Posts Tagged ‘Gott’

Ekstase, sexuelle Zwangsmoral und Gott

1. Dezember 2016

Reich zufolge ist Religion eine Art Ersatzbefriedigung, ein Ersatz für sexuelle Erfüllung. Das wird offensichtlich in der religiösen Imagination, ob diese nun in der Musik oder der bildenden Kunst zum Ausdruck kommt. Die „Liebe“ zu Gott hat sexuelle Konnotationen, das Paradies; religiöse Ekstase ist ununterscheidbar von sexueller. Die Religion sorge, so Reich, gleichzeitig aber auch dafür, daß die Menschen sexuell gehemmt werden, sich jede natürliche Lust als sündhaft versagen und „Disziplin lernen“.

Michael Ferguson et al. (University of Utah) konnte jetzt zeigen, daß das Glücksgefühl in Phasen intensiver religiöser Gefühle vom Belohnungszentrum im Gehirn hervorgerufen wird. „Bei der spirituellen Erfahrung feuern ähnliche Neuronen wie bei Liebe, Sex, Glücksspiel oder auch Sucht.“ An die Stelle der Selbstregulierung auf der Grundlage sexueller Befriedigung tritt ein sadomasochistisches Seelendrama.

Die jungen Mormonen, die die Forscher mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanz-Tomographie während ihrer religiösen Hingabe untersuchten, beschrieben „ein Gefühl des Friedens und der Wärme, viele waren sogar so bewegt, daß sie Tränen in den Augen hatten (…). Auch im Gehirn der Gläubigen tat sich einiges: Während der Phasen starker spiritueller Gefühle registrierte der Hirnscanner eine deutliche Aktivierung des Nucleus accumbens – einem wichtigen Teil des Belohnungs-Schaltkreises im Gehirn. Dieses Hirnzentrum trägt unter anderem dazu bei, daß wir bei Liebe, Sex, Musik, aber auch Glücksspiel und Drogen intensive Befriedigung verspüren. Offenbar hat auch das Glücksgefühl bei der religiösen Praxis der Mormonen in diesem Schaltkreis seinen Ursprung.“

Gleichzeitig „löste die religiöse Praxis bei den gläubigen Probanden aber noch weitere Hirnveränderungen aus: Auch Zentren für die Aufmerksamkeit und der mediale präfrontale Cortex waren in den Phasen starker spiritueller Empfindungen besonders aktiv. Dieses Hirnareal ist unter anderem für Bewertungen, die Einschätzung von Situationen und moralische Überlegungen zuständig. Demnach hat die religiöse Verzückung bei den frommen Mormonen durchaus auch eine rationale Komponente und ist kein reines, diffuses Gefühl.“

DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: Das orgonomische Testament / 12. Die Kinder der Finsternis / Satan

28. November 2016

DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: Das orgonomische Testament / 12. Die Kinder der Finsternis / Satan

Christus, Luther, Stirner

4. November 2016

DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: Das orgonomische Testament / 7. Der Christusmord nach Markus / Max Stirner

Gott ist tot!

24. September 2016

Er starb an widerholten Messerstichen in unterschiedlichen Bereichen seines Körpers und geistert heute nur noch als zunehmend verwesender und zerfallender übelstinkender Untoter durch ein paar wenige Nischen der Gesellschaft. Die ersten beiden Stöße verabreichtem ihm die Astronomie und das Wideraufleben des antiken Atomismus, d.h. des Materialismus. Erst wurde die Erde aus dem Mittelpunkt des Universums gekippt, dann die Sonne und schließlich unser gesamtes Sternensystem. Gott war heimatlos und vor allem berufslos geworden. Er konnte weder „Weltenschöpfer“ noch „Architekt“ sein. Der Atomismus machte seine vermeintliche Schöpfung substanzlos. Der nächste Stoß war die Textkritik. Gott stellte sich als bloßes Fabelwesen heraus. Noch verheerender war der Stoß, der ihm von Darwin verabreicht wurde. „Gottes Ebenbild“ war das zufällige Produkt einer blinden Auslese. Der finale Todesstoß war jedoch die Einsicht, daß Gott nichts anderes ist als die „verinnerlichte gesellschaftliche Hierarchie“ im allgemeinen bzw. der verinnerlichte strafende Vater im besonderen. Wir taumeln durch eine sinnlose und leere Welt und unsere Leitsterne sind nicht nur Produkte unseres eigenen Wahns, sondern schaden uns und halten uns gefangen! Jene, die vorgeben noch an Gott zu glauben, also die widerlichen Pfaffen und ihre Schafe, sind schmutzige Lügner, bestenfalls bedauernswerte Kretins.

