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Der Orgasmusreflex, ein trügerisches Zeichen für Gesundheit

8. Mai 2019

Im Journal of Orgonomy (50(2), S. 76) beschreibt Elsworth F. Baker eine Patientin, die mit einem frei beweglichen, also weitgehend ungepanzerten Beckensegment in Therapie gekommen war. Am Ende der Therapie führte die Beseitigung restlicher Spannungspunkte im Becken und die Mobilisierung des Beckens (Aufforderung die Schließmuskeln des Anus und der Vagina widerholt anzuspannen und wieder loszulassen) zu einem starken Zittern der Schenkel und sie war fähig, beim Ausatmen das Becken nach vorne zu stoßen. Baker war es jedoch nicht möglich den Orgasmusreflex auszulösen. Dazu schreibt er: „Reich wies darauf hin, daß, obwohl einige Fälle ein hohes Gesundheitsniveau erreichen können, sie niemals den Reflex zeigen und manche nie [orgonotische] Strömungen verspüren.”

Umgekehrt berichtet im gleichen Heft (S. 178) Charles Konia von einer Patientin, die er von einem anderen Orgonomen übernommen hatte, bei der bloßes Atmenlassen auf der Couch sofort zu einem generellen Zittern des Körpers und zu einem Orgasmusreflex führte. Das trat zu einem Zeitpunkt auf, als von einer Heilung noch nicht im Entferntesten gesprochen werden konnte, war aber kein Grund zur Besorgnis, weil der vorangehende Orgontherapeut das okulare Segment ausreichend mobilisiert hatte, um eine geregelte Fortführung der Therapie zu garantieren.

Bei Patienten, die in den oberen Segmenten stark verpanzert sind, aber ein freies Becken haben, kann der „Beckenreflex“ auftreten, sozusagen „der halbe Orgasmusreflex“. Dieser kann sogar ein schlechtes Zeichen sein, weil insbesondere bei Schizophrenen zunächst die oberen Segmente entpanzert werden müssen, was nur durch Herstellung einer Panzerung (Immobilisierung) im Becken gelingen kann (die dann am Ende der Therapie natürlich wieder beseitigt werden muß).

Laientherapeuten können das alles nicht richtig einschätzen. Hinzu kommt, daß manchmal der „Orgasmusreflex“ (bzw. etwas, was der Laie für ihn halten könnte) in der ersten Sitzung auftritt. Jedenfalls war das zu meiner eigenen starken Verwunderung bei mir der Fall. Dr. Schwartzman versicherte mir damals, daß dies mitnichten der Orgasmusreflex sei. Am Anfang ist der Organismus (soweit er nicht vollständig erstarrt ist) noch vollkommen unvorbereitet, „naiv“ und es gibt noch keine Übertragung. Der quasi „hysterisch“ erregte Organismus ist deshalb der Situation hilflos ausgeliefert und läßt sich sozusagen gehen. Sehr bald panzert man sich jedoch in der therapeutischen Situation ab und die Illusion von Gesundheit verpufft. Laientherapeuten (Freiheitskrämer) leben von der Kultivierung solcher Illusionen. Ich denke nur an das „Orgasmusreflex-Training“.

Beim Schreiben dieses Blogeintrags flattert eine Einladung des „Instituts der Deutschen Gesellschaft für Intensive Psychodynamische Kurzzeittherapie nach Davanloo“ auf den Schreibtisch. Es geht um die „12. Jahrestagung mit Einführungkurs: Metapsychologie und Technik der IS-TDP nach [Habib] Davanloo: DIE SUCHE NACH DEM WIDERSTAND“. Das ganze findet im „Exerzitienhaus der Diözese Würzburg HIMMELSPFORTEN“ statt. Bei diesem ganzen Zauber geht es um die Nutzung der Übertragung, die einen Widerstand gegen emotionale Nähe mobilisiert. Schon mal Wilhelm Reichs Buch Charakteranalyse gelesen? Der hatte aber Respekt vor dem Widerstand des Patienten, der im Kern ein charakterlicher Widerstand ist. Das alles zu Umgehen und, wie es im Flyer, heißt u.a. einen „vertikalen Zugang zum Unbewußten“ zu finden, ist von einer erschreckenden Rücksichtslosigkeit: die Abwehr wird mit Gewalt durchbrochen. Ähnlich wie das „Orgasmusreflex-Training“ wirkt es wie eine Karikatur des Reichschen Ansatzes. Das ganze gemahnt an das, was Morton Herskowitz über Lowen und Janov geschrieben hat: http://www.orgonomie.net/hdobespr3.pdf (dort S. 154-160).

Von Freud zu Reich (Teil 2)

18. Oktober 2015

In seinem erkenntnistheoretischen „Plädoyer für die Verwendung von Metaphern in der psychoanalytischen Theoriebildung“ (Psyche, Aug. 1983) führt Leon Wurmser, klinischer Professor für Psychiatrie und Psychoanalyse an der University of West Virginia, aus, daß die Psychoanalyse im Spannungsfeld zwischen „Substanz“ (z.B. im Sinne der Quantität der Libido) und „Funktion“ (z.B. Wechselbeziehungen von Handlungen) stand. Er diskutiert das Bemühen der psychoanalytischen Theoretiker von der „Substanzfindung“ (z.B. Libido als Stoff der „verlagert“ wird) loszukommen.

Sie versuchten, jenen gewaltigen, aber unerläßlichen Schritt zu tun, den [der neukantianische Philosoph Ernst] Cassirer sah und in der Entwicklung allen wissenschaftlichen Denkens beschrieb – den Schritt von der „Substanz“ zur „Funktion“ (…). Die entscheidende Veränderung, die schon von Platon in Phaidon wahrgenommen wurde, ist die Auflösung von „Dingen“ in logische Verknüpfungen und Wechselbeziehungen und letztlich in mathematische Funktionen und Prozesse – eine Veränderung, die jeglichen wissenschaftlichen Fortschritt durch die vergangenen vier Jahrhunderte begleitet hat.

Später sollte ausgerechnet Reich, der wie kein anderer den „ökonomischen“ Aspekt der psychoanalytischen Theorie vertrat, den Begriff „Funktion“ in den Mittelpunkt seiner „libido-ökonomischen“ bzw. orgon-energetischen Überlegungen stellen. In diesem Zusammenhang fällt dem Wort von der „Funktion des Orgasmus“ ein Bedeutungsgehalt zu, der bisher kaum ausgeschöpft worden ist.

Zur Libidoökonomie und ihrer Beziehung zur Physik schreibt Wurmser:

Der ökonomische Standpunkt ist zum Schreckgespenst der Kritiker der psychoanalytischen Theorie, besonders der Metapsychologie, geworden. Vielleicht finden wir in dieser Kontroverse mehr Hitzigkeit als Klarheit, wenn wir sorgfältig untersuchen, was „Energie“ für den Physiker bedeutet und was sie für uns bedeuten kann. Wie stellt sich der Energiebegriff in der Physik dar?

Diese Frage beantwortet Wurmser mit einem Zitat aus Cassirers erkenntniskritischem Werk Substanzbegriff und Funktionsbegriff von 1910:

(…) (es) zeigt (…) sich, daß die Energie in dieser Form der Ableitung nirgends als ein neues Ding, sondern als ein einheitliches Bezugssystem erscheint, daß wir der Messung zugrundelegen. Alles, was sich von ihr mit wissenschaftlichen Grund und Recht aussagen läßt, erschöpft sich in den quantitativen Beziehungen der Äquivalenz, die zwischen den verschiedenen Gebieten der Physik obwalten. Die Energie tritt nicht als ein gegenständliches Etwas den schon bekannten physischen Inhalten wie Licht und Wärme, Elektrizität und Magnetismus zur Seite, sondern sie bedeutet lediglich eine objektive gesetzmäßige Korrelation, in welcher alle diese Inhalte stehen. Ihr eigentlicher Sinn und ihre Funktion liegt in den Gleichungen, die sie zwischen verschiedenartigen Gruppen von Vorgängen herstellen lehrt.

Wurmser geht von hier auf die Psychoanalyse über:

Das ökonomische Modell in der Psychoanalyse ist kein Versuch, jenen physikalischen Inhalt hinzuzufügen, sondern metaphorisch, durch Analogie ein ähnliches System „quantitativer Beziehungen der Äquivalenz“ aufzustellen – eine neuartige Form gesetzmäßiger Wechselbeziehung zwischen emotionalen Phänomenen.

Hier widerspricht Wurmser Freuds Auffassung, wie wir noch sehen werden.

Die Funktion des Orgasmus ist sowohl die Entladung überschüssiger Energie als auch die Befriedigung der Sexualerregung. Während das erstere ein „substantieller“ physikalischer Vorgang ist, ist das letztere ein „funktioneller“ Vorgang im Sinne eines Wechsels von Gefühlszuständen.

Sowohl im objektiven („physiologischen“) als auch im subjektiven („psychischen“) Bereich dient die Energie als „Bezugssystem“. Gemeinhin wird streng zwischen beiden Bereichen unterschieden: im ersten Fall ist sie als „dritter Faktor“ das konkrete Bindeglied zwischen den Faktoren einer physikalischen Gleichung, während die Energie im zweiten Fall gefühlsmäßige Phänomene nur als bloße Analogie sprachlich erfaßbar macht. Wurmser führt aus, daß diese Trennung nicht so glatt ist, wie es zunächst erscheinen mag:

Man kann sie (die Energie) an sich selbst oder einfühlend an anderen beobachten, aber nicht objektiviert wie in der Physik. Meiner Meinung nach sind dies völlig akzeptable metaphorische Begriffe, nicht nur, weil sie so stark ähnlichen Beziehungsgesetzen der Physik gleichen, und nicht nur, weil es uns große Schwierigkeiten bereiten würde, ebenso brauchbare Metaphern und Abstraktionen zu finden, sondern, weil genau die physikalischen Begriffe „Energie“ und „Quantität“ selbst anthropomorphen Ursprungs, selbst Metaphern und Abstraktionen sind. Der einzige Unterschied besteht darin, daß es in der Physik schließlich gelang, diese metaphorischen Begriffe, die ihren Ursprung im aristotelischen Empirismus haben, in numerische Bezüge (angefangen mit Galilei) zu übersetzen, die weitgehend objektiviert werden können (wenn auch nicht völlig; siehe z.B. Heisenbergs Prinzip der „Unschärferelation“).

Ich füge folgendes hinzu:

Energie ist die Fähigkeit Arbeit zu leisten. Ebenso ist das Sein die Kapazität eine Tat auszuführen. Ich kann nur auf das Sein eines Menschen schließen, wenn er etwas tut, etwa am anderen Ende der Telefonleitung etwas sagt. Auf Energie kann ich nur schließen, wenn ich sehe, daß Arbeit geleistet (z.B. To-T, also der Temperaturunterschied zwischen dem Orgonenergie-Akkumulator und seiner Umgebung, aufrechterhalten) wird. Deshalb ist der Begriff „Energie“ genauso abstrakt wie etwa der Begriff „Sein“.

Sigmund Reich und Wilhelm Freud (Teil 2)

20. März 2014

FreudfrhDem deutschen Orgonomen Walter Hoppe zufolge kam Reich über die Frage der menschlichen Falschheit und Authentizität zur Psychoanalyse (Wilhelm Reich und andere große Männer…, München, 1984, S. 24). Reich war deshalb von Freud, der ungekünstelt und authentisch auftrat, persönlich angezogen (über Reichs erste Begegnung mit Freud siehe Die Funktion des Orgasmus). Infolge war er in der Psychoanalyse ständig mit dem Problem der Falschheit bei seinen psychoanalytischen Kollegen konfrontiert. Er wurde so in jeder Beziehung zum „Hecht im Karpfenteich“ (Bernd A. Laska: Wilhelm Reich, rororobildmono, S. 29).

Elsworth F. Baker hat hervorgehoben, daß Reich in Seminaren zwar zornig werden und aufbrausen konnte, dabei ging es aber stets um Sachfragen. Niemals ist er einen Kollegen „vor versammelter Mannschaft“ persönlich angegangen. Er war immer sehr auf Professionalität und Wahrung der Form bedacht („In Seminar with Dr. Elsworth Baker“, Journal of Orgonomy, 21(1), May 1987, S. 10-13). Das zu unterstreichen ist wichtig, wenn man über Reich das Image eines „Hechtes“ verbreitet.

Schon Freud meinte, daß er, Freud, zu der Zeit alle Sympathien verlor, als er sich die Frage stellte, „warum man denn beim Examen der Nervösen so regelmäßig ihre sexuellen Betätigungen von der Berücksichtigung ausschließt. Ich habe“, so Freud weiter, „damals diesen Untersuchungen meine Beliebtheit bei den Kranken zum Opfer gebracht, aber ich konnte schon nach kurzen Bemühung den Satz aussprechen, daß es bei normaler vita sexualis keine Neurose – ich meinte: Aktualneurose – gibt“ (Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, Fischer TB, 1992, S. 368). Die Patienten hätten es vorgezogen Freuds peinlichen Fragen auszuweichen und „zu anderen Ärzten zu gehen, die sich nicht so eifrig nach ihrem Sexualleben erkundigten“ (ebd., S. 369). Um wieviel mehr zog sich Reich den Haß der Menschen zu! (Siehe dazu auch meine Ausführungen in Sigmund Freud als Sexualökonom.)

Myron Sharaf diskutiert die Verbindung zwischen Reichs letztem Kapitel aus Die kosmische Überlagerung und der „neuen Angsttheorie“ Freuds (Angst ist ein „Signal an das Ich“) sowie zwischen Reichs Artikel „Re-emergence of Freud’s ‚Death Instinct‘ as ‚DOR‘ Energy“ (Orgonomic Medicine, 2(1), April 1956, S. 2-11) und dem Freudschen Todesinstinkt („Thoughts about Reich“, Journal of Orgonomy, 12(1), May 1978, S. 100-103). Auch am Ende ihrer theoretischen Entwicklung näherten sich die beiden Männer an. Die beiden Theorien waren für Freud die Quintessenz seiner wissenschaftlichen Arbeit: der Mensch ist seinen Trieben ausgesetzt – und diese Triebe sind zutiefst destruktiv. Reich, der über seine gesamte Laufbahn hinweg für Freuds ursprüngliche Angst- und Triebtheorie gefochten hatte, sah am Ende einen Wahrheitskern in Freuds neuen Lehren: angesichts der „kosmischen Tiefen“ kann der Mensch mit seinem Bewußtsein straucheln und die „emotionale Wüste“ im Menschen wächst (das DOR breitet sich aus).

Otto Fenichel schrieb 1930 in seiner verspäteten Rezension von Reichs Die Funktion des Orgasmus, daß Freud bereits 1926 im Manuskript etwas lesen konnte, was er dann selbst formulieren sollte:

Die Beziehungen des Gewissens zur Destruktion sind ja seither von Freud geklärt worden. Sie korrespondieren erstens mit der Regression zum Sadismus, zweitens (erst unlängst in Unbehagen in der Kultur formuliert) mit dem Umstand, daß das Gewissen nicht nur die Aggression des Erziehers gegen das Kind, sondern auch die des Kindes gegen den versagenden Erzieher widerspiegelt. Diesen zweiten Punkt hat Reich bereits genau so gesehen, da er formulierte: „Es muß also zur Kastrationsangst etwas hinzukommen, damit sie sich in Schuldgefühl verwandle. Das, was hinzukommt, ist die aggressiv-destruktive Reaktion auf die Kastrationsgefahr.“ (Otto Fenichel: „Reich, Wilhelm: Die Funktion des Orgasmus“, Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, 16, 1928, S. 511-521)

Was die Freudsche und Reichsche Angsttheorien betrifft siehe Das autonome Nervensystem (Teil 1).

Bereits 1941 konnte Reich angesichts seiner eigenen „sexualökonomischen Lebensforschung“ einräumen, daß Freud mit seiner Todestriebtheorie „etwas gemeint (hatte), das großer Mühe wert war“ (z.n. Bernd A. Laska: Wilhelm Reich, rororobildmono, S. 63).

Wenig später schrieb Reich über die Beziehung zwischen Todestrieb und Krebsbiopathie:

Schon 1926 stieß ich mit dem Todesproblem zusammen, aIs ich Freuds Hypothese der Todestriebe klinisch zu widerlegen begann. Ich leugnete mit guter Begründung, daß es einen Willen zu sterben gibt. Aber es gibt einen objektiv ablaufenden Sterbensprozeß, der lange vor dem akuten Herzstillstand einsetzt. Nachdem es mir gelungen war, den Todestrieb zu widerlegen (…) blieb doch das Interesse am objektiven Sterbensprozeß bestehen, der vom Lebewesen ja nicht gewünscht, sondern gefürchtet ist; es erliegt ihm objektiv, früher oder später, so oder so. Die T-Bazillen sind ein faßbarer Tatbestand des Todesprozesses. (Der Krebs, Fischer TB, S. 257)

In Erich Fromms Die Anatomie der menschlichen Destruktivität (1973), nach übereinstimmender Meinung sein einziges lesenswertes Buch, findet sich m.E. sozusagen eine „Reichianisierung“ des Freudschen Gegensatzes von Eros und Thanatos. Fromm hatte, wie m.E. in allen seinen Büchern, Freuds Thesen genommen, diese mit Hilfe Reichscher Versatzstücke (die dabei sauber „entsexualisiert“ wurden) aufbereitet, und dem psycho-intellektuellen Pöbel (spießige grün-rote „Bildungsbürger“) präsentiert. Hier war es der Gegensatz zwischen OR und DOR.

Es gab in Freuds Karriere stets die Möglichkeit, daß er Reichs Weg zur Orgonomie auf seine Weise gegangen wäre. Bekannt ist Freuds Ausspruch: „Das Lehrgebäude der Psychoanalyse, das wir geschaffen haben, ist in Wirklichkeit ein Überbau, der irgendeinmal auf sein organisches Fundament aufgesetzt werden soll; aber wir kennen dieses noch nicht“ (Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, S. 371).

Daß Freud hier durchaus an etwas dachte, was Reichs „sexualökonomischer Lebensforschung“ der 1930er nahe kam, aber an den unzureichenden Bedingungen scheiterte, zeigt Freuds Brief an Fließ vom 22. September 1898:

Ich bin aber (…) gar nicht geneigt, daß Psychologische ohne organische Grundlage schwebend zu erhalten. Ich weiß nur von der Überzeugung aus nicht weiter, weder theoretisch noch therapeutisch, und muß also mich so benehmen, als läge mir nur das Psychologische vor. Warum das nicht zusammengeht, ahne ich noch gar nicht. (z.n. Liane Weissberg: „‚Mut und Möglichkeit‘: Sigmund Freud liest Theodor Lipps“, In: Mark H. Helber et al. (Hrsg.): Integration und Ausgrenzung, Tübingen 2009, S. 161f)

Zu diesem Zeitpunkt war Freud dabei, die Spekulationen von Wilhelm Fließ, den er als biologischen Experten sah, „über biologische Rhythmen, den Fluß der Körpersäfte und neurologische Betrachtungen zugunsten eines eigenständigen metapsychologischen Wissenschaft (aufzugeben)“ (Weissberg, ebd., S. 162).

Zwei Jahrzehnte später kommen bei Freud ähnliche Gedankengänge zum Ausdruck:

Freud war in Bezug auf Parapsychologie ein echter Skeptiker (…). Er schwankte zwischen Faszination und Zweifel. Aus seiner Faszination heraus schrieb er im Juli 1921 dem Parapsychologen Hereward Carrington: „Wenn ich zu Beginn einer wissenschaftlichen Laufbahn stände, anstatt wie jetzt am Ende, würde ich mir vielleicht trotz aller Schwierigkeiten kein anderes Arbeitsgebiet wählen“, d.h. kein anderes als die „sogenannten okkulten psychischen Phänomene“. Später hatte er diese Worte vergessen und leugnete, sie je geschrieben zu haben. (In seinem Brief an George Lawton, 20.12.1929 … ) (Aniela Jaffé: Parapsychologie, Individuation, Nationalsozialismus, Zürich 1985, S. 49)