
DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: Das orgonomische Testament / 1. Die Apokalypse / Die neue Welt
Er starb an widerholten Messerstichen in unterschiedlichen Bereichen seines Körpers und geistert heute nur noch als zunehmend verwesender und zerfallender übelstinkender Untoter durch ein paar wenige Nischen der Gesellschaft. Die ersten beiden Stöße verabreichtem ihm die Astronomie und das Wideraufleben des antiken Atomismus, d.h. des Materialismus. Erst wurde die Erde aus dem Mittelpunkt des Universums gekippt, dann die Sonne und schließlich unser gesamtes Sternensystem. Gott war heimatlos und vor allem berufslos geworden. Er konnte weder „Weltenschöpfer“ noch „Architekt“ sein. Der Atomismus machte seine vermeintliche Schöpfung substanzlos. Der nächste Stoß war die Textkritik. Gott stellte sich als bloßes Fabelwesen heraus. Noch verheerender war der Stoß, der ihm von Darwin verabreicht wurde. „Gottes Ebenbild“ war das zufällige Produkt einer blinden Auslese. Der finale Todesstoß war jedoch die Einsicht, daß Gott nichts anderes ist als die „verinnerlichte gesellschaftliche Hierarchie“ im allgemeinen bzw. der verinnerlichte strafende Vater im besonderen. Wir taumeln durch eine sinnlose und leere Welt und unsere Leitsterne sind nicht nur Produkte unseres eigenen Wahns, sondern schaden uns und halten uns gefangen! Jene, die vorgeben noch an Gott zu glauben, also die widerlichen Pfaffen und ihre Schafe, sind schmutzige Lügner, bestenfalls bedauernswerte Kretins.
Die Wissenschaft hat die Religion abgelöst, doch so kann keine Gesellschaft überleben. Mit dem Mord an Gott haben wir uns selbst umgebracht. Denn, auch wenn wir es uns nicht eingestehen, wissen wir, daß nunmehr alles vollkommen sinnlos, leer und orientierungslos ist. Ganze Generationen wachsen heran, an denen nichts Menschliches mehr ist und es wird schlimmer werden. Zombies ohne Empathie und Selbstgefühl, d.h. Maschinen. Im Physik- und Biologieunterricht lernen sie ohnehin, daß sie Maschinen in einer Maschinenwelt sind. Und unsere „Aufklärer“ glauben tatsächlich noch immer, das wäre besser als das, was man früher in der „Sonntagsschule“ gelernt hat!
Es ist vorbei, aus, das Ende. Die letzte und einzige Chance, die die Menschheit hat, ist die Orgonomie.
Ich kann mich noch lebhaft erinnern, wie Peter Scholl-Latour mit der Geste des weitgereisten Weltverstehers sich spreizte, daß die Mohammedaner im Gegensatz zu uns eine weit zurückreichende geschichtliche Erinnerung hätten und die Kreuzzüge im Bewußtsein der arabischen Völker noch immer lebendig und aktuell seien. Hanebüchener Unsinn! Die Kreuzzüge waren nur eine unbedeutende und schnell vergessene Fußnote in der islamischen Geschichte, kein Moslem hat je danach gekräht, bis die europäische Geschichtswissenschaft ihren Einfluß ausübte.
Ein beliebtes Thema bei Scholl-Latour war auch der „große Dschihad“ der Selbstbezwingung, im Gegensatz zum „kleinen Dschihad“, der bewaffneten Verteidigung des Glaubens. Problem ist, daß diese Unterscheidung nur in einem unwichtigen Hadith gemacht wird, kein (oder kaum ein) Moslem davon wußte und wenn in der islamischen Literatur vom Dschihad die Rede war, dann handelte es sich zu 100 Prozent um Mord und Todschlag und sonst nichts. Aber dank solcher „Experten“ wie Scholl-Latour glaubt heute praktisch jeder „kritische Westler“, daß der Islam noch immer von den Kreuzzügen traumatisiert und von quasi yogischer Kasteiung und Selbstbeherrschung gekennzeichnet sei!
Oder etwa Scholl-Latour schreckliches Gelaber über den Vietkong, den er aus eigener Anschauung ja kenne. Blablabla. Problem dabei ist, daß das ausnahmslos nordvietnamesische Soldaten in Zivil waren, die über die unkontrollierbaren Dschungelgebiete Laos‘ und Kambodschas nach Südvietnam eindrangen und in erster Linie die südvietnamesischen Volksmassen terrorisierten, um jeden Rückhalt für die Amerikaner zu unterminieren. Noch heute glaubt man in „gebildeten Kreisen“ jedoch an einen „Volkskrieg“, gar „Befreiungskrieg“. Die damals bei den Linken so ungeliebten Bootsflüchtlinge werden gemeinhin ignoriert.
Man muß sich immer wieder bewußtmachen, daß die Öffentlichkeit in einer Art Paralleluniversum lebt, das mit der Wirklichkeit kaum Verbindungen hat. Das ganze ist auf einem Mangel an funktionellem Denken zurückzuführen. Man nimmt willkürlich Einzelerscheinungen heraus (eine „bestechende“ Idee wie: „der europäische Dschihad! Die Kreuzzüge!“, eine abwegige Entdeckung in den Fußnoten der islamischen Rechtswissenschaft, eine persönliche Begegnung mit angeblichen „Freiheitsschärlern“, etc.) und baut darauf ganze Weltanschauungen auf, die dann vielleicht noch durch Regierungsberater geschichtswirksam werden. Man kann davon Ausgehen, daß etwa die famose „Flüchtlingspolitik“ der Bundesregierung auf den Ratschlägen von lauter „Peter Scholl-Latours“ beruht.
Es ist eine gepanzerte Wahrnehmung und ein daraus resultierendes „gepanzertes“ Denken.
Am vergangenen Donnerstag in der „Internationalen Presseschau“ des Deutschlandfunks:
Nach Ansicht der ukrainischen Zeitung Den geht es der russischen Bevölkerung heute wirtschaftlich nicht viel besser als vor gut hundert Jahren: „Natürlich ist es schwierig, die Kaufkraft in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg mit der im Rußland von heute zu vergleichen. Doch nachwievor fließt ein Großteil der Gehälter in Grundbedürfnisse wie Wohnen und Lebensmittel. 70 Jahre Kommunismus und die Zeit danach haben, global betrachtet, die Lebensverhältnisse nicht wirklich verbessert.“
Leere Großmachtträume für den Kleinen Mann in der Masse. Ein Land das nichts produziert außer Rohstoffe. Aber was weitaus schwerer wiegt nach zig Millionen Toten für – nichts und wieder nichts: charakter-strukturell hat sich nichts verbessert, vielleicht sogar einiges verschlechtert. Nach der Revolution hat der infantilisierende Stalin-Kult selbst den Hitlerismus in den Schatten gestellt. Und heute: eine „gelenkte Demokratie“ mit einem Mussolini für Arme. Primitivster Chauvinismus. Der lächerliche Bombast 2014 in Sotschi und das staatliche Doping mit Unterstützung des Geheimdienstes. Kampf gegen den „Kosmopolitismus“ wie unter dem Zaren und wie unter Stalin. Statt, daß die Arbeitenden zu bewußten Produzenten wurden, die sich ihre Produktionsmittel aneignen, Sklavenmentalität wohin man sieht. Oligarchen, die von der Unselbständigkeit der Massen leben. Alkoholismus wo man hinschaut. Zerfall und Hoffnungslosigkeit. Seit 100 Jahren triumphiert statt der Befreiung von Unterdrückung und Hilflosigkeit nur eins: die Emotionelle Pest.
In der Sowjetunion wurde die Sprache und das Alltagsverhalten der Menschen grundlegend verändert. Begriffe wie „Barmherzigkeit“ verschwanden ganz oder erhielten eine negative Konnotation, das entsprechende Verhalten wurde geächtet. Alles wurde getan, um organisch gewachsene Gemeinschaften zu zerstören und die Menschen zu vereinzeln. Es galt unter allen Umständen „Fraktionsbildungen“ zu verhindern! Oder man schaue nach China! Eine Kultur, die einst von Höflichkeit und Rücksichtnahme gekennzeichnet war, wurde systematisch „proletarisiert“, d.h. bis heute herrscht eine unglaubliche, teilweise schlichtweg mörderische Rücksichtslosigkeit und Kälte gegenüber dem Mitmenschen vor. Auslands-Chinesen sind regelmäßig fassungslos.
Wie in Der politische Irrationalismus aus Sicht der Orgonomie ausgeführt, spaltet sich die Gesellschaft in Vertreter des „rechten“ Mystizismus (historisch repräsentiert durch die Kirche) und des „linken“ Mechanismus (historisch repräsentiert durch den Staat). Je weiter die Menschen rechts stehen, desto mehr führen sie die Probleme der Gesellschaft und das heißt letztendlich immer ihre eigenen Probleme auf irgendwelche intentionale Machinationen dunkler Mächte zurück. Auf der linken Seite geht es stets um „gesellschaftliche Strukturen“, die grundlegend verändert werden müßten, damit es den „Revolutionären“ endlich besser geht. Beide Seiten tun alles, nur niemals das eine: in sich selbst zu schauen und die eigenen „psychischen“ (bioemotionalen) Probleme zu lösen. Diese Unfähigkeit zu wirklicher Veränderung brandmarkt beide Seiten als pestilente Charaktere. Sie sind prinzipiell untherapierbar und tun auch alles, damit andere nicht therapiert werden. Stattdessen verbreiten und verteidigen sie ihre jeweilige Weltsicht mit einem fanatischen Eifer.
Auf YouTube bin ich auf das Stück „Marching Powder“ von Tommy Bolin gestoßen. Schade, daß ich es nicht schon 1975 gehört habe. Damals wäre ich schier ausgerastet: geil! Es ist eine Tragödie, daß Tommy, der zeitweise auch Gitarrist von Deep Purple war, wenig später an Heroin verreckt ist.
Damals konnte man so etwas im Radio hören! Schaltet man es heutzutage ein, kommt nur neuronen-zerfressende „Hippel-di-Hop“-Musik (so nennt sie meine Mutter) oder zwar technisch perfekt, aber ohne Gefühl gespielte klassische Musik aus den Lautsprechern. Musik, wie die von Tommy Bolin: das ist die klassische Musik des 20sten Jahrhunderts. Man denke nur an seine Zusammenarbeit mit Billy Cobham auf dessen Erstling Spectrum.
Gleichzeitig stimmt mich dieses Stück sehr traurig, den marching powder ist Slang für „Kokain“. Tommy Bolin verkörpert wie sonst kaum jemand die schicksalshafte Dichotomie, die den „Aufbruch“ der 1960er und 70er Jahre kennzeichnete: ein bisher unbekannter (und ungehörter) Schwung auf der einen Seite, gepaart mit einem unbedingten Willen zur Selbstvernichtung auf der anderen Seite (etwa durch Drogen). Im individuellen Bereich nennt sich das „Orgasmusangst“, im sozialen „Freiheitsangst“. Tatsächlich ist das, was wir gegenwärtig in der westlichen Welt beobachten, am ehesten mit einer „Adoleszentenkrise“ zu vergleichen: die panische Angst vor der ungewohnten Freiheit, die mit einem entsprechenden Verantwortungsdruck einhergeht, treibt uns geradezu in den kollektiven Selbstmord.
Now I know: