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Die Funktion des Orgasmus (Teil 1)

16. Juli 2014

Das folgende ist eine Vertiefung von Fickende Gehirne.

Alte Sexualmoral und moderne „Esoterik“ töten, da sie die organismische Pulsation unterbinden und dadurch verhindern, daß die Gewebe, insbesondere im Beckenbereich, ständig von frischen Sekreten um- und durchspült werden. Enthaltsamkeit ist hochgradig unhygienisch. Das gilt insbesondere für Frauen, aber auch Männer sind betroffen, wie 2003 eine australische Studie über Prostatakrebs zeigte.

Ein Team unter Prof. Graham Giles vom Cancer Council Victoria verglich die Sexualpraktiken von 1079 Prostatakrebs-Patienten mit denen von 1259 gesunden Männern. Wer vom 2. bis 4. Lebensjahrzehnt öfter als fünf mal pro Woche ejakuliert, senkt diesen Ergebnissen zufolge sein Risiko für Prostatakrebs um ein Drittel. Giles geht davon aus, daß häufiges Ejakulieren den Rückstau der mit chemisch hochaktiven Substanzen überladenen und deshalb möglicherweise karzinogenen Samenflüssigkeit verhindert. Der gesundheitsfördernde Effekt häufigen Ejakulierens sei mit der Senkung des Brustkrebsrisikos durch Stillen vergleichbar.

Ein Jahr später wurde dieses Ergebnis durch eine amerikanische Studie mit mehr als 30 000 Probanden in vollem Umfang bestätigt.

Der gleiche Chemiecocktail, der Männern schadet, ist für das Wohlbefinden von Frauen unerläßlich, da das Sperma antidepressiv wirkende Hormone und Wachstumsfaktoren enthält, die von der Schleimhaut der Vagina resorbiert werden.

2002 veröffentlichte ein Team um den Psychologen Gordon Gallup (State University of New York) eine Studie an 293 College-Studentinnen, die einen Zusammenhang zwischen der Verwendung von Kondomen und der Häufigkeit von depressiven Stimmungen (und sogar Selbstmordversuchen) bei jungen Frauen nachwies. Junge Frauen, die ohne Kondom Geschlechtsverkehr hatten, litten signifikant seltener an Depressionen. Auch seltener Geschlechtsverkehr hatte negativen Einfluß auf die Stimmungslage. Die Depressionen nahmen mit längerer Enthaltsamkeit deutlich zu.

David Greening, der an der privaten Fruchtbarkeitsklinik Sydney IVF in Australien forscht, machte 2009 seine Studie zur Spermaqualität publik. Er hatte 118 Probanden mit schlechter Spermaqualität zu täglichem Geschlechtsverkehr aufgefordert. Bei 81 Prozent der Studienteilnehmer ging die Zahl der beschädigten Spermien nach sieben Tagen um 12 Prozent zurück.

Entsprechend fordert Greening Paare mit unerfülltem Kinderwunsch zu besonders häufigem Geschlechtsverkehr auf. Bezeichnenderweise rieten Fortpflanzungsmediziner bisher eher zu längerer Abstinenz, damit sich ausreichend Sperma sammelt.

Regelmäßiger Geschlechtsverkehr hat ganz allgemein eine positive Auswirkung auf das kardiovaskuläre System und die Immunabwehr. Eine sich über 10 Jahre hinziehende Langzeitstudie mit 2500 Männern zwischen 45 und 59, die von Wissenschaftlern der britischen University of Bristol und der nordirischen Queen’s University of Belfast durchgeführt wurde, zeigt, daß ein aktives Sexualleben die Gesundheit des Mannes fördert und ihn vor Schnupfen, Krebs, Schlaganfällen und vielen anderen Leiden schützt. Bei 3 bis 4 Geschlechtsakten pro Woche sinke beispielsweise das Risiko eines Herzinfarkts um die Hälfte. Zudem sei Geschlechtsverkehr ein wirksames Schmerzmittel. Beim Sex ausgeschüttete Hormone würden bei Gelenk- und Kopfschmerzen helfen. Zusätzlich stärken sie das Immunsystem, schützen vor Arterienverkalkung und Osteoporose.

Forscher von der Wilkes University in Wilkes-Barre, Pennsylvania konnten zeigen, daß Leute, die ein- oder zweimal pro Woche Geschlechtsverkehr haben, ihr Immunsystem stärken. Das ermittelten sie über die Konzentration bestimmter Antikörper im Speichel. Deutlich mehr oder aber weniger Geschlechtsverkehr reduzierte die Menge an Antikörpern.

Im Anschluß daran haben Forscher der Technischen Hochschule Zürich in einer Studie herausgefunden, daß sich regelmäßiger Geschlechtsverkehr positiv auf das Immunsystem auswirkt. Ideal sei zwei- bis dreimal pro Woche. Sowohl eine höhere als auch eine niedrigere Frequenz macht den positiven Effekt zunichte.

Weder eine ungezügelte Sexsucht noch die mancherorts propagierte Enthaltsamkeit haben sich als vorteilhaft erwiesen.

Bei den Probanden erhöhte sich unmittelbar nach dem Orgasmus die Konzentration von „Killerzellen“ im Blut auf das Doppelte.

Die Auswirkung auf das Immunsystem konnte bisher aber nur bei Männern nachgewiesen werden.

1976 hat eine Studie an israelischen Frauen zwischen 40 und 60 den Zusammenhang zwischen Frigidität und Herzerkrankungen beleuchtet. Dazu wurden 100 Frauen, die wegen einem Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert worden waren, über ihr Sexualleben befragt und das mit einer Kontrollgruppe von 100 Frauen verglichen, die aus anderen Gründen im Krankenhaus lagen. Frigidität und sexuelle Frustration (vor allem wegen Ejaculatio praecox oder Impotenz des Ehemannes) fanden sich bei 65% der Herzpatienten, aber nur bei 24% der Kontrollgruppe. Außerdem hatten die Wechseljahre bei den Herzpatienten früher eingesetzt.

Ein reges Geschlechtsleben sorgt für ein längeres Leben. So meint der amerikanische Forscher Michael Roizen, daß ein Mann, der 350 Orgasmen pro Jahr hat, etwa vier Jahre länger lebt und sich dabei acht Jahre jünger fühlt, als der durchschnittliche Geschlechtsgenosse, der nur 81 Orgasmen hat. 700 (sic!) Orgasmen würden die Lebenszeit sogar um acht Jahre verlängern.

Der Neuropsychologe David Weeks vom Royal Edinburgh Hospital in Schottland kam nach der Untersuchung von 3500 Personen zu dem Ergebnis, daß regelmäßiger Geschlechtsverkehr, d.h. mindestens dreimal pro Woche, die Menschen um durchschnittlich 10 Jahre jünger aussehen läßt. Er führt das auf die Aktivierung des Wachstumshorms Somatotropin zurück, das das Bindegewebe verjüngt. Der Effekt ist desto größer, je mehr die Menschen im Geschlechtsleben auch emotional befriedigt sind.

Und immer so weiter, Studie auf Studie… Beispielsweise könnte man ausführen, daß nach dem Orgasmus bei den Partnern das Glückshormon Oxytocin ausgeschüttet wird und zu einer wohligen Entspannung und erholsamem Schlaf führt. Die ausgeschütteten Endorphine wirken wie ein Schmerzmittel, sorgen Depressionen und Angststörungen vor und verhindern Fettsucht, weil sie Freßattacken verhindern.

Tatsächlich kann man an der Adipositas den zentralen Punkt festmachen: die überschüssige Orgonenergie, die nicht über den Orgasmus abgeführt wird („Befriedigung“), wird in jedem Fall anders reguliert – mit verheerenden Folgen. Kirsi Pietiläinen von der Universität Helsinki und ihre Kollegen haben festgestellt, daß Übergewicht zu einer Beeinträchtigung der Zellkraftwerke, den Mitochondrien führt: der Körper verliert an Energie.

