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Psychologismus, Soziologismus, Biologismus

22. Januar 2015

Freud hat darum gerungen, kein Biologe („Naturkundler“) mehr zu sein, sondern als Psychologe anerkannt zu werden. Die Soziologie hat er als eigenständiges Wissensgebiet abgelehnt:

Denn (…) die Soziologie, die vom Verhalten der Menschen in der Gesellschaft handelt, kann nichts anderes sein als angewandte Psychologie. Streng genommen gibt es ja nur zwei Wissenschaften, Psychologie, reine und angewandte, und Naturkunde. (Freud z.n. Béla Grunberger und Janine Chesseguet-Smirgel: Freud oder Reich?, Frankfurt 1979, S. 31)

Angesichts von Reichs Schriften Ende der 1920er und Anfang der 1930er Jahre wird den Orgonomen von „Reichianern“ ab und an vorgehalten, „biologistisch“, gar im Freudschen Sinne „psychologistisch“ zu sein. Und wenden Orgonomen nicht tatsächlich „bioenergetische“ Konzepte auf die Gesellschaft an, so wie es einst Psychoanalytiker mit weitgehend identischen psychoanalytischen Konzepten getan haben? Was doch Reich heftig kritisiert hat! Dazu sollte man sich folgendes grundlegendes Schema in Erinnerung rufen (vgl. Äther, Gott und Teufel):

biosoziopsy1

Reich ist in seiner Entwicklung von der Psychologie ausgegangen (Freud), hat diese Beschränkung über seine Beschäftigung mit der Marxistischen Bewegung überwunden (Soziologie) und ist dann weiter zur „sexualökonomischen Lebensforschung“ vorgedrungen (Biologie). Dabei war die Soziologie bereits in der Tiefenpsychologie angelegt (der Ödipuskomplex geht auf die Beziehung zwischen Menschen zurück) und die Biologie sowohl im Freudismus als auch im Marxismus (Libidotheorie, „lebendige Arbeitskraft“, Dialektischer Materialismus). Man kann psychologische Phänomene von der Soziologie her betrachten und beides von der Biologie her, aber es macht keinen Sinn diese Reihe umzukehren, soweit nicht rechte Bereiche (siehe das Schema oben!) in linken Bereichen bereits angelegt sind – was aber erst sichtbar wird, wenn man von rechts nach links zurückschaut.

Beispielsweise geht es bei einem Streik um „materielle“, „objektive“ Interessenkonflikte, die mit tiefenpsychologischen Begriffen nur verkleistert werden. Wenn es jedoch um offensichtlich irrationale Überlagerungen ökonomischer Interessenkonflikte durch Ideologien und um Machtmißbrauch geht, macht eine biologische Betrachtung durchaus Sinn: der gepanzerte (sozusagen „biologisch behinderte“) Mensch handelt irrational und sozusagen „unsoziologisch“. Diese biologische (d.h. charakterologische) Betrachtung kann dann durchaus auf psychoanalytische Versatzstücke zurückgreifen. Das ist auch deshalb so, weil es sich sowohl bei der Psychoanalyse als auch bei der sexualökonomischen Lebensforschung im Gegensatz zur Soziologie um die Betrachtung innerer Phänomene handelt.

In diesem Zusammenhang verlohnt sich zu erwähnen, daß die Freudsche Therapie ausschließlich kopfzentriert ist (Psychologie). In der Orgontherapie geht es hingegen nicht um die „Innenschau“ und darum, die Vergangenheit aufzuarbeiten, sondern ein befriedigendes Liebes- und Arbeitsleben aufzubauen, d.h. um unsere Beziehung zu unseren Mitmenschen (Soziologie) und natürlich um den Körper, Atmen, Ausdruck (Biologie).

Einerseits haben gesellschaftliche Phänomene ein Eigenleben und andererseits spielt sich das, was es an orgonotischen Erregungsprozessen gibt, nicht in der Gesellschaft, sondern im Inneren der Individuen ab. Beispielsweise kann man den Kommunismus mit Krebs vergleichen. Die „Energieproduktion“ der Gesellschaft wird eingestellt, die Gesellschaft stirbt und hinterläßt einen zerfallenden Leichnam, der seine Umgebung vergiftet („T-Bazillen“). Wir sehen dies gerade in der Ukraine. Die wirkliche Schrumpfung findet jedoch in den Organismen der Individuen statt. Nicht die Gesellschaft schrumpft bioenergetisch, sondern das Protoplasma der Individuen. Nicht Orgonenergie fließt durch die Gesellschaft, sondern Informationen und Güter, die dann sekundär die Orgonenergie in den Individuen anregen. Umgekehrt hört der besagte Informations- und Güte-„Fluß“ auf, wenn die Orgonenergie in den Individuen aufhört zu fließen.

Gesellschaften haben Grenzen, so wie das Individuum eine Membran hat. Ich habe das an anderer Stelle ausführlich dargelegt. Jedoch haben diese Grenzen weder die charakteristische Orgonom-Form, noch pulsieren sie. Zwar pulsiert die Ökonomie, angefangen von Saat und Ernte in primitiven Gesellschaften bis hin zu den Wirtschaftszyklen in entwickelten Gesellschaften, jedoch ist das nicht unmittelbarer Ausdruck konkreter expandierender bzw. kontrahierender Orgonenergie-Ströme, wie Reich sie bei seinen bio-elektrischen Experimenten gemessen hat.

Diese Zusammenhänge kann man erst dann ganz erfassen, wenn man im Gegensatz zur Psychoanalyse streng zwischen sekundären (gepanzerten) und primären (ungepanzerten) Trieben unterscheidet. Die Psychoanalyse beruht geradezu auf der Negation dieser Unterscheidung! Die orthodoxen Psychoanalytiker Grunberger und Chesseguet-Smirgel drücken das wie folgt aus:

Der Ödipuskomplex ist überall im Unbewußten gegenwärtig, die Grundtriebe sind bei allen Menschen dieselben. Auf diese Weise wird es möglich, vom Gebiet der Geistesstörungen auf das Gebiet der „Normal“-Seele überzublenden, und umgekehrt. So wird die Differenz zwischen dem Normalen und dem Pathologischen, zwischen dem Individuellen und dem Allgemeinen, allmählich getilgt, und es kommt der unveränderliche Kern einer Menschenseele zum Vorschein, beherrscht von Gesetzen, die bei allen Menschen gleichartig sind. (ebd., S. 20)

Das ist genau jene Sicht der Dinge, die Reich als groben Unfug bekämpft hat. Man lese dazu etwa sein Buch Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral. Freud hat mit dieser Haltung wirklich alles verbaut. Er hat den Einfluß der teilweise drastischen vertikalen und horizontalen gesellschaftlichen Unterschiede negiert, d.h. die Unterschiede zwischen Klassen, Kasten, etc. innerhalb der Gesellschaften und die Unterschiede zwischen den Gesellschaften selbst. Und er hat nicht zuletzt den „Einbruch ins biologische Fundament“ geradezu systematisch verbarrikadiert, denn er war ja vermeintlich bereits zum „unveränderlichen Kern der Menschenseele“ vorgedrungen.

Reich und die moderne Biologie (Teil 2)

8. Dezember 2014

Die gegenwärtige Kulturdebatte in Amerika (teilweise aber auch im „aufgeklärten“ Europa) dreht sich vor allem um die Evolutionstheorie. Linke setzen Kritik an Darwin mit „Fundamentalismus“ gleich und dann ist nur noch ein Schritt und der Gegner wird mit den islamistischen Terroristen identifiziert. Rechte verbinden Darwin mit der Eugenik-Bewegung Anfang des 20. Jahrhunderts, Hitler und dem „Abtreibungs-Holocaust“.

[youtube:https://www.youtube.com/watch?v=cDWALTAh_Y0%5D

Expelled – Intelligenz streng verboten zeigt, auf was für wackeligen Beinen die biologische Orthodoxie steht – tatsächlich ist sie eine einzige Absurdität. Gleichzeitig wird aber auch deutlich, daß „intelligent design“ kaum weniger absurd ist: die der Natur inhärente Logik wird kurzschlüssig mit einem göttlichen Logos „erklärt“.

Bezeichnend ist, mit welcher Verachtung, mit welchem Ekel, Vertreter des „intelligent design“ über das „niedere Leben in der Pfütze“, über das lebendige Protoplasma sprechen.

Eines der Kennzeichen der gleichzeitig mechanistischen und mystischen gegenwärtigen Wissenschaft ist das Ersetzen „Gottes“ durch mechanische Surrogate. Beispielsweise wird die erste genetische Information, die in die Welt kam, mit „Zufall“ erklärt. Es ist, als hätte es einen „Herrn Zufall“ gegeben, der alles gerichtet habe.

Auf geradezu tragikomische Weise versuchen „Wissenschaftler“ dieses Problem mit der sogenannten Panspermie-Hypothese zu umgehen, der zufolge nicht „Gott“, sondern Meteoriten die Grundbausteine des Lebens auf die Erde gebracht haben.

Beispielsweise will auf diese gleichzeitig mechanistische und mystische Weise der US-Forscher Ronald Breslow (Columbia-Universität) erklären, warum Aminosäuren in allen Lebewesen der Erde linksdrehend sind.

Zum Thema des ubiquitären Linksdralls verweise ich auf meinen Blogeintrag Links zwo drei vier.

Die mechanistische Herangehensweise, die alles mit „mechanischem Zufall“ erklären will und alle organischen Zusammenhänge negiert, wird in den fünf Wissenschaftsskandalen der letzten Zeit evident: 1. HIV-AIDS, 2. Globale Erwärmung, 3. Urknall-Theorie, 4. String-Theorie und 5. das Aussterben der Dinosaurier.

Eigentümlich frei hat dazu einen sehr lesenswerten Artikel veröffentlicht. (Obwohl der Autor die „menschengemachte Globale Erwärmung“ nicht leugnet.)

Was ist diesen Theorien gemein, daß es fast lebensgefährlich (sic!) ist, sie zu leugnen?

Die orthodoxen Theorien gehen nicht nur mit milliarden- (wenn nicht trilliarden-) schweren Wirtschaftsinteressen einher (und seien dies nur Forschungsgelder), sondern, was bedeutsamer ist, sie stehen jeweils für mechano-mystische Willkür.

AIDS hat dann nichts mit der Lebensweise der Erkrankten und komplizierten pleomorphistischen Vorgängen zu tun, sondern geht auf die zufällige Infektion mit einem Retrovirus zurück. Die „Klimaveränderung“ (der von Reich erstmals beschriebene globale DOR-Notstand) geht auf einen mechanischen „Treibhauseffekt“ zurück. Das gesamte Universum ist eine heiße chaotische Explosion, die langsam abkühlt. Die Probleme, die mit diesem ganzen schwachsinnigen Theoriegebäude einhergehen („Singularitäten“), sollen mit „String-Theorien“ überwunden werden, – die nur verwirrte, mystische Geister begeistern können. Und was das Aussterben der Dinosaurier betrifft: sie sollen einem zufälligen Asteroideneinschlag zum Ofer gefallen sein, aber auf keinem Fall der mehr oder weniger organischen Entwicklung des Planeten.

Die Geschichte mit dem Linksdrall ist nur ein kleines Beispiel dafür, daß sich das wissenschaftliche Zeitalter dem Ende nähert. Die Wissenschaft wird von der mechanistischen Lebensanschauung unterhöhlt und wird zusammenbrechen, wenn sie sich nicht endlich dem Orgonomischen Funktionalismus öffnet.

Traurigerweise entblöden sich viele „Reichianer“ nicht, den Mechanismus auf mystische Weise „überwinden“ zu wollen, indem sie auf kindische Weise das Phänomen Geist mit – dem Phänomen Geist erklären (Pneuma, „geistige Welt“), das Phänomen Gefühlsleben mit – dem Phänomen Gefühlsleben (Psyche, „emotionale Welt“), das Phänomen Leben mit – dem Phänomen Leben (Bios, „biologische Welt“) und das Phänomen unser physischen Existenz mit – unser physischen Existenz (Physis, „physische Welt“). Es ist eine flache, statische, tautologische und an die mittelalterliche Scholastik (mit ihren hierarchisch gegliederten Existenzbereichen) gemahnende vor- oder besser gesagt antiwissenschaftliche Weltsicht.

Der wohl verheerendste Triumph der mechanistischen Wissenschaft in der Lebensforschung war Francis Cricks Entdeckung der DNS-Doppelhelix 1953. Gegen Ende seines Lebens versuchte der 2004 verstorbene Nobelpreisträger sein Lebenswerk der vollkommenen Mechanisierung des Lebendigen zu vollenden. Im britischen Nature Neuroscience behauptete er 2003, die menschliche Seele endlich dingfest gemacht zu haben: sie sei eine unaufhörliche chemische Reaktion von Nervenzellen in der Großhirnrinde. Crick:

Seele – das sind biochemische Prozesse, die unser Bewußtsein steuern.

