
Paul Mathews: Antwort auf David Boadellas „Occupational Hazards in Orgonomy“
In der Literatur, die Reich wohlgesonnen ist, finden sich immer wieder vier Behauptungen über die tragischen letzten Jahre von Reichs Leben, die wenig bis nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben.
Es wurden ausschließlich Orgonenergie-Akkumulatoren zerstört, ansonsten aber keine „medizinischen Gerätschaften“ oder gar wissenschaftliche Instrumente Reichs. Man hört sogar ab und an die FDA hätte sein Labor zertrümmert. Das ist reine Legendenbildung!
Durch die Bücherverbrennungen ist keine Literatur unwiederbringlich verlorengegangen, sondern nur ein ungeheurer finanzieller Schaden entstanden.
Es weist nichts auf einen Mord an einem „kerngesunden“ 60jährigen hin! Reich war jahrzehntelang Kettenraucher gewesen und schon seit Jahren schwer herzkrank. Sicherlich hat sein Gefängnisaufenthalt und damit einhergehende energetische Kontraktion zu seinem Tod beigetragen. Seine letzte Gefährtin, Aurora Karrer schrieb: „Er hätte niemals mit einer solchen Herzerkrankung im Gefängnis sein dürfen” (Offshoots of Orgonomy, Nr. 9, 1984, S. 61). Kurioserweise hatte Reich bereits 1927 (sic!) geschrieben, „daß Nikotinabusus Coronararteriensklerose und dadurch frühzeitigen Tod bedingen kann“ (Die Funktion des Orgasmus, S. 65f).
An anderer Stelle schrieb er 1927:
Meine eigenen Beobachtungen bei der Nikotinvergiftung, die ich wiederholt machen konnte, lassen keinen Zweifel darüber, daß sich im Augenblicke der Asystolie vor der Tachykardie eine Angstempfindung einstellt, die erst sekundär und nur bei längerem Bestande der intensiver werdenden Arrhythmie und Tachykardie mit dem Vorstellungsinhalt „Sterben – Tod” erfüllt wird. (ebd., S. 89)
Die orgonomischen Organisationen wurden nicht verboten, sondern auf Reichs eigenen Wunsch hin aufgelöst. Er wollte, daß die Orgonomie mit neuen Ärzten neu begründet wird. Genau das hat Elsworth F. Baker zehn Jahre nach Reichs Tod getan.
Ich habe den ersten Teil meiner 414seitigen Reich-Biographie überarbeitet:
Es wird häufig so dargestellt, daß Reich keine Kritik ertrug, sich mit Ja-Sagern umgab und paranoid war, insbesondere was die „kommunistische Verschwörung“ gegen ihn betraf. Liest man das mittlerweile posthum erschienene Material, die Erinnerungen von Myron Sharaf und Elsworth F. Baker, die nicht nur engsten Umgang mit Reich hatten, sondern zeitlebens ihre entsprechenden Erfahrungen mit Reichs übrigem Umfeld austauschen konnten (Baker behandelte sogar Familienmitglieder Reichs psychotherapeutisch!), zeigt sich ein differenzierteres Bild.
Beispielsweise konnte Reich aus rein arbeitsökonomischen und nicht zuletzt auch finanziellen Gründen unmöglich auf jeden (vermeintlich) „wissenschaftlichen“ Einwand eingehen und bei seinen Versuchen bis zum Exzeß alle Faktoren kontrollieren. Dann wäre er nämlich zeitlebens nicht über die „bioelektrischen Versuche“ hinausgekommen.
Zweitens war Reich anfangs in seiner Herangehensweise extrem liberal und „basisdemokratisch“, ohne jedwede hierarchische Grenzen. Um so schmerzhafter müssen die erwähnten (und andere) „neunmalklugen“ Einwände auf ihn gewirkt, haben, die von Leuten kamen, die definitiv nicht wichtig waren, nicht wirklich von Belang waren.
Drittens hat Reich sehr wohl Einwände zur Kenntnis genommen, wenn sie von Leuten stammten, die sich zumindest annäherungsweise auf seinem Niveau bewegten. Dies gilt insbesondere was seinen Umgang mit der Food and Drug Administration und der „roten Verschwörung“ betraf. Ein Paranoiker hätte den Einwand von Leuten wie Sharaf, Raphael und Baker, es handele sich „nur“ um eine „emotionale Verschwörung“, jedoch nicht um eine „Verschwörung“ im üblichen Sinne, zornentbrannt vom Tisch gewischt, statt zu sagen (ich paraphrasiere): „Mag sein, daß Sie recht haben!“ Kurioserweise kann man heute argumentieren, daß Reich nicht „paranoid“ genug war, da er die kommunistische Verschwörung, etwa die Rolle von Arthur Garfield Hays und Felix Frankfurter, gar nicht in ihrem ganzen Ausmaß sah (siehe Der Rote Faden).
Zusammengefaßt: Reich war kein Idiot, wie manche untergründig insinuieren!
Paul Mathews (Journal of Orgonomy 8/1, 1974)
Im Jahr 1950 schrieb Wilhelm Reich seine „Grundlegenden Lehrsätze über den Roten Faschismus“ nieder in Planet in Trouble (S. 158f, deutsch: Menschen im Staat). Der siebte Lehrsatz besagt:
Der Rote Faschismus [RF] unterscheidet sich von anderen Formen der politischen Verachtung von Tatsachen und der Wahrheit dadurch, daß er jegliche Kontrollmechanismen gegen den Mißbrauch der Macht ausschaltet und damit dem übelsten Politiker zur größtmöglichen Macht verhilft. Es wäre fatal zu glauben, „Friedensverhandlungen“ [oder überhaupt jedwede Verhandlungen – P.M.] seien als solche gemeint, sie können es sein oder auch nicht, je nach momentanem Kalkül. Der RF ist ein Machtapparat, der das Prinzip der Lüge oder der Wahrheit, der Tatsache oder der Entstellung, der Ehrlichkeit oder der Unehrlichkeit stets nur im Sinne der Verschwörung bzw. des Mißbrauchs der menschlichen Bösartigkeit zur Anwendung bringt.
Eine bemerkenswerte aktuelle Überprüfung dieses Grundsatzes erschien in einem Artikel in der New York Times vom 17. September 1973 mit der Überschrift „BRESCHNEW SAGTE ZUR BESCHWICHTIGUNG OSTEUROPAS, DASS ABKOMMEN MIT DEM WESTEN EINE TAKTIK SEIEN“. Der einleitende Absatz lautet:
Nach kürzlich eingetroffenen Geheimdienstberichten hat der sowjetische KP-Chef Leonid I. Breschnew den osteuropäischen Führern gegenüber betont, daß die Bewegung zur Verbesserung der Beziehungen zum Westen eine taktische Neuausrichtung der Politik seien, um in den nächsten 12 bis 15 Jahren die Oberhand zu gewinnen.
Man sollte das besser glauben!