Dadurch werden Nahrungsfette und andere Nährstoffe sehr viel weniger effizient verbrannt (…). Gleichzeitig entstehen größere Mengen an ungesunden Nebenprodukten – ähnlich wie bei einem schlecht laufenden Automotor, der zu viele Abgase produziert. Die Folgen sind die typischen gesundheitlichen Probleme bei Übergewicht, wie etwa eine Fettleber, hohe Entzündungswerte und Störungen im Zuckerstoffwechsel.

geschlechtsreife

Fickende Gehirne

28. Mai 2014

Reich beschreibt, wie ihn 1919, beim ersten Kontakt mit der Psychoanalyse, deren Umgang mit der Sexualität abstieß.

Die Art, wie das Thema (…) behandelt wurde, klang mir sonderbar, naturfremd. Ich spürte eine Ablehnung in mir. (…) Ich hatte das Geschlechtliche anders erlebt, als ich es damals vorgetragen bekam. Das Sexuelle hatte in diesen ersten Vorträgen etwas Bizarres, Fremdartiges an sich. Eine natürliche Sexualität schien es nicht zu geben. Das Unbewußte war erfüllt von perversen Trieben allein. Die psychoanalytische Lehre leugnete zum Beispiel die Existenz einer primären vaginalen Erotik des kleinen Mädchens und ließ die weibliche Sexualität aus komplizierten Zusammensetzungen anderer Triebe hervorgehen. (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 26f)

Fast ein Jahrhundert später sind die Fronten noch immer dieselben. Nichts hat sich verändert. Man lese nur den Band Der „Fall“ Wilhelm Reich, mit dem Suhrkamp Reich zu dessen hundertstem Geburtstag „ehrte“. Unter anderen Tat sich Ulrike Körbitz vom „Grazer Arbeitskreis für Psychoanalyse“ hervor. Hier die Einladung zu ihrem Vortrag „Ohne Mord kein Vergnügen – Psychoanalytische Gedanken zum Orgasmus bei der Frau“:

Wie können wir uns aus Perspektive moderner psychoanalytischer und sexualwissenschaftlicher Konzepte dem Geschehen rund um den Orgasmus bei der Frau annähern? Für dieses „Abenteuer im Kopf“ wird die phasenweise heftig geführte Debatte über die hierfür „richtigeren“ körpergeographischen Orte – Klitoris oder Vagina – eine höchstens historische Rolle spielen; ebenso die der Orgasmusfähigkeit häufig zugeordneten Paradigmen einer gesunden, reifen, heterosexuell ausgerichteten Genitalität. Mein Vortrag führt statt dessen zu der Frage: Wer mordet hier wen oder was? Klärungen auf Basis von Indizien einer „erotischen Kette“ (A. Green) werden versucht und hoffentlich in der Diskussion gemeinsam vorangetrieben.

Siehe dazu das Martyrium von Marilyn Monroe, die von ihrem Psychoanalytiker Ralph Greenson, einem Schüler von Otto Fenichel, systematisch zerstört wurde. 2003 hat der Autor Mathew Smith erstmals die Tonbänder veröffentlicht, die Marilyn Monroe kurz vor ihrem Tod für Greenson besprach: „Ich hatte nie einen Orgasmus. Ich erinnere mich, wie Sie zu mir sagten: Ein Orgasmus passiert im Kopf, nicht im Becken.“ Das „Sexsymbol“ schlechthin und der verkopfte Psychiater….

In der März 2009-Ausgabe von Info Neurologie & Psychiatrie erschien ein kurzes Interview über „Erotik im Kernspin“. Was sagt die funktionelle Magnetresonanztomographie über „das Hirn beim Sex“? Interessant an dem Interview mit Prof. Dr. med. Michael Forsting vom Universitätsklinikum Essen ist zweierlei. Erstens druckt die Redaktion in der Printausgabe am Rande als Blickfänger ein Zitat, das gar nicht im Interview auftaucht: „Lust und Erregung finden nicht im Becken, sondern zwischen den Ohren statt.“ Zweitens kann Prof. Forsting die entscheidende Frage, was sich nämlich während des Orgasmus im Hirn abspielt, nur mit Verweis auf eine niederländische Studie beantworten. Mit Hilfe der Positronen-Emissions-Tomographie wurde festgestellt, „daß das zentrale Merkmal des Orgasmus die Verminderung der kortikalen Aktivität – präfrontaler Kortex/linker Temporallappen – ist. Diese ist verantwortlich für die Enthemmung – den sogenannten Kontrollverlust und die Auflösung bzw. Aufweichung der Körpergrenzen.“

Mit anderen Worten: während des Orgasmus werden die „oberen“ Funktionen des Hirns abgeschaltet! Von wegen: „Lust findet im Kopf statt“!

Und auch in anderer Hinsicht findet Reichs Orgasmustheorie Bestätigung. Prof. Forsting verweist auf die Daten anderer Arbeitsgruppen, die gezeigt hätten, „daß die zerebrale Aktivierung bei Frauen während eines vaginal induzierten Orgasmus intensiver ist als bei klitoral induziertem Orgasmus“.

Wenden wir uns dem Übersichtsartikel „Kommandozentrale Gehirn: Wo die Liebe wohnt“ in der Frankfurter Rundschau über die (2009) letzten Forschungsergebnisse in Sachen Liebe und Sexualität zu:

Bisher hätten Hirnforscher zum Thema Liebe wenig sagen können, da es nicht einfach ist, Versuchspersonen in einen entsprechenden Zustand zu versetzen. Immerhin meinen sie zu wissen, daß Emotionen im Gehirn entstehen und danach Veränderungen im Körper erzeugen. Der Ulmer Hirnforscher Manfred Spitzer:

Wir spüren die Liebe im Herzen, trotzdem spielt sie sich im Gehirn ab. Das Gehirn ist das Organ der Liebe.

Die Londoner Forscher Andreas Bartels und Semir Zeki fanden bei MRT-Untersuchungen (Magnetresonanz-Tomographie) von Verliebten, daß nur vier engbegrenzte Hirnareale das Gefühl der Liebe „hervorrufen“. Der „vordere cinguläre Kortex“ und der „Insellappen“ dienen dem Erkennen eigener und fremder Emotionen und der Verarbeitung von Sinneseindrücken. Für die erotischen Elemente des Verliebtseins seien der „Nucleus caudatus“ und der „Putamen“ verantwortlich.

Entsprechend meint die New Yorker Anthropologin Helen Fisher, die etlichen Verliebten mit Hilfe der MRT „in den Kopf geschaut hat“:

Die romantische Liebe ist eine Sucht erzeugende Droge.

Man könne, so Spitzer, romantische Liebe medikamentös mit Dopamin-Antagonisten ähnlich bekämpfen wie eine Manie oder eine Sucht. Aber natürlich sei Liebe keine Krankheit. Spitzer:

Wir können opiumsüchtig werden, weil unser Gehirn selbst opiumähnliche Stoffe herstellt und nicht umgekehrt.

Seit etwa fünf Jahren wisse man, daß Lernen und Liebe mit den gleichen Hirnarealen und mit der Ausschüttung von Dopamin verbunden sind. Spitzer:

Verliebtheit, Lernen und Glück sind sozusagen verschiedene Seiten des gleichen Funktionszusammenhangs.

Hormonell steht bei Liebe und Sexualität das Testosteron im Mittelpunkt. Es regelt nicht nur bei Männern, sondern auch bei Frauen das sexuelle Verlangen.

Erst seit kurzem weiß man, daß umgekehrt Sex auch den Testosteronspiegel erhöht.

Die biologische Basis für die längerfristige Bindung insbesondere des Mannes an die Frau sei Oxytocin, daß auch für die Mutter-Kind-Bindung sorgt. Es werde infolge von Zärtlichkeit und beim Geschlechtsakt ausgeschüttet. Deshalb habe Sex, so Spitzer, nicht nur eine reproduktive Funktion, sondern auch eine soziale Funktion: es schafft die Voraussetzung für den Familienzusammenhalt.

Soweit das, was „die moderne Naturwissenschaft“ zum Thema zu sagen hat. Auffallend ist die Fixierung auf das Gehirn. Der Körper erscheint nur als eine Art Anhängsel des Gehirns. Die Empfindungen der sich bewegenden Orgonenergie im Körper wird zur bloßen Illusion. Kein Wunder, daß diesen Leuten die eigentliche Funktion des Orgasmus unzugänglich bleibt.

For the record: Wir spüren Liebe im Herzen, weil der Solar plexus das energetische Zentrum des Organismus ist. Das Gehirn ist nur ein Koordinationsorgan.

Die Einzelergebnisse der modernen Forschung, insbesondere die Verbindung von Lernen und Liebe (d.h. die Offenheit für neue Erfahrungen), sowie die Bedeutung regelmäßigen Geschlechtsverkehrs für die hormonelle Ausgeglichenheit, sind natürlich sehr wichtig und bestätigen Reichs Orgasmustheorie, aber ohne Reichs Forschungsansatz hängen diese Forschungsergebnisse zusammenhanglos in der Luft.

Warum wird beispielsweise nicht erwähnt, daß der schulische Erfolg untrennbar mit einem erfüllten Liebesleben zusammenhängt. Man mag auf pickelige Streber verweisen, die es akademisch weit gebracht haben, aber genau sie sind für die mechano-mystische sterile Wissenschaft verantwortlich! Liebe, Arbeit und Wissen sind die Quellen unseres Leben, sie sollten es auch regieren!

Es ist beängstigend, daß Reich mit seiner Arbeit über „die elektrische Funktion von Sexualität und Angst“ uns heutigen weit voraus ist. Es ist, als wäre die Arbeit nicht 1937 erschienen, sondern würde im Jahre 2037 auf uns warten.

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Guilia Siegel und Cameron Diaz

27. April 2014

In der „konservativen“ Bild-Zeitung finden sich ständig Überschriften wie „Sex macht schön und gesund“:

Bei diesen Studien möchte man am liebsten gleich wieder ins Bett springen: Sex stärkt den Immunhaushalt, ist somit gut gegen Erkältungen. Einmal Sex pro Woche erhöht bei Frauen den Östrogengehalt im Blut – sorgt für straffere Haut. Bei achtmal Sex pro Monat soll die Frau bis zu zehn Jahre jünger aussehen. Und: Bei zweimal Sex pro Woche ist der Mann doppelt so gut gegen Herzinfarkte geschützt wie ein Sexmuffel.

Vergleicht man das mit den „antisexuellen“ Hetze der konservativen Massenpresse zu Reichs Lebzeiten (siehe Der Blaue Faschismus)…

Es wäre ziemlich lächerlich, so etwas madig zu machen und „kritisch zu hinterfragen“. Das einzige, was zum Kotzen ist, sind die unappetitlichen Trash-Promis, insbesondere deren „Erotik-Tipps“. Etwa die „drei besten Sex-Tipps“ von Giulia Siegel:

Orgasmus verzögern: Übe mit Handarbeit. Hol dir einen runter, stoppe kurz, bevor du kommst, warte, bis sich der größte Druck gelegt hat, und mach dann weiter. Irgendwann hast du’s so drauf.

Wie viele Millionen „Männer“ lesen das und „üben“ sich nun in orgastische Impotenz ein, um eine ewig unbefriedigte neurasthenische Zicke, die in ihrem Leben noch keine sexuelle Befriedigung erfahren hat und nie erfahren wird, zu – ficken.

In Die Funktion des Orgasmus unterscheidet Reich zwischen zwei Phasen der sexuellen Erregung:

  1. Phase der willkürlichen Beherrschung der Luststeigerung
  2. Phase der unwillkürlichen Muskelkontraktionen

Die willkürliche Verlängerung der ersten Phase des Geschlechtsaktes bis zu einem gewissen Grade ist unschädlich und wirkt luststeigernd; dagegen ist das Unterbrechen oder unwillkürliche Abändern des Ablaufs der Erregung in der zweiten Phase schädlich, weil in ihr der Ablauf reflektorisch erfolgt. (Fischer TB, S. 84)

Und was nun den schwachsinnigen Sex-Tipp aus dem Dschungelcamp betrifft:

In diesem Stadium ist die Unterbrechung des Aktes für Mann und Weib absolut unlustvoll: Die Muskelkontraktionen, die den Orgasmus sowie die Ejakulation beim Manne vermitteln, laufen bei Unterbrechung krampfhaft anstatt rhythmisch ab; das bereitet heftigste Unlust und gelegentlich auch Schmerzempfindungen am Beckenboden und im Kreuz; überdies erfolgt der Samenerguß infolge des Krampfes früher als bei ungestörter Rhythmik. (ebd., Hervorhebungen hinzugefügt)

Aber es gibt zum Glück auch Promis, die sich ein natürliches Lebensgefühl bewahrt haben. Mit der Funktion solcher Leute habe ich mich an anderer Stelle auseinandergesetzt. Hier zwei Ausschnitte aus einem Interview, das die von innen her wunderschön erstrahlende Schauspielerin Cameron Diaz der Bild-Zeitung (24. April 2014) gab:

Sex ist sehr, sehr wichtig, weil es ja der einzige Mann ist, den du liebst und mit dem du’s machst. Ohne Sex geht’s nicht – ohne Sex kannst du nicht lieben!

Du mußt deinen Körper lieben – er ist,dein bester Freund. Und du mußt deinen Hunger umarmen – er ist dein zweitbester Freund. Du wachst jeden Tag mit ihm auf. Kein Fast Food, wenig Fett. Grundregel: Essen, was deinem Körper Energie gibt. Obst, Salat, Fisch, Vollkorn. Intuitives Essen, das Körper und Seele gut tut.

Nichts weltbewegendes: Sex und Liebe sind voneinander untrennbar und verstärken einander. Es geht darum, daß sich die Menschen wohlfühlen und in Frieden leben mit sich und ihrem Körper, dabei sich aber nicht gehen lassen, sondern ihrem bioenergetischen Kern (ihrer „Intuition“) und dem entsprechenden Ichideal folgen.

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Die wahren Motive des islamischen Terrors (Teil 1)

2. März 2014

In Charakteranalyse (S. 341f) erläutert Reich, daß diejenigen, die an der Emotionellen Pest erkrankt sind, unter einem „strukturellen Zwang“ leiden, der allenfalls mit dem genitalen Liebesbedürfnis vergleichbar ist.

Der emotionell Pestkranke entwickelt regelmäßig strukturell (…) einen Neid, der sich mit tödlichem Haß gegen alles Gesunde paart (…). Der emotionell pestkranke Charakter wird unter allem Umständen und mit allen Mitteln seine Umgebung so zu verändern versuchen, daß seine Lebens- und Denkweise nicht gestört wird; er empfindet alles, was ihm widerspricht, als Provokation und verfolgt es demzufolge mit tiefen Haß; das ist an der Askese besonders deutlich zu sehen. Die asketische Grundhaltung lautet regelmäßig unter diesem oder jenem Vorwand: „Andere sollen es auch nicht besser haben, als ich es hatte, sie sollen ebenso leiden wie ich“; diese Grundhaltung ist in jedem Falle durch eine logisch in sich wohlgeordnete Ideologie und Lebenstheorie (…) verdeckt (…).

Die linksliberalen Vertreter unserer Kultur tun alles, damit Moslems nicht „provoziert“ werden und ihrer „Ideologie und Lebenstheorie“ Achtung entgegengebracht wird. Man hat Angst vor den Ausbrüchen der Emotionellen Pest – und da sie selbst von der Pest infiziert sind, ist es den „Multikulturellen“ ganz recht, wenn die Genitalität mit viehischem Haß verfolgt wird.

Die „Streitschrift“ Der Islam braucht eine sexuelle Revolution der bekannten Islamkritikerin Seyran Ates bezieht sich explizit auf Wilhelm Reichs Buch Die sexuelle Revolution, in dem Reich den Islam nur kurz behandelt.

