
Wilhelm Reich, Physiker: 5. Das Atom und das Orgon, c. Das orgonomische Potential und das Lebendige
Was ist Orgonomie? Die Welt so zu sehen, wie sie ist bzw. wie sie „funktioniert“. Es geht nicht darum, sie vorgestanzten Schablonen anzupassen. Es geht stets um Funktionen, nicht Modelle. Funktionen verändern sich spontan, ihnen ist spontane Bewegung eigen, sie haben ein Eigenleben. Modelle sind fix und starr. Funktionen verweisen auf tiefere und höhere Funktionsbereiche. Modelle sind „eindimensional“. Funktionen sind stets direkter Ausdruck der Orgonenergie. Modelle sind Produkte unseres Gehirns, die sich an starrer Materie orientieren.
Ab und an wird mir gesagt, wie froh doch mein Gegenüber sei, daß er mittels der Orgonomie alles sofort einordnen könne, was in der Welt so vor sich geht. Wenn man manche Darstellungen der Orgonomie liest, kann man tatsächlich den Eindruck gewinnen, Reich sei kein Naturwissenschaftler gewesen, sondern ein „sinnstiftender“ Dichterphilosoph, der alles Geschehen auf Ätherströme im Kosmos und in den Menschen zurückgeführt habe. Daraus habe er dann ein Modell der Wirklichkeit bzw. eine Weltanschauung gebastelt. Kommt man diesen vermeintlichen „Orgonomen“ mit Fernwirkung bei Newton oder in der Quantenmechanik, wischen sie das verächtlich vom Tisch, weil hier kein Platz für Ätherströme ist. Diese Art von „Orgonphysik“ setzt uns ein hydraulisches Weltmodell vor, das an mechanischer Grobheit kaum zu überbieten ist, zumal uns versichert wird, daß Orgon müsse eine „minimale Masse“ haben, um die Phänomene zu erklären.
Ähnlich sieht es im Bereich der Soziologie aus. Manche vermeintlich „orgonomische“ Gesellschaftsanalysen grenzen an Idiotie, weil Reichs Erkenntnisse, die er in einer autoritären Gesellschaft gewonnen hat, mechanisch auf eine vollkommen andere Gesellschaft, die antiautoritäre, übertragen werden.
Und dann ist da dieser wohlfeile Antifaschismus, der mich nur anwidert, – weil er selbst faschistisch ist. Reich innerhalb der antiautoritären Gesellschaf als „Antifaschisten“ rehabilitieren zu wollen, in einem Umfeld des Genderwahns und der Kinderkrippen, der „Antifa“ und grünroter Kinderficker… Allein schon wie vermeintliche „Antirassisten“ das deutsche Volk verachten und angesichts des gegenwärtigen Völkermordes an den Deutschen triumphieren. Versucht man die Geschichte Deutschlands seit 1871 im allgemeinen und Hitler im besonderen zu verstehen, kommen sie mit der „Emotionellen Pest“ und man steht unversehens selbst als „Revisionist“ (sic!) da, weil man sich nicht dem als „Geschichtswissenschaft“ kaschierten Tugendterror unterwirft. Hinterfragt man Grunddogmen der antiautoritären Gesellschaft, etwa indem man behauptet, daß es selbstverständlich Rassen gibt und daß sich die Unterschiede nicht auf die Hautfarbe reduzieren lassen und daß Reich sich hinsichtlich der Vererbungslehre ideologisch verrannt hatte… Man hat damit die „orgonomische“ Weltanschauung verraten, die der ganze Lebensinhalt des Pseudo-Orgonomen ist.
Liest man Reich selbst, wird man gewahr, daß er Einstein nicht nur mit Ätherströmen entgegengetreten ist, sondern vor allem auch mit dem Konzept der „Erstrahlung“, die Fernwirkung beinhaltet. Auch kann man darauf verweisen, daß Reich wiederholt geschrieben hat, daß Hitler in manchen Punkten recht hatte, und daß Reich Deutschland nie mit der Emotionellen Pest gleichgesetzt hatte, wie es manche Historiker implizit tun. Dafür erntet man Entsetzen, wenn nicht puren Haß. Man hat eine enge, kitschige und, ja, pseudowissenschaftliche Weltanschauung hinterfragt, ist Verräter an dem, was diese Herrschaften sich als „Orgonomie“ zusammengebastelt haben, um ihr Leben besser zu bewältigen. Sie wollen Halt im Leben finden, indem sie für alle Lebenslagen sofort mechanische, wohlfeile Erklärungsmuster bereit haben. Reich hat jedoch keine Glaubenslehre hinterlassen, sondern eine Denkmethode.
Sie wollen vor allem eins: daß der Name „Wilhelm Reich“ bekannter wird und sich sein „Gedankengut“ ausbreitet. Diese Wahrheitskrämer würden potentielle Patienten zwar gerne zu einem medizinischen Orgonomen schicken, verweisen sie dann aber mangels Anbietern auch auf Reichianische Körpertherapeuten. Hauptsache es hat irgendwas mit Reich zu tun! Wen kümmert es, daß diese Therapeuten nur Schaden anrichten! Es sind Leute, die Bedenken hinsichtlich des Orgonenergie-Akkumulators in einer ORANUR- und DOR-verseuchten Umwelt fast schon verächtlich von sich weisen. Hauptsache alles entwickelt sich in Richtung auf Reichs „Vision“ einer flächendeckenden Krebsprophylaxe in Der Krebs!
Aber zurück zum Thema meiner Serie über Deutschland und die Emotionelle Pest: Es geht darum, daß Deutschland nach 1871 auf vergleichsweise kleiner Fläche (die „Ostgebiete“ waren schon zur Kaiserzeit unproduktiver Ballast!) sich rasend schnell zu einer der innovativsten und produktivsten Länder der Welt entwickelte, nachdem es ohnehin bereits im Jahrhundert zuvor zur bestimmenden Kulturnation geworden war. Deutschland war auf dem Weg die „Weltmächte“ Frankreich und England zu dominieren. Selbst Amerika war bis zum Zweiten Weltkrieg technologisch kaum ebenbürtig und seine Infrastruktur war über weite Landstriche „Burkina Faso“! Sogar heute, wer kauft schon amerikanische Produkte?
Der Erste und der Zweite Weltkrieg und sogar der Kalte Krieg und die EU drehten sich nur um eins: Deutschland zurechtzustutzen und „einzubinden“. Einem „Orgonomen“ kann man damit nicht kommen, denn es paßt nicht in sein Begriffsraster („Emotionelle Pest“, „Schwarzer Faschismus“, „Roter Faschismus“, „Saharasia“). Es paßt nicht in seine Weltanschauung, die auf verblüffende Weise an „Krieg der Sterne“ erinnert: der Kampf für die Republik und gegen das Imperium mit Hilfe „der Kraft“. – Übrigens eine Weltanschauung, die Hitler weitgehend teilte! (siehe Der Blaue Faschismus).
Ökonomisch ist Deutschland der Kern Europas, dem die Peripherie zuarbeitet und in die hinein sich der Kern entlädt (Export). Zunächst versuchte man die Bildung dieses Kerns zu verhindern und dann hat man alles versucht diesen Kern einzudämmen (abzupanzern). Das jeweils ohne Erfolg: aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg ist Deutschland eher gestärkt hervorgegangen. Der Kalte Krieg hat ihm eine jahrzehntelange Ruhephase beschert und die EU ist kaum mehr als eine Freihandelszone für deutsche Produkte.
