Posts Tagged ‘Max Stirner’

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 95)

23. Dezember 2023

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

LaMettries „Maschinenmensch“ war nicht nur, so Ursula Pia Jauch in ihrem Buch Jenseits der Maschine, ein „heuristisches, schon in der Antike gebräuchliches Modell zu wissenschaftlichen Erkenntnissen über den Körper des Menschen“, sondern es kommt

auch eine sozialkritische Komponente hinzu. Herrscher, Kriegsführer, Potentaten: Ihr unterwerft eure Subjekte und verlangt von ihnen einen blinden Gehorsam, als wären sie bewußtseinslose Maschinen, als könnten sie nur auf Befehl und Verbot reagieren, als wären sie Reiz- und Reaktionssysteme. Ihr macht aus denkenden Menschen gehorsame Soldaten, abgerichtet auf Kanonendonner und Schlachtenlärm; Tausende von Soldaten werden an grünen Tischen, in euren Köpfen, zu kleinen Rädersystemen für die große Kriegsmaschine. (S. 455)

Entgegen dem Vorteil des Automatenhaften ging es LaMettrie vor allem um das Innenleben. Eindeutig war er ein Vorläufer der Psychoanalyse: „Wir sind nicht die Herren unserer Ideen; sie kommen von ich weiß nicht woher (…).“ Ursula Jauch spricht von seiner „Experimentalmetaphysik der Seele (…), einer Seele, die nun nicht mehr Gegenstand spekulativer Theologen, sondern Schauplatz des Emotionalen ist“. Und er dringt zur Ausdruckssprache des Lebendigen vor:

Die konventionelle Sprache, ich will sagen: das Wort, ist beileibe nicht jenes Zeichen, das am meisten ausdrückt. Es gibt ein anderes Verständigungsmittel bei den Menschen & bei den Tieren, das viel mächtiger ist; ich spreche von der Gefühlssprache (…).“ (Jauch: Jenseits der Maschine, S. 339-342)

Es entspricht vollständig Reichs orgonomischen Funktionalismus, wenn LaMettrie skeptisch gegenüber der Sprache und den durch sie vermittelten Erkenntnismöglichkeiten ist. Wie Jauch schreibt: „Wer es versteht, hat Ähnliches schon gedacht [schon gefühlt!]; wer es nicht versteht, dem kann man es kaum erklären“ (S. 453).

Man fühlt sich in Reichs Buch Die kosmische Überlagerung versetzt, wenn LaMettrie schreibt, daß

der menschliche Körper in seiner ersten Anlage nicht mehr als ein Wurm ist, dessen weitere Metamorphosen nicht überraschender sind als jene jedes anderen Insekts. Weshalb denn sollte es verboten sein, in der Natur nach einem noch unbekannten Prinzip zu forschen, dessen Eigenschaften sich in Aktivität & Sensibilität äußern; ein Prinzip, das diesen Wurm [gemeint ist der Mensch] mit Stolz über die Erdoberfläche kriechen läßt? (z.n. S. 250)

Die Natur bedeckt auch die einfachsten Dinge mit einem Schleier des Respekts, den man nur mit Bescheidenheit lüften darf; ein mutwilliger Angriff würde ihn zerreißen; indiskrete Augen vertreiben die verborgenen Dinge. (z.n., S. 535)

Auch Stirner spricht in Der Einzige und sein Eigentum von der Spontanität unseres inneren Funktionierens:

Darum nun, weil Kräfte sich stets von selbst werktätig erweisen, wäre das Gebot, sie zu gebrauchen, überflüssig und sinnlos. Seine Kräfte zu gebrauchen ist nicht der Beruf und die Aufgabe des Menschen, sondern es ist seine allezeit wirkliche, vorhandene Tat. Kraft ist nur ein einfacheres Wort für Kraftäußerung.

Wie nun diese Rose von vornherein wahre Rose, diese Nachtigall stets wahre Nachtigall ist, so bin Ich nicht erst wahrer Mensch, wenn Ich meinen Beruf erfülle, meiner Bestimmung nachlebe, sondern Ich bin von Haus „wahrer Mensch“. Mein erstes Lallen ist das Lebenszeichen eines „wahren Menschen“, meine Lebenskämpfe seine Kraftergüsse, mein letzter Atemzug das letzte Kraftaushauchen „des Menschen“.

