Posts Tagged ‘Transzendenz’

David Holbrook, M.D.: ÜBER GÜTE, DEN GEIST, DIE SEELE UND DAS CHRISTENTUM: GEDANKEN NACH DEM SEHEN VON DAVID LEANS Geheimnisvolle Erbschaft

11. November 2020

 

DAVID HOLBROOK, M.D.:

 

Über Güte, den Geist, die Seele und das Christentum: Gedanken nach dem Sehen von David Leans GEHEIMNISVOLLE ERBSCHAFT

 

Skan Reader (1996)

16. Dezember 2016

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Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

Skan Reader (1996)

Wissenschaft und Religion

17. Dezember 2014

Freud weigerte sich, die sozialen Konsequenzen aus seinen eigenen Beobachtungen zu ziehen, stattdessen brachte er sachfremde „ethische Normen“ ins Spiel. Reich spielte da nicht mit – und wurde aus der „Wissenschaft“ verbannt… Die Orgonomie entstand…

Ist sie noch aktuell, wo doch das Feuilleton das „neue holistische Denken“, die „andere Intelligenz“, die „dritte Kultur“, das „relationale Denken“, die „neue Spiritualität“, etc. pp. preist? Nun, auch heute kulminiert das letztendlich doch stets in Aussagen wie die folgenden aus Thomas Görnitz‘ Quanten sind anders (Heidelberg 1999):

Die Naturwissenschaft bedarf auch solcher Gesprächspartner [wie der Kirche], die ihr aus einer ganz anderen Sicht als der eigenen die möglichen Folgen und Probleme ihres Tuns spiegeln, denn die Ergebnisse der Naturwissenschaft allein sind nicht ausreichend, um ethische Normen zu begründen. (S. 41)

Und:

Die Einbettung der Wissenschaft in ihr natürliches und gesellschaftliche Umfeld und die Reflexion über die Folgen ihrer Anwendungen unterliegen aber nicht einer (…) zwangsläufigen Entwicklung wie die Wissenschaft selbst, sondern sie bleiben eine ständige Aufgabe der beteiligten Wissenschaftler. (S. 43)

Das sind zentrale Aussagen in einem Buch, über „Die verborgene Einheit der Welt“, dem es darum zu tun ist, die mechanistische Wissenschaft endlich zu überwinden! Das eine zentrale, allein entscheidende Problem wird ausgeklammert: die Frage nach den „ethischen Normen“ und warum sich die Gesellschaft nicht „zwangsläufig“ entwickelt. Dort, wo es wirklich zur Sache geht und Folgerungen aus der Wissenschaft zu ziehen sind – ordnet sie sich unwissenschaftlichen Instanzen unter!

Zwar sieht Görnitz, daß die Grundfrage der Wissenschaft „transzendentaler“ Natur ist, also von den „Vorbedingungen der Möglichkeit von Erfahrung“ abhängt, aber er ist hier immer noch auf dem Stand von Kant und F.A. Lange. Selbstverständlich ignoriert er, daß Reich weit darüber hinaus gegangen ist, als er das Augenmerk auf die Charakterstruktur des Forschers, d.h. seine verinnerlichte soziale Umwelt, das Über-Ich, richtete. Stattdessen wird dieses Über-Ich („Gott“) als unverzichtbarer Leitfaden genommen.

Apologeten des Christentums verweisen (in zahllosen Variationen) fast unisono auf zwei Dinge:

  1. Halte Dein kleines Baby im Arm: die Liebe, die Du für es empfindest, wirst du unmöglich auf Chemie und Hirnströme reduzieren können. Diese Liebe ist etwas Transzendentes, Göttliches.
  2. Wenn du dich mit Moral und Ethik wirklich ernsthaft auseinandersetzt, wirst du finden, daß man sie nicht rationalistisch entwickeln und „ableiten“ kann, sondern daß sie von Anfang an da sind und allenfalls freigelegt werden. Die Moral ist etwas Transzendentes, Göttliches.

Punkt 1 spricht von der Kontaktlosigkeit der „wissenschaftlichen“ Menschen, der alles auf „Atome“ in einer leeren Welt reduzieren will, Punkt 2 von der Kontaktlosigkeit der religiösen Menschen, der sich in potentiell gefährlichen Hirngespinsten verfängt. Die Liebe zum Kind geht mit dem orgononotischen Kontakt einher und unser moralisches Empfinden ist ebenfalls eine Funktion des orgonotischen Kontakts. (Nebenbei: Aus diesem Grund bin ich so ein absolut kompromißloser Gegner aller Drogen! Straight Edge!)

