Brief (Reich Nahebringen, seine politische Einordnung) (1978)

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]
Bei der Lektüre von Bernd Laskas Einleitung zu LaMettries Der Mensch als Maschine fällt auf, daß LaMettrie, ähnlich wie Reich, als geistig gestört abgetan wurde, und daß seine Schriften, ebenfalls ähnlich wie bei Reich, nie inhaltlich diskutiert wurden (S. XIIIf). Ein Kuriosum auf zwei Beinen, dem von den Zeitgenossen eine intensive Aversion entgegengebracht wurde – „der aufklärerischen übrigens mehr als der konservativen“ (S. VIII).
Ursula Jauchs umfangreiches Buch Jenseits der Maschine, das ein Jahrzehnt nach Laskas Ausführungen veröffentlicht wurde, liest sich wie eine Verwischung dieser Fakten. Letztendlich geht es darum, LaMettrie die Rehabilitation des Irrationalen und die „Wiederverzauberung der Welt“ zuzuschreiben und ihn dergestalt zu verharmlosen. Die Taktik ist ähnlich wie beim Umgang mit Reich durch seine falschen Freunde und durch „Reichianer“, die Reich zu gerne zu einem harmlosen „Lebensenergetiker“ a la C.G. Jung machen wollen.
Daß Religion und Ethik gesundheitsschädlich sind und eine wahrhaft demokratische Gesellschaft deshalb nur atheistisch und, man verzeihe den Ausdruck, „anti-ethokratisch“ sein kann, d.h. entsprechend eine wahrhafte Demokratie nur auf einer entsprechenden seelischen (gleich körperlichen) Struktur der Massen aufbauen kann, wird sowohl bei der Rezeption LaMettries als auch der Reichs wohlweislich verdrängt. Beide sind Vertreter einer, um Reichs Begriff zu verwenden, „biologischen Revolution“. Bei beiden dreht sich alles um das diesseitige Lebensglück, um erfüllende Lust, d.h. letztendlich um eine „sexuelle Revolution“ (vgl. S. XIXf).
Ein Großteil der Interessierten wenden sich über kurz oder lang enttäuscht von der Orgonomie ab. Das kann nur die organisierte Orgonomie betreffen, aber auch gleich Reichs gesamtes Lebenswerk.
Die Gründe sind vielschichtig und reichen von persönlicher Enttäuschung, Verbitterung, Desillusionierung etc. bis zur „objektiven“ Erkenntnis, daß die Orgonomie in ihren Grundlagen nicht stimmig, wenn nicht sogar schlichtweg falsch ist.
Die Leute gehen enthusiastisch an die Sache heran und begegnen „Vertretern“ der Orgonomie, die in bestimmten Situationen auch nicht im Entferntesten das verkörpern, was sie verkünden. Oder ein Gymnasiast mit Leistungskurs Physik liest Reichs Der Krebs und sagt sich: „Moment mal, mein Lehrer würde mir für diese Darstellung eine glatte 6 geben!“
Im allgemeinen erklären Orgonomen dieses Abwenden mit mystischen Erwartungen von Perfektion, die nicht erfüllt werden konnten. Man stelle sich diese Aussage von einem KFZ-Meister vor, wenn bei einem Auto nach der Reparatur die Bremsen defekt sind! Der Fehler liege in den zu hohen Erwartungen des Kunden!
Tatsächlich geht es aber um etwas anderes. Es ist wie in der Liebe. Objektiv hat der Partner alle möglichen Schwächen, die einem neutralen Beobachter abstoßen würden, aber der sieht nicht das, was du siehst. Du siehst den wunderschönen Kern, der so hell leuchtet, daß alles andere überstrahlt und damit praktisch unsichtbar wird.
Die, die bei der Stange bleiben, „die treu bleiben“, haben immer diesen „perfekten“ Kern vor Augen, der alles Imperfekte als unbedeutendes Beiwerk erscheinen läßt. Und das gilt nicht nur für die Theorie, sondern auch für Organisationen und einzelne Personen. Ein HSV-Fan bleibt treu, egal wie absolut scheiße der Verein auch spielt. Ein Freund bleibt ein Freund, egal wie unmöglich er sich auch verhält, denn eben das, diese bedingungslose Loyalität, macht Freundschaft aus.
Entweder überzeugt dich Reichs imgrunde einzige Entdeckung, die Funktion der orgastischen Plasmazuckung, oder eben nicht. Entweder empfindest du gegenüber dem Entdecker und seinen Erben eine unverbrüchliche Loyalität oder eben nicht.
Die Zukunft des Internets ist die Künstliche Orgonomie. Irgendwelche Leute wollen ihr scheiß Produkt bekannt machen und nutzen Bots und KI, um Blogs wie den NACHRICHTENBRIEF mit Kommentaren zu fluten.
Zuerst kreiert die KI einen fiktiven Namen für „jemanden“, der in dem betroffenen Blog kommentiert. Hier ist der Name ist „Leo Betterton“. Sodann kommentiert „Leo Betterton“ (d.h. KI) in meinen Blog etwas über soziale Orgonomie mit dem folgenden Text, der von KI aus Versatzstücken aus dem Netz (also letztendlich den NACHRICHTENBRIEF selbst) erstellt wurde, ohne daß ein Mensch involviert ist:
Gut für die Konservativen, daß sie sich gegen Reich stellen! Sie haben immer offen über ihre Pläne gesprochen, den sozialistischen Tyrannen zu stürzen, während die Liberalen seine offene Art ausnutzen konnten, um ihre eigene zerstörerische Agenda voranzutreiben. Das Lächeln ist ihre Art, dich auf den Umsturz vorzubereiten, d.h. die soziale Fassade dient der sekundären, zerstörerischen Schicht des Charakterpanzers.
Reich ist am Ende!
KI generiert „Orgonomie“, um einen Link zu setzen, der zum Produkt führt und zumindest vom Blogbetreiber geöffnet wird. Kosten und Aufwand für diese Werbung gehen gegen null!
Für andere Blogs (über Yoga, Kochen, Pferderennen, Anthroposophie, Gartenarbeit, was auch immer) erstellt KI andere „Kommentare“ und zwar Abertausende in Sekundenbruchteilen. Eines Tages wird das gesamte Internet nur noch aus diesem Schwachinn bestehen!
Aber an sich ist die KI nur eine Karikatur von etwas, was sowieso fast die gesamte Kultur ausmacht: einer schreibt vom anderen ab und am Ende steht die Kakophonie, die unsere Zivilisation ausmacht.
Reich versuchte dem ein Ende zu setzen, indem er mit Hilfe der Charakteranalyse die Masken abriß, mit Hilfe der Orgasmustheorien sich von den Meinungen befreite, was richtig (gesund) ist und was falsch (krank). Bei seinen Bionexperimenten und die daran anschließende Forschungen versuchte er weitgehend die Meinungen („Vorarbeiten“) anderer Wissenschaftler zu ignorieren und nur auf die Natur selbst zu hören. Das betraf schließlich auch die Kinder der Zukunft: die Natur selbst weiß, was gut für sie ist. – Mit dieser Grundhaltung sollten wir auch die KI behandeln: es ist nur der nächste Schritt im Prozeß des allgegenwärtigen Wahnsinns.