Über das Weinen: Textaustausch mit einem Patienten
Schlaflosigkeit wird dadurch verursacht, daß man nicht fähig ist, sich selbst zu sehen
Die moderne Orgonomie wird durch folgende Gleichung beschrieben:

Reich hat vor allem die Funktion „relative Bewegung“, d.h. Pulsation und die Kreiselwelle erforscht (siehe Äther, Gott und Teufel und Die kosmische Überlagerung). Freud hingegen hatte zuvor, insbesondere in seiner „Traumforschung“, den Bereich der „koexistierenden Wirkung“ untersucht.
Im Unbewußten geht es um die schnellstmögliche Wunscherfüllung, d.h. es wird halluziniert, wobei auf logische Verknüpfungen, räumliche Trennung und zeitliche Kontinuität, also letztendlich auf Ursache und Wirkung, keine Rücksicht genommen wird und Widersprüche unaufgelöst bestehenbleiben. Das alles erleben wir unmittelbar im Traum. C.G. Jung hat aus diesem „Primärvorgang“ schließlich eines der Hauptbeispiele für „koexistierende Wirkung“ destilliert: die Synchronizität.
Ähnliches bei Marx: ein Plastikbecher, ein Besen und eine Eieruhr haben nichts gemeinsam, will sagen, sie haben vollkommen unterschiedliche Qualitäten („Gebrauchswert“). Sie werden erst durch ihren Wert austauschbar, den quantitativen „Tauschwert“. Dieser wird durch das Geld symbolisiert: 5 Euro = 20 Plastikbecher = 1 Besen = 2 Eieruhren. Im Kapitalismus wird alles zur Ware unabhängig von „logischen Verknüpfungen, räumlicher Trennung und zeitlicher Kontinuität“. Wenn Marx in diesem Zusammenhang vom „Fetischcharakter der Ware und seinem Geheimnis“ spricht, will er damit sagen, daß der Kapitalismus eine Traumwelt ist, die von einem „Primärvorgang“ bestimmt wird.
Reich führt in Die Funktion des Orgasmus (für Freud) und in Menschen im Staat (für Marx) jeweils aus, daß die „Libido“ und die „lebendige Arbeitskraft“ (die einzig und allein den Wert schafft), die diesen beiden „Traumwelten“ zugrundeliegen, einer konkreten Energie entsprechen, dem Orgon.
Reich schrieb Anfang der 1940er Jahre:
Heute weiß jeder, daß die marxistischen Wirtschaftsanschauungen das Denken der modernen Menschheit mehr oder minder durchdrungen und beeinflußt haben (…). Begriffe wie „Klasse“, „Profit“, „Ausbeutung“, „Klassenkampf“, „Ware“ und „Mehrwert“ sind menschliches Allgemeingut geworden. Es gibt dagegen heute keine Partei, die als Erbin und lebendige Vertreterin des wissenschaftlichen Guts des Marxismus gelten kann, wenn es um soziologische Entwicklungstatsachen und nicht um Schlagworte geht, die sich mit dem Inhalt nicht mehr decken. (Die Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 21)
Wenn man das oberflächlich liest, sieht es so aus, als würde keine Partei etwa die Mehrwerttheorie korrekt vertreten. Reich geht es aber zunächst einmal um etwas ganz anderes:
Die marxistischen Parteien in Europa versagten und gingen unter (…), weil sie den Faschismus des 20. Jahrhunderts, eine grundsätzlich neue Erscheinung, mit Begriffen zu fassen versuchten, die dem 19. Jahrhundert entsprechen. Sie gingen als soziale Organisationen unter, weil sie es versäumten, die lebendigen Entwicklungsmöglichkeiten, die jeder wissenschaftlichen Theorie anhaften, lebendig zu erhalten und fortzuentwickeln. (ebd.)
Diese Fortentwicklung fände sich in Reichs Sexualökonomie und politischen Psychologie, die sich um die charakterstrukturelle Freiheitsunfähigkeit, die „Naturwidrigkeit“ der Massen drehen, und in seinem Konzept der Arbeitsdemokratie, die die Ökonomie in der Biologie fundiert: die natürliche Organisation der Arbeit.
Eine postkapitalistische Gesellschaft sei erst möglich, wenn alle arbeitenden Menschen, nicht nur „das Proletariat“ im engeren Sinne, charakterstrukturell fähig sind, die Produktionsprozesse eigenständig zu organisieren.
Dies ist der wesentlichste soziologische Grund, weshalb sich die Privatwirtschaft des 19. Jahrhunderts überall immer mehr in eine staatskapitalistische Planungswirtschaft verwandelt. Es muß klar ausgesprochen werden, daß es auch in Sowjetrußland keinen Staatssozialismus, sondern einen strengen Staatskapitalismus gibt; dies im streng Marxschen Sinne. Der gesellschaftliche Zustand „Kapitalismus“ ist nach Marx, nicht, wie die Vulgärmarxisten glauben, durch das Vorhandensein individueller Kapitalisten, sondern durch das Vorhandensein der spezifisch „kapitalistischen Produktionsweise“ gegeben. Also durch Warenwirtschaft anstelle von „Gebrauchswirtschaft“, durch Lohnarbeit der Menschenmassen und durch Mehrwertproduktion, gleichgültig ob dieser Mehrwert dem Staat [, der] über der Gesellschaft [steht], oder individuellen Kapitalisten durch private Aneignung der gesellschaftlichen Produktion zugute kommt. In diesem streng Marxschen Sinne besteht aber in Rußland das kapitalistische System fort. Und es wird fortbestehen, solange die Menschenmassen irrational verseucht und autoritätssüchtig sein werden, wie sie jetzt sind. (ebd., S. 25)
Kriminalität ist etwas von einem anderen zu nehmen, was dieser nie freiwillig gegeben hätte. Damit wird etwas aufgekündigt, was die Grundlage jedweden menschlichen Zusammenlebens ist, das Vertrauen. Keiner könnte irgendein Geschäft eröffnen, wenn er Angst haben müßte, daß niemand sich an die Regeln hält und alle sich nach Belieben bedienen, ohne zu bezahlen. Soviel Polizei und Überwachung kann es gar nicht geben! Damit entsteht jedoch für den Kriminellen, der sich diesem stillschweigenden Übereinkommen entzieht, ein großes Problem. Er kann beispielsweise ein Auto stehlen und fortan selbst fahren. Macht er daraus aber ein Geschäft und versucht ständig gestohlene Autos weiterzuverkaufen, steht er vor dem Dilemma, daß er von genau jenem „Gesellschaftsvertrag“ abhängig ist, den er selbst aufgekündigt hat. Er kann nie entspannt sein, sondern muß bei seinen „Geschäftskontakten“ sozusagen oder wortwörtlich eine entsicherte Pistole griffbereit haben!
Tatsächlich organisiert sich die Gesellschaft auf krimineller Ebene neu. Es gibt kaum eine Branche, in der genauer auf Ehrlichkeit und Vertragserfüllung geachtet wird – und wo es absolut selbstmörderisch und schlichtweg wahnsinnig ist, den Geschäftspartner zu betrügen. Hat man mit Kriminellen zu tun, sollte man penibel darauf achten, daß man nicht übervorteilt wird, aber noch penibler, daß man etwa die Geldscheine in dem Umschlag, den man übergibt, wirklich ganz genau abgezählt hat. Im ersteren Fall wird man nur mit Verachtung gestraft und wird nie wieder einen Fuß auf den Boden kriegen und im zweiten Fall – kann man sich gleich selbst eine Kugel durch den Kopf jagen. Das ganze ist eine gesteigerte Version der legalen Gesellschaft. In dieser kann man eine Fünf gerade seinlassen, während in der Illegalität alles bis auf das letzte Gramm und den letzten Cent stimmen muß. Entweder unbedingte Pünktlichkeit, Vertragstreue, Verläßlichkeit, Etikette oder maximale Sanktionen!
Unmoral muß zwangsläufig zu Hypermoral führen (und umgekehrt), da bei Zerstörung des natürlichen bioenergetischen (bzw. biosozialen) Lebens, dessen gepanzerte Karikatur an seine Stelle tritt. Wird die gesellschaftliche Sexualökonomie zerstört, tritt der Jesus- und Marienkult, die „Familienehre“, „Reinheit“ und ähnliches an ihre Stelle. Wird die Marktwirtschaft durch Kriminalität zerstört, organisiert sie sich auf primitiver und „brutalisierter“ primitiverer Ebene neu – als Karikatur ihrer selbst. (Gesundes Gewebe, das zerfällt, reorganisiert sich zu Krebsgewebe!)
Man wird kaum irgendwo mehr „Moral“ und „Ehre“ finden als unter Ganoven. Das zeigt einerseits, daß die Arbeitsdemokratie absolut unzerstörbar ist, und andererseits, daß immer dann, wenn „Ethik“ in den Mittelpunkt gerückt wird, statt selbstverständlich zu sein wie Atmen und Essen, man es in Wirklichkeit mit Zerfall und potentiellem Verbrechen zu tun hat. Man sollte die „gute Gesellschaft“ und deren ach so hohe Moral nicht allzu ernstnehmen und umgekehrt nicht allzusehr auf die „schlechte Gesellschaft“ und deren angebliche Unmoral hinabblicken!