Posts Tagged ‘sexuelle Energie’

David Holbrook, M.D.: SEX UND LIEBE IN EINEM FALL VON PARANOID-SCHIZOPHRENEM CHARAKTER (Teil 1)

20. November 2022

DAVID HOLBROOK, M.D.:

Sex und Liebe in einem Fall von paranoid-schizophrenem Charakter

Von der Sexualökonomie und Politischen Psychologie der 1920er/30er Jahre zur heutigen sozialen Orgonomie

20. Februar 2022

Wie vor fast 100 Jahren Wilhelm Reichs Kritik an der damaligen psychoanalytischen Kultur- und Todestriebtheorie zeigte, wird die menschliche Tätigkeit in allen ihren Formen von sexueller Energie gespeist. Zentral ist hier die Entdeckung der Rolle des Orgasmus und seines ungestörten Verlaufs für den Triebhaushalt. Dessen Störungen werden von der Sexualökonomie untersucht, der Lehre von den individuellen und gesellschaftlichen Gesetzen des menschlichen Lebensenergie-Metabolismus. Die pathologische Sexualstruktur des Menschen steht einer gesunden, selbstregulierten individuellen und gesellschaftlichen Sexualökonomie, d.h. der Genitalität und der Arbeitsdemokratie entgegen, was einen grundlegenden Umbau nicht nur der individuellen, sondern vor allem auch der gesellschaftlichen Ordnung notwendig macht. Reichs Massenpsychologie zeigt, daß sich das herrschende sexual- und generell lebensfeindliche Gesellschaftssystem reproduziert, indem durch die Erziehung in der Familie bestimmte psychische Strukturen geschaffen werden, so daß die dergestalt zur Selbstregulation unfähig gemachten Menschen im Laufe ihres Lebens das Sozialleben auf eine Weise gestalten, die nicht den objektiven Erfordernissen der Entfaltung des Lebens gemäß sind, sondern zu ihrer rigiden, bzw. heute chaotischen neurotischen Charakterstruktur passen. Dieser „subjektive Faktor“ erweist sich als widerstandsfähiger als die objektiven Notwendigkeiten des Lebens. In diesem Zusammenhang sprach Reich anfangs von „Politischer Psychologie“, womit er ausdrücken wollte, daß sich die individuelle und gesellschaftliche Sexualökonomie nicht nur im engeren Sinne in den Forderungen der Sexualpolitik niederschlägt, sondern die bioenergetischen Notwendigkeiten den Kern der gesamten fortschrittlichen Politik ausmachen. Später gab er angesichts der unüberwindlichen, wie gesagt „widerstandsfähigen“ Irrationalität der Massen diesen politischen Ansatz auf, um sich auf die eine Stellschraube zu konzentrieren, die eine ungestörte Sexualökonomie möglich macht: die Erziehung in der Familie. An die Stelle der Politischen Psychologie tritt nun die Bekämpfung der Emotionellen Pest, d.h. die Bekämpfung des vernunftwidrigen Ressentiments gegen das Lebendige, das das Projekt „Kinder der Zukunft“ unmöglich zu machen droht. Die heutige soziale Orgonomie wird von Reichs Nachfolger Charles Konia in dessen Blog vertreten.

Reichs Gründe der Abkehr von der Tagespolitik (Teil 2)

3. Juli 2021

von Robert Hase

Reich klärt daraufhin die Frage, wieso er die Sozialisten hinter sich ließ.

Zuerst weist er auf eine wesentliche Veränderung in der sozialen Orientierung hin, die damals noch immer für eine gewisse Verwirrung sorgte. Viele seiner Mitarbeiter waren entweder aus sozialistischen Kreisen gekommen oder hatten persönliche oder ideologische Verbindungen zu ihnen. Er selbst hatte jahrelang als Arzt in sozialistischen Organisationen gearbeitet und seine massenpsychologischen Veröffentlichungen waren nicht nur grundsätzlich sexualökonomisch, sondern auch stark sozialistisch gefärbt gewesen.

Dann entstand ein scharfer Konflikt in seiner Gruppe, was die gesellschaftspolitische Position betrifft. Auf der einen Seite sei klar, dass die Marxsche Soziologie und Ökonomie theoretische und praktische Verbindungen zur Sexualsoziologie aufweist. Die Sexualökonomen aber sind in erster Linie Naturwissenschaftler, Ärzte und Lehrer, während die Marxisten in erster Linie Politiker waren.

Sie selbst kommen aus der Psychoanalyse oder anderen Zweigen der Naturwissenschaft; die Vertreter der Politik aber kämen aus Parteikreisen. „Daraus folgte die Rückwärtsbewegung der Politik und die Vorwärtsbewegung unserer Naturwissenschaft, wodurch sich die Kluft zwischen Wissenschaft und Politik rasch vergrößerte“.

Reich blickt dazu auf die Situation in der Sowjetunion. Dort gäbe es eine schrittweise Regression vom revolutionären zum autoritären nationalistischen Prinzip, in der Ökonomie und der sozialen Sexualökonomie; eine Regression, die damals, in den 1930er und 40er Jahren, das Stadium der Propaganda für kinderreiche Familien erreicht hatte, bis hin zur Wiedereinführung der reaktionären Sexualgesetzgebung, der mit Orden behängten Generäle, der Kirchenhierarchie, der Abschaffung des gemeinsamen Schulunterrichts von Jungen und Mädchen usw. Seine Gruppe dagegen war über die Grenzen der Psychologie hinausgegangen, hatten ihrer bisher nur psychologischen und soziologischen Charaktertheorie ein biophysikalisches Fundament gegeben und folgende Tatsachen festgestellt: „Die sexuelle Energie ist die Lebensenergie schlechthin, und, die menschliche Charakterstruktur verankert den sozialen Prozess mittels der sexuellen Energien.“

In ihrer gegen den Fortschritt gewandten Entwicklung entwickelten die Politiker ein zunehmend schlechtes Gewissen und brachten entsprechend schärfere Maßnahmen gegen die Gruppe in Stellung, die weiterhin an der Idee des Internationalismus festhielt „und auf der BIOLOGISCHEN Grundlage der Produktivkraft, der Arbeitskraft“, arbeitete. (Womit Reich, seiner Meinung nach, Marx genauso treu blieb, wie er zur gleichen Zeit Freud treu blieb, weil er dessen Libidotheorie nicht nur hochhielt, sondern ihr ein festes biophysikalisches Fundament gab. [PN]*) Das schlechte Gewissen der politischen Linken erklärte die Tatsache, dass die meisten Angriffe und Verleumdungen von irgendeinem Gewicht aus dem Lager der sozialistischen Politiker gekommen waren. In Deutschland kamen sie von den Kommunisten schon 1932, als die Konzepte der sozialen Sexualökonomie in der Masse der Menschen verbreitet wurden, später in Skandinavien kamen sie von Mitgliedern sozialistischer Organisationen.

Der Bruch mit den alten politischen Organisationen wurde vollständig, während die Verbindung mit der Marxschen Soziologie fester wurde. Die Gruppe verstand, warum die politischen Organisationen Opfer des Faschismus wurden; es war wegen ihres mangelnden Verständnisses der Rassenmystik, der sozialen Sexualökonomie und der Biopsychiatrie (wobei das „Bio-“ auf die biophysikalische Panzerung verweist). Sie wussten auch, wo die Ökonomie einer Ergänzung durch die Tiefenpsychologie bedurfte, wo die Gruppe Konzepte korrigieren und Lücken im Verständnis des biosozialen Prozesses füllen konnte. Allmählich gelangten sie zu der Einsicht, dass die gesellschaftliche Entwicklung vom Viel-Parteien-System über das Ein-Parteien-System (Diktatur) zum Kein-Parteien-System und schließlich zur natürlichen Arbeitsdemokratie verläuft. (Damit umschrieb Reich seine Entwicklung von der parlamentarischen, d.h. „kompromißlerischen“ Sozialdemokratie, über die Kommunisten mit ihrem revolutionären Alleinvertretungsanspruch hin zur, wenn man will, „Alleinherrschaft“ der Arbeit, die keine auf bloßen Meinungen beruhenden „Abstimmungen“ kennt, gleichzeitig aber auch jedwede Diktatur ausschließt! [PN]) Entsprechend zeichne sich neuer gesellschaftlicher Konflikt am Horizont ab: der zwischen der Welt der Arbeit und der Welt der Politik.

Immer deutlicher sahen Reich und seine Mitarbeiter, dass „der pathologische Charakter der Politik seine Grundlage im biopathischen Charakter hat, in der starren Panzerung und Lebensangst des mechanisierten, gepanzerten Menschentieres,“ das ohne politische Führer nicht leben kann. Je tiefer ihre Forschungen in die Biophysik vordrangen, desto deutlicher wurden diese Tatsachen, aber desto größer auch ihre (Reich und seine Mitarbeiter, siehe oben) Ohnmacht. Denn nun wussten sie besser als zuvor, wie tief in den biologischen Grundlagen des Menschen dessen soziales Elend verankert ist und wie gigantisch die biosoziale Katastrophe des Menschentieres ist.

Fußnoten

* [PN] steht für Peter Nasselstein und bezeichnet seine Anmerkungen.

Das Aufkommen des Psychopathen (Teil 4)

21. April 2021

von Dr. med. Dr. phil. Barbara G. Koopman

Grundlegend für dieses Konzept ist die Akzeptanz eines Sexuallebens für Kinder auf altersgerechtem Niveau. Reich glaubte, dass Kindern zu erlauben, ihre sexuelle Energie mit Gleichaltrigen zu entladen, den ödipalen Wunsch von seiner libidinösen Aufladung befreien würde. Mit der Dekathexisa des Wunsches gäbe es keine Notwendigkeit, ihn zu unterdrücken. Selbstredend hat Reich niemals sexuelle Aktivitäten zwischen Kindern und Erwachsenen, inzestuöses Ausleben, elterliche Masturbation von Kindern oder die lüsterne Förderung sexueller Aktivitäten von Kindern durch Erwachsene befürwortet. Vielmehr beinhaltete sein Konzept die Nichteinmischung sowie den Schutz von gleichaltrigen sexuellen Äußerungen als Teil der natürlichen Lebensfunktionen von Kindern. So sollte es Kindern erlaubt sein, in ihrer Privatsphäre zu masturbieren, sich zu umarmen oder sich gegenseitig sexuell zu erkunden. Sie sollten keinen Geschlechtsverkehr oder Nacktheit bei Erwachsenen erleben, da ihnen die energetische Fähigkeit fehlt, diese zu tolerieren. Aber wenn sie zufällig darauf stoßen, sollte kein Aufheben gemacht werden. Wichtig war hier vor allem eine unterstützende, nicht pornografische Haltung der Eltern. Sexuelle Angelegenheiten sollten mit Feingefühl (nicht Prüderie), ernsthaft (nicht scherzhaft) und vor allem mit Verantwortungsbewusstsein behandelt werden.

Vor diesem Hintergrund wird Reichs Konzept der Selbstregulation, die an die Stelle der sexuellen Unterdrückung tritt, verständlicher.

Säuglinge werden auf Wunsch gestillt. Routinemäßige Beschneidung ist tabu. Kinder sollen essen dürfen, was sie wollen und sich selbst auf die Toilette setzen, wenn sie dazu bereit sind. Das Grundbedürfnis nach liebevollem Umgang soll gestillt werden, nicht aber die unüberlegte Befriedigung jeder Laune. Kindern soll beigebracht werden, die Rechte anderer zu respektieren, Maßnahmen für ihre eigene Sicherheit zu ergreifen und Freiheit mit Verantwortung zu verbinden.

All das steht in scharfem Kontrast zu dem harten Regime, das der Jugend durch sexuelle Unterdrückung auferlegt wird, angefangen von planmäßigen Fütterungen, strikten Toilettengängen und Masturbationsverboten bis hin zum absoluten Tabu für sexuelle Aktivitäten in der Kindheit und Jugend. Das Endprodukt kann nur ein schuldbeladener, unsicherer, triebgehemmter Neurotiker sein.

Anmerkungen des Übersetzers

a In der Psychoanalyse ist Dekathexis der Rückzug der Besetzung von einer Idee oder einem Triebobjekt.

[Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 7 (1973), Nr. 1, S. 40-58.
Übersetzt von Robert Hase]

David Holbrook, M.D.: LIEBE UND ORGASMUSANGST BEI EINEM PARANOID-SCHIZOPHRENEN CHARAKTER (Teil 1)

8. Dezember 2020

 

DAVID HOLBROOK, M.D.:

 

Liebe und Orgasmusangst bei einem paranoid-schizophrenen Charakter