Die Wissenschaft hat die Religion abgelöst, doch so kann keine Gesellschaft überleben. Mit dem Mord an Gott haben wir uns selbst umgebracht. Denn, auch wenn wir es uns nicht eingestehen, wissen wir, daß nunmehr alles vollkommen sinnlos, leer und orientierungslos ist. Ganze Generationen wachsen heran, an denen nichts Menschliches mehr ist und es wird schlimmer werden. Zombies ohne Empathie und Selbstgefühl, d.h. Maschinen. Im Physik- und Biologieunterricht lernen sie ohnehin, daß sie Maschinen in einer Maschinenwelt sind. Und unsere „Aufklärer“ glauben tatsächlich noch immer, das wäre besser als das, was man früher in der „Sonntagsschule“ gelernt hat!

Es ist vorbei, aus, das Ende. Die letzte und einzige Chance, die die Menschheit hat, ist die Orgonomie.

Auf dem Weg zur Antiorgonomie (Teil 2)

19. Mai 2016

Da die Orgonomie nicht anerkannt ist und deshalb ein ziemlich abgeschlossenes, „sektiererisches“ Dasein fristet, besteht die Gefahr, daß sie als soziales „Biotop“ mißbraucht wird. Man wird Teil einer verschworenen Gemeinschaft, deren „Geheimwissen“ für den gewissen Kick sorgt und dem Leben einen Sinn gibt. Doch genauso wie sich Sexualität und Arbeit wechselseitig ausschließen, harmoniert diese Art von Nestwärme nicht mit der orgonomischen Wissenschaft. Sie im gleichen Lebensbereich zu suchen, bedeutet einen Kult zu begründen.

Auch wird die Orgonomie in einen weltanschaulichen Kult verwandelt, wenn man passiv die Weisheiten der (vermeintlichen) orgonomischen Autoritäten wie heilige Worte unreflektiert aufnimmt, ohne selbständig zu denken. Es geht um die funktionelle Hierarchie des arbeitsdemokratischen Prozesses, nicht um Heilssicherheiten, die von oben nach unten weitergegeben werden.

Für Reich war A.S. Neill das perfekte Beispiel eines „Anhängers“, wie er ihn sich wünschte:

Neill besitzt in einem sehr hohen Grade die seltene, aber auch so wichtige Qualität der vollständigen Unabhängigkeit bei gleichzeitiger Unterordnung, was die gemeinsame Sache betrifft. Das unterscheidet ihn von dem Rebellen, der sich zwar nicht für eine gemeinsame Sache unterordnen will, der aber gleichzeitig nie seine tiefe Abhängigkeit in den Griff bekommt. Dergestalt gingen viele Meinungsunterschiede in Erziehungs- und sozialen Fragen einher mit einem tiefempfundenen Verantwortungsbewußtsein für die gemeinsame Hauptaufgabe. (Reich: „Orgonomy 1935-1950 – A Brief Review (I)“, Orgone Energy Bulletin, Vol. 2, July 1950, S. 146)

Von seiten Kleiner Männer und Frauen wird gegen die „offizielle“ Orgonomie, insbesondere das American College of Orgonomy, häufig der Vorwurf erhoben, sie wäre viel zu orthodox, in sich abgeschlossen und nicht offen genug, während die „Reichianische Szene“ ganz anders wäre, nämlich offener und lebendiger. So wird die Alternative zwischen einem „offenen Reichianismus“ gegen einen „fundamentalistischen“ orgonomischen Kult konstruiert. Aus derartigen Aussagen spricht die Sehnsucht nach der Nestwärme einer „orgonomischen Bewegung“, die einen mit offenen Armen aufnimmt und deren mitgerissenes Teil man sein kann. Der Orgonomie wird etwas vorgeworfen, was man heimlich von ihr ersehnt, aber nicht bekommt: kultische Führung. Die „orthodoxe“ Orgonomie ist so unpopulär, weil sie sich immer dagegen gesperrt hat, nach Reichs Tod eine „mitreißende“ Bewegung ins Leben zu rufen, z.B. indem sie die Therapie streng auf Mediziner beschränkte. Man denke in diesem Zusammenhang an die (bis vor etwa 15 Jahren) explosionsartige Ausbreitung „Reichianischer Therapeuten“ und neuerdings an das wilde Wuchern von „Chembustern“.

Dadurch, daß sie öffentlich zum Ausdruck brachten, sie wollten keine Gurus sein, warfen die Führer der Orgonomie die Menschen auf sich selbst zurück. Die Orgonomen verhielten sich dabei nicht anders als in der individuellen Therapie, in der es nicht die Aufgabe des Therapeuten ist, dem Patienten „Gesundheit zu geben“, sondern ihm ein realistisches Bild seiner selbst zu vermitteln (z.B. daß der Patient nicht atmet und partout nichts tut, um sein soziales Leben zu verbessern), woraus der Patient selber Konsequenzen ziehen muß. Der Kleine Mann empfindet diesen Appell an den Willen zur Selbstregulierung als die kalte Arroganz des gehaßten „Establishments“, das den Kleinen Mann aus der heimeligen Wärme der Masse herausreißen will. Irrwitzigerweise sprechen dann diese Kleinen Männer von „Arbeitsdemokratie“, die das besagte „Establishment“ angeblich mißachtet.

Charakteranalyse ist ideologiefrei wie eine Blinddarmoperation oder sie ist das Gegenteil von Charakteranalyse. Es gibt wohl kaum etwas Widerwärtigeres als „Orgontherapeuten“, die jede einzelne Äußerung des Patienten verbal und vor allem nonverbal moralisch bewerten, also dem Patienten vorgeben, was er von sich selbst zu halten hat. Dies untergräbt jede Selbstregulation und ist gemeingefährliche Manipulation – es ist nichts anders als Seelenmord. Man braucht nur wenige Elemente der Orgonomie ändern, etwa „orgonomische“ Moral ins Spiel bringen, und schon wird die Orgonomie zum hassenswertesten System, das es jemals auf der Erde gab. Aufgabe des Therapeuten ist es nicht, sich in das Seelenleben des Patienten einzumischen („subjektive Meinungen“), sondern ihm einfach nur zu helfen, das Primäre und Gesunde vom Sekundären und Neurotischen zu scheiden („objektive Naturprozesse“). Kontakt!

Hier kommt das ins Spiel, was Reich als „die sogenannte ‘Weltanschauungsfrage’“ (Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 163) bezeichnet hat. Es geht um die grundsätzliche „weltanschauliche“ Unterscheidung zwischen lebenspositiv und lebensnegativ. Diese Unterscheidung ist in allen Lebensbereichen zu treffen, vor allem aber in der Wissenschaft. Reich hat dazu gesagt:

Ich halte es für richtig, an jeder geeigneten Stelle zu betonen, daß es nicht darauf ankommt, ob eine Wissenschaft von der menschlichen Natur einer Weltanschauung entspringt und durch sie gefärbt ist; daß dies nicht anders sein kann, ist jedem Wissenschaftler klar; wohl aber ist entscheidend, mit welcher Weltanschauung sich eine wissenschaftliche Tätigkeit verbündet; mit der, die das Wissen, die ganze Persönlichkeit des Forschers und oft auch seine Existenz und sein Leben in den Dienst der Erforschung des Seins stellt, oder mit der, die alles tut, buchstäblich alles, von der harmlosen falschen Theoriebildung über den Boykott des Gegners und wissenschaftlichen Raub an ihm bis zu reaktionären Taten und Manifesten, um zwar den Nimbus der Wissenschaft für sich zu sichern, aber im übrigen jedes Stückchen mühsam errungenen Wissens zu verschleiern, abzubiegen, seine Konsequenz zu vermeiden. (Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral, KiWi, S. 199)

Man kann ganze Bibliotheken durchforschen, auf zwei Dinge wird man nie stoßen: die Orgasmustheorie und die Über-Ich-Problematik. Das sind Bereiche, die aus weltanschaulichen Rücksichtnahmen aus der Wissenschaft ausgegliedert wurden. Die gleichen Leute sprechen aber sofort von weltanschaulichem Mißbrauch der Wissenschaft, wenn die Orgonomie den Unterschied zwischen Primär und Sekundär verdeutlichen will. Dabei geht es einfach nur darum, seinen inneren (primären!) Gefühlen frei zu folgen, statt einer künstlichen Weltanschauung. Es geht darum, unverstellt durch unfundierte Meinungen direkten Kontakt mit der Realität aufzunehmen, anstatt in weltanschaulichen Illusionen gefangen zu bleiben. Es geht um den Unterschied zwischen Kontakt und Kontaktlosigkeit. Jede korrekte Beobachtung muß „stets zu funktionellen, energetischen Formulierungen führen, wenn man nicht vorher abbiegt“ (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 48).

Es gibt gewisse Wahrheiten, die durch unsere Sinne und Bewegungen a priori gegeben sind. (Christusmord, Freiburg 1978, S. 299)

Die Orgonomie ist der unmittelbare, also wissenschaftliche Ausdruck der Wirklichkeit. Reich hat alle metaphysische Auslegung weit von sich gewiesen, ist nicht der Auslegungsakrobatik der Tiefenpsychologie gefolgt, sondern ist dem greifbaren Körper und seinem Verhalten nachgegangen; hat das alltägliche Leben der objektiven Arbeitsdemokratie untersucht und nicht politische Ideologien vertreten; ist nicht teleologischen Zielvorgaben und irgendwelchen außer ihm liegenden Zwecken gefolgt, sondern hat den Weg zum Ziel erklärt. Dies entspricht dem „Silent Observer“, dem nüchternen, nicht weltanschaulich befangenen Beobachter.

Während Ideologien und Religionen Weltbilder erschaffen, entdeckt die Wissenschaft: Reich hat die Arbeitsdemokratie nicht als neue subjektive Weltanschauung geschaffen, sondern als objektive Tatsache entdeckt; er hat nicht ein neues Menschenbild geschaffen, sondern die Genitalität und damit den Genitalen Charakter entdeckt. Es gibt unendlich viele jener erschaffenen Ideologien und Religionen, unendlich viele Weltanschauungen, aber nur eine einzige Wissenschaft. Man kann, so Reich, Tausende von Meinungen über ein und dieselbe Sache haben, aber es gibt nur eine einzige korrekte Erklärung für sie („The Evasiveness of Homo Normalis“, Orgonomic Functionalism, Vol. 3, Summer 1991, S. 84).

Wenn „Reichianer“ den Orgonomen einen „totalitären orgonomischen Fundamentalismus“ vorwerfen, weil diese auf den wissenschaftlichen Fundamenten beharren, steckt hinter dieser Kritik Blauer Faschismus. Diese „Reichianer“ wollen auf der Orgonomie ihre diversen weltanschaulichen Süppchen kochen. Und wenn sie einwenden, sie würden eine offene, nichttotalitäre, tolerante Weltanschauung vertreten, dann sind sie doch nur Agenten der allgegenwärtigen Reaktion und Teil der vorgeblich „pluralistischen“ Unterdrückung der einen wissenschaftlichen Wahrheit. Konsequent umgehen sie das durch den Namen „Wilhelm Reich“ gekennzeichnete Wesentliche: die Orgasmustheorie und die Über-Ich-Problematik. Man denke z.B. daran, daß aus Gründen politischer Korrektheit die Homosexualität irrigerweise nicht mehr als Krankheit betrachtet wird – werden darf. Man darf Sekundäres und Primäres nicht mehr unterscheiden. Die Orgonomie soll sich dem „gesellschaftlichen Konsens“, den interessanterweise stets angeblich „Progressive“ im Munde führen, anpassen.

Reich erachtete alles (einschließlich Gott, Geist, Selbst, Religion, Liebe, etc.) als naturwissenschaftlich erforschbar. Zum Beispiel löst die Orgonomie philosophische und psychologische Probleme, die das Bewußtsein beinhalten, durch außerphilosophische und außerpsychologische Mittel. Die Frage nach dem Unbewußten wird über die physiologische Panzerung beantwortet; die Frage nach der Realität der Außenwelt durch Auflösung der Augenpanzerung. In diesem Beharren darauf, daß grundsätzlich alles der naturwissenschaftlichen Forschung zugänglich ist, war Reich weit radikaler als praktisch alle anderen Naturwissenschaftler, die immer noch Platz außerhalb der Wissenschaft für Weltanschauung und „Glaubensfragen“ lassen.