Im Zweiten Teil von Die sexuelle Revolution beschreibt Reich, wie im islamisch geprägten Süden der Sowjetunion, etwa in Tschetschenien, die Reaktion (der traditionelle Islam) zerschlagen wurde und aus verschleierten Haushaltsgegenständen wieder Menschen wurden. Leider ging diese Verwestlichung sehr bald mit Rotem Faschismus einher, z.B. wurde 1944 das tschetschenische Volk (Kinder, Frauen, Greise, Männer) teilweise massakriert, teilweise in Viehwaggons nach Kasachstan verfrachtet und buchstäblich auf die Steppe gekippt.

Nach dem Untergang der Sowjetunion hat sich in Tschetschenien der wahabitische Fundamentalismus durchgesetzt. Symbol dieses Schwarzen Faschismus sind die „schwarzen Witwen“, die seit Jahren durch die Medien geistern. Im allgemeinen wird das so dargestellt, daß die islamische Gesellschaft infolge des Krieges dermaßen zerrüttet sei, daß nun sogar das einst undenkbare geschähe: Frauen greifen zu den Waffen. Doch in Wirklichkeit ist die „schwarze Witwe“, die Selbstmord begeht und dabei möglichst viele „Ungläubige“ mit sich in den Tod reißt, nur die neuste Variante eines uralten Phänomens, das James DeMeo in seinem Buch Saharasia (S. 147, 289, 361) analysiert hat: ob Polygamie, Witwenverbrennung oder „Hexenverbrennungen“, es geht darum, selbständige und sexuell aktive Frauen im Namen der „Sittlichkeit“ aus dem Verkehr zu ziehen. Heute wird ihnen befohlen, sich selbst zu entsorgen und dabei auch noch einen nützlichen Beitrag zu leisten!

In einem Interview mit dem Spiegel beruft sich Ates bei der Frage, was sie mit „Sexuelle Revolution“ in der islamischen Welt meine, auf Wilhelm Reich und sein gleichnamiges Buch.

Ich glaube, daß die islamische Welt sich mit den Folgen einer starren Sexualmoral auseinandersetzen muß, ganz ähnlich der Art und Weise wie die Sowjetunion, in seiner [Reichs] Beschreibung, damit umgegangen ist entsprechend den eigenen Verhältnissen. Sie [die islamische Welt] muß sich verändern wie jedes andere totalitäre System auch, wenn sie eine demokratische Gesellschaft werden will. Als Teil dieses Prozesses muß die Sexualität als etwas anerkannt werden, was jedes Individuum für sich selbst bestimmt. Institutionen wie die Moral- und Religionspolizei müssen abgeschafft werden. Leute, die Sex vor der Ehe haben, können nicht bestraft oder von der Gesellschaft geächtet werden. Eltern müssen sich mit der Frage auseinandersetzen, warum sie ihrer 16-jährigen Tochter nicht erlauben, einen Freund zu haben, während ihre Söhne damit prahlen dürfen, wie viele Freundinnen sie haben. Sexualkunde muß im Klassenzimmer unterrichtet werden. Eltern sollten es nicht tun müssen, aber sie sollten akzeptieren, wenn die Schule es tut. Junge und alte Menschen, die in der islamischen Welt bereits eine selbstbestimmte Sexualität leben, müssen selbstbewußter auftreten und ihrer Stimme Gehör verschaffen.

Der Blog Politically Incorrect erwähnt in einem kleinen Hinweis auf Ates‘ Buch, daß Moslems unmittelbar vor bzw. während der Ejakulation im Geiste vor sich hinsagen sollen:

Gelobt sei Gott, der aus dem Wasser (Samen) den Menschen geschaffen.

Oder folgendes Bittgebet:

Oh Allah! Gewähre dem Scheitan (Satan) nicht das, was du mir gewährst!?

Diese sakralisierte Zerstörung des orgastischen Empfindens, diese Verunmöglichung orgastischer Entspannung, erinnert an das „Global Consciousness Project“, das vor einigen Jahren für den 21. Dezember den „globalen Orgasmustag“ ausgerufen hat: „Orgasmen für den Frieden“. Während (!) des „Orgasmus“ solle man an den „Weltfrieden“ denken, um so das „Energiefeld der Erde“ zu verändern. Mit über die ganze Welt verteilten REG-Maschinen (Random Events Generators) soll das Ergebnis objektiviert werden.

Während für Reich die Sexualität ein Selbstzweck ist (was überhaupt erst ermöglicht, einen Orgasmus „zu haben“), instrumentalisiert der Mystizismus die Sexualität. Der Mystiker mag noch so sehr von „Frieden“, „Liebe“, gar „Orgasmus“ reden, in Wirklichkeit ist er die Verkörperung von orgastischer Impotenz und Sadismus!

Zu Seyran Ates morgen mehr.

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Die Orgasmusformel (Teil 1)

12. Juli 2012

Mit Hilfe der damaligen Entwicklungsbiologie, insbesondere mittels Haeckels „Biogenetischem Grundgesetz“, versuchte Freud die prägenitale Sexualität des Kindes mit Fortpflanzung zu verknüpfen, um so den sexuellen Charakter des infantilen Lustgewinns zu begründen. Prägenitale Sexualität sei sozusagen ein spätes Echo der Fortpflanzung der primitiveren Lebewesen unseres Stammbaums. Die Psychoanalyse räumte dergestalt zwar mit der falschen Anschauung auf, daß sexuell und genital ein und dasselbe sind, aber für sie galt immer noch, daß die Genitalfunktion, zu der die prägenitale Sexualität schließlich führen sollte, der Fortpflanzung dient und durch diese definiert sei. Reichs Ansatz war von vornherein andersgeartet, denn für ihn waren Sexualität und Fortpflanzung zwei vollständig getrennte Bereiche: „(…) die genitale Aktivität der Tiere, den Menschen eingeschlossen, ist eine bioenergetische Funktion und ein Ventil für die Lebensenergie“ (Christusmord, Freiburg 1978, S. 68).

Ausformuliert findet sich diese „Orgasmustheorie“ in seinem 1927 erschienen Buch Die Funktion des Orgasmus (neu veröffentlicht unter dem Titel Genitalität). Zur selben Zeit, 1927, bespricht er Friedrich Kraus‘ Buch über die Allgemeine und spezielle Pathologie der Person in Freuds Zeitschrift. Für Reich ist der zentrale Gedanke des Buches von Kraus das Konzept der „Tiefenperson“, die den vitalen „spontan dranghaft schöpferischen“ Kern des Menschen ausmacht. In psychoanalytischen Begriffen ist sie, so Reich, die „somatische Libido“, die, wenn man Kraus folgt, identisch ist mit den im Zellchemismus begründeten bioelektrischen Oberflächenspannungen an den Membranen des Körpers und deren elektrolytischem Ausgleich, der wiederum von mechanischen Flüssigkeitsbewegungen begleitet wird.

In diesem ständigen Wechsel im biologischen Erregungssystem von Ladung und Entladung, Quellung und Entquellung kündigt sich unmittelbar Reichs spätere „Orgasmusformel“ an, deren Abfolge „mechanische Spannung → bioelektrische Ladung → bioelektrische Entladung → mechanische Entspannung“ an der Erektion und Ejakulation des Mannes unmittelbar evident wird.

Zur theoretischen Fundierung dieser Formel ergänzte Reich Anfang der 1930er Jahre Kraus’ „vegetative Strömung“ um die Theorie der „Protoplasmaströmung“ des Biologen Max Hartmann. Diese Strömung kann man unmittelbar an der Amöbe beobachten, wenn sie ihre Pseudopodien ausstreckt und zusammenzieht. Hartmann führte die Bewegung der Pseudopodien auf die Vergrößerung bzw. Verkleinerung der Oberflächenspannung der Außenmembran zurück. An dieser internen Plasmabewegung vom Kern weg und auf den Kern zu wird unmittelbar der Gegensatz von Lust und Angst einsichtig. Mit Hilfe der Darstellung, die der Physiologe L.R. Müller über das in Parasympathikus (Lust) und Sympathikus (Angst) gespaltene vegetative Nervensystem lieferte, übertrug Reich diesen „vegetativen Gegensatz“ einerseits auf das Funktionieren höherer Lebewesen und folgte ihr andererseits, aufgrund der funktionellen Identität mit dem entsprechenden chemischen Gegensatz von Kalium und Calcium, bis hinab zur Biochemie und Biophysik.