Bereits im 19. Jahrhundert meinte der Zoologe Carl Vogt,

daß all jene Fähigkeiten, die wir unter dem Namen der Seelentätigkeiten begreifen, nur Funktionen der Gehirnsubstanz sind; oder, um mich einigermaßen grob hier auszudrücken, daß die Gedanken in demselben Verhältnis etwa zum Gehirn stehen wie die Galle zu der Leber oder der Urin zu den Nieren.

1942 meinte Reich dazu, daß jeder Versuch einer Erfassung der Empfindungen und seelischen Erlebnisse seit Jahrhunderten tabuisiert werde, so daß dem Menschen das Seelische „noch heute nur nebelhafte, mystische Gegebenheit“ sei oder allenfalls eine Sekretion des Gehirns und damit „nicht mehr als der Kot, der ein Exkret des Darms ist“ (Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 299). Immer noch, sieben Jahrzehnte später, hart das Lebendige, „das Seelische“, der naturwissenschaftlichen Erforschung.

In England zürnten die Theologen und Ethiker über Crick wie zu Zeiten Darwins. Es ist bezeichnend, daß die gleichen Leute in hymnische Verzückung geraten, wenn es um die Quantenphysik geht. Man lese etwa den kurzen Text: Quantenphysiker entdecken die Seele (Das menschliche Bewußtsein könnte den Tod überdauern) auf einer theologischen Weltnetzseite.

Konkret geht es um die „Verschränkung“ auf der Ebene der Quanten: Teilchen, die einmal in Wechselwirkung getreten sind, bleiben über Raum und Zeit miteinander verbunden. Wenn man das mit dem angeblichen „Urknall“ verknüpft, als alles noch „eins“ war und sich dann getrennt hat… Mystischer kann man gar nicht denken als die extrem mechanistischen Physiker! Entsprechend argumentieren manche von ihnen, daß Geist und Seele den Körper überdauern könnten.

Nichts sagt mehr über den gegenwärtigen Zustand der Naturwissenschaft aus, als daß angebliche „Lebenswissenschaftler“ (Biologen) wie zur Zeit Richard Dawkins einen fundamentalistischen Atheismus auf der Grundlage eines extrem mechanistischen Weltbildes propagieren, während ausgerechnet die „Todeswissenschaftler“ (die Quantenphysiker, die schließlich die Atomwaffen entwickelt haben) sich bei ihren poetischen Ergüssen gar nicht mehr einkriegen. Der erwähnte theologische Artikel zitiert den amerikanische Physiker Jack Sarfatti:

Nichts geschieht im menschlichen Bewußtsein, ohne daß irgendetwas im Universum darauf reagiert. Mit jedem Gedanken, jeder Handlung beschreiben wir nicht nur unsere eigene kleine Festplatte (!), sondern speichern auch etwas im Quantenuniversum ab, das unser irdisches Leben überdauert.

Man lasse sich jedoch nicht täuschen. Beide Ansätze, der von Crick und Dawkins auf der einen und der von Sarfatti auf der anderen Seite, sind eng miteinander – verschränkt.

Anhand der grundsätzlich unterschiedlichen Orientierung von Reichs „sexualökonomischer Lebensforschung“ in den 1930er Jahren und der zeitgleichen Entwicklung der Mikrobiologie, die in der Entdeckung der DNS gipfelte, läßt sich besonders gut der Mechano-Mystizismus der gegenwärtigen Wissenschaft festmachen. Die Entdecker der Todesenergie (Radioaktivität) drangen in die Biologie ein und „mechanisierten“ sie, während andererseits der Entdecker der Lebensenergie (Orgon) von der Biologie her in die Physik eindrang und sie „funktionalisierte“. Die Kernspaltung hier, die kosmische Orgonenergie dort; die Gene hier, die organismische Orgonenergie dort.

Die Molekularbiologie seit Mitte der 1930er Jahre wurde von ehemaligen Physikern wie z.B. Max Delbrück geprägt, einem Schüler des bedeutenden Quantenphysikers Max Born. Leute wie Delbrück suchten nach neuen, damals der Physik noch unbekannten Gesetzen, trugen dabei jedoch das physikalisch-mechanistische Denken in die Biologie. Tatsächlich taten diese Physiker kaum mehr als das seit Aristoteles in der Biologie zumindest implizit vorherrschende teleologische Denken, d.h. das Denken vom Ziel und Zweck her („…, um zu …“) durch ein „teleonomisches“ Denken zu ersetzen.

Nach Ernst Mayr (Evolution und die Vielfalt des Lebens, Heidelberg 1979) können Vorgänge (Verhaltensweisen) deren Zielgerichtetheit durch ein Programm gesteuert ist, teleonomisch genannt werden. Das „Programm“ ist natürlich die DNS, die Delbrück mit Aristoteles‘ „Seele“ gleichgesetzt hat. Danach bietet dieses eidos (der „unbewegte Beweger“) „eine perfekte Beschreibung der DNS: sie handelt, schafft Form und Entwicklung und unterliegt doch selbst keinerlei Veränderung bei dem Vorgang.“

Das Neue, was Leute wie Delbrück brachten, war die Überwindung des „teleomatischen“ Prinzips, das bis dahin die Physik geprägt hatte. Mayr:

Vorgänge, die einen Endzustand erreichen, der durch Naturgesetze (z.B. die Schwerkraft, der erste [gemeint ist wohl der zweite, PN] Hauptsatz der Thermodynamik), nicht aber durch Programme diktiert ist, können wir mit dem Ausdruck teleomatisch bezeichnen.

Der „Endzustand“ ist natürlich die maximale Entropie, der Wärmetod des Universums. Denkt man jetzt mit dem orgonomischen Potential als Leitfaden das Problem zurück, erkennt man, wo die Antwort, die die Physiker in der Biologie suchten, zu finden ist:

Die Natur folgt orgonomischen Funktionsgesetzen und kennt weder „ideale Zwecke“ (Mystizismus) noch „Programmziele“ (Mechano-Mystizismus).

Für „Biologen“ sind Lebewesen komplizierte Roboter. Beispielsweise stellte eine Forschergruppe von der University of Oxford Mitte eine Forschungsarbeit vor, in der es ihnen gelang die Erinnerung von Fliegen auf ganze 12 Nervenzellen zurückzuführen. Durch deren Manipulation gelang den Forschern die Erzeugung „falscher Erinnerungen“. Es geht dabei beispielsweise um die Assoziation bestimmter Duftstoffe mit Gefahr. Einer dieser Wissenschaftler kommentiert seine Arbeit wie folgt:

Wir wählen bevorzugt anscheinend höhere psychologische Phänomene und reduzieren sie auf die Mechanik. Beispielsweise wie die Intelligenz, die benötigt wird, um sich an eine ändernde Umgebung anzupassen, auf materielle Wechselwirkungen zwischen Zellen und Molekülen reduziert werden kann. Die Frage ist: Wie gewinnt man Intelligenz aus Teilen, die selbst unintelligent sind?

Das klassische reduktionistische Programm des 19. Jahrhunderts.

Daß dieses mechanistische Weltbild für die Biologie letztendlich untauglich ist, haben Björn Brembs (Freie Universität Berlin) und Alexander Maye (Universität Hamburg) anhand von Fruchtfliegen gezeigt.

Sie ließen die fixierten Tiere in einer weißen vollkommen konturlosen Umgebung mit den Flügeln schlagen und unterzogen das „Flugverhalten“ einer aufwendigen mathematischen Analyse, die zeigte, daß das Verhalten der Fliegen nicht auf „Rauschen in den Nervenzellen“ zurückgeführt werden kann, sondern ihm ein spontanes Handeln zugrunde liegen muß, da eindeutige Strukturen im Flugverhalten evident wurden.

Zur Prüfung ließen die Wissenschaftler in immer komplexeren Computer-Modellen mögliche Zufalls-Flugbahnen berechnen – kamen aber nie auf ein Ergebnis, das der Realität ähnelte. Sie wiesen damit erstmals nach, daß Abweichungen im Verhalten von Drosophila melanogaster nicht zufällig sein können, sondern auf spontane Entscheidungen zurückgehen müssen. „Ich hätte niemals vermutet, daß einfache Fliegen, die in anderen Situationen immer wieder gegen das selbe Fenster knallen, die Fähigkeit zu nicht zufälliger Spontanität besitzen“, schreibt Maye (…).

Daraus schlossen die Forscher auf neuronale Schaltpläne, die spontanes Verhalten generieren können und die man vielleicht nachbauen und für Roboter nutzbar machen könnte…

Sie stoßen in Gestalt des „freien Willens“ auf die Orgonenergie, aber verheddern sich sofort wieder in mechanistischer Begrifflichkeit.

In den massefreien energetischen Funktionen, die hinter der „nicht zufälligen Spontanität“ auch primitivster Lebewesen stehen, ist sicherlich auch die Ursache für die ungeahnten Intelligenzleistungen vieler Tiere zu suchen. Siehe dazu meinen Blogeintrag Das übersehene, unterdrückte und verachtete Lebendige (Teil 2).

Daß etwas mit der mechanistischen Herangehensweise nicht stimmen kann, sieht man allein schon an der Entdeckung, daß man „höhere psychologische Phänomene“ auf gerade mal 12 Nervenzellen reduzieren kann. Sie erinnert mich an folgende Meldung aus dem Jahre 2003:

Dusko Ehrlich und seine Kollegen vom Institut National de Recherche Agronomique in Paris hatten die Gene des Bodenbakteriums Bacillus subtilis einzeln ausgeschaltet. Es gedieh immer noch, als nur ganze 271 seiner mehr als immerhin 4100 Gene funktionierten. Das sind nicht einmal 7 Prozent. Offenbar benötigen Bakterien bei guten Umweltbedingungen nur einen winzigen Teil ihrer genetischen Ausstattung. Die meisten Erbinformationen seien doppelt vorhanden oder für das Überleben bei schlechten Umweltbedingungen nötig.

Ist es nicht vielmehr so, daß die Funktionen des Lebendigen (auch die „höchsten“) deshalb von so wenig materieller Struktur (Nervenzellen und Genen) anhängig sind, weil es primär energetische, prä-materielle Funktionen sind?!

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Reich und die moderne Biologie (Teil 1)

7. Dezember 2014

Mancher wird sich an die Aufregung um das „Human Genom Projekt“ erinnern, die Entschlüsselung des „genetischen Codes“ des Menschen, und was für ungeheure Folgen es haben würde: wir würden beginnen so gut wie alles zu verstehen. Die Euphorie hat sich schnell verflüchtigt.

Es wurde berichtet, daß die Entschlüsselung des menschlichen „Epigenoms“ gelungen sei. Thema der Epigenetik ist die Steuerung der Genexpression. Schließlich sind die Gene in jeder Körperzelle, etwa in einer Nierenzelle oder einer Netzhautzelle, identisch und außerdem werden nicht alle Gene von der Zelle gleichzeitig benötigt. Was steuert also die Gene – die doch angeblich den menschlichen Organismen steuern?

Die Wissenschaft erklärt dies heute insbesondere durch Verweis auf die „Methylierung“, mit der wir uns bereits in Die Kinder der Zukunft und die Genetik (Teil 3) und Der zweite Code und die Kinder der Zukunft beschäftigt haben:

An einige DNA-Bausteine hängt der Körper kleine chemische Schalter, Methylgruppen genannt, an und schaltet damit dahinterliegende Gene aus.

Man sieht, die mechanistische Wissenschaft verlagert das Problem lediglich, denn was steuert nun wiederum die „Methylgruppen“?

Wir sind gerade Zeugen einer Revolution in den Biowissenschaften, durch die Reich von neuem im Wesentlichen Recht gegeben wird. Das Ende der erdrückenden Dominanz der Genetik ist nah.

Reich zufolge werden durch das Energiesystem neugeborenes Kind „einige elementare kosmische Funktionsgesetze in den Bereich menschlichen Handelns gebracht.“ Es bilden „sich die Spermatozoen und Eier in den Metazoen (…) durch Kondensation von Orgonenergie im Keimgewebe“ (Die kosmische Überlagerung). Reich fragt „worin konkret sich die Vererbung kundgibt, an welchen biologischen Funktionen sie abläuft.“ und glaubte die, damals noch hypothetischen Gene wären „eigens dazu erdacht die Frage des lebendigen Funktionierens“ zu verhüllen und den Zugang zur formbildenden lebendige Kraft zu verrammeln (Der Krebs).

Und tatsächlich war es zu Reichs Lebzeiten „alles andere als klar, daß diese Einheiten [die Gene] Moleküle in Begriffen der strukturellen Chemie waren.“ (Max Delbrück z.n. J. Herbig: Die Geningenieure, München 1978) Heute sind wir immerhin weiter und kennen die Struktur der Gene genau. Zwar kann man heute noch immer nicht erklären, wie sich neue Arten entwickeln, aber die Konstanz der Arten ist mit Hilfe der Gene erstmals verständlich geworden!

Wissenschaft findet nicht im luftleeren Raum statt, sondern ist wie jedes menschliche Handeln durch die Charakterstrukturen bestimmt und es will so scheinen, daß die wissenschaftlichen Erfolge bezüglich dieses „konstanten Faktors“ mit der Panzerung der Wissenschaftler zusammenhängen. Man dringt wohl ins Innere der Körperzellen und sogar in die Atomkerne vor, aber die Orgonenergie wird übersehen. Der gepanzerte Mensch nimmt nur das für wahr, was seiner Panzerung entspricht – er nimmt nur das Unbewegliche, das „Unbedingte“ wahr. So ist ihm das Wesentliche bei der Vererbungsfrage durch die Hände geglitten.

Henri Bergson hat in seiner Einführung in die Metaphysik diesen Grundirrtum wie folgt in der Geschichte der Philosophie festgemacht, die unsere Naturwissenschaft geprägt hat: Der Irrtum der antiken Philosophien lag darin,

daß sie immer aus dem menschlichen Geiste so natürlichen Glauben schöpfen, eine Veränderung könne nur Unveränderlichkeiten ausdrücken und entwickeln. Hieraus ergab sich, daß die Aktivität eine abgeschwächte Kontemplation, die Dauer ein trügerisches und bewegliches Bild der unbeweglichen Ewigkeit, die Seele ein Sturz der Idee war. Diese ganze Philosophie, die mit Plato beginnt, um bei Plotin anzulangen, ist die Entwicklung eines Prinzips, das wir folgendermaßen formulieren würden: „Im Unbeweglichen ist mehr enthalten als im Beweglichen, und man gelangt vom Stabilen zum Unstabilen durch eine einfache Verminderung.“ Das Gegenteil aber ist die Wahrheit.

Diese Tradition führte in der Biologie schließlich zur Genetik, die eben keine „reine“ Wissenschaft ist. Eine solche kann es (in einer gepanzerten Gesellschaft) gar nicht geben, da Wissenschaft immer mehr ist als die Ansammlung von Fakten. Die Charakterstruktur filtert diese zwiefach: erstens wird die Faktenauswahl beschränkt, man sucht das Statische, und zweitens wird ohnehin alles im Sinne des Statischen interpretiert, – weil man selber „statisch“ ist, gepanzert.

In seinem Buch Die Selbstorganisation des Universums (München 1982) führt Erich Jantsch aus, daß Bergson sich seinerzeit u.a. gegen die Meinung wandte, menschliches Gedächtnis habe seinen Sitz ausschließlich im Gehirn:

Gedächtnis ist ihm zufolge eine Funktion des Gesamtorganismus. Die Unterscheidung zwischen metabolischem und neuralem Gedächtnis, je nach Art der beteiligten Kommunikationsprozesse, bringt hier Klärung. Die Existenz eines metabolischen Gedächtnisses im Menschen bestätigte sich, als Wilhelm Reich in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts nachwies, daß sich traumatische Erlebnisse nicht nur in der Psyche, sondern auch in Muskelkontraktionen niederschlagen.

Es wäre interessant hier auch den Einfluß des deutschen Zoologen Richard Wolfgang Semon (1859-1918) auf Reich näher zu analysieren, denn wie in der Chronik der Orgonomie erwähnt, gehörte, neben Bergson, auch Semon zu Reichs frühsten wissenschaftlichen Prägungen. Semon hatte angenommen, daß Sinneseindrücke zu permanenten Veränderungen in den Nerven führen. Diese Engramme (Spuren) ermöglichen Semon zufolge die Assoziation und Erinnerung und sie gehen ins Erbgut ein. Alle Engramme zusammen bilden die Mneme, d.h. das biologische Gedächtnis.

Die Lehre von der Vererbung erworbener Eigenschaften hat sich bis zum heutigen Tage, obwohl sie richtig ist, praktisch nicht durchsetzen können. (Der Krebs)

Bei dieser Verteidigung des Lamarckismus dachte Reich wohl an das Schicksal eines seiner wichtigsten frühen Anreger. 1919 hatte Reich den österreichischen Zoologen Paul Kammerer (1880-1926) persönlich kennengelernt, dem es gelungen war, die Vererbung erworbener Eigenschaften an Niederen Tieren und Amphibien experimentell nachzuweisen.

Der Biologe Alexander Vargas von der Universität von Chile ist nach Untersuchung der Laborbücher Kammerers zu dem Schluß gekommen, daß Kammerer ein früher Vertreter der erwähnten Epigenetik war.

An Kammerers Biologievorlesungen erinnerte sich Reich „mit besonderer Vorliebe“. Ilse Ollendorff zufolge führte Reich sein bleibendes Interesse an der Biologie auf Kammerers Wirken zurück. In Der Krebs zitiert er Kammerer ausführlich.

Näheres über Kammerer kann der Leser in Arthur Koestlers Der Krötenküsser (München 1972) finden. Hier sei Kammerer nur kurz zitiert, um einen Eindruck von seiner Grundeinstellung zu vermitteln, die nachhaltig auf Reich gewirkt hat:

Entwicklung ist (…) nicht erbarmungslose Auslese, die alles Lebendige formt und vervollkommnet, nicht verzweifelter Kampf ums Dasein, der allein die Welt beherrscht. Alles Geschaffene strebt vielmehr aus eigener Kraft nach oben dem Lichte und der Lebensfreude zu und begräbt nur Unbrauchbares im Gräberfeld der Selektion.

Anfang der 1920er Jahre war Kammerer einer der berühmtesten aber auch umstrittensten Biologen der Welt. Zu einer Zeit als sich die Eugenik, d.h. die Züchtung wertvollen und die „Ausmerzung“ wertlosen Lebens zunehmend durchsetzte, vertrat Kammerer offensiv einen Lamarckismus, demzufolge beispielsweise die guten Eigenschaften, die eine gute Kindererziehung mit sich bringt, an zukünftige Generationen vererbt wird. Es war nur naheliegend, daß er 1926 an die Kommunistische Akademie der Wissenschaften in Moskau, die Institution für fortschrittliches Gedankengut, berufen wurde.

Leider konnte er diesen Posten nicht mehr ausfüllen, da er infolge des Skandals um einen angeblichen wissenschaftlichen Betrug Selbstmord verübte. Stattdessen wurde Iwan Wladimirowitsch Mitschurin zum führenden sowjetischen Lamarckisten. Unter Mitschurins Einfluß war die Parteilinie seit 1929 offiziell Lamarckistisch. Er stand so hoch in Kurs, daß seine Heimatstadt Koslow nach seinem Tod 1935 in Mitschurinsk umbenannt wurde. So heißt sie heute noch.

Diese Entwicklung war nicht verwunderlich, denn schon Engels hatte davon gesprochen, daß die Bedürfnisse des Vormenschen sich ihre Organe geschaffen hätten. Bereits 1906 hatte Stalin darauf hingewiesen, daß die Theorie des Neo-Lamarckismus an die Stelle des Neo-Darwinismus rücke, denn sie zeige, „wie quantitative Veränderungen qualitative hervorbringen“ (C.D. Darlington: Das Gesetz des Lebens, Wiesbaden 1959).

Als „humanistische Materialisten“ wollten die Sowjetmarxisten die Welt langfristig zum Guten wenden, und dazu bot damals nur der Lamarckismus einen realistischen Ansatzpunkt, wollte man nicht wie die Nazis Menschen züchten. Der Lamarckismus war das Ideal für die über Generationen hinweg in die Zukunft blickenden Erziehungsdiktatoren der Sowjetunion. Aktuelle Verhaltensveränderungen würden sich verewigen und so das Sowjetsystem langfristig absichern.

Es ist nicht verwunderlich, daß der „bürgerliche“ Begründer des Behaviorismus, J.B. Watson, enthusiastisch Kammerers Ergebnisse über die Vererbbarkeit erworbener Eigenschaften begrüßte. Watson:

Wie viel würde es für die Pädagogen, für die Gesellschaft im allgemeinen bedeuten, wenn [Kammerers Resultate] richtig wären!

Reich reiht sich hier lückenlos ein. Noch 1949 hat Reich den berühmt-berüchtigten Hohenpriester des „Mitschurin-ismus“, Trofim Denissowitsch Lyssenko, in einem Brief an Neill gegen die amerikanischen Genetiker verteidigt. Reich beklagt nur, die Russen hätten rein politische Motive geleitet, die sie zufällig auf die richtige wissenschaftliche Seite geführt hätten.

Neben dem Einfluß des Vitalismus (wie ihn Kammerer vertrat) und des „Dialektischen Materialismus“ auf Reich ist natürlich in vorderster Linie Freud zu nennen. In der Psychoanalyse diente der Lamarckimus hauptsächlich dem Zweck, eine Art Ursünde auf den Grund des Unbewußten zu setzen. So führt Freud (noch ziemlich vage) in Totem und Tabu den Ödipuskomplex auf den „Vatermord in der Urhorde“ zurück, der so quasi angeboren ist. Explizit sollte sich Freud zwei Jahrzehnte später in Der Mann Mosese zum Lamarckimus bekennen, trotz der „gegenwärtigen Einstellung der biolgischen Wissenschaft (…), die von der Vererbung erworbener Eigenschaften auf die Nachkommen nichts wissen will.“

Freud brauchte den Fortbestand von Erinnerungsspuren aus der archaischen Erbschaft, um die Kluft zwischen Individual- und Massenpsychologie überbrücken zu können, d.h. um die Völker wie einzelne Neurotiker behandeln zu können. Freud:

Wir tun damit auch noch etwas anderes. Wir verringern die Kluft, die frühere Zeiten menschlicher Überhebung allzuweit zwischen Mensch und Tier aufgerissen haben. Wenn die sogenannten Instinkte der Tiere, die ihnen gestatten, sich von Anfang an in der neuen Lebenssituation so zu benehmen, als wäre sie eine alte, längst vertraute, wenn dies Instinktleben der Tiere überhaupt eine Erklärung zuläßt, so kann es nur die sein, daß sie die Erfahrung ihrer Art in die neue eigene Existenz mitbringen, also Erinnerungen an das von ihren Voreltern erlebte in sich bewahrt haben. Beim Menschentier wäre es im Grunde auch nicht anders. Den Instinkten der Tiere entspricht seine eigene archaische Erbschaft, sei sie auch von anderem Umfang und Inhalt.

Reich hat sich nie mit dem Mißbrauch des Lamarckismus durch die Stalinisten und Freudianer auseinandergesetzt. Dazu war er zu sehr in der jeweiligen Tradition verankert. Seine Kritik galt ausschließlich dem Mißbrauch des Darwinismus durch rechte reaktionäre Kreise im Sinne der Klassengesellschaft und des Rassenwahns. So unterscheidet Reich 1933 in seiner Massenpsychologie des Faschismus zwischen der Darwinschen Hypothese der natürlichen Zuchtwahl, die von Hitler rassistisch mißbraucht werden konnte, Reich nennt sie „reaktionär“, und dem Darwinschen Nachweis der Abstammung der Arten, der Reich zufolge „revolutionär“ gewesen sei.

lamarck

Lamarcks Vorstellungen wurden bis vor kurzem als wissenschaftliche Kuriosa betrachtet, die keiner ernsten Untersuchung wert seien. Mit Beginn des neuen Jahrtausends scheint sich eine Renaissance des Lamarckismus anzubahnen.

Man kann beispielsweise auf Joachim Klose von der Berliner Charite verweisen. Seiner Meinung nach, können epigenetische Informationen beim Menschen durchaus in die Keimbahn eingehen. Renato Paro vom ETH Zürich untersuchte entsprechendes bei der Fruchtfliege Drosophila. Würden sich diese Forschungsansätze bestätigen, wären die Konsequenzen global. Sogar die Evolution könnte sich schneller und gezielter abgespielt haben, als Darwin es sich vorgestellt hat. Sein verspotteter Gegenspieler Lamarck, der schon vor 190 Jahren von einer Vererbung erworbener Eigenschaften sprach, könnte zu neuen Ehren kommen.

Im letzten Jahrhundert wurde geflissentlich verdrängt, daß Darwin selber mit zunehmendem Alter immer mehr zu einem ausgesprochenen Lamarckisten wurde. Außerdem ging es bei Darwin weniger um die mechanistische Lehre zufälliger Mutation, sondern die natürliche Auslese als schöpferische Instanz stand zentral. Beide, Darwin und, wie wir gesehen haben, Lamarck, wurden schlimm entstellt und vulgarisiert – „mißbrauchsfähig“ gemacht.

Pierre P. Grassé (Evolution, Stuttgart 1973) meint, eine der Hauptmethoden Lamarck kaltzustellen, habe darin bestanden, ihm Behauptungen zuzuschreiben, die er so nie gemacht hatte.

Lamarck wird viel zu wenig gelesen und seine Gedanken wurden in einer so vereinfachten und schematisierten Form dargestellt, daß sie manchmal geradezu lächerlich wirken.

Für Lamarck war weniger die mechanistische Beeinflussung durch die Umwelt, die dann vererbt wird, entscheidend, als vielmehr innerplasmatische Vorgänge. Diese wurden jedoch, so Grassé,

bisher nicht in die Experimente mit einbezogen, die darauf abzielten die Erblichkeit erworbener Merkmale zu beweisen. Sie berücksichtigen vor allem die Umwelt und nicht den Organismus, ihre negativen Ergebnissen sind nur zu gut zu erklären.

Es wird kaum erwähnt, daß Lamarck einen Vervollkommnungstrieb annahm, der bestimmte „Fluida“, vergleichbar mit Bergsons „élan vital“, zu bestimmten Organen leiten bzw. sie von dort ableiten würde. Lamarcks Konzept von den „Fluida“ und einem inneren Drang der die Form bestimmt, erinnert an Reich:

Wachstum in der Längsachse (…) erscheinen (…) als energetische Funktionen des Körperorgons, als Resultate seines inneren Bestrebens, aus dem einengenden Membransack hinauszugelangen. Dabei dehnt sich die Membran und bildet so die vorquellenden Säcke der sich entwickelnden Organe in ihrem Ursprungsstadium. (Die kosmische Überlagerung, S. 64)

Etwa zeitgleich mit Reich entwickelte der Franzose Paul Wintrebert den „chemischen Lamarckismus“. Eine der theoretischen Hauptfragen des Lamarckismus ist, wie erworbene Merkmale der Körperzellen sich den Keimzellen mitteilen und sich dort verankern. Nach Wintrebert vollzieht sich dieser Vorgang in drei Etappen:

  1. In einem Organ bildet sich infolge einer durch das Milieu bewirkten Störung eine Substanz, die mit seinem Verhalten nichts zu tun hat und auf eine chemische Veränderung seiner Mechanismen hindeutet. Diese Substanz zeigt in ihrer Struktur Spuren ihrer Herkunft und wirkt wie ein Antigen.
  2. Es erfolgt eine Reaktion des Haut- und endokrinen Drüsen-Systems. Dieses neutralisiert die pathogene Wirkung des Antigens durch Erzeugung eines spezifischen Gegenstoffes, eines adaptiven Enzyms, das die mangelhafte Funktion anregt und das humorale [durch Blut- und Lymphewege übertragenes] Gleichgewicht wieder herstellt. Dieser Gegenstoff hat den Charakter eines zweckmäßigen und vergänglichen Begleithormons.
  3. Dieses adaptive Hormon verbindet sich gegebenenfalls chemisch mit den Nukleoproteinen des Erbplasmas. (z.n. Jean Rostand: Biologie – Wissenschaft der Zukunft, Darmstadt 1954)

Dabei ist hervorzuheben, daß Wintrebert die beiden ersten Stufen als Werk der lebendigen Substanz betrachtete und nur der dritten Etappe einen rein chemischen Charakter gab. Für Wintrebert bestand die Differenz zwischen Genetikern und Lamarckisten

im wesentlichen darin, daß für die Genetiker das Gen das Protoplasma steuert, während ganz im Gegenteil für die Lamarckisten das Protoplasma über das Gen, das es gebildet hat, verfügt, es verwendet oder nicht, je nachdem, ob in seiner Funktionsweise seine Struktur es dazu veranlaßt oder nicht, sich aufgrund chemischer Affinität mit ihm zu kombinieren. (Grassé)

Für den mechanistischen Genetiker ist die Evolution ein vom Lebensprozeß losgelöster Vorgang – nicht das Leben bildet und benutzt die Gene, sondern die „egoistischen“ Gene benutzen das Protoplasma, um ihre Information in die Ewigkeit weiterzugeben. Es ist das mechanistische Äquivalent einer extrem mystischen Weltsicht, in der eine unsterbliche Seele in der Reihe der „Wiedergeburten“ Körper benutzt.

Für den „aufgeklärten Lamarckisten“ Wintrebert hingegen ist die Evolution

eine Verkettung von Mechanismen, die adaptive Substanzen erzeugen, sie ist die ständige Schöpfung adaptiver Mutationen, die die Umwelt überwinden und die miteinander verkettet sind. Sie sind auf einen einzigen Erbvortrag zu reduzieren, hieße ihren Dynamismus mit der erblichen Kinematik zu verwechseln, aus dem Leben die schöpferische Funktion auszuschalten. (…) Die Evolution ist eine Verkettung von Neubildungen und die Vererbung begnügt sich damit, diese zu investieren. (z.n. Grassé)

Zum Abschluß ein Dokumentarfilm über die Evolution:

Die Biologie jenseits der Biologie: Rassenkampf, Männeremanzipation und Tierliebe

8. September 2014

Sowohl zu Zeiten der autoritären Gesellschaft, als auch heute in der anti-autoritären Gesellschaft gibt es zwei zentrale Dogmen, die niemand in Frage stellen darf: erstens gäbe es einen fundamentalen Unterschied der Geschlechter und zweitens unterscheiden sich die Rassen und Kulturen fundamental. Galt früher Freuds Diktum, daß „man“ „das Weib“ nicht verstehen könne und daß es „minderwertig“ sei, gilt heute die Frau als eine Art gesonderte Spezies, der alle möglichen Rechte und Privilegien zustehen. Zu Zeiten des Kolonialismus galten „die Farbigen“ als „minderwertig“, während ihnen heute als automatisch „Höherwertige“ alle möglichen Rechte und Privilegien zugestanden werden. „Den Menschen“ gäbe es nicht und habe es nie gegeben.

In seiner Sexualökonomie sprach Reich jedoch explizit über den Menschen. In seiner Orgasmusforschung machte er keinerlei Unterschied zwischen den Geschlechtern, jedenfalls was den zentralen Punkt betrifft: die Erregungskurve des Geschlechtsakts. Eine Ungeheuerlichkeit sowohl in der viktorianischen Zeit, als auch für die moderne Sexualmythologie.

Und was natürliches Sexualverhalten anbetrifft, machte er keinerlei Unterschied zwischen den diversen Menschengruppen. Liest man hingegen die anthropologische Populärliteratur werden beispielsweise westafrikanische Aschanti und finnische Lappen als zwei Menschengruppen dargestellt, die sich in ihrem Sexualverhalten derartig unterscheiden, als handele es sich nicht um Vertreter ein und derselben Spezies Homo sapiens.

Michel Odent zitiert in seinem Buch Die Natur des Orgasmus (München 2010, S. 40f und 57) drei bemerkenswerte Studien, die darauf verweisen, daß es unterhalb aller vermeintlich „offensichtlichen“ Unterschiede zwischen den Geschlechtern und Rassen eine tiefere Ebene gibt, die Reich erschlossen hat:

E. Vance und N. Wagner führten mit Collegestudenten eine interessante Studie durch, in der sie Orgasmen von Frauen und Männern unter der Perspektive des subjektiven Erlebens verglichen. Sie ließen Studentinnen und Studenten Berichte über ihre eigenen Orgasmen verfassen. Eine Gruppe von Beurteilern (…) versuchte zu erraten, welcher Bericht von einer Frau oder einem Mann stammte. Die Forscher hatten geschlechtsspezifische Wörter in den Berichten durch neutrale Bezeichnungen ersetzt (…), ehe sie sie den Beurteilern vorlegten. In ihrer Analyse der Daten kamen die Autoren zu dem Schluß, daß „die Beurteiler nicht in der Lage waren, aus der schriftlichen Beschreibung eines Orgasmus das Geschlecht der jeweiligen Person abzuleiten. […] Außerdem waren weder Frauen noch Männer besser darin, in der Beschreibung eines Orgasmus Merkmale zu erkennen, die darauf hindeuteten, ob sie von einer Frau oder von einem Mann verfaßt war […].“

Anthropologische Untersuchungen stützen die Vorstellung, daß Verliebtheit ein fest einprogrammiertes Verhaltensmerkmal des Menschen ist. Die romantische Liebe scheint ein universelles Phänomen zu sein, das nicht nur unter ganz bestimmten kulturellen Bedingungen entsteht. Forscher von der University of Honolulu verglichen die Werte, die Collegestudentinnen und -studenten aus einer individualistischen Kultur (den USA) und aus einer kollektivistischen Kultur (Korea) auf der „Skala der leidenschaftlichen Liebe“ und der „Skala der kameradschaftlichen Liebe“ erzielten. Sie konnten keine kulturellen Unterschiede feststellen. Eine 1992 bei einer Tagung der American Anthropological Association vorgestellte Studie ergab, daß die Vorstellung der romantischen Liebe in 147 von 166 untersuchten Kulturen existierte. Wie steht es um die übrigen 19? Die Teilnehmer der Tagung halten es für wahrscheinlich, daß die betreffenden Anthropologen ganz einfach nicht in der Lage waren, die für diese fremdartigen Kulturen typischen Spielarten romantischen Verhaltens zu erkennen.

Klaus hat hier neulich indirekt auf den neurechten „Männerrechtler“ Jack Donovan hingewiesen. Was Donovan sagt, hat viel für sich. Tatsächlich ist es extrem erhellend, wenn man menschliches Verhalten mit der Brille des Primatologen betrachtet, aber erstens sind wir genausowenig Schimpansen (oder Bonobos), wie Gorillas Schimpansen sind und zweitens ist die Tierart Homo sapiens etwas besonderes, weil wir einen direkten Zugang zur kosmischen Orgonenergie haben. Ich habe das – narzißtisch spreizt er sich der Peter – in Biologische Entwicklung aus orgonomischer Sicht ausgeführt.

Entsprechend glaube ich, daß die von Donovan propagierte Männerbündelei, so natürlich sie auch ist, in einer nicht-neurotischen Gesellschaft nicht mehr in diesem Sinne aufträte. Weder die moderne Verschwuchtelung, noch die „alten Kameraden“. Sondern:

Erstens (Baker), die Liebe zwischen Mann und Mann unterscheidet sich in nichts zwischen der Liebe zwischen Mann und Frau (sie wird sogar in den Genitalien verspürt!) – mit dem alles entscheidenden Unterschied, daß es keinerlei Drang zur genitalen Überlagerung gibt.

Zweitens (Konia), Beziehungen werden vollkommen unabhängig vom Geschlecht (oder gar von der kulturellen Zugehörigkeit) durch die Zusammenarbeit bestimmt und hören auf, wenn beispielsweise die Arbeitsfunktion einer oder eines der Beteiligten zusammenbricht.

Diese beiden Funktionen (Liebe und Arbeit) sind direkter Ausdruck unserer Natur als „pulsierende Orgonenergie-Säcke“ und nicht im üblichen Sinne genetisch verankert.

Dieser, man verzeihe mir die Wortschöpfung, „meta-genetische“ Bereich tritt uns insbesondere in unserer Beziehung zu Tieren entgegen:

Die meisten Menschen sind sich gar nicht bewußt, wie vollkommen bizarr unser Verhältnis zu Tieren und teilweise auch der Tiere zu uns ist. Wenn man mal von „vermenschlichten“ Haustieren absieht, interessieren sich Tiere unterschiedlicher Arten nicht füreinander. Raubtiere sind keine Ausnahme, denn schließlich haben sie keine emotionale Beziehung zu ihren Opfern – genausowenig wie wir zu dem Hähnchen, das wir essen. Nur wir Menschen fühlen uns emotional zu Tieren hingezogen und, was noch verwunderlicher ist, Tiere zu uns Menschen. Es ist, als würden wir im jeweils anderen etwas Unnennbares erkennen.

Zu diesem Blogeintrag wurde ich inspiriert, als ich zufällig auf YouTube folgendes Video sah und dazu den anschließenden Kommentar las:

[youtube:https://www.youtube.com/watch?v=8fNAIoHlYBY%5D

Das ist geil! Es zeigt nur, daß die Menschen wirklich die einzige Spezies auf der Erde sind, die das Wohlbefinden aller anderen Arten bewahren können. Die meisten Tiere fahren nicht fort so liebevoll zu sein, auch nicht gegenüber ihren eigenen Eltern, sobald sie erwachsen sind, doch so viele Tiere, sowohl wilde als auch domestizierte, neigen dazu, wenn sie durch Menschen großgezogen wurden, immer eine Art Zuneigung zu ihren ehemaligen Betreuern zu bewahren. Es ist wirklich erstaunlich!

Was sieht ein solcher Löwe (oder ein beliebiges anderes Säugetier) in uns? Er ist mit etwas konfrontiert, was unmittelbar aus der Orgonenergie heraus operiert und nicht auf der Grundlage bloßer Biorobotik funktioniert. Für die Tiere gibt es keine Mutterliebe jenseits der Aufzucht der Kleinen, keinen Sexus außerhalb der Saison, keine Solidarität jenseits der „egoistischen Gene“.

Um was es geht, läßt sich am ehesten mit folgender heterogenen Funktionsgleichung beschreiben:

biobio1

Evolution ist die Transformation von primordialen Orgonenenergie-Funktionen (OR) in Materie (M); freies, „ungeregeltes“ Funktionieren wird in mechanisches Funktionieren umgewandelt. Man lese ein Buch über Verhaltensbiologie: es ist, als hätte man es nicht mit Lebendigem zu tun, sondern mit Robotik. Erst im Menschen wird der „OR-Bereich“ wieder sichtbar. Das zieht Tiere magisch an – sie werden sich sozusagen ihrer eigenen Natur „bewußt“, wenn sie uns sehen und spüren. Wir kommen dem entgegen, weil wir im Tier („wie süüüüüß!“) nur das Lebendige sehen und spüren können:

biobio2

Die Sehnsucht nach Frieden: Putin und die soziopolitische Charakterologie

7. September 2014

Eines der Probleme beim Verstehen der orgonomischen Soziologie ist ihr Diktum, daß die Biologie fundamentaler sei als die Soziologie und daß deshalb gesellschaftliche Probleme in erster Linie biologischer Natur seien. Ist es nicht aber vielmehr so, daß soziologische Prozesse die Biologie bestimmen?! Man denke nur daran, wie in Kliniken die Mutter-Kind-Bindung beeinflußt wird oder an die Einschränkungen der jugendlichen Genitalität. Haben denn die Orgonomen nie Reich gelesen?

Der Knackpunkt ist, daß soziologische Vorgänge „an sich“ keinerlei Durchschlagskraft haben. Genau das lamentieren „Reformer“ ja seit jeher: keinerlei Aufklärung würde die Menschen wirklich berühren, alle staatlichen Programme scheiterten an der „menschlichen Natur“, nichts ändere sich jemals wirklich. Soziologische Faktoren werden erst dann wirksam, wenn sie zu einer „zweiten Natur“ werden, – wenn sie sozusagen selbst zur Biologie werden. Das werden sie durch die Umformung der Charakterstrukturen der Gesellschaftsglieder, etwa durch das, was auf Entbindungsstationen geschieht oder dadurch, wie Menschen ihre Pubertät durchleben. In diesem Sinne bestimmt die Biologie wirklich alles.

Ich habe versucht, das mit folgender Illustration greifbarer zu machen:

krw023

Die Biologie liegt tiefer als die Soziologie, aber die Soziologie bestimmt die Biologie, – was, wie oben erläutert, kein Widerspruch zur Aussage ist, daß die Biologie alles bestimmt. Entsprechend ist natürlich ursprünglich die Biologie die Quelle der Probleme (das Straucheln des Bewußtseins vor der bioenergetischen Tiefe, wie in Die kosmische Überlagerung beschrieben, und DOR, wie von Reich im Aufsatz „Die emotionale Wüste“ nahegelegt), doch aktuell ist es stets die Soziologie, die auf die Biologie rückwirkt.

In diesem Sinne sind innen- und außenpolitische Probleme, Probleme biologischer Art. Konkret bedeutet das vor allem, daß man etwa das Geschehen in der Ukraine nur mit der von Elsworth F. Baker entwickelten soziopolitischen Charakterologie verstehen kann.

Die Vertreter der obenerwähnten „Aufklärung“ und der staatlichen Intervention, sozusagen „die Vertreter der Soziologie“, finden sich auf der linken Seite des politischen Spektrums. Sie leben ganz in der charakterlichen Fassade abgeschnitten von der „ersten Natur“ (dem bioenergetischen Kern) und der „zweiten Natur“ (der soziologisch determinierten sekundären Schicht). Aus diesem Grund können sie nicht mit der „tierischen“ Aggression umgehen, die von Faschisten (die ganz in der sekundären Schicht leben) und Kommunisten (deren Fassade dem Ausdruck ihrer sekundären Schicht dient) ausgeht. Entsprechend hilflos gehen sie mit dem „ehemaligen“ KGB-Agenten Putin um, der an der Spitze eines nationalsozialistischen Großreiches steht und exakt genauso agiert wie einst Adolf Hitler. Die liberalen Westler sind mit Kräften konfrontiert, mit denen sie aus charakterstrukturellen Gründen nicht umgehen können.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurden praktisch alle Konflikte durch derartige „Friedensbewegte“ ausgelöst. Das beginnt mit der Appeasement-Politik gegen das geradezu lächerlich schwache Deutschland, das Frankreich bis zur französischen Niederlage in jeder Hinsicht haushoch unterlegen war, geht über Kennedy, den weder die Chinesen noch die Russen ernst genommen haben – es ist ein Wunder, daß Kennedy nicht über Cuba und Taiwan den atomaren Weltbrand ausgelöst hat! – und nun der neue Kennedy (Obama) vs. Putin. Man glaube doch nicht, daß Putin das mit der Krim und „Neurußland“ sich gegenüber McCain erlaubt hätte! Wenn ich das schon höre, daß der Westen Putin nicht hätte „provozieren“ sollen. Obamas Schwäche und die Schwäche der EU hat ihn „provoziert“, sonst nichts!

Was Putin und Neurußland betrifft, kann ich mich nur dem Frontpage Magazine anschließen:

Putin setzt uns nur dann schachmatt, wenn wir ignorieren, was Winston Churchill in seiner Rede von 1946, „Die Sehnsucht nach Frieden“, über die Russen sagte: „Es gibt nichts, was sie so sehr bewundern wie Stärke.“

Wir müssen uns daran machen, kreative Wege zu finden, um jene Stärke zu zeigen, die Putins Aufmerksamkeit auf sich zieht und ihn innehalten läßt.

Erstens können wir den bedrängten ukrainischen Streitkräften anspruchsvollere Waffen und Training anbieten, zusammen mit mehr Austausch von Geheimdienstinformationen. Zweitens können wir die Dissidenten auf der Krim und anti-russische Ukrainer in der Ostukraine mit verdeckten Operationen helfen, um eine Gegenkraft aufzubauen, die Putins Traum einer kostengünstigen Okkupation unterhöhlt.

Der dritte und vielleicht wichtigste Punkt ist, daß Obama nun mobile Raketenabwehrsysteme in Polen und der Tschechischen Republik bereitstellen sollte, wovon er irrigerweise während seiner ersten Amtszeit als Teil seines gescheiterten Versuchs Abstand gehalten hatte, die Beziehungen zu Rußland auf eine positivere Richtung „neu auszurichten“. Tatsächlich sollte Obama Ungarn und die baltischen Staaten der Liste hinzufügen. Mit anderen Worten das tun, vor dem Putin am meisten Angst hat: ihn mit einer Einkesselung-Strategie in Zaun halten.

Es gibt keine Garantien, daß diese Maßnahmen funktionieren werden. Aber eins ist sicher: wenn wir nichts tun, außer ein paar weitere Sanktionen hinzuzufügen, wird Putins Aggression mit der östlichen Ukraine nicht aufhören.

Mit Putin kann man nur umgehen, wenn man sozusagen „biologisch aggressiv“ vorgeht, also nicht diplomatisch und mit dem Appell an „liberale Werte“. Niemand will einen klassischen oder gar nuklearen Krieg, aber Putin wird durchmarschieren, wenn wir Angst vor Aggression zeigen: er wird die baltischen Staaten „befreien“, Polen neu binden, ein „neutralisiertes“ Deutschland fordern – und immer so weiter… Siehe dazu unbedingt auch hier.

Es ist nicht einfach, die soziopolitische Charakterologie so zu akzeptieren, wie man die psychiatrische Charakterologie hinnimmt. Und selbst bei der ist es schwer genug, weil sich zu viele „Widersprüche“ auftun. Doch wenn man erst mal einen Blick dafür hat, dann erwartet man nicht mehr, daß ein Zwangscharakter sich buchstäblich wie ein rostiger Roboter bewegt und verhält oder daß eine Hysterikerin ständig rumschreit, um dann theatralisch in Ohnmacht zu fallen. Es geht nur um Verhaltenstendenzen, die am Schluß immer dominieren. Ganz ähnlich ist es bei den soziopolitischen Charakteren. Hinzu kommt, daß es in Europa zu einer „Rotverschiebung“ (Konia) gekommen ist, die es fast unmöglich macht, Bakers „Schablone“ auf europäische Verhältnisse zu halten und einen darüber hinaus dazu zwingt Leute als „Kommunisten“ einzustufen, die formal kaum links von der (vermeintlichen!) Mitte liegen.

Entsprechend geht mit dieser Rotverschiebung eine Polarisierung der Gesellschaft einher, die jeden rationalen politischen Diskurs, wie er früher noch zumindest ansatzweise möglich war, verunmöglicht. Beispielsweise werden von links und rechts die lächerlich schwachen Politiker des Westens als „Kriegstreiber“ gebrandmarkt, kaum, daß sie auch nur ansatzweise etwas Kritisches über Putin gesagt haben – während Putin Panzer rollen läßt. Jede Diskussion wird zunehmend verunmöglicht, weil man mit irgendwelchen unbeweisbaren bzw. unwiderlegbaren Verschwörungstheorien kommt. Das ist eine direkte Entsprechung der Tendenz in der psychiatrischen Charakterologie, wo die „klassischen“ muskulär gepanzerten Neurotiker zunehmend durch okular gepanzerte Quasipsychotiker verdrängt werden, die immer bizarrere Symptome zeigen. Die Biologie bestimmt das gesellschaftliche Geschehen! Beispielsweise können Putin und etwa die Islamisten beliebig mit den durchsichtigsten Lügen und Taschenspielertricks mit uns spielen, weil wir buchstäblich unfähig geworden sind, räumlich zu sehen.

Funktionalismus bei Hans Hass (Teil 3)

1. Januar 2014

Hans Hass‘ Energontheorie harmoniert perfekt mit Reichs Ausführungen in Der biologische Rechenfehler im menschlichen Freiheitskampf. Wir haben die Maschinen und Werkzeuge geschaffen, die auf uns zurückwirken und uns (die wir doch eigentlich ihre Herren sein sollten) versklaven.

Orgonometrisch sieht das wie folgt aus:

lebendiemaschine

In einer ungepanzerten Gesellschaft benutzt der Mensch seine zusätzlichen Organe (Maschinen), um die Macht des Lebendigen auszuweiten (Gleichung 1). Gleichzeitig separiert er das Lebendige in sich von der toten Maschine (Gleichung 2).

In einer gepanzerten Gesellschaft hingegen identifiziert sich der Mensch mit der Maschine und wird selbst zur Maschine (Gleichung 1). Gleichzeitig verliert er jede Kontrolle über die Maschine (Gleichung 2).

Darüber hinaus gibt es in der Energontheorie keinen Unterschied zwischen materiellen Werkzeugen (Hammer, Auto, PC, etc.) und immateriellen Werkzeugen (Sprache, Gesetze, Moral, Ethik, Religion, etc.). So gesehen ist in ihr durchaus Platz für das Über-Ich und Charakterpanzer bzw. natürlich Kritik am Über-Ich und am Charakterpanzer, was die obigen orgonometrischen Erörterungen weiter vertieft.

Der Energontheorie zufolge besteht kein funktioneller Unterschied zwischen der Schutzvorrichtung eines Igels (Stacheln) und der eines Kaninchens (die immaterielle Verhaltensvorschrift „Lauf weg!“). Es ist letztendlich gleichgültig ob der Gendarm real vor mir steht oder immateriell in meiner Brust steckt (vgl. Der Einzige und sein Eigentum, Reclam, S. 55).

Wie sich vom Über-Ich, dem „Gendarmen in der Brust“ befreien? In Begriffen der Energontheorie: im Rahmen einer Funktionserweiterung. Wir sind einerseits Tiere (Metazoen, die aus Keimzellen hervorgegangen sind), andererseits wiederum selbst Keimzellen von Hyperzellern. Wir haben die Welt erschaffen, die uns umgibt. Wie haben wir das gemacht? Mit unseren Händen, die ursprünglich dazu geschaffen waren, um sich an Äste zu klammern, und mit unserem Gehirn, das ursprünglich dazu geschaffen war, uns zu intelligenten Tieren zu machen, die das natürliche Nahrungsangebot optimal ausnutzen können. Durch Funktionserweiterung dieser beiden Organe wurden wir zu Keimzellen von Hyperzellern – und im Laufe der Entwicklung wurden wir zu Sklaven unserer von uns erschaffenen Umgebung. Aber genauso, wie wir das Gehirn für die Entwicklung von zusätzlichen Organen (vom Hammer bis zum Space Shuttle, von der Sprache bis zur höheren Mathematik) „mißbrauchten“, steht es uns frei im Rahmen einer weiteren Funktionserweiterung des Gehirns uns kritisch mit unserer Lage auseinanderzusetzen und uns von unseren zusätzlichen Organen, insbesondere dem Über-Ich, wieder zu distanzieren, bzw. sie ganz abzustoßen.

Hass hat uns gelehrt, unsere Ehrfurcht vor der Lebensentfaltung zu überwinden: das, was ist und was „natürlich“ ist, muß nicht gut sein. Gut für wen? Für die Hyperzeller (Wirtschaft und Staat). Nicht gut für wen? Für den nackten Menschen, für den Egoisten, für den Einzigen, für das Menschentier. Das bedeutet nicht ein Zurück zur Natur, sondern: die Lebensentfaltung hat uns, hat mir zu dienen.

Ich möchte nie mehr auf das zusätzliche Organ Computer und Internet verzichten – sehr wohl aber auf das Über-Ich. Wie sieht dieses ominöse „Über-Ich“ aktuell aus? Wie werden unsere Kinder im Interesse der Hyperzeller bzw. des Lebensstroms, den sie fortsetzen, verformt? Es liegt im Interesse der Lebensentfaltung, daß sie selbstvergessene, konsumorientierte, unkritische RTL-Gucker werden, die sich einbilden Egoisten zu sein, in Wirklichkeit aber einzig und allein dem Egoismus der Lebensentfaltung dienen. Der größte Feind dieser über die Keimzellen der Hyperzeller hinwegströmenden Lebensentfaltung sind kritische „Egoisten“, die ihre Stellung im Rahmen der Lebensentfaltung kennen. Aus energontheoretischer Sicht sind sie die Stimme der Keimzelle(n) der Hyperzeller. Beispielseise hatte Max Stirner eine recht gute Vorstellung von der Lebensentfaltung in Gestalt der Philosophie Hegels („die Entfaltung des absoluten Geistes“).

Betrachten wir doch einmal Stirners Leben und Werk aus energontheoretischer Sicht: Damals waren Staaten entweder Berufskörper des jeweiligen Königs (wie im absolutistischen Frankreich: „der Staat bin ich“ – so wie der Handwerker sagt: „die Firma bin ich“) oder gigantische Erwerbsorganisationen, etwa Preußen, wo sich der König als erster und höchster Diener des Staates verstand. Hegel war der Ideologe dieser Erwerbsorganisation, in der der Bürger zum Rädchen im Getriebe wird und von Kindheit so gedrillt wird, bis er schließlich „den Gendarmen in seiner Brust hat“. Auch Stirner wurde da hineingepreßt und sollte als Lehrer aus freien Menschentieren Zellen des Hyperzellers „Preußen“ machen. Dagegen empörte er sich in Funktionserweiterung dessen, was er gelernt hatte. Leider blieb seine Argumentation größtenteils „geistesgeschichtlich“. Dagegen stellte Marx sein „materialistisches“ Programm, – das aber nicht viel mehr war als doch nur wieder Hegel.

Stirners „Verein der Egoisten“ ist nichts anderes als eine Ansammlung von Keimzellen, die sich von ihren Hyperzellern emanzipiert haben und mit ihren zusätzlichen Organen wieder frei umgehen.

Stirner stellt (ganz im Sinne von Hans Hass) das Recht (also gewisserweise das „Über-Ich“ der Gesellschaft) als „zusätzliches Organ“ (sozusagen ein immaterielles Werkzeug) dar, daß sich gegen seinen eigenen Schöpfer wendet, ihm sozusagen über den Kopf wächst:

Der Gedanke des Rechts ist ursprünglich mein Gedanke oder er hat seinen Ursprung in Mir. Ist er aber aus Mir entsprungen, ist das „Wort“ heraus, so ist es „Fleisch geworden“, eine fixe Idee. Ich komme nun von dem Gedanken nicht mehr los; wie Ich Mich drehe, er steht vor Mir. So sind die Menschen des Gedankens „Recht“, den sie selber erschufen, nicht wieder Meister geworden: die Kreatur geht mit ihnen durch. Das ist das absolute Recht, das von Mir absolvierte oder abgelöste. Wir können es, indem Wir‘s als absolutes verehren, nicht wieder aufzehren, und es benimmt Uns die Schöpferkraft; das Geschöpf ist mehr als der Schöpfer, ist „an und für sich“. (Der Einzige und sein Eigentum, S. 225)

„Das Recht ist der Geist der Gesellschaft“ (Der Einzige und sein Eigentum, S. 204) – und stempelt mich zum Verbrecher, wenn ich ich bin. Das Recht, ursprünglich ein Interessenausgleich zwischen Individuen, ein Werkzeug meiner Macht, wurde zu einer heiligen fixen Idee, die mich, ihren Schöpfer, auslöschen will. – Die Energontheorie beschreibt nichts anderes: der Mensch erschuf sich seine Umwelt, um leben zu können und brachte es zu einer ungeheuren Machtsteigerung – nur um festzustellen, daß sich alles gegen ihn, den Schöpfer, wendet; manipuliert, abhängig und kurz vor der Auslöschung. – Was bei Stirner der „Einzige“ ist, ist bei Hass die „Keimzelle Mensch“.

Wie drückt man diese Gewalt nun verkehrterweise aus? Man sagt, Ich habe ein Recht auf diesen Baum, oder er sei mein rechtliches Eigentum. Erworben also habe Ich ihn durch Gewalt. Daß die Gewalt fortdauern müsse, damit er auch behauptet werde, oder besser: daß die Gewalt nicht ein für sich Existierendes sei, sondern lediglich im gewaltigen Ich, in Mir, dem Gewaltigen, Existenz habe, das wird vergessen. Die Gewalt wird, wie andere meiner Eigenschaften, z.B. die Menschlichkeit, Majestät usw., zu einem Fürsichseienden erhoben, so daß sie noch existiert, wenn sie längst nicht mehr meine Gewalt ist. Derart ist ein Gespenst verwandelt, ist die Gewalt das – Recht. Diese verewigte Gewalt erlischt selbst mit meinem Tode nicht, sondern wird übertragen oder „vererbt“. (Der Einzige und sein Eigentum, S. 307)

Das entspricht ganz der Panzerung, die ja in der individuellen Geschichte des Menschen am Anfang auch eine rationale Schutzfunktion hatte, d.h. anfänglich ebenfalls sozusagen ein „zusätzliches Organ“ war, dann aber außer Kontrolle geriet: wir haben keine Panzerung mehr, wir sind Panzerung, d.h. wir „haben“ einen Charakter. Ausgeweitet auf die Gesellschaft ist das die jeweilige „Kultur“, die von Generation zu Generation weitergetragen wird.

Seitdem die Abstammung des Menschen aus primitiveren Lebensformen erwiesen sei, liege, so Hass, ein „natürliches und neutrales“ Bezugssystem vor. So wie aus der Lebensentwicklung

jede neue Struktur, jedes neue Phänomen hervorgegangen ist – so sollten auch die Begriffssysteme aller Spezialwissenschaften auf die gemeinsame Wurzel dieser Entwicklung zurückgehen. (…) Es wird nur allzuleicht übersehen, daß (die) Begriffe das höchst persönliche Werk des Menschen sind – nicht aber notwendigerweise ein Spiegel der Wirklichkeit. (…) Diese „Schubladen“, die über Erziehung und Tradition von einem Gehirn auf das nächste übertragen werden, machen uns leicht glauben, daß die Erscheinungen, die in ihnen zusammengefaßt sind, von Natur her zusammengehören, daß diese Einheiten also das „Wesen“ dieser Welt kennzeichnen. Das tun sie aber nur beschränkt – denn jeder Begriff ist bloß eine uns dienliche Einrichtung, ein Werkzeug unseres Geistes – jeder von ihnen, mit einem Wortsymbol versehen, ist ein uns dienender Funktionsträger und in diesem Sinn auch wieder ein erworbenes – ein „künstliches“ Organ. Und (…) hier besteht die Gefahr, daß aus Dienern Herren werden, indem sich diese Schubladen nicht mehr wirklich unseren Zwecken unterwerfen, sondern höchst selbstsüchtig unsere Gedanken in ihre Schablone pressen. (…) Wir brauchen (Worte), wir können ohne sie nicht denken – aber man muß ihnen mit äußerstem Mißtrauen begegnen. (…) Das junge, sich erst bildende Gehirn ist in dieser Hinsicht noch frei und unbehindert. Es kann jeden dieser Diener erst prüfen, ehe es sich ihm anvertraut.

Hass stimmt hier vollkommen mit Stirner überein, d.h. die „emanzipatorischen“ Implikationen sind bei beidem identisch. Stirner:

Begriffe sollen überall entscheiden, Begriffe das Leben regeln, Begriffe herrschen. (…) Nach Begriffen wird alles abgeleiert, und der wirkliche Mensch, d.h. Ich werde nach diesen Begriffsgesetzen zu leben gezwungen. (…) Eine unzählige Menge von Begriffen schwirren in den Köpfen umher, und was tun die Weiterstrebenden? Sie negieren diese Begriffe, um neue an deren Stelle zu bringen! (…) So schreitet die Begriffsverwirrung vorwärts. (Der Einzige und sein Eigentum, S. 104f)

Es geht um eine zweifache „Götzendämmerung“: einerseits um die erörterte Befreiung von der Knechtung durch Begriffe, die von unseren zusätzlichen Organen, sich zu Herren über uns aufgeschwungen haben und andererseits um die Empörung gegen jenen Entfaltungsstrom, dessen willenlose Werkzeuge wir bisher waren, der aber doch nur aufgrund unserer Anstrengung leben kann.

Funktionalismus bei Hans Hass (Teil 2)

31. Dezember 2013

Energone müssen ihrer Energiequelle entsprechen, die sie dergestalt zwar nicht herstellt, aber trotzdem ihren Bau bestimmt. Hans Hass:

Jene ihrer Funktionsträger, die das Aufschließen einer Energiequelle besorgen, müssen in Form und Anordnung deren Besonderheiten entsprechen. Die Energiequelle stellt sie nicht her, diktiert aber doch, wie sie beschaffen sein müssen. Wie und auf welche Weise sie zustande kommen, ist somit sekundär; wichtig ist bloß, daß sie die richtigen Eigenschaften haben. Fragen wir somit nach dem „Ursprung“ dieser Eigenschaften, dann dürfen wir diesen nicht beim Hersteller suchen. Diese notwendigen Eigenschaften haben ihren Ursprung in der Beschaffenheit der Energiequelle.

Und weiter:

Die Gestalt der Tiere und Pflanzen erklärt sich somit nicht aus ihrer Herstellungsart, nicht aus dem Weg ihres Zustandekommens. Sie wird vielmehr weitgehend durch die Beschaffenheit der Energie- und Stoffquellen diktiert. Diese haben mit dem Herstellungsvorgang nicht das geringste zu tun – und sind doch für wesentliche Strukturelemente verantwortlich.

Diese „steuerkausale“ Betrachtungsweise kann jedoch die Entwicklung des Lebens nur recht unvollkommen erfassen, da sie von vornherein hinsichtlich der funktionellen Zusammenhänge blind ist. So kann Hass zwar überzeugend darstellen, wie durch die natürliche Auslese die Arten geformt wurden und wie der Artenwandel sich in der Natur vollzogen hat, doch er erklärt nicht die verblüffende morphologische Konstanz, die Reich bei den Lebewesen beobachtet hat. Warum, so ist zu fragen, sind sich fast alle Leistungsgefüge in der Natur morphologisch so verblüffend ähnlich. Reich hat diese Formgesetze in Die kosmische Überlagerung beschrieben und auf Energiebewegung zurückgeführt. Doch nach Hass‘ Theorie, der zufolge allein die Effizienz der erbrachten Leistungen die Evolution bestimmt, müßte die Natur von abenteuerlich gestalteten Monstern bevölkert sein, so wie unsere Maschinenparks von Gestalten geprägt sind, die keinerlei Formgesetzen, sondern einzig und allein Leistungskriterien folgen.

Das Zweckmäßige, also Leistungsgerechte, entstehe, so Hass, rein mechanisch dadurch, daß alles Unzweckmäßige, also alles, was nicht die erforderlichen Leistungen erbringt, nicht überlebt. Auf diese Weise bestimmen die aktuellen Leistungserfordernisse, was an den vorgefundenen Funktionen zweckmäßig ist und was nicht. Entgegen seinem eigenen funktionalistischen Ansatz übernimmt Hass diesen leistungsfixierten, mechanistischen Blickwinkel des Entfaltungsstroms. Der denkbar „unfunktionellen“ Logik der natürlichen Auslese folgend, führt Hass die gesamte Entwicklung der Energone einseitig auf die „Steuerkausalität“ zurück. Die „lebendige Funktion“ wird dergestalt von zwei Seiten her eingeklemmt:

ReiHasFuncmech

Für Hass bezeichnet Funktion „einen auf einer konkreten materiellen Struktur beruhenden aktiven oder passiven Vorgang, der zum Zustandekommen einer benötigten Leistung beiträgt“. So kann nur jemand argumentieren, der nichts von der Entdeckung der kosmischen Orgonenergie weiß.

Hass betrachtet Energie als eine mehr oder weniger eigenschaftslose bzw. rein quantitative Gegebenheit, mit deren Hilfe „Bilanz gezogen wird“, ähnlich dem Geld, das zwar alles in Gang setzt, aber selbst keine Eigenschaften hat.

Die Orgonenergie hingegen ist sozusagen das widerspenstige, „elastische“ Material, das der Steuerkausalität ausgesetzt wird, durch sie aber nur in eng umschriebenen Grenzen verformt werden kann. Entsprechend kann Reich die Grundgestalt einer Giraffe erklären, während Hass verständlich macht, wie aus dieser Grundgestalt unter Selektionsdruck ein langhalsiges „Monstrum“ sich entwickelt hat. So wird erklärlich, wie sich die Orgonom-Form einerseits bei manchen Lebewesen bis zur Unkenntlichkeit verändert hat, andererseits aber doch im Verlauf der Evolution immer wieder durchschlug.

Wie nahe Hass trotz allem Reich steht, wird deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, daß auch für ihn Energie allem real Seienden zugrunde liegt und sogar Raum und Zeit konstituiert. Deshalb lehnt er, wie vor ihm Wilhelm Ostwald, den „Materialismus“ ab. Hass:

Denn gerade das, was uns die Materie als etwas Klotziges, Plumpes, von den geistigen Vorgängen und unseren Gefühlen so äußerst Verschiedenes erscheinen läßt, hat gar keine reale Basis. Es ist eine Interpretation unserer höchst mangelhaften Sinne. Dieses Klotzige, Plumpe, „primitiven Gesetzmäßigkeiten blind Gehorchende“ ist in Wahrheit eine Erscheinungsform höchst differenzierter Kräfte. Was wir Materie nennen, besteht ganz und gar aus dem gleichen geheimnisvollen Etwas, das auch den subtilsten Prozessen, auch unseren Denk- und Gefühlsvorgängen zugrunde liegt.

Leider war für Hass in Anlehnung an seinen Lehrer Konrad Lorenz das Bewußtsein nur „Projektionsschirm“ der Außenwelt. Eine energetische Theorie, die nicht vor dem Problem steht, vom „Klotzige, Plumpe, ‚primitiven Gesetzmäßigkeiten blind Gehorchenden’“ auszugehen, hätte in dieser Hinsicht ein Potential, das Reich im Gegensatz zu Hass ausgeschöpft hat.

Aus orgonomischer Sicht stellt sich ohnehin die Frage, ob ein funktionierender Organismus eine Art „Orgonmotor“ ist, für den die zugeführte sekundäre Energie nur so etwas wie eine aktivierende „Anschubenergie“ darstellt. Immerhin reagieren tierische Organismen auf die Witterung genauso wie Reichs Orgonmotor. Man vergegenwärtige sich nur die Verluste bei der Umwandlung der zugeführten Nahrungsenergie in die lebensnotwendigen Leistungen. 80 bis 99 % geht verloren, wenn die in die Muskelzellen gelangende chemische Energie in mechanische Energie umgewandelt wird, bei der Reibung in den Gelenken, etc. Ob der klägliche Rest ausreicht, um (insbesondere) die Maschine Mensch am Laufen zu halten, kann bezweifelt werden.

Nun beruht aber die gesamte Energontheorie auf der Prämisse, daß wegen des horrenden Energieverlusts, der bei der „Umsetzung der vereinnahmten Rohenergie in funktionale Nutzenergie“ auftritt, die Bilanz der Lebewesen „außerordentlich positiv“ sein muß. Bedeutet demnach die Entdeckung der „freien“, d.h. negentropischen, Lebensenergie Orgon, daß die Energontheorie nicht nur Stückwerk ist, sondern null und nichtig? Im hoffe, es wird deutlich, daß dem nicht so ist, sondern daß die Energontheorie, obwohl sie erst durch die Orgonomie ein festes Fundament erhält, eine unverhoffte wie wichtige Ergänzung der Orgonomie darstellt.

Biologie als Emotionelle Pest

20. August 2013

Über die Biologie als Emotionelle Pest habe ich mich hier erst vor kurzem ausgelassen. In der autoritären Gesellschaft ging es noch darum, daß sich die gebildeten und weißen Menschen als allen anderen überlegen fühlten und sich dabei durchaus wohl in ihrer eigenen Haut fühlten. In der anti-autoritären Gesellschaft trägt diese „Wissenschaft“ dazu bei, daß sich alle gleichermaßen scheiße fühlen. Etwa Schwangere:

Invasion der kindlichen Zellen: Für das Immunsystem der Mutter ist das Kind der Parasit, und die Plazenta ähnelt einem Tumor. Diese Erkenntnisse wollen Forscher im Kampf gegen Krebs und Unfruchtbarkeit nutzen.

So, im typisch schnoddrigen Spiegel-Stil, wird ein Artikel über eine der neusten Großtaten der mechanistischen Wissenschaft eingeleitet. Der Anfang des menschlichen Lebens wird mit dem Krebs gleichgesetzt.

Reich zufolge ist Krebs „verfaulen bei lebendigem Leibe“, der Krebstumor ein verzweifelter Versuch des Organismus sich auf niedrigerem energetischen Niveau neu zu organisieren (siehe Der Krebs). Dabei entstehen genauso groteske wie giftige Gebilde, die Tumoren. Mit denen setzt man nun Embryos gleich!

Das Problem ist weniger die Wissenschaft an sich, sondern wie die Ergebnisse vermittelt werden. Wie muß eine werdende Mutter empfinden, wenn sie so etwas liest, in einem zynischen Schreibstil, dem jeder Respekt für das Lebendige abgeht.

Ich habe mich schon immer schlecht gefühlt, wenn ich in dieses ekelhafte Schmierantenblatt gelesen habe, das wie kein anderes den lebensfeindlichen Geist unserer „Eliten“ verkörpert. Man betrachte etwa das Titelbild des oben verlinkten Spiegel, das das Lebensgefühl der Macher widerspiegelt. Der Autor berichtet über „Das Geheimnis der Gestalt“, beschreibt die wunderbare Einheitlichkeit der Formen des Lebendigen – und endet in einem Horrorszenario der Genmanipulation.

fetusNatürlich ist die Genforschung wichtig, sie macht aber nur Sinn, wenn sie in ein umfassendes bioenergetisches Verständnis eingepaßt ist. Das ist so, weil das Mechanische etwas Sekundäres ist, das Bioenergetische das Primäre. Und was soll das sein, „das Bioenergetische“? Genau das, was der Spiegel unterdrückt, wenn er keine authentischen Gefühle zuläßt, wenn er alles ins Lächerliche, Groteske und Abstoßende zieht. Mechanistische Wissenschaft kann nur jemand betreiben, der sein natürliches Empfinden gewaltsam unterdrückt.

Das Ende der mechano-mystischen Genetik

25. Juni 2013

Wie kardinal falsch alles bisherige Denken in der Biologie war, springt einem unmittelbar beim Problem der Sexualität ins Auge. 1942 beklagte Reich in Die Funktion des Orgasmus, daß die Naturforschung wohl stets versuche, metaphysische Annahmen auszuschalten, wenn sie dann aber in Erklärungsengpässe gerate, sie doch nach einem „Zweck“ oder „Sinn“ suche, die man ins Funktionieren lege. Zur Widerlegung des finalen „Zweck“-Denkens in der Biologie gibt Reich u.a. folgendes an:

Die Harnblase kontrahiert sich nicht, „um die Funktion der Harnentleerung zu erfüllen“ (…). Sie kontrahiert sich aus einem Ursachenprinzip heraus, weil ihre mechanische Füllung eine Zuckung bewirkt. Das kann auf jede andere Funktion beliebig übertragen werden. Man verkehrt nicht geschlechtlich, „um Kinder zu zeugen“, sondern weil Flüssigkeitsüberfüllung die Genitalorgane bioelektrisch auflädt und zur Entladung drängt. In der Entspannung werden die Sexualstoffe entleert. Es steht also nicht die „Sexualität im Dienst der Fortpflanzung“, sondern die Fortpflanzung ist ein fast zufälliges Ergebnis des Spannungs-Ladungs-Vorgangs im Gebiete der Genitalien.

Und an anderer Stelle: „Die Funktion bestimmt das Ziel, nicht – wie der Vitalist glaubt – das Ziel die Funktion“ (Orgonotic Pulsation, 1944). So denkt aber nicht nur der Vitalist, sondern auch der Genetiker, für den das Lebendige von einer Art Programm, den „Genen“ gesteuert wird. Gene sind jedoch Funktionen des Protoplasmas und nicht umgekehrt. Die DNA wird von Enzymen gesteuert, verdoppelt, etc., d.h. vom Protoplasma.

Der Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker hat sich sogar zur Äußerung verstiegen, daß das Erscheinungsbild der Spezies „eine objektivierte Semantik der genetischen Information“ sei und das Analoges für die Physik gelte: „Spezies entspricht dort einer bestimmten Teilchensorte“, die die Objektivierung hypothetischer „Atome der Information“ (Ure) sei (Aufbau der Physik, München 1985, S. 576). Das ist seine persönliche Ausformung des für Physiker typischen Platonismus, der die Genetik nachhaltig geprägt hat. Tatsächlich waren die Gründerväter der modernen Genetik zu einem Gutteil Physiker, wie Emilio Segrè in seinem Buch Die großen Physiker und ihre Entdeckungen (München 1984) ausgeführt hat.

Es hat jedoch das Reich des Organischen der Physik den Weg weisen, so wie es in der Orgonomie verwirklicht wurde! Versucht umgekehrt die Physik die Biologie zu leiten, weist sie in die falsche Richtung, d.h. von der Orgonenergie und damit vom Lebendigen weg. Wie das Lebendige funktioniert, zeigt das Problem der Organbildung, zu dem sich Reich 1949 prinzipiell wie folgt geäußert hat:

Eine unbefangene Beobachtung des organismischen Funktionierens kann nicht darin fehlgehen, die Tatsache freizulegen, daß die Organe weder die Wirkung noch das Resultat irgendwelcher Ursachen sind, sondern Variationen im Prozeß des Wachsens und expandierender, anschwellender Membranen plus Teilung funktioneller Einheiten. (Orgone Energy Bulletin, Vol. 2, S. 178)

Auf welchen wackeligen Beinen die Genetik, die stattdessen alles mit „Steuerprogrammen“ erklären will, steht, haben nun Magnus Nordborg vom Gregor Mendel Institut für Molekulare Pflanzenbiologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und ein internationales Team gezeigt.

Die Biologen fanden bei 180 schwedischen Ackerschmalwand-Pflanzen (Arabidopsis thaliana) „massive Abweichungen“ im Genom. Im Vergleich zum bisher als Referenz verwendeten Arabidopsis-Genom je Variante der Pflanze 200 bis 300 neue Gene oder Genfragmente. Das Erbgut von Arabidopsis thaliana sei im Vergleich zum nächsten Artverwandten Arabidopsis Lyrate auf die Hälfte geschrumpft, wobei bei verschiedenen Varianten unterschiedliche Teile des Genoms weggefallen seien. Das Erbgut zwischen einzelnen Ackerschmalwand-Varianten könne dergestalt bis zu 10 Prozent variieren. Fehler würden dann durch später auftauchende Veränderungen ausgeglichen. Außerdem fanden die Forscher 4,5 Millionen einzelne Nukleotide ausgetauscht und eine halbe Million kleiner Einfügungen und Streichungen.

Es würde ihn ganz und gar nicht wundern, wenn das Erbgut nicht nur bei der Ackerschmalwand, sondern auch bei anderen Organismen so variabel wäre, meinte Nordborg. „Ich glaube, es hat noch niemand auf solche Unterschiede geschaut, aber ich könnte mir vorstellen, daß sich viele Leute ihre ursprünglichen Daten noch einmal ansehen werden, wenn sie unsere Studie gelesen haben“, sagte er.

Auch beim Menschen würden die Genetiker mehr und mehr erkennen, wieviel Variationen es auf dem Erbgut gibt. „Nicht nur einzelne Nukleotide unterscheiden sich, auch große Stücke können sich verdoppeln oder neu angeordnet werden“, erklärte Nordborg.

Natürlich glaubt Nordborg weiterhin, daß das Genom die Bauanleitung des Lebens sei, nur sei dieser „Bauplan“ „salopper“ verfaßt, als man bisher angenommen habe. „Die einzelnen Ausgaben haben unterschiedlich viele Seiten, weil es viele Ergänzungen gibt. Im Großen und Ganzen erzählen sie“, so Nordborg, „aber alle die gleiche Geschichte.“

Die „Bauanleitungen“ sind also von Organismus zu Organismus (bzw. von Variation zu Variation) unterschiedlich lang und voller Fehler, die dann aber in späteren „Kapiteln“ wieder korrigiert werden. Das Plasma, das das alles schließlich „lesen“ und verarbeiten muß, muß offensichtlich ganz schön intelligent sein…

Das, was unseren Kindern eingetrichtert wird und was ihr gesamtes Lebensgefühl, ihr Körpergefühl bestimmt („Bioroboter“!), könnte sich in wenigen Jahren als das erweisen, was es ist: mechano-mystischer Schwachsinn.

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Zum Tod von Hans Hass

23. Juni 2013

Hans Hass hat mich mein ganzes Leben über begleitet. Eines meiner Schätze war stets ein Buch meines Vaters, das wie ein Wunder den Krieg, die Kriegsgefangenschaft und die 10jährige Emigration von Karl-Heinz Nasselstein überlebt hat: Fotojagd am Meeresgrund (1942). Die Photos in dem Buch haben mich damals zutiefst beeindruckt, sich von klein an unauslöschlich in mein Hirn gebrannt, ich habe nachher niemals mehr etwas „Mystischeres“ gesehen. Später sah ich im Fernsehen seine Reiseberichte und eine Wiederholung seiner Dokumentationsreihe „Wir Menschen“. Viele Jahre danach blieb mein Blick in der Hamburger Zentralbücherhalle an einem breiten Buchrücken mit der Aufschrift „Energon“ haften. Energon?! Wie Orgon? Meine Überraschung war groß, als sich herausstellte, daß der Verfasser Hans Hass war. Mein Hans Hass! Auch zeigte sich sehr bald, daß kein anderer Denker jemals so nahe an Reichs Orgonomischen Funktionalismus herangekommen ist wie Hans Hass. Ich habe über seine Arbeit einen Artikel geschrieben, dem er in mehreren Telefonaten („Warum haben Sie sich nie bei mir gemeldet?“ „Ähhhh, nun ja, Herr Professor…..“) und einem kurzen Briefwechsel ausdrücklich zugestimmt hat. Sein einziger Einwand war, daß ich die „innere Front der Energone“ nicht thematisiert hatte.

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Hans Hass war ein Universalgenie vom Kaliber eines DaVinci, Goethe und Reich. Daß die Energon-Theorie nie allgemeine Anerkennung gefunden hat, war die größte Enttäuschung seines Lebens. Jahrzehnte hatte er darum gerungen, daß irgendwo eine Lücke, ein innerer Widerspruch oder gar eine umfassende Widerlegung seiner Theorie vorgebracht werde. Nichts! Die Energon-Theorie ist schlicht und ergreifend wahr, d.h. sie befindet sich, soweit wir es bis heute beurteilen können, in Übereinstimmung mit der Wirklichkeit, trotzdem – oder gerade deshalb – wird sie ignoriert. Die Menschen haben eine instinktive Angst vor dem funktionalistischen Denken, da es scheinbar zusammenhanglose Dinge miteinander in Beziehung bringt. Auf diese Weise gefährdet es die Panzerung, deren Funktion darin besteht, Zusammenhanglosigkeit herzustellen.

Hass betrachtete Lebewesen nicht primär als materielle Gebilde, sondern als energetische Leistungsgefüge, die er entsprechend als „Energone“ bezeichnete. Jedes Energon stellt ein energieakkumulierendes Potential dar. Es besitzt also die Fähigkeit, aus der Umwelt mehr freie, arbeitsfähige Energie zu gewinnen, als es selbst verbraucht. Es besteht aus dem Zellkörper und einem „Leistungskörper“. Sie können identisch sein, doch der Leistungskörper kann auch aus Einheiten bestehen, die nicht zum Zellgefüge gehören, z.B. dem Fangnetz einer Spinne. Das Netz ist nicht etwa nur das Werk der Spinne, vielmehr ist es aus Sicht der Energiebilanz der Spinne ein unverzichtbares „zusätzliches Organ“, so daß erst beide zusammen einen voll funktionsfähigen Organismus, bzw. ein Energon ausmachen. An dieses Leistungsgefüge und nicht nur an den Zellkörper setzt die natürliche Auslese an. Das gilt sowohl für die Spinne und ihr Netz, als auch etwa für den Handelsvertreter und sein Auto.

Sämtliche Energone müssen ausnahmslos folgende sechs Grundleistungen erbringen:

  1. Energieerwerb, da ohne arbeitsfähige Energie überhaupt jeder Prozeß unmöglich wäre;
  2. Erwerb benötigter Stoffe für Aufbau, Wachstum und Fortpflanzung;
  3. Abwehr widriger Umwelteinwirkungen, worunter auch die Abwehr von Konkurrenten fällt, die die gleichen Energie- und Stoffquellen nutzen wollen;
  4. Nutzung günstiger Umweltfaktoren, worunter auch die Nutzung der Leistungen anderer Energone zu zählen ist;
  5. Fortpflanzung, die die Fortexistenz wohl nicht des einzelnen Energons aber der Energonart sichert; und
  6. Strukturverbesserung, die für die Anpassung und Höherentwicklung der Energone verantwortlich ist und so die Entfaltung des Lebens sichert.

Außerdem müssen alle Energone (wie auch jeweils jedes einzelne ihrer Bestandteile) bei diesen Leistungen drei Effizienzkriterien erfüllen, um im Überlebenskampf bestehen zu können:

  1. muß jede lebensnotwendige Leistung mit möglichst geringer Energieausgabe „kostengünstig“ erfolgen;
  2. muß man sich auf die Güte dieser Leistungen verlassen können, d.h. auf ein günstiges Verhältnis zwischen den Bemühungen zur Leistungserbringung und den Fehlschlägen (Hass spricht von der „Präzision“, mit der das leistungserbringende Organ zu seiner Aufgabe paßt); und
  3. ist es auch entscheidend, wieviel Zeit die jeweilige Leistung in Anspruch nimmt.

Dabei ist zwischen der Aufbau- und Funktionsperiode der leistungserbringenden Organe zu unterscheiden und in letzterer wiederum zwischen den Phasen der Funktionsausübung, der Ruhe und der Funktionsumstellung. Zusammen ergibt das zwölf Kriterien, mit deren Hilfe man den „Selektionswert“ alles Lebendigen erfassen kann. Es handelt sich um die unaufhebbaren objektiven Grundlagen der gesamten lebenden Natur vom primitivsten Einzeller bis zur höchsten Ausformungen des menschlichen Wirtschafts- und Staatswesens. Es ist das unveränderbare energetische Grundgerüst des Energons.

Hass beschrieb vier Arten von Energonen. In der ersten Phase der Evolution bauen „Keimzellen“ zwei Arten von Energonen auf, deren grundlegend unterschiedlicher Bauplan durch ihren Energieerwerb bestimmt wird: die Pflanzen, die als „Parasiten der Sonne“ leben, und die Tiere, die ihrerseits Parasiten der Pflanzen sind. Hier sind die beiden Funktionen „aufbauendes Rezept“ und „Steuerung“ noch im Genom konzentriert. Mit der Entwicklung des Menschen verlagerte sich die Steuerung zunehmend auf das Gehirn, das darüber hinaus „künstliche“ Verhaltensrezepte aufbauen kann. Damit kann man den Menschen funktionell mit den Einzellern vergleichen, aus denen die Vielzeller hervorgegangen sind. Hass:

Wie bis heute jeder vielzellige Organismus aus einer Einzelzelle – der Keimzelle – hervorgeht, so haben auch die größeren Leistungskörper, die der Mensch aus zusätzlichen Organen aufbaut, stets einen oder mehrere Menschen als steuerndes Zentrum. Ich bezeichne die größeren Lebenseinheiten als Hyperzeller und behaupte, daß sie die Evolution der Einzeller und der Vielzeller unmittelbar fortsetzen.

Jeder Hyperzeller, der auf dem Markt mit neuen speziellen Leistungen erfolgreich ist, z.B. indem er Schuhe produziert, begründet eine neue „Art“, denn andere Menschen werden durch den Erfolg dazu motiviert, entsprechende Hyperzeller aufzubauen, d.h. in diesem Fall Schuster zu werden. Die verschiedenen Berufsformen sind dabei ebenso der natürlichen Auslese unterworfen, wie vorher die pflanzlichen und tierischen Energone. In dieser Beziehung besteht keinerlei Unterschied zwischen den Arten im Pflanzen- und Tierreich einerseits und den „Berufsarten“ bei den Hyperzellern andererseits. Hass:

Sowohl die Hersteller benötigter Produkte wie auch die Dienstleistungserbringer und die Vermittler spezialisierten sich auf immer neue Berufe, erschlossen sich so immer neue Nischen, immer neue Lebensmöglichkeiten. Hier wie dort wurden Arten durch andere verdrängt, die besser angepaßt und somit effizienter waren, und starben dann aus. Hier wie dort bestand zwischen den Artgenossen ein besonders heftiger Konkurrenzkampf, während Angehörige anderer Arten indifferent behandelt wurden, weil sie die eigenen Interessen nicht berührten. Hier wie dort kam es zu Interessengemeinschaften und mannigfaltigen Abhängigkeiten. So setzten die Hyperzeller, obwohl sie sich äußerlich und in ihrem Verhalten so ausgeprägt von Tieren und Pflanzen unterscheiden, in ganz analoger Weise die Bildung von Arten fort.

In der zweiten Evolutionsphase wird jedoch die artgleiche Evolution überwunden, d.h. jeder einzelne Hyperzeller kann Ursprung eines vollkommen andersgearteten Hyperzellers werden. Dies ist möglich, weil sich die Arten nicht mehr über das Genom fortpflanzen, sondern über Sprache und Schrift, z.B. durch Anleitungen für die Schuhherstellung.

Die Hyperzeller leben von dem Bedarf anderer Hyperzeller, d.h. ihre Energiequelle ist der Absatzmarkt. Dabei sind der Vielzeller Mensch und der betreffende Hyperzeller nicht identisch. Der Tod des Hyperzellers, z.B. der Konkurs eines Schuhmachers, weil dieser Hyperzeller mangels Nachfrage von Schuhen „verhungert“ ist, greift nur in seltenen Ausnahmefällen auf seine menschliche Keimzelle über, die ihrerseits verhungern könnte. Als einziges Lebewesen überhaupt kann der Mensch seinen Leistungskörper – oder anders gesagt, kann sich der Hyperzeller – nach Belieben verändern und den Gegebenheiten anpassen. Ein weiterer evolutionärer Sprung, auf dem vor allem der ungeheuerliche evolutionäre Erfolg der Hyperzeller beruht, ist, daß der Hyperzeller, mit Hilfe des zusätzlichen Organs „Geld“, mit einer einzigen Spezialleistung, z.B. die Herstellung von Schuhen, an die Produkte aller anderen Spezialleistungen herankommen und mit ihnen seinen eigenen Leistungskörper, seinen „Berufskörper“ ergänzen kann.

Die vierte Art von Energon ist der Hyperzeller höherer Integration, die Erwerbsorganisation. Dazu schreibt Hass:

Ebenso, wie vor mehr als einer Milliarde Jahren manche Arten von Einzellern dazu übergingen, größere, vielzellige Lebewesen zu bilden, kam es auch bei den Hyperzellern zur Bildung von größeren, auf gemeinsame Aufgaben ausgerichteten Erwerbsorganisationen. Und ähnlich, wie im vielzelligen Körper die Zellen größere, leistungsfähigere Organe aufbauen – zum Beispiel die aus vielen Zellen bestehenden Flossen, Augen und Knochen –, so bestehen auch in den größeren, von Tausenden von Hyperzellern gebildeten Lebenskörpern „Abteilungen“, die auf bestimmte Aufgaben ausgerichtet sind, in Wirtschaftsunternehmen etwa die aus zahlreichen Hyperzellern gebildete Betriebsleitung samt ihren ausführenden Organen, die Produktionsabteilung, die Verkaufsabteilung und andere.

Zentrum des Berufskörpers ist stets ein einzelner Mensch, während Unternehmen und Staaten überindividuell organisiert sind, so daß auch der Eigentümer ersetzbar ist und Menschengruppen zum Zentrum werden können. Im Gegensatz zum Berufskörper wird der Mensch in der aus Berufskörpern aufgebauten Erwerbsorganisation zur ersetz- und austauschbaren Einheit.

Mit der Erwerbsorganisation hat sich in der Evolution, Hass zufolge, endlich das Energon von der Last des „föderativen Aufbaus“ befreit. Zum Beispiel wurde vorher jede Zelle mit dem Unterhalt eines eigenen Kraftwerkes, den Mitochondrien, belastet. Erst bei der Erwerbsorganisation ist jede erdenkliche Funktionszusammenfügung möglich geworden, z.B. benötigt nicht jeder einzelne Berufskörper einen eigenen Elektrogenerator. Damit ist die Erwerbsorganisation effizient wie kein Energon zuvor. Die Erwerbsorganisationen stellen den nicht weiter zu steigernden Höhepunkt der Evolution dar. Sie sind die größten Organismen überhaupt und könnten theoretisch die Ausmaße einer ganzen Galaxie annehmen. Doch trotz dieses quantitativ unbegrenzten Wachstums haben mit ihnen die Energone doch den nicht überschreitbaren qualitativen Höhepunkt ihrer Entwicklung erreicht, denn eine Vereinigung von Erwerbsorganisationen wäre doch nur eine weitere Erwerbsorganisation.

Uns, die wir in solchen Erwerbsorganisationen arbeiten, ist es praktisch unmöglich zu erfassen, daß es sich um Organismen handelt. Einem Einzeller, z.B. einem Weißen Blutkörperchen, müßte es, hätte es Bewußtsein, genauso widersinnig vorkommen, den Menschen, in dem es steckt und dessen integraler Bestandteil es ist, als einen Organismus zu betrachten. Wir sind abhängig von unserem beschränkten perspektivischen Blick, den wir erst mit Hass‘ Energontheorie überwinden können.