeit, die den Wert der Waren bestimmt. Das entspricht ziemlich genau Stirners „Gespinsten“, die die Menschen davon abhalten, die wirkliche Wirklichkeit zu sehen. Bei Nietzsche gibt es keine wirkliche Wirklichkeit, sondern nur die Aktualität, nur Oberfläche, nur „Willen zur Macht“ (das eben kein metaphysisches Konzept ist!). Das zu erkennen, ist der „Große Mittag“: du erkennst, daß alles so ist, wie es ist (Amor fati) und ewig so wiederkehren wird, weil es nichts weiter gibt als das Puzzle der Wirklichkeit, das wie eine Uhr mit Notwenigkeit immer zur gleichen Konstellation zurückkehren muß. Bei Nietzsche ist der Einzige damit nicht „unerschöpflich“ wie Gott, sondern identisch mit der Welt.

Marx hat Stirner „überwunden“, indem er alles auf Ökonomie reduzierte und Stirner als „Fetischisten“ entlarvte, während Nietzsche Stirner (und Marx) „überwandt“, indem er aus Stirners „Alles was man von Gott sagt, trifft auf mich zu!“ das „Gott“ strich. Es gibt keinen „Einzigen“ und er kann kein „Eigentum“ haben, da alles eins ist.

Im krassen Gegensatz zu Nietzsche war Laska zeitlebens ein Revolutionär, der die Wirklichkeit, „wie sie nun mal aktuell ist“, bis aufs Blut haßte. Das einzige, was er als authentisch (sozusagen als „nichtvirtuell“) anerkannte, war die Natur (inklusive noch über-ich-freie Kinder) und „theoriefreie“ Technik, wie sie sich einem Ingenieur darstellt. Marxist konnte er nicht sein, weil die Werttheorie letztendlich Metaphysik ist (kaum mehr als Aristoteles und Thomas von Aquin!) und Nietzscheaner konnte er nicht sein, weil er die Menschenwelt nicht als unwandelbare „Natur“ akzeptierte.

Problem ist, daß Laska diese meine Ausführungen nie und nimmer unterschrieben hätte, weil er immer „Mißverständnisse“ vermeiden wollte. Deshalb sein Rückzug auf die Darstellung der Rezeptionsgeschichte, sozusagen auf eine Aktualität, die sich selbst transzendiert, weil ihre inneren Widersprüche so evident sind. – Aber wer läßt sich darauf wirklich ein? Laskas Funde werden zur Kenntnis genommen und dann, wie etwa bei Ursula Pia Jauch (LaMettrie) oder Rüdiger Safranski (Nietzsche), in irgendwelche Theoriekonstruktionen verwurstet. Stirnerianer nehmen sie zur Kenntnis und machen dann unbekümmert weiter mit ihrem bizarren Stirner-Kult, der (genau wie der Mohammed-Kult im Islam) nur ihre eigenen Perversionen, Idiosynkrasien und Beschränktheiten ideologisch untermauern soll.

Alles was zum Thema Marx und Stirner zu sagen ist (Teil 1)

4. August 2024

Marx hat sich m.W. nur einmal mehr oder weniger explizit zu dem geäußert, was Laska im Anschluß an Freud als „Über-Ich“ bezeichnet hat: „Was beweist die Geschichte der Ideen anders, als daß die geistige Produktion sich mit der materiellen umgestaltet? Die herrschenden Ideen einer Zeit waren stets nur die Ideen der herrschenden Klasse“ (Das kommunistische Manifest). Die herrschenden Ideen sind das – Über-Ich.

Zuvor hatte Marx in seiner Besprechung von Stirners Der Einzige und sein Eigentum erläutert, wie es zu den „herrschenden Ideen“ kommt: „(…) daß also die Umstände ebensosehr die Menschen, wie die Menschen die Umstände machen“ (Die Deutsche Ideologie). Der erste Teil des Nebensatzes faßt den (wie er später genannt wurde) Historischen Materialismus zusammen, der zweite Teil den (wie er später genannt wurde) Dialektischen Materialismus. Will sagen: die materiellen Bedingungen bestimmen die Ideen in unserem Kopf, aber dieser Materialismus ist nicht mechanisch, weil eben diese materiellen Bedingungen durch die menschliche Arbeit, d.h. die Umsetzung von Ideen, ständig umgestaltet werden.

