Posts Tagged ‘Kulte’

Politische Identifikation und persönliches Identitätsgefühl (Teil 2)

4. Januar 2019

von David Holbrook, M.D.

Politik ist im Wesentlichen eine Form des Kampfes. Also erlauben wir uns, Krieger zu werden. Denk darüber nach. Ist das wirklich das, was du sein willst? Möchtest du ein Soldat oder möchtest du ein Mensch sein? Möchtest du dich mit einem Satz politischer Waffen und Ideologien identifizieren oder mit den Menschen, die du persönlich kennst und liebst? Laß deinen Speer fallen!

Es gibt mehr im Leben! Hast du das vergessen? Ist unser persönliches Leben jetzt so arm, daß wir den Reichtum persönlicher und zwischenmenschlicher subjektiver Erfahrung durch einen starren Satz von Überzeugungen ersetzen, dem wir nun gestatten uns und unsere Ansichten über andere zu definieren? Sehr gefährlich!

Wir werden zu Zombies, wir bilden politische Kulte. Laß es nicht zu, daß der Reichtum des Lebens aus deinem Herzen gesaugt wird. Liebe deinen Partner, liebe deine Familie. Die einzige Art von Politik, die wirklich zählt, beginnt in deinem Herzen. Konzentriere dich auf dich. Verändere dich. Mache dir nicht so einen Kopf über andere Menschen. Laß sie. Ersetze den Reichtum des Lebens nicht mit der Enge des politischen Streits. Der Glaube, daß die Politik die Menschen jemals wirklich verändert hat oder wird, ist eine Täuschung! Schaue dir das 20. Jahrhundert an!

Sei einfach menschlich. Kanalisiere nicht deinen Ärger, deine Frustration und deine Unzufriedenheit in politische Konflikte. Finde einen Weg wirkliche Menschen zu lieben, Menschen, die du tatsächlich kennst und mit denen du zu tun hast, nicht Stereotypen und Karikaturen anderer, die du noch nie getroffen hast. Laß deine Waffen fallen! Habe eine Beziehung mit tatsächlichen Menschen und beziehe dich nicht auf politische Stereotypen. Wir müssen keine politischen Kommunen bilden, um zu lernen, sozial zu sein. Werde wieder eine Person.

 

Dieser Text wurde mit Genehmigung von Dr. Holbrook seiner Facebook-Seite entnommen und übersetzt.

Wenn der „Kampf gegen Modju“ zu einer pestilenten Farce wird: Nachtrag

2. Dezember 2017

Was eigentlich ist an Hitler und L. Ron Hubbard so faszinierend, daß sich Kulte ausbilden konnten („Antifaschismus“ und „Antiscientology“), die den ursprünglichen Kulten in ihrem blinden Fanatismus in nichts nachstehen. Es ist billig von einer „Faszination des Bösen“ zu sprechen. Was die Massen wirklich fasziniert, ist nicht das Böse, sondern das Gute. Bei Hitler sind das drei Dinge:

  1. die Verachtung für Politik,
  2. die Überwindung des Staates und
  3. der Vorrang der Biologie.

Punkt 1 braucht nicht weiter erläutert zu werden. Vom „Hinwegfegen der Parteien“, von dem er in den 1920er Jahren sprach, bis zum Führerbunker, als er seinen Ekel vor jeder Politik bekundete und endgültig „keine Politik mehr machen wollte“, ist das ein unverkennbarer roter Faden. Punkt 2 mag angesichts des „totalen Staates“ überraschen, aber tatsächlich hat Hitler alles getan, um die staatlichen Institutionen zu unterminieren. Das Dritte Reich war ein einziges Chaos ohne eindeutige Zuständigkeiten. Das bringt uns zu Punkt 3: für Hitler war der Staat eine „jüdische Erfindung“, um den naturgegebenen Kampf der Gruppen und Individuen zu unterbinden. Hitler war schlicht und ergreifend ein Darwinist, wobei sein „Darwinismus“ dem entsprach, was er in den entsprechenden kruden populärwissenschaftlichen Schriften gelesen hatte. Das Leben sollte sich selbst organisieren, in dem Sinne, daß der Starke das nimmt, was ihm ob seiner Stärke zusteht. Die Natur, bzw. das, was sich Hitler unter „Natur“ vorstellte, sollte wieder zu ihrem Recht kommen!

Und was L. Ron Hubbard betrifft: vor ihm gab es die Psychoanalyse (und deren diverse Abspaltungen), d.h. ein kostspieliges, elitäres Expertenwissen, das nur wenigen Privilegierten zugutekam und deshalb angesichts des neurotischen Massenelends vollkommen bedeutungslos war. Hubbard war der erste, der eine schnell wirksame Selbsthilfe anbot. Daß nichts hinter den hochtrabenden Versprechungen stand und sich infolge die „Dianetik“ und Scientology zu einer rigiden, totalitären Pseudoreligion für Wohlhabende entwickelte, die finanzielle gerupft wurden, ist von sekundärer Bedeutung. Wichtig ist, daß Hubbard der erste war, der Menschen dazu brachte sich mit ihren Traumatas und dem ganzen Seelendreck, der uns alle erstickt, zu konfrontieren, um nicht immer und immer wieder die gleichen Fehler zu machen. Das fasziniert die Menschen an Scientology. Das ist, was sie anzieht – und gleichzeitig abgrundtief verängstigt.

Um was es geht, zeigt folgende Rede des Führers der faschistischen Organisation „Nation of Islam“, der vor einigen Jahren die Dianetik in seinen Kult integrierte. Er spricht beispielsweise über sexuellen Mißbrauch von jungen Schwarzen in ihren Familien und über seine eigene Verletzlichkeit in dieser Hinsicht. Eine absolut bemerkenswerte Rede. Ich kenne keine einzige von einem anderen religiösen Führer, die derartig „orgonomisch“ ist:

Für den selbstgerechten „Reichianer“ ist Farrakhan ein pestilenter Charakter und damit ist die Sache für ihn, den selbstgerechten Kleinen Mann erledigt. Reich selbst war kein „Reichianer“: er wußte, daß Leute wie Hitler und Farrakhan hier und da grundsätzlich Recht haben – im Rahmen der allgemeinen Schweinerei, für die sie ansonsten stehen.

Nochmal für die Blöden: Würde ich hier über Hitler und Hubbard herziehen als die Bösesten des Bösen, wäre das ebenso, als schrie ich, der Himmel sei blau. Es wäre vollkommen überflüssig! Wichtig ist zu fragen, warum Hitler und Hubbard diese verhängnisvolle Macht über so viele Menschen gewinnen konnten. Hitler hat faszinierend, weil er das angriff, was die Menschen aus ihrem Kern heraus hassen, weil es ihr Leben zerstört: die Politik, den Staat und daß man nicht seiner Biologie gemäß leben kann. Bei Hubbard liegt das Faszinosum darin, daß er einen Weg zu den Traumen wies, die das Leben der Menschen überschatten. In Reichschen Begriffen: sie waren Wahrheits- und Freiheitskrämer.

Ist die Orgonomie eine “heilige Wissenschaft”?

27. Oktober 2016

Robert Jay Lifton hat eine „heilige Wissenschaft“ wie folgt umrissen:

Das totalitäre Milieu hält um sein Grunddogma eine Aura der Heiligkeit aufrecht, um es als ultimative moralische Vision für die Ordnung der menschlichen Existenz hochzuhalten. Diese Heiligkeit wird im Verbot evident (…), die Grundannahmen in Frage zu stellen, und in der Verehrung, die für die Urheber der Botschaft, dem gegenwärtigen Träger der Botschaft und die Botschaft selbst gefordert wird. Während die übliche Logik verletzt wird, stellt das Milieu übertriebene Behauptungen über seine luftdichte Logik und absolute „wissenschaftliche“ Präzision auf. Demnach wird aus der ultimativen moralischen Vision eine ultimative Wissenschaft und derjenige, der es wagt sie zu kritisieren oder auch nur unausgesprochene alternative Ideen hegt, wird nicht nur als unmoralisch und respektlos betrachtet, sondern auch als „unwissenschaftlich“. Auf diese Weise stärken die Meisterdenker des modernen ideologischen Totalitarismus ihre Autorität, indem sie behaupten Anteil am reichen und angesehenen Erbe der Naturwissenschaft zu haben.