Das, was als „transzendent“ und „jenseits der Triebe und des Körpers“ empfunden wird und so manchen Wissenschaftler in die Fänge des „Glaubens“ treibt, ist nichts anderes als die Orgonenergie im allgemeinen und die Genitalität im besonderen. Ich habe das in Biologische Entwicklung aus orgonomischer Sicht ausgeführt. Im Laufe der Evolution hat sich die Orgonenergie schrittweise von der Materie „emanzipiert“, so daß im Menschen die kosmischen Energiefunktionen zum tragen kommen. In der großen Musik kann man sie unmittelbar hören. Sie zu mystifizieren, wie es die Religionen tun, geht am Sinn des Lebens vorbei – ist „Sünde“.

Man benötigt wahrhaftig nicht die Kirchenväter, um ethisches Verhalten (Mitgefühl) und das Böse (Gefühllosigkeit) zu erklären. Mitte der 1990er Jahre wurde von dem italienischen Forscher Giacomo Rizzolatti bei Affen entdeckt, daß spezielle Nervenzellen auch dann aktiv werden, wenn ein Affe den anderen Affen nur beobachtet, ohne selbst tätig zu sein. Diese „Spiegelneuronen“ sind die Grundlage unseres Einfühlungsvermögens und damit unseres Soziallebens. Wir fühlen, was das Gegenüber fühlt, wenn in unserer Kindheit die Spiegelneuronen richtig trainiert und entsprechend verschaltet wurden. Um Empathie zu entwickeln, muß das Kind Empathie erfahren und eigene Gefühle rückgespiegelt bekommen. In einer Art Kettenreaktion bildet sich so auf herrschaftsfreie Weise ein die Gesellschaft tragendes Netz des „Mit-Gefühls“. Heutzutage sind dabei die Medien von zentraler Bedeutung: was das Kind beobachtet, verinnerlicht es, weshalb Gewalt und Gefühllosigkeit in Videospielen und Fernsehen die Grundlagen unserer Gesellschaft unterminiert.

So der Freiburger Neurobiologe und Psychiater Joachim Bauer in seinem Buch Warum ich fühle, was du fühlst.

Bauers daran anschließendes Buch Prinzip Menschlichkeit – Warum wir von Natur aus kooperieren und seine fundamentale Kritik an der modernen Genetik und an der Soziobiologie Das kooperative Gen – Abschied vom Darwinismus haben ebenfalls enge Berührungspunkte zur Orgonomie. Ein kurzer Überblick findet sich im Wikipedia-Eintrag über ihn.

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Orgonomie und Transzendenz

23. Dezember 2011

Es ist eine interessante Frage, ob Reich ein transzendentaler Denker war mit dem „Überschreiten“ als Grundprinzip seiner Weltsicht. Ganz ausdrücklich transzendental wird Reich bei seinen häufigen Äußerungen über die „kosmische Sehnsucht“. Weitere Stichworte sind: „außerhalb der Charakterstruktur des Homo normalis“, „Kinder der Zukunft“, „primordiales Orgon“, „Funktion statt Struktur“, die „funktionelle Transmutation“ wie auch alle anderen Funktionsschemata Reichs (z.B. die des Metabolismus des orgonomischen und mechanischen Potentials in Äther, Gott und Teufel). Der Begriff „Funktion“ an sich ist transzendental, genauso wie die Evolution an sich transzendental ist; die Arten „überschreiten“ sich. In der Rede an den Kleinen Mann sagt Reich:

Du denkst immer zu kurz, kleiner Mann, nur vom Frühstück bis zum Mittagessen. Du mußt es lernen, in Jahrhunderten zurück und in Jahrtausenden vorwärts zu denken. (S. 97)

Reichs transzendentales Grundprinzip entspricht dem, was Nietzsche „Wille zur Macht“ genannt hat, im Sinne der Überschreitung der Grenzen. Diese Metastruktur der Orgonomie wird mißverstanden und so kommt es zu Fehlinterpretationen in Richtung Metaphysik und Mystik. Dieses Mißverstehen entspricht der Nietzsche-Rezeption Heideggers mit ihrer falschen metaphysischen Interpretation von Nietzsches transzendentaler Philosophie, wie Georg Picht es dargelegt hat (Nietzsche, Stuttgart 1988). Das ist das Wesen jeder Mystik, jeder Ideologie und Religion und muß im Auge behalten werden, wenn man die Orgonomie vor den Schlammfluten des schwarzen Okkultismus bewahren will.