Nicht in der Zukunft, ein Gegenstand der Sehnsucht, liegt der wahre Mensch, sondern daseiend und wirklich liegt er in der Gegenwart. Wie und wer Ich auch sei, freudvoll und leidvoll, ein Kind oder ein Greis, in Zuversicht oder Zweifel, im Schlaf oder im Wachen, Ich bin es, Ich bin der wahre Mensch.

Bin Ich aber der Mensch und habe Ich ihn, den die religiöse Menschheit als fernes Ziel bezeichnete, wirklich in Mir gefunden, so ist auch alles „wahrhaft Menschliche“ mein eigen. Was man der Idee der Menschheit zuschrieb, das gehört Mir. Jene Handelsfreiheit z.B., welche die Menschheit erst erreichen soll, und die man wie einen bezaubernden Traum in ihre goldene Zukunft versetzt, Ich nehme sie Mir als mein Eigentum vorweg und treibe sie einstweilen in der Form des Schmuggels. Freilich möchten nur wenige Schmuggler sich diese Rechenschaft über ihr Tun zu geben wissen, aber der Instinkt des Egoismus ersetzt ihr Bewußtsein.

Man lese noch mal Ur-Stalins „Dritte These“!

Idee [handschriftliche Notiz] (01.12.2016)

20. Dezember 2023

Idee [handschriftliche Notiz] (01.12.2016)

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 93)

8. Dezember 2023

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Ende 1843, also genau ein Jahr vor dem Erscheinen von Stirner Der Einzige und sein Eigentum, beklagt der Feuerbachianer Marx in seinem Aufsatz „Zur Judenfrage“, daß der Mensch nach der Französischen Revolution in der bürgerlichen Gesellschaft zur bloßen Monade wird:

(…) das Menschenrecht der Freiheit basiert [hier] nicht auf der Verbindung des Menschen mit dem Menschen, sondern vielmehr auf der Absonderung des Menschen von dem Menschen. Es ist das Recht dieser Absonderung, das Recht des beschränkten, auf sich beschränkten Individuums. Die praktische Nutzanwendung des Menschenrechtes der Freiheit ist das Menschenrecht des Privateigentums. (…) [es ist] das Recht, willkürlich (…), ohne Beziehung auf andre Menschen, unabhängig von der Gesellschaft, sein Vermögen zu genießen und über dasselbe zu disponieren, das Recht des Eigennutzes. (…) Sie läßt jeden Menschen im andern Menschen nicht die Verwirklichung, sondern vielmehr die Schranke seiner Freiheit finden. Sie proklamiert vor allem aber das Menschenrecht (…). (…) Die égalité, hier in ihrer nichtpolitischen Bedeutung, ist nichts als die Gleichheit der oben beschriebenen liberté, nämlich: daß jeder Mensch gleichmäßig als solche auf sich ruhende Monade betrachtet wird. (…) Durch den Begriff der Sicherheit erhebt sich die bürgerliche Gesellschaft nicht über ihren Egoismus. Die Sicherheit ist vielmehr die Versicherung ihres Egoismus. Keines der sogenannten Menschenrechte geht also über den egoistischen Menschen hinaus, über den Menschen, wie er Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft, nämlich auf sich, auf sein Privatinteresse und seine Privatwillkür zurückgezogenes und vom Gemeinwesen abgesondertes Individuum ist. Weit entfernt, daß der Mensch in ihnen als Gattungswesen aufgefaßt wurde, erscheint vielmehr das Gattungsleben selbst, die Gesellschaft, als ein den Individuen äußerlicher Rahmen, als Beschränkung ihrer ursprünglichen Selbständigkeit. Das einzige Band, das sie zusammenhält, ist die Naturnotwendigkeit, das Bedürfnis und das Privatinteresse, die Konservation ihres Eigentums und ihrer egoistischen Person. Es ist schon rätselhaft, daß ein Volk, welches eben beginnt, sich zu befreien, alle Barrieren zwischen den verschiedenen Volksgliedern niederzureißen, ein politisches Gemeinwesen zu gründen, daß ein solches Volk die Berechtigung des egoistischen, vom Mitmenschen und vom Gemeinwesen abgesonderten Menschen feierlich proklamiert (…), ja diese Proklamation in einem Augenblicke wiederholt, wo die heroischste Hingebung allein die Nation retten kann und daher gebieterisch verlangt wird, in einem Augenblicke, wo die Aufopferung aller Interessen der bürgerlichen Gesellschaft zur Tagesordnung erhoben und der Egoismus als ein Verbrechen bestraft werden muß.

Der Stalinismus war schon da, bevor der Marxismus (infolge von Marx‘ Auseinandersetzung mit Stirners Buch) überhaupt ausgearbeitet war! Um „frei“ zu sein, müsse das Individuum ganz in die Gesellschaft aufgehen. Mehr Gegenteil zu Stirner geht gar nicht!

Lassen wir noch mal den Judenhasser Marx zu Wort kommen:

Erst wenn der wirkliche individuelle Mensch den abstrakten Staatsbürger in sich zurücknimmt und als individueller Mensch in seinem empirischen Leben, in seiner individuellen Arbeit, in seinen individuellen Verhältnissen, Gattungswesen geworden ist, erst wenn der Mensch seine „forces propres“ (seine Eigenkräfte) als gesellschaftliche Kräfte erkannt und organisiert hat und daher die gesellschaftliche Kraft nicht mehr in der Gestalt der politischen Kraft von sich trennt, erst dann ist die menschliche Emanzipation vollbracht.

Übrigens geht es hier um die Beseitigung des Staates („politische Kraft“) zugunsten der Gesellschaft („gesellschaftliche Kraft“). Dieses, das wohlgemerkt vor Marx‘ angeblich „wirtschaftswissenschaftlichen“ Einsichten vorlag, hat später Reich so an Marx fesseln sollen. Marx als Herold der Arbeitsdemokratie! Schaut man aber genauer hin und durchdringt diese Hegelianische Kauderwelsch, dann ist das die Verkündigung der vollständigen Tyrannei, in der es keinerlei Gewaltenteilung mehr gibt, keine Möglichkeit zur Opposition. Das beobachten wir heute ganz konkret in Ampel-Deutschland, wo Politik (Staatskunst) durch Gesellschaftspolitik (politische Durchdringung und Ideologisierung aller gesellschaftlichen Bereiche).

Marx zufolge wird das Proletariat die Enteignung herbeiführen, deren Ausdruck es selbst ist. Für das Proletariat werde die Philosophie das Gehirn und es selbst das Werkzeug der Philosophen sein.

Wenn das Proletariat die Auflösung der bisherigen Weltordnung verkündet, so spricht es nur das Geheimnis seines eigenen Daseins aus, denn es ist die faktische Auflösung dieser Weltordnung. Wenn das Proletariat die Negation des Privateigentums verlangt, so erhebt es nur zum Prinzip der Gesellschaft, was die Gesellschaft zu seinem Prinzip erhoben hat, was in ihm als negatives Resultat der Gesellschaft schon ohne sein Zutun verkörpert ist. (…) Wie die Philosophie im Proletariat ihre materiellen, so findet das Proletariat in der Philosophie seine geistigen Waffen, und sobald der Blitz des Gedankens gründlich in diesen naiven Volksboden eingeschlagen ist, wird sich die Emanzipation der Deutschen zu Menschen vollziehen. (Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung, 1844).

Mit anderen Worten: die Enteignung wird durch Enteignungen aufgehoben und die Klassenherrschaft durch Klassenherrschaft, d.h. die Herrschaft der Nomenklatura. Und das ganze unter dem Banner des Humanismus, des wahren Menschen, der wahren Menschlichkeit!

Angesichts des Ampel-Totalitarismus: Stirner ist unsere einzige, DIE EINZIGE, Rettung!

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 92)

30. November 2023

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

„Laskas LSR“ läßt sich auf den Satz reduzieren: „Wo Über-Ich war, soll Ich sein!“ gegen Freuds Satz: „Wo Es war, soll Ich sein!“ und den Satz so mancher verpeilter Reichianer: „Wo Ich war, soll Es sein!“

Als Reich zur Psychoanalyse kam, war ihm von Anfang an das Suhlen im Prägenitalen fremd, wie es etwa die Psychoanalytiker Isidor Sadger und Paul Federn verkörperten. Für den letzteren war der Mensch das einzige „sadomasochistische Tier“ und er war einer der wenigen konsequenten Anhänger von Freuds Todestriebtheorie. Es war natürlich Federn, den Reich als „Modju“ festmachte, ohne zu wissen, daß es Freud war, der Reichs Genitalitätstheorie als „Steckenpferdreiterei“ denunzierte und der die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten auf denkbar zynische Weise ausnutzte, um Reich ohne peinliche Diskussionen loswerden zu können. Die Nazis, vor denen man sich doch angeblich schützen wollte, bekamen das gar nicht mit – anfangs nicht mal Reich selbst…

Jene, die heute absurderweise Reich wegen dieses Ausschlusses „rehabilitieren“ wollen, bekunden nichtsdestotrotz weiterhin ihre persönliche Distanz zu Reich und daß sie „menschlich“ Freud vorziehen würden. Man suhlt sich weiter lieber im Prägenitalen, was heute, angesichts des Genderwahns, einfach „progessiver“ ist denn je.

Laska hat dieses Ausweichen vor dem Wesentlichen des Reich-Freud-Konflikts und diese klammheimliche Sympathie mit Freud immer im Sinne von „Wo Über-Ich war, soll Ich sein!“ interpretiert, d.h. der Angst vor einer konsequenten Aufklärung. Ich kann dem nur zustimmen, „aber“ m.E. gibt es hier einen zweiten Aspekt, für den Laska keinen Blick hat, weil er die weitere Entwicklung Reichs Richtung Entdeckung des Orgons und kosmische Überlagerung weitgehend ausblendet.

Dieser zweite Aspekt ist tatsächlich das „Es“, d.h. der Ozean der Triebe, aus denen das Ich wie eine Insel hervorgegangen ist. Im Netz findet sich folgende Definition des Es:

Es ist vorerst das Insgesamt von allem natürlich Gegebenen wie Konstitution, Vererbung, Geschlechtszugehörigkeit, Triebe und archaische Bilder (…). Sodann ist es das Auffangbecken von allem Verdrängten, das weiterhin aus dem Es heraus wirkt und psychisches Geschehen beeinflußt. Das Es ist einem Hexenkessel vergleichbar: einem Konglomerat von Triebregungen, Anlagen, Wünschen, Gefühlen, Strebungen ohne Logik, ohne Moral, ohne Sinn für Ordnung und Maß, ohne Rücksicht sogar auf die Selbsterhaltung, einzig dem Bestreben nach Lustgewinn und Unlustvermeidung verpflichtet.

Wie das Ich aus diesem Chaos „ohne Sinn für Ordnung und Maß“ hervorgehen soll, wird nicht recht ersichtlich, zumal auch noch der „Todestrieb“ eine Rolle spielt. Reichs Genitalitätstheorie impliziert aber genau „Sinn für Ordnung und Maß“. Konkret heißt das, daß man sich von Anfang an, auf die Selbstregulierung „des Lebendigen“ verlassen kann, wie Reich es beispielsweise in der „sexualökonomischen Lebensforschung“ (Bione) und in der Untersuchung der Eigenschaften des Orgons (kosmische Überlagerung) freigelegt hat. Wenn man so will hat Reich den formbildenden „Logos“, das Gesetz von „Ordnung und Maß“ freigelegt – und instinktiv von Anfang an vertreten. Auf ziemlich verquere Weise bringen die besagten „Reichianer“ das mit ihrem „Wo Ich war, soll Es sein!“ zum Ausdruck.

Ähnliches, nämlich die Grundannahme, daß das Lebendige jederzeit seine eigenen Seinsbedingungen schaffen kann, läßt sich über Laskas beide anderen Helden LaMettrie und Stirner sagen. LaMettrie ging es darum, daß man sich letztendlich auf die Natur verlassen könne, weil das Maximum an Lust, daß sie erstrebt, nur mit Delikatesse, Rücksicht und Zärtlichkeit erreichbar ist – das exakte Gegenteil der Folterkeller des vermeintlichen „Libertines“ De Sade. Genitalität vs. Prägenitalität.

Und was schließlich Stirner betrifft, der seine Sache auf nichts gestellt hat: Der konkrete Einzelne steht jeweils für sich im Mittelpunkt seiner Welt und bildet ein Netz von Beziehungen. Stirner sprach von „Vereinen“, die den Interessen ihrer Mitglieder dienen und aufgelöst werden, wenn der einzelne bessere Optionen findet. Die Selbstorganisation der Gesellschaft. Reich sprach von der „Arbeitsdemokratie“. Marx, Stirners Gegenspieler, dreht dieses Bild um und „überwand“ auf diese Weise diese „Kleinbürgerei“: die Strahlen kommen sozusagen aus dem mystischen Nichts („die Gesellschaft“, man denke nur an „die Wähler“: eine Entität mit einem Willen…) und ihre Schnittstellen, sind die einzelnen Menschen, die dergestalt nichts sind als Ensembles gesellschaftlicher Verhältnisse. Niemand ist für irgendwas verantwortlich. Genitalität vs. Prägenitalität. Zur Illustration schaue man sich ein beliebiges Marxistisches Gesellschaftssystem in der Geschichte an.

[Thelema] handschriftliche Notiz (o.J.)

26. November 2023

[Thelema] handschriftliche Notiz (o.J.)

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 88)

16. November 2023

Der von Reich, Baker und Konia gesehene biophysische Unterschied (Unterschied in der Panzerstruktur) zwischen Linken (Liberalen) und Rechten (Konservativen) findet sich bei der Generation von Stirner, Marx und Co. (die „Junghegelianer“) besonders klar verkörpert in den beiden Rechtsphilosophen Karl von Savigny (Rechtshegelianer) und Eduard Gans (Linkshegelianer):

Die von Savigny begründete Historische Rechtsschule ging von einem an Hegel, auch Herder, angelehnten organisch gewachsenen Volksgeist aus. Da Recht im Verständnis Savignys Kultur sei und Kultur „geistige Tradition“, diese bezüglich des römischen Rechts sogar „literarische Tradition“, nähre sich der Volksgeist aus einem dahingehenden Bewußtsein und führte so zu Volksüberzeugungen.

Im Gegensatz zu Savigny befürwortete Gans die ganz und gar sozusagen „antiorganische“ Französische Revolution (der damals aktuellen von 1830 und damit auch der von 1789).

Anders als der konservative Savigny, der die Entstehung und Entwicklung von Menschen gemachter Gesetze als naturgegebene Phänomene nur betrachten und auslegen wollte, da er sie gleichsam dem Menschen als „ewig“ gegeben und göttlich ansah, forderte der Hegelianer Gans eine Betrachtung rechtlicher Tatbestände, vor allem solcher des Besitzes, aus dem Geist philosophischer Spekulation und historischer Zuordnung. (…) Der teilweise erbittert und mit harten verbalen Attacken geführte akademische Kleinkrieg zwischen dem mächtigen Savigny und dem populären Gans sollte bis zum frühen Tod des Letzteren 1839 andauern: Noch auf dem Sterbebett soll er ein Pamphlet gegen seinen alten Feind verfaßt haben.

Gans agierte „volksfern“ ganz aus dem Kopf („Rationalität“) und der sozialen Oberfläche („soziale Gerechtigkeit“) heraus, während Savigny sozusagen vom „gesunden Volksempfinden“ (mystisch verzerrter Kontakt zum bioenergetischen Kern) ausging. Gans ging von angeblich rationalen Ideen aus, über das, was sein soll, Savigny von dem was schon immer war und durch seine pure Existenz seine Rationalität erwiesen hat. Es ging hier um den Gegensatz von Fortschritt und Tradition, zwischen rationalen (will-kürlichen!) Eingriffen auf der einen und die Durchsetzung des Eigent-lichen auf der anderen Seite, bzw. zwischen verkopfter Freiheit und angeborener, „gegebener“ (unwillkürlicher) Eigenheit.

Oberflächlich betrachtet steht die Stirnerity der sich vom Überkommenen lösenden Auffassung von Gans näher, doch… …doch betrachte man die gegenwärtige Migrationsdebatte: in einem traditionslosen Siedlungsraum, eine Kopfgeburt der neo-Marxistischen „philosophischen Spekulation“, in dem keinerlei Platz mehr ist für das Eigene (egal wie banal oder genuin Stirnerisch man es immer interpretieren mag), wird die Selbstregulation absolut negiert. Die Herrschaft des Über-Ich wird total.

Ist die Orgonomie eine Weltanschauung?

9. November 2023

1.

Wir sehen die Welt gemäß unseres Charakters – haben eine Weltanschauung (Ideologie, Vorurteil). Demgemäß sind Orgonomie und LSR, da außerhalb der Charakterfalle stehend, keine Weltanschauungen, keine „Philosophien“. Max Stirner:

Ein Philosoph ist eben darum Derjenige nicht zu nennen, welcher zwar offene Augen für die Dinge der Welt, einen klaren und unverblendeten Blick, ein richtiges Urteil über die Welt hat, aber in der Welt eben nur die Welt, in den Gegenständen nur die Gegenstände, kurz Alles prosaisch, wie es ist, sieht, sondern ein Philosoph ist allein Derjenige, welcher in der Welt den Himmel, in dem Irdischen das Überirdische, in dem Weltlichen – das Göttliche sieht und nachweist und beweist. (Der Einzige und sein Eigentum, reclam, S. 93)

Mit anderen Worten Philosophie ist brain fucking, Ersatzkontakt.

2.

Es gibt den genitalen Charakter – und entsprechend zwei Weltanschauungen (die Art, wie wir die Welt sehen): die des neurotischen Charakters (= Lüge, „den Himmel“, „das Überirdische“, „das Göttliche“) und die des genitalen Charakters (= Wahrheit, „prosaisch, wie es ist“) – in diesem Sinne sind Orgonomie und LSR Weltanschauungen.

3.

Orgonomie ist sowohl extrem subjektiv (sich in die Natur einfühlen) als auch extrem objektiv (das eigene Denken der Natur anpassen). Es gilt, die Natur sowohl wie ein Künstler zu erfassen und gleichzeitig die eigenen „Fühl-“ und Denkwerkzeuge ganz den Vorgaben der Natur anzupassen. Man könnte sagen: Wir sehen nicht nur einen Baum mit seinen sich bifurkativ verzweigenden Ästen, sondern wir nehmen wahr und denken auch wie ein Baum, nämlich bifurkativ (orgonometrisch).

Der Machano-Mechanist sieht keinen Baum, sondern nur das Wort B-a-u-m gemäß seinen willkürlichen kulturellen Vorgaben. Genauso geht er auch mit Bäumen um. Was gemeint ist, wird vielleicht anhand der Kindererziehung deutlicher: Er nimmt nicht das Kind in seinen naturgegebenen Bedürfnissen wahr, sondern nur das Wort K-i-n-d, das (wenn es ein Junge ist) beschnitten werden kann, dem man irgendwelche experimentellen „Impfungen“ verabreichen „muß“, das gezähmt und zivilisiert werden muß, dessen „Genderidentität“ offen ist und dessen natürlicher Bewegungsdrang als kinderpsychiatrische Störung betrachtet wird. Was nicht gesehen wird, ist das tatsächliche Kind. Es wird auf das Prokrustesbett einer kranken Ideologie geschnallt und „zu seinem eigenen Wohl“ zu Tode gefoltert, bis es zu einem toten Roboter mutiert ist. Roboter, wie es seine Peiniger sind.

4.

Die mechanistische Wissenschaft hat die Verschränkung des Subjektiven und Objektiven vom Tisch gewischt und vermeintlich „rein objektiv“ drauflos geforscht und gleichzeitig der subjektiven Willkür Tür und Tor geöffnet. Das letztere sieht man etwa daran, daß nunmehr die Geistes-„Wissenschaft“ der Biologie vorgibt, wie viele Geschlechter es zu geben hat.

Der Orgonomie ist die übrige Wissenschaft nicht wissenschaftlich genug, weil diese sich ihrer eigenen Grundlagen nicht bewußt ist. Es ist so, als wenn man durch ein Mikroskop schaut (sozusagen „von innen durch den Charakterpanzer auf die Welt schaut“), ohne zu wissen, ob es durch den Aufbau des Geräts und den Zustand der Linsen zu gravierenden Verzerrungen kommt.

Umgekehrt überläßt die dergestalt kritisierte Wissenschaft die Orgonomie der Expertise der „Skeptiker“, die im Namen der Vernunft („Vorurteilslosigkeit“) dem Vorurteil zu immer neuen Triumphen verhelfen. Es ist ungefähr so, als wollte man (in realiter kommt es eh kaum dazu!) in einem ORANUR-verseuchten Labor orgonotische Phänomene messen. Wer das ORANUR subjektiv nicht wahrnimmt und nicht naturgemäß forschen kann (sozusagen „ORANUR-frei“ fühlen und denken und entsprechend forschen kann), dessen Meinungen und Schlußfolgerungen in Sachen Orgonomie sind vollkommener, unwissenschaftlicher Unsinn.

LSR-VERLAG [Werbetext 1987]

6. November 2023

LSR-VERLAG [Werbetext 1987]

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 86)

5. November 2023

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Immer wieder liest man, daß die Religion die schlimmste Geißel der Menschheit sei und wir glücklich wir doch wären, gäbe es diesen mörderischen Aberglauben nicht. Es ist leider etwas vertrackter, als sich das linke Träumer ausmalen, denn selbst wenn die „Freiheit von der Religionsfreiheit“ bestünde, d.h. Atheismus im Sinne, daß kein Über-Ich mehr implantiert wird, fängt das Elend erst wirklich an. Einfach weil es immer Restbestände der alten über-ich-igen Welt geben wird, die wie unwiderstehliche Kristallisationskeime für die lebensfeindliche Reaktion wirken. Das hat ja Stirner selbst gesagt: „unsere Atheisten sind fromme Leute“. Oder etwa, kaum ist die sexuelle Freiheit gegeben, fangen die Leute an mit ihrer „Geschlechtsidentität“ zu experimentieren (manche mit ausdrücklichem Verweis auf Stirner!). Das ist wie bei der Hysterikerin; an sich ein genitaler Charakter, der aber aus Angst vor der Genitalität wirklich alles und jedes „genitalisieren“ kann – nur halt nicht die Genitalität selbst.

Mit anderen Worten: jede Revolution mündet in die Reaktion. Ganz platt „Angst vor der Freiheit“ und deshalb Flucht zurück in noch mehr, in verschärfte Unfreiheit. In diesem Sinne muß auch jede Aufklärung scheitern. Worauf die Katholen, beispielsweise „Pater Brown“, schon immer triumphierend verweisen konnten: der Glauben verschwindet und dafür zieht der pure Aberglaube ein.

Die Lösung kannte Reich aus seiner psychotherapeutischen Praxis: die langsame Akklimatisierung an die gewonnene Freiheit. Evolution. Was natürlich im gesellschaftlichen Feld bedeutet, daß sich die Aufklärung niemals wird durchsetzen können, weil alles so langsam vor sich geht, daß sich die Gegenaufklärung bequem wird durchsetzen können und sich wirklich gar nichts ändert.

Es bleibt dann nur, gemäß Reichs ursprünglichem „Leninismus“, eine Art „Wächterrat“, der das Projekt Aufklärung doch noch am Leben erhält, d.h. den besagten Akklimatisierungsprozeß am Leben erhält, einfach indem er ein Stachel im Fleisch bleibt. Und genau das ist der gesellschaftliche Ort des LSR-Projekts – meiner Meinung nach.

Nach außen hin, mag das wie der ultimative Idealismus aussehen, doch wie Reich, sagte geht aus jedem Sein ein Sollen hervor, aus jeder gegebenen Frage nur eine einzige Antwort. Das ist kein Idealismus, das ist Pragmatismus. Jeder Apfel fällt den „idealen“ kürzesten Weg vom Baum auf die Erde. Alles andere ist Unsinn. Genauso ist alles Unsinn, was nicht LSR entspricht.

LSR ist die letzte und endgültige, die einzig wichtige Wahrheit!

3. November 2023

L

LaMettrie beanspruchte Priorität nur für seine Lehre von den Schuldgefühlen, „und da kein Philosoph zu diesem Thema etwas beigetragen hat, kann mir diesen bescheidenen Erfinderruhm auch keiner nehmen“ (Anti-Seneca, S. 11).

„Um die Schuldgefühle, diese Plage der menschlichen Gattung, zu beseitigen, genügt es, ihr Wesen genau darzulegen. Man wird sehen, daß es durchaus von Vorteil ist und nicht viel Aufwand erfordert, die Gesellschaft von einer Bürde zu befreien, die schwer auf ihr lastet; daß die Tugenden, die durch die Institutionen der Gesellschaft garantiert werden, für deren Bestand, Sicherheit und Wohlergehen vollkommen ausreichen; daß es nur eine Wahrheit gibt, die zu kennen für die Menschen von Bedeutung ist, eine Wahrheit, der gegenüber all die anderen Wahrheiten Lappalien sind, mehr oder weniger verzwickte Gedankenspielereien“ (ebd., S. 22).

„Begeben wir uns zurück in unsere frühe Kindheit (…) und wir befinden uns dort, wo das Schuldgefühl entsteht. (…) Schuldgefühle sind (…) nichts anderes als unangenehme Reminiszenzen (…). Sie sind, wenn man so will, alte Prägungen (…) (ebd., S. 53f). Schuldgefühle, diese „Henker“, diese „bitteren Früchte“, „die auf dem Baum der Erziehung, nie jedoch auf dem der Natur, gewachsen sind“ (Philosophie und Politik, S. 101).

S

„Die Macht der Worte folgt“, so Stirner, „auf die der Dinge: erst wird man durch die Rute bezwungen, hernach durch Überzeugung.“ (Der Einzige und sein Eigentum, reclam, S. 390).

„[I]n der Furcht bleibt immer noch der Versuch, sich vom Gefürchteten zu befreien durch List, Betrug, Pfiffe usw. Dagegen ist’s in der Ehrfurcht ganz anders. Hier wird nicht bloß gefürchtet, sondern auch geehrt: das Gefürchtete ist zu einer innerlichen Macht geworden, der Ich Mich nicht mehr entziehen kann; Ich ehre dasselbe, bin davon eingenommen, ihm zugetan und angehörig: durch die Ehre, welche Ich ihm zolle, bin Ich vollständig in seiner Gewalt, und versuche die Befreiung nicht einmal mehr. (…) Ich und das Gefürchtete sind Eins: ‚nicht Ich lebe, sondern das Respektierte lebt in Mir!‘“ (ebd., S. 78).

R

Bernd A. Laska in einem lexikalischen Eintrag zu Reich: „Der fundamentale Gegensatz zwischen Freud und Reich kann mit den weithin geläufigen Freudschen Begriffen Es, Ich und Über-Ich pointiert dargestellt werden. Freud faßte sein Programm in die bekannte Sentenz: ‚Wo Es war, soll Ich werden.‘ Das Über-Ich, das er für die Grundbedingung menschlicher Kulturfähigkeit hielt, blieb unangetastet. Reich hingegen sah im Über-Ich ein evolutionär zu überwindendes Kulturhindernis. In Freudscher Terminologie lautete sein Programm: ‚Wo Über-Ich war, soll Ich werden‘. Die Bildung des Über-Ich bei der Enkulturation des Kindes sah Reich ‚funktionell identisch‘ mit der Entstehung einer psychisch und somatisch objektivierbaren ‚charakterlichen Panzerung‘, verbunden mit ‚orgastischer Impotenz‘. Nach Reich ist das introjizierte Über-Ich, obwohl vom Individuum als sein Ureigenstes (Identität, Werthaltungen) empfunden, der Inbegriff von Heteronomie, die letzte Instanz, die den wirklichen ‚Ausgang des Menschen aus seiner Unmündigkeit‘ verhindert“ (Neue Deutsche Biographie, 2003).