Posts Tagged ‘Abstraktion’

Orgonometrie (Teil 3): Kapitel 1

1. Januar 2019

orgonometrieteil12

1. Jenseits des bloßen Denkens

Orgonometrie (Teil 2): Kapitel VI.14.

31. Mai 2016

orgonometrieteil12

I. Zusammenfassung

II. Die Hauptgleichung

III. Reichs „Freudo-Marxismus“

IV. Reichs Beitrag zur Psychosomatik

V. Reichs Biophysik

VI. Äther, Gott und Teufel

1. Der modern-liberale (pseudo-liberale) Charakter

2. Spiritualität und die sensationelle Pest

3. Die Biologie zwischen links und rechts

4. Der bioenergetische Hintergrund der Klassenstruktur

5. Die Illusion vom Paradies und die zwei Arten von „Magie“

6. Die gesellschaftlichen Tabus

7. Animismus, Polytheismus, Monotheismus

8. Dreifaltigkeit

9. „Ätherströme“, Überlagerung und gleichzeitige Wirkung

10. Die Schöpfungsfunktion

11. Die Rechtslastigkeit der Naturwissenschaft

12. Bewegung und Bezugssystem

13. Der Geist in der Maschine

14. Orgonomie ist Wissenschaft, keine Naturphilosophie!

Von Freud zu Reich (Teil 2)

18. Oktober 2015

In seinem erkenntnistheoretischen „Plädoyer für die Verwendung von Metaphern in der psychoanalytischen Theoriebildung“ (Psyche, Aug. 1983) führt Leon Wurmser, klinischer Professor für Psychiatrie und Psychoanalyse an der University of West Virginia, aus, daß die Psychoanalyse im Spannungsfeld zwischen „Substanz“ (z.B. im Sinne der Quantität der Libido) und „Funktion“ (z.B. Wechselbeziehungen von Handlungen) stand. Er diskutiert das Bemühen der psychoanalytischen Theoretiker von der „Substanzfindung“ (z.B. Libido als Stoff der „verlagert“ wird) loszukommen.

Sie versuchten, jenen gewaltigen, aber unerläßlichen Schritt zu tun, den [der neukantianische Philosoph Ernst] Cassirer sah und in der Entwicklung allen wissenschaftlichen Denkens beschrieb – den Schritt von der „Substanz“ zur „Funktion“ (…). Die entscheidende Veränderung, die schon von Platon in Phaidon wahrgenommen wurde, ist die Auflösung von „Dingen“ in logische Verknüpfungen und Wechselbeziehungen und letztlich in mathematische Funktionen und Prozesse – eine Veränderung, die jeglichen wissenschaftlichen Fortschritt durch die vergangenen vier Jahrhunderte begleitet hat.

Später sollte ausgerechnet Reich, der wie kein anderer den „ökonomischen“ Aspekt der psychoanalytischen Theorie vertrat, den Begriff „Funktion“ in den Mittelpunkt seiner „libido-ökonomischen“ bzw. orgon-energetischen Überlegungen stellen. In diesem Zusammenhang fällt dem Wort von der „Funktion des Orgasmus“ ein Bedeutungsgehalt zu, der bisher kaum ausgeschöpft worden ist.

Zur Libidoökonomie und ihrer Beziehung zur Physik schreibt Wurmser:

Der ökonomische Standpunkt ist zum Schreckgespenst der Kritiker der psychoanalytischen Theorie, besonders der Metapsychologie, geworden. Vielleicht finden wir in dieser Kontroverse mehr Hitzigkeit als Klarheit, wenn wir sorgfältig untersuchen, was „Energie“ für den Physiker bedeutet und was sie für uns bedeuten kann. Wie stellt sich der Energiebegriff in der Physik dar?

Diese Frage beantwortet Wurmser mit einem Zitat aus Cassirers erkenntniskritischem Werk Substanzbegriff und Funktionsbegriff von 1910:

(…) (es) zeigt (…) sich, daß die Energie in dieser Form der Ableitung nirgends als ein neues Ding, sondern als ein einheitliches Bezugssystem erscheint, daß wir der Messung zugrundelegen. Alles, was sich von ihr mit wissenschaftlichen Grund und Recht aussagen läßt, erschöpft sich in den quantitativen Beziehungen der Äquivalenz, die zwischen den verschiedenen Gebieten der Physik obwalten. Die Energie tritt nicht als ein gegenständliches Etwas den schon bekannten physischen Inhalten wie Licht und Wärme, Elektrizität und Magnetismus zur Seite, sondern sie bedeutet lediglich eine objektive gesetzmäßige Korrelation, in welcher alle diese Inhalte stehen. Ihr eigentlicher Sinn und ihre Funktion liegt in den Gleichungen, die sie zwischen verschiedenartigen Gruppen von Vorgängen herstellen lehrt.

Wurmser geht von hier auf die Psychoanalyse über:

Das ökonomische Modell in der Psychoanalyse ist kein Versuch, jenen physikalischen Inhalt hinzuzufügen, sondern metaphorisch, durch Analogie ein ähnliches System „quantitativer Beziehungen der Äquivalenz“ aufzustellen – eine neuartige Form gesetzmäßiger Wechselbeziehung zwischen emotionalen Phänomenen.

Hier widerspricht Wurmser Freuds Auffassung, wie wir noch sehen werden.

Die Funktion des Orgasmus ist sowohl die Entladung überschüssiger Energie als auch die Befriedigung der Sexualerregung. Während das erstere ein „substantieller“ physikalischer Vorgang ist, ist das letztere ein „funktioneller“ Vorgang im Sinne eines Wechsels von Gefühlszuständen.

Sowohl im objektiven („physiologischen“) als auch im subjektiven („psychischen“) Bereich dient die Energie als „Bezugssystem“. Gemeinhin wird streng zwischen beiden Bereichen unterschieden: im ersten Fall ist sie als „dritter Faktor“ das konkrete Bindeglied zwischen den Faktoren einer physikalischen Gleichung, während die Energie im zweiten Fall gefühlsmäßige Phänomene nur als bloße Analogie sprachlich erfaßbar macht. Wurmser führt aus, daß diese Trennung nicht so glatt ist, wie es zunächst erscheinen mag:

Man kann sie (die Energie) an sich selbst oder einfühlend an anderen beobachten, aber nicht objektiviert wie in der Physik. Meiner Meinung nach sind dies völlig akzeptable metaphorische Begriffe, nicht nur, weil sie so stark ähnlichen Beziehungsgesetzen der Physik gleichen, und nicht nur, weil es uns große Schwierigkeiten bereiten würde, ebenso brauchbare Metaphern und Abstraktionen zu finden, sondern, weil genau die physikalischen Begriffe „Energie“ und „Quantität“ selbst anthropomorphen Ursprungs, selbst Metaphern und Abstraktionen sind. Der einzige Unterschied besteht darin, daß es in der Physik schließlich gelang, diese metaphorischen Begriffe, die ihren Ursprung im aristotelischen Empirismus haben, in numerische Bezüge (angefangen mit Galilei) zu übersetzen, die weitgehend objektiviert werden können (wenn auch nicht völlig; siehe z.B. Heisenbergs Prinzip der „Unschärferelation“).

Ich füge folgendes hinzu:

Energie ist die Fähigkeit Arbeit zu leisten. Ebenso ist das Sein die Kapazität eine Tat auszuführen. Ich kann nur auf das Sein eines Menschen schließen, wenn er etwas tut, etwa am anderen Ende der Telefonleitung etwas sagt. Auf Energie kann ich nur schließen, wenn ich sehe, daß Arbeit geleistet (z.B. To-T, also der Temperaturunterschied zwischen dem Orgonenergie-Akkumulator und seiner Umgebung, aufrechterhalten) wird. Deshalb ist der Begriff „Energie“ genauso abstrakt wie etwa der Begriff „Sein“.