Archive for the ‘Psychotherapie’ Category

Emotionen sprechen lauter als Worte (Teil 2)

30. Januar 2019

Eine Einführung in die klinische Theorie der Orgonomie mit einer Diskussion einiger paralleler Funde in der modernen Neurowissenschaft und Psychotherapie von David Holbrook, M.D.

 

Als Reich Patienten verfolgte, die genesen sind und ihre Gesundheit aufrecht erhalten konnten, wurde sein Interesse für die Sexualität und deren Rolle in der emotionalen, psychischen und körperlichen Gesundheit wach. Er stellte fest, daß Menschen, die ihre Gesundheit aufrechterhalten, zur sexuellen Befriedigung fähig sind, während Menschen, die keine Gesundheit erlangen oder aufrechterhalten, chronische psychische und körperliche Rigiditäten aufwiesen, die ihre Fähigkeit beeinträchtigten, volle Befriedigung zu erlangen, was sowohl die emotionalen als auch die sexuellen Aspekte der Liebesbeziehungen betrifft. So wie die Fähigkeit, volle emotionale Beteiligung in der Liebe zu tolerieren, durch den Charakterpanzer eingeschränkt wird, werden auch die Bewegungen des vollständigen sexuellen sich Gehenlassens durch den Muskelpanzer eingeschränkt.

Schließlich interessierte sich Reich dafür, Bewegung in allen Lebensformen zu studieren, um die Natur der nonverbalen Ausdrucksbewegung beim Menschen und den Zusammenhang dieser Bewegungen mit anderen Bewegungsarten in der Natur besser zu verstehen. Er stellte fest, daß zum Beispiel die Bewegungen des Orgasmus eine pulsierende Qualität aufweisen, und machte die Beobachtung, daß Pulsation eine Bewegungsform ist, die in der Natur unter einer großen Anzahl verschiedener Bedingungen beobachtet werden kann. Das Pulsieren hat zwei Komponenten: Expansion und Kontraktion, die sich abwechseln. Reich beschloß, primitive Lebensformen unter dem Mikroskop zu untersuchen, um ihre Bewegungen, insbesondere ihre pulsierenden Bewegungen, zu beobachten. Schließlich verwendete er höhere Vergrößerungen als alle Wissenschaftler zuvor. Während dieser mikroskopischen Experimente machte Reich unabsichtlich zunächst einige Beobachtungen zum Zerfall organischer und anorganischer Materie. Durch die Verwendung des Elektroskops und anderer wissenschaftlicher Instrumente entdeckte er, daß diese Präparate diverser Stoffe beim Zerfall eine Energieform ausstrahlen, die durch bestehende energetische Konzepte, wie die elektromagnetische Theorie oder die Kernphysik, nicht ausreichend beschrieben oder erklärt wurde. Reich ging daran, eine Reihe von Experimenten durchzuführen, in denen die Funktionsweise dieser Energie in der Natur untersucht wurde.

Die Natur bewegt sich. Emotion ist auch eng mit Bewegung verbunden. Ein weiterer wichtiger Aspekt der Emotion ist, daß sie spontan entsteht. Reich definierte Emotion als: „eine Plasmabewegung“ [an expressive plasmatic motion, Übersetzung von Wolfe/Reich] (Reich 1949, S. 358). Reichs Definition zufolge besteht das plasmatische System aus dem autonomen Nervensystem, über das ich später sprechen werde, und dem Gefäßsystem. Ein anderer orgonomischer Wissenschaftler, Dr. Charles Konia, weist darauf hin, daß das vaskuläre System das endokrine, lymphatische und das Immunsystem umfaßt (1989, S. 224). Reich betrachtete die Plasmabewegung als Manifestation einer spontanen bioenergetischen Bewegung. Wie Reich sich ausdrückt:

Das Lebendige drückt sich in Bewegungen aus … Das deutsche Wort „Ausdruck“ … besagt wörtlich, daß sich im lebendigen System etwas „aus-“ oder „herausdrückt“ und sich folglich „bewegt“. Nichts anderes als das Vorquellen des Protoplasmas, also die Expansion und Kontraktion, kann gemeint sein. Die wörtliche Bedeutung von „Emotion“ ist „Herausbewegung“. Sie ist gleichzeitig „Ausdrucksbewegung“. Der physikalische Vorgang der plasmatischen Emotion oder Ausdrucksbewegung ist unabtrennbar verknüpft mit einer unmittelbar verständlichen Bedeutung, die wir den „Bewegungsausdruck“ [emotional expression] zu nennen pflegen. (1949, S. 360, kursiv im Original).