Im Rückgriff auf Hartmann zeigt Reich, daß die Spannungs-Ladungs-Vorgänge, die für die Sexualität charakteristisch sind, nicht nur bei der sexuellen, sondern auch bei den zwei Arten der sogenannten „asexuellen“ Fortpflanzung wirksam ist, also bei Zellteilung und Knospung bzw. Sprossung. Bei der Zelle ist der Spannungsdruck gegen die Membran vor der Teilung höher als danach jeweils in den beiden Tochterzellen. Noch heute ist nicht bekannt, was Zellteilung eigentlich auslöst, sicher ist man nur, daß die Zelle, wenn sie eine bestimmte Masse erreicht hat, danach strebt sich zu teilen.

Betrachtet man Sexualität als Ladungs- und Spannungsabbau, hat auch die Zelle einen Orgasmus. Diese Form von „zellulärem Orgasmus“ bildet den historischen Anfang und den aktuellen Kern jedes Metazoons. Das Spermium verursacht durch sein Eindringen in die Eizelle dessen Spaltung, die sich im folgenden immer weiter fortsetzt, nicht nur bis der Vielzeller ausgewachsen ist, sondern bei einem Großteil der Zelltypen bis zum Lebensende des Metazoons.

Die notwendige experimentelle Fundierung der Orgasmusformel versuchte Reich zunächst mit Hilfe seiner sogenannten „bioelektrischen Experimente“ von 1935 beizubringen, bei denen er die Ladung und Entladung nachweisen wollte, die der mechanischen Spannung („Erektion“) folgt.

An diese Experimente schloß sich eine direktere Herangehensweise an. Zunächst versuchte Reich die von Hartmann beschriebene Plasmaströmung unmittelbar bei Amöben und anderen Einzellern zu beobachten. Dazu besorgte er sich Protozoenpräparate aus einem Botanischen Institut. Fertigte sie dann aber schließlich selbst an, nachdem er erfuhr, daß man dazu nur getrocknetes Gras in Wasser aufweichen müsse.

Geduldig beobachtete er die eingeweichten Grasfasern unter dem Mikroskop, um die Anfänge der Plasmaströmung in der Entwicklung der Amöben auszumachen. Bei dieser ungewöhnlichen Herangehensweise stieß er auf den blasigen Zerfall der Grasfasern und die spontane Organisation von Protozoen aus den Zerfallsprodukten. Die Fasern zersetzten sich zu Bläschen, die sich zu Haufen reorganisierten, um die sich eine Membran bildete. Geriet bei diesen Bläschenhaufen der Inhalt der Membran in Kreisbewegung und organisierten sich die kleinen Bläschen zu größeren Einheiten, entwickelten sich aus den Haufen Pantoffeltierchen (Paramaecium). Ruhende Bläschenhaufen, in denen die Bläschen zu einer homogenen Masse zerflossen, entwickelten sich zu Amöben. Glockentierchen (Vorticella) behielten den Bläschencharakter bei. Diese Übergangsform zwischen den unorganisierten runden Bläschenhaufen und langgestreckten Pantoffeltierchen bezeichnete Reich als „Org-Tierchen“, weil sie aus einer gestreckten Form in die Kugelform „orgastisch“ zurückzucken konnten.

Mit der Zuführung von Strom bei seinen Protozoen-Präparaten versuchte Reich die Ladung aus der Spannungs-Ladungs-Formel zu applizieren, konnte aber nur, wie zuvor Hartmann, eine Beschleunigung und bei höherer Stromzufuhr ein Absterben der Plasmaströmung beobachten. Weiter führte der Versuch, die Orgasmusformel von der mechanischen Spannung her zu untersuchen. Dazu ließ er verschiedene Stoffe in Lösungen quellen (Spannung), was er durch Erhitzung beschleunigte. Es kam (wie zuvor bei den Grasfasern) zu einem bläschenartigen Zerfall der untersuchten Stoffe. Bei den so entstehenden blau bis blaugrün schimmernden Visikeln konnte er elektrische Ladung nachweisen (Erde und Kohle ergaben positiv geladene Bläschen, Lezithin, Moos und Muskelgewebe negativ). Unter starker Vergrößerung war in den Visikeln eine innere Bewegung zu erahnen. Bei noch stärkerer Vergrößerung wurden die Strukturen nicht schärfer, aber dafür die interne Bewegung der Visikel, die er bald als „Bione“ bezeichnete, eindeutiger. Auf Nährböden waren sie kultivierbar. Er identifizierte sie als Übergangsformen zwischen toter und lebender Materie.

Durch seine Beobachtungen und Experimente konnte Reich verifizieren, daß die Orgasmusformel am Grunde des Lebensprozesses steht und ihn durchgehend bestimmt. Was die Zweigeschlechtlichkeit anbetrifft beobachtete er unter dem Mikroskop, wie sich die primitivsten überhaupt denkbaren Lebensformen, Erd- und Kohlebione, gegenseitig nähern, erregen, Strahlungsbrücken bilden und schließlich miteinander verschmelzen. Wobei, so Reich, zwischen Fressen (einer „oralen Tätigkeit“) und Kopulation (einer „genitalen Tätigkeit“) nicht zu unterscheiden sei. Dies sei selbst noch im Vielzeller der Fall, wenn man die Vorgänge funktionell betrachtet:

Energetisch gesehen (…) ist der Vorgang, der sich zwischen dem Mund des Säuglings und der mütterlichen Brustwarze abspielt, genau das gleiche wie der zwischen der Scheide und dem erregten männlichen Organ. (…) Erst jetzt begreifen wir biophysikalisch die so grundsätzliche Entdeckung Freuds, daß die Säuglingsmundzone ebenso ein sexuell erregtes Organ darstellt wie die erregte mütterliche Brustwarze. (Der Krebs, Fischer TB, S. 66).

Bei der Beseitigung der Panzerung kam Anfang der 1930er Jahre bei Reichs Patienten zu „vegetativen Strömungen“, die er unmöglich auf bloßes „Blutwallen“ reduzieren konnte, wie an der „kalten Erektion“ unmittelbar ersichtlich ist. Zur Blutbewegung (z.B. bei der Erektion) mußte zusätzlich noch „etwas“ hinzutreten.

Die Organe füllen sich erst mit Flüssigkeit: Erektion mit Mechanischer Spannung. Dies führt eine starke Erregung mit sich, wie ich annahm, elektrischer Natur: Elektrische Ladung. Im Orgasmus baut die Muskelzuckung diese elektrische Ladung beziehungsweise sexuelle Erregung ab: Elektrische Entladung. Diese geht über in eine Entspannung der Genitalien durch Abfluß der Körperflüssigkeit: Mechanische Entspannung. Den Viertakt: Mechanische Spannung → Elektrische Ladung → Elektrische Entladung → Mechanische Entspannung nannte ich Orgasmusformel. (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 206)

Diese Orgasmusformel macht einen ziemlich „onanistischen“ Eindruck, da der Orgasmus nur vom Selbsterlebnis her gesehen wird, doch hat Reich im gleichen Artikel, in dem er die Orgasmusformel vorstellt, auch die energetische Beziehung zwischen Penishaut und Vaginalschleimhaut beschrieben (Die bio-elektrische Untersuchung von Sexualität und Angst, Frankfurt 1984, S. 21).

Wie erläutert konnte Reich solche subjektiven „hypothetischen“ Empfindungen wie „Ladung“ (die zur Erektion hinzu kommt) und „Entladung“ (die der Entspannung vorausgeht) später objektiv verifizieren. Auch ist die Orgasmusformel nicht auf die menschliche Sexualität beschränkt, sondern regiert

  1. die ganzkörperliche genitale Orgasmusfunktion,
  2. das Funktionieren der einzelnen Organe (Herz, Drüsen, Eingeweide, Blase) und schließlich
  3. die einzelne Zelle (Mitose, Sekretion).

Die natürliche Abfolge einfach geschehen zu lassen, ist unsere einzige Möglichkeit zu leben, statt nur zu vegetieren. Gebe dich dem Leben hin. Punkt. Selbst die Geburt wird dann zu einem ekstatischen Erlebnis:

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Sexpol 2012 (Teil 2)

18. Januar 2012

Eines der Hauptprobleme bei der Vermittlung des Reichschen Werkes ist die Mär, daß „mehr Ficken“, die Menschen „befreie“. Diese Sichtweise wurde etwa von Christopher Turner in seiner leider sehr einflußreichen Reich-Biographie Adventures in the Orgasmatron vertreten. Angesichts der Zustände in der permissiven Gesellschaft sei Reich definitiv widerlegt. Reich diese Vorstellung unterzuschieben ist natürlich vollkommen absurd, da er ausführlichst gezeigt hat, daß die Menschen aufgrund ihrer Panzerung orgastisch impotent sind. Ebensogut könnte man einem Farbblinden raten, er solle in einer farbenfrohen Umgebung leben, um zu gesunden!

Wie fast immer ist in diesen falschen Anschauungen ein Körnchen Wahrheit enthalten, – das sie am Leben erhält. In diesem Fall: partielle sexuelle Entspannung ist natürlich immer noch besser als gar keine. Wie Richard A. Blasband ausgeführt hat, gilt das sowohl für Masturbation, selbst wenn man dabei Schuldgefühle hat („Q & A: Masturbation and Guilt“, Journal of Orgonomy, 11(1), May 1977, S. 116), als auch für sexuelle Perversionen, die einer sexuellen Abstinenz vorzuziehen sind („Q & A: Neurotic Sexual Relations and Abstinence“, Journal of Orgonomy, 14(1), May 1980, S. 114). Der Neurotiker kann immer einen Höhepunkt erleben, der die sexuelle Spannung reduziert, wenn auch keinen Orgasmus, der sie vollkommen beseitigt (Elsworth F. Baker: „Sexual Theories of Wilhelm Reich“, Journal of Orgonomy, 20(2), November 1986, S. 176). Dies heißt natürlich nicht, daß man Sex als Heilmittel verschreiben kann (ebd., S. 183), jedoch kann man seine Triebe frei leben, solange sie andere nicht verletzen.

Für Freud war „die Sublimierung das einzige Mittel (…), ohne Verdrängung oder Perversionsbildung die Konflikte zwischen Ich und Sexualität zu lösen“ („Trieb- und Libidobegriffe von Forel bis Jung“, Frühe Schriften, S. 131). Reich hingegen war der Ansicht, die sexuelle, d.h. genitale Befriedigung ermögliche erst die Sublimierung von prägenitalen Strebungen.

Reich unterscheidet zwischen der genitalorgastischen Befriedigung und Sublimierung auf der einen und der prägenitalen Befriedigung und Reaktionsbildung auf der anderen Seite.

Dieser qualitative Unterschied drückt sich dann auch in einem quantitativen aus: Der neurotische Charakter leidet unter einer sich ständig steigernden Libidostauung, (…) weil seine Befriedigungsmittel den Bedürfnissen des Triebapparats nicht adäquat sind; der andere, der genitale Charakter, steht unter dem Einfluß eines ständigen Wechsels von Libidospannung und ädaquater Libidobefriedigung, verfügt also über einen geordneten Libidohaushalt. (Charakteranalyse, KiWi, S. 225f)

Beim genitalen Charakter stehen Ich-Libido („Selbsterhaltung“) und Objekt-Libido („Sexualität“) in keinerlei Widerspruch, sondern bestärken einander.

In der autoritären Gesellschaft hingegen werden mit Hilfe von Drohungen, die die Selbstliebe aktiviert (Angst um das eigene Selbst, etwa infolge mehr oder weniger direkter Kastrationsdrohungen), die sexuellen Objektstrebungen in Schach gehalten. Sie kommen dann nur mehr als „Idealismus“ zum Ausdruck. Aus Sexualität wird „Altruismus“. Diese Reaktionsbildung ist beispielsweise die Grundlage des Christentums („selbstlose Liebe“).

Seit 1960 haben sich die Charakterstrukturen der Massenindividuen zusehends verändert. Im antiautoritären Individuum ist von Drohungen und Sexualunterdrückung keine Rede mehr. An ihre Stelle tritt der Terror der „Political Correctness“, etwa in Bezug auf die „Gender-Problematik“. Als Kompensation der frustrierten Selbstliebe wird die Umwelt nur noch mit der Brille des Egoismus betrachtet und entsprechend opportunistisch ausgebeutet.

Der ungepanzerte, genitale Charakter ist orgastisch potent und deshalb fähig imgrund antisoziale prägenitale Strebungen zu sublimieren, d.h. sozial fruchtbar zu machen.

Der gehemmte Charakter der autoritären Gesellschaft ist orgastisch impotent und nur zu einer Karikatur des Sublimierens fähig: aus Selbstliebe wird heuchlerische „Nächstenliebe“. Derartige Reaktionsbildungen sind, so Reich, „krampfhaft und zwangsartig“, während die Sublimierung „frei strömt“.

Es ist, als ob hier das Es in Einklag mit Ich und Ich-Ideal direkt mit der Realität in Verbindung stünde, dort hingegen bekommt man den Eindruck, als ob alle Leistungen von einem strengen Über-Ich einem sich sträubenden Es aufdiktiert würden. (ebd., S. 238f)

Beim gehemmten, „idealistischen“ Charakter kommt es zu einer krampfartigen „Stärkung der Ich-Formation in Form chronischer Abpanzerung gegen Es und Außenwelt“, während beim ungehemmten, „opportunistischen“ Charakter das Ich zu schwach ist, um antisozialen libidinösen Regungen Herr zu werden. Entsprechend ist er Spielball zahlloser neurotischer Strebungen (ebd., S. 252).

Der ungehemmte Charakter der antiautoritären Gesellschaft gibt sich ganz seinem Egoismus hin und „lebt sich aus“. Baker hat 1970 dieses prägenitale Paradies anläßlich der ersten Welle des Antiautoritarismus, d.h. der Hippie-Bewegung, folgendermaßen analysiert:

Eine solche um das Vergnügen kreisende Kultur, würde allmählich verfallen und schließlich dem Nichts anheimfallen, wie es in der Zeit der alten Griechen und Römer geschah oder wie H.G. Wells es in Die Zeitmaschine für die Zukunft visualisierte. Es stimmt, daß man dazu fähig sein muß Lust, sogar Ekstase, zu erleben, um so Spannung entladenden zu können, aber das Leben findet Erfüllung in sinnhafter und schöpferischer Arbeit, nicht indem man sich auf künstlich hinausgezögerte Weise mit seiner Partnerin bzw. seinem Partner herumrekelt. Derartige Liebesspiele sind kein Ausdruck von Genitalität, vielmehr sind sie infantil mit oralen und masochistischen Komponenten. (Leserbrief an den „Playboy“, Journal of Orgonomy, 5(1), S. 116f)

Sexpol 2012 (Teil 1)

17. Januar 2012

Reich unterscheidet zwischen biopathischen und sozialen Störungen der erwachsenen Genitalität. Die erstere zu beseitigen, ist Aufgabe der psychiatrischen Orgontherapie, während die zweite Art der Störung der sozialen Beratung zugänglich ist. Neben dem psychoanalytischen Ambulatorium in Wien, das sich mit der Behandlung von neurotischen Erkrankungen „der Massen“ beschäftigte, verfolgte Reich den zweiten Ansatz in seinen Sexualberatungsstellen und in seiner politischen Arbeit, wie er sie in seinem Buch Menschen im Staat beschrieben hat.