Leider kann man aber auch gerade das Entwicklungsmodel teleologisch mystifizieren, wie es z.B. Teilhard de Chardin getan hat. Gegen ein solches Mißverstehen sei auf Hans Hass verwiesen, der im ersten Band seiner Naturphilosophischen Schriften zeigt, daß es keine göttliche Intelligenz hinter und nichts Perfektes in der Evolution gibt. Hass zerstört die Illusion, die Evolution würde geradlinig verlaufen und vollkommene Ergebnisse zeitigen. Er widerlegt definitiv die Existenz Gottes. Es sei auch auf Reichs Kritik am Konzept der Naturnotwendigkeit im nationalsozialistischen Biologismus erinnert, wie er sie in Die Massenpsychologie des Faschismus dargelegt hat.

Die transzendentale Sichtweise der Orgonomie hat auch Auswirkungen auf die therapeutische Praxis, ist doch die Neurose nichts anderes als „stures Verharren“ angesichts einer sich ändernden Umwelt. Dann liegt die Aufgabe der charakteranalytischen Psychotherapie in der Öffnung hin zur „Transzendenz“, d.h. zur Zukunft. Besonders wichtig ist das okulare Segment. Es entspricht der psychogenetischen Stufe, in der der Bezugsrahmen gesetzt wird. Danach kommt die orale Stufe, d.h. die Hinwendung zur nährenden Welt bzw. den möglichen existentiellen Enttäuschungen, die damit einhergehen können („Depression“). Gefolgt von der analen Stufe: Organisation bzw. Desorganisation. Dann die phallische Stufe: aggressive Behauptung: Wille zur Macht in seiner krudesten Form, gefolgt schließlich vom Gegenteil der Behauptung: dem vollständigen Loslassen in der genitalen Stufe.

Dieses Stufenmodel ist potentiell sehr irreführend, denn es legt nahe, daß die prägenitalen Triebe primär sind, d.h. die Genitalität sich aus ihnen erst entwickeln muß. Tatsächlich geht es um den Ausdruck der primären (sozusagen „primordialen“) Genitalität auf höherer Organisationsebene. In diesem Sinne verkörpert die Orgonomie das Gegenteil von Transzendenz etwa im Gegensatz zur Psychoanalyse, wo es um „Sublimation“, „Vergeistigung“, Überwindung der Triebe geht. Wie jede Naturwissenschaft gibt es ab einem gewissen Punkt auch keine Weiterentwicklung der Orgonomie als solcher. Man denke im Vergleich nur daran, daß sich seit Newton kaum etwas an der Optik geändert hat oder seit Schrödinger und Heisenberg kaum etwas an der Quantenmechanik. Eines Tages wird es keine Weiterentwicklung der Physik mehr geben (jedenfalls nicht in grundsätzlichen Fragen).

Es gibt nichts jenseits des Orgons und so auch keine „transzendentale“ Entwicklung; das Funktionelle Denken wurde entdeckt, es war sich immer gleich und wird sich nie entwickeln können, ganz einfach, weil das Orgon ständig gleich funktioniert (vgl. den sehr wichtigen Artikel von S. Clark & R. Frauchinger: „Paradigm-Maker or Paradigm-Breaker“ Journal of Orgonomy, 20, 1986). Entweder hat man einen Orgasmus oder man hat keinen, es gibt da kein Wachstum in der Qualität der Orgasmen. Meine Beschreibung der Entwicklung der Orgasmusfunktion im Tierreich wurde u.a. dadurch so kompliziert, weil die Orgasmusfunktion als die Grundkonstituente des Lebendigen an sich keine Entwicklung kennt. In der ewigen Wiederkehr, die die Pulsation ausmacht, kann es keine Entwicklung geben.

Die Kinder der Zukunft sind die Kinder der Urzeit. Kaum etwas ist lächerlicher als der Begriff einer „kulturellen Entwicklung“: die Höhlenmalereien in Frankreich haben schon vor 15 000 Jahren alles in der Malerei geleistet; nichts wird jemals die griechische Plastik, die Malerei und Plastik der Renaissance oder die klassische Musik übertreffen. Es gibt keine Entwicklung, sondern nur der ewig gültige Ausdruck des sich immer gleichbleibenden kosmischen Orgons. Es ist mehr als nur fraglich, daß sich der Mensch in irgendeiner Weise biologisch, spirituell oder sozial weiterentwickeln wird – wie es die Christen, die Kommunisten, die Nazis und jetzt das New Age erhoffen. In den matriarchalen „primitiven“ Gesellschaften, wie die der Trobriander, gab es keine Entwicklung, sondern nur die Ewige Wiederkehr von ein für allemal eingesetzten Ritualen. Man beachte auch die „geschichtlichen“ Marxistischen Angriffe auf Reichs „ungeschichtliches“ Menschenbild; ebenso die an der Geschichte orientierte Psychoanalyse und vergleiche sie mit der orthodoxen Orgon-Therapie, wie Reich selbst sie am Ende praktizierte, die nur am hier und jetzt interessiert war und die Historie, d.h. die Zeit weitgehend draußen vor ließ!

Nach Hegel ist die Natur durch die ewige Wiederkehr des Gleichen gekennzeichnet, während es in der menschlichen Kultur historische Entwicklung gibt. Wenn Reich nun Kultur und Natur versöhnen wollte, konnte er dies nur auf Grundlage der Natur machen. Dies ist sehr wichtig, um Reichs Stellung in der deutschen nachhegelschen Geistestradition, zu der der Marxismus zentral gehört, verstehen zu können. Aus der Sicht der sich ständig gleichbleibenden primitiven Kulturen ist Reichs Anklage des Sitzens irgendwie ziemlich „unorgonomisch“. Auch ganz praktisch ist es fraglich, an die Entwicklung von Menschen zu glauben: entweder nimmt man die Wahrheit sofort an, wenn man auf sie trifft, oder nie! Hierher gehört Reichs tiefer therapeutischer Pessimismus.

Natürlich hat sich z.B. Reich entwickelt. Aber meine Chronik der Orgonomie zeigt doch gerade eben auch, daß bei Reich schon alles am Anfang da war. Das gleiche sieht man ganz besonders deutlich bei Nietzsche: schon als 13jähriger hat er praktisch genau dasselbe geschrieben, wie als 43jähriger. Dies hat besonders schön Hermann Josef Schmidt in seinem Buch über Nietzsches Kindheit dargelegt (Nietzsche absconditus, Berlin 1991). Der reife Mann („Übermensch“) wird dem Kind wieder ähnlicher; dem, was der erste Psychologe, d.i. Nietzsche, den „Grundcharakter“ genannt hat (Menschliches, Allzumenschliches, A 612). (Vgl. auch Nietzsches Brief vom 19.12.1876 an Cosima Wagner, der Nietzsches endgültige Selbstfindung signalisiert.)

Lebenspraktisch kann man kaum entscheidenderes sagen, als daß man sich auf seine Ursprünge besinnen muß, um „der zu werden, der man ist“ (Nietzsche). Eine solche Sichtweise hat auch eine weitgehende therapeutische Bedeutung bei Patienten, die sich selbst verloren haben, ohne Identität durch die Welt fallen und dann in Außensteuerungen halt suchen, anstatt zur Selbststeuerung zu finden, die auf der ewigen Wiederkehr des Gleichen in der orgonotischen Pulsation beruht. Deshalb geht man heute ja auch zum Psychologen, wegen Identitäts- und Sinnkrisen.

Es wurde ausgeführt, die Orgasmusfunktion sei an sich transzendental, überschreitend im Sinne von Entladung und Erfüllung der orgastischen Sehnsucht („Liebe“). Aber diese Transzendenz will nur sich selber, ist eine immer wiederkehrende periodische Funktion, ewige Wiederkehr, wie z.B. bei der Zellteilung (= Orgasmus) des potentiell unsterblichen Einzellers, der gefangen ist im absoluten Ring der Immanenz. Diesen Kreis will die Emotionelle Pest transzendieren, wie z.B. Wagner im Ring des Nibelungen, wo der Ring für das absolut Böse steht, das zerbrochen werden muß (hier treffen sich Nationalsozialismus und Christentum). So hat die Emotionelle Pest, als Negativ und Negation der Orgasmusfunktion, zwei Aspekte: einmal als Verneinung der Transzendenz (die Verneinung der genitalen Liebe), das andere Mal als Transzendieren der Immanenz (die Zerstörung der einzig sicheren und festen Position in dieser Welt: der genitalen Libidostufe)!

Der Seinsaspekt des Lebendigen ist die andere Seite der Orgasmusfunktion, die „transzendental“ das Leben überschreitet (der Orgasmus als „der kleine Tod“). Der patriarchale Mensch ist aus diesem Sein herausgefallen und mußte sich vor dem „orgastischen Tod“ (Orgasmusangst = Todesangst) in die Panzerung retten, um nicht unterzugehen.