
DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: Das orgonomische Testament / 3. Reich und die Juden / Die Kabbala
Indien war von jeher weit abgepanzerter als Europa, d.h. weit schlimmer von den siamesischen Zwillingen Mystizismus und Sexualverdrängung verheert. Jeder, der frei ist von romantischen Scheuklappen, weiß, daß Yoga und Meditation zwei Aufgaben hatten: das Eindämmen der Sexualität und ihre Neuausrichtung „nach oben“ (Spiritualität). Alles andere ist nur vernachlässigbares Beiwerk, auf das nur Idioten hereinfallen können.
Es gibt zwei Figuren, die heute mehr denn je dazu beitragen, die alles erstickende gesellschaftliche Panzerung in Indien aufzubrechen: Krishnamurti und Rajneesh (Osho). Insbesondere in studentischen Kreisen sind Debattierclubs beliebt, in denen die Gedanken Krishnamurtis diskutiert werden. Als Inder kann er ohne Verdacht des Neokolonialismus den westlichen Skeptizismus und Rationalismus nach Indien tragen. Wobei das ganze leider vollkommen kopflastig ist, was Vertreter der traditionellen indischen Geistigkeit immer wieder zu recht einwerfen, – während Krishnamurti sich über deren vermeintliche „Erleuchtungserfahrungen“ lustig machte.
Gewisserweise ist das die klassische Auseinandersetzung „zwischen links und rechts“ (wenn auch hier ohne die üblichen gesellschaftspolitischen Konnotationen): fehlender Kontakt zum bioenergetischen Kern (Mechanismus) vs. verzerrter Kontakt zum bioenergetischen Kern (Mystizismus).
Osho, der ähnlich wie Krishnamurti nach seinem Tod in Indien immer beliebter wird, ist aus einem der besagten Debattierclubs hervorgegangen und hat den Rationalismus mit den traditionellen post-schamanistischen „Erlösungspraktiken“ des alten Indien verbunden. Im Gegensatz aber zu dem heute sehr populären Satguru, der einen ganz ähnlichen Hintergrund hat, greift Rajneesh die traditionelle indische Sexualfeindlichkeit zentral an. Die revolutionäre Auswirkung auf die, was die Alterspyramide betrifft, sehr junge indische Gesellschaft ist kaum zu ermessen.
Erwähnenswert ist nicht nur, daß er sich dabei explizit auf Reich bezog, sondern auch, daß Rationalismus und sexuelle Libertinage dem indischen Denken nicht ganz fremd sind, da es bereits zu Buddhas Zeiten entsprechende „materialistische Schulen“ gab, die davon ausgingen, daß es nur ein Leben gibt und man das doch möglichst genießen sollte. Der ursprüngliche Buddhismus ist in vieler Hinsicht selbst ein Beispiel für Rationalismus und Skeptizismus. Das hier gerne angebrachte „Tantra“ ist späteren Datums und läßt sich eh nicht auf „Sexual-Yoga“ (Coitus reservatus) reduzieren.
Rajneesh hat die Dynamische Meditation entwickelt, weil der westliche Mensch so voll Gefühlen sei, daß es für ihn unmöglich ist, so wie der Inder in der Meditation nach innen zu gehen. Diese ganze Emotionalität, der Bezug auf Reich, Bioenergetik, etc. dient also nur dazu, die Gefühle zum Absterben zu bringen, um auch den westlichen Menschen zu solchen katatonen Hängern zu machen, wie es der typische Inder ist: das, was Reich als das charakteristische Sitzen des östlichen Menschen bezeichnet hat. Natürlich muß der westliche Mensch seine Gefühle entladen, wenn sie nicht den Planeten vollends zerstören sollen: aber eben nicht in der Meditation. Osho benutzt so die Techniken der Orgonomie: um genau das entgegengesetzte Ziel zu erreichen. Sein Ziel ist, daß man nur noch ist, still wird, beobachtet. Um das zu verstehen, braucht man zumindest Grundkenntnisse der indischen Philosophie, bei der es vor allem zwar tatsächlich um die Überwindung des Tamas durch Rajas (Trägheit durch Sexualität) geht, dann aber weiter um die Einstimmung von Rajas zu Satvas (von der Sexualität zur Geistigkeit). Man kann dieser Entwicklung die Logik und Folgerichtigkeit nicht absprechen – es ist eine abschüssige Straße hinein in die Erleuchtung.
Die gesellschaftliche Panzerung Indiens bröckelt. Leute wie Krishnamurti und Osho sind dafür nicht nur bloße Marker, sondern durchaus auch Katalysatoren. Gleichzeitig sorgen sie dafür, daß sich die Menschen noch mehr entfremden („verkopfen“) und auch der letzte Rest von spontanem bioenergetischen Funktionieren unters Joch („Yoga“) geflochten wird.
Der Weg zum „höheren Selbst“ geht über das Einstimmen. In indischen Begriffen die Entwicklung des Gemüts über die drei „Guna“: Tamas (Trägheit), Rajas (emotionales Aufgewühltsein) und schließlich Satvas (geistige Abgeklärtheit). An sich entspricht es dem Weg zu immer höherer biophysischer Motilität. Der höheren Bewußtseinszustand ist eine Funktion der Stimmung entsprechend den Schritten „bioenergetischer Stimmung“: okular –> oral –> anal –> phallisch –> genital. Insoweit wiederspricht die Bewußtseinsentwicklung hin zu höheren „Vibrations“ also durchaus der Orgonomie. Das Problem ist halt nur, daß dieses Einstimmen sehr schnell in hysterische Flucht vor der Genitalität umschlagen kann. Die höchste „Reinheit“ und Geistigkeit ist nichts als Sehnsucht nach Genitalität bei gleichzeitiger Flucht vor ihr. Das macht die Anziehungskraft von Religion, Mystik und Esoterik aus.
Ich fühle immer mehr die „Amöbe“ in mir, die sich z.B. bei einem Krebskranken langsam kontrahiert. Siehe dazu Reichs Buch Die bio-elektrische Untersuchung von Sexualität und Angst. Wäre die Kontaktaufnahme mit diesem kontraktilen Vegetativum nicht eine spezifisch orgonomische Form der Meditation? Interessant ist, daß die älteste Religionsgemeinschaft der Welt, die indischen Jainas, die altertümlichste Philosophie überhaupt vertreten: daß die menschliche Seele in ihrer Form exakt dem menschlichen Körper entspricht. Natürlich sind es allerschlimmste Mystiker, aber sie verweisen mit ihrer atavistischen Theorie indirekt doch auf eine tragikomische Tatsache: das, was Mystiker für das höchste im Menschen halten (die unsterbliche Seele), ist in Wirklichkeit sein allerniedrigstes – die (unsterbliche) Amöbe.
Noch ernüchternder ist Freud. Psychoanalytisch ist der Geist gleich Kot. Reich führt dazu Mitte der 1920er Jahre aus:
Der Gedanke wird, wie bereits Jones und Abraham nachgewiesen haben, unbewußt ganz allgemein als Ding, speziell als Kot, aufgefaßt. Überaus häufig fällt hartnäckiges Schweigen mit Obstipation zusammen und vergeht wieder, wenn der Stuhlgang vorübergehend geregelt ist. Im Verlaufe einer solchen Analyse ergab sich zwanglos der Ausdruck „Gedankenobstipation“ für das neurasthenische Widerstandsschweigen, das bei anderen Patienten sein Gegenstück in einer nicht zu hemmenden Logorrhoe hat („Wortscheißerei“ nach dem Ausdruck eines Patienten). Ein Neurastheniker bezeichnete die Analyse als den Kübel, in den er seinen „Mist“, i.e. seine Gedanken entleert. Der Gedankenproduktion kommt die unbewußte Bedeutung und der Gefühlswert der Defäkation ganz allgemein, der „Gedankenobstipation“ die der Kotobstipation vielleicht nur in speziellen Fällen zu. (…) Eine Patientin pflegte bewußt Gedanken zu unterdrücken, sobald sie im Verlaufe der Assoziationen zu unangenehmen Themen gelangte. Regelmäßig stellten sich auch Druck im Kopf, Müdigkeit und Übelkeiten ein. Gleichzeitig traten Hitzegefühle auf, die wieder vergingen, sobald die „Gedankenobstipation“ wich. Ebensolche Hitzegefühle begleiteten aber auch die Darmobstipation. („Über die chronische hypochondrische Neurasthenie mit genitaler Asthenie“, Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse 12(1), 1926, S. 25-39).
Unwillkürlich muß man an DOR denken.
1934 glaubte Reich, „daß die Inhalte der psychischen Tätigkeit rationale Gebilde der Außenwelt sind und daß nur die Energiebesetzungen der Innenwelt entstammen.“ Und weiter: „Wir übersehen aber hier nicht das wichtige, noch ungeklärte Problem, wie es der psychische Energieapparat anstellt, Reize der Außenwelt, die ihn treffen, zu Vorstellungen von dieser Außenwelt zu gestalten, die sich dann unabhängig von äußeren Reizen reproduzieren können. Dieses Problem liegt auf der gleichen Linie wie das der Entstehung des inneren Widerspruchs. Es ist fraglos gleichzeitig ein Problem der Entstehung des Bewußtseins überhaupt. Hier gibt es nicht einmal brauchbare Ansätze zu einer befriedigenden Lösung“ (Dialektischer Materialismus, Fußnote 45). Meines Wissens ist noch niemandem aufgefallen, daß diese „dialektisch materialistischen“ Überlegungen Reichs eine fast wörtliche Vorwegnahme seiner angeblich, so Richard Blasband, am weitesten „spirituellen“ Aussagen aus dem Schlußkapitel von Die kosmische Überlagerung sind!