Heute stehen Themen wie die folgenden im Vordergrund:

  • Ehehygiene: Beispielsweise in getrennten Betten schlafen, um länger die sexuelle Spannung aufrechtzuerhalten. Der Mann hat bei der Geburt seines Kindes nichts zu suchen! In keiner Kultur war der Mann jemals bei diesem Ereignis anwesend. Die immer weiter um sich greifende kontaktlose, „linksliberale“ Mode zerstört flächendeckend die sexuelle Beziehung zwischen Ehepartnern und damit die Familien!
  • Pornographie: Dem gigantischen Tsunami an Fehlinformationen über die Sexualität entgegenarbeiten. Das ist einfacher gesagt als getan, denn die moderne Sexualwissenschaft ist derartig vom linksliberalen Zeitgeist durchdrungen, daß sie das verzerrte Bild der Sexualität (pseudo-) wissenschaftlich absichert. Dabei kann sie sich auf die humanbiologische Forschung berufen, derzufolge „Sex nur im Kopf“ stattfindet. (Etwas, was von anderen Körperfunktionen im übrigen so nie behauptet wird!)
  • „sexuelles Experimentieren“: Die meisten Sexualratgeber führen geradezu systematisch von der Genitalität (Kontakt) weg und propagieren Ersatzkontakt, der zu einer geringeren Befriedigung führt, was wieder zu „Neuem“ animiert. Sexualität wird zu einer Art Droge.

Angesichts all des Unsinns über „Gender“ (der im übrigen sämtlichen Erkenntnissen der modernen Biologie widerspricht), bedeutet Aufklärung heute auch die denkbar basale Klärung der geschlechtlichen Identität. Was bedeutet es ein Mann bzw. eine Frau zu sein? Dazu schreibt Reich:

(…) in der offiziellen gesellschaftlichen Anschauung ist Hingabe mit Weibsein und unnachgiebige Härte mit Männlichkeit gefühlsmäßig verknüpft. In der gesellschaftlichen Ideologie ist es unvorstellbar, daß ein selbständiger Mensch sich hingeben und ein hingebender Mensch selbständig sein könne. So wie Frauen aus dieser Gleichsetzung heraus gegen ihre Weiblichkeit protestieren und männlich sein wollen, so wehren sich die Männer gegen ihren natürlichen geschlechtlichen Rhythmus aus Angst, weiblich zu erscheinen; – und daraus schöpft wieder die verschiedene Anschauung des Sexuellen bei Mann und Frau ihre scheinbare Berechtigung. (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 247)

Wie stark die Verwirrung mittlerweile, d.h. in der antiautoritären Gesellschaft, geworden ist, zeigen die medialen Produkte unserer „Kultur“. Eine einzige Freakshow.

Trotz (oder vielmehr gerade wegen) aller Freiheit herrscht heute auf sexuellem Gebiet mehr Konfusion als jemals zuvor. Aufklärung tut heute genauso Not wie 1930. Während damals jedoch Reichs Öffentlichkeitsarbeit und Broschüren von Katholiken und Neoheiden (Nazis) bekämpft wurden, steht heute die Political Correctness der Verbreitung sexualökonomischer Erkenntnisse entgegen.

Der gepanzerte Mensch ist unfähig, sich selbst zu regulieren, will aber ständig neue Freiheiten. Die freigelegte Energie, die nicht genital entladen werden kann, führt zu allen Arten von Ersatzkontakt. Ausgerechnet jene, die Reich eine Überbewertung der Sexualität vorwerfen, fordern eine hohe sexuelle und Liebeskultur, die „Kunst der Liebe“ (Thomas Kornbichler: Wilhelm Reich – Enfant terrible der Psychoanalyse, Berlin 1989, S. 74), während der angebliche Erotomane Reich das Bewußtsein von der Sexualität und die Sexualität vom Bewußtsein freihalten wollte. Bei Reich waren „Liebe, Arbeit und Wissen“ gleichberechtigt.

Man hat Reich vorgeworfen den Orgasmus als Allheilmittel zu vertreten, dies weist Elsworth F. Baker zurück und nennt die Orgonomie eine „rather puritanical discipline“ („Sexual Theories of Wilhelm Reich“, Journal of Orgonomy, 20(2), November 1986, S. 175).

Was diese Gesellschaft braucht, ist wahrhaftig nicht „mehr Sex“, sondern mehr Wissen und ein neues Verhältnis zur Arbeit. Am schockierendsten ist wohl der Hype um die Alterssexualität. Viagra, Feuchtigkeitscremes, Schönheitschirurgie, Pornographie, etc. Nicht, daß irgendetwas verdammenswert oder „ungesund“ an „Alterssexualität“ wäre! Es geht einfach darum, den natürlichen Rhythmen des Körpers zu folgen. Wie inhaltsleer muß das Leben eines Menschen sein, daß er ohne artifiziell angestachelten Sex als eine Art „Unterhaltungsprogramm“ nicht leben kann?!

Der orgasmische Affe (Teil 2)

9. November 2011

Die im ersten Teil angeschnittene für die Orgonomie so fremde „negative Beurteilung“ unserer entwicklungsgeschichtlichen Vorfahren wird durch Meldungen wie die folgenden beiden unterstützt, die den braven Reich-Anhänger ziemlich blaß aussehen lassen:

Bei Männern der Gattung Homo sapiens baut der Sexualakt im allgemeinen Aggressionen ab, Mäuse-Männchen dagegen werden danach erst richtig wild. In den ersten drei Wochen nach einer Kopulation töten sie alle neugeborenen Mäuse, die ihnen in die Quere kommen. Nach dieser Frist werden aus den Kinderkillern fürsorgliche Väter. Gesteuert wird das bizarre Verhalten nach Ansicht von Biologen der University of Missouri durch eine innere Uhr. Der Timer, der jeweils nach einer Ejakulation in Gang gesetzt wird, ließ sich im Labor (durch künstliche Veränderung von Tag- und Nachtrhythmen) verlangsamen oder beschleunigen. In der Natur läuft die neurale Uhr, synchron mit der Tragzeit einer Maus, nach drei Wochen ab. (Spiegel 33/90, S. 181)

Die amerikanische Psychobiologin Nancy Ostrowski vom National Institute of Mental Health hat festgestellt, daß körpereigene Abwehrsystem von Goldhamstermännchen sei „noch Wochen nach einer heftigen Kopulationsserie stark in Mitleidenschaft gezogen – sie erkranken leichter als Artgenossen, deren Geschlechtstrieb schwächer ausgeprägt ist“. Sexuell aktive Männchen, denen man körperfremdes Protein spritzte, konnten deutlich weniger Antikörper mobilisieren und Killerzellen bilden, als jene Hamstermännchen, denen man ein Sexualleben verwehrte (Spiegel 50/89). Es ist allgemein bekannt, daß Säugetiermännchen, die als einzige Männchen ein regelmäßiges Sexualleben haben, durch den Streß, der dadurch entsteht, daß sie ständig ihre Macht gegen Konkurrenten verteidigen müssen, früher an der „Managerkrankheit“ sterben als ihre erfolglosen Konkurrenten. Sowas bezeichnet man kurioserweise als „Zivilisationskrankheit“.

Reich ging es immer darum, den Menschen von der Zivilisation zu befreien und wieder zum Tiersein zurückzuführen, zum „Menschentier“ (ein Begriff, den übrigens auch Freud, wenn auch mit entgegengesetzter Tendenz, benutzt, ebenso Nietzsche). Der Mensch solle sich als Tier bekennen, um zur sexuellen Gesundheit zurückzufinden. Er, Reich, habe „nur eine einzige Entdeckung gemacht: die Funktion der orgastischen Plasmazuckung“ (Äther, Gott und Teufel, S. 3), die nur bei einem einzigen Tier, nämlich dem Menschen, nicht erfüllt werde – weil dieses Tier vor seinem Tiersein flüchte. Es gelte zum sexuell unverdorbenen Tier in uns zurückzukehren.