Ein Teil des Nervensystems, für den sich Reich sehr interessierte, war das autonome Nervensystem (ANS). Das ANS reguliert Funktionen, die meist unwillkürlich sind und sich normalerweise außerhalb des Wahrnehmung bzw. der bewußten Kontrolle befinden, wie Atemfrequenz, Herzfrequenz, Blutdruck, Verdauung, Wärmeregulierung, Blutfluß und Orgasmus. Reichs Interesse für die ANS wurde geweckt, als er bemerkte, daß der Patient manchmal eine starke emotionale Reaktion zeigte, begleitet von Veränderungen im Hauttonus, der Atemfrequenz und anderen Manifestationen von Änderungen in der ANS-Aktivität, wenn er den Patienten besonders effektiv auf eine charakterliche Haltung hinwies.

Die ANS hat zwei Zweige, das sympathische Nervensystem (SNS) und das parasympathische Nervensystem (PNS). Das SNS ist mit der sogenannten „Kampf oder Flucht“ -Reaktion verbunden, die körperliche Zustände von Angst und Wut vermittelt. Im Gegensatz dazu ist das PNS im allgemeinen mit Zuständen von Entspannung und Lust verbunden. Reich machte die Beobachtung, daß das PNS sowohl auf physiologischer als auch auf psychologischer Ebene mit einer lustvollen, expansiven Bewegung auf die Welt zu und mit entspannten, ungepanzerten Zuständen verbunden ist. Im Gegensatz dazu ist das SNS gemeinhin mit einer Kontraktion verbunden, mit anderen Worten, einer ängstlichen oder wütenden abwehrenden Bewegung weg von der Welt weg. Es ist in gepanzerten Zuständen chronisch aktiviert. Wir sehen also wieder die Pulsation, ein grundlegendes Merkmal der Natur, in diesem Fall evident werdend durch die alternierenden Zweige der ANS.

Das Interessante an der ANS ist u.a., daß sie das physiologische Substratum für bestimmte Aspekte der Geist-Körper-Beziehung darstellt. Wir wissen, daß wir eine Emotion erleben, u.a. weil ANS-vermittelte Änderungen in körperphysiologischen Funktionen wie der Herzfrequenz auftreten. Der ANS ist besonders stark mit Teilen des Gehirns verbunden, die emotionale, nonverbale Phänomene koordinieren, beispielsweise die rechte Seite des Gehirns im allgemeinen. Die rechte Gehirnhälfte kommuniziert dann mit der eher verbalen linken Gehirnhälfte. Durch Verbindungen zwischen dem ANS und dem zentralen Nervensystem (ZNS) „weiß“ das Gehirn also, was es „fühlt“. Das Erleben von Emotionen ist also eine Ganzkörpererfahrung, nicht nur etwas, das sich in bestimmten Strukturen des Gehirns zuträgt. Man könnte von einem „autonomen Selbst“ sprechen, mit dem man in Kontakt bleiben muß, um die eigenen Emotionen und den eigenen Körper vollständig wahrnehmen und erleben zu können.

 

Literatur

  • Konia C. 1989: Somatic Biopathies, Part I. Journal of Orgonomy 23(2):224-236
  • Reich W 1949: Charakteranalyse, Köln: KiWi, 1989

 

Dieser Text aus dem Jahre 2013 wurde mit Genehmigung von Dr. Holbrook seiner Facebook-Seite entnommen und übersetzt.

Emotionen sprechen lauter als Worte (Teil 1)

28. Januar 2019

Eine Einführung in die klinische Theorie der Orgonomie mit einer Diskussion einiger paralleler Funde in der modernen Neurowissenschaft und Psychotherapie von David Holbrook, M.D.

 

Die Orgonomie ist ein Zweig der Wissenschaft, der Emotionen sowie andere Aspekte der Energiebewegung in der Natur untersucht. Der Begriff „Orgonomie“ hat die gleiche Wortwurzel wie „Organismus“ und „organisch“. Orgonomische Phänomene wurden ursprünglich von dem Psychiater und Wissenschaftler Wilhelm Reich entdeckt und beschrieben, der von 1897 bis 1957 lebte. Reich absolvierte seine Ausbildung bei Sigmund Freud und wurde von Dr. Freud als einer seiner brillantesten Schüler betrachtet. Als Psychiater richtete sich Reichs Interesse nicht nur auf die einzelnen psychologischen Symptome, sondern auch auf die umfassenden charakteristischen Funktionsweisen jedes Patienten, die er als dessen „Charakter“ bezeichnete. In seinem Buch Character Analysis (1949) stellte er fest, daß sich die Menschen nicht nur durch ihre Worte ausdrücken, sondern auch indirekt durch ihre charakteristischen Einstellungen und Verhaltensweisen sowie durch nonverbale Aspekte des Ausdrucks wie Körpersprache und andere verwandte Phänomene, wie zum Beispiel Tonfall und Gesichtsausdruck. Auf diese Weise stellte er den verbalen Ausdruck, den er als „Wortsprache“ bezeichnete, all diesen anderen nonverbalen Aspekten des Ausdrucks gegenüber, die er als „Ausdruckssprache“ bezeichnete. Alle Tiere zeigen eine Ausdruckssprache, während die Wortsprache einzigartig für den Menschen ist. Reich entwickelte Wege, um den Patienten auf dessen nonverbale Ausdruckssprache aufmerksam zu machen. Dabei wurde nicht nur auf die Körpersprache hingewiesen, sondern auch auf psychologische Einstellungen, die vom Patienten möglicherweise nicht verbal formuliert wurden, die aber dennoch offensichtlich waren.