Wenn man Reich mit den anderen Psychoanalytikern seiner Zeit und auch mit Freud selbst vergleicht, wird deutlich, daß er noch am wenigsten „spekulierender Philosoph“ war. Man denke nur an die von ihm bekämpfte Todestriebtheorie oder die ebenso absurde Theorie Anna Freuds, das Ich sei von Natur aus zu schwach für die Triebe, die im Menschen wüten. Wenn irgendwer eine „moralische Vision“ hatte, um pseudowissenschaftliche Behauptungen aufzublasen, dann seine Gegner. Was die Entwicklung von den Bionen bis hin zum Cloudbuster betrifft, bestand die Problematik, daß kaum einer seiner Mitarbeiter und Anhänger die Expertise hatte, um Reich wirklich zu folgen. Und Wissenschaftler, die eine Ausbildung in dem von Reich jeweils beackerten Feld hatten, etwa Physiker, die über Reichs laienhafte Herangehensweise stolperten, konnten den spezifischen Zusammenhang der Reichschen „Orgasmus-Forschung“ nicht erfassen. Das begann schon bei den bio-elektrischen Experimenten, als sich Reich mit Fachleuten der Kaiser Wilhelm Gesellschaft herumplagen mußte (siehe Jenseits der Psychologie). Zu allem Überfluß sah sich Reich als „Orgasmusforscher“ nach entsprechend desillusionierenden Erfahrungen in Skandinavien gezwungen, auf seiner „moralischen“ Würde als Wissenschaftler, „Meisterdenker“ und „Herr Dr. Reich“ zu beharren.

Von daher gibt es in der Orgonomie durchaus kultische Elemente, Elemente einer „heiligen Wissenschaft“, aber das müssen sowohl Anhänger als auch Kritiker im Kontext sehen. Die einen sollten sich fragen, warum sie Reich glauben, nicht aber der Schulwissenschaft, die sie zwar auch nicht verstehen, die aber immerhin von unzähligen Wissenschaftlern vertreten wird, die sich gegenseitig kontrollieren. Und den Kritikern sei gesagt, daß letztendlich die Zeit über wissenschaftliche Theorien entscheidet und nicht die Mehrheit vermeintlicher Experten. Die Bione haben Bestand, der Orgonenergie-Akkumulator, der Cloudbuster und vieles mehr. Was es nicht wirklich gibt oder was keinen Sinn macht, verflüchtigt sich über kurz oder lang im Rahmen einer „natürlichen Auslese“, egal wie „heilig“ es auch immer aufgemacht ist, um dieser natürlichen Auslese zu entgehen.

Auf dem Weg zur Antiorgonomie (Teil 2)

19. Mai 2016

Da die Orgonomie nicht anerkannt ist und deshalb ein ziemlich abgeschlossenes, „sektiererisches“ Dasein fristet, besteht die Gefahr, daß sie als soziales „Biotop“ mißbraucht wird. Man wird Teil einer verschworenen Gemeinschaft, deren „Geheimwissen“ für den gewissen Kick sorgt und dem Leben einen Sinn gibt. Doch genauso wie sich Sexualität und Arbeit wechselseitig ausschließen, harmoniert diese Art von Nestwärme nicht mit der orgonomischen Wissenschaft. Sie im gleichen Lebensbereich zu suchen, bedeutet einen Kult zu begründen.

Auch wird die Orgonomie in einen weltanschaulichen Kult verwandelt, wenn man passiv die Weisheiten der (vermeintlichen) orgonomischen Autoritäten wie heilige Worte unreflektiert aufnimmt, ohne selbständig zu denken. Es geht um die funktionelle Hierarchie des arbeitsdemokratischen Prozesses, nicht um Heilssicherheiten, die von oben nach unten weitergegeben werden.

Für Reich war A.S. Neill das perfekte Beispiel eines „Anhängers“, wie er ihn sich wünschte:

Neill besitzt in einem sehr hohen Grade die seltene, aber auch so wichtige Qualität der vollständigen Unabhängigkeit bei gleichzeitiger Unterordnung, was die gemeinsame Sache betrifft. Das unterscheidet ihn von dem Rebellen, der sich zwar nicht für eine gemeinsame Sache unterordnen will, der aber gleichzeitig nie seine tiefe Abhängigkeit in den Griff bekommt. Dergestalt gingen viele Meinungsunterschiede in Erziehungs- und sozialen Fragen einher mit einem tiefempfundenen Verantwortungsbewußtsein für die gemeinsame Hauptaufgabe. (Reich: „Orgonomy 1935-1950 – A Brief Review (I)“, Orgone Energy Bulletin, Vol. 2, July 1950, S. 146)

Von seiten Kleiner Männer und Frauen wird gegen die „offizielle“ Orgonomie, insbesondere das American College of Orgonomy, häufig der Vorwurf erhoben, sie wäre viel zu orthodox, in sich abgeschlossen und nicht offen genug, während die „Reichianische Szene“ ganz anders wäre, nämlich offener und lebendiger. So wird die Alternative zwischen einem „offenen Reichianismus“ gegen einen „fundamentalistischen“ orgonomischen Kult konstruiert. Aus derartigen Aussagen spricht die Sehnsucht nach der Nestwärme einer „orgonomischen Bewegung“, die einen mit offenen Armen aufnimmt und deren mitgerissenes Teil man sein kann. Der Orgonomie wird etwas vorgeworfen, was man heimlich von ihr ersehnt, aber nicht bekommt: kultische Führung. Die „orthodoxe“ Orgonomie ist so unpopulär, weil sie sich immer dagegen gesperrt hat, nach Reichs Tod eine „mitreißende“ Bewegung ins Leben zu rufen, z.B. indem sie die Therapie streng auf Mediziner beschränkte. Man denke in diesem Zusammenhang an die (bis vor etwa 15 Jahren) explosionsartige Ausbreitung „Reichianischer Therapeuten“ und neuerdings an das wilde Wuchern von „Chembustern“.

Dadurch, daß sie öffentlich zum Ausdruck brachten, sie wollten keine Gurus sein, warfen die Führer der Orgonomie die Menschen auf sich selbst zurück. Die Orgonomen verhielten sich dabei nicht anders als in der individuellen Therapie, in der es nicht die Aufgabe des Therapeuten ist, dem Patienten „Gesundheit zu geben“, sondern ihm ein realistisches Bild seiner selbst zu vermitteln (z.B. daß der Patient nicht atmet und partout nichts tut, um sein soziales Leben zu verbessern), woraus der Patient selber Konsequenzen ziehen muß. Der Kleine Mann empfindet diesen Appell an den Willen zur Selbstregulierung als die kalte Arroganz des gehaßten „Establishments“, das den Kleinen Mann aus der heimeligen Wärme der Masse herausreißen will. Irrwitzigerweise sprechen dann diese Kleinen Männer von „Arbeitsdemokratie“, die das besagte „Establishment“ angeblich mißachtet.

Charakteranalyse ist ideologiefrei wie eine Blinddarmoperation oder sie ist das Gegenteil von Charakteranalyse. Es gibt wohl kaum etwas Widerwärtigeres als „Orgontherapeuten“, die jede einzelne Äußerung des Patienten verbal und vor allem nonverbal moralisch bewerten, also dem Patienten vorgeben, was er von sich selbst zu halten hat. Dies untergräbt jede Selbstregulation und ist gemeingefährliche Manipulation – es ist nichts anders als Seelenmord. Man braucht nur wenige Elemente der Orgonomie ändern, etwa „orgonomische“ Moral ins Spiel bringen, und schon wird die Orgonomie zum hassenswertesten System, das es jemals auf der Erde gab. Aufgabe des Therapeuten ist es nicht, sich in das Seelenleben des Patienten einzumischen („subjektive Meinungen“), sondern ihm einfach nur zu helfen, das Primäre und Gesunde vom Sekundären und Neurotischen zu scheiden („objektive Naturprozesse“). Kontakt!

Hier kommt das ins Spiel, was Reich als „die sogenannte ‘Weltanschauungsfrage’“ (Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 163) bezeichnet hat. Es geht um die grundsätzliche „weltanschauliche“ Unterscheidung zwischen lebenspositiv und lebensnegativ. Diese Unterscheidung ist in allen Lebensbereichen zu treffen, vor allem aber in der Wissenschaft. Reich hat dazu gesagt:

Ich halte es für richtig, an jeder geeigneten Stelle zu betonen, daß es nicht darauf ankommt, ob eine Wissenschaft von der menschlichen Natur einer Weltanschauung entspringt und durch sie gefärbt ist; daß dies nicht anders sein kann, ist jedem Wissenschaftler klar; wohl aber ist entscheidend, mit welcher Weltanschauung sich eine wissenschaftliche Tätigkeit verbündet; mit der, die das Wissen, die ganze Persönlichkeit des Forschers und oft auch seine Existenz und sein Leben in den Dienst der Erforschung des Seins stellt, oder mit der, die alles tut, buchstäblich alles, von der harmlosen falschen Theoriebildung über den Boykott des Gegners und wissenschaftlichen Raub an ihm bis zu reaktionären Taten und Manifesten, um zwar den Nimbus der Wissenschaft für sich zu sichern, aber im übrigen jedes Stückchen mühsam errungenen Wissens zu verschleiern, abzubiegen, seine Konsequenz zu vermeiden. (Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral, KiWi, S. 199)

Man kann ganze Bibliotheken durchforschen, auf zwei Dinge wird man nie stoßen: die Orgasmustheorie und die Über-Ich-Problematik. Das sind Bereiche, die aus weltanschaulichen Rücksichtnahmen aus der Wissenschaft ausgegliedert wurden. Die gleichen Leute sprechen aber sofort von weltanschaulichem Mißbrauch der Wissenschaft, wenn die Orgonomie den Unterschied zwischen Primär und Sekundär verdeutlichen will. Dabei geht es einfach nur darum, seinen inneren (primären!) Gefühlen frei zu folgen, statt einer künstlichen Weltanschauung. Es geht darum, unverstellt durch unfundierte Meinungen direkten Kontakt mit der Realität aufzunehmen, anstatt in weltanschaulichen Illusionen gefangen zu bleiben. Es geht um den Unterschied zwischen Kontakt und Kontaktlosigkeit. Jede korrekte Beobachtung muß „stets zu funktionellen, energetischen Formulierungen führen, wenn man nicht vorher abbiegt“ (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 48).

Es gibt gewisse Wahrheiten, die durch unsere Sinne und Bewegungen a priori gegeben sind. (Christusmord, Freiburg 1978, S. 299)

Die Orgonomie ist der unmittelbare, also wissenschaftliche Ausdruck der Wirklichkeit. Reich hat alle metaphysische Auslegung weit von sich gewiesen, ist nicht der Auslegungsakrobatik der Tiefenpsychologie gefolgt, sondern ist dem greifbaren Körper und seinem Verhalten nachgegangen; hat das alltägliche Leben der objektiven Arbeitsdemokratie untersucht und nicht politische Ideologien vertreten; ist nicht teleologischen Zielvorgaben und irgendwelchen außer ihm liegenden Zwecken gefolgt, sondern hat den Weg zum Ziel erklärt. Dies entspricht dem „Silent Observer“, dem nüchternen, nicht weltanschaulich befangenen Beobachter.

Während Ideologien und Religionen Weltbilder erschaffen, entdeckt die Wissenschaft: Reich hat die Arbeitsdemokratie nicht als neue subjektive Weltanschauung geschaffen, sondern als objektive Tatsache entdeckt; er hat nicht ein neues Menschenbild geschaffen, sondern die Genitalität und damit den Genitalen Charakter entdeckt. Es gibt unendlich viele jener erschaffenen Ideologien und Religionen, unendlich viele Weltanschauungen, aber nur eine einzige Wissenschaft. Man kann, so Reich, Tausende von Meinungen über ein und dieselbe Sache haben, aber es gibt nur eine einzige korrekte Erklärung für sie („The Evasiveness of Homo Normalis“, Orgonomic Functionalism, Vol. 3, Summer 1991, S. 84).

Wenn „Reichianer“ den Orgonomen einen „totalitären orgonomischen Fundamentalismus“ vorwerfen, weil diese auf den wissenschaftlichen Fundamenten beharren, steckt hinter dieser Kritik Blauer Faschismus. Diese „Reichianer“ wollen auf der Orgonomie ihre diversen weltanschaulichen Süppchen kochen. Und wenn sie einwenden, sie würden eine offene, nichttotalitäre, tolerante Weltanschauung vertreten, dann sind sie doch nur Agenten der allgegenwärtigen Reaktion und Teil der vorgeblich „pluralistischen“ Unterdrückung der einen wissenschaftlichen Wahrheit. Konsequent umgehen sie das durch den Namen „Wilhelm Reich“ gekennzeichnete Wesentliche: die Orgasmustheorie und die Über-Ich-Problematik. Man denke z.B. daran, daß aus Gründen politischer Korrektheit die Homosexualität irrigerweise nicht mehr als Krankheit betrachtet wird – werden darf. Man darf Sekundäres und Primäres nicht mehr unterscheiden. Die Orgonomie soll sich dem „gesellschaftlichen Konsens“, den interessanterweise stets angeblich „Progressive“ im Munde führen, anpassen.

Reich erachtete alles (einschließlich Gott, Geist, Selbst, Religion, Liebe, etc.) als naturwissenschaftlich erforschbar. Zum Beispiel löst die Orgonomie philosophische und psychologische Probleme, die das Bewußtsein beinhalten, durch außerphilosophische und außerpsychologische Mittel. Die Frage nach dem Unbewußten wird über die physiologische Panzerung beantwortet; die Frage nach der Realität der Außenwelt durch Auflösung der Augenpanzerung. In diesem Beharren darauf, daß grundsätzlich alles der naturwissenschaftlichen Forschung zugänglich ist, war Reich weit radikaler als praktisch alle anderen Naturwissenschaftler, die immer noch Platz außerhalb der Wissenschaft für Weltanschauung und „Glaubensfragen“ lassen.

Man nehme den Biophysiker Alfred Gierer, für den

viele verschiedene philosophische, kulturelle und religiöse Ideen mit wissenschaftlichen Tatsachen und logischem Denken vereinbar (sind). Wissenschaft ergibt keine verbindliche Weltdeutung, sie ist selbst deutungsbedürftig. (Die gedachte Natur, München 1991, S. 13)

Sogar für die irrationale Mystik ist Platz:

Wissenschaft widerlegt nicht Religion als solche. Wissenschaft ist mit dem Glauben vereinbar, daß es keinen Gott, einen Gott oder mehrere Götter gibt. Der Mensch kann, er muß aber nicht die Welt als Gottes Schöpfung und den Menschen als sein Ebenbild verstehen. Religion steht in Zusammenhang mit Lebensbereichen, die die Wissenschaften nicht ausfüllen und die dennoch für das Individuum und die Gesellschaft wichtig sind; sie stellt sich Fragen nach dem Sinn und Ziel menschlichen Daseins und nach dem „guten“ Leben. (ebd., S. 250)

Reich hat stets gegen derartige „wissenschaftliche“ Freibriefe für den mystischen Irrationalismus gekämpft. Bereits in den 1920er Jahren hat er sich dagegen verwahrt, die Psychoanalyse als „bürgerliche Kulturphilosophie“, also als Ideologie aufzufassen. Erinnert sei an seine schroffe Ablehnung der Laienanalyse, mit der Freud (nach Reichs etwas schiefer Einschätzung) die Psychoanalyse von einer medizinischen Disziplin in eine Weltanschauung überführen wollte. Dagegen setzte Reich seine „Wissenschaft der sozialen Sexualökonomie“ (Massenpsychologie des Faschismus, S. 47). Im Kapitel über „Die Sexualökonomie im Kampf gegen die Mystik“, sowie in „Einige Fragen der sexualpolitischen Praxis“, sieht man, daß es ihm beim Kampf gegen die Mystik (und damit gegen die faschistische Bewegung) stets darum ging, die Naturwissenschaft gegen die Mystik durchzusetzen: dem Feind (!) keine Ruheräume zu gönnen. Er frägt:

Wurden im Kampf zwischen Naturwissenschaft und Mystizismus alle Möglichkeiten von der ersten ausgeschöpft? (ebd., S. 161)

Die Orgonomie ist die Wissenschaft, die sich mit der Orgonenergie und ihren Funktionen, d.h. mit grundsätzlich allem befaßt. Sie ruht auf drei Säulen: die Funktion des Orgasmus, die Entdeckung des Orgons und die orgonometrische Denkmethode. Gemeinsam ist diesen drei Grundelementen der Orgonomie, daß ihnen Zielvorgaben inhärent sind: das Orgon als positive Gegebenheit und sein ungestörter Metabolismus, d.h. sexuelle, medizinische, soziale und ökologische Hygiene. Die Wirklichkeit, d.h. letztlich die orgonotische Pulsation, stellt also objektive Forderungen, die nichts mit subjektiven, willkürlichen Weltanschauungen zu tun haben. Man kann nicht darüber diskutieren, ob es Hygiene geben soll oder nicht; ob ein Kind gesund oder krank aufwachsen soll! Selbstregulation ist selbstverständlich, es ist der Sache immanent, während die Weltanschauungen, die der Wissenschaft angeklebt werden, immer eine Sache von Fremdbestimmung sind: das „Sollen“ wird von außen durch „Offenbarungen“ oktroyiert.

Wie Reich es während seiner Marxistischen Periode in seiner Kritik der „bürgerlichen“ Wissenschaft formuliert hat, sind Sein und Sollen nicht voneinander zu separieren. Daß aus dem Sein ein Sollen folgt, ist natürlich nicht dahin mißzuverstehen, daß man aus einer Tatsachen-Feststellung einfach Forderungen ableiten (Die sexuelle Revolution, Fischer TB, S. 140) oder sich bei einer Forderung auf die Vergangenheit berufen kann. Dies wäre, Reich zufolge, ein logischer Irrtum (ebd., S. 139). Vielmehr muß man die Entwicklung betrachten, die rückschrittlichen und progressiven Elemente identifizieren und entsprechend unterdrücken bzw. unterstützen (ebd., S. 149). Es läuft also wieder auf die kontaktvolle Unterscheidung zwischen dem Sekundären, Gepanzertem und dem Primären, Gesunden hinaus.

Reich wollte gegenüber dem Zeitgeschehen die überzeitlichen Naturgesetze, etwa die Funktion des Orgasmus, zur Geltung bringen. Dieser Wille zur „politischen“ Wirksamkeit steht in der Tradition der „kosmischen Politik“ Giordano Brunos oder der „großen Politik“ Nietzsches (Studienausgabe, Bd. 13, S. 637f), d.h. es geht um die Rückführung der Geschichte auf die Natur. Bei Bruno war es der Protest gegen den sich ausformenden Absolutismus, der nicht dem neuen dezentralen Bild des Kosmos entsprach, dazu gehörte für Bruno auch die Beseitigung des Glaubens an einen persönlichen Gott.

In der Orgonomie sind Theorie und Praxis unlösbar miteinander verknüpft (immer wieder: Kontakt!), d.h. es gibt in ihr keine reine Theoretisiererei, keine Trennung zwischen Geistes- und Naturwissenschaft, sondern Reichs sozial- und naturwissenschaftliche Theorien sind stets unmittelbar „auf der Straße“ und im Laboratorium, nicht am Schreibtisch entstanden. Reichs so unwissenschaftlich wirkendes revolutionäres Pathos stammt daher, daß man ihm zufolge keinen Gegensatz von Wissenschaft und dem (organisierten) Anstreben gesellschaftlicher Veränderungen, d.h. dem Separieren des Sekundären vom Primären, konstruieren kann. Doch die Trennung von Sein und Sollen ist die Ideologie der modernen Naturwissenschaft: aus dem faktischen Sein sei kein ideelles Sollen ableitbar; es sei nur ethisch dekretierbar. Daß diese „wissenschaftliche“ Haltung ideologische Verkleisterung ist, zeigt sich am antiwissenschaftlichen „Wissenschaftsbetrieb“, in dem Fakten dekretiert werden. Neuerdings wird darüber abgestimmt; der „Pluralismus“ der bloßen Meinungen triumphiert.

In der Orgonomie brechen „alle Grenzen zwischen Wissenschaft und Religion, Wissenschaft und Kunst, Objektivem und Subjektivem, Quantität und Qualität, Physik und Psychologie, Astronomie und Religion, Gott und Äther“ (Das Oranur-Experiment, S. 221).

Reich sagt, daß die Orgonomie sowohl ein Zweig der Naturwissenschaft, als auch ein künstlerisches Verfahren ist (ebd.). Zum Beispiel prädestiniert Kunstempfinden zur orgonomischen Beobachtung der Natur bei der CORE-Arbeit. Dies heißt jedoch nicht, daß es eine „orgonomische“ Kunst geben müsse. Im Gegenteil! Kunst ist etwas Autonomes, das durch jede „weltanschauliche“ Inanspruchnahme zerstört wird. Es kann keine „orgonomischen Gedichte“, keine „orgonomischen Bilder“, keine „orgonomische Musik“ geben, denn gute Kunst erkennt man daran, daß jeder etwas anderes in sie hineinlesen kann: und da die Orgonomie keine Weltanschauung ist, ist alle Kunst als sicht- oder hörbarer Ausdruck der kosmischen Orgonenergie – orgonomisch.

Am Ende hat Reich sogar auf religiöse Bilder zurückgegriffen. Bereits Anfang der 1920er Jahre findet sich bei ihm das nonverbale Denken in Bildern, was seine Kollegen amüsierte und sie später schließen ließ, er sei wirklich meschugge, wenn er „Blasen- und Pseudopodienmodelle“ wortwörtlich nähme und in diesen Bildern dächte: psychotisches Primärprozeßdenken. In Wirklichkeit war es ein ganzheitliches, „ganzkörperliches“ Denken, das allen wirklich schöpferischen und originellen Menschen eigen ist, welches aber Homo normalis nicht von der Schizophrenie unterscheiden kann. Es ist ein Denken, das wie jede große Kunst und jede echte Religion um die Grundfunktionen der Natur kreist.

Die Orgonomie darf nicht in falsche Hände geraten, da sie, wegen ihrer Nähe zu „Kunst und Religion“, ansonsten tatsächlich zu einem mythologischen Wahnsystem mutieren kann. Man vergegenwärtige sich die Mythologisierungs-Tendenzen bei Reich: „Äther, Gott und Teufel“, „Christus und Modju“, etc. Stoff für ein vollständiges religiöses Wahnsystem, dem Abermillionen „Pestilenter“ geopfert werden könnten. Es geht um die klare Differenzierung zwischen „Weltanschauung“ im Sinne eines willkürlichen Wahnsystems und „Weltanschauung“ im Sinne der objektiven Unterscheidung zwischen lebenspositiv und lebensnegativ, primär und sekundär, OR und DOR. Es geht um die Differenz zwischen Orgonomie und Blauem Faschismus. Nochmals: Es ist eine Gratwanderung, die der Menschheit den finalen Todesstoß versetzen könnte, sollte die Orgonomie in die falschen Hände geraten.

Die Gefahren von Körpertherapien: Drei Fallstudien (Teil 6)

2. April 2015

DIE ZEITSCHRIFT FÜR ORGONOMIE

Charles Konia: Die Gefahren von Körpertherapien: Drei Fallstudien (Teil 6)

acologo

Kosmischer Faschismus

18. Juni 2014

Der orgonomische Sozialpsychologe Paul Mathews hat im Journal of Orgonomy (Nov. 1980), die faschistische Charakterstruktur wie folgt zusammengefaßt:

a. Verlangen nach und Unfähigkeit zur Freiheit
b. Sehnen nach einem „Führer“
c. Massenirrationalität

Faschismus zeichnet sich dadurch aus, daß in der Hauptpflanze der durch DOR entstandenen Emotionellen Wüste der Befreier von eben diesem DOR gesehen wird. Man denke nur an die Azteken, die glaubten, Cortez wäre der verheißende Retter Quetzalcoatl. So partizipierten sie an ihrem eigenen Untergang.

Anfang 1979 schrieb Jerome Eden angesichts des Massakers, das der amerikanische Sektenführer Jim Jones unter seinen Anhängern in Guayana angerichtet hatte, im EDEN Bulletin:

In Guayana folgten 910 Menschen einem Halbgott in Verderben, Verzweiflung und Selbstmord. Angesichts des überlegenen Intellektes und der „übernatürlichen“ Kräfte einer außerirdischen Rasse werden wie viele Tausende, nein, Millionen diesem interplanetarischen neuen Führer auf einer letzten Reise zur „Erlösung“ folgen? (…) Ständige Sehnsucht und Verlangen nach „Befreiung“ und „Erlösung“ basiert auf der Unfähigkeit sexuelle Befriedigung zu erreichen. (…) Generell ist die Menschheit sexuell krank (orgastisch impotent) und sucht deshalb illusorische Befriedigung im irrationalen Mystizismus.

Die orgastische Impotenz des Menschentiers ist der Hintergrund unserer planetaren Notlage und die wahre Machtbasis ihrer Verursacher. So sang Patti Smith einst auf der LP Radio Ethiopia:

Wann, wann wirst Du gelandet sein. Wann, wann wirst Du zurückkehren. Fühle, fühle mein Herz sich ausdehnen. (…) Nimm mich für immer. (…) tief in Dein Schiff. (…) lasse meine Augen in den Himmel aufsteigen und nach Dir suchen. (…) oh, ich warte auf Dich (…)

Wagners Opern-Dramen (wie es schon Nietzsche diagnostizierte), vielleicht Richard Strauß‘ Salome etc., spiegeln eine ähnliche bio-kosmische Lüsternheit wider. Wir wissen, worin diese kulminierte und der orgonotische Drang nach „Emanzipation“ hin zur „Befreiung“ aus angeblich hoffnungsloser Lage hat sogar noch zugenommen.

Wir könnten sehr bald einer Massenirrationalität gegenüberstehen, in der die gleichen bio-kosmischen Funktionen wirksam werden, welche in den deutschen Massen der 1930er Jahre arbeiteten, als diese sich einer unbestimmten Sehnsucht hingaben, die von Hermann Hesse so intensiv weitergetragen bis in die „Jugendkultur“ der 60er Jahre nachwirkte.

In Die Funktion des Orgamus schreibt Reich, die Faschisten träten „mit dem Anspruch auf, die ‚biologische Revolution‘ durchzuführen.“ Im Faschismus wirke, „vom Standpunkt der ihm folgenden Massen gesehen, zweifellos ein unbändiger Lebenswille.“

Im Neuheidentum des deutschen Nationalsozialismus brach sich das vegetative Leben abermals Bahn. (Die sexuelle Revolution)

Die pulsierende Orgonenergie wird zum Wallen „reinen“ Blutes oder zum Zittern „bioenergetisch“ überspannter Muskeln. Der Himmel orgastischer Trieberfüllung wird ersetzt durch „Geist“ und die Befreiung von energetischen Blockaden liegt in den Händen des „Erlösers“.

Heute ist die Situation problematischer als zu Reichs Zeiten, da damals die Charakterstrukturen stabiler und unbeweglicher waren. Heute, wo das Menschentier sicherlich durch ein höheres Energieniveau ausgezeichnet ist, kämpft in den Menschen eine destruktive ORANUR-artige Reaktion gegen die alte DOR-Stasis an und führt zu einem inneren Chaos, das durch Psychopharmaka mühsam kupiert wird.

Schon in Der Krebs, also vor dem ORANUR-Experiment, schreibt Reich über die Entwicklung im 20. Jahrhundert:

Erhöhte Lebensansprüche stießen auf alte (…) innere neurotische Hemmungen. Menschen, die durch die Veränderung der Sitten zur Bewußtheit ihrer sexuellen Bedürftigkeit kommen[, aber orgastisch impotent sind], müssen notwendigerweise zerrissen werden, müssen biopathisch erkranken, asozial und kriminell werden.

Weiter sieht der „Prä-ORANUR-Reich“ dies wohl als notwendige Zwischenphase an, aber grundsätzlich in die richtige Richtung fortschreiten, hebt aber auch hervor, daß wir es mit einem „momentan gefährlichen Fortschritt zu tun“ haben.

Derart zerrissene Biosysteme, in denen diese ORANUR-artige Reaktion wütet (nicht zuletzt aufgrund der allgemeinen atmosphärischen ORANUR-Reaktion) und die unfähig sind, dieses innere Brennen durch Energieentladung zu löschen, suchen sich, der Medizinischen Orgonomin Barbara G. Koopman (Journal of Orgonomy, May 1973) zufolge,

die strengsten Tyrannen aus (…) um ein soziales Milieu zu schaffen, in dem die Reglementierung maximal und die Freiheit (Beweglichkeit) minimal ist.

Sie versuchen,

den inneren Aufruhr dadurch zur Ruhe zu bringen, indem sie sich Zielen anschließen, die alle Bewegung von außen her erstarren lassen.

Deshalb werden diese Homo sapiens Hand in Hand mit den DOR-Menschen aus dem Weltraum zusammenwirken, um aus diesem Planeten einen kosmischen Zoo oder ein planetares Kamputschea zu machen.

Koopman bezog sich auf die „radikale Bewegung“ Ende der 60er/Anfang der 70er. Bald danach wandten sich jene, die einst Ho Che Minh und andere Rote Faschisten angehimmelt hatten, zu einem Gutteil irgendwelchen Gurus und dem „New Age“ zu.

Angesichts der so hoffnungslos ausschauenden Lage unseres Planeten werden die Menschen allen jenen folgen, die ihnen die Droge Hoffnung geben. Angesichts der kindlichen Naivität, mit der man einst auf Gorbatschow reagierte (er brachte die Leute zum „Gorbasmus“) und nun auf Putin, so als könne der Rote oder Schwarze Faschismus nicht jederzeit wieder sein wahres Gesicht zeigen, wie wird man da erst auf die Erlöser aus dem All reagieren?!

Lenin sagte einmal zum Gründer der Tscheka (später KGB): „Die im Westen sind Wunschdenker, wir werden ihnen das geben, was sie denken wollen.“ Unsere ganze Kultur wurde seit 1968 durch den Stalinisten Ernst Bloch von diesem Hoffnungsdenken infiziert. So wurde unsere vermeintliche intellektuelle Elite verdummt, bis die Ferkel die Perlen der Erlösung nicht mehr in der materialistischen Jauche des Marxismus, sondern den Äthersphären des New Age suchten. Mit Sicherheit werden sie sich schließlich den „Brüdern“ aus dem All zuwenden.

Bei all dem wollen wir nicht aus den Augen lassen, daß „Geschichte“ die Entwicklung der Orgonenergie in der jeweiligen Tiergattung (und ihrer Umwelt!) ist und daß wir heute Teil einer kosmischen ORANUR-Reaktion sind.

Reich glaubte, daß die Anwendung der Orgonenergie das Menschentier positiv in Richtung auf mehr Lebensbejahung beeinflussen würde. Aber die Sexuelle Revolution hat z.B. weitgehend doch nur mehr entfremdete, desorganisierte und pestilente Tiere erzeugt. In Christusmord schreibt Reich:

Nichts ist leichter, als aus einer Lehre, die die Liebe und die natürliche Genitale Umarmung umfaßt, eine Religion der permissiven, pornographischen Sexualität zu machen. Und es gäbe für die Menschheit keine größere Katastrophe als [dies].

Die Orgonenergie ohne Orgasmusfunktion ist wie ein Dampfkessel ohne Ventil, das Böse per se. Losgelöst von der Genitalen Funktion ist das Orgon weit gefährlicher als das Atom. Aus dem Weltraum werden wir von einer Zivilisation bedroht, die genau dieses Stadium bereits erreicht hat: Meisterung der Orgonenergie und gleichzeitige Roboterhaftigkeit.

Kult!

26. Februar 2014

Der 2007 verstorbene indische „spirituelle Meister“ Sri Chinmoy hat, wenn auch indirekt, wie kaum jemand sonst mein Leben geprägt. Anfang der 1970er Jahre war ich ein eingeschworener Fan der Jazz-Rock-Gruppe Mahavishnu Orchestra, das von einem seiner Jünger, dem Gitarristen John McLaughlin gegründet worden war. Chinmoy hatte ihm den bombastischen spirituellen Ehrennamen „Mahavishnu“ gegeben und umgekehrt sollte nun das Mahavishnu Orchestra Gott mit Musik preisen – denn Chinmoy galt unter der Hand als Avatar Gottes. (Später erfuhr ich, daß Chinmoy ein Schüler von Sri Aurobindo war, dessen „integratives Yoga“ ich damals halbherzig betrieb.)

Bei der Lektüre des Buches über diese Gruppe Power, Passion and Beauty. The greatest band that ever was ist mir beim Bekunden des Verfassers, sein Schreibstil würde auf die zwischen Chaos und strenger Ordnung changierenden Musik des Mahavishnu Orchestras zurückgehen, aufgegangen, daß auf mich genau dasselbe zutrifft. Wir „Vishnus“ fühlen, denken und schreiben anders als ihr Normalos 😉

Aber nicht nur, weil er den Kopf der greatest band that ever was inspiriert hat – ohne Chinmoy hätte es diese Musik nie gegeben – auch um ihn selbst wegen, ist es verlohnend, sich mit diesem ansonsten vollkommen unbedeutenden Guru zu befassen. Beispielsweise verlangte er von seinen Jüngern sexuelle Abstinenz… – man lese auf der von seinen klagefreudigen Jüngern zusammengestrichenen Website weiter. Seine Komplexe kompensierte er mit absurden Weltrekorden im Gewichtheben, das Zelebrieren von Katzenmusik („Friedenskonzerte“) und das Beschmieren von Papier (unendlich viele „Gedichte“ und „Malereien“).

Seine tragikomische Geschichte ist ein Lehrstück über die Massenpsychologie des Faschismus. Diese Melange aus banalem Gelaber, das als „Tiefe“ durchgeht, aus Sexualhunger, Doppelmoral, Machtbesessenheit und einer gewissen „Dämonie“ findet sich bei allen Gurus und Lamas, – wenn man etwas an der Oberfläche kratzt. Es ist immer die gleiche schmutzige Geschichte: Alkoholiker, Kinderficker, Vergewaltiger, Perverse. Siehe dazu Die Massenpsychologie des Buddhismus, sowie Swami Paramahamsa Nithyananda. Oder etwa der Fall Oliver Shanti.

Um so verwunderlicher ist es, daß diese Wichte ihre Anhänger zu insbesondere künstlerischen Höchstleistungen inspirieren können. Dazu folgender Kommentar aus YouTube zu John McLaughlins Entwicklung von der greatest band that ever was hin zum zweiten Mahavishnu Orchestra bis heute:

Ich beneide Sie wirklich, daß sie bei jenen Konzerten in den 70ern teilnehmen konnten. Was die Intensität betrifft würde ich das erste Mahavishnu Orchestra bevorzugen, aber das zweite Mahavishnu Orchestra war auch noch ziemlich intensiv im Vergleich mit der One Truth Band und den späteren Bands von John. Während der Periode des ersten Mahavishnu Orchestra war er noch ein Apostel des Gurus Chinmoy und später, als er ihn verließ, wurde er meiner Ansicht ein mehr konventioneller Jazzspieler, ein Teil seiner einzigartigen Kraft verschwand.

Offensichtlich können wir erst dann zu unserem wirklichen Potential durchdringen, wenn wir unser lächerliches anerzogenes „Ich“, unsere ach so kostbare „Persönlichkeit“ opfern. Auf diese Weise tun die diversen Kulte und Religionen etwas, was die Kämpfer für die „geistige Freiheit“ (die schöne bunte Welt der Neurosen) wohlweislich nie erwähnen: sie demaskieren unsere vorgebliche „Mündigkeit“ und „geistige Unabhängigkeit“ und machen deutlich, daß wir sterile Seelenkrüppel sind, hoffnungslos abgetrennt von den Quellen unserer Produktivität.

In gewisser Weise trifft das sogar auf die Orgonomie zu. Viele „Orgonomen“ haben nur deshalb etwas geleistet, weil sie Reich und später Baker verfallen waren. Nach dem Tod ihrer kultisch verehrten Meister (oder nachdem sie sich bereits vorher desillusioniert abgewendet hatten) waren sie auf sich selbst zurückgeworfen – unproduktive leere Säcke, die wieder ihr vermeintlich „eigenes“ Leben lebten. Was sie zuvor geleistet hatten, steht genauso da wie beispielsweise die christlichen Kathedralen oder die große Kirchenmusik. Durch Löcher, die durch „Hingabe an den Meister“ in die Panzerung gerissen wurden, fließt die schöpferische Urkraft in die Falle hinein und erschafft unsterbliche wissenschaftliche und künstlerische Werke.

In ihrem Spiel wurden John McLaughlin und Jan Hammer (der Keyboarder) entscheidend vom südindischen Vina-Spieler S. Balachander beeinflußt. Hier eine direkte Schülerin Balachanders, die zeigt, wie es sich anhört, wenn Gott selbst Musik macht:

Wir werden alltäglich mit „Spiritualität“ bombardiert. Das Problem ist nur, daß es sich dabei meist um fettreduzierte Magerformen handelt. Man denke nur mal an die unerträglich gefällige New Age Musik.

Wahre Spiritualität muß man sich mühsam erarbeiten. Sei das nun, indem man sich lange in die klassische Musik einlebt oder etwa sich langwierig mit chinesischer Tuschemalerei beschäftigt.

Es ist ein Abenteuer. Man entdeckt immer wieder neue Nuancen und macht unerwartete Erfahrungen.

Es gibt die, die auf dem Wanderweg bleiben und von einer Sehenswürdigkeit zur anderen eilen. Und jene, die sich die Mühe machen, im Gehölz und Gestein herumzukraxeln, um die Landschaft bis in die tiefsten Winkel auszukundschaften.

„Unsterblichkeit der Seele“. Das ist eine Verortung der Ewigkeit in der Zeit – denkbar „unspirituell“.

Das einzige, was zählt, ist der gelungene Augenblick, der einen absoluten Wert an und für sich hat. Spiritualität ist das Aufsuchen solcher Augenblicke.

Oder wie John McLaughlin einmal sagte: „Die einzige Botschaft ist die Musik selbst!“

Künstlich induzierte okulare Panzerung

3. März 2013

Sekten und Kulte funktionieren auf der Grundlage von künstlich induzierter Augenpanzerung, d.h. Panzerung, die nicht aus der Kindheit stammt, sondern im Erwachsenenalter der bereits bestehenden „anerzogenen“ Panzerung hinzugefügt wird.

Beispielsweise konnte sich der Marxismus nur deshalb ausbreiten (tatsächlich sah es in den 1970er Jahren so aus, als würde er den gesamten Planeten übernehmen!), weil seine Theorie derartig unbestimmt ist, daß man automatisch „in den Augen weggeht“, wenn man sich mit diesem „dialektischen“ Unsinn beschäftigt, wobei immer das Gefühl bleibt, man habe das ganze nicht wirklich verstanden. Ähnlich sieht es bei christlichen Sekten mit ihren Bibelstudien aus. Es ist schlichtweg unmöglich (außerhalb des kirchlichen Lehramtes) irgendeinen Sinn im „Wort Gottes“ zu finden. Was bleibt ist ein „dissoziativer“ Geisteszustand, in dem man buchstäblich „neben sich selbst steht“. Biophysikalisch ist das die Trennung von Wahrnehmung und Erregung („schizophrene Spaltung“), wie Reich sie im Schlußkapitel der Charakteranalyse beschrieben hat.

Am gefährlichsten sind Sekten, in denen diese „okulare Spaltung“ direkt durch Übungen induziert und verankert wird. Man denke nur an die verschiedenen Techniken (Yantras, Mantras, Evokation von Gottheiten, etc.) im indischen Guruismus oder tibetischen Lamaismus. Am effektivsten sind aber wohl die Techniken von Scientology, die ganz spezifisch (geradezu explizit) darauf ausgerichtet sind, eine Augenpanzerung zu induzieren. Den Effekt sieht man am durchschnittlichen Scientologen mit seinem charakteristischen Ausgenausdruck.

In den folgenden vier Videos werden die „Grundtechniken der Augenpanzerung“ im einzelnen beschrieben. Nachdem die Scientology-Interessierten dergestalt hergerichtet sind, geht es an das Studium der Schriften von L. Ron Hubbard – die ein normal empfindender und denkender Mensch bereits nach dem ersten Durchblättern gelangweilt zur Seite legte. Es ist eben die ganze Unsinnigkeit dieser Ergüsse, die, wie im Marxismus und evangelikalen Christentum, die okulare Panzerung weiter verschlimmert und aufrechterhält.

Es gehört zur Aufgabe der Orgonomie die Bevölkerung über diese Mechanismen aufzuklären und den Faschismus Schritt für Schritt weiter zurückzudrängen. Vernichtet alle Kulte und Sekten, alle Institutionen, die die Autonomie der Individuen und das klare Fühlen und kritische Denken untergraben!

Betrachten wir, womit ein Student von Scientology am Anfang der Indoktrination konfrontiert ist:

Bei TR-0 (training routine zero) geht es darum, ohne jede Regung (nicht mal ein Blinken der Augenlieder ist erlaubt!) dem Instrukteur 120 Minuten in die Augen zu starren. Nach jeder Körperregung wird abgebrochen und die Zeit wird von vorne gezählt, bis der Student schließlich nach schier endlosen Sitzungen es schafft, die 120 Minuten in einem Stück durchzustehen. Das kann ein Mensch nur schaffen, wenn er buchstäblich „seinen Körper verläßt“, d.h. sich die Wahrnehmung von der Erregung abspaltet. Man gerät in einen hypnotischen Zustand, den manche Scientologen ihr Leben lang nie wieder verlassen, sondern höchstens noch vertiefen werden! Dieses TR ist die Grundlage der folgenden TRs und wird in diesen fortgeführt. Deshalb steht jeweils ein „0“ vor der Numerierung.

Bei TR-01 liest der Student dem Instrukteur Satz für Satz Stellen aus der krankhaften, wahrscheinlich drogeninduzierten Pädophilengeschichte Alice im Wunderland von Lewis Carroll vor. Es geht darum, trotz der ganzen Absurdität der Sätze, nicht zu lachen oder sonst eine Regung zu zeigen. Damit wird die eigene Kritikfähigkeit lahmgelegt.

Bei TR-02 liest der Instrukteur umgekehrt dem Studenten aus Alice im Wunderland vor und es geht darum, ohne jede Regung diesen Unsinn hinzunehmen. Es wird ein Geisteszustand induziert, in dem man jeden Unsinn L. Ron Hubbards akzeptiert und niemals angesichts des Grotesken lacht. Humor und Lachen würden einen nämlich aus der Trance aufschrecken lassen.

Bei TR-03 frägt der Student seinen Instrukteur immer wieder und wieder zwei Fragen. Entweder „Fliegen Vögel?“ oder „Schwimmen Fische?“ Der Instrukteur gibt alle möglichen Antworten. Kommt schließlich die richtige Antwort, stellt der Student die zweite Frage. Wird die richtig beantwortet, kommt wieder die erste Frage dran. Man darf auf diese blödsinnige eigene Fragerei nicht reagieren, etwa lächeln und unsicher werden, sondern immer wieder und wieder die gleiche Frage stellen. Auf diese Weise wird man selbst zu einem Scientologen, d.h. einem roboter-artigen Menschen, der davon lebt, daß er seine Mitmenschen verunsichert und in einen hypnose-artigen Trancezustand versetzt.

TR-04 ist identisch mit TR-03 mit dem Unterschied, daß der Instrukteur alle möglichen vernünftigen Einwände gegen diese ganze Prozedur vorbringt, die der Student (immer ohne jede emotionale oder körperliche Regung) so beantworten soll, daß das Gegenüber weitermacht. Auf diese Weise soll man lernen, nicht nur die eigenen spontanen Gefühle und den eigenen rationalen Geist zu kontrollieren, sondern auch die des Gegenübers: man wird zum Scientologen.

Mit TR-05 soll man lernen mit Widerständen fertigzuwerden, etwa wenn das Gegenüber partout nicht kooperieren will. Man sagt dem Instrukteur, der die Session verlassen will, daß er „diesen Körper im Stuhl sitzen lassen soll“. Ein Phrase, die man ständig wiederholt, wenn das Gegenüber aufstehen will. Der Student wird dergestalt trainiert, stets als Herr der Situation aufzutreten, d.h. ein guter Scientologe zu sein: sich von oben kontrollieren zu lassen und nach unten (d.h. die Nicht-Scientologen) zu kontrollieren. Gleichzeitig lernt er das Gegenüber (und damit sich selbst) als „Geistwesen“ zu betrachten, das einen Körper hat: eine weitere Spaltung zwischen Wahrnehmung („Geist“) und Erregung („Körper“).

TR-6 ist die logische Fortsetzung von TR-05: der Student führt den sich wehrenden und protestierenden Instrukteur durch den Raum, hält an, ändert die Richtung, führt den Instrukteur, hält an, ändert die Richtung, etc. Der Student wird buchstäblich zu einem „Führer“ und verinnerlicht dabei gleichzeitig das Grundkonzept der Scientology: der Körper ist das ausführende sterbliche Organ des unsterblichen Geistes.

Bei TR-8 geht es darum, die Spaltung zwischen Geist und Körper zu zementieren, indem man einem unbelebten Objekt, etwa einem Aschenbecher, den Befehl gibt, sich zu erheben. Wenn der Student dann den Aschenbecher mit der eigenen Hand hebt, wird diese Muskelaktion schließlich irrelevant im Vergleich zu der „Tatsache“, daß der Aschenbecher tatsächlich unserem Willen folgt und sich erhebt – der eigene Körper wird irrelevant im Vergleich zum allmächtigen Geist. Jeder Furz wird zu einem übernatürlichen Ereignis!

Schließlich geht es in der Scientology darum, den eigenen Körper ganz zu verlassen, etwa indem man zunächst sich selbst anfaßt, dann die Wand, sich selbst, die Wand, sich selbst, die Wand, etc. Macht man das häufig genug und im Zustand der bereits induzierten Spaltung, hat man schließlich tatsächlich das Gefühl den Körper zu verlassen. Die Depersonalisation und Derealisation ist vollendet!

Im Zustand der induzierten Spaltung kann man „audiert“ werden und selbst „audieren“, d.h. mit Hilfe von Fragebögen zu (meist fiktiven!) traumatischen Ereignissen in diesem Leben und in früheren Leben geführt werden, sogar in zukünftigen Leben, da die „Zeitlinie“ des Geistes eine ganz andere ist als die des materiellen Universums (wieder Spaltung).

In höheren Stufen der Scientology wird deine Seele dann vollends zerschreddert, wenn du lernst, daß du von Myriaden fremder Seelen bevölkert bist, die jede ihre eigenen Probleme hat. Es gibt Leute, die ihr gesamtes Erspartes und das Ersparte von Familie und Freunden für diese Dämonenaustreibung ausgegeben haben.

Bei aller künstlich herbeigeführten Psychose ist Scientology imgrunde nur die verschärfte Version des ganz normalen Wahnsinns. Wir alle arbeiten ein ganzes Leben daran, eine Gesellschaft aufrechtzuerhalten, die uns, unsere Familie und unsere Freunde zerstört. Also macht euch nicht über diese Idioten lustig. Wir sind alle miteinander Idioten. Der zentrale Moment dieser Idiotie ist die Augenpanzerung, die von all dem Schwachsinn um uns herum ständig erzeugt und aufrechterhalten wird. Der alltägliche Wahnwitz!

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Ist die Orgonomie ein Kult?

21. November 2012

Daß man es bei „Reichianern“ mit der Emotionellen Pest zu tun hat, zeigt sich daran, daß immer, wenn man Reichs Einsichten klar und deutlich formulierte, sofort hämisch konstatiert wurde, die Darstellung sei viel zu „holzschnittartig“, würde diesen oder jenen Aspekt außer acht lassen, würde der und der Einsicht Reichs widersprechen, stimme nicht mit neueren Erkenntnissen überein, „Nachfolger Reichs“ hätten Ansätze formuliert, die man berücksichtigen müsse, etc. pp. Oder mit anderen Worten: als Student der Orgonomie stand man immer als engstirniger Idiot da, über den man wissend lächeln konnte.

Einer der ersten, der diese Taktik angewendet hat, war Anfang der 1960er Jahre Charles Kelley: jeder Student der Orgonomie, der klar denken konnte, wurde als Anhänger eines orgonomischen „Kults“ abgetan. Das hatte bei unterschiedlichen Leuten unterschiedliche Aspekte. Die einen bestanden darauf, daß doch „therapeutischen Neuerungen“, wie denen Alexander Lowens, Raum gegeben werden sollten, die anderen kamen mit irgendwelchen theoretischen Neuerungen (etwa der erwähnte Kelley mit seiner „Radix-Theorie“) und schließlich sind da natürlich die Pseudomarxisten, deren Arroganz genauso groß war wie ihre Ignoranz.

Und das, obwohl die „Reichianischen“ Therapien nachweislich nur Schaden anrichten und die theoretischen Ergüsse nichts anderes als wirres Zeugs sind, nach dem schon bald kein Hahn mehr kräht. Da wird uns die Wiedereinführung mechanistischer und gar mystischer Konzepte als Weiterentwicklung des Reichschen Funktionalismus verkauft. Das Beharren auf einer funktionellen Ordnung wird hingegen als „Dogmatismus“ denunziert und der Mahner als gefährlicher Sektierer gebrandmarkt.

Unter dem Deckmantel von Aufklärung, Offenheit und Objektivität versuchen sie schlichtweg Reichs Lebenswerk ungeschehen zu machen. Jeder, der konsequent orgonomisch arbeitet, wird von diesen „Reichianern“ als „Fundamentalist“, „Faschist“ und ähnliches gebrandmarkt.

Wie stets ist in solchen Anwürfen immer auch ein rationales Moment zu finden. Man will nicht in ein sektiererisches Denken hineingezogen werden. Wie etwa bei den Stalinisten, Nationalsozialisten, Islamisten oder Scientologen, die unsere gewöhnliche Begrifflichkeit vollkommen auf den Kopf gestellt haben: „Barmherzigkeit“ etwa steht da für unmoralische „Schwäche gegenüber dem Feind“. Genauso könnte die Orgonomie, bzw. das, von dem Leute wie ich behaupten, es sei „die Orgonomie“, langsam aber sicher alle Begriffe umdeuten und so die Leute „umdrehen“.

Meines Erachtens gibt es aber zwischen der Orgonomie auf der einen Seite und, nur als Beispiel, der Anthroposophie auf der anderen Seite einen gewaltigen Unterschied: die Anthroposophie arbeitet, etwa in der Eurhythmie, explizit gegen die „Ausdruckssprache des Lebendigen“, während die Orgonomie dem Lebendigen keinerlei Gewalt antut. Und da die Sprache, jedenfalls die einfache Volkssprache, eine direkte Fortführung der „Ausdruckssprache des Lebendigen“ ist, tut sie auch der Sprache keine Gewalt an. Und – wie Reich es ausdrückt – :

Meine Schüler verstehen (…) mich. Ich bringe das in Worten zum Ausdruck, was sie immer schon gedacht haben. (American Odyssey, S. 41)

Ein Freund von mir, der in den 1970ern „politisch aktiv war“, sagte einmal resigniert, als sich erneut eine Therapeutengruppe von einer der großen orgonomischen Organisationen abgespalten hatte: „Das ist exakt genauso wie in den sektiererischen Fraktionskämpfen damals zur Hochzeit der linken Bewegung in der BRD!“ Zeugen derartige Abspaltungen nicht davon, daß die Orgonomie auch nur ein Kult ist? Wissenschaftlich drapierte Ideologie?

Reich hat von sich behauptet, er habe die Psychologie Freuds „auf ein solides biologisches Fundament gestellt“.

Diese Leistung fand gerade in jenem Jahrzehnt statt, in dem die Psychoanalyse, eben wegen des Fehlens eines solchen Fundaments, in verschiedene Fraktionen zersplitterte. („Biophysical Functionalism and Mechanistic Natural Science“,International Journal of Sex-economy and Orgone Research, Vol. 1(2), July 1942, S. 97-107)

„Fraktionsbildung“ kann tatsächlich nur auftreten, wenn die Wissenschaft in den Hintergrund tritt.

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InSekten

4. Juli 2012

Sekten sind für die Orgonomie von besonderem Interesse, weil sie sozusagen „die gepanzerte Menschheit im Reagenzglas“ darstellen. Sekten wie Universelles Leben, die Zeugen Jehovas oder die Zwölf Stämme sind die Falle, die Reich in Christusmord beschrieben hat, im Kleinformat.

Wolfgang Behnk, Sektenbeauftragter der Evangelischen Kirche Bayerns, sagt: „Die Sekte [Zwölf Stämme] bedient sich der Mittel geistiger Bevormundung, kollektiver Vereinnahmung, hierarchisch-autoritärer Unterwerfung, sozialer Isolation und disziplinarischer Repression.“

Die Disziplinierung beginnt bereits im Babyalter. Mit Hilfe von Sicherheitsnadeln, erzählen die Aussteiger unisono, werden Säuglinge so eng in Tücher gewickelt, daß sie sich nicht mehr bewegen können. „Irgendwann hört das Zappeln und Schreien dann auf – das Baby fügt sich“, erklärt Benaja, der vor wenigen Jahren noch eine Führungsposition bei den „Zwölf Stämmen“ bekleidete.

Das sogenannte „Restrain“ (deutsch: zurückhalten) kann aber auch bedeuten, daß die Eltern die Arme und Beine des Babys festhalten, bis es jegliche Gegenwehr erschöpft aufgibt.

Wenn man so etwas liest (und ich kann nur jedem anraten, sich intensiv mit dem Thema Sekten und Sektenaussteiger auseinandersetzen!), begreift man, daß die gepanzerte Menschheit kaum mehr ist als eine Art „Großsekte“. Trotzdem sollte man nicht alles über einen Kamm scheren. Beispielsweise wird evangelischen Sektenbeauftragten gerne entgegengehalten, daß ja auch das Christentum ein irrationaler Kult sei, der sich imgrunde kaum von zerstörerischen Sekten wie etwa Scientology unterscheide. Ein geübter Blick reicht jedoch, um sofort zu erkennen, daß das einfach nicht stimmt.

Das, was allgemeinhin als Unterscheidungskriterien angeführt wird, sind Funktionen der Schwere der okularen Panzerung. Kriterien wie blinder Führerkult, magische Allmachtphantasien, unrealistisches Elitebewußtsein, Aufgabe der eigenen Individualität und Identität, Abblocken jeder Kritik an irgendeinem Aspekt des Kults, etc. sind zwar richtig und wichtig, doch ohne Verständnis ihres biologischen Fundaments letztendlich willkürlich. Es ist ein gewichtiger Unterschied, ob Religion nur ein neurotisches Symptom ist oder einer manifesten Psychose entspricht. Im ersten Fall entspringt es der Wahrnehmung der Körperpanzerung, die ein „Jenseits des Körperpanzers“ konstituiert. Im zweiten Fall geht es, wie man so schön sagt, um einen „veritablen Dachschaden“. Im ersten Fall wird die Orgonenergie, die von der Panzerung blockiert wird, wahrgenommen. Das entspricht einem verzerrten Kontakt. Im zweiten Fall kommt es, da die okulare Panzerung dominiert, zu einer Trennung von bioenergetischer Erregung und Wahrnehmung. Das entspricht einer zunehmenden Kontaktlosigkeit, welche unmittelbar an den „glasigen Augen“ sichtbar wird, die für Kultanhänger so charakteristisch sind.

Für Religionen sind Rituale typisch, die sich von klassischen Konzerten oder Theateraufführungen kaum unterscheiden. Ohnehin sind beide Sphären, Religion und „höhere Kultur“, gemeinsam aus den griechischen Mysterienspielen hervorgegangen. Man denke nur an das Gesamtkunstwerk „katholische Messe“. Es werden unsere Emotionen (Sehnsucht, Hingabe) und Sensationen („mystischen Ahnungen“) angesprochen, letztendlich primäre genitale Strebungen („Spiritualität“). Man kommt in tieferen Kontakt mit sich selbst und der Umwelt.

Ganz anders ist es bei Kulten. Hier ist alles darauf ausgerichtet einen kontaktlosen Trancezustand herzustellen. Wie das gemacht wird, kann man in jedem NLP-Lehrbuch nachlesen. Beispielsweise wird ein permanenter Ausnahmezustand hergestellt: „Wir gegen alle anderen!“ Die Doktrinen sind nicht etwa einfach und volkstümlich, sondern bewußt wirr und widersprüchlich gehalten, was einen ständigen Zustand der Entfremdung aufrechterhält. Alles ist darauf abgestimmt, daß die Kultanhänger „in den Augen weggehen“.

Religiöse Menschen unterscheiden sich in ihrem Augenausdruck kaum vom Rest der Bevölkerung. Vielleicht sind ihre Augen sogar lebendiger! Was hingegen die Augen von Kultisten betrifft: siehe dazu meine Ausführungen in Beispiele für okulare Panzerung.

Verliert man seinen religiösen Glauben. Ist man ähnlich traurig und verunsichert wie bei einer schweren Enttäuschung in der Liebe. Löst man sich jedoch von einem Kult fühlt man sich befreit. Der Panzer bricht auf!

In diesem Zusammenhang ist es aufschlußreich die Zeugnisse von Leuten zu betrachten, die sich aus solchen Kulten befreit haben. Hier ein Beispiel:

Diese Ex-Mormonin beschreibt zwar nur, wie sich ihr Blickfeld im übertragenen Sinne geweitet hat, als sie sich aufgrund neuer Informationen vom Kult trennte, doch kann man diese Weitung des Blickfeldes sicherlich auch wörtlich nehmen. Sie hat sich vom doktrinären „Tunnelblick“ befreit:

[youtube:http://www.youtube.com/watch?v=bup4ydQ7jFQ%5D

Menschen lösen sich aus Kulten genauso, wie sie sich auch sonst von Panzerung befreien: sie werden sich bewußt, daß sie gepanzert sind, d.h. sich in einem Kult (in einer „Falle“) befinden. Daß ist der erste Schritt im orgontherapeutischen Prozeß: sich des Panzers gewahr werden – spüren, daß man gepanzert ist. Dies ist im übrigen der Kern jedweder „Aufklärung“, soweit sie denn diesen Namen verdient.