Damit war, so bildete sich Marx jedenfalls ein, Stirner erledigt und damit der „Humanismus“ gerettet. Kurz vor Erscheinen von Stirners Buch hatte Marx nämlich sein Glaubensbekenntnis niedergelegt: „(…) der Atheismus ist der durch Aufhebung der Religion, der Kommunismus der durch Aufhebung des Privateigentums mit sich vermittelte Humanismus“ (Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte von 1844). Die Gleichsetzung von Atheismus mit dem Kommunismus bzw. von Religion mit dem Privateigentum führt nicht etwa zur Aufhebung des Über-Ichs, sondern zu dessen Apotheose in Gestalt des „Humanismus“.

Wie dieser „Humanismus“ aufzufassen ist und was er mit Privateigentum zu tun hat, wird deutlich, wenn wir uns anschauen was Marx 1843 im Zusammenhang mit den Errungenschaften der Französischen Revolution und der Menschenrechte geschrieben hatte:

Die Freiheit ist also das Recht, alles zu tun und zu treiben, was keinem andern schadet. Die Grenze, in welcher sich jeder dem andern unschädlich bewegen kann, ist durch das Gesetz bestimmt, wie die Grenze zweier Felder durch den Zaunpfahl bestimmt ist. Es handelt sich um die Freiheit des Menschen als isolierter auf sich zurückgezogener Monade. (…) das Menschenrecht der Freiheit basiert nicht auf der Verbindung des Menschen mit dem Menschen, sondern vielmehr auf der Absonderung des Menschen von dem Menschen. Es ist das Recht dieser Absonderung, das Recht des beschränkten, auf sich beschränkten Individuums. Die praktische Nutzanwendung des Menschenrechtes der Freiheit ist das Menschenrecht des Privateigentums. (…) Das Menschenrecht des Privateigentums ist (…) das Recht, willkürlich (…), ohne Beziehung auf andre Menschen, unabhängig von der Gesellschaft, sein Vermögen zu genießen und über dasselbe zu disponieren, das Recht des Eigennutzes. Jene individuelle Freiheit, wie diese Nutzanwendung derselben, bilden die Grundlage der bürgerlichen Gesellschaft. Sie läßt jeden Menschen im andern Menschen nicht die Verwirklichung, sondern vielmehr die Schranke seiner Freiheit finden. (…) Die Sicherheit ist der höchste soziale Begriff der bürgerlichen Gesellschaft, der Begriff der Polizei, daß die ganze Gesellschaft nur da ist, um jedem ihrer Glieder die Erhaltung seiner Person, seiner Rechte und seines Eigentums zu garantieren. (…) Durch den Begriff der Sicherheit erhebt sich die bürgerliche Gesellschaft nicht über ihren Egoismus. Die Sicherheit ist vielmehr die Versicherung ihres Egoismus. Keines der sogenannten Menschenrechte geht also über den egoistischen Menschen hinaus, über den Menschen, wie er Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft, nämlich auf sich, auf sein Privatinteresse und seine Privatwillkür zurückgezogenes und vom Gemeinwesen abgesondertes Individuum ist. Weit entfernt, daß der Mensch in ihnen als Gattungswesen aufgefaßt wurde, erscheint vielmehr das Gattungsleben selbst, die Gesellschaft, als ein den Individuen äußerlicher Rahmen, als Beschränkung ihrer ursprünglichen Selbständigkeit. Das einzige Band, das sie zusammenhält, ist die Naturnotwendigkeit, das Bedürfnis und das Privatinteresse, die Konservation ihres Eigentums und ihrer egoistischen Person. (Zur Judenfrage)

Ein Jahr später erschien Stirners Der Einzige und sein Eigentum – der vollkommene „Anti-Marx“. Lassen wir aber nochmal Marx‘ humanistische Frühschrift zu Wort kommen:

Die Konstitution des politischen Staats und die Auflösung der bürgerlichen Gesellschaft in die unabhängigen Individuen (…) vollzieht sich in einem und demselben Akte. Der Mensch, wie er Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft ist, der unpolitische Mensch, erscheint aber notwendig als der natürliche Mensch. Die [Menschenrechte] erscheinen als [natürliche Rechte], denn die selbstbewußte Tätigkeit konzentriert sich auf den politischen Akt. Der egoistische Mensch ist das passive, nur vorgefundne Resultat der aufgelösten Gesellschaft, Gegenstand der unmittelbaren Gewißheit, also natürlicher Gegenstand. Die politische Revolution löst das bürgerliche Leben in seine Bestandteile auf, ohne diese Bestandteile selbst zu revolutionieren und der Kritik zu unterwerfen. Sie verhält sich zur bürgerlichen Gesellschaft, zur Welt der Bedürfnisse, der Arbeit, der Privatinteressen, des Privatrechts, als zur Grundlage ihres Bestehns, als zu einer nicht weiter begründeten Voraussetzung, daher als zu ihrer Naturbasis. Endlich gilt derMensch, wie er Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft ist, für den eigentlichen Menschen, für den homme im Unterschied von dem citoyen (…), während der politische Mensch nur der abstrahierte, künstliche Mensch ist (…). Der wirkliche Mensch ist erst in der Gestalt des egoistischen Individuums, der wahre Mensch erst in der Gestalt des abstrakten citoyen anerkannt.

Marx will den „wahren Menschen“, das „Gattungswesen“ befreien, d.h. den „Humanismus“ – das Über-Ich retten…

Humana conditio ex orgonomico prospectu: Stichwort „Freudo-Marxismus” und folgende

31. Juli 2024

Humana conditio ex orgonomico prospectu: Stichwort „Freudo-Marxismus“ und folgende

Die zwei Aspekte der Neurose

30. Juli 2024

Neurosen zeichnen sich durch ihre innere Widersprüchlichkeit aus, denn sie sind einerseits ein Selbstheilungsversuch und andererseits ein Selbstzerstörungsversuch:

1. „Wiederholungszwang“, d.h. die stets erneute Inszenierung des kindlichen Dramas, um doch noch zu irgendeiner Lösung zu gelangen, die natürlich ewig ausbleiben wird.

2. „Selbstbestrafung“, denn nach seiner eigenen mächenhaft-magischen „Logik“ ist das Kind allmächtig und deshalb für alles verantwortlich, was ihm widerfahren ist.

Gemeinsam ist diesen beiden Elementen, daß sie das Infantile ins Erwachsenenleben tragen und dieses vergiften.

Was tun? Einsehen, daß die Sache gegessen ist. Die Vergangenheit existiert nicht mehr. Das, was existiert, sind die Strukturen, die in der Vergangenheit aufgebaut worden sind, d.h. die Panzerung – die stereotypen Verhaltensmuster und „stereotypen Muskelverkrampfungen“ im Hier und Jetzt.

Tatsächlich versuchen wir ständig aus diesem Gefängnis, d.h. unserer Panzerung, auszubrechen und Scheitern daran, weil die Panzerung uns verkrüppelt hat. Die Ausbruchsversuche werden als „Wiederholungszwang“ psychologisiert und unsere Freiheitsangst als „Selbstbestrafung“.

Was getan werden muß, ist die Panzerung selbst anzugehen. Das geschieht, indem wir uns nicht länger mit der Panzerung identifizieren; psychologisch ausgedrückt: nicht mehr das Ich mit dem Über-Ich verwechseln. Das ist genau das, was Max Stirner als „Empörung“ bezeichnet hat. Ich soll alles Mögliche sein, nur nicht ich selbst!

Und was ist mit Frühgestörten und ihrem zerbröselnden Ich? Dazu morgen mehr.

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 146)

29. Juli 2024

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Meines Erachtens gibt es eine entscheidende Lücke im LSR-Projekt: das Gewissen. Wenn ich ein schlechtes Gewissen gegenüber meiner Freundin habe, weil ich selbstsüchtig gehandelt habe, spricht dann mein „Über-Ich“ bzw. meine „Panzerung“? NEIN! Ganz im Gegenteil: ich habe mich wie ein Schwein verhalten, weil ich gepanzert bzw. durch das Über-Ich emotional verkrüppelt bin und deshalb nicht „tuistisch“ handeln kann. Das besagte „schlechte Gewissen gegenüber meiner Freundin“ ist die durch und durch gesunde Stimme einer ganz anderen Instanz: der bioenergetische Kern, psychoanalytisch das Ichideal, bei Nietzsche das „Selbst“.

Grob gesagt werden Neurotiker vom Über-Ich geplagt, so daß kaum Platz für das „schlechte Gewissen“ bleibt, während Psychopathen überhaupt kein Gewissen haben. Sie sind sozusagen „kernlose“ Maschinen und deshalb prinzipiell nicht therapierbar. Was ist Reichs Charakteranalyse anderes als ein ständiger Appell an das „schlechte Gewissen“, das Ichideal?

Siehe auch Was ist das „rationale Über-Ich“ im LSR-Projekt?

De Sade zufolge ist die Heilung für Schuldgefühle noch Schlimmeres zu tun, um jede innere Regung (Schuldgefühle) zu ersticken. Beispielsweise nach unehelichem Sex, Sex mit Kindern haben, Sexualmorde „etc.“. Das zeigt sehr schön, wie Schuldgefühle zwangläufig das erzeugen, was sie verhindern sollen. Zum „DeSadisten“ zu werden, ist natürlich nicht zwangsläufig, aber eben doch eine mögliche Folge des Schuldgefühls: DeSade war auf seine Weise ein konsequenter Katholik.

Das sieht man auch bei Terroristen, die durch immer schlimmere Greuel, die Stimme der Humanität in sich ersticken oder jetzt im überschüssigen Vorgehen Israels gegenüber der Hamas. Oder eben auch bei der ständigen Eskalation im Verlauf des Holocausts. Das habe ich schon zum Entsetzen meiner Mitschüler und meines Lehrer im Gymnasium vorgetragen: daß der SS-Mann zum Sadisten wurde, um das Schuldgefühl in sich zu ersticken. Das ist auch das Geheimnis des gesamten „Satanismus“ etc.

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 145)

28. Juli 2024

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

1929 hat Reich in seiner Schrift Psychoanalyse und Dialektischer Materialismus Marx als Verkörperung der Bewußtwerdung der ökonomischen Gesetze, bzw. der ökonomischen Ausbeutung, gedeutet und parallel dazu Freud im Bereich des Sexuellen die gleiche Stellung zugewiesen (die Lebensreform- und Mentalhygiene-Bewegung seit der Zeit des Jugendstils). Alles im Sinne des Historischen Materialismus, dem sich Reich kurz zuvor verschrieben hatte. Später, mit Verstreichen der 1930er Jahre, hat er das dann zunehmend im Sinne einer „objektiven Logik“ gesehen, der Logik der Entfaltung der „vegetativen Energie“ und sich selbst als bloßes Werkzeug dieser Logik. Es ist nur konsequent Stirner an die Stelle von Marx zu setzen und Reich selbst an die Stelle von Freud. Und das dann auf LaMettrie auszudehnen, der an die Stelle von Kant und Rousseau tritt.

Apropos „Wellen“: Kann man Schopenhauers und Nietzsches Einfluß auf die Deutschen unterschätzen? Aber die beiden sind auch nicht vom Himmel gefallen, sondern wurzeln in der romantischen Strömung. Es ist immer die Frage nach dem Huhn und dem Ei. War zuerst die gesellschaftliche Strömung da, die in Deutschland zweifellos bis auf die Bauernkriege und dann den 30jährigen Krieg zurückgeht, dann der Pietismus, etc. also „das Huhn“ – oder war es „das Ei“, irgendein Denker. Kann man etwa Luthers Einfluß überhaupt unterschätzen? Was ist die „Ideengeschichte“ neben der „materiellen Geschichte“? Man nehme etwa die Rolle der „ideelen“ Jugendmusik (d.h. Negermusik) und der „materiellen“ Pille in den letzten 60 Jahren!

Nach Reich war etwa Hitler vollkommen unbedeutend, ein echter Fliegenschiß in der Geschichte. Bedeutsam wurde er nur, weil seine Charakterstruktur so paßgenau zu der des durchschnittlichen Deutschen gepaßt hat. Aber wo wären wir heute ohne Hitlers nicht weiter reduzierbaren persönlichen Idiosynkrasien? Ein mehr maritim orientierter Mensch hätte den Krieg gewonnen: die ansonsten ziemlich nutzlose deutsche Marine überfällt Leningrad, Gibraltar, ohne das das Britische Empire nicht lebensfähig ist, wird von einem mit deutschen Konzessionen überschütteten Spanien heim geholt und eine weitaus größere U-Boot-Flotte sperrt den Atlantik. Das hätten weder Rußland noch England überlebt und Italien hätte keinen Schaden mehr anrichten können.

Es gab zwei alles entscheidende Umbrüche in der Menschheitsgeschichte: etwa 4000 Jahre vor Christi die Entstehung der Panzerung („der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral“) und etwa 1960 der (Anfang des) Zusammenbruch(s) eben dieser Panzerung („die sexuelle Revolution“). Das ist der Wechsel von der autoritären zur antiautoritären Gesellschaft und die Umstrukturierung des Menschen von der Muskel- zur Augenpanzerung. In Begriffen des Über-Ichs der Wechsel von einem mehr oder weniger in die psychische Struktur gut integrierten Über-Ich zu einem „isolierten Über-Ich“, wie Reich es bereits 1925 in seiner Beschreibung von „Lumpenproletariern“ und „Perversen“ beschrieben hat (Der triebhafte Charakter). Dieses „isolierte Über-Ich“ agiert wie eine unkontrollierbare autodestruktive Triebregung und führt zu Drogenmißbrauch, Selbstverstümmelung und all dem, was heute die „woke“ antiautoritäre Gesellschaft und ihr ausgeklügeltes Selbstmordprogramm auszeichnet.

Die philosophischen Strömungen mit „gesellschaftlicher Relevanz“ sind all die, die den besagten welthistorischen Umbruch entweder getreulich widerspiegeln (insbesondere die „Dekonstruktion“ a la Derrida) oder sich ihm explizit entgegenstellen (all die sich politisch verdächtig machenden Philosophen, beispielsweise, keine Ahnung, Sloterdijk?) bzw. über ihn hinausweisen (Laska).

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 139)

22. Juni 2024

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Was wollte Laska? Was hat ihn getrieben? Für sich selbst Klarheit schaffen im Gewirr des intellektuellen Lebens. „Selbstvergewisserung“, wie er selbst immer wieder sagte. Warum aber dann ein lohnloser Achtstundentag am LSR-Schreibtisch, all seine Veröffentlichungen und Korrespondenzen? Warum hat er nicht einfach sein Leben genossen, indem er mit seinen geliebten Hunden durch den nahen Nürnberger Wald spazierenging? Weil er einer Utopie anhing. Zitat aus seiner Website: https://www.lsr-projekt.de/wrnega.html

Reich schloß seinen Aufsatz über den Erziehungszwang mit den Worten: „Wir müssen daran denken, daß die ursprüngliche lebendige Kraft, die der Erziehungszwang zähmen will, aus sich selbst heraus einmal Kultur geschaffen hat. Man darf großes Zutrauen zu ihr haben. Ist es gewagt, zu behaupten, daß sich das Leben seine notwendigen Daseinsformen selbst am besten zu schaffen vermag?“ Das war die Grundformel einer nichtpräskriptiven Utopie, die das Dilemma moderner Philosophie, in das sie der Zwang zur Vermeidung des sog. naturalistischen Fehlschlusses führt, überwindet.

In diesem Sinne war Laska ein Getriebener. „Das Leben“ in ihm hat nach außen gestrebt hin zu einer Utopie. Der Eigner (im Sinne Stirners) sehnt sich nach dem Verein – auch wenn der Jahrhunderte entfernt ist. Der Verein schafft sich in der Kooperation der Individuen spontan seine Regeln gemäß dem „rationalen Über-Ich“.

LaMettrie, Stirner und Reich haben durch ihren frühen, elenden Tod ihr Leben „geopfert“, weil sie sich ansonsten selbst verraten hätten. Aber wie das formulieren, ohne daß man im Sinne Hegels, Nietzsches und Heideggers vom Geist/Willen/Sein schwafelt, das einen benutzt, um sich zu verwirklichen – Stichwort „irrationales Über-Ich“?

Bei ihrem letzten Treffen, als sie über die sozialen Konsequenzen der Psychoanalyse sprachen und Reich für seinen sozialen Aktivismus warb, meinte Freud zu ihm „Der Eros [Geist/Lebenswille/Sein] wird eine Anstrengung machen“, was Reich zutiefst befremdet hat. Erinnert irgendwie an das „Verhältnis“ von Stirner und Schopenhauer, LaMettrie und Rousseaus „Naturkult“.

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 138)

11. Juni 2024

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Kann man sich ein eine unpassendere Überschrift für Laskas LSR-Projekt vorstellen: „konservativ“? Wenn es einen Ort in Laskas LSR-Projekt dafür gibt, dann beim von ihm eingeführten „rationalen Über-Ich“, mit dem er explizit von Stirner abweicht.

Haben sich auch ungepanzerte Trobriander schuldig gefühlt? Genauso wie du dich schuldig fühlst, wenn du irgendwas an deinem Auto nicht überprüft hast und dergestalt einen schweren Unfall schuldhaft verursachen könntest. Das sind rationale Schuldgefühle. Das „rational“ gilt selbst dann, wenn etwas Schlimmes passiert, nachdem der besagte Trobriander irgendein magisches Ritual beim Bootsbau versäumt hat und das Boot später kentert. „Rational“ kann man also nicht abstrakt „rationalistisch“ betrachten.

Rational ist erstens was den eigenen Interessen und den Interessen jener dient, mit denen man sich identifiziert (Familie, Gemeinschaft, Nation, Rasse, Menschheit), und zweitens spontan dem primären Lebensimpuls entspringt. Hat beispielsweise das Mitglied eines Nachbarstamms der Trobriander Schuldgefühle, weil er verabsäumt hat, seinen Sohn zu beschneiden und der dann verunglückt („ihn die Götter strafen, weil er unrein ist“), dann ist das formal zwar die gleiche Situation wie beim besagten Bootsunglück, aber dem Sohn wird objektiv durch die Verstümmelung geschadet und sie entstammt zweifelsfrei lebensfeindlichen („irrationalen“) Motiven.

Zwar sind beide Rituale (Magie beim Bootsbau, Beschneidung) objektiv sinnlos, aber „subjektiv“, d.h. im bioenergetischen, psychologischen und sozialen Zusammenhang sind sie nicht gleichwertig. Die Beschneidung schadet der Lebensenergie, hinter der „guten Tat“ (vorgeschobenes Motiv) lauert Sadismus (wahres Motiv) und das gesamte gesellschaftliche Umfeld ist toxisch.

Laska hat zwischen einem „rationalen Über-Ich“ und einem „irrationalen Über-Ich“ unterschieden. Vor dem Hintergrund der obigen Ausführungen sehe ich das so: man kann vollkommen ungepanzert sein und trotzdem Schuldgefühle haben, aber man kann nicht ungepanzert sein und gleichzeitig gegen die Sexualität von Kindern und Jugendlichen sein!