Ist man erst einmal trotz aller „orgonomischen“ Denkschablonen soweit vorgedrungen, zwingt sich einem der orgonomische (bioenergetische, charakterologische) Hintergrund dieser Dynamik geradezu auf. Nationen wie England, Frankreich, Italien und Griechenland sind urban und zentralistisch organisiert, während Deutschland wegen seiner Abkunft aus dem Römischen Reich Deutscher Nation stets dezentral und ländlich strukturiert war. Das spiegelt sich in der durchschnittlichen Charakterstruktur seiner Bevölkerung und damit seiner Führer wider. Gemäß der Funktion der deutschen Nation als „ökonomischer Kern“ Europas herrschen hier Charakterstrukturen des rechten, konservativen Spektrums vor. (Der Deutsche gilt, bzw. galt, als „unlocker“, d.h. muskulär gepanzert!) An der ökonomischen Peripherie, man nehme nur Frankreich als bestes Beispiel, sind es Menschen des linken, liberalen Spektrums. Die einen produzieren, die anderen konsumieren und verteilen um. Wenn ich dann noch erwähne, daß es in Deutschland eine Bevölkerungsgruppe gab, die fast durchweg liberal strukturiert war, nämlich die Juden, rasten „Reichianer“ endgültig aus.
Es ist unmöglich mit gläubigen Kindern zu diskutieren. Sie haben eine „orgonomische“ Weltanschauung, die reflexartig über das Rückgrat funktioniert.
Es bringt nichts, die Wirklichkeit mit der Massenpsychologie in der Hand zu betrachten und jeweilige Übereinstimmungen abzuhaken. Das ist eine sterile, ideologische und sektiererische Herangehensweise. Man muß stets so vorgehen, wie sich Reich etwa der Mikrobiologie genähert hat: einfach hinschauen was passiert, durchgehende energetische Funktionen identifizieren und so lange warten, bis sich eine ausformulierbare Theorie quasi von selbst aufdrängt.
Mit einer „hydraulischen“ Orgonomie, die alles mit einer Art „Sauce“ erklären will, die wirbelnd das Weltall durchfließt, und einer Orgonomie, die auch Reichs soziologische Theorien zu einer kastrierten Karikatur ihrer selbst macht, will ich nichts zu tun haben. Das ganze ist mittelalterliche Scholastik! Sektenunwesen! Wobei ich mir natürlich bewußt bin, daß ich hier und da kaum anders argumentiert habe, als der typische, beschränkte „Reichianer“, der seine Heilslehre gefunden hat!
Ich habe mit mehreren Orgontherapeuten und „Orgonpatienten“ darüber gesprochen: Orgontherapie über eine Videokamera ist möglich. Damit fällt (mal abgesehen von den Finanzen!) jedwede Ausrede weg, sich keiner Orgontherapie lege artis zu unterziehen.
In einer Orgontherapie wird der Charakter behandelt. Folglich muß am Anfang der Behandlung eine Diagnose stehen, eine „Charakterdiagnose“. Zur Klassifikation bieten sich die Zustände der Orgonenergie an (OR, ORANUR, DOR) oder ihre pulsatorische Bewegung (die E-Motionen: Lust, Angst, Wut, Sehnsucht, Trauer). Da wir es aber mit der Charakter-Struktur zu tun haben, sind die sieben Panzersegmente naheliegender (Augen, Mund, Hals, Brust, Zwerchfell, Bauch, Becken).
Tatsächlich beruht Reichs provisorische Aufteilung der Charaktere in seinem Buch Charakteranalyse auf den Vorarbeiten Freuds und anderer Psychoanalytiker (Jones, Abraham, etc.). Diese gingen von den erogenen Zonen bzw. erogenen Stufen aus. In der Entwicklung werden nacheinander die oralen, analen und genitalen „Zonen“ libidinös besetzt. Hemmungen in der Entwicklung führen zum „analen“ Zwangscharakter. Es ist nur folgerichtig diese Vorstellung mit Panzerung im Kopf- und Beckenbereich zu verbinden.
Reich stellte sich die Situation zur Zeit von Charakteranalyse wie folgt dar, wobei es jeweils um die Bewältigung des ödipalen Konflikts geht:
Die letztere Charakterstruktur wurde 1926 von Reich selbst in die Psychoanalyse eingebracht. Von diesem Gerüst ausgehend und mit Rückgriff auf den von Reich zusätzlich beschriebenen passiv-femininen Charakter, den masochistischen Charakter und (später) den schizophrenen Charakter hat Elsworth F. Baker die orgonomische Charakterologie entworfen. Dazu hat er eine weitere libidinöse Stufe postuliert: die okulare. Die dreizehn wichtigsten Charaktere werden im folgenden frei nach Bakers Der Mensch in der Falle schematisch präsentiert:
Wir haben:
Es gibt weitere Charaktere, aber die sind „mangels Patientenmasse“ nur von akademischem Interesse. (Selbst der masochistische Charakter kommt wohl eher selten vor und wird hier nur wegen seiner Bedeutung für die Geschichte der Orgonomie aufgelistet!)
Die im obigen Schema skizierte Charakterologie ist nicht am Schreibtisch, sondern seit Ende des vorletzten Jahrhunderts sukzessive in der Klinik entstanden. Beispielsweise könnte man fragen, warum es keine „oralen Charaktere“ gibt dafür aber „anale Charaktere“. (Tatsächlich gibt es einen „oralen Charakter“, aber der ist nur bedingt überlebensfähig und wird kaum zur Psychotherapie gehen!) Oralität spielt in der obigen Aufstellung offensichtlich eine zentrale Rolle, insbesondere in der Depression, aber anders, als man das sich aus abstrakter Warte vorstellen würde. Nochmals: das hat sich niemand so ausgedacht, sondern es ist historisch gewachsen und hat sich immer wieder bewährt. Hier sei nur angeführt, daß die fünf libidinösen Stufen (okular, oral, anal, phallisch und genital) qualitativ nicht gleichwertig sind und allein schon von daher eine „logischere“ Aufstellung Unsinn wäre! Leitfaden ist dabei die Orgasmustheorie.
Nehmen wir dazu die obige Liste: Die Charaktere 2 und 3 müssen von ihren prägenitalen Anteilen befreit und dann der Charakter 1 zu einem erwachsenen Sexualobjekt hingeführt werden. Ähnlich sieht es bei den Charakteren 5, 6, 7, 8, 9, 10 und 11 aus: der phallische Narzißt (Charakter 4) muß seinen Ödipuskomplex überwinden, nachdem er sich von seiner Oralität bzw. Analität befreit hat, wobei die analen Charaktere die phallische Stufe in ihrer Entwicklung kaum ganz besetzt hatten. Bei Charakter 12 läuft nach der Beseitigung des okularen Blocks alles wie bei Charakter 4 ab, bei Charakter 13 ist es entsprechend Charakter 9. Es geht jeweils darum, zunächst die prägenitalen (präödipalen!) Konflikte zu bearbeiten, bis man zum ödipalen Kern der psychischen Biopathien und damit zur orgastischen Impotenz vordringen und diese beseitigen kann.
Was nun die soziopolitische Charakterologie betrifft: bei ihr geht es um zwei Arten der Abwehr, die jeweils sozial weitreichende Folgen haben. Der Neurotiker (und Psychotiker) leidet gewöhnlich still vor sich hin. Schlimmstenfalls kommt es zu Familiendramen oder entsprechenden Vorkommnissen am Arbeitsplatz. Der soziopolitische Charakter hingegen stellt sein neurotisches Gleichgewicht her, indem er praktisch die gesamte Gesellschaft instrumentalisiert.
Es gibt prinzipiell zwei Arten von Menschen: die einen bewältigen das menschliche Zusammenleben durch ständiges „Intellektualisieren“, die anderen mit körperlicher Gewalt. Die einen zerreden alles, lenken von den gegebenen Problemen ab, indem sie „grundsätzliche“ Gesichtspunkte anbringen, sie relativieren und setzen alles „in Perspektive“. Man denke nur, wie die Gewalt und das teilweise unmögliche Verhalten von sogenannten „Migranten“ solange „wegdiskutiert“ wird, bis sich die Opfer dieser Gewalt und dieses Verhaltens schuldig fühlen. Die andere Seite, die Rechte, scheint hingegen wie blind für die Umstände der Migranten zu sein: für sie sind es nur „Kanaken“ und man möchte seine Ruhe haben. Auch wenn keine körperliche Gewalt ausgeübt wird, man spürt doch die Atmosphäre „geballter Fäuste“, die zum Kampf kontrahierte Körpermuskulatur.
Man vergleiche etwa die verkopfte, wirre Reaktion der linksliberalen Liberation auf den Terroranschlag in Paris mit der offen bellizistischen des konservativen Figaro:
KOPFABWEHR: Die Fanatiker verteidigen keine Religion, weil Religion tolerant sein kann (sic!), und sie verteidigen nicht die Muslime, die in ihrer überwältigenden Mehrheit mit Entsetzen auf diese niederträchtigen Morde reagiert haben. Die Fanatiker greifen die Freiheit an. Der Gegner ist der Terrorismus, nicht der Islam, der Gegner ist der Fanatismus, keine Religion, und der Gegner ist der Extremismus. Der hat nichts zu tun mit unseren muslimischen Mitbürgern.
MUSKELABWEHR: …einem Krieg des islamischen Fanatismus gegen den Westen, gegen Europa und gegen die Werte der Demokratie. Dieser Kampf wird nicht aus dem Verborgenen geführt, sondern von organisierten Killern, deren gelassene Brutalität uns das Blut in den Adern gerinnen läßt. Zu lange sind wir im Namen eines irregeleiteten Humanismus unseren schlimmsten Feinden entgegengekommen. Gegen diese Fanatiker, die sich offen gegen unser Land und unsere Sicherheit verschwören, müssen wir hart durchgreifen. Wenn es Krieg gibt, muß man ihn gewinnen.
Alle ach so intellektuellen Auseinandersetzungen lassen sich auf das alltägliche „Abwehrverhalten“ zweier Typen von Neurotikern reduzieren: die einen zerreden bei alltäglichen Konflikten alles, die anderen werden sofort gewalttätig oder drohen zumindest damit. Man denke nur an zwei denkbar unterschiedliche Milieus im heutigen Deutschland: das grün-rote Milieu („das müssen wir ausdiskutieren“) auf der einen und das türkische Milieu („was guckst du?“) auf der anderen Seite. Politik kann nur ein Psychiater wirklich verstehen.
Was hier in das gesellschaftliche Leben überschwappt sind direkte Ausläufer des ödipalen Konflikts. Die linke Seite, mit ihrer intellektuellen Abwehr, rebelliert gegen den Vater, will ihn beseitigen und nimmt aus der Todesangst des im Vergleich unendlich Schwachen Zuflucht zum Intellekt („David gegen Goliath“). Die rechte Seite, mit ihrer muskulären Abwehr, wetteifert nur mit dem Vater. Das führt dazu, daß die Linke (in unserem obigen Vergleich) alles tut, um die Nation zu untergraben, während die Rechte ganz im Patriotismus (!) aufgeht. Im Extrem mündet beides im Faschismus (rot bzw. schwarz). Entscheidend ist, daß dies alles nichts mit realen und aktuellen Problemen zu tun hat, sondern mit zwei unterschiedlichen Abwehrmöglichkeiten des weit zurückliegenden ödipalen Konflikts.
Diese soziopolitische Aufstellung, die man weiter aufteilen kann, wie Baker es getan hat, hat sich ebenfalls niemand ausgedacht, sondern sie ist gewachsen. In jeder demokratisch verfaßten Gesellschaft bildet sich ein politisches Spektrum aus, das in seinen Grundzügen diese beiden Arten der neurotischen Abwehr widerspiegelt. Reale Interessenkonflikte sind nur vorgeschoben und spielen, wie Reich bereits 1933 in seiner Massenpsychologie des Faschismus ausgeführt hat, nicht die entscheidende Rolle.
Zusammenfassend kann man sagen, daß psychische Biopathien auf der Panzerung im Kopf- und Beckenbereich beruhen und soziale Biopathien darauf, wie der Organismus in seiner Gesamtheit die Orgasmusangst abwehrt (intellektuell oder muskulär). Die somatischen Biopathien beruhen sowohl auf der Panzerung beliebiger Segmente (insbesondere ist das Zwerchfellsegment zu nennen) sowie auf der Längsbewegung der Orgonenergie (energetisches Orgonom) und ihrer Erstrahlung. Sie haben keine unmittelbare Beziehung zum ödipalen Konflikt, weshalb hier der Begriff „Charakter“ keinen Platz hat.
Francesco Foroni von der Freien Universität Amsterdam und Gün Semin von der Universität in Utrecht haben in einer Studie gezeigt, daß Sprache sich nicht nur im Gehirn abbildet, sondern buchstäblich „ver-körpert“ wird. Sie ist also kein rein „geistiges“ System aus abstrakten Symbolen, sondern Sprache und körperliche Reaktionen beeinflussen sich wechselseitig. Die aufgenommenen Symbole werden direkt in körperliche Reaktionen umgesetzt und so verstanden.
Die Probanden lasen Wörter ab, während die Aktivität jener Gesichtsmuskeln gemessen wurde, die das Stirnrunzeln und das Lächeln steuern. Bei „positiven Wörtern“ wie „Lächeln“, „Grinsen, „Lachen“ bewegten sich die Mundwinkel, „negative Wörter“ wie „Stirn runzeln“, „Weinen“, „Kreischen“ verursachten hingegen eine Bewegung der Stirn. Die Begriffe und die mit ihnen einhergehenden spontanen körperlichen Reaktionen führten auch zu entsprechenden emotionalen Reaktionen. Beispielsweise fanden die Testteilnehmer Comic-Abbildungen komischer, wenn sie vorher durch „positive“ Begriffe darauf eingestellt waren. Wurde die Muskelaktivität verhindert, indem der Proband einen Stift mit den Lippen festhielt, blieb die Belustigung aus.
Daß Körper und Geist funktionell identisch sind, zeigen auch die Forschungen von Meredith Rowe und Susan Goldin-Meadow von der University of Chicago. Sie berichten von einer Langzeitstudie an fünfzig Familien, bei der sie herausfanden, daß Kleinkinder, die mit 14 Monaten häufig gestikulieren, im Alter von viereinhalb Jahren über einen größeren Wortschatz verfügen als ihre gestikulationsfaulen Altersgenossen.
Eine Erklärung, wie die Gestik des Kindes zu einem größeren Wortschatz führt, haben die Forscherinnen auch parat. Die Mutter reagiert beispielsweise auf den Fingerzeig ihres Sprößlings, indem sie ihm erklärt, was es sieht. Das Kind seinerseits benutzt die Hände, um sich seiner Umwelt mitzuteilen, wenn es bestimmte Dinge noch nicht aussprechen kann.
Hier haben wir eine hervorragende Illustration für die Einheit von Psyche (Wortschatz) und Soma (Gestik). Sogar beim Lernen von Mathematik ist die Wechselwirkung mit Gesten wichtig, wie Susan C. Levine et al. zeigen konnten.
Sozioökonomische Unterschiede wirken sich bereits mit 14 Monaten auf die Gestik aus, noch bevor sich die Kinder in ihrer gesprochenen Sprache unterscheiden, d.h. in Familien aus sozial besser gestellten Schichten wird mehr gestikuliert und die Kinder haben später einen entsprechend größeren Wortschatz.
Die meisten würden wahrscheinlich davon ausgehen, daß in den Unterschichten, „die es nicht so mit Worten haben“, mehr gestikuliert wird als in den ökonomisch besser gestellten Klassen. Dieser Widerspruch löst sich aus bioenergetischer Sicht sofort auf, wenn man daran denkt, daß die ökonomisch niedrige Stellung mit einer generellen Kontraktion der bioenergetischen und biosozialen Funktionen einhergeht: das eine bedingt das andere.
Man braucht nur in eine Fabrik gehen und wird dies sofort anhand der gedrückten Körpersprache der Arbeiter im Vergleich mit der souveränen Körpersprache der Führungskräfte illustriert sehen. Menschen der Unterschicht sprechen lauter, verlassen sich ganz auf ihr Organ. In der Bahn, im Restaurant, überall: schaut man sich jene an, die unangenehm laut sind, hat man stets einen Proleten vor sich. Nonverbale Hinweise, Zwischentöne, leise Andeutungen und Rücksicht scheint es für diese Leute nicht zu geben.
Was „bioenergetische Lebendigkeit“ angeht: Samuele Marcora (Universität in Bangor, Wales) et al. konnten experimentell nachweisen, daß geistige Erschöpfung auch die körperliche Leistungsfähigkeit beeinträchtigt. Man empfindet nach geistiger Verausgabung eine körperliche Belastung als deutlich anstrengender und fühlt sich eher erschöpft. Dabei arbeiten die Muskeln und das Herz-Kreislauf-System weiter ohne meßbare Veränderungen. Es ist, als senke das Gehirn die Toleranz für körperliche Anstrengung. Die Forscher versuchen hier neue Ansätze für die Behandlung von Erschöpfungszuständen wie etwa dem chronischen Erschöpfungssyndrom zu erschließen. Sie denken dabei an „Kontrollzentren im Gehirn“, den „Gyrus cinguli, ein Teil des Limbischen Systems, in dem motorische Kontrolle mit Emotionen und kognitiven Prozessen zusammengeführt wird“ und den Botenstoff Dopamin.
Sicherlich gehören diese physiologischen, neurologischen und biochemischen Elemente zum Gesamtbild, doch was ist dieses Gesamtbild?
Die innige Beziehung zwischen „Äußerlichkeiten“ und dem Innersten des Menschen zeigt sich an so etwas simplen wie der Körperlänge oder etwa der Breite des Gesichts.
Jane Green, University of Oxford, et al. haben die Daten von mehr als 1,3 Millionen Frauen mittleren Alters ausgewertet, die über ein Jahrzehnt hinweg beobachtet wurden. In dieser Zeit traten 97 000 Krebsfälle auf. Nachdem man alle anderen Risikofaktoren heraus rechnete, ergab sich, daß das Krebsrisiko pro 10 Zentimeter mehr Körpergröße um 16 Prozent steigt.
Bemerkenswerterweise gilt dies für die unterschiedlichsten Arten von Krebs, sagt also etwas über „den Krebs an sich aus“, – den es für die moderne Medizin zunehmend gar nicht mehr gibt. Der mechanistische Erklärungsversuch:
Entweder gibt es bestimmte Umweltfaktoren oder genetische Besonderheiten, die sowohl das Wachstum als auch das Krebsrisiko beeinflussen. Oder die größere Anzahl von Zellen, die in einem großen Körper vorhanden sind, erhöht per se die Wahrscheinlichkeit, daß es zu Entartungen kommt. In jedem Fall könnte der Größeneffekt laut den Forschern zumindest zum Teil erklären, warum es in unterschiedlichen Ländern verschiedene Krebsraten gibt – und warum die Anzahl von Krebserkrankungen seit Jahren stetig zunimmt, denn auch die Durchschnittsgröße steigt kontinuierlich an.
Zunächst einmal hat Reich in Der Krebs ebenfalls die Behauptung aufgestellt, daß die Anzahl der Biopathien, insbesondere aber die der Krebserkrankungen steigt. Reich:
Es wird in der Literatur der Krebsstatistik behautet, daß das Anwachsen der Zahl der Todesfälle infolge Krebses in den letzten Jahrzenten der besseren Diagnostik am Lebenden und an Leichen zuzuschreiben ist; daß also das Anwachsen der Todesziffern ein Artefakt ist. (Der Krebs, Fischer TB, S. 407f)
Die mechanistische Wissenschaft müsse das sagen, „um an der rein erblichen Natur des Krebses (festhalten zu können)“ (ebd., S. 408).
Wir sehen anhand der obigen Meldung, daß aus heutiger Sicht das Anwachsen des Krebsrisikos kein Artefakt ist. Die mechanistische Wissenschaft kann das heute einräumen, weil sie gleich eine naheliegende genetische Erklärung zur Hand hat: mehr Zellen bedeutet, daß mehr Zellen genetisch entarten, d.h. sich zu Kondensationskernen von Krebstumoren entwickeln können. Und da in den industrialisierten Ländern die Menschen von Generation zu Generation immer größer werden, wachse dort das Krebsrisiko, während es in den unterentwickelten Ländern, wo dieses Längenwachstum nicht in diesem Ausmaß auftritt, in etwa gleich bleibt.
Für Reich ist Krebs eine Art „Enttäuschungsreaktion auf Zellebene“. Große Erwartungen, d.h. ein entsprechend mobilisiertes Energiesystem, führen zu entsprechend verheerenden Enttäuschungsreaktionen; eine bioenergetische Reaktion, die bis auf die Zellebene zurückwirkt. Wir alle wissen aus eigener Anschauung, wie es „bis ins Mark geht“, wenn große Erwartungen brutal enttäuscht werden. „Bremsen bei voller Fahrt!“
Und warum breitet sich dann die Krebserkrankung immer weiter aus? Reich:
Menschen, die durch die Veränderung der Sitten zur Bewußtheit ihrer sexuellen Bedürftigkeit kommen, denen aber die Mittel und Wege fehlen, der sexuellen Energie den natürlichen Ablauf durch volle natürliche Befriedigung zu geben, müssen notwendigerweise zerrissen werden, müssen biopathisch erkranken (…). (ebd., S. 412)
Die Lebendigkeit der Menschen bliebe, so Reich weiter, immer mehr hinter ihren Ansprüchen zurück, was zu immer weiter steigender sexueller Frustration führt.
Parallel zu der von Reich beschriebenen sexualökonomischen Entwicklung wurden die Menschen auch immer größer. Anthropologen fanden anhand von Knochensammlungen heraus, daß es immer wieder Zeiten mit regelrechten Wachstumsschüben gegeben hat. Sie sprechen von „säkularer Akzeleration“. Seit Ende des 19. Jahrhunderts, als die Industrialisierung begann, sind wir größer geworden als jemals zuvor. Die Ursachen dafür sehen sie in den optimalen Umweltbedingungen. Wir haben ausreichend Nährstoffe und Nahrung zur Verfügung. Aber auch die sonstigen Bedingungen, wie ein hoher Standard an Hygiene, sind sehr gut.
Was die Körpergröße betrifft, war es im Laufe der Jahrhunderte entscheidend, in welcher Familie man geboren wurde. So haben soziale Unterschiede im vergangenen Jahrhundert eine sehr große Rolle gespielt. Gleichaltrige Schüler, die auf Schulen für Arme gingen, waren oft 20 cm kürzer als diejenigen, die Schulen für Adlige besuchten. Auch heute sind solche Unterschiede, je nach sozialer Schicht, erkennbar. Allerdings beträgt der Unterschied nur noch zwei bis drei Zentimeter.
Und was hat eine Zunahme der Körpergröße direkt mit einer Zunahme des Krebsrisikos zu tun? Aus bioenergetischer Sicht ist Krebs gleichbedeutend mit einem Hang zur Anorgonie.
In der Anorgononie ist weniger biologische Energie frei und tätig; die träge Masse des Organismus wird im Verhältnis zur tätigen Energie, die den Körper zu bewegen hat, größer, also schwerer. (ebd., S. 400)
Offenbar, so können wir angesichts der heutigen Daten spekulieren, „hinkt die organismische Orgonenergie der hypertrophierenden Masse hinterher“.
Interessanterweise haben große Menschen ein geringeres Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen. Herz-Kreislauferkrankungen sind in vieler Hinsicht das Gegenteil der Krebs-Schrumpfungsbiopathie, nämlich eine „Stauungsbiopathie“. „Zu viel Energie für die zu kleine Masse.“
Weitere Ausführungen würden vollends in Spekulation abgleiten, weshalb ich es mit folgender Aufstellung bewenden lassen will:
Michael Haselhuhn und Elaine Wong (University of Wisconsin in Milwaukee), haben in zwei Studien gezeigt, daß je breiter ein Männergesicht im Verhältnis zur Höhe ist, es desto wahrscheinlicher ist, daß Männer lügen und betrügen. Das gilt nur für Männer, bei Frauen ist die Gesichtsform in keinster Weise mit dem Hang zum Betrug verbunden.
Ein breites Gesicht ist [bei Männern] ein klares Indiz dafür, daß sein Besitzer zum Mogeln und zum Betrügen neigt. Damit sei zum allerersten Mal eine Verbindung zwischen unethischem Verhalten und einem genetisch festgelegten körperlichen Merkmal nachgewiesen worden, jubeln Haselhuhn und Wong. Vermittelt werde diese Verbindung ganz offensichtlich durch das persönliche Machtgefühl. Das mache auch aus Sicht der Evolution Sinn: Wäre das breite Gesicht lediglich ein Indikator für einen Hang zum Lügen, dürfte es seinen Trägern in der Vergangenheit ausschließlich Nachteile gebracht haben und müßte mittlerweile völlig verschwunden sein. Ist es jedoch gleichzeitig ein Anzeichen für positiv gewertete Qualitäten, könnte das den negativen Effekt aufgehoben haben. Genau das sei hier der Fall: Macht beziehungsweise das Gefühl von Macht bringe auch Optimismus, zielgerichtetes Verhalten und Führungsqualitäten mit sich.
1980 hat mich meine damalige Freundin zu einer „charakterkundlichen“ Vorlesungsreihe mitgeschleppt. Im Anschluß an Johann Caspar Lavater (der heute vor allem durch seine Beziehung zu Goethe bekannt ist) ging es darum, aus der Schädelform und den Gesichtszügen den Charakter zu lesen. Entsetzt saß ich da im altertümlichen Vorlesungssaal, den der Veranstalter von der Hamburger Universität angemietet hatte, und fühlte mich um 40 Jahre in die Vergangenheit versetzt. Ich ärgerte meine Freundin, indem ich sie als „Ernährungstyp“ charakterisierte und sie mich: ich sei vom Typus des „genialen Verbrechers“ (hohe Stirn mit unausgewogenen Gesichtszügen).
Merkwürdigerweise sahen fast durchweg alle Schachgroßmeister, Teilchenphysiker, Mathematikprofessoren, etc., denen ich im Leben begegnet bin, ausgesprochen „unintelligent“ aus.
Weniger witzig war, daß dieses System auch auf „Rassen“ angewendet wurde, wobei die „weiße Rasse“ als „vergeistigt“ galt, die „schwarze Rasse“ als „animalisch“.
Bereits Reich mußte sich bei seiner Formulierung der Charakteranalyse mit derartigen Vorstellungen herumschlagen, insbesondere mit der Charakterkunde von Ludwig Klages (Charakteranalyse, KiWi, S. 198).
Das ganze läuft darauf hinaus, daß der Mensch aus drei Schichten aufgebaut ist: bioenergetischer Kern, Mittlere Schicht und soziale Fassade.
Diese drei Schichten entsprechen der angeborenen Natur des Menschen (ich habe beispielsweise das aufbrausende Temperament meiner Mutter geerbt), sein Charakter, d.h. die Art und Weise, wie er sich im Leben durchsetzt und schließlich seine Persönlichkeit, mit der er sich mehr oder weniger willentlich der Umwelt präsentiert (beispielsweise: „Immer nur lächeln, auch wenn einem zum Weinen zumute ist!“). „Charakterologen“, wie Klages, werfen diese drei Bereiche wild durcheinander. Dergestalt ist „Charakterkunde“ ein Beispiel für die Emotionelle Pest.
Der Charakter zeigt, wie man mit dem „angeborenen Material“ umgeht. Meist ist dies kontraproduktiv, läßt sich aber in einer Orgontherapie weitgehend verändern.
Die prinzipielle Wahrheit kann idealistisch als Ausdruck absoluter Kategorien betrachtet werden. Dann läßt sich die „göttliche“ Wahrheit erkennen und die „weltliche“ Wirklichkeit durch Handeln demgemäß umformen.
Es ist aber auch möglich umgekehrt, materialistisch von der Wirklichkeit auszugehen und von hier aus „opportunistisch“ verschiedene „spezielle Wahrheiten“ zu sehen, je nachdem in welche Richtung man in der Landschaft der Wirklichkeit blickt. In Abhängigkeit vom Blickwinkel ändert sich die Wirklichkeit (die Form der „Landschaft“), der jeweils eine andere spezielle Wahrheit entspricht.
Es ist beispielsweise prinzipiell wahr, daß Homosexualität eine schwerwiegende Biopathie darstellt und stets mit extremer orgastischer Impotenz einhergeht. In bestimmten Zusammenhängen ist es aber auch wahr, daß Homosexuelle den sexualökonomischen Grundgedanken, demzufolge Sexualität und Fortpflanzung separate Gegebenheiten sind, verkörpern, oder etwa, daß Toleranz gegenüber Homosexuellen ein Maß der eigenen orgastischen Befriedigung ist. (Jedenfalls kann kein Homosexuellenhasser orgastisch potent sein.)
Man spricht in diesem Zusammenhang auch von der Alternative zwischen prinzipienfester „Gesinnungsethik“ und opportunistischer „Handlungsethik“. Die erstere wird von „Theoretikern“ vertreten, die letztere von „Praktikern“.
Tatsächlich gibt es keine abstrakte theoretische Wahrheit, die neben einer praktischen Wirklichkeit existiert. Wahrheit ist Kontakt mit der Wirklichkeit und wenn dieser Kontakt nicht besteht, dann ist alle Theoretisiererei nichtig. Haben wir diesen Kontakt, können wir die eine prinzipielle Wahrheit vertreten und uns trotzdem der speziellen Wahrheiten bewußt sein, die manchmal in Gestalt einer „Gegenwahrheit“ gegen den „Wahrheitskrämer“ verteidigt werden müssen.
Ab und an wird insinuiert, daß die Orgonomie einen geradezu „faschistischen“ Terror ausüben könnte, etwa indem sich jeder durch das „Ideal“ der orgastischen Potenz schlecht fühlt, insbesondere aber sexuelle Minderheiten wie Homosexuelle oder etwa vermeintliche „Hermaphroditen“. Dem ist nicht so, denn kontaktvolle Menschen gehen eben nicht mit der Wahrheit hausieren. Außerdem haben Kontaktlose ohnehin per definitionem keinen Zugang zur Wahrheit. Sie plappern sie allenfalls mechanisch nach.

Uns langsam dem Ende nähernd, sollten wir angesichts der Töpferschen Tiefenwahrheit betrachten, was Wahrheit wirklich ist und welche therapeutische Funktion sie wirklich hat.
Die Psychologin Anita Kelly und der Statistiker Lijuan Wang von der University of Notre Dame, Indiana konnten eine Verbindung zwischen einer verbesserten Gesundheit und dem Verzicht auf das Lügen nachweisen. Dazu wurden zwei Gruppen von Versuchsteilnehmern über einen Zeitraum von zehn Wochen beobachtet. Weniger Lügen, sowohl Notlügen als auch wohlüberlegte Lügen, gingen einher mit einer besseren psychischen (emotionalen) Verfassung, etwa deutlich weniger Gefühle der Anspannung und Melancholie, und weniger körperlichen Beschwerden, wie Halsweh und Kopfweh. Auch verbesserten sich die Beziehungen und das soziale Leben.
[Die Forscher] vermuten, daß Streß, der beim Lügen entsteht, der Drahtzieher hinter den Effekten ist. Seine negativen Folgen auf die Psyche des Menschen, aber auch auf seinen körperlichen Gesundheitszustand sind bereits bekannt. Die Studie bietet diesbezüglich nun eine ermutigende Botschaft: „Viele Teilnehmer konnten die täglichen Lügen tatsächlich drastisch reduzieren und wurden dafür belohnt“, resümiert Studienleiterin Anita Kelly.
Lügen ist anstrengend, Wahrheit entspannt. Die konzeptionelle Nähe zur Panzerung ist offensichtlich.
Von orgonomischer Warte aus betrachtet ist Wahrheit der bioenergetische Kontakt zur Wirklichkeit:

Wer lügt, leugnet entsprechend nicht nur einfach die Wirklichkeit, sondern er stört auf eine fundamentale Art und Weise den orgonotischen Kontakt selbst. Das umfaßt dann automatisch soziale (zwischenmenschliche), psychische (emotionale) und körperliche Komplikationen: ein wirklichkeitsgerechtes Funktionieren wird hintertrieben.
Was Beziehungen betrifft wissen wir alle, wie heilsam „Aussprachen“ sein können. Aus einem toten Nebeneinanderherleben, in dem jeder dem anderen etwas vormacht, wird wieder eine lebendige Beziehung.
Orgontherapie ist in mancher Hinsicht „bewußtmachen des Unbewußten“. Natürlich nicht im psychoanalytischen Sinne, sondern im Sinne des Bewußtmachens von Lügen. Das ständige Grinsen ist eine Lüge. Es soll die unbewußte Traurigkeit zurückhalten. Die hochgezogenen Schultern sind eine Lüge, denn sie sollen etwas schützen, was aktuell gar nicht mehr bedroht ist, den „Nacken“. Indem das Bewußtsein wieder in Übereinstimmung mit der Wirklichkeit gebracht wird, wird bioenergetischer Kontakt hergestellt.
Ein Leben in Wahrheit beeinflußt uns auf denkbar grundlegender Ebene. Wie Charles Konia gezeigt hat, beruht unser gesamtes plasmatisches System (d.h. das autonome Nervensystem, das kardiovaskuläre System, das endokrinologische System und nicht zuletzt das Immunsystem) auf orgonotischem Kontakt.
Die Wahrheit heilt nicht, weil irgendwelche mystischen Kräfte wirksam werden, sondern weil das Lügen unmittelbar den einen Faktor kompromittiert, der die Grundlage unserer sozialen, emotionalen und sogar körperlichen Existenz ist: den orgonotischen Kontakt.
Immerhin bringen Mystiker, die zumindest einen gewissen, wenn auch verzerrten Kontakt zum bioenergetischen Kern bewahrt haben, das hochpoetisch im Satz „Gott ist die Wahrheit und die Liebe!“ zum Ausdruck. Jene, die die Lüge, das Lügen, zum Prinzip gemacht haben, die Roten Faschisten und die Islamisten (Stichwort „Taqiyya“, „Taquiya“), verkörpern entsprechend das Böse schlechthin.
Heutzutage gilt man allenfalls als Antisemit, wenn man Taten wie Mengele oder Befehle wie Hitler zu verantworten hat oder sie zumindest ausgesprochen rechtfertigt. Ansonsten kann man über die Gefährdung des „Weltfriedens“ durch das klitzekleine Israel (so groß wie Hessen!) oder über den angeblichen „Völkermord“ an den bevölkerungs-explodierenden „Palästinensern“ räsonieren und trotzdem frech behaupten, man wäre kein Antisemit. Entsprechend dürfen „Israelkritiker“ in diesem Land auf keinen Fall als das bezeichnet werden, was sie angesichts derartiger Äußerungen ohne Zweifel sind: Antisemiten vom Schlage eines Julius Steichers!
Wer die einzige Demokratie im Nahen Osten „kritisiert“ (wie es so schön beschönigend heißt), stellt sich außerhalb jedes zivilisierten Diskurses. Wenn man so etwas durchgehen läßt, dann gehen alle Maßstäbe verloren. Israel wird weiter delegitimiert und am Ende steht das, was doch angeblich alle verhindern wollten: ein zweiter und diesmal finaler Holocaust. Der Anfang dieser abschüssigen Straße in den Untergang des jüdischen Volkes ist gemacht, wenn alle darauf bestehen, daß man doch wohl Israel „kritisieren“ dürfe. Wehe jedoch man nimmt sich heraus die Antisemiten zu kritisieren, dann ist plötzlich ein Ende mit der verlangten „Liberalität“. Das Lebendige darf verfolgt werden, doch es darf nicht verteidigt werden!
Überhaupt darf man nichts mehr beim Namen nennen. Wenn ich etwa Präsident Obama als pestilenten Charakter bezeichne, stehe ich als Extremist da, den man nicht ernst nehmen kann. Bei fast allen Lesern scheint die Emotionelle Pest erst bei Adolf Hitler und Josef Stalin anzufangen. Obama habe doch so viel persönlichen Charme, könne Lachen, habe eine glückliche Familie, etc. Nun, Hitler und Stalin konnten auch ausgesprochen charmant sein. Hitler war ein ausgenommen angenehmer Chef, während beispielsweise für Churchill seine Sekretärinnen etwa den gleichen emotionalen Wert hatten wie Zimmerpflanzen, nur daß er die letzteren besser behandelte.
Es geht nicht darum eine Checkliste durchzuarbeiten, um zu ergründen, wer als pestilenter Charakter bezeichnet werden kann und wer nicht, sondern um das Gewichten von Indizien. Die Parallelen zwischen etwa Hitler und Obama sind in dieser Hinsicht einfach unübersehbar und können von keinem ernsthaften Menschen in Abrede gestellt werden.
Natürlich wird dann immer gleich von der „Banalisierung des Bösen“ gesprochen, was doch nur darauf hinausläuft, daß man einen „Hitler“ nur dann erkennen kann, nachdem 50 000 000 Tote zu beklagen sind. Nein, es reichen schon Dinge, wie, daß Obama nie in seinem Leben wirklich gearbeitet hat, daß er eindeutig an einer narzißtischen Persönlichkeitsstörung leidet, daß er wirklich alle seine Wahlkämpfe mit miesen Tricks gewonnen hat, daß seine Politik wie keine zuvor Amerika polarisiert hat, daß er von jeher zum äußersten linken Rand der Democratic Party gehörte, daß er ein Adept von Saul Alinsky ist, Biden als seine Sprechpuppe benutzte, um so weiter zu regieren, etc. Eines der Hauptindizien ist aber eine gewisse Angstfreiheit und „Parasympathikotonie“, die die verängstigten Massen fasziniert: der „coole“ Obama im Gegensatz zum unbeholfenen Bush. Tatsächlich ist die angstfreie „Parasympathikotonie“ nur Schein, denn innerlich sind pestilente Charaktere wie tot.
Das beste Beispiel für solch einen Modju ist der überaus charmante und geradezu charismatische Ted Bundy, ein echter Frauentyp und Traum jeder Schwiegermutter:
Das ganze erinnert mich an meine Lektüre der Protokolle der Ausbildungsseminare mit Elsworth F. Baker. Ein Fall wird vorgestellt, die angehenden Orgontherapeuten sind verwirrt, weil der vorgestellte Patient (wie fast immer) keinem der von Reich und Baker beschriebenen Charakterstrukturen eindeutig zuzuordnen ist und so wird vielleicht eine halbe Stunde hin und her diskutiert, bis Baker auf die funktionell wichtigsten Züge hinweist und entsprechend zu einer eindeutigen Diagnose kommt.
Es geht schlicht darum, daß der gepanzerte Mensch eine Todesangst vor Kontakt hat und sich deshalb nur im Nebeligen und Ungefähren wohl fühlt, wenn es um energetische Phänomene geht. Das läßt sich entsprechend auf jeden Bereich der Orgonomie übertragen. Etwa die Schwärzung von alten Gemäuern: Es sieht nicht nur so aus wie Melanor, es ist Melanor! Die zerfaserte grauschwarze Wolke am Himmel ist tatsächlich eine DOR-Wolke! Das Flimmern vor den Augen ist tatsächlich Orgon! Die „kleinen Dinger“ unter dem Mikroskop sind Bione! Das mit Metall ausgeschlagene Behältnis akkumuliert tatsächlich Orgon! Das schlechte Gefühl ist ORANUR!
Es geht auch darum, daß manchem offensichtlich Charles Konias Blogeinträge zu einfach und „grobschlächtig“ sind. Es ist eine Sache, in gewundenen Sätzen und mit langatmigen Umschreibungen das „Peinliche“ (Schmerzhafte) zu umgehen – oder es direkt und unverblümt auszusprechen. Man denke auch an die Orgontherapie, wo man ellenlang seine ach so komplizierten Gefühle beschreibt und der Therapeut einfach antwortet: „Sie haben Angst!“ Bis man schließlich nach viel Geschwafel endlich erkennt, daß es tatsächlich so einfach, „primitiv“ und eindeutig ist. Wenn es kompliziert wird, ist es die Panzerung, die alles zerhackt. Wenn es nebulös wird, ist insbesondere Augenpanzerung involviert. Der Neurotiker hat eine Todesangst vor Eindeutigkeit. Es ist ihm in jeder Hinsicht, wie es im Deutschen so schön heißt, pein-lich.

Schließlich landen wir bei etwas, was seit der Aufklärung systematisch verdrängt wird: der dämonischen Besessenheit. Wie oben dargestellt, zerfetzt die Panzerung unsere „göttlichen“ Kernimpulse bzw. läßt uns „Gottes Schöpfung“ als eine zerfetzte Kakophonie wahrnehmen. Das bestimmt das groteske Leben der Mechanisten und prägt die mechanistische „Wissenschaft“! Im Bereich der Mystiker führt es zu all dem degoutanten obskurantistischen und „okkulten“ Unsinn. Etwa all die gequirlte Kacke, die C.G. Jung, Rudolf Steiner und Konsorten verbreitet haben. Es erklärt aber auch die Welt aus Engeln und Dämonen, in dem diese Irren leben: die Panzerung erzeugt ein Innenleben, das von wirren Impulsen und „Stimmen“ bestimmt wird, als kämen sie aus einer „anderen Dimension“. Es ist die Panzerung, die dieses „Jenseits“ erzeugt, wie Reich im Schlußkapitel von Charakteranalyse ausführt.
In Töpfers Tiefenwahrheit kulminiert das Thema infantile Sexualität und Juden im Kapitel über Freud und warum der seine „Verführungstheorie“ (die Neurotiker waren Opfer von sexuellen Übergriffen in ihrer Kindheit) durch den Ödipus-Komplex ersetzt hat (das Kind begehrt den gegengeschlechtlichen Elternteil). Töpfers These ist, daß Freud auf dem Weg zu einem „Radikalaufklärer“ war, das dann aber aufgegeben habe, weil er damit das Geheimnis des talmudischen Judentums offengelegt hätte, denn dort sei der infantile Kindesmißbrauch weitverbreitet. Oder so ähnlich… – ich konnte Töpfers Ausführungen kaum folgen, weil sie so abgedroschen sind. Mit seinem Freud-Bashing läuft er überall offene Türen ein, während ich, obwohl kein Therapeut, mit geradezu ermüdender Regelmäßigkeit wieder und wieder auf den Ödipus-Komplex gestoßen bin. Man muß blind sein oder mit der Materie nicht in Berührung kommen, um das übersehen zu können. Im übrigen war es Reich, der unter allen Psychoanalytikern sich wohl noch am meisten mit sexuellem Kindesmißbrauch (im Zusammenhang mit seiner Untersuchung des triebhaften Charakters) beschäftigt hat. Aber er ist nie auf den Gedanken verfallen, deshalb die Libidotheorie in Frage zu stellen.
Irgendwann ist mal Schluß. Ich zitiere Töpfer:
Bei weitem nicht so schlimm wie bei Freud, aber dennoch ähnlich verwunderlich ist der „überspitzte jüdische Intellektualismus“,* die Abgehobenheit in reine Theorie noch bei Freuds Schüler Reich in den 1950 Jahren, wobei sich Reich in feinster rabulistischer Art gerade als besonders bodenständig-realistisch geriert: „Das Wort ‚Katze‘ und das besondere orgononotische Plasmasystem, das sich da bewegt, haben in Wirklichkeit nichts miteinander zu tun. Es sind bloß, wie die vielen verschiedenen Bezeichnungen für das Phänomen ‚Katze‘ bezeugen, lockere, beliebig auswechselbare Begriffe, die an reale Erscheinungen, Bewegungen, Emotionen etc. geknüpft werden. Diese Überlegungen klingen nach ‚hoher‘ oder ‚tiefer‘ Naturphilosophie. Der Laie ist der Naturphilosophie abgeneigt und wird daher dieses Buch beiseitelegen, weil es ‚nicht auf dem harten Boden der Realität steht‘.“ – Das klingt nicht nur nach, das ist Naturphilosophie, und zwar von der nichtssagendsten Sorte, und jeder Normale („Laie“) ist dieser gegenüber „abgeneigt“. Daß Reich so etwas absolut Banales – daß das Wort nicht mit der Sache überein stimmt – von sich geben kann, zeugt von seiner Abgelöstheit und Ich-Schwäche. Wenn man eine Katze nicht als lebendiges Wesen fühlen kann, muß man auf solch höhere Gedanken kommen. (Tiefenwahrheit, S. 435)
* Joseph Goebbels, „Tag des Buches“, 10. Mai 1933: https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/268884/tag-des-bu ches-erinnerung-an-die-ns-buecherverbrennungen-vor-85-jahren/
Reich war halt auch nur Jude! – OK, bleiben wir ernst:
Der Psychiater Harrison Pope hat seit Jahrzehnten in Zweifel gezogen, ob man sexuellen Kindesmißbrauch überhaupt verdrängen kann. Alles deutet darauf hin, daß das schlichtweg Unsinn ist, was Freuds ursprüngliche „Verführungstheorie“ die Grundlage entzieht. Erst recht aber natürlich die daran anschließende Theorie von der Verdrängung infantiler sexueller Strebungen. Seit vielen Jahren wird Freud und die Psychoanalyse auf diese Weise grundlegend in Frage gestellt.
Ein von Harrison Pope zusammengestelltes Forschungsteam aus Psychologen und Literaturwissenschaftlern hat vor der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert kein einziges Indiz dafür gefunden, daß es so etwas wie „ins Unbewußte abgeschobene Traumata“ gab. Dazu wurde sowohl die Fach- und Sachliteratur als auch Romane, Erzählungen und Gedichte untersucht. Tatsächlich findet sich eines der frühsten Beispiele erst 1859 in einem Roman von Charles Dickens. Das Verdrängen von Erinnerungen sei, so vermutet Pope, kein biologisch-neuropsychologischer Mechanismus, sondern ein Produkt der modernen westlichen Kultur.
Wie soll man dann Reichs Entdeckung erklären, daß mit Auflösung der Panzerung typischerweise (aber nicht notwendigerweise) verdrängte Erinnerungen ins Bewußtsein treten, die mit der Genese der Panzerung in Zusammenhang stehen?
Beispielsweise könnte man spekulieren, daß seit der Aufklärung des 18. Jahrhunderts die „gesellschaftliche Panzerung“ immer brüchiger wurde, was dann in den entsprechenden „revolutionären“ Theorien, beispielsweise jenen Freuds, zum Ausdruck gekommen ist. Diese These hat Reich ansatzweise bereits 1929 in seinem Aufsatz Dialektischer Materialismus und Psychoanalyse formuliert. Die Gesellschaft war vor 1800 schlicht zu gepanzert, als daß der Verdrängungs-Mechanismus hätte erfaßt werden können.
Ohnehin ging es Reich primär um die Verdrängung im Zusammenhang von Gefühlen.
James Gross (Stanford University, California) und Jane Richards (University of Texas, Austin) zeigten anhand von 57 Freiwilligen, denen ein aufregender Film über eine OP vorgeführt wurde, daß sich diejenigen am besten erinnern, die während eines besonderen Erlebnisses mit ihren Gefühlen dabei sind und sie nicht unterdrücken.
Aus Sicht der Orgonomie kann man davon ausgehen, daß bei den „Gefühllosen“ die Bilder zurückkehren, wenn sich der Krampf löst, der die Gefühle zurückhält.
Doch wirklich überzeugend sind diese Argumente kaum. In einem Beitrag der Süddeutschen Zeitung von 2007 hieß es beispielsweise:
Tatsächlich gibt es für die Theorie der Verdrängung keine stichhaltigen Belege. So müßte Freud zufolge das Ausmaß des Vergessens bei jenen Menschen besonders groß sein, die Schlimmes erlebt haben und deshalb gewillt sind, das Erlebte aus ihrem Gedächtnis zu tilgen. Das Gegenteil ist der Fall: Sogar jene Erwachsene, die in ihrer Kindheit sexuell mißbraucht wurden, können sich gedanklich nicht von den Inhalten lösen, die an das Trauma erinnern (Behaviour Research and Therapy, Bd. 44, S. 1129, 006). Das Problem ist nicht das Verdrängen, sondern das Nicht-Verdrängen-Können.
Aus eigener Erfahrung mit der Orgontherapie kann ich sagen, daß es gar nicht um die Erinnerung per se geht, sondern um Einsichten hinsichtlich der eigenen Entwicklung. Ob und an welche „Geschichten“ (angebliche „Erinnerungen“) diese sich festmachen, bzw. sozusagen „illustriert werden“, ist sekundär. Ob diese „Erinnerungen“ irgendeiner Realität entsprechen ist gleichgültig, solange mit ihrer Hilfe, die entscheidende therapeutisch wirksame Einsicht vermittelt wird.
Dies wird wohl auch die Grundlage der ja zweifellos vorhandenen Heilungserfolge durch das Freudsche „Bewußtmachen des Verdrängten“ sein. Es geht um die Veränderung stereotyper Sicht-, Denk- und Verhaltensweisen. Es geht um das Wegbrechen von okularer Panzerung durch Gespräche, die zu neuen „Einsichten“ führen. Die „Erinnerungen“, die dabei aus der „Verdrängung“ auftauchen, sind nur eine mehr oder weniger poetische Einkleidung der bioenergetischen Veränderungen im Körper. Sie ähneln darin den Träumen.
Das Tragische bei der ganzen Angelegenheit ist, daß durch den „Freudianischen“ Kult unzählige Leben kaputtgemacht worden sind. All die Familien, die zerstört wurden, weil sich jemand in der Therapie urplötzlich an sexuellen Mißbrauch „erinnert“ hat. Aufgrund dieses Schwachsinns sind vollkommen unschuldige Menschen für viele Jahre ins Gefängnis gewandert!
Es stimmt, daß in seiner Arbeit in der psychoanalytischen Ambulanz für die Armen Reich einer der ersten Psychoanalytiker war, der die Wahrhaftigkeit des sexuellen Kindesmißbrauchs bestätigte. Man siehe die beiden letzten Kapitel von Frühe Schriften und seinen Aufsatz „Eltern als Erzieher“ (Zeitschrift für Psychoanalytische Pädagogik, 1926 und 1927). Aber trotzdem hat er sich stets die Freudsche Vorstellung verteidigt, daß Kinder sexuelle Wesen sind, die an ihren Eltern sexuelles Interesse zeigen (solange man ihnen kein kindsgerechtes Sexualleben mit Gleichaltrigen ermöglicht). Und was angebliche Erinnerungen an sexuellen Mißbrauch betrifft, verweise auf Reichs Charakteranalyse, wo er sich vehement gegen die Ansicht wendet, der Therapeut ginge in die Zeit zurück, als ob unser Geist wie eine Diskette funktioniere, auf der etwas unveränderlich und abrufbereit gebrannt ist. Es ist alles Panzerung im Hier und Jetzt.
Wenn bestimmte Körperregionen entpanzert werden, scheint so etwas wie ein „plasmatisches Gedächtnis“ aktiviert zu werden. Erinnerungen an die Geburt oder gar das intrauterine Leben bedeuten nicht, daß es damals bereits ein „Ich“ gab, das sich nun erinnert (die besagte „Diskette“). Nicht mein „Ich“, sondern mein Selbst, d.h. mein Körper war dabei, als ich geboren wurde. Es ist naiv zu glauben, damals wäre etwas abgespeichert worden, was sich später wieder abrufen läßt. Erinnerungen sind, streng orgonomisch betrachtet, nur eine aktuelle Folgeerscheinung der Art, wie in der Vergangenheit sich die bioenergetische und physische Grundlage des aktuellen Ich formierte. Die Erinnerungen sind in der Muskelpanzerung eingeschlossen, weshalb es Sinn macht, wenn sich „ungepanzerte“ Schizophrene verhältnismäßig gut erinnern, diese Gabe aber verlorengeht, wenn sie sich im Verlauf der Therapie abpanzern.
Als Medizinstudent wurde Reich von Richard Semon (1959-1918) beeinflußt, nach dem Sinneseindrücke zu permanenten Veränderungen in den Nerven führen. Diese Engramme (Spuren) ermöglichen nach Semon die Assoziation und Erinnerung und sie gehen ins Erbgut ein. Alle Engramme zusammen bilden die Mneme, d.h. das biologische Gedächtnis. Später glaubte Reich im Anschluß an Freud, daß der „Wiederholungszwang“, Lust immer wieder erfahren zu wollen, „ein wesentliches Stück des Problems des Gedächtnisses ausmachen (dürfte)“ (Charakteranalyse, Fischer TB, S. 288). Schließlich, 1950, mußte er nach dem Gedächtnis gefragt jedoch kleinmütig einräumen: „Ich muß ehrlich zugeben, daß ich nichts darüber weiß“ („Processes of Integration in the Newborn and the Schizophrenic”, Orgonomic Functionalism, Vol. 6, 1996, S. 63).
Charles Konia geht davon aus, daß die Wahrnehmungsfunktion entsteht, wenn sich die organismische Orgonenergie vom kosmischen Orgonenergie-Ozean mittels einer Membran trennt. Die „Innenwelt“ nimmt Kontakt mit der „Außenwelt“ auf, wobei sich die Wahrnehmung (und die mit ihr verbundene Erregung) bionartig in subzellularen Gebilden organisiert, die Zentren „plasmatischer ‚Erinnerung’“ bilden. Das Protoplasma kann sich dann auf der einen Seite zu Genen organisieren (DNA), auf der anderen Seite zum Gehirn (Nervenzellen) („The Perceptual Function“, Journal of Orgonomy, 18(1), 1984, S. 80-98), primär ist jedoch das „plasmatische Gedächtnis“.