Wir alle erfahren diese nicht verbalisierten Einstellungen täglich von jedem, mit dem wir interagieren. Unter normalen Umständen bieten diese Einstellungen und andere Aspekte des nonverbalen Ausdrucks einen Kontext für verbale Kommunikation und ergänzen die verbale Botschaft. Manchmal widerspricht die nonverbale Botschaft der verbalen Nachricht. Zum Beispiel könnte man „Ich liebe dich“ in einem aufrichtigen Ton sagen oder mit einem unaufrichtigen, sarkastischen Ton und Gesichtsausdruck. Gleiche Worte, unterschiedliche Botschaften. In diesem und anderen Beispielen übertrumpft die emotionale Botschaft die verbale. In der Tat wirkt die emotionale Botschaft in gewisser Weise auf einer anderen Ebene als Worte und kann von Person zu Person ohne bewußte Aufmerksamkeit oder bewußte Absicht beider Parteien übertragen werden.

Diese unbewußten Einstellungen oder Ausdrücke oder körperlichen Haltungen können im Laufe der Zeit chronisch geworden sein und die Person kann allmählich das Bewußtsein für sie verloren haben. Diese Phänomene nahmen ein Eigenleben an und waren weiterhin präsent, jedoch außerhalb des Bewußtseins. Der psychologische Aspekt dieser nonverbalen Botschaften oder Einstellungen, derer sich die Menschen nicht bewußt sind, wurde von Reich als „Charakterpanzer“ bezeichnet. Er nannte es „Panzer, weil das Wegdrücken dieser Einstellungen aus dem Bewußtsein einer psychologischen Abwehrfunktion dient, genau wie eine Art Panzer. Reich prägte den Begriff „Charakteranalyse“, um seine Methode zu bezeichnen, den Charakterpanzer des Patienten bewußt zu machen.

Neben den nonverbalen Aspekten der Kommunikation spiegelt sich der Charakterpanzer auch in der Qualität der Denkprozesse der Person sowie im Inhalt der Sprache der Person wider. Die traditionelle psychoanalytische Behandlung konzentriert sich in erster Linie auf die Interpretation verbaler Inhalte, während die Charakteranalyse, die ursprünglich als Ausarbeitung psychoanalytischer Techniken entwickelt wurde, den gesamten Charakter des Individuums einschließlich der nonverbalen Aspekte seines Ausdrucks in den Mittelpunkt stellt. Die Charakteranalyse beinhaltet daher, daß der Therapeut sowohl das nonverbale Verhalten des Patienten als auch manchmal den verbalen Inhalt oder die Qualität bzw. den Untertext der Kommunikation des Patienten verbal kommentiert.

Schließlich wurde Reich bewußt, daß diese Einstellungen nicht nur im unbewußten, emotionalen Geist des Patienten und somit im nonverbalen Ausdruck, der die Einstellungen und verbalen Produktionen des Patienten begleitet, verankert sind, sondern auch, daß der Panzer in Form einer chronischen Spannung tiefer im Körper auftritt, was Reich als „muskulären Panzer“ bezeichnete. Ein allgemeinerer Begriff wäre „somatischer Panzer“, da der Panzerungsprozeß neben Muskeln auch andere Organsysteme und Gewebe betreffen kann. Diese körperliche Verankerung von Einstellungen spiegelt sich in der Alltagssprache wider, z. B. „er ist ein Arschloch“ [he’s a hard-ass] oder „sie hat eine rigide Einstellung“ [she has a stiff-necked attitude]. Menschen erleben Emotionen nicht nur psychisch, sondern auch körperlich, was beispielsweise zu Kopfschmerzen oder zu einer Magenverstimmung führt. Dies tritt noch häufiger bei Kindern auf, deren Fähigkeit, Gefühle in Worte zu fassen, im allgemeinen eingeschränkter ist. In der Tat kommt manchmal der erste Hinweis, daß man auf etwas emotional reagiert, aus dem eigenen Körper, nicht nur aus dem eigenen bewußten Geist, zumindest nicht nur aus dem Gehirn. Man hat zum Beispiel ein „Bauchgefühl“. Erst später tritt einem vors Bewußtsein, worauf man reagiert oder was man „fühlt“. Ein Gefühl kann eine Emotion ohne begleitenden Gedanken sein oder ein Gefühl kann eine Kombination aus Emotionen und bewußten Gedanken sein.