Man nehme den Biophysiker Alfred Gierer, für den

viele verschiedene philosophische, kulturelle und religiöse Ideen mit wissenschaftlichen Tatsachen und logischem Denken vereinbar (sind). Wissenschaft ergibt keine verbindliche Weltdeutung, sie ist selbst deutungsbedürftig. (Die gedachte Natur, München 1991, S. 13)

Sogar für die irrationale Mystik ist Platz:

Wissenschaft widerlegt nicht Religion als solche. Wissenschaft ist mit dem Glauben vereinbar, daß es keinen Gott, einen Gott oder mehrere Götter gibt. Der Mensch kann, er muß aber nicht die Welt als Gottes Schöpfung und den Menschen als sein Ebenbild verstehen. Religion steht in Zusammenhang mit Lebensbereichen, die die Wissenschaften nicht ausfüllen und die dennoch für das Individuum und die Gesellschaft wichtig sind; sie stellt sich Fragen nach dem Sinn und Ziel menschlichen Daseins und nach dem „guten“ Leben. (ebd., S. 250)

Reich hat stets gegen derartige „wissenschaftliche“ Freibriefe für den mystischen Irrationalismus gekämpft. Bereits in den 1920er Jahren hat er sich dagegen verwahrt, die Psychoanalyse als „bürgerliche Kulturphilosophie“, also als Ideologie aufzufassen. Erinnert sei an seine schroffe Ablehnung der Laienanalyse, mit der Freud (nach Reichs etwas schiefer Einschätzung) die Psychoanalyse von einer medizinischen Disziplin in eine Weltanschauung überführen wollte. Dagegen setzte Reich seine „Wissenschaft der sozialen Sexualökonomie“ (Massenpsychologie des Faschismus, S. 47). Im Kapitel über „Die Sexualökonomie im Kampf gegen die Mystik“, sowie in „Einige Fragen der sexualpolitischen Praxis“, sieht man, daß es ihm beim Kampf gegen die Mystik (und damit gegen die faschistische Bewegung) stets darum ging, die Naturwissenschaft gegen die Mystik durchzusetzen: dem Feind (!) keine Ruheräume zu gönnen. Er frägt:

Wurden im Kampf zwischen Naturwissenschaft und Mystizismus alle Möglichkeiten von der ersten ausgeschöpft? (ebd., S. 161)

Die Orgonomie ist die Wissenschaft, die sich mit der Orgonenergie und ihren Funktionen, d.h. mit grundsätzlich allem befaßt. Sie ruht auf drei Säulen: die Funktion des Orgasmus, die Entdeckung des Orgons und die orgonometrische Denkmethode. Gemeinsam ist diesen drei Grundelementen der Orgonomie, daß ihnen Zielvorgaben inhärent sind: das Orgon als positive Gegebenheit und sein ungestörter Metabolismus, d.h. sexuelle, medizinische, soziale und ökologische Hygiene. Die Wirklichkeit, d.h. letztlich die orgonotische Pulsation, stellt also objektive Forderungen, die nichts mit subjektiven, willkürlichen Weltanschauungen zu tun haben. Man kann nicht darüber diskutieren, ob es Hygiene geben soll oder nicht; ob ein Kind gesund oder krank aufwachsen soll! Selbstregulation ist selbstverständlich, es ist der Sache immanent, während die Weltanschauungen, die der Wissenschaft angeklebt werden, immer eine Sache von Fremdbestimmung sind: das „Sollen“ wird von außen durch „Offenbarungen“ oktroyiert.

Wie Reich es während seiner Marxistischen Periode in seiner Kritik der „bürgerlichen“ Wissenschaft formuliert hat, sind Sein und Sollen nicht voneinander zu separieren. Daß aus dem Sein ein Sollen folgt, ist natürlich nicht dahin mißzuverstehen, daß man aus einer Tatsachen-Feststellung einfach Forderungen ableiten (Die sexuelle Revolution, Fischer TB, S. 140) oder sich bei einer Forderung auf die Vergangenheit berufen kann. Dies wäre, Reich zufolge, ein logischer Irrtum (ebd., S. 139). Vielmehr muß man die Entwicklung betrachten, die rückschrittlichen und progressiven Elemente identifizieren und entsprechend unterdrücken bzw. unterstützen (ebd., S. 149). Es läuft also wieder auf die kontaktvolle Unterscheidung zwischen dem Sekundären, Gepanzertem und dem Primären, Gesunden hinaus.

