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Frank-Reich (Teil 2)

10. September 2026

Praktisch alle französischen Reichianer waren entweder Trotzkisten oder Anarchisten (Gian Laurens, Gérard Guasch, Jacques Lesage de la Haye). Was speziell die Trotzkisten betrifft:

Der Einfluß des Trotzkismus war (…) immer größer als der seiner Organisationen. Sein Beitrag zu den Debatten über den Antikolonialismus sowie zur Analyse der UdSSR und des bürokratischen Phänomens ist unbestreitbar. Wir finden zahlreiche Trotzkisten oder ehemalige Trotzkisten in verschiedenen Bereichen wie Geschichte (Pierre Broué, Jean-Jacques Marie, Jacques Kergoat), Philosophie (Boris Fraenkel, Jean-Marie Vincent, Henri Malher, Daniel Bensaïd), Wirtschaft (Ernest Mandel, Isaac Johsua, Pierre Salama, François Chesnais), Soziologie (Pierre Naville, Claude Lefort, Pierre Fougeyrollas, Jean-Marie Brohm), Politikwissenschaft (Denis Berger, Philippe Corcuff, Enzo Traverso), Mathematik (Laurent Schwartz) und auch in den Medien. Ganz zu schweigen von der Politik, vor allem in der grünen und in der sozialistischen Partei.

Aus „La France, Trotski, les trotskismes“ von Jean-Guillaume Lanuque und Claude Pennetier, Le Monde, June 13, 2001. Michel Dreyfus, Lanuque und Pennetier sind die Co-Autoren von Maitron, dictionnaire biographique du mouvement ouvrier („Biographisches Wörterbuch der Arbeiterbewegung“).

Diesem Beitrag folgt ein kurzer Kommentar mit dem Titel „Qu’est-ce que l’entrisme?“ („Was ist der Eintritt?“) über die trotzkistische Taktik, eine Krise in einer linken Partei herbeizuführen und schließlich eine Abspaltung ihrer radikaleren Elemente zu bewirken. Beispielsweise in der französischen KP in den 1950er Jahren, in der britischen Labour Party und in jüngerer Zeit in der französischen Sozialistischen Partei und den Gewerkschaften. (Übrigens hat Reich mit seinen „Revolutionären Sozialdemokraten“ Ende der 1920er Jahre das gleiche in der SDAP probiert!)

Im Frankreich der 1990er Jahre waren die Trotzkistischen Parteien: Lutte ouvrière (Arbeiterkampf, eine Organisation, die aus den Maiunruhen von 1968 hervorging), die Ligue communiste révolutionnaire (Revolutionär-kommunistische Liga 1974 bis 2009) und die Parti des travailleurs (Arbeiterpartei, gegründet von Lambert, auf den ich gleich zurückkommen werde, 1991 bis 2008). Die beiden erstgenannten Parteien stellten bei den Präsidentschaftswahlen 1995 eine gemeinsame Kandidatin auf, Arlette Laguiller, die über 5 % der Stimmen erhielt.

Der oben angeführte Boris Fraenkel (1921-2006), ein Jude aus Danzig, behauptete, er sei derjenige, der 1968 „Herbert Marcuse und Wilhelm Reich in Frankreich eingeführt“ habe. Fraenkel hatte Reichs „Unterschiede zwischen liberalistischer Sexualreform und revolutionärer Sexualpolitik“ (Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie, 1935) bereits in den 1930er Jahren übersetzt (La Rentrée, Oktober 1938). Daher galt er als Autorität in Sachen Reich und wurde von den Studenten in Nanterre (Stichwort Daniel Cohn-Bendit) eingeladen, 1968 einen Vortrag zu halten.

Vielleicht erinnern sich einige an den Skandal um den vor kurzem verstorbenen Sozialisten Lionel Jospin im Jahr 2001: „Moi, Boris Fraenkel, professeur de trotskisme de Lionel Jospin“ von Claude Askolovitch, Le Nouvel Observateur, 7. Juni 2001. Er war von 1997 bis 2002 Premierminister.

Fraenkel war zunächst in einer zionistisch-kommunistischen Bewegung (Hachomer Atzair) aktiv. Als Staatenloser wurde er im Juni 1968 von den französischen Behörden ausgewiesen, doch seine französische Freundin und eine christliche Vereinigung sorgten dafür, daß er zurückkehren konnte. Er war einer der Gründer der OCI (Organisation communiste internationaliste), zusammen mit Pierre Boussel, alias „Lambert“. Der bereits erwähnte Lambert, ein alter Trotzkist, war einst ein Präsidentschaftskandidat, wenn auch ein sehr erfolgloser, aber er wurde immerhin von Chirac nach dessen Wahl 1995 empfangen. Ich weiß dies aus einem sehr interessanten Interview von Stéphane Courtois, Autor von Das Schwarzbuch des Kommunismus, das in Le Figaro erschienen ist, in dem Courtois die versteckten Taktiken der Trotzkisten und insbesondere von Jospin erörtert und darauf hinweist, daß wir immer noch nicht wissen, welche Beziehungen Premierminister Jospin derzeit (bzw. natürlich zur damaligen Zeit) zu den Trotzkisten hat. Die OCI, die Organisation, die Jospins Werdegang prägte, war offenbar die geheimste und rigideste trotzkistische Gruppe in Frankreich. Immerhin erinnert uns Jean-François Revel in La connaissance inutile („Die Flucht vor der Wahrheit“) daran, daß die offizielle Bibliographie der Sozialistischen Partei, die in den 1970er Jahren unter Jospin, dem damaligen Parteisekretär, veröffentlicht wurde, Titel von Marx und Lenin enthielt.

Aber zurück zu Fraenkel: Er wurde 1966 aus dem OCI ausgeschlossen und sagt, er habe keine weiteren Treffen mit Jospin gehabt. Interessanterweise ist 1966 das Datum, an dem Fraenkels Essay „Für Reich“ in Partisans veröffentlicht wurde. Soweit ich weiß, zirkulierte sein Essay über Reich um diese Zeit auch in deutscher Übersetzung als Mimeographie und war möglicherweise der erste Text, den viele in Deutschland über Reich lasen!

„Fraenkel war der große Priester des ‚Freudo-Marxismus‘, im Namen, wie er sagt, ‚der wissenschaftlichen und revolutionären Wahrheit‘“ (Askolovitch). Im Jahr 1963 übersetzte er Marcuses Eros und Zivilisation (mit Jean-Guy Nény, eine vom Autor überarbeitete Übersetzung). Er war auch für sein Interesse an Reich bekannt, da er der Lehrer von Jean-Marie Brohm war, der 1968 zur Veröffentlichung von Die sexuelle Revolution beitrug (es gibt eine Dankesnotiz für ihn und für Daniel Guérin). In Jean-François Revels Without Marx or Jesus (1970) findet sich sogar ein (Maurice Thorez kritisierendes) Zitat aus einem von Brohms Veröffentlichungen in Partisans: „Der Kampf gegen die sexuelle Repression“. Im Jahr 2000 hat Brohm den Artikel „Sur la psychologie de masse du fascisme“ in der linken antifaschistischen Zeitschrift Mauvais Temps (Schlechte Zeiten) veröffentlicht.

Arbeitsdemokratie, Emotionelle Pest und Sozialismus (Teil 12)

27. November 2020

Vermeintlich „rechten“ Orgonomen und Studenten der Orgonomie wird oft vorgehalten, sie würden Reich verraten, wenn sie wahllos Menschen als „rote Faschisten“ titulieren, nur weil diese Marxisten seien. Dazu ist zweierlei zu sagen.

Zunächst einmal hat Reich den Begriff „rote Faschisten“ nicht nur auf Stalinisten beschränkt, obwohl diese der unmittelbare Anlaß zu dieser Begriffsbildung waren. Schließlich war auch beispielsweise die englische Labour Party für Reich „rot-faschistisch“ (vgl. Zeugnisse einer Freundschaft).

Und zweitens: die heutigen Marxisten sind faktisch durchweg „Stalinisten“, die Marx und jedweden progressiven Ansatz verraten haben! Fällt denn niemandem auf, daß der gewöhnliche Marxist heutzutage in seinen alltäglichen Meinungen hundertprozentig auf Linie der Großkapitalisten bzw. von deren Sprachorganen ist: Bertelsmann-Stiftung, CNN, Hollywood, Sony etc. Wer finanziert denn beispielsweise „Black Lives Matter“?! Die herrschende Meinung ist die Meinung der Herrschenden! Beispielsweise hat Wall Street die Wahlkämpfe von Killary und Uncle Joe finanziert.

Auch geschichtlich: all die Sympathisanten der „Nationalen Befreiungsbewegungen“ (sic!), von „Che“, der RAF, all die Mao-Jünger und nicht zuletzt der SDS und all die Bloch-Jünger, später die K-Gruppen – all das Gesocks, das in die Grünen eingegangen ist: durchweg explizit Stalinisten. Die „Autonomen“ und vermeintlichen „Anarchos“ – identisch mit den chinesischen Roten Garden: man kann gar nicht Stalinistischer sein!

Ich bin alt genug, um mich noch lebhaft an die unfaßbare Hetze der Illustrierten Stern gegen Solschenizyn zu erinnern. Oder daran, daß das angedachte Bündnis der SPD mit der blutroten Die Linke ungebrochen zurückgeht auf die Zusammenarbeit der SPD mit der SED: „Gemeinsame Wertekommission“ (sic!).

Und schließlich auch ganz aktuell und praktisch: Gesinnungsjustiz, politische Korrektheit, Meinungsverbote, ständig wird ganz offen vom GULAG geträumt… Äh, HALLO!!

Wie ticken „Reichianer“ soziopolitisch?

5. Oktober 2018

Wenn man die Linksreichianer verstehen will, sollte man folgendes (orgonometrisch schlichtweg falsches!) Diagramm betrachten, daß ihre Haltung (nicht etwa ihre Charakterstruktur!) perfekt beschreibt. Ihren irrationalen Linksliberalismus, den Reich insbesondere in Christusmord so hart gegeißelt hat, betrachten sie in ihrer kontaktlosen Verwirrtheit als Ausdruck höchster Rationalität. Mit denjenigen, die Reich, ob als Kommunist oder als Eisenhower-Anhänger, zeitlebens gehaßt und verachtet hat, die teddybär-werfenden Liberalen, identifiziert sich der „Reichianer“.

Die Ableitung und Diskussion dieses und ähnlicher Diagramme in David Boadellas Aufsatz „Social structure and character structure“ (Energy and Character, Vol. 2, No. 2, May 1971, S. 34-45) zeigt, daß Boadella nicht funktionell und bioenergetisch, sondern formalistisch und politisch denkt. Entsprechend geht es zunächst gar nicht auf die entsprechende funktionelle und bioenergetische Ableitung politischen Verhaltens des Liberalen (= verlogene oberflächliche Charakterschicht) und des Faschisten (= sadistische mittlere Charakterschicht), wie sie Reich 1942 im Vorwort zur Massenpsychologie des Faschismus präsentiert hat, ein, sondern handelt sie am Ende des Aufsatzes als eine Art Anhang kurz ab. Abschließende Sätze in Boadellas Text, in denen das Wort „liberal“ gar nicht vorkommt, – denn wenn es erwähnt worden wäre, wäre dieser ganze aufgeblasene, aber nichtsdestotrotz hohle Artikel zerplatzt.

Das obige Diagramm ist direkter Ausdruck der Charakterstruktur Boadellas und weniger einer wissenschaftlichen Aussage. Als primäre Impulse sehen wir „libertäre und arbeitsdemokratische Tendenzen“. Sie seien in der gepanzerten Gesellschaft genauso Angriffen ausgesetzt wie liberale Tendenzen auch, nur intensiver. Mit anderen Worten will Boadella tatsächlich nur eins: seine eigenen rebellischen („anarchistischen“) neurotischen Strebungen als ultimative Gesundheit darstellen im Gegensatz zu den bürokratischen Sozialisten der Labour Party und den Kommunisten auf der einen und den genauso kranken konservativen Tories und imaginären „Nazis“ auf der anderen Seite. Beide Seiten würden gleicherweise die Liberalen angreifen, die das an Rationalität vertreten, was in einer gepanzerten Gesellschaft möglich ist. Der schwarze Balken im Diagramm symbolisiere, wie die „natürlichen kooperativen Tendenzen“ der Menschen blockiert werden und entsprechend aus Arbeitsdemokraten bloße Liberale werden – die dergestalt der Gesundheit noch am nächsten stehen würden. Hier haben wird die Rechtfertigung für Boadellas windelweichen Liberalismus, wie er in Energy and Character zum Ausdruck kommt.