Der Orgasmusreflex sei „neben der Atmung die wichtigste Bewegungserscheinung im Tierreich“ (Charakteranalyse, S. 482). Folglich, wenn der Orgasmusreflex in der ganzen Tierwelt auftritt, muß die Genitalität in der Tierwelt allgegenwärtig sein. Konkret vergleicht Reich die orgastische Zuckung mit der von einer „Akme“ begleiteten Ausstoßung des Laichs bei Fischen und des Spermas bei Landtieren (Charakteranalyse, S. 518). Doch kann man dies wirklich mit dem menschlichen Orgasmus und seinem spezifischen Reflex gleichsetzen?

Die meisten Menschen wissen nicht, daß es beim Orgasmus zu einer reflexartigen Zuckung kommt. Dies kann man aus persönlichen Gesprächen schließen. Er wird auch in all dem Aufklärungszeugs, mit dem wir seit den 1960er Jahren überflutet werden, nirgends erwähnt. Vielleicht hat die „Sexuelle Revolution“ sogar bewirkt, daß viele Menschen diesen Reflex, bzw. den Beckenreflex, willentlich zurückhalten, weil es nicht „normal“ ist oder der Körper den Genuß stört, „da Sex sich ja sowieso nur im Kopf abspielt“ und die Lust durch Kontrolle der Beckenbodenmuskulatur prolongiert werden könne.

An der Orgasmuszuckung ist nichts Geheimnisvolles, denn sie ist den Krämpfen beim Nießen oder beim Erbrechen ähnlich. Aber andere krampfartige Erscheinungen, wie das Lachen, treten beim Tier nicht auf. Bei einer Erregung „oberhalb der Toleranzgrenze“ lachen wir – das Tier nicht (Baker: Der Mensch in der Falle, S. 105). Schon LaMettrie meinte: „Das Lachen ist es, was den Menschen vom Tier unterscheidet“ (Anti-Seneca, S. 102).

Ist die Genitalität also vielleicht doch nicht in der Tierwelt allgegenwärtig? Warum hat Reich sich bei seinen bioelektrischen Experimenten, wo es mehr denn nahe gelegen hätte, nicht mit höheren Tieren beschäftigt? Ließ er sie mehr oder weniger instinktiv als „orgastisch fragwürdig“ bei Seite und griff lieber direkt zum „Urtier“ zurück? Es gibt bei Reich Stellen, die dies nahelegen:

Die Lösung (der) segmentären Panzerung setzt Ausdrucksbewegungen und plasmatische Strömungen frei, die von den anatomischen Nerven- und Muskelanordnungen des Wirbeltieres unabhängig sind. Sie entsprechen weit mehr der peristaltischen Bewegung eines Darms, eines Wurms oder eines Protisten. (Charakteranalyse, S. 515f)

Die Ausdrucksbewegungen im Orgasmusreflex sind funktionell identisch dieselben wie die einer lebenden und schwimmenden Qualle. (ebd. S. 517f)

Die Ausdrucksbewegung des Orgasmusreflexes bedeutet (…) eine (…) aktuelle Mobilisierung einer biologischen Bewegungsform, die bis zum Quallenstadium zurückreicht. (ebd. S. 518)

Die Qualle ist bei Reich das Paradebeispiel für die zuckungsartige gesamtorganismische Pulsation des Orgasmusreflexes; umgekehrt zeige sich, so Reich, beim menschlichen Orgasmus die „Quallenfunktion“. Reich weiter:

Wir werden uns mit dem Gedanken befreunden müssen, daß es sich hier nicht etwa um tote, archaische Überreste der phylogenetischen Vergangenheit, sondern um höchst aktuelle, bioenergetisch höchst bedeutsame Funktionen im hochentwickelten Organismus handelt. Die primitivsten und die höchstentwickelten plasmatischen Funktionen bestehen nebeneinander und funktionieren wie ineinandergeschaltet. Die Entwicklung komplizierter Funktionen im Organismus, die wir „höher“ nennen, verändert nichts an Existenz und Funktion der „Qualle im Menschen“. Es ist gerade diese Qualle im Menschen, die seine Einheit mit der niedrigen Tierwelt darstellt. (Charakteranalyse, S. 519)

Die Pulsation läßt sich beim Einzeller

an den rhythmischen Kontraktionen der Vakuolen oder an den Zuckungen und schlangenartigen Bewegungen des Plasmas leicht beobachten. Beim Vielzeller sehen wir sie vor allem am Gefäß-System. Hier tritt die Pulsation im Pulsschlag klar hervor. Sie läuft an den verschiedenen Organen (…) verschieden ab. Am Darm erscheint sie als in distaler Richtung verlaufende Kontraktions- und Expansionswelle, als „Peristaltik“. An der Harnblase funktioniert die biologische Pulsation auf den Reiz der mechanischen Expansion durch Harnfüllung. Sie funktioniert in der Muskeltätigkeit, in den quergestreiften Muskeln anders als in den glatten, dort als Zuckung, hier als wellige Peristaltik. In der orgastischen Zuckung erfaßt die Pulsation den Gesamtorganismus („Orgasmusreflex“). (Der Krebs, S. 169f)

Die Frage ist nun, ob man die konvulsorischen Zuckungen, die Entladung und Entspannung begleiten, nur bei Zellteilung und menschlichem Orgasmus findet, jedoch nicht im übrigen Tierreich. – Nochmals: Selbstverständlich wird auch das übrige Tierreich von der Orgasmusformel bestimmt und in diesem Sinne ist die Genitalität phylo- und ontogenetisch allgegenwärtig, doch im Speziellen, d.h. im Sinne der Koordinierung der verschiedenen Teilpulsationen zu einer den gesamten Organismus als Einheit erfassenden Plasmazuckung hat die Genitalität eine Entwicklungsgeschichte.

Die Genitalität, die Reich beim Menschentier und der Zellteilung von Protozoen entdeckte, ist bei den restlichen Tieren nicht zu finden. Vielmehr ist eine Entwicklungslinie, wie sie implizit schon die Psychoanalyse vertreten hat, von den primitivsten Formen der Prägenitalität niederer Metazoen bis zur schließlichen Genitalität beim Menschentier aufzufinden, das deshalb der generische Genitale Charakter ist. Wir stoßen also nicht einfach auf die Genitalität, sondern auf deren Entwicklung, wenn wir auf die Affen und weiter zurückgehen.

Genauso wie die Orgasmusformel die Trennungslinie zwischen lebender und nichtlebender Natur markiert, kennzeichnet die Genitalität die Trennungslinie zwischen Menschentier und Tier. Reich hat diesen zweiten Trennungsstrich vermieden, indem er den Orgasmusreflex von der Genitalen Umarmung trennte und schon in der Körperhaltung und Bewegung der Wirbeltiere verwirklicht sah. Es sei nochmals die Frage gestellt: Warum hat Reich den Orgasmusreflex nicht im Sexualleben der Tiere nachgewiesen? Was doch angesichts des gepanzerten Menschen naheliegend gewesen wäre!

Trotz jahrelanger Suche ist es mir nicht gelungen, zur Beschwichtigung der vom im ersten Teil zitierten „Bioenergetiker“ bei mir hervorgerufenen schmerzlichen Zweifel einen Beleg dafür zu finden, daß der Orgasmusreflex bei Tieren auf dem Höhepunkt der geschlechtlichen Vereinigung auftritt. Wer diese Aussage widerlegen will, soll es versuchen.

Tiere haben offensichtlich ähnliche sexuelle Bedürfnisse wie der gepanzerte Mensch (sie masturbieren, wenn sie in Gefangenschaft allein sind, etc.), aber man kann keine orgastische Reaktionen finden, die dem entsprechen, was Reich für den orgastisch potenten Menschen beschreibt.