Reich wollte gegenüber dem Zeitgeschehen die überzeitlichen Naturgesetze, etwa die Funktion des Orgasmus, zur Geltung bringen. Dieser Wille zur „politischen“ Wirksamkeit steht in der Tradition der „kosmischen Politik“ Giordano Brunos oder der „großen Politik“ Nietzsches (Studienausgabe, Bd. 13, S. 637f), d.h. es geht um die Rückführung der Geschichte auf die Natur. Bei Bruno war es der Protest gegen den sich ausformenden Absolutismus, der nicht dem neuen dezentralen Bild des Kosmos entsprach, dazu gehörte für Bruno auch die Beseitigung des Glaubens an einen persönlichen Gott.

In der Orgonomie sind Theorie und Praxis unlösbar miteinander verknüpft (immer wieder: Kontakt!), d.h. es gibt in ihr keine reine Theoretisiererei, keine Trennung zwischen Geistes- und Naturwissenschaft, sondern Reichs sozial- und naturwissenschaftliche Theorien sind stets unmittelbar „auf der Straße“ und im Laboratorium, nicht am Schreibtisch entstanden. Reichs so unwissenschaftlich wirkendes revolutionäres Pathos stammt daher, daß man ihm zufolge keinen Gegensatz von Wissenschaft und dem (organisierten) Anstreben gesellschaftlicher Veränderungen, d.h. dem Separieren des Sekundären vom Primären, konstruieren kann. Doch die Trennung von Sein und Sollen ist die Ideologie der modernen Naturwissenschaft: aus dem faktischen Sein sei kein ideelles Sollen ableitbar; es sei nur ethisch dekretierbar. Daß diese „wissenschaftliche“ Haltung ideologische Verkleisterung ist, zeigt sich am antiwissenschaftlichen „Wissenschaftsbetrieb“, in dem Fakten dekretiert werden. Neuerdings wird darüber abgestimmt; der „Pluralismus“ der bloßen Meinungen triumphiert.

In der Orgonomie brechen „alle Grenzen zwischen Wissenschaft und Religion, Wissenschaft und Kunst, Objektivem und Subjektivem, Quantität und Qualität, Physik und Psychologie, Astronomie und Religion, Gott und Äther“ (Das Oranur-Experiment, S. 221).

Reich sagt, daß die Orgonomie sowohl ein Zweig der Naturwissenschaft, als auch ein künstlerisches Verfahren ist (ebd.). Zum Beispiel prädestiniert Kunstempfinden zur orgonomischen Beobachtung der Natur bei der CORE-Arbeit. Dies heißt jedoch nicht, daß es eine „orgonomische“ Kunst geben müsse. Im Gegenteil! Kunst ist etwas Autonomes, das durch jede „weltanschauliche“ Inanspruchnahme zerstört wird. Es kann keine „orgonomischen Gedichte“, keine „orgonomischen Bilder“, keine „orgonomische Musik“ geben, denn gute Kunst erkennt man daran, daß jeder etwas anderes in sie hineinlesen kann: und da die Orgonomie keine Weltanschauung ist, ist alle Kunst als sicht- oder hörbarer Ausdruck der kosmischen Orgonenergie – orgonomisch.

Am Ende hat Reich sogar auf religiöse Bilder zurückgegriffen. Bereits Anfang der 1920er Jahre findet sich bei ihm das nonverbale Denken in Bildern, was seine Kollegen amüsierte und sie später schließen ließ, er sei wirklich meschugge, wenn er „Blasen- und Pseudopodienmodelle“ wortwörtlich nähme und in diesen Bildern dächte: psychotisches Primärprozeßdenken. In Wirklichkeit war es ein ganzheitliches, „ganzkörperliches“ Denken, das allen wirklich schöpferischen und originellen Menschen eigen ist, welches aber Homo normalis nicht von der Schizophrenie unterscheiden kann. Es ist ein Denken, das wie jede große Kunst und jede echte Religion um die Grundfunktionen der Natur kreist.

Die Orgonomie darf nicht in falsche Hände geraten, da sie, wegen ihrer Nähe zu „Kunst und Religion“, ansonsten tatsächlich zu einem mythologischen Wahnsystem mutieren kann. Man vergegenwärtige sich die Mythologisierungs-Tendenzen bei Reich: „Äther, Gott und Teufel“, „Christus und Modju“, etc. Stoff für ein vollständiges religiöses Wahnsystem, dem Abermillionen „Pestilenter“ geopfert werden könnten. Es geht um die klare Differenzierung zwischen „Weltanschauung“ im Sinne eines willkürlichen Wahnsystems und „Weltanschauung“ im Sinne der objektiven Unterscheidung zwischen lebenspositiv und lebensnegativ, primär und sekundär, OR und DOR. Es geht um die Differenz zwischen Orgonomie und Blauem Faschismus. Nochmals: Es ist eine Gratwanderung, die der Menschheit den finalen Todesstoß versetzen könnte, sollte die Orgonomie in die falschen Hände geraten.

Orgonometrie (Teil 2): Kapitel 6.b.

13. April 2016

orgonometrieteil12

1. Zusammenfassung

2. Die Hauptgleichung

3. Reichs „Freudo-Marxismus“

4. Reichs Beitrag zur Psychosomatik

5. Reichs Biophysik

6. Beiträge zu Reichs Orgonomie

a. Der modern-liberale (pseudo-liberale) Charakter

b. Spiritualität und die sensationelle Pest

Die Orgonomie und die Energetik (Teil 3)

4. Mai 2015

Seit Franz Anton Mesmer wurde wohl kaum ein anderer Mediziner von der eigenen Profession derartig die Kollegialität verweigert wie dem Arzt Wilhelm Reich. Was immer man von den Theorien und der Praxis Mesmers halten mag, ist heute, nach 200 Jahren, seine entscheidende Rolle in der Geschichte der ärztlichen Psychotherapie nicht länger bestreitbar: Charcot, Freud und alles was danach gekommen ist, wäre ohne ihn undenkbar. Ich behaupte, daß auch Reich, ob seine Verächter Recht haben oder nicht, ob seine Theorien haltbar sind oder nicht, in nicht allzu ferner Zukunft eine ähnliche Ehre zu Teil werden wird: die Ehre in Darstellungen der Geschichte der Medizin als entscheidender Anreger neuer Entwicklungen erwähnt zu werden.

Schon heute wird in vielen Gesundheitseinrichtungen und selbst in Psychiatrien mit den „körpertherapeutischen“, bzw. „bioenergetischen“ Techniken Reichs gearbeitet – wenn auch durchweg in entstellter Form und manchmal unter Verschweigen des Urhebers. Aber auch etwa aus der psychiatrischen Diagnostik ist Reich nicht wegzudenken, z.B. stammt der Begriff „phallisch-narzißtischer Charakter“ von ihm (1926) und sein Buch Charakteranalyse war als Einführung in die psychoanalytische Technik und psychoanalytische Charakterologie (die er begründet hat) über lange Zeit, als die Psychiatrie noch psychoanalytisch orientiert war, unverzichtbar.

Schon Anfang der 1920er Jahre beschäftigte sich Reich als einer der ersten Psychoanalytiker in der Klinik von Wagner-Jauregg und im Wiener Psychoanalytischen Ambulatorium mit den psychopathischen Persönlichkeitsstörungen oder, wie er es bezeichnete, mit dem „triebhaften Charakter“, wobei er sich auch intensiv mit der „multiplen Persönlichkeit“ auseinandersetzte, die er bereits damals auf den sexuellen Kindesmißbrauch zurückführte.

Es ist ein Skandal, daß seine damalige Arbeit, aus der er übrigens seine „Charakteranalyse“ entwickelte, in den betreffenden heutigen Arbeiten zum Thema nicht erwähnt wird. Aus der Charakteranalyse heraus, in deren Folge bei Patienten Strömungsempfindungen auftraten, entwickelte Reich in den 1930er Jahren eine umfassende Meßreihe, in der er die Emotionen der Angst und der Lust mittels Verstärkerröhren und einem Oszillographen darstellen konnte, indem er das elektