Die soziopolitische Diathese (Teil 4)

6. November 2018

von Paul Mathews, M.A., M.A.C.O.

Das konservative Syndrom

Der Konservative funktioniert mehr oder weniger verzerrt aus dem Kern heraus, d.h. die sekundäre Schicht wird auf zwei Arten abgewehrt: direkte Aggression (muskuläre Abwehr) oder moralische Unterdrückung (offene Sexualverneinung, Autoritarismus, Mystizismus). Er hat eine relativ dünne Fassade und es ist leichter, die Abwehrmechanismen zu durchschauen.

Wenn er Schuldgefühle hat, hängen die damit zusammen, ob er seine religiösen Ideale nicht erfüllt oder nicht in Harmonie mit der Natur lebt. Er wetteifert mit dem Vater, anstatt gegen ihn zu rebellieren, und er kann seine Absolution entweder von Gott oder von der Natur erhalten.

Da er jedoch sexuell unterdrückt ist, muss er seine sekundären Triebe bewältigen und kann sie nicht loswerden. Sein Moralismus und Autoritarismus sind ein Versuch, sie in sich und anderen zu kontrollieren (verzerrter Kontakt), und wenn er dazu nicht in der Lage ist, werden sie entweder in geheimen, perversen Fantasien oder – schlimmstenfalls – in schwerer Körperverletzung (Schwarzer Faschismus) ausgedrückt. Der Konservative benutzt seinen Intellekt, um der sekundären Schicht Ausdruck zu verleihen (1, S. 156)e, während der Liberale den seinen als Abwehr gegen die sekundäre Schicht verwendet; dies vergrößert die Fassade und ihre Komplexität und macht den Liberalen zu einem besonders schwierigen therapeutischen Problem. In der abschließenden Analyse führt die Abwehrhaltung des Liberalen gegen seine sekundäre Schicht zu weit größerem Durcheinander. Da der Konservative mit dem Vater konkurriert und sich mit ihm identifiziert5f, den intellektuellen Abwehrmechanismen nicht derartig hingegeben ist und über seine Aggression verfügt, neigt er dazu, individualistisch zu sein, verweist seinen Zentralismus hauptsächlich auf seine Familie und hat ein größeres Gefühl von Loyalität (wegen des Kontakts, wenn auch verzerrt), was sich als Patriotismus oder schlimmstenfalls als Chauvinismus manifestiert. Er identifiziert sich nicht mit der internationalen „Herde“, obwohl er sie in seiner schwarz-faschistischen Phase vielleicht als „überlegene Rasse“ (Mystizismus) dominieren möchte. Sowohl die schwarzen als auch die roten Faschisten wollen die Menschheit kontrollieren.

Die konservative Fassade ist relativ dünn, was die Struktur des Konservativen weitaus weniger komplex macht als die des Liberalen sowie viel leichter zu erkennen, zu beanstanden und, wenn nötig, zu bekämpfen. Genau aus diesen Gründen, glaube ich, ist es dem Konservativen nicht gelungen, die moderne Welt zu dominieren. Man sollte nie vergessen, was der schwarze Faschist (das Extrem des konservativen Spektrums) getan hat oder tun könnte – auch wenn sich die meisten Liberalen selten daran erinnern, was der rote Faschist (das Extrem des liberalen Spektrums) getan hat und derzeit tut.

Der konservative Charakter war der vorherrschende Typ bis zum Aufkommen des sogenannten Zeitalters der Vernunft; der Beginn der industriellen Revolution und das Wachstum der Technologie verstärkten die Kommunikation und machten die Massen für die hirnzentrierten liberalen Propagandisten zugänglicher. Die liberale Ideologie lockerte die Panzerung der grundsätzlich konservativen Massen, was zu einer Reaktion führte, die nicht zu einem ungepanzerten genitalen Charakter, sondern vielmehr zu einem gepanzerten liberalen Typus führte. Dieser liberale Typ musste sich gegen die konservative Struktur verteidigen, vor der er floh. Er tat dies, indem er seine oberflächliche intellektuelle Fassade als Abwehr gegen seinen Konservatismus und den Ausdruck seiner sekundären Schicht stärkte. Daher zog er mehr und mehr Energie in sein Gehirn und erzeugte so eine tiefe Spaltung zwischen seinen Organempfindungen und seiner Gedankentätigkeit; mit anderen Worten, eine Kontaktlosigkeit. So könnte man bemerkenswerterweise sagen, dass der Konservatismus sowohl historisch als auch charakterologisch eine frühere Stufe des modernen Liberalismus darstellt – eine Stufe, die der Liberale auf dem Weg zu mehr Gesundheit theoretisch erneut durchleben müsste6.

 

Fußnoten

5 Ein Artikel in der September-Ausgabe der Psychology today, 1974, mit dem Titel „Doves vs. Hawks; Guess Who Had the Authoritarian Parents“ von David M. Mantell, Dr. phil., bestätigt eindeutig die Identifizierung des Konservativen mit dem Vater, obwohl seine allgemeine Methodik und Interpretationen ernsthaft zu hinterfragen sind.

6 Dass Patienten in ihrem Charakter konservativer werden, wenn sie sich der Gesundheit nähern, wurde von einer Anzahl praktizierender Orgontherapeuten bestätigt.

 

Anmerkungen des Übersetzers

e Der Mensch in der Falle, S. 230: „Auf der konservativen Seite des Spektrums bewahrt sich das Individuum einen gewissen Kontakt zum Kern, wenn auch einen verzerrten, was einen vollständigeren Selbstausdruck und Aggressionstoleranz ermöglicht. Wenn das Gleichgewicht gestört wird, beginnt das Individuum, seine Brutalität zu äußern; es rationalisiert sie mystisch als notwendig im besten Interesse der Gruppen von Auserwählten, die beteiligt sind.“

f Psychologie heute, „Tauben gegen Falken; Ratet mal, wer die autoritären Eltern hatte.“

 

Literatur

1. Baker, E.F.: Man in the Trap. New York: Macmillan Company, 1967
5. Reich, W.: The Mass Psychology of Fascism. New York: Farrar, Straus & Giroux (Noonday), 1970
6. Reich, W.: Character Analysis. New York: Farrar, Straus & Giroux (Noonday), 1971

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 8 (1974), Nr. 2, S. 204-215.
Übersetzt von Robert (Berlin)

Zerstörung durch Reichianische Therapie

5. November 2018

Es kann kein größeres Unheil als das Auflösen von Blockaden geben. Die „Befreiung“ durch die sexuelle Revolution hat uns das anti-autoritäre Zeitalter beschert, das diesen Planeten zerstören wird. Es muß zunächst eine sexualpositive, lebensbejahende Stimmung in der Gesellschaft hergestellt werden, bevor man eine „sexuelle Revolution“ in Angriff nehmen kann, ansonsten landen wir in einem Alptraum aus Pornographie, Verunsicherung, Selbsterniedrigung und Gewalt. Cloudbusting ohne vorangegangene Beseitigung des atmosphärischen DOR kann nur in Wetterchaos münden und Menschenleben gefährden. Die Beseitigung der Körperpanzerung und das „Freilegen des Orgasmusreflexes“ kann nur im psychosomatischen Chaos enden.

Das Grundübel sämtlicher Reichianischer Therapieformen, inklusive dessen, was manche Leute als „Orgontherapie“ betrachten, ist die fast ausschließliche Fixierung auf den Reich, der die letzten Kapitel der Charakteranalyse und das Buch Die kosmische Überlagerung geschrieben hat. Hier beschäftigt er sich mit dem „energetischen Orgonom“, d.h. der longitudinalen Bewegung der Orgonenergie zwischen Steißbein, Kopf und Genital. Es gilt die Blockierungen dieser Bewegung aufzulösen. Was sträflich vernachlässigt wird, ist Reichs vorangegangener „radialer“ Ansatz, bei dem, wie in der Charakteranalyse, der Mensch als eine Art „Zwiebel“ betrachtet wurde, deren Schalen abgetragen werden, damit sich die Kontraktion, die „Sympathikotonie“ der „inneren Amöbe“ löst. Es muß erst diese energetische Verkrampfung gelockert, Expansion und Kontakt hergestellt werden, bevor es Sinn macht „Blockaden zu lösen“.

Letztendlich beruht die vollständige Fixierung der „Körperpsychotherapien“ auf das energetische Orgonom auf der soziopolitische Charakterologie. Der liberale (linke) Charakter lebt fast ausschließlich im energetischen Orgonom, im zentralen Nervensystem. Das im Solar plexus zentrierte orgonotische System, „der Bauch“, ist ihm fremd. Autonomie ist ihm fremd. Er, der „multikulturelle Globalist“, wird davongetragen von der Kreiselwellen-Bewegung der kosmischen Orgonenergie. Die bodenständige, zentrierte, in sich ruhende orgonotische Pulsation ist ihm wesensfremd (abgesehen von haltlosen Lippenbekenntnissen). Von seiner Charakterstruktur her kann er die Orgontherapie, so wie sie vom American College of Orgonomy vertreten wird, gar nicht begreifen. Sie ist ihm eine fremde Welt.

Ich habe mich also mal wieder mit „Reichianischen“ Körperpsychotherapien beschäftigt… Hier ist meine Reaktion dokumentiert:

Die soziopolitische Diathese (Teil 3)

4. November 2018

von Paul Mathews, M.A., M.A.C.O.

Kommen wir nun zu den spezifischeren Punkten der Unterscheidung zwischen liberaler und konservativer Charakterologie.

 

Das liberale Syndrom

Der Liberale funktioniert hauptsächlich in der oberflächlichen Fassade der dreischichtigen Struktur des Menschen; dergestalt ist er im Wesentlichen kontaktlos, seine Energie ist nach oben zu seinem Kopf und Gehirn, das parasitär geworden ist, gezogen.2

Er leidet auch an chronischen, nagenden Schuldgefühlen, bedingt durch:

  1. Subversive Rebellion gegen die Eltern.
  2. Identifikation mit dem Außenseiter, wobei er gleichzeitig wohlhabender ist als der Außenseiter (zwanghafte „sozial bewusste“ Aktivitäten).
  3. Fehlende Zuflucht zu religiösem Trost (sein mechanistischer Atheismus, Humanismus, Hingabe an Ethik oder universalistische „Religion“).
  4. Unfähigkeit gefühlsmäßig zu wissen, ob er Recht oder Unrecht hat (kontaktlos); also sein chronisches bewusstes oder unbewusstes Gefühl im Unrecht zu sein.
  5. Chronische Gefühle der Unaufrichtigkeit (seine Subversion und Kontaktlosigkeit). Seine Rechtschaffenheit ist am engsten mit diesem Faktor verbunden; sie dient der Verhüllung oder der Kompensation.

Diese Eigenschaften stehen im Einklang mit der Umtriebigkeit des Liberalen, der „Intellektualität“ (ein hoch entwickeltes System von Begründungen für seine Fehler und wahren Motive) und seinem Zentralismus (das Gehirn als zentrales Hauptorgan des Körpers), der seine Fähigkeit zum Orgonempfinden und Fühlen reduziert. Paradoxerweise fordert sein „Intellektualismus“ (Gehirn) Freiheit, ist aber gleichzeitig seiner parasitären Funktion als Zentralorgan des Körpers verpflichtet. Dies manifestiert sich im zentralistischen politischen Denken – „Die Regierung muss tun, was für das Volk notwendig ist“ – ein perfektes Beispiel für die Sehnsucht nach und die gleichzeitige Unfähigkeit zur Freiheit, von der der Liberale der Archetyp ist. Die Lösung dieses Dilemmas für den Liberalen geschieht mit seiner ultimativen Identifikation mit jenen zentralistischen (totalitären) Gruppen, die Freiheit und Gerechtigkeit missionieren, aber das Gegenteil verkörpern, nämlich die rot-faschistische emotionale Pest. Ihre Ablehnung des Totalitarismus des Schwarzen Faschismus kommt daher, daß die Schwarzen Faschisten ihre destruktiven Ziele missionieren, ohne sie mit humanitären Ideologien zu tarnen; da es keine Vorspiegelungen hinsichtlich ihrer zerstörerischen Ziele gibt, bieten sie keine Modelle an, um sich mit ihnen identifizieren zu können.

Die Liberalen sind daher extrem anfällig für wahllose „Volksfront“-Ausrichtungen mit der Linken, einschließlich des Roten Faschismus, sowie für die Rationalisierung ihrer Pest-Aktivitäten. Schuldgefühle werden mittels frommer Empörung über konservative Verstöße und unablässigem Abscheu vor den schwarz-faschistischen Extremen gesühnt.

Ein weiterer triftiger Grund für die verborgene Identifikation des Liberalen mit den Roten Faschisten ist der Druck, stellvertretend und subversiv den grausamen Hass zu entladen, der in seiner sekundären Schicht eingebettet ist. Die Abwehr gegen diese Schicht ist die charakteristische Kontaktlosigkeit. Das löst natürlich nicht das Problem der Entladung dieser explosiven Hassenergie; welchen besseren Weg gibt es dann, als die Menschheit durch Sozialprogramme und als „menschlich“ getarnte Handlungen in die Knie zu zwingen? Die Identifikation mit Modju3 entspricht genau diesem spezifischen Mechanismus der Vortäuschung4d. Der Liberale sieht die Vortäuschung im Modju nicht und kann sie auch nicht sehen, weil er sie nicht in sich selbst sehen kann. Darüber hinaus steht dem Modju seine zerstörerische physische Aggression zur Verfügung, während der Liberale diese Aggression vermeiden muss, weil sie einen Zusammenbruch seiner Abwehr auslösen könnte, was für ihn völlig katastrophal wäre.

 

Fußnoten

2 Reich erklärte, dass das Gehirn unter bestimmten Umständen zu einem parasitären Organismus wird, der Energie aus den unteren Körpersegmenten buchstäblich absaugt.

3 Ein von Reich geprägter Begriff, der den ultimativen, tödlichen, emotionalen Pestcharakter symbolisiert, insbesondere des rotfaschistischen Typs.

4 Vgl.: Man in the Trap, Kapitel 13, von E. F. Baker.

 

Anmerkungen des Übersetzers

d Der Mensch in der Falle. Kapitel 13: Die soziopolitischen Charaktertypen.

 

Literatur

1. Baker, E.F.: Man in the Trap. New York: Macmillan Company, 1967
2. Mathews, P.: „A Functional Understanding oft the Modern Liberal Character“, Journal of Orgonomy, 1:138-48, 1967
3. Mathews, P.: „The Biological Miscalculation and Contemporary Problems of Man“, Journal of Orgonomy, 4:111-25, 1970
4. Mathews, P.: „On Armor, War and Peace“, Journal of Orgonomy, 5:165-74, 1971
5. Reich, W.: The Mass Psychology of Fascism. New York: Farrar, Straus & Giroux (Noonday), 1970
6. Reich, W.: Character Analysis. New York: Farrar, Straus & Giroux (Noonday), 1971
7. Reich, W.: The Murder of Christ. New York: Farrar, Straus & Giroux (Noonday), 1972
8. Higgins, M. und Raphael, C., Hrsg.: Reich Speaks of Freud. New York: Farrar, Straus & Giroux (Noonday), 1967

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 8 (1974), Nr. 2, S. 204-215.
Übersetzt von Robert (Berlin)

Der verdrängte Christus: 29. Die Stammütter

3. November 2018

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

DER VERDRÄNGTE CHRISTUS:

29. Die Stammütter

Über den Umgang mit dem Problem der Eindringlinge

2. November 2018

Der amerikanische Orgonom Dr. Charles Konia über die Migrationswaffe der Emotionellen Pest:

Über den Umgang mit dem Problem der Eindringlinge

Die grenzenlose Charakterstruktur

1. November 2018

Reich glaubte, daß „die Emotionen an die Existenz und Bewegung von protoplasmatischer Substanz innerhalb eines begrenzten Systems gebunden sind und ohne diese Voraussetzung nicht existieren“. Expansion und Kontraktion gäbe es, so Reich, auch in der unbelebten Natur, aber mit einer Membran werden daraus die Emotionen, insbesondere die beiden Grundemotionen Lust (Expansion) und Angst (Kontraktion) (Äther, Gott und Teufel, S. 90f).

Aus dieser Warte muß man den heutigen Wahn sehen, alle Grenzen beseitigen zu wollen. Im Gespräch mit Jürgen Elsässer nennt Gerhard Wisnewski insbesondere folgende Beispiele dafür, daß überall Grenzen aufgelöst werden, wobei er bemerkenswerterweise „Leben“ durchaus ähnlich definiert wie Reich (Compact, 11/2018):

  1. finanzielle und wirtschaftliche Grenzen (deine Ersparnisse bürgen für die Verschwendung in Südeuropa, etc.);
  2. nationale Grenzen („Europa“ und die UN);
  3. ethnische Grenzen („Umvolkung“);
  4. intellektuelle und Begabungsgrenzen (die Einheitsschule, der Gerechtigkeitswahn);
  5. kulturelle Grenzen (Hollywoods globale Einheits-„Kultur“);
  6. sexuelle Grenzen („Gendermainstreaming“, wobei gleichzeitig die beiden Geschlechter zunehmend voneinander entfremdet werden);
  7. künstlerische Grenzen („Crossover-Projekte, es wird alles gemischt, Klassik mit Rock und Jazz und so weiter“).
  8. Die Grenzen zwischen Mensch und Maschine („Transhumanismus“).
  9. Die Grenzauflösung durch Organtransplantation, bei der übrigens LEBENDE ausgeschlachtet werden. Tote können keine Organe spenden, denn diese sind tot, d.h. funktionsunfähig!
  10. Die Grenze zwischen Tier und Mensch: Manieren, Schamgefühle, kurz die Kultur, werden aufgelöst – der Mensch wird zum Schwein.
  11. Die große Vereinheitlichung mit Weltstaat, gleichgeschaltetem Einheitsbürger und einer Weltreligion.

Für Wischnewski ist das alles von oben geplant und zwar seit Jahrzehnten, sogar Jahrhunderten (sic!). Er weiß nichts von der Emotionellen Pest, d.h. der Verschwörung gegen das Leben (das anfangs erwähnte Leben konstituierende „Grenzziehen“) an sich. Spezifischer geht es um die linksliberale und sozialistische Charakterstruktur, die auf der Verneinung von Emotionen beruht. Solche Menschen, die ganz „zerebral“ ausschließlich im „energetischen Orgonom“ leben, aus dem sie ständig hinaus streben, und denen das „orgonotische System“ (die Organisation der Pulsation – Expansion und Kontraktion, Lust und Angst) fremd ist, ertragen keine Grenzen, weil sie keine Emotionen ertragen. Bei der Nationalhymne legen sie nicht ergriffen die rechte Hand auf die Herzregion, sondern sie sind „internationalistisch angewidert“ und „betroffen“. Man gehe aus dieser Perspektive nochmals die obigen elf Punkte durch: alles löst sich in einen emotionslosen konturlosen Empfindungsbrei auf!

Daß sich die Emotionelle Pest organisiert, ist sekundär. Um zu verstehen, was wirklich in der Welt geschieht, muß man Wilhelm Reich, Elsworth F. Baker, Paul Mathews und Charles Konia lesen!

Die soziopolitische Diathese (Teil 2)

31. Oktober 2018

von Paul Mathews, M.A., M.A.C.O.

Als Hintergrund für diesen Artikel lassen Sie uns einige grundlegende Prinzipien der soziopolitischen Charakterologie, wie sie von Reich (5), Baker (1) und mir (2, 3, 4) entwickelt und formuliert wurden, kurz betrachten. Ich werde sachdienliche Beobachtungen oder Ergänzungen machen, die ich für hilfreich halte.

Wir sollten uns vor allem daran erinnern, dass alle Formen von Neurosen, Psychosen und anderen Biopathien, ob körperlich, emotional oder sozial, von der Panzerung des Menschen herrühren. Diese Panzerung verhindert die normale Regulierung der biologischen (Orgon-)Energie des Individuums, so dass Ungleichheiten oder Stauungen entstehen, die sich in Symptomen manifestieren, die körperlich oder emotional bzw. beides sein können. Da soziale Systeme Manifestationen des menschlichen Charakters sind, beruhen die sozialen Pathologien auf den gleichen Ursachen. Wie der gepanzerte Mensch dann versucht, das Dilemma seiner selbst geschaffenen Falle zu lösen, wird von seiner individuellen Charakterologie bestimmt, die von seiner unmittelbaren Umgebung beeinflusst wird. Ob er seine Probleme aus einem liberalen oder konservativen Blickwinkel angeht, liegt zum einen am elterlichen Einfluss, also seiner Entwicklung vom Kindesalter an (charakterologischer Faktor), und teilweise daran, ob er sich früh im Umfeld einer liberalen oder konservativen Gemeinschaft widerfindet (Umweltfaktor). So müssen wir zwischen einem charakterologischen und einem umweltbedingten Liberalen bzw. Konservativen (1, S. 193) unterscheiden. Die umweltbedingten Typen sind für erzieherische oder erfahrungsgemäße Einflüsse und Veränderungen zugänglich; die charakterologischen Typen sind, wenn überhaupt, kaum veränderbar.

Darüber hinaus müssen wir die menschliche Panzerung und die Struktur des Menschen von seinem Kern bis zur Peripherie betrachten, wie von Reich (5, S.vii-ix) skizziert. Der Kern repräsentiert seine grundlegende, urtümliche Natur, die im Wesentlichen kontaktfreudig, liebevoll, kreativ und gut ist. Die Blockade der Äußerungen des Kerns in Kindheit und Jugend führt zur Bildung einer sekundären, brutalen und perversen Schicht, die mit dem reaktiven Hass blockierter primärer Triebe besetzt ist. Die dritte Schicht dient als eine Verteidigung gegen den Ausdruck der sekundären Schicht. Es ist eine oberflächliche Fassade, die offenkundig „nett“ ist, aber kontaktlos, denn sie ist eigentlich eine kompensatorische Tarnung für den zugrunde liegenden Hass. Es ist der Teil des menschlichen Charakters, der mit dem Mechanismen des von Reich so genannten „Ersatzkontaktes“ (6, S. 328 ff) durchdrungen ist. Daher drückt sich die Nettigkeit, der Humanismus usw. auf einer mechanistischen, intellektuellen Ebene aus, die nicht mehr in Beziehung zu dem steht, was sie zu sein scheint, als die Koketterie einer Hysterikerin zur Sexualität. Der Ausdruck dieser oberflächlichen Fassade ist ausgesprochen defensiv und kann zu sehr gefährlichen sozialen Konsequenzen führen, wie später erklärt wird.

Reich bezeichnete die oberflächliche Fassade als „den Bereich des Liberalen“ und die sekundäre Schicht als „den Bereich des Faschisten“ (5, S. viii-ix). Er spezifizierte nicht den Bereich der Konservativen, sondern bekundete Respekt für ihn wegen dessen größerer Ehrlichkeit:

Der Freiheitsscharlatan [Liberale – P. M.] macht aus der Wahrheit einen Köder, um die Menschen in eine Falle zu locken. . . Er glaubt, für die Wahrheit zu kämpfen, wenn er tugendhaft ist. Der Konservative, der den gesellschaftlichen Status quo verteidigt, weil er die Schwierigkeiten kennt [kursiv von mir – P. M.], die mit der Suche nach der Wahrheit verbunden sind, ist bei weitem ehrlicher. Ihm steht zumindest die Möglichkeit offen, anständig zu bleiben. Der Freiheitsscharlatan muss seine Seele zwangsläufig dem Teufel verschreiben, wenn er vorwärts kommen will (7, S. 173)b.

Durch diese tiefgründige Beobachtung brachte Reich zum Ausdruck, daß der Konservative einen Grad an Kontakt hat, der dem Liberalen nicht zugänglich ist. Es war kein Plädoyer für den Status quo, sondern Ausdruck einer Präferenz für ihn im Vergleich zum kontaktlosen liberalen Freiheitshausieren. Baker hat Reichs Einsicht unterstrichen, indem er auf eine verzerrte Form des Kontaktes zum Kern beim Konservativen verwies, die mit Reichs Beobachtung übereinstimmt (1, S. 187 ff). Es stimmt, dass Reich in seinen früheren Schriften viel strenger und kritischer gegenüber dem Konservativen war; aber das war zum Teil ein Übertrag aus seiner Freudo-Marxistischen Periode und teils, weil er noch nicht die volle Bedeutung der sekundären Triebe, der emotionalen Pest und des Freiheitshausierens erfaßt hatte, wie er sie schließlich hatte, als er solche Werke wie The Murder of Christ und People in Trouble schrieb. Ebenso wie er, zum Ausgangspunkt zurückkehrend, mit Freud (aus verschiedenen Gründen) über die Vergeblichkeit eines politischen Ansatzes zur Lösung von Problemen übereinstimmte, stellte er fest, dass der Konservative weitaus weniger eine Bedrohung für die menschliche Freiheit und das Wohlergehen ist als der freiheitshausierende Liberale:

Ich wusste, dass die Leute krank waren, aber ich wollte Freiheit für sie. Aber die Fähigkeit zur Freiheit, die strukturelle, charakterologische Fähigkeit, war irgendwie nicht ganz da. Gerade hier, in der Frage der strukturellen Unfähigkeit waren Freuds Einwände gegen meine [sozio-politische] Arbeit korrekt. Ich versichere Ihnen, wenn ich nicht durch diese Fehler hindurchgegangen wäre, durch diese Erfahrungen mit den Leuten . . . wäre ich nicht dahin gekommen, wo ich heute bin, zu so einer reifen Position (8, S. 46)c.

 

Anmerkungen des Übersetzers

b Christusmord, Zweitausendeins, Seite 291.
Im englischen Original steht instinctive knowledge (instinktive Kenntnis) statt „kennt“ in der Übersetzung von Waltraud Götting.

c Wilhelm Reich über Sigmund Freud, Schloß Dätzingen 1976, S. 29/30.
Mathews lässt im Zitat eine Lücke weg, ohne sie anzugeben. Eckige Klammern von ihm.

 

Literatur

1. Baker, E.F.: Man in the Trap. New York: Macmillan Company, 1967
2. Mathews, P.: „A Functional Understanding oft the Modern Liberal Character“, Journal of Orgonomy, 1:138-48, 1967
3. Mathews, P.: „The Biological Miscalculation and Contemporary Problems of Man“, Journal of Orgonomy, 4:111-25, 1970
4. Mathews, P.: „On Armor, War and Peace“, Journal of Orgonomy, 5:165-74, 1971
5. Reich, W.: The Mass Psychology of Fascism. New York: Farrar, Straus & Giroux (Noonday), 1970
6. Reich, W.: Character Analysis. New York: Farrar, Straus & Giroux (Noonday), 1971
7. Reich, W.: The Murder of Christ. New York: Farrar, Straus & Giroux (Noonday), 1972
8. Higgins, M. und Raphael, C., Hrsg.: Reich Speaks of Freud. New York: Farrar, Straus & Giroux (Noonday), 1967

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 8 (1974), Nr. 2, S. 204-215.
Übersetzt von Robert (Berlin)

Über Perspektive

30. Oktober 2018

Der amerikanische Orgonom Dr. Charles Konia über die Kontaktlosigkeit der Linken:

Über Perspektive

Die soziopolitische Diathese (Teil 1)

29. Oktober 2018

von Paul Mathews, M.A., M.A.C.O.*a

[Diathese: Disposition für bestimmte Erkrankungen. Anm. Übers.]

Seit der Veröffentlichung von Man in the Trap (1) von Elsworth Baker und meinen eigenen Artikeln im Journal of Orgonomy (2, 3, 4) gab es einige Kontroversen über die Position der Orgonomie hinsichtlich Liberalismus und Konservatismus. Da sind diejenigen, die meinen, es sei zu viel Gewicht auf die Analyse und die Defizite des Liberalismus und nicht genug auf die des Konservatismus gelegt worden. Andere haben uns sogar beschuldigt, zugunsten der Konservativen zu „politisieren“ und sagten, dass wir eine Art rechtsextreme, ultra-konservative Fraktion der Orgonomie vertreten. Sie behaupten zum Beispiel, dass wir den Konservativen, sowohl diagnostisch als auch prognostisch, ein höheres Maß an Gesundheit zuschreiben; dass wir die politischen Konservativen bevorzugen. Von solchen Kritikern wird immer wieder übersehen, dass die Erkenntnisse, Theorien und Schlussfolgerungen, zu denen wir gelangt sind, das Ergebnis strengster Anwendung funktionellen, wissenschaftlichen Denkens sind und mit Reichs eigenen Schlussfolgerungen übereinstimmen, die sich aus seinem wissenschaftlichen Genie und dem Reichtum seiner Erfahrungen in der soziopolitischen Arena ableiten. Ich möchte hinzufügen, dass viele von uns ursprünglich aus einer Umgebung kamen, die einer diametral entgegengesetzten Position weitaus förderlicher war, als der wir beschuldigt werden.

Tatsächlich haben wir in Publikationen, Vorträgen und Seminaren deutlich gemacht, dass wir beide Seiten des politischen Spektrums erfassen vom Neurotischen bis hin zur faschistischen emotionalen Pest. Das allzu häufige Problem des Kritikers ist, dass er immer an politische Faktoren in einer politischen Weise dachte; er kann also nicht zwischen einer mechanistischen, politischen Analyse und einer funktionellen, wissenschaftlichen unterscheiden. Durch Projektion wird die funktionelle Perspektive, die seiner charakterologischen Präferenz entgegensteht, als politisch engstirnig interpretiert.

Das einzige, was wir hier tun können, ist, die Objektivität unserer Ergebnisse und Ziele zu bekräftigen; zu versuchen, die wesentlichen Bestandteile, die das liberale1 vom konservativen Syndrom unterscheidet, mittels theoretischer Rekapitulation genauer zu präzisieren und gegenwärtige Beispiele zu präsentieren.

Noch eine Bemerkung zur stärkeren „Betonung“, die wir auf Liberale als auf Konservative legen. Das ist auf zwei Hauptfaktoren zurückzuführen: die größere Komplexität des liberalen Syndroms (die später geklärt werden soll) und die gegenwärtige Vorherrschaft und entscheidende Rolle des Liberalen bei der Beeinflussung des zukünftigen Kurses der Menschheit. Es wäre irrational in einer vom Roten Faschismus verwüsteten Welt mit seinen enormen Bevölkerungen und seiner Zerstörungskraft, ihm die gleiche oder eine geringere Aufmerksamkeit zu schenken wie dem Schwarzen Faschismus. Tatsächlich ist es ein fester Bestandteil der Krankheit und Selbstzerstörung unserer Zivilisation, dass die Bedrohung durch den Roten Faschismus vergleichsweise wenig Beachtung findet. Man muss nur die Filme, Theaterstücke, Bücher usw. vergleichen, die sich mit der Bedrohung von der rechten Seite befassen im Vergleich zu den wenigen, die das mit der unmittelbaren und tödlichen Bedrohung von links tun. In der Orgonomie beschäftigen wir uns mit beiden Seiten des politischen Spektrums funktionell; wir erkennen an, dass keine unser Ziel der genitalen Gesundheit vertritt und haben nicht die Illusion, dass die politische Dominanz der einen über der anderen Seite ein Allheilmittel wäre. Um jedoch so realistisch wie möglich zu sein, ist es notwendig, dass wir quantitativ und qualitativ die Art, den Zweck und das Funktionspotenzial der heute vorherrschenden Kräfte bewerten, damit wir bestimmen können, wie und mit wem wir unsere Ziele am besten erreichen können. Auch müssen wir dies tun, unabhängig davon, ob es unpopulär ist. Unser Hauptanliegen ist nicht, „akzeptiert“ oder „demokratisch“ oder „fortschrittlich“ oder „avantgardistisch“ oder „wissend“ im mechanistischen und ideologischen Sinne zu sein. Wir sind daran interessiert, so viel wie möglich über den lebenden menschlichen Organismus, den lebendigen Energie-Ozean, aus dem er stammt und von dem er ein Teil ist, und die Natur der sozialen Kräfte, die er geschaffen hat und die ihn jetzt gegenseitig beeinflussen, zu erfahren. Auf diese Weise hoffen wir, dass wir uns selbst und der Menschheit helfen können, in eine gesündere, rationalere und erfülltere Zukunft zu gelangen, indem wir unseren Erkenntnissen folgen, wohin sie auch führen mögen.

 

Fußnoten

* Außerordentlicher Assistenzprofessor, New York University. Pädagoge, orgonomischer Berater und Sozialwissenschaftler, Sprachlehrer- und Kliniker. Mitglied des American College of Orgonomy. [Anm. d. Übers.: Paul N. Mathews (1924-1986)]

1 Die Verwendung des Begriffs „liberal“ in diesem Papier bezieht sich hauptsächlich auf den modernen Liberalen, obwohl oftmals das gesamte liberale Spektrum impliziert wird.

 

Anmerkungen des Übersetzers

a Member of the American College of Orgonomy.

 

Literatur

1. Baker, E.F.: Man in the Trap. New York: Macmillan Company, 1967
2. Mathews, P.: „A Functional Understanding of the Modern Liberal Character“, Journal of Orgonomy, 1:138-48, 1967
3. Mathews, P.: „The Biological Miscalculation and Contemporary Problems of Man“, Journal of Orgonomy, 4:111-25, 1970
4. Mathews, P.: „On Armor, War and Peace“, Journal of Orgonomy, 5:165-74, 1971

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 8 (1974), Nr. 2, S. 204-215.
Übersetzt von Robert (Berlin)

Der orgonomische Funktionalismus und die Rechte

28. Oktober 2018

Alles was ist, hat seine Berechtigung, einfach weil es ist. Alles, was ist, ist da, weil es eine FUNKTION erfüllt. Bevor man sich daran machen kann, irgendetwas zu ändern, etwa ein Panzersegment zu befreien, muß man erstmal begreifen, welche Funktion die jeweilige Gegebenheit, in diesem Fall die Panzerung, hat. Erst dann kann man vorsichtige Veränderungen in Angriff nehmen – oder es gegebenenfalls auch lassen.

In diesem Sinne ist der Konservatismus funktionell. Er schlägt in Emotionelle Pest um, wenn er sich gegen den rationalen Gang der Entwicklung, also letztendlich der freien Entfaltung der Orgonenergie entgegenstemmt. Das wird insbesondere im Bereich der Sexualökonomie evident.