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DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: 4. Der Christusmord nach Matthäus / Liberales Pseudochristentum
28. April 2022Orgonomie und Metaphysik (Teil 54)
27. April 2022Reichs Mitarbeiter Mitte der 1930er Jahre, Karl Teschitz (d.i. Karl Motesiczky), führt aus:
Im gewöhnlichen Leben werden in unserer Gesellschaft bestimmte Vorstellungen aus dem Bewußtsein verdrängt, die dazugehörige Energie in krampfhaften Körper- und Charakterhaltungen gebunden. Im Zustand religiöser Erregung, „Erbauung“ brechen diese Kräfte plötzlich in unser Bewußtsein ein: Aber nicht so, daß sogleich eine dauernde organische Verschmelzung stattfände. Der Einbruch geschieht vielmehr bloß an einer Stelle, wie durch ein Loch, das sich nachher wieder schließt. (Religion, Kirche, Religionsstreit in Deutschland. Kopenhagen: Sexpol-Verlag, 1935, S. 75)
Woher aber, so fragt Teschitz, bezieht dieser Durchbruch seine ungeheure Energie? Es handele sich um zurückgehaltene sexuelle Energie,
die in der Ekstase allerdings in verhüllter Form durchbricht, dafür spricht die ungeheure Ähnlichkeit der Ektase mit dem Höhepunkt des sexuellen Erlebens, dem Orgasmus. Hier wie dort gehen willkürliche Vorbereitungen, Muskelbewegungen in einem bestimmten Augenblick in unwillkürliche über, hier wie dort wird der entscheidende Höhepunkt plötzlich ansteigend und kurz dauernd in passiver Hingegebenheit erlebt. Hier wie dort ist er mit allgemeiner Erregung und mit bestimmten Körpersensationen verbunden (Gefühl des Strömens, Stocken des Atems), jede Ablenkung durch äußere Vorgänge wird als störend und schmerzhaft empfunden, hier wie dort stellt auch die Phantasie im Augenblick höchster Erregung ihre Tätigkeit ein, Phantasien während des Akts sind Zeichen einer Störung. Kurz vorher hat man das Gefühl des Eindringens und Durchdrungenwerdens, während das Gefühl der eigenen Persönlichkeit sich auflöst. (ebd., S. 78f)
Dazu zitiert Teschitz die heilige Theresa, die die mystische Vereinigung mit Gott mit vier Arten vergleicht, einen Garten zu bewässern:
Zuerst kann man mit Mühe und Anstrengung Wasser aus einem Brunnen schöpfen. Dann kann man eine Standpumpe mit Ausguß gebrauchen, die man mit einem Schwengel in Gang setzt und diese Methode habe ich selbst oft gebraucht: Sie ist minder anstrengend und man bekommt mehr Wasser. Weiter kann man Wasser aus einem Bach oder einem Teich hereinleiten; die Bewässerung ist dann besser, die Erde wird bis in größere Tiefe feucht, man muß nicht so oft gießen und der Gärtner hat nicht annähernd so schwere Arbeit mehr. Die vierte Art ist ein reichlicher Regen, und das ist die ohne Vergleich beste Art, denn dann ist es der Herr selbst, der wässert, ohne irgendwelche Arbeit von unserer Seite.
Das „Pumpen“ geschehe durch Konzentration auf Jesus Christus und sein Leben. Das rinnende Wasser entspräche einem „Schlaf der Seelenkräfte, ein Zustand, da sie nicht völlig verschwunden sind, aber dennoch nicht wissen, wie sie wirken (…) Man könnte es vergleichen mit jemand, der schon mit dem geweihten Wachslicht in der Hand jeden Augenblick den Tod erwartet, ihn erwartet mit brennender Sehnsucht. In diesen letzten Atemzügen ist die Seele überflutet von unsäglicher Freude.“ Man „stirbt der Welt“ und die Seele wisse nicht, ob sie reden oder weinen solle. „Es ist für die Seele ein unendlich seliges Genießen“, wobei „der Körper deutlich an ihrem Glück und Ihrer Seligkeit teilnimmt“. Aber man sei noch immer nicht ganz mit Gott vereint und wir kommen zur Stufe 4, wo man nur genießt, ohne zu wissen, was man genießt.
Alle Sinne sind so aufgesogen in diesem Genuß, daß keiner von ihnen frei ist, sich mit etwas anderem abzugeben, sei es nun das Äußere oder das Innere… Der Körper ist ohnmächtig und die Seele ist unfähig, das Glück vorauszusehen, das sie genießt… Zu Beginn kam dieses Wasser vom Himmel fast immer nach einem innerlichen Gebet… Während die Seele auf diese Weise ihren Gott sucht, fühlt sie mit starkem und süßem Empfinden, daß sie das Meiste nicht weiß. Der Atem steht stille, die Körperkräfte versinken, so daß man nicht einmal die Hände ausstrecken kann, ohne daß es weh tut. Nach meiner Meinung dauert es niemals lang, daß auf diese Weise alle Seelenkräfte zugleich stillstehen… Ich sage es noch einmal: Dies, daß die Kräfte ganz untätig sind, daß auch die Phantasie nicht arbeitet – denn meiner Meinung nach ist auch die Phantasie unwirksam – das dauert niemals lange. …Wir kommen nun zu den innersten Empfindungen der Seele in diesem Zustand… Ich für meinen Teil halte es für unmöglich, etwas davon zu wissen oder gar von ihnen zu sprechen. Da ich mich nun zum Schreiben setzte, fragte ich mich, was die Seele da macht; es war nach dem Altargang und ich kam eben aus dem Orationszustand, von dem ich spreche. Da sagte mir Unser Herr diese Worte: Du wirst aufgezehrt, meine Tochter, von einem Drang, tiefer in mich einzudringen. Es ist nicht mehr länger sie, die lebt, ich bin es, der in ihr lebt. (z.n. ebd. S. 76f)
Teschitz kommentiert:
Im Akt selbst ist der Mensch ein Stück Natur geworden, die Empfindungen dabei sind darum nahezu unaussprechlich und es hat eingehender klinischer Beobachtung bedurft, um die Orgasmusphänomenologie auch nur so weit auszuarbeiten, wie wir heute damit gekommen sind. Doch die sexuelle Energie kann im sexualverneinenden religiösen Menschen nicht als solche durchbrechen, sie kann auch nicht in der einzig wirklich natürlichen Form als Erregung und Entspannung am Genitale abgeführt werden. An Stelle dessen tritt die phantasierte Vereinigung mit einem Bild des Vaters (oder der Mutter). (…) Mit der phantasierten Vereinigung in der religiösen Ekstase müssen allerdings auch gewisse körperliche Vorgänge Hand in Hand gehen, die mit der körperlichen Erschütterung und Entlastung im sexuellen Orgasmus eine Ähnlichkeit haben: Denn in beiden Fällen berichten die Betreffenden von Körpersensationen, aber auch von dem Gefühl von Befreiung, Erleichterung, unaussprechlichen Glücks nachher. Doch wissen wir über die körperliche Grundlage der religiösen Ekstase noch weniger als über die des Orgasmus, nämlich gar nichts. Doch die Minderwertigkeit der „ekstatischen“ Befriedigung gegenüber der orgastischen beweist die Angst, mit der diese Befriedigung selbst bei der heiligen Theresa verbunden ist und die beim orgastisch potenten gesunden Menschen natürlich fehlt. Diese Angst spielt bei andern Mystikern und Propheten aber auch bei den gewöhnlichen Gläubigen eine entscheidende, oft das ganze Leben beherrschende und wir können ruhig sagen vergiftende Rolle. Der religiöse „Orgasmus“ ist darum teuer bezahlt. Er schwindet aber zusammen mit aller religiösen Bindung sogleich, wenn wir bei einem religiösen Menschen in der Analyse die Fähigkeit zum wirklichen Orgasmus herstellen. (ebd., S. 79)
Bei der Religion und heute in Zeiten des Antiautoritarismus der „Spiritualität“ geht es stets um zweierlei: um genitale Orgasmusangst und um einen vermeintlich ebenbürtigen, wenn nicht sogar höherwertigen Ersatz-Orgasmus. Man denke nur an Rumis Ausspruch: „Der Wunsch, Deine Seele zu kennen, wird alle Deine anderen Wünsche beenden.“
Was speziell das moderne „spirituelle“ Gesülze betrifft, das den altertümlichen Mystizismus weitgehend abgelöst hat, – dazu möchte ich nochmals Teschitz zitieren: „Das Gefühl der Ferne, Unerreichbarkeit, des Geheimnisvollen entspricht der unmittelbaren Wahrnehmung, daß die vegetative Sehnsucht des sexuell gestörten Menschen nie wirklich befriedigt werden kann“ (ebd., S. 87).
DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: 4. Der Christusmord nach Matthäus / Matthäusevangelium (1,1-5,42) (Teil 2)
26. April 2022DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: 4. Der Christusmord nach Matthäus / Matthäusevangelium (1,1-5,42) (Teil 1)
25. April 2022Orgonomie und Metaphysik (Teil 53)
24. April 2022„Bewußtsein“ ist nach Reich gleichzusetzen mit „psychischer Struktur“ (Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 37). Daraus wurde später dann die biophysikalische Struktur. Mit anderen Worten ist unser Bewußtsein abhängig von unserer Panzerungsstruktur. Das gilt für alle Arten von Bewußtsein: unsere politische Haltung („Klassenbewußtsein“), unser „Privatleben“ („Liebe“), unser Arbeitsleben (wo es zentral um die Konzentrationsfähigkeit geht) und nicht zuletzt in unserem Kontakt zum Kosmos („Religion“). Was letzteres betrifft, schließt die hier umrissene funktionelle Einheit des Seelischen und Körperlichen „Jenseitigkeit oder auch nur Autonomie des Seelischen völlig und endgültig aus“ (Äther, Gott und Teufel, S. 95).
Das bedeutet aber noch lange nicht, daß man „falsches Bewußtsein“ einfach so wegwischen kann! Es gilt stets die Gegenwahrheit zu sehen! Reich zufolge erfüllt die „Illusion einer freien Willensbestimmung und einer überirdischen Bestimmung des Menschen“ drei Funktionen:
- Sie hebt den Menschen über seine Hilflosigkeit gegenüber der Natur, seine eigenen Triebe eingeschlossen, hinweg und übertönt seine Ohnmachtsgefühle und seine Angst mit dem Empfinden der Gottähnlichkeit.
- Sie hat die Funktion, den Menschen dort, wo er sich hilflos, klein und ohnmächtig fühlt, wo ihm Wissen um Vorgänge und Prozesse fehlen, mit dem Mut zu erfüllen, seine Existenz durchzusetzen.
- Der Mensch muß existieren, auf jeden Fall, mit oder ohne Wissen; dazu braucht er die Emotion der Illusionen. Illusionen sind also nicht nur irrationale Gebilde, sondern auch kraftsteigernde Haltungen. Die Rede vom Glauben, der Berge versetzt, hat hier seine Wurzeln. (Menschen im Staat, Frankfurt: Stroemfeld/Nexus, 1995, S. 79f)
Sicherlich kann man einen Gutteil des Mystizismus auf diese Weise erklären, aber selbst dann bleibt ein Rest. Immerhin hängen viele sehr intelligente und emotional reife Menschen dieser Weltanschauung an.
Spannend finde ich Reichs Aussage, daß die Entdeckung des Orgons nur der erste Schritt hin zur „experimentellen Beherrschung des Bewußtseinsprozesses“ war, die wiederum den organisierten Mystizismus vernichten werde (Jenseits der Psychologie, S. 309).
Anders als der gewöhnliche „Skeptiker“ nahm Reich die mystische Erfahrung sehr ernst und wollte ihr sozusagen auf deren eigenem Boden entgegentreten. Von daher kann man sich keinen größeren Verrat an Reich vorstellen, als von neuem Mystizismus in die Orgonomie einzubringen! Reich ahnte es voraus: „Und vielleicht werden viele gekreuzigt werden, ehe – es einmal ‚Sexualökonomen‘ mit ‚Kirchen‘ und Vereinen geben wird, die das genaue Gegenteil von dem sein werden, was die Sexualökonomie will“ (Jenseits der Psychologie, S. 353).
An sich wurde die experimentelle Beherrschung des Bewußtseinsprozesses bereits über das „Körperbild“ geleistet: in den verschiedenen Formen des Yoga und insbesondere im chinesischen Qi Gong. Man muß es nur den Mystikern (konkret: der okularen Panzerung) entreißen. Einer der Schlüssel zu diesem Geheimnis ist die Schizophrenie.
Im Anschluß an Freud ging es Reich in der Charakteranalyse darum das Ich zu erforschen, das merkwürdigerweise viel unbekannter sei als das Es. Im abschließenden Kapitel über die „schizophrene Spaltung“ ging es Reich dann darum, „die Funktion des Bewußtseins“ zu ergründen, „die weit weniger verstanden ist als die des Unbewußten“ (Charakteranalyse, KiWi, S. 654).
Die „pure“ Charakteranalyse hat gezeigt, daß das Orgonenergie-Feld des Organismus durch Worte, bzw. Imagination beeinflußt wird. Reich schreibt dazu: „Es würde lohnen, diese eigenartigen Zusammenhänge zwischen der Wahrnehmung der vegetativen Eigenart des anderen und der sprachlichen Formulierung im Detail genau zu studieren“ (Charakteranalyse, S. 440). Und weiter:
Wie ist es nun möglich, daß eine physiologische Funktion im psychischen Apparat derart unmittelbar als Verhalten gegeben und dargestellt sein kann? Ich muß gestehen, daß mir dieser Zusammenhang ebenso rätselhaft wie wichtig erscheint. Seine Klärung wird höchstwahrscheinlich unsere Kenntnis von den Zusammenhängen zwischen den physiologischen und den psychischen Funktionen um ein erhebliches Stück weiterbringen. (Charakteranalyse, S. 442)
Reich schreibt: „In der Wahrnehmung, auch in der Selbstwahrnehmung, fließen Sinneseindruck und Emotion in eine funktionelle Einheit zusammen“ (Charakteranalyse, S. 63). Bewußtsein ist demnach letztlich Wahrnehmung („ich nehme wahr, daß ich wahrnehme“ [vgl. Charakteranalyse, S. 571]). Nach Reich geht Wahrnehmung aus dem Zusammengehen von Empfindung an der Peripherie (z.B. Licht fällt auf eine lichtempfindliche Zelle) und einer Emotion aus dem Zentrum des Körpers hervor. So gibt es ohne Emotion kein Bewußtsein, wie z.B. im Buddhismus (das bewußtseinslose Nirwana), wo alles einseitig auf die Empfindung ausgerichtet ist („das Gewahrsein üben“). Und es gibt ohne Empfindung kein Bewußtsein, wie z.B. in der von der Welt losgelösten religiösen Ekstase (extragenitaler Orgasmus).
Letztendlich lassen sich alle Bewußtseinstechniken auf die künstliche Hervorhebung einer der beiden Ursprünge des Bewußtseins zurückführen. Das läßt sich unmittelbar erfahren, wenn man sich jetzt in einen „buddhistischen Zustand“ versetzt (Konzentration!) und dann in einen Hare-Krishna-Zustand (Hingabe!). Funktionelles Denken bedeutet eine harmonische Ausgeglichenheit der beiden Anteile Empfindung und Emotion. Der nüchterne Buddhismus und religiöse Ekstase sind biopathische Abweichungen, entsprechend festgefahrener Sympathikotonie (Buddhismus) und festgefahrener Parasympathikotonie (Hare-Krishna). Es gibt natürlich auch ein manisch-depressives Hin und Her.
Die Linie über die Empfindung führt zur „Reizempfindlichkeit des rein physikalischen Orgons“ (Charakteranalyse, S. 91), das als objektiver Geist oder „Mind“ mystifiziert wird. Und die zweite Linie zur rein physikalischen Pulsation, die den Emotionen zugrunde liegt, d.h. zum „kosmischen Organismus“, also Gott. Deshalb ist einerseits in Buddhismus, Scientology und Crowleyanity keine Rede von Gott und deshalb legt andererseits das (gängige) Christentum keinen Wert auf Gnosis.
Hinzu kommt als weiteres Element die eigentliche strukturelle Grundlage des Mystizismus: die Mauer zwischen Reiz und Wahrnehmung. Es wäre zunächst die Mauer (okulare Panzerung, die der Mystiker mit dem Schizophrenen gemeinsam hat) zwischen Erregung und Empfindung zu nennen, die zu einem mystischen „jenseitigen“ Erleben führt (man bildet sich etwa ein, in einer „astralen“ Ebene zu existieren). Als zweites Element kommt die Mauer (die generelle Panzerung, die den Mystiker vom Schizophrenen unterscheidet) zwischen Kern und Peripherie, die sadistisch durchbrochen werden muß (man bildet sich etwa ein, in einen „astralen“ Kampf gegen Teufel, Dämonen und „Critters“ verstrickt zu sein). Das einzige, was den Mystiker vom Faschisten unterscheidet, ist die spezifische „schizophrene“ okulare Panzerung. „Im Mystizismus wird ein körpereigener Prozeß als fremd wahrgenommen, so als habe er seinen Ursprung ‚jenseits‘ der eigenen Person oder auch jenseits der Welt“ (Charakteranalyse, S. 617).
Orgonomie und Metaphysik (Teil 48)
24. März 2022Indien war von jeher weit abgepanzerter als Europa, d.h. weit schlimmer von den siamesischen Zwillingen Mystizismus und Sexualverdrängung verheert. Jeder, der frei ist von romantischen Scheuklappen, weiß, daß Yoga und Meditation zwei Aufgaben hatten: das Eindämmen der Sexualität und ihre Neuausrichtung „nach oben“ (Spiritualität). Alles andere ist nur vernachlässigbares Beiwerk, auf das nur Idioten hereinfallen können.
Es gibt zwei Figuren, die heute mehr denn je dazu beitragen, die alles erstickende gesellschaftliche Panzerung in Indien aufzubrechen: Krishnamurti und Rajneesh (Osho). Insbesondere in studentischen Kreisen sind Debattierclubs beliebt, in denen die Gedanken Krishnamurtis diskutiert werden. Als Inder kann er ohne Verdacht des Neokolonialismus den westlichen Skeptizismus und Rationalismus nach Indien tragen. Wobei das ganze leider vollkommen kopflastig ist, was Vertreter der traditionellen indischen Geistigkeit immer wieder zu recht einwerfen, – während Krishnamurti sich über deren vermeintliche „Erleuchtungserfahrungen“ lustig machte.
Gewisserweise ist das die klassische Auseinandersetzung „zwischen links und rechts“ (wenn auch hier ohne die üblichen gesellschaftspolitischen Konnotationen): fehlender Kontakt zum bioenergetischen Kern (Mechanismus) vs. verzerrter Kontakt zum bioenergetischen Kern (Mystizismus).
Osho, der ähnlich wie Krishnamurti nach seinem Tod in Indien immer beliebter wird, ist aus einem der besagten Debattierclubs hervorgegangen und hat den Rationalismus mit den traditionellen post-schamanistischen „Erlösungspraktiken“ des alten Indien verbunden. Im Gegensatz aber zu dem heute sehr populären Satguru, der einen ganz ähnlichen Hintergrund hat, greift Rajneesh die traditionelle indische Sexualfeindlichkeit zentral an. Die revolutionäre Auswirkung auf die, was die Alterspyramide betrifft, sehr junge indische Gesellschaft ist kaum zu ermessen.
Erwähnenswert ist nicht nur, daß er sich dabei explizit auf Reich bezog, sondern auch, daß Rationalismus und sexuelle Libertinage dem indischen Denken nicht ganz fremd sind, da es bereits zu Buddhas Zeiten entsprechende „materialistische Schulen“ gab, die davon ausgingen, daß es nur ein Leben gibt und man das doch möglichst genießen sollte. Der ursprüngliche Buddhismus ist in vieler Hinsicht selbst ein Beispiel für Rationalismus und Skeptizismus. Das hier gerne angebrachte „Tantra“ ist späteren Datums und läßt sich eh nicht auf „Sexual-Yoga“ (Coitus reservatus) reduzieren.
Rajneesh hat die Dynamische Meditation entwickelt, weil der westliche Mensch so voll Gefühlen sei, daß es für ihn unmöglich ist, so wie der Inder in der Meditation nach innen zu gehen. Diese ganze Emotionalität, der Bezug auf Reich, Bioenergetik, etc. dient also nur dazu, die Gefühle zum Absterben zu bringen, um auch den westlichen Menschen zu solchen katatonen Hängern zu machen, wie es der typische Inder ist: das, was Reich als das charakteristische Sitzen des östlichen Menschen bezeichnet hat. Natürlich muß der westliche Mensch seine Gefühle entladen, wenn sie nicht den Planeten vollends zerstören sollen: aber eben nicht in der Meditation. Osho benutzt so die Techniken der Orgonomie: um genau das entgegengesetzte Ziel zu erreichen. Sein Ziel ist, daß man nur noch ist, still wird, beobachtet. Um das zu verstehen, braucht man zumindest Grundkenntnisse der indischen Philosophie, bei der es vor allem zwar tatsächlich um die Überwindung des Tamas durch Rajas (Trägheit durch Sexualität) geht, dann aber weiter um die Einstimmung von Rajas zu Satvas (von der Sexualität zur Geistigkeit). Man kann dieser Entwicklung die Logik und Folgerichtigkeit nicht absprechen – es ist eine abschüssige Straße hinein in die Erleuchtung.
Die gesellschaftliche Panzerung Indiens bröckelt. Leute wie Krishnamurti und Osho sind dafür nicht nur bloße Marker, sondern durchaus auch Katalysatoren. Gleichzeitig sorgen sie dafür, daß sich die Menschen noch mehr entfremden („verkopfen“) und auch der letzte Rest von spontanem bioenergetischen Funktionieren unters Joch („Yoga“) geflochten wird.

