Es gibt ein Wechselspiel zwischen den Gebieten des Verbalen und Nonverbalen und dem somatischen Bereich. Das Gebiet des Verbalen umfaßt beispielsweise den somatischen Bereich, weil Sprechen ein somatischer Akt ist, der Lippen, Mund, Zunge, Kiefermuskeln, Kehlkopf, Lunge und Zwerchfell umfaßt. Tatsächlich kann der gesamte Körper auf die eine oder andere Weise am physischen Akt des Sprechens teilhaben. Darüber hinaus sind Emotionen körperliche und gleichzeitig psychologische Phänomene. In dieser Hinsicht gibt es also eine Einheit von Körper und Geist.

Reich entwickelte einen Weg, um den muskulären Panzer zu verstehen und zu bearbeiten. Er brachte den Patienten entweder dazu durch Atmen oder Treten oder Schlagen oder auf andere Weise die Anspannung zu lösen und damit die zugrundeliegende Emotion loszulassen, oder er bearbeitete die Muskelspannung des Patienten auch mit seinen eigenen Händen und löste so die Anspannung und befreite die zugrundeliegende Emotion manuell. Dieser Ansatz wird in der Orgonomie oft als „biophysikalische“ Arbeit bezeichnet, die im Gegensatz zur Charakteranalyse, die eine verbale Technik ist, eine nonverbale therapeutische Technik ist. Interessanterweise kann ein Therapeut aufgrund der Art der Wechselbeziehungen zwischen Geist und Körper durch eine der beiden Techniken – biophysikalische Arbeit oder Charakteranalyse – sowohl auf den Körper als auch auf den Geist Einfluß nehmen.

 

Dieser Text aus dem Jahre 2013 wurde mit Genehmigung von Dr. Holbrook seiner Facebook-Seite entnommen und übersetzt.

Orgonometrie (Teil 3): Kapitel 2

8. Januar 2019

orgonometrieteil12

2. Modell, Funktionsschema, orgonometrische Gleichung

Das Ende der Laientherapie

29. November 2018

Reich hat das Ende der Laientherapie eingeläutet. In den 1920er Jahren opponierte er gegen Freud, der die Psychoanalyse zunehmend als bloße „Psychologie“ betrachtete und den bis dahin weitgehend auf Ärzte beschränkten Beruf des Psychoanalytikers für „Laien“ öffnen wollte. Reich argumentierte dabei, vor dem Hintergrund der sich formierenden Sexualökonomie, hauptsächlich von der Libidotheorie her. Die Neurosen hatten einen „ökonomischen“, also physiologischen Kern. Man lese nur sein Buch Die Funktion des Orgasmus aus dem Jahre 1927! Beispielsweise entspricht der Gegensatz von Angst und Lust dem Gegensatz zwischen Herz („Herzenge“) und Genital.

In den 1930er und 1940er Jahren führte er weiter aus, daß und wie Neurosen im Körper verankert sind. Er zeigte, daß die „Neurose“ in der Tat eine Nervenkrankheit ist, nämlich eine chronische Übererregung des Sympathikus („Sympathikotonie“). Um so idiotischer ist es, daß die von ihm entwickelte Therapieform (und ihre diversen illegitimen Abzweigungen) zunehmend von Laientherapeuten praktiziert wurde. Dabei hat Reichs „Schüler“ Charles Kelley, ein Psychologe, den Vogel abgeschossen, als er zur Rechtfertigung seiner therapeutischen Tätigkeit allen Ernstes ausführte, daß Neurosen gar keine „Nervenkrankheiten“ seien, die man ärztlich therapieren kann, sondern bloße Anpassungsstörungen. „Therapie“ sei deshalb mehr so etwas wie ein „Lernprogramm“, der „Therapeut“ ein Trainer für „Zielgerichtetheit und Fühlen“. Es gibt tatsächlich Leute, die derartigen Murx ernstnehmen! Am schlimmsten sind aber die „Körpertherapeuten“, etwa in der Tradition von Alexander Lowen, die weitaus mehr „mit dem Körper arbeiten“ als der Orgontherapeut, die aber nicht mal die Qualifikation als klinischer Psychologe geschweige denn Arzt vorweisen können. In dieser Szene tummeln sich Politologen, Kindergärtner, Betriebsschlosser, etc. Würdest du einen Politologen dein Auto reparieren lassen?!

Sexpol 2018: Vernichtet den Freudianismus und „Reichianismus“!

14. November 2018

Bei Freud und den anderen Vertretern der Psychoanalyse wird man vergeblich nach einer Beschreibung des genital-orgastischen Erlebens suchen. Es wird reduziert auf infantil-perverse Libidoanteile wie Saugen, Pissen und Defäkieren. „Orgasmus“ kommt nur vor als „Rückkehr in den Uterus“ bzw. als illusorische selige Erfahrung der einstigen symbiotischen Beziehung des Säuglings zur Mutter. Letztendlich ist für den Psychoanalytiker der Orgasmus eine „Illusion“ wie die Religion. Der reife, durchanalysierte Mensch kann über Kindereien wie die Reichs nur milde lächeln!

Die sexualfeindliche Reaktion ist zäh, weshalb im „Reichianismus“ Freud ständig neu aufersteht. Hier wäre beispielsweise Modju Alexander Lowen zu nennen, der ganz im Sinne Freuds die Funktion des Orgasmus durch das „Grounding“ ersetzte, die Verbindung zur „Mutter Erde“; das Ersetzen des Lustprinzips, durch das Realitätsprinzips. In „neo-Reichianischen“ Kreisen ist die Ablehnung der Konzepte „Genitalität“ und „genitaler Charakter“ universell. Imgrunde ist das alles eine Wiederkehr des Freudianismus und man kann es durchweg in die Tonne treten, Dieses Ungeziefer wird ausgemerzt werden, die Geschichte wird über diesen reaktionären Dreck hinwegschreiten!

TOD DER REAKTION!

Zerstörung durch Reichianische Therapie

5. November 2018

Es kann kein größeres Unheil als das Auflösen von Blockaden geben. Die „Befreiung“ durch die sexuelle Revolution hat uns das anti-autoritäre Zeitalter beschert, das diesen Planeten zerstören wird. Es muß zunächst eine sexualpositive, lebensbejahende Stimmung in der Gesellschaft hergestellt werden, bevor man eine „sexuelle Revolution“ in Angriff nehmen kann, ansonsten landen wir in einem Alptraum aus Pornographie, Verunsicherung, Selbsterniedrigung und Gewalt. Cloudbusting ohne vorangegangene Beseitigung des atmosphärischen DOR kann nur in Wetterchaos münden und Menschenleben gefährden. Die Beseitigung der Körperpanzerung und das „Freilegen des Orgasmusreflexes“ kann nur im psychosomatischen Chaos enden.

Das Grundübel sämtlicher Reichianischer Therapieformen, inklusive dessen, was manche Leute als „Orgontherapie“ betrachten, ist die fast ausschließliche Fixierung auf den Reich, der die letzten Kapitel der Charakteranalyse und das Buch Die kosmische Überlagerung geschrieben hat. Hier beschäftigt er sich mit dem „energetischen Orgonom“, d.h. der longitudinalen Bewegung der Orgonenergie zwischen Steißbein, Kopf und Genital. Es gilt die Blockierungen dieser Bewegung aufzulösen. Was sträflich vernachlässigt wird, ist Reichs vorangegangener „radialer“ Ansatz, bei dem, wie in der Charakteranalyse, der Mensch als eine Art „Zwiebel“ betrachtet wurde, deren Schalen abgetragen werden, damit sich die Kontraktion, die „Sympathikotonie“ der „inneren Amöbe“ löst. Es muß erst diese energetische Verkrampfung gelockert, Expansion und Kontakt hergestellt werden, bevor es Sinn macht „Blockaden zu lösen“.

Letztendlich beruht die vollständige Fixierung der „Körperpsychotherapien“ auf das energetische Orgonom auf der soziopolitische Charakterologie. Der liberale (linke) Charakter lebt fast ausschließlich im energetischen Orgonom, im zentralen Nervensystem. Das im Solar plexus zentrierte orgonotische System, „der Bauch“, ist ihm fremd. Autonomie ist ihm fremd. Er, der „multikulturelle Globalist“, wird davongetragen von der Kreiselwellen-Bewegung der kosmischen Orgonenergie. Die bodenständige, zentrierte, in sich ruhende orgonotische Pulsation ist ihm wesensfremd (abgesehen von haltlosen Lippenbekenntnissen). Von seiner Charakterstruktur her kann er die Orgontherapie, so wie sie vom American College of Orgonomy vertreten wird, gar nicht begreifen. Sie ist ihm eine fremde Welt.

Ich habe mich also mal wieder mit „Reichianischen“ Körperpsychotherapien beschäftigt… Hier ist meine Reaktion dokumentiert:

Wilhelm Reich, Reichist

23. Oktober 2018

Doktrinen wie der Marxismus und die Psychoanalyse, die in der Rückschau die gesamte Aufmerksamkeit okkupieren, waren in Wirklichkeit zu ihrer Zeit nur Teil von, nur jeweils ein Ausdruck unter vielen von entsprechenden umfassenden Bewegungen. Bei beiden waren es zwei Reaktionen auf den Kapitalismus: beim Marxismus war es die „soziale Bewegung“ und bei der Psychoanalyse die, wenn man so will, „surrealistische Bewegung“. Die erstere wehrte sich gegen die Zerstörung der alten Sozialstrukturen durch den Druck der kapitalistischen Rationalisierung, die letztere gegen die entsprechende Okkupation des Innenlebens. Reichs Sexualökonomie war Teil der umfassenden „Mentalhygiene-Bewegung“ der Zwanziger Jahre, die im Lichte der modernen Medizin das antike Ideal eines gesunden Geistes in einem gesunden Körper wiederbeleben wollte und zwar für die Massen der arbeitenden Bevölkerung. Ähnliches läßt sich über die Orgonomie sagen. Die entsprechende umfassende Bewegung wird anhand des „Reichianismus“ evident.

Die Orgonomie ist Teil jener „Wellness-Bewegung“, die seit vielen Jahrzehnten in Frauenzeitschriften evident wird, Yoga, Tai-Chi, Thai-Massage, Feldenkrais, Alexander-Methode, etc. Nicht zuletzt aber die schier unzähligen „neo-Reichianischen“ Therapien. Reich war sich dieses Zusammenhangs durchaus bewußt.

Myron Sharaf zeigte Reich einmal einen Artikel aus dem Magazin Look, in dem Übungen zur Lockerung von Körperverspannungen vorgestellt wurden, die jetzt durch Esalen und andere Encounter-Schauplätze populär werden. „Ich war wütend“, schrieb Shraf, „weil die Übungen oberflächlich wirkten und weil seine [Reichs] eigene tiefere Arbeit nicht erwähnt wurde. Aber zu meiner Überraschung lächelte Reich in einer wohlwollenden Weise und sagte, solche Bemühungen seien gut, sie gehörten zu einer allgemeinen kulturellen ‚Aufweichung‘, die den Weg für ein tieferes Gewahrsein bereite.“ Zu anderen Zeiten kritisierte Reich derartige Entwicklungen scharf. (David Boadella: Editorial zu Energy and Character, Vol. 3, No. 1, Jan. 1972, S. ii)

Wilhelm Reich, Freudist

21. Oktober 2018

Freud glaubte, die unterschiedlichen Triebe seien streng voneinander isoliert und jeweils mit einem unabhängigen Eigenleben ausgestattet. Entsprechend betrachtete er sich selbst als eine Art Gärtner, der „Triebe“ zurechtstutzt bzw. als Unkraut gleich ganz ausmerzt. Reich hingegen betrachtete im Rahmen seiner 1923 erstmals ausformulierten Orgasmustheorie die Triebe als miteinander verbunden. Es seien „kommunizierende Röhren“, d.h. eine geregelte Sexualökonomie (gleich regelmäßige orgastische Entladung) sorgt dafür, daß etwaige archaische „böse Triebe“ (will sagen mißplazierte Triebe!) energetisch nicht besetzt sind.

Zur Entstehungsgeschichte der Orgonomie (Teil 14)

30. September 2018

Klaus Heimann (Philipps-Universität Marburg/Lahn 1977, gepostet mit der freundlichen Genehmigung des Autors)

VI. Orgontherapie: 1. Biopsychiatrische Orgontherapie (Fortsetzung)

Die Störungen im Bewegungsfluß der körpereigenen Orgonenergie, die in den einzelnen Zellen eingeschlossen ist, nennt Reich „Panzerung“. Diese Panzerung verhindert, daß sich der Orgasmusreflex einstellt. Wie kommt es nun zu einer Panzerung? In unserer heutigen patriarchalischen Gesellschaft entsteht immer wieder ein Konflikt zwischen libidinösem Bedürfnis und Bedrohung desselben durch die Außenwelt. Dieser zunächst psychische Konflikt führt zu einer Abweisung des ursprünglichen Bedürfnisses. Mit dem ursprünglichen Bedürfnis, dem Trieb, geht aber immer auch eine Energiebewegung im Organismus einher, die infolge der Außenweltreaktion gebremst werden muß. Damit wandeln sich auch die inneren, lustvollen Bedürfnisse um in Angst- und Unlustgefühle, da die strömende und expandierende Lebensenergie stagniert und kontrahiert. Um die stets als Reaktion auf Versagung der Triebbefriedigung auftretenden Unlustgefühle zu mindern, baut der Organismus die Panzerung auf, welche die Empfindlichkeit gegenüber dem Angst- und Unlustempfinden herabsetzt. Dies geht zwangsläufig auf Kosten der inneren Beweglichkeit; die einst im Organismus ungehindert pulsierende Orgonenergie wird gebremst und in der Aufrechterhaltung der Panzerung gebunden. Der Kranke weiß gewöhnlich nichts von seiner Panzerung, und es nutzt wenig, ihm Hingabe zu predigen oder ihn Hingabe üben zu lassen. Einzig die Auflösung der muskulären Starre ist geeignet, die orgastische Potenz, also das freie Strömen der Lebensenergie im Körper, wiederherzustellen. Es zeigte sich in der praktischen therapeutischen Tätigkeit, daß die zur Entstehung der Panzerung gehörigen Erinnerungen (z.B. Inzestphantasie) mit Lockerung der Muskelverspannung wieder ins Bewußtsein auftauchen.

Reich fand heraus, daß die Panzerungen stets segmentär angeordnet sind.1 Die Verkrampfung der Muskeln ist durchwegs von den anatomischen Verläufen unabhängig. Panzerungen schließen sich wie ein Ring quer zum Verlauf der Wirbelsäule und blockieren die plasmatischen Strömungen und emotionellen Erregungen, die längs zur Körperachse gerichtet sind. Insgesamt kennzeichnet Reich sieben Panzersegmente: der okulare Panzerring, der Stirn, Augen und Jochbeingegen umfaßt; der orale Panzerring, der Lippen, Kinn und Rachen einschließt; die Panzerung des dritten Segments bedient sich wesentlich der tiefen Halsmuskulatur; die Panzerung des Brustkorbs (Atmung) bildet das vierte Segment, das Zwerchfell und die darunter liegenden Organe das fünfte; die Kontraktur der Bauchmitte stellt den sechsten Panzerring dar, die Panzerung des Beckens schließlich den siebten.

Aus diesen Erkenntnissen folgert Reich: „Die Technik der Orgontherapie hat uns gelehrt, daß im Menschentier buchstäblich noch immer ein Wurm funktioniert. Die segmentäre Anordnung der Panzerringe kann keine andere Bedeutung haben. Die Lösung der segmentären Panzerung setzt Ausdrucksbewegungen und plasmatische Strömungen frei, die von den anatomischen Nerven- und Muskelordnungen des Wirbeltieres unabhängig sind. Sie entsprechen weit mehr den peristaltischen Bewegungen eines Darms, eines Wurms oder eines Protisten.“2 Reich konstatiert die funktionale Identität von Körperbewegungen und Emotionen des Menschen und Bewegungen von Einzellern, wiederum beherrscht ein Prinzip das Lebendige. „Wie die Darwinsche Theorie aus der Morphologie des Menschen seine Abstammung von den niederen Vertebraten ableitete, so führt die Orgonbiophysik die emotionellen Funktionen des Menschen weit tiefer noch auf die Bewegungsformen der Weichtiere und Protisten zurück.“3

Es ist gerade der Wurm im Menschen, vor dem wir uns fürchten und den wir mit allen Mitteln zu bekämpfen versuchen. Daher wundert es kaum, daß der gepanzerte Mensch alle seine neurotischen Kräfte mobilisiert, um sein neurotisches Gleichgewicht zu erhalten. Er fürchtet den freien Energiefluß in seinem eigenen Organismus und wehrt sich dagegen, seine Panzerung aufzulösen. Er fürchtet in seinem tiefsten Innern die Freiheit, die er in seinen Idealen anstrebt; er ist schlechterdings unfähig zur Freiheit, da er Angst hat, sich der Freiheit, dem Lebendigen, dem Wurm in seinem eigenen Körper hinzugeben, was auf Grund seiner Sozialisation natürlich verständlich ist. Wie die Lösung dieses Widerstandes, der identisch ist mit unbeweglicher, die Panzerung aufrecht erhaltender Orgonenergie, erreich wird, kann hier nur angedeutet werden.

Der Orgontherapeut lenkt die Aufmerksamkeit des Patienten auf gepanzerte Stellen, soweit der Kranke diese empfinden kann. Er reguliert die Atmung, läßt den Patienten mechanische Übungen ausführen, durch die Strömungen in Gang gesetzt oder verstärkt werden, oder er bearbeitet direkt gepanzerte Stellen des Körpers mit der Hand. Charakteranalytische Maßnahmen greifen unterstützend ein. Bei richtig verlaufender Orgontherapie stellt sich der freie Energiefluß, und damit der Orgasmusreflex allmählich ein. Die Entdeckung von DOR, stagnierender, unbeweglicher Orgonenergie, legte die Vermutung nahe, daß auch in den Muskelpanzerungen DOR eingeschlossen ist. Reich versuchte daher, das Prinzip des Cloudbusters auch medizinisch einzusetzen, was in vielen Fällen erfolgreich war.4

 

Fußnoten

  1. Vgl. hierzu: Reich, W., Charakteranalyse, a.a.O. S. 372–392
  2. ebenda S. 395
  3. ebenda S. 398
  4. Vgl. Raknes, W. Reich und die Orgonomie, a.a.O. S. 81

Zur Entstehungsgeschichte der Orgonomie (Teil 13)

29. September 2018

Klaus Heimann (Philipps-Universität Marburg/Lahn 1977, gepostet mit der freundlichen Genehmigung des Autors)

VI. Orgontherapie

Die Entdeckung der Orgonenergie führte, wie wir gesehen haben, weit hinein in Bereiche der Natur und des Kosmos. Es war die Arbeit am menschlichen Charakter, an den menschlichen Empfindungs- und Wahrnehmungsorganen, die in so umfassende Forschungsgebiete führte. Die Entdeckung des Orgonenergie blieb selbstverständlich nicht ohne Auswirkung auf die Theorie vom menschlichen Organismus, von seinem Charakter und seinen Emotionen, und auf ihre therapeutische Beeinflussung.

 

1. Biopsychiatrische Orgontherapie

Die schon erwähnte Charakteranalyse bildet die Grundlage für das Verständnis der biopsychiatrischen Orgontherapie. Sie hatte bereits die funktionelle Beziehung zwischen Charakterhaltung (Psyche) und Muskelpanzerung (Soma) herausgearbeitet. Die Entdeckung der lebensspezifischen Orgonenergie führte zu neuen Erkenntnissen und Techniken in der Therapie. Folgendes Schema verdeutlicht die neu gewonnene Auffassung vom menschlichen Organismus:

Die kosmische Orgonenergie funktioniert im lebenden Organismus als spezifisch biologische Energie. Sie bildet den biologischen Kern, der sich in biophysikalischen Organbewegungen (im Körperlichen) einerseits und in den Emotionen (im Psychischen) andererseits ausdrückt. Emotionen sind folglich im Grunde nichts anderes als Bewegungen der an die Körperflüssigkeit gebundenen Orgonenergie im menschlichen Organismus.1

Auf Grund dieser Auffassung vom menschlichen Organismus wird es verständlich, daß die wesentliche Aufgabe des Orgontherapeuten darin besteht, die gestörten plasmatischen Strömungen, d.h. die Strömungen der Orgonenergie im Organismus, wieder herzustellen. Das Lebendige drückt sich in Bewegung aus, es „funktioniert jenseits aller Wortvorstellungen und –begriffe“.2 Daher tritt in der Orgontherapie die Wortsprache in den Hintergrund, was natürlich nicht heißt, daß in der Orgontherapie überhaupt nicht gesprochen wird. Der Orgontherapeut konzentriert sich auf den Bewegungsausdruck des Patienten, zu dem auch der Ausdruck der Bewegungslosigkeit und Starre zu zählen ist. Der Patient wird dazu angehalten, sich unter Ausschaltung der Wortsprache biologisch auszudrücken. Die klinische Arbeit hatte gezeigt, daß die Wortsprache regelmäßig der Abwehr der Ausdruckssprache des biologischen Kerns dient. „Die Kranken kommen zum Orgontherapeuten voll von Nöten. Diese Nöte sind für das geübte Auge an den Ausdrucksbewegungen und dem Bewegungsausdruck ihres Körpers direkt abzulesen. Läßt man die Kranken nun nach Belieben sprechen, so stellt man fest, daß ihr Reden von den Nöten wegführt, sie in dieser oder jener Weise verhüllt. Will man zu einer korrekten Entscheidung kommen, so muß man den Kranken dazu verhalten, vorerst nicht zu sprechen. Diese Maßnahme erwies sich in hohem Grade als fruchtbar, Denn sobald der Kranke nicht mehr redet, tritt der körperliche Bewegungsausdruck klar hervor. Nach wenigen Minuten Schweigens hat man meist den hervorstehenden Charakterzug, oder korrekter, den plasmatischen Bewegungsausdruck erfaßt. Schien der Kranke, während er sprach, freundlich zu lächeln, so verwandelt sich im Schweigen das Lächeln in ein leeres Grinsen, an dessen maskenhafter Charakter auch der Kranke selbst nicht lang zweifeln kann. Schien der Kranke, während er sprach, mit verhaltenem Ernst über sein Schicksal zu sprechen, so tritt während des Schweigens etwa ein Ausdruck verhaltener Wut an Kinn und Hals unzweideutig hervor.“3

 

Fußnoten

  1. Vgl. Reich, W., Charakteranalyse, a.a.O. S. 359–362
  2. ebenda S. 362
  3. ebenda S. 364