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Was sollte an die Stelle der BRD treten? Oder: Die Entpanzerung Deutschlands

11. August 2024

Die folgenden 10 Punkte meines Programms für dieses Land sind keine weltfremde Utopie (zur Hölle mit allen Utopien!), sondern schlichtweg gesunder Menschenverstand. „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen!“ Der heutige Zustand entstammt weltfremdem Schwachmatentum – das eh sehr bald kollabieren wird… Man vertue sich nicht: Ich habe rein gar nichts gegen das Grundgesetz (in seiner ursprünglichen, unverrotgrünten Fassung!) oder gegen den föderativen Aufbau des Staatsapparats. Ich bin weder Anarchist, noch Sozialist oder überhaupt irgendein „…ist“. Ich will nur Effizienz, Einfachheit, gesunden Menschenverstand, deutsche Tugenden!

1. Die heutigen Grenzen der BRD entsprechen weitgehend den Kernländern des angestammten Reiches der vereinigten deutschen Stämme (Sachsen, Thüringer, Franken, Alemannen etc.) und sollten so, wie sie jetzt sind, feierlich auf alle Zeiten festgeschrieben werden. SCHLUSSSTRICH! Deutschland muß frei und absolut unabhängig sein. Ein Freund und Partner grundsätzlich aller Völker dieses Planeten ohne jedweden Unterschied.

2. Das bedeutet aber auch, daß dies das Land der DEUTSCHEN ist! Gerne kann jeder, egal welcher Herkunft, sich uns anschließen, wie es seit Urzeiten bei jedem Menschenstamm üblich war – solange er sich 100%ig und unwiederbringlich zu Deutschland und seiner über Tausendjährigen Geschichte bekennt und unser Genpool nicht vollkommen uncharakteristisch wird. Es gilt: dies ist ein Land, Deutsch-Land, EINE SCHICKSALSGEMEINSCHAFT, kein austauschbarer Siedlungsraum! Das sind wir der Buntheit und Diversität der Völkergemeinschaft schuldig!

3. Der Staat schrumpft auf seine eigentlichen Funktionen zusammen und muß dezidiert unideologisch sein. Jedwede „weltanschauliche“ Einflußnahme des Staates auf die Bevölkerung sollte durch die Verfassung strengstens untersagt sein. EINE UNAUSSPRECHLICHE UNGEHEUERLICHKEIT! Das Volk ist der Souverän!!!! (Ich werde am Ende auf diesen entscheidenden Punkt zurückkommen.)

4. Sämtliche Gesetze, die seit 1973, d.h. seit der kompletten Ideologisierung des Staates, erlassen wurden, werden gestrichen, bis auf wenige unausweichliche Ausnahmen, und das Parlament tut alles, um im Laufe der Zeit die restlichen Gesetze bis auf ein Mindestmaß zusammenzustreichen. Das gleiche gilt für das Grundgesetz, wobei die Grundrechte nicht nur erhalten, sondern in ihrer Gültigkeit nochmals unterstrichen werden. SIE SIND ANDERS ALS HEUTE WIRKLICH UNVERÄUSSERLICH UND OHNE JEDES WENN UND ABER ABSOLUT! Beispiel: Eine Zensur findet nicht statt. Punkt.

5. Parteien spielen keine Rolle mehr. Pseudoreligiöse Spinner! Das Parlament wird allein durch Direktmandate beschickt und der einzelne Abgeordnete ist TATSÄCHLICH einzig und allein seinem eigenen Gewissen gegenüber verantwortlich. Aufgabe des Parlaments ist nicht das Erlassen immer neuer Gesetze – bis auf unausweichliche Ausnahmefälle, sondern das Kontrollieren des Staatshaushaltes. Leute, die Politik zu ihren Beruf machen wollen, gehören als die gemeingefährlichen Parasiten, die sie sind, nicht in die Parlamente, sondern ins Zuchthaus oder in die Irrenanstalt!

6. Sämtliche Steuern werden gestrichen, dafür muß wirklich jede natürliche und juristische Person (vom Bettler bis zum Multimilliardär) ausnahmslos genau 10% ihrer monatlichen Einnahmen an den Staat abführen, was auch unbedingt kontrolliert und bei Nichterfüllung hart bestraft wird.

7. Da es keinerlei Steuerschlupflöcher mehr gibt, wirklich JEDER diese Abgabe leisten kann und der Staatsapparat bis auf ein absolutes Mindestmaß (Feierabendparlament, fünf Minister mit angeschlossener Miniverwaltung) zusammengestutzt wird, reicht dies allemal für sämtliche Staatsausgaben inkl. Landesverteidigung – VERTEIDIGUNG! Ohnehin wird eine von Bürokratie und Abgabenlast befreite Wirtschaft aufblühen und entsprechend mehr an den Staat abführen.

8. Die Zentralbank wird abgeschafft und an ihre Stelle tritt ein freier Währungsmarkt unter der Bedingung, daß die jeweilige Währung goldgedeckt sein muß und deshalb alle Währungen untereinander problemlos kompatibel sind. Der besagte Markt dreht sich letztendlich darum, welche Golddeckung am glaubwürdigsten ist. (Eine 100%ige Golddeckung wird ewig eine Illusion bleiben, aber nichtsdestotrotz ein anzustrebendes Ziel.)

9. Politik verschwindet aus dem öffentlichen Raum, da sie dem Wesen des deutschen Menschen in keinster Weise entspricht. Unser Metier sind Kunst, Musik und Literatur, Philosophie, Technik und Wissenschaft! In diesen Bereichen, insbesondere aber im Bereich von Wissenschaft und Medizin, herrscht ABSOLUTE Freiheit im Rahmen und im Geiste der unveräußerlichen Grundrechte.

10. Der Staat ruht auf Grundpfeilern, die er nicht nur nicht geschaffen hat, sondern die er ständig gefährdet: Liebe, Arbeit und Wissen. Wenn es irgendeine „Staatsaufgabe“ gibt, dann die: zum Ausgleich dieser pestilenten Grundtendenz des Staates die Grundfunktionen des Lebendigen nicht nur zu „tolerieren“, sondern aktiv zu unterstützen. Hinzu kommt, daß der Staat der Unterdrückung sekundärer Triebe dient, dabei es aber fast zwangsläufig immer wieder zu Übergriffen auf die primären Triebe kommt. Dem muß der Staat aktiv entgegenarbeiten. Von „Wertfreiheit“ kann also keine Rede sein. Der Maßstab ist immer das unverstellte gesunde Lebensempfinden, das gesunde Empfinden des deutschen Volkstums. Aufgabe des Staates ist es, dieses Deutschtum zu wahren, die Überfremdung rückgängig zu machen und die Quellen unserer Existenz rein zu halten.

Aus Laskas Email-Verkehr Anfang der 2000er Jahre: Über die Einsamkeit

11. April 2024

Aus Laskas Email-Verkehr Anfang der 2000er Jahre: Über die Einsamkeit

Peter liest die Laska/Schmitz-Korrespondenz (Teil 9)

8. April 2024

Manchmal muß ich auch beim Dipl.-Ing. Laska den Kopf schütteln, weil er merkwürdig starr wie ein Ingenieur denkt. Beispielsweise, wenn Schmitz erläutert, daß auch, wenn man dem inneren Daimon folgend am Ziel angelangt ist, man immer noch „teleologisch“ weiterwirkt. Ob der Mensch dann, so frägt Laska, neue Ziele anstrebt, so als ob Schmitz nicht eindeutig Goethes Maxime zitiert hatte: „Erwirb es, um es zu besitzen.“ Wenn mich etwa mein Daimon dazu treibt, einen Schrebergarten herzurichten und ich schließlich das Ziel erreiche: bis zu meinem Lebensende werde ich trotzdem am Schrebergarten „teleologisch“ rumwerkeln der Zielvorgabe „Schrebergarten“ folgend. Und so in allem. Was ist daran so schwer zu begreifen? Außer man ist in der mechanischen Logik eines Statikers gefangen! (S. 198).

Schmitz führt aus, daß Menschen je nach Veranlagung von ihrem Daimon oder vom Zu-Fall, letztendlich dem „Göttlichen“, geführt werden bzw. von beidem. Du hast einen unbedingten inneren Drang oder etwas Zwingendes überkommt dich oder beides in unterschiedlichem Mischverhältnis. Reich ist dafür das beste Beispiel. Einerseits seine Lebensmission seit dem tragischen Selbstmord seiner Mutter, andererseits seine Hypersensibilität für, um mit Schmitz zu sprechen, „Atmosphären“.

Aus dem, was ich in den bisherigen Teilen dieser, wenn man so will, „Buchbesprechung“ geschrieben habe, könnte man schließen, daß ich gerne auf Schmitz verzichten würde und nur die Laska-Briefe für wertvoll erachte. Nein! Auch wenn ich durch Schmitz manchmal bis zum Anschlag schlichtweg genervt bin: er ist das perfekte Gegengift gegen Laskas „Wahnsinn“. Und genau das macht die objektive Großartigkeit dieses Buches aus.

Das ganze ist erwähnenswert und geradezu tragikomisch, weil Laskas einerseits versucht Schmitz‘ Begriff „starker Daimon“ und Stirners „Eigner“ gleichzuschalten, dabei aber andererseits die Grundlage seiner eigenen (Para-) Philosophie ganz aus den Augen verliert, den glücklichen, „serenen“ Zufall. Auch in dieser Korrespondenz taucht Laskas Lieblingswort mit penetranter Regelmäßigkeit auf: „serendipity“ – der glücklich Zufall oder, mit anderen Worten, der „göttliche Zu-Fall“. (BTW: Wenn jemand Fremdwörter benutzt, soll fast immer etwas verborgen bzw. verdrängt werden! Das gilt im übrigen auch für Schmitz, beispielsweise seine „implantierende Situation“ = „einpflanzende Gegebenheit“.)

Laskas Gott ist die Welt: „Von Anfang an waren es nicht die Dinge, die meine Ataraxie störten, sondern die Meinungen über sie. Zu den Dingen hatte und habe ich ein unerschütterliches Urvertrauen. Es geht, davon bin ich überzeugt, in der Welt mit rechten Dingen zu“ (S. 213). Sowas, das wohlige Einlassen auf das, was objektiv gegeben ist, kann ein Ingenieur schreiben, nie und nimmer aber ein Physiker! Das sorgte auch stets für Irritationen zwischen uns: „…, aber Nasselstein glaubt jeden Unsinn“. Ja, ich kann zum Befremden meiner Mitmenschen sagen: „Irgendetwas stimmt nicht mit der Realität!“

Übrigens: Soweit ich das einschätzen kann, will auch der „Phänomenologe“ Schmitz mit derartigen Phänomenen nichts zu tun haben.

Nachbemerkung apropos Fremdwörter: „Ataraxie“ meint bei den alten Griechen die affektlose Seelenruhe. Schmitz versucht Laska zu erklären, daß es diese nicht geben kann, d.h. daß es im Leben immer ein Auf und Ab gibt, d.h. eine Distanzierung von den Dingen, die als mir fremd erkannt werden, und eine Resubjektivierung der Dinge, bei der die Grenzen zwischen Eigenem und Fremden wieder verschwimmen. (In orgonometrischen Begriffen Dissoziation vs. Assoziation.) Darüber hinaus hat man, ebenfalls gegen die „Ataraxie“, sozusagen „horizontal“, immer ein Ziel anzusteuern, wie oben beschrieben (die Orgonometrie dazu findet sich in Die kosmische Überlagerung), will man nicht in einem anorgonotischen Sumpf ertrinken. Man muß sich an den Kopf fassen, daß Schmitz das LSR-Projekt einfach nicht begreifen will, aber es ist kaum weniger verstörend, wie begriffsstutzig Laska gegenüber Schmitz ist!

Peter liest die Laska/Schmitz-Korrespondenz (Teil 8)

6. April 2024

Stark vereinfacht geht Hermann Schmitz von zwei Sündenfällen aus. Der erste ist der, den auch Reich in Christusmord beschreibt. Schmitz typisch verquast:

Der erste Sündenfall, der nach dem biblischen Mythos, besteht darin, daß die Menschen lernen, was gut und böse ist, also Vorzugsrichtungen des Verhaltens zu ihnen zustoßenden Herausforderungen nicht mehr nur blind, sondern mit Wissen und Wollen folgen können. Dabei lernen sie aber erst, was gut und böse ist, als handle es sich bei allem, was sie zu wissen nötig haben, um objektive oder neutrale Tatsachen. (…) Der erste Sündenfall schafft Halt nach außen, durch die Möglichkeit selbständiger, einsichtiger Orientierung am Gegebenen. (S. 175)

Schmitz beschreibt hier die Genese der Panzerung. Die Menschen verlieren die Unmittelbarkeit. Es ist, als wenn sich eine Wand, die Panzerung, zwischen sie und ihre Umwelt und zwischen sie und ihre Innenwelt schiebt. Bei letzterem denke man etwa an Freuds Entdeckung des unbekannten Kontinents des Unbewußten. Aber sie haben immer noch eine Orientierung sozusagen „am Sternenhimmel“ dort draußen und dem „sittlichen Gesetz“ hier innen: der Rahmen der autoritären Gesellschaft.

Der zweite Sündenfall ereignete sich, Schmitz zufolge, um das Jahr 1800 herum mit der „Entdeckung der strikten Subjektivität“ durch Johann Gottlieb Fichte (1762-1814):

Der zweite Sündenfall, der Fichte’sche, belehrt sie, daß es nicht so ist, daß sie also nicht einfach nachsehen können, was (an sich und für alle) ist und sein soll, sondern sich jeder in seinem Namen darum kümmern muß, was meine (seine) Tatsache, sein Programm, sein Problem ist. (ebd.)

Der zweite Sündenfall schafft dem Menschen Unsicherheit im Verhältnis zu sich, weil sich herausstellt, daß der Halt, der nach dem ersten Sündenfall noch gegeben war, langsam aber sicher wegbricht: alles ist subjektiv, willkürlich und unsicher.

Was Schmitz hier beschreibt, sind zwei menschheitsgeschichtliche Einschnitte, die sich vor etwa 6000 Jahren und ziemlich präzise um das Jahr 1960 ereignet haben: der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral und damit der Körperpanzerung und der Beginn der vermeintlichen „sexuellen Revolution“ und damit die weitgehende Ersetzung der Körperpanzerung durch die okulare Panzerung. Der Einbruch des kompletten Wahnsinns von Timothy Leary bis heute, der Freigabe des Cannabis-Konsums:

Man hört geradezu wie die Körperpanzerung Anfang der 1960er Jahre zusammenbricht! An ihre Stelle tritt die komplette Orientierungslosigkeit, der radikale „Werteverfall“ und – der Tod. Seit nun über 60 Jahren macht die Menschheit diese zweite Zensur durch, deren Bedeutung man nicht überschätzen kann, – sie könnte final sein.

Einerseits muß man Schmitz zugutehalten, daß er ein Gespür dafür hat (wer sonst hat diese beiden Sündenfälle so treffend beschrieben?), andererseits ist es fundamental verfehlt, wenn er schreibt, daß der erste Sündenfall „der Ausgang aus der Selbstsicherheit des skrupellosen instinktiven Lebens in die Verantwortung rationalen Prüfens und Wägens von Gut und Böse“ war (S. 179). Der Zusammenbruch der Selbststeuerung und Einbruch des Irrationalismus und der Perversion war für ihn „rational“, das Leben davor „skrupellos“. Schmitz ist ein in der Wolle gefärbter Reaktionär: die Kultur geht vor!

Den zweiten Sündenfall, den er, wie gesagt mit Fichte (und Stirner) und dem Beginn der „ironistischen“ Romantik verbindet, will Schmitz auffangen, indem er sie sozusagen vollendet, – indem er von dem „dem Vorurteil herunterkommt, alle Tatsache müßten objektiv sein, so daß das Subjektive in eine rätselhafte Rand- und Schwebestellung gerät, für die man bald die Metapher des (selbst paradoxen) Nichts erfindet; so kommt es zum Nihilismus. Dieses Mißverständnis, und damit der Nihilismus, kann geheilt werden“ (S. 176). Die Heilung vom Nihilismus verspricht die Neue Phänomenologie, indem sie sozusagen die Welt wiederverzaubert: Subjekt und Objekt verzahnen sich wieder. Die Welt ist dann nicht mehr etwas, wo man seine Stellung in der objektiven Welt findet, „sondern (die Menschen) müssen jeweils ihre Stellung durch eigene Stellungnahme finden und ständig neu gegen Erschütterungen, emotionale Hinfälligkeit, Labilität, personale Regression, sich aufrichtend, behaupten“ (S. 183).

Mal abgesehen davon, daß ich hier „Nietzsche pur“ höre, ist das ganze nichts anderes als ein ständiges Ausweichen vor dem Wesentlichen. Platt ausgedrückt: es geht weder darum, wie du dich in der Falle verortest (wie nach dem ersten Sündenfall), noch darum, wie du zur Falle Stellung beziehst (wie Schmitz es nach dem zweiten Sündenfall uns nahelegen will), sondern erstens mußt du sehen, DASS du in der Falle sitzt, um dann zweitens diese Falle zu verlassen. Laska versucht ständig Schmitz diesen einfachsten aller Gedanken nahezubringen, aber Schmitz ist blind, verrannt. Wie ALLE Philosophie dient auch die Neue Phänomenologie dazu, die Existenz der Falle zu sichern.

Letztendlich dokumentiert das Laska/Schmitz-Buch die Diskussion zwischen einem realitätstüchtigen Erwachsenen (Laska) und einem komplett verpeilten Kind (Schmitz) – mit manchmal ganz interessanten Einsichten.

Nachbemerkung: Wie „1800“ und „1960“ vereinbaren? Der Riß von 1960, der durchaus die Vernichtung der Menschheit besiegeln könnte, hat eine lange Vorgeschichte. Man denke nur an die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, den Ersten Weltkrieg, der, nicht zuletzt in sexualökonomischer Hinsicht, den gesamten Planeten auf den Kopf gestellt hat. Man denke an Nietzsche als Seismographen einer ungeheuren Umwälzung: den Einzug des alles zerfressenden Nihilismus. Kierkegaard. „Schmitz‘ Fichte“. Die Französische Revolution. Rousseau – der auf LaMettrie zurückgeht. Das ganze ist untrennbar verbunden mit der industriellen Revolution, die bereits Goethe am Ende von Faust II thematisiert. Unter diesem ständig wachsenden Druck, die letzten Faktoren waren vielleicht die Pille und die Drogenkultur (schon zu Reichs Zeiten mit der „Beat-Generation“ vorbereitet), hat dann in den 1960er Jahren die Körperpanzerung begonnen wegzubrechen und die Augenpanzerung trat an ihre Stelle: Its a Mad Mad Mad Mad World (1963)

https://www.youtube.com/watch?v=ejDx-zn7M5Y

Peter liest die Laska/Schmitz-Korrespondenz (Teil 6)

3. April 2024

Mit seiner „Leibphilosophie“ besteht Hermann Schmitz darauf, daß wir nicht Gefühle haben, sondern von Gefühlen ergriffen werden. Damit ähnelt er durchaus Reich, der seit den bio-elektrischen Experimenten Mitte der 1930er Jahre darum bemüht war, Gefühle zu „objektivieren“ und umgekehrt Subjektivität in die Forschung zu integrieren: der Forscher selbst als wichtigstes Forschungsinstrument. Laska liegt eine solche Sichtweise fern oder, besser gesagt, ihm ist das Ergriffenwerden selbst das Grundproblem: Fremdsteuerung, Manipulation, Heteronomie, Über-Ich. Und tatsächlich sind alle „Lehren“, die die Objektivität von Gefühlen vertreten (der Mensch wird zu einem bloßen „Radioempfänger“!), etwa der tibetische Buddhismus oder Steiners Anthroposophie, dezidiert, wie soll ich sagen, „über-ich-affin“. Das zeigt sich ganz konkret an der Kindererziehung, die diametral dem orgonomischen „Summerhill-Modell“ widerspricht.

Für Schmitz ist die große, alles entscheidende Wende in der Menschheitsgeschichte die Philosophie Fichtes (zugespitzt durch Stirner): die radikale Subjektivität, wie sie in der romantischen Bewegung evident wurde, eine alles zersetzende Ironie, die in vielem unsere heutigen antiautoritären Verhältnisse, die alles beherrschende Beliebigkeit, vorwegnahm. Man spielt nur noch eine beliebige Rolle, kann sogar sein Geschlecht nach Belieben ändern und sogar neue „Geschlechter“, wenn nicht „neue Genitalien“ frei erfinden. Tatsächlich wird ja Stirner von vielen neosexuellen Transleuten vereinnahmt: „Ich habe meine Sache auf nichts gestellt!“ „Ich bin, wer ich bin!“

Aus dieser Perspektive blickt Schmitz auf Laska: als jemand der sich der Ergriffenheit, Betroffenheit entzieht. Beispielsweise hat Schmitz die „Utopie“, daß Europa eines Tages von „Hndugöttern“ ergriffen werden könnte, worauf Laska nur konsterniert kopfschüttelnd reagieren kann. Was Schmitz meint, wird wohl am besten durch das Phänomen „Heilung“ verkörpert. Man lese die Kommentare unter dem Video und beachte, wie viele Menschen es sich schon angeschaut haben!

Heilung im Sinne Schmitz‘! An sich ist der Mummenschanz lächerlich und fordert zur Ironie auf, aber die bleibt einem buchstäblich im Halse stecken, wenn man den Mut hat sich der Erfahrung zu öffnen – den Gefühlen zu öffnen.

Hier haben wir exakt das, was Wagner anstrebte und nicht zuletzt sein Adept Hitler. In Massenpsychologie des Faschismus hat sich Reich ausgiebig mit dem Phänomen des „Ergriffenseins“ beschäftigt. Gleichzeitig hat er eine Alternative angeboten; eine Alternative, die explizit gegen das Über-Ich gerichtet ist. Die Rede ist davon, daß in seinen „Sexpol-Gruppen“ die sexualpositive Massenatmosphäre, die durch die wortwörtliche „Aufklärung“ erzeugt wurde, die individuellen Hemmungen überwunden hat und den Impuls zur kollektiven Befreiung freisetzte. Ähnliches strebte er später mit seinem Konzept der „Arbeitsdemokratie“ in der Sphäre der Arbeit an. Das ist der sozusagen „menschentierliche“ „unbedingte Ernst“, der „‘tierisch‘ verankerte Lebenswille“, den Laska Schmitz nahebringen will, aber Schmitz sieht nur Kultur, verteidigt die Kultur, die „einpflanzende Situation“ – das Über-Ich. Faschismus! Seine Zukunftsvision sind „Hindugötter“! Heilung…

Peter liest die Laska/Schmitz-Korrespondenz (Teil 5)

2. April 2024

Schmitz‘ Philosophie, überhaupt alle, man verzeihe mir den Ausdruck, pseudo-reich-nahen Philosophien, etwa die Nietzsches, lassen sich mit einem Wort zusammenfassen: „Gestrüpp“. Ich zitiere Schmitz:

Der Mensch ist nie unabhängig vom Schicksal, auch nicht vom Schicksal der Verstrickung in ein geschichtliches Erbe mit allem Glanz und Elend. Aus diesem Urwald, aus dem Urwald der unsere zuständlichen persönlichen Situationen umschließenden und durchziehenden über- und unpersönlichen Situationen, werden wir nie herauskommen, aber wir haben die Waffen an unserer Besonnenheit, uns darin zurechtzufinden und auf den Weg zu machen, den wir nach kritischer Prüfung als angemessen für uns und vielleicht für Andere zu erfassen glauben. (S. 126, Hervorhebung hinzugefügt)

Direkt an Laska gerichtet:

Sie wollen den Menschen die Last der Tradition, mindestens der Indoktrination, abnehmen, da wir einig sind, daß in der bisherigen Geschichte viele Menschen dadurch verschüchtert („geschwächt“) worden sind, und lehnen pädagogische Hilfen als unnützen Umweg ab, da man besser täte, die Menschen gar nicht erst so zu schwächen. Ich halte dagegen den Umweg für außerordentlich nützlich im Interesse der Auslese. (…) Nur die Bewährung vor der Aufgabe, sich unter dem Druck der Tradition zu behaupten, wird günstigenfalls von einer Gestaltungskraft belohnt, die die neuen Formen des Lebens finden kann, deren wir bedürfen, um (…) zu bestehen. Ich denke in dieser Hinsicht darwinistisch. Die sogenannte Schwächung des Organismus, sofern es überhaupt eine ist, ist eine Herausforderung an die Starken, ihren eigenen Weg zu gehen, aber nicht in einem Paradies freier Selbstbestimmung, sondern in ständiger Bahnung des Weges durch den Urwald der Verstrickungen, den Weg durch einen mehr oder weniger dunklen Wald, der zugleich Last und Geschenk ist: Last als Widerstand für die Selbstaufklärung, Geschenk als Schatz oder Fundus von Möglichkeiten der Explikation, der Deutung und Umdeutung, woraus die Auseinandersetzung schöpfen kann und muß, wenn sie nicht in dürren Formen erstarren und vertrocknen soll. (S. 162f, Hervorhebungen hinzugefügt)

Mit anderen Worten: der Mensch soll wachsen im Handgemenge mit dem undurchdringlichen Gewebe der Widerstände, wachsen am Gestrüpp (dem vermeintlichen „Urwald“) der Charakterwiderstände. Was dich nicht umbringt, macht dich hart! Das ist Faschismus! Anti-Reich!

(Joseph Goebbels über Max Stirner)

23. März 2024

(Joseph Goebbels über Max Stirner)

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 106)

13. Februar 2024

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Das Zentrum von Hegels Philosophie ist die Frage, wie Bewegung überhaupt möglich ist. Jeder kennt das Paradoxon des Zenon: Ein Pfeil kann sich vom „philosophischen Standpunkt“ aus nicht bewegen, denn in jedem Moment, in dem wir den Pfeil mit unserem „philosophischen Auge“ betrachten, steht er still, wie die Einzelbilder eines Kinofilms. Nach Hegel ist die Bewegung nur möglich, weil zwei sich gegenseitig ausschließende Tatsachen (wie: der Pfeil ist entweder hier oder der Pfeil ist dort) koexistieren können (Bewegung des Pfeils). Diese Einheit von „hier“ und „dort“ ist (sic!) das synthetische Funktionieren des Verstandes, und so ist alles um uns herum eigentlich nichts als Geist oder vielmehr die Entfaltung des „reinen Geistes“ der Logik und ihrer Bewegungsgesetze jenseits von Zeit und Raum: (schrecklich verkürzt) These, Antithese, Synthese.

Dieser „Geist“ ist autonom, d.h. weder mein Geist („hier“) noch dein Geist („dort“), sondern universeller Geist. Der reine und dann entfaltete Geist wird zum „absoluten Geist“, wenn er sich in Kunst und Musik, Religion und Philosophie manifestiert, wo bzw. weil sich der Geist schließlich seiner selbst bewußt und damit „absolut“ wird. Der „absolute Geist“ ist die höhere Synthese aus dem „subjektiven Geist“ des Einzelnen und dem „objektiven Geist“ der Ethik: Familie, Gesellschaft, Staat. Der „objektive Geist“ wiederum manifestiert sich in der Geschichte der Welt, und die Geschichte der Welt ist nichts anderes als die Geschichte der Staaten, Reiche und Dynastien. Das Endziel dieser Entwicklung ist, wie gesagt, der „absolute Geist“. Deshalb muß das egoistische Individuum, das die Entwicklung des „objektiven Geistes“ behindert, um jeden Preis unterworfen werden, d.h. es muß vollständig der Ethik untergeordnet werden. Der Staat ist alles, denn der Staat ist die Manifestation Gottes, bzw. der Staat führt zu Gottes endgültiger Manifestation als absoluter Geist. So waren „Staaten mit philosophischem Ziel“ wie Nazi-Deutschland und die (in philosophischer Hinsicht durch und durch „germanische“) Sowjetunion die höchsten Manifestationen des Hegelschen Denkens.

Marx war die Fortsetzung von Hegel: die vollständige Unterwerfung des egoistischen Individuums unter die Idee der Humanität, d.h. die preußische Schule. Stirner war das Gegenteil von Hegel: „egoistische“ Selbstregulierung, d.h. sozusagen Neills Summerhill. Stirner war ein Todfeind der Ethik an sich. Er war gegen das „Über-Ich“ und für die Kinder der Zukunft, genau wie LaMettrie und Reich.

Man denke auch an die Liebesaffäre zwischen der Adlerschen und Freudschen Psychoanalyse auf der einen und dem „Trotzkistischen“ Bolschewismus auf der anderen Seite. Über die „Bucharinistische Pädologie“ reichte bis zum Stalinschen Terror eine gerade und vollkommen logische Linie: das Animalische im Menschen „vermenschlichen“ und das „Individualistische“ kollektivieren. Schaut man zurück auf Hegels Ausgangspunkt bei Zenon beruht im Dialektischen Materialismus die Bewegung der Materie selbst letztendlich auf dem Über-Ich (Gott!) – und der Marxismus erweist sich als allerfinsterste Reaktion: alles geht auf den „Geist“ zurück und zielt auf dessen Absolutierung – auf das triumphierende Über-Ich.

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 105)

10. Februar 2024

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Philosophen rechtfertigen ihre Existenz damit, daß sie den „einfachen Menschen“ das Denken beibringen. Diese Geistesgrößen ahnen nicht mal, daß ihre philosophischen Diskurse infantile Fragen behandeln, die sich einem „einfachen Menschen“ nicht stellen, weil ihm alle Antworten das Leben selbst ins Ohr flüstert. (Man lese dazu Reichs Die sexuelle Revolution!) Es bleiben die „Erwachsenenfragen“ (wie sie etwa Stirner gestellt hat: „Was kümmert mich das eigentlich?!“), aber die werden systematisch ausgeblendet.

Wer beim Durchblättern einer „Einleitung in die Philosophie“, wer angesichts dieser systematischen Volksverdummung keinen Wutanfall bekommt, ist entweder ein Idiot oder ein Schwein.

In Platons Phaidon preist Sokrates die Philosophie, die er so beschreibt, daß sie das exakte Gegenteil von LSR bzw. Laskas „Paraphilosophie“ ist (die deshalb „Antiphilosophie“ heißen müßte). Platons Sokrates bietet eine perfekte (und natürlich zustimmende) Beschreibung des Über-Ich, der Staat geht vor, Unterwerfung unter die „Vernunft“, schwarze Pädagogik, Frauenfeindlichkeit, radikale Verneinung des Körpers, der Emotionen und des eigenen Ich. Der perfekte Anti-Stirner. Was Gewicht hat, weil mit den Begriffen Logos, der den Menschen dazu bringt sich mit Eifer (Thymos), der tierischen Begierde (Epithymia) entgegenzustellen, weitgehend Freuds Triade vorweggenommen wird: das Über-Ich (die überweltlichen Wirkprinzipien, denen wir uns angleichen sollen), das Ich und das Es. Man denke auch an den „kategorischen Imperativ“ Kants, wo das Kriterium lautet „jederzeit und für alle gültig“. Mit anderen Worten: „Reiß dich zusammen! Wenn das alle machen würden!“ Wo Ich war, soll Über-Ich sein! Kant selbst hat sich stets auf Rousseau berufen, der den „Gemeinwillen“ vertrat. Rousseau wiederum, hat diesen „Gemeinwillen“ implizit als Abwehr gegen LaMettries Lehre von der Schädlichkeit des Schuldgefühls für den Einzelnen und die Gesellschaft ins Feld geführt und damit die Aufklärung, kaum daß sie begonnen hat, zurück in antiaufklärerische Bahnen gelenkt. Der Rest bis hin zu meinetwegen Habermas ist dann nur noch hochtrabender Klamauk!

Ich bin kein Philosoph und kann das alles mangels Bildung und Kenntnissen unmöglich ausführen. Das überlasse ich getrost anderen. Hier soll es nur darum gehen, daß der Freudsche Begriff „Über-Ich“, den Laska sozusagen als Verlegenheitslösung übernommen hat, um das Gemeinsame von LaMettrie, Stirner und Reich umschreiben zu können, – daß dieser Begriff im abendländischen Denken zutiefst verankert ist. Die Philosophie ist nichts anderes, als die vermeintliche Vernunft, den kategorischen Imperativ, den Gemeinwillen, d.h. das Über-Ich ideologisch zu verankern. Sie ist Religion mit den Mitteln des Intellekts! Um Freud zu paraphrasieren: sie schuf der Illusion eine Zukunft! Laska ist DER Antiphilosoph, der eigentliche Zertrümmerer der Illusion, der eigentliche Aufklärer! Mit Stirner verscheucht er die Gespenster, mit Reich fängt erst bei ihm die Kultur an.

Reich und die Philosophie

2. Dezember 2023

Reich hat sich definitiv nicht als Philosophen betrachtet. Er war in erster Linie Naturwissenschaftler, sozusagen kein „Denker“, sondern ein Beobachter. Reich war dabei aber kein blinder Praktiker, sondern hat ganz im Gegenteil die Wichtigkeit der Theoriebildung hervorgehoben:

Die Theoriebildung wird von vielen sogenannten „Praktikern“ als ein „philosophischer Luxus“ betrachtet. Theoriebildung ist aber kein Luxus, sondern ein wissenschaftliches Werkzeug ähnlich der Anordnung der vielen Instrumente bei einer Operation. Diese Instrumentenanordnung ist ebenso entscheidend für das Gelingen der Operation wie jedes einzelne Werkzeug für sich. Der beste Chirurg würde fehlgehen, wenn das Werkzeug für jeden neuen Handgriff erst im Raume herumgesucht werden müßte. Wie in der Werkzeuganordnung kommt man auch in der Theoriebildung von schlechteren zu besseren Anordnungen von Tatsachen. Solche Theorien können also nie ein fertiges System bilden, sie sind immer unvollständig und verbesserungsbedürftig. (Der Krebs, Fischer TB, S. 317)

Reich hat kein „System“ entworfen, das über die „Werkzeuganordnung“ hinausging. Er keine „Weltanschauung“ begründen wollen, auch wenn die Orgonomie auf eine solche immer wieder verkürzt wird, sondern es ging ihm um eine neue „Denktechnik“. Was soll das sein? Ist das nicht in dem Sinne Philosophie wie etwa Heideggerei oder die Analytische Philosophie „Denktechniken“ sind?

Man nehme die Frage, warum es immer nur zwei Funktionen mit einem gemeinsamen Funktionsprinzip gibt und nicht beispielsweise drei. So würde ein Philosoph fragen, doch Reich wendet ein, daß dies „eine unnötige Frage“ sei.

Ich habe es mir nicht ausgesucht, es hat mich ausgesucht. Ich weiß, was Ihr Problem ist. Sie kommen aus der Philosophie, wo man mit vorgefaßten Meinungen, mit Prinzipien an die Dinge herangeht. Das ist es, was die meisten Menschen tun. Aber man kann die Natur nicht so verändern, wie man sie haben will. Ich würde sagen, das ist es, was an der bisherigen Naturphilosophie falsch war. (…) Sie haben die Natur selbst nicht sprechen lassen. Ich habe mich sehr bemüht, mein Denken zu widerlegen. Ich habe versucht, herauszufinden, wo es nicht zwei Funktionen gibt, die in einem gemeinsamen Funktionsprinzip vereint sind. Aber ich konnte es nicht. Jetzt kommen Sie mir nicht mit Ideen, sondern nennen Sie mir einfach ein Beispiel, wo es mehr als zwei gibt. (Reich: „Functional Thinking“ (discussion between Reich and his students, August 8 and 12, 1950), Orgonomic Functionalism 1, Spring 1990, S. 100-112)

Es geht nicht um unsere Vorstellung von der Wirklichkeit, sondern um diese Wirklichkeit selbst, die sich unserer Begriffswelt entzieht, wie ein Fischschwarm einem Netz mit einer viel zu großen Maschenweite! Dies sieht man an den üblichen Begriffspaaren, die zwar den Eindruck von „funktionelle Paaren“ im obigen Sinne vorgaukeln können, aber doch nur Kopfgeburten sind. Über die grundsätzliche Schwierigkeit, die Reichsche Theorie in derartigen „philosophischen“ Begriffspaaren in Worte zu fassen, schreibt Bernd A. Laska:

Wer je versucht hat, genuin Reich’sche „Philosophie“ zu formulieren, wird gemerkt haben, wie sehr solch ein Versuch einer Gratwanderung gleicht, bei der die ihm sprachlich zur Verfügung stehenden Begriffspaare (z.B. tolerant/intolerant, dogmatisch/undogmatisch) die Abhänge darstellen, auf die man nicht geraten darf. Die Begriffspaare fordern ein „entweder/oder“, im Geiste Reichs ist jedoch nur ein „weder/noch“ möglich. Positiv aber läßt sich mit dem traditionellen Begriffsarsenal kaum formulieren. („Zur Bestimmung des Status der Reichschen Theorie: II. ‚Früher‘ contra ’später‘ Reich – Eine überflüssige Kontroverse“ Wilhelm Reich Blätter 2/80, S. 79)

Die obenerwähnte „Denktechnik“ ist Ausdruck einer „ungepanzerten“ Herangehensweise, während Philosophie nichts anderes ist als die Kodierung der „gepanzerten“ Existenz des Menschen. Die verschiedenen Philosophien sind Paradigmen, d.h. die Wahrnehmungs- und Denkweisen aufgrund unterschiedlicher Panzerungsmuster. Reich hat das durchbrochen, als er sich von Anfang an außerhalb stellte. Laska schreibt dazu:

Wer sich (…) ernsthaft mit [Reichs Theorien] auseinandersetzt, befindet sich (…) bald vor der Frage nach den Grenzen des gegenwärtigen Paradigmas (…). Er weiß dann aber auch, daß Reich auf Grund des ihm eigenen Vorgehens (…) stets fast automatisch auf „wunde Punkte“ stieß. Er selbst schrieb dies seinem Festhalten an der zentralen Bedeutung der Sexualität zu, die einerseits zwar fundamentale Eigenschaft aller Lebewesen ist, andererseits aber einzig gerade dem Menschen seit dem „Sündenfall“ enorme Schwierigkeiten bereitet hat. Insofern glaubte Reich, nicht nur die Grenzen der Paradigmata einzelner Wissenschaften, sondern den Gesamtrahmen eines seit Jahrtausenden bestehenden „Superparadigmas“ überschritten zu haben. (Laska: Wilhelm Reich rororobildmono, S. 7f; vgl. S.A. Clark/R.A. Frauchiger: „Pradigm-Maker or Paradigm-braker“ Journal of Orgonomy 20(1), May 1986, S. 93-105 & Journal of Orgonomy 20(2), November 1986, S. 262-274).

Reich faßt das im Zusammenhang mit seiner Krebsforschung zusammen:

Ich habe meine Krebsforschung an anderer Stelle so ausführlich beschrieben, daß ich mich hier auf das Wesentliche beschränken kann. Der Leser wird nun besser verstehen können, daß es nicht so schwierig war, „so viel auf einmal zu entdecken“, wie es war, das Entdeckte theoretisch zu ordnen. Ohne die strenge Ordnung der beobachteten Tatsachen nach einer Technik des Denkens hätte es überhaupt keine Entdeckung gegeben. Viele Forscher hatten zerfallendes Gewebe, Protozoen, Krebsgewebe und amöboide Krebszellen gesehen und untersucht und mit ihnen gearbeitet. Auch die Bione waren häufig gesehen und beschrieben worden. Die große Bedeutung der Denktechnik für die wissenschaftliche Forschung zeigt sich hier am deutlichsten in der funktionellen Verknüpfung der Beobachtungen, die in erster Linie für die Entdeckung der biologischen Energie verantwortlich war. Wissenschaftliche Bereiche wie „Krebsforschung“ und „Biogenese“, die vorher so unterschiedlich waren, verschmolzen nun nahtlos zu einer großen funktionellen Einheit. Es ist also inkohärent zu behaupten, daß ich verschiedene Arten von Entdeckungen in vielen verschiedenen Bereichen gemacht habe. Es ist auch nicht richtig zu behaupten, daß ich meine wissenschaftliche Kompetenz in einem bestimmten Bereich überschritten habe oder daß die biologische Energie von einem „Außenseiter“ der spezialisierten Wissenschaften entdeckt wurde. Alles, was ich tat, war, eine grundlegende Entdeckung zu machen, indem ich die unverantwortliche, wenn auch verständliche Zurückhaltung gegenüber dem zentralen Vorgang der Sexualität überwand. Ich entdeckte lediglich die Funktion des Orgasmus, aber ich tat dies gründlich und konsequent. Alles andere ergab sich dann von selbst. Meine wichtigste Leistung und Anstrengung war nicht so sehr meine Entdeckung (obwohl das natürlich auch dazu gehörte), sondern die Tatsache, daß ich tief verwurzelte Vorurteile, falsche Behauptungen, persönliche Hindernisse und die lebensbedrohlichen Anfälle der emotionellen Pest, die sich zum ersten Mal ernsthaft herausgefordert sah, überwunden hatte. (Reich: „Functionalism in the Realm of the Bions“ The Developmental History of Orgonomic Functionalism, In Orgonomic Functionalism 4, 1992, S. 10f)