Posts Tagged ‘autoritäre Strukturen’

Blogeinträge November/Dezember 2015

6. Januar 2019

Charles Konia über politischen Radikalismus:

November/Dezember 2015

  • Was ist dem Nahen Osten widerfahren?
  • Der Dritte Weltkrieg
  • Die funktionelle Beziehung zwischen der Emotionellen Pest auf der Linken und auf der Rechten
  • Warum sprengen sie sich in die Luft?
  • Was ist der Ursprung der politischen Korrektheit?
  • Wie Leute radikalisiert werden
  • Das Rätsel der fehlenden Linksradikalen

Das finstere Mittelalter der Orgonomie

5. September 2012

Nach Reichs Tod Ende 1957 sah es denkbar finster für die Orgonomie aus. Gerettet wurde sie vom „Aufbruch der 60er Jahre“. Die Menschen wollten sich von den alten rigiden Strukturen befreien. „Bewegung“ war das Zauberwort. Hier kam Reich wie gerufen. Wie kein anderer war er dazu prädestiniert, dieser Grundtendenz des Aufbruchs Stimme zu geben:

Entsprechend blühte die Orgonomie: Konferenzen, Universitätskurse, zahlreiche Forschungsprojekte, immer neue Zeitschriften und Bücher, Medizinstudenten interessierten sich für eine Laufbahn als medizinischer Orgonom, etc.

Obwohl die Eigendynamik dieses Aufbruchs vielleicht noch ein oder eineinhalb Jahrzehnt nachwirkte, kam es mit Anbruch der 1980er Jahre zu einem vollkommen unerwarteten Einbruch. Es begann das 30 Jahre andauernde finstere Mittelalter der Orgonomie. Es war, als ob in den 1980er, 1990er und 2000er Jahren für die Orgonomie kein rechter Platz mehr vorhanden war. Das Interesse und Engagement nahm rapide ab, für größere Aktivitäten fehlte die Nachfrage und es wurden in dieser Zeit kaum neue medizinische Orgonomen ausgebildet. Heute fehlt eine ganze Generation medizinischer Orgonomen!

Was war geschehen? Die Orgonomie war überflüssig geworden! Die alten Strukturen waren erstaunlich schnell zerfallen und die Botschaft von „sexueller Befreiung“ und Infragestellung der Autoritäten auf allen Ebenen war kein unwiderstehliches Faszinosum mehr, sondern wirkte eher schal und abgeschmackt. Leute, die „auf der Suche“ waren, wandten sich eher „spirituellen Pfaden“ zu und „kritischen Geistern“ ging es nun darum auch noch die letzten Festungen der „repressiven Genitalität“ zu schleifen. Mit Leuten wie Michel Foucault konnte Reich einfach nicht mehr mithalten.

Während dieser finsteren Jahrzehnte war die Orgonomie natürlich alles andere als untätig. Tatsächlich ist sie in dieser Zeit erst richtig zu sich selbst gekommen. Die Orgonometrie, die vorher kaum existierte, wurde ausgebaut, die soziale Orgonomie wurde zu einem eigenständigen Bereich, der an Bedeutung der medizinischen Orgonomie in nichts nachsteht, und die Orgontherapie hat ihre wahrscheinlich endgültige Form erhalten. Waren die ersten 20 Jahre vor allem von Elsworth F. Baker geprägt, so die letzten 30 Jahre von Charles Konia.

Gegenwärtig sind wir Zeitzeugen des Beginns einer dritten Phase in der Entwicklung „der Orgonomie nach Reich“. Der Zerfall der antiautoritären Gesellschaft ist vorangeschritten und hat derartig katastrophische Ausmaße erreicht, daß die jungen Menschen heute im allgemeinen entropischen Chaos nach Struktur, Orientierung und Halt suchen:

Nach ihrer Konsolidierung unter Charles Konia steht die Orgonomie unvermittelt als zutiefst konservative Kraft da, die sich nie vom Zeitgeist der „Genderstudien“, „Dekonstruktion“, Political Correctness, Verharmlosung, wenn nicht sogar Glorifizierung „weicher Drogen“, vermeintlicher „Esoterik“ und all dem anderen Unsinn hat korrumpieren lassen. Sie hat sich nie der jeweiligen „Jugendkultur“ angebiedert. Die Orgonomie wirkt wie der letzte Hort geistiger und emotionaler Gesundheit und Klarheit, wie die letzte Festung der Integrität, wie der letzte Halt vor dem Fall in den Wahnsinn.

Das ist zwar eine grundsätzlich andere Situation als in den 1960er und 1970er Jahren, trotzdem hat die Orgonomie wie damals wieder eine gesellschaftliche Funktion inne. Uns allen steht eine Zeit ungeahnter und aus der Natur der Sache heraus diesmal zeitlich nicht begrenzter Blüte und Expansion bevor. Die erste Gleichung steht für Zerfall, die zweite für Dauer.

The Journal of Orgonomy (Vol. 32, No. 1, Spring/Summer 1998)

23. August 2012

Der „Charakter“ einer Gesellschaft und der Charakter der Menschen, die in dieser Gesellschaft leben, bedingen einander. Zur alten autoritären Gesellschaft gehörte entsprechend der „triebgehemmte Charakter“, zur neuen antiautoritären der triebhafte.

Wo immer man hinschaut, scheinen die westlichen Gesellschaften in den Selbstzerstörungsmodus übergegangen zu sein: Überschuldung, die nur in einer Hyperinflation enden kann, ein kultureller Zerfall, der unaufhaltsam die Grundlagen unserer Gesellschaft untergräbt, eine auf allen Ebenen verantwortungslose Politik, die so agiert, als gäbe es kein Morgen. In welchem Ausmaß diese Gesellschaft antiautoritär ist, sieht man daran, daß jede Verunglimpfung der alten Traditionen, insbesondere des Christentums, nicht nur toleriert, sondern gefeiert wird, während gleichzeitig der mittelalterliche Islam im Namen des „Antikolonialismus“ hofiert und „in unsere Mitte geladen“ wird.

Neulich habe ich, vielleicht das erste Mal in diesem Jahrtausend, mir Samstagabend einen ganzen Werbeblock bei RTL angeschaut: ein Kulturschock! Derartig dumm, geschmacklos, hohl, infantil und widerlich… Ich war wirklich entsetzt, denn im Vergleich von vor vielleicht 15 Jahren hat der Kulturzerfall rapide zugenommen. Leute, die diesen Scheiß alltäglich sehen, bekommen das gar nicht mit.

Die autoritäre Gesellschaft, die „gesellschaftliche Panzerung“ ist seit 50 Jahren am Zusammenbrechen, was aber nicht zu mehr Freiheit führt, sondern zu einer neuen Art von Panzerung. Die nun freiwerdende, vorher im Körperpanzer gebundene Angst, wird von einer desorganisierten Panzerung aufgefangen, die vor allem von einer starken Augenblockade und der damit einhergehenden Kontaktlosigkeit geprägt ist und ständig zwischen Triebhaftigkeit („Freiheit“) und sadistischer Triebunterdrückung schwankt. Man denke nur an die Permissivität und dem gleichzeitigen extremen Moralismus der Political Correctness.

Diesen Zustand finden wir sehr gut in dem Film Rocky Horror Picture Show verkörpert, der wirklich nichts anderes beschreibt als die Ablösung der autoritären durch die antiautoritäre Gesellschaft: an die Stelle von berechenbaren Spießern treten unberechenbare Freaks.

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Die Menschen werden nervöser und unglücklicher als sie es jemals waren. Die Spannung, die Anspannung, steigt, während gleichzeitig die Kapazität sinkt, diese Spannung zu ertragen: Spannungsbögen werden nicht mehr ertragen. Liebe wird nicht mehr ertragen, sondern nur Sentimentalität und der perverse Thrill. Arbeit wird nicht ertragen, sondern nur noch Chillen und Fun. Wissen zu erwerben, ist zu mühsam, aber man ist um so Meinungsfreudiger.

Das Piercing ist unmittelbarer Ausdruck dieser bioenergetischen Zusammenhänge. Charles Konia sieht im Piercing bei den „normaleren” Individuen Aufmüpfigkeit gegen die gesellschaftliche Norm, narzißtisches Verhalten und Identitätssuche am Werk. Man möchte in einer zerfallenden Gesellschaft zumindest zu einem „Stamm“ gehören („tribal“). Bei den Pathologischeren kommt ein masochistisches Moment hinzu: der Versuch, die innere Spannung, den „Druck“ zu lösen. Schließlich tritt bei manchen Formen der Schizophrenie der Drang zur Selbstverstümmelung zutage („Questions and Answers“, S. 112f).

Dazu Konias eigene klinische Beobachtungen: ein jugendlicher paranoid Schizophrener hatte seit geraumer Zeit Zigaretten auf seinem Arm ausgedrückt. Konnte damit aber aufhören, nachdem er seinen Unterarm piercen ließ und dort Ringe in der Haut trug. Offensichtlich reduzierten die Ringe die Gefühle und die „Spannung“ in seinem Arm. Auf der anderen Seite antwortete ein Jugendlicher, warum er in seinen Brustwarzen Ringe trage: „Um etwas zu fühlen!“

Einerseits werden die erogenen Zonen gepierct, um dort das Empfinden (die „Spannung“) zu reduzieren. Andererseits werden die gleichen Piercings benutzt, um Gefühle zu verstärken und verminderten Empfindungen und Gefühlen des Abgestorbenseins entgegenzuwirken. Siehe dazu auch meinen Blogeintrag Fuck me!.

Konia verweist auf eine Studie, daß Gepiercte in psychiatrischen Kliniken (immer im Vergleich zu vergleichbaren ungepiercten Patienten) signifikant mehr Angstsymptome hatten, sich auch anderen Selbstverstümmelungen hingaben und dissoziales Verhalten zeigten. Irrerweise hatten sie auch auffällig oft Interesse an Russisch Roulette (sic!): als Zuschauer oder sogar als Teilnehmer.

Man denke in diesem Zusammenhang an die selbstmörderischen Stunts, etwa „S-Bahn-Surfing“, dem so viele Jugendliche frönen.

Ein derartiges Verhalten bestimmt, wie bereits gesagt, die gesamte Gesellschaft. Der nackte Irrsinn ist allgegenwärtig. Wenn man beispielsweise das Verhalten der Politiker betrachtet, die für jeden denkenden Menschen sichtbar das Land gegen die Wand fahren, sollte man weniger auf die Ideologie oder auf „Sachzwänge“ blicken, sondern darauf, daß es die Charakterstruktur der Durchschnittsmenschen karikaturhaft überzeichnet, sozusagen rekapituliert.

Da sind zunächst einmal die Politiker, die der zunehmenden Infantilität und Verantwortungslosigkeit der Massen entgegenkommen und sich gleichzeitig gegenüber „höheren Ebenen“ genauso verhalten: die Wähler wenden sich dem „Sozialstaat“ zu und die Politiker „Europa“. Niemand will mehr Verantwortung auf seiner Ebene tragen.

Am Ende steht dann der Politiker, der aufgrund seiner vollendet triebhaften Struktur dem „Kleinen Mann“ Führung bieten kann. Diese Art von Politiker beschreibt Konia wie folgt („Neither Left Nor Right (Part II continued): The Consequences Of Political Illusion“, S. 92-111):

Der soziopathische Politiker habe, so Konia, eine glatte aber gut entwickelte Fassade, die sich jedem äußeren Widerstand anpaßt. Es gelinge ihm ausgezeichnet Menschen zu bezaubern. In seiner Umgebung rufe er ein wohliges Gefühl der Entspannung hervor, womit er Vertrauen und öffentliche Unterstützung gewinne. Sein Lächeln solle die Ahnungslosen entwaffnen und ihr Vertrauen gewinnen. Seine Überzeugungen und Beziehungen seien jedoch bloße Funktion seines Verlangens nach narzißtischer Befriedigung und persönlichem Gewinn. Er empfinde nur Verachtung für die Regeln des Anstandes und für das Vertrauen, das ihm entgegengebracht wird. Das Lügen falle ihm bemerkenswert leicht. Gewissensbisse seien ihm fremd. Anderen werde die Schuld in die Schuhe geschoben. Selbst wenn seine Verbrechen öffentlich werden, bleibe er entspannt und zeige keine Angst. Sein Charme und Mangel an Schuldgefühl veranlasse die Öffentlichkeit an seine Unschuld zu glauben. Er bleibe so lange loyal, als es seinen Zwecken und Interessen diene, obwohl er umgekehrt anderen unverbrüchliche Treue abverlange (S. 101).

Die Nähe zum, wie Reich ihn nannte, „Generalpsychopathen“ (Hitler) ist evident. Eine Massenpsychologie des Faschismus in der antiautoritären Gesellschaft ist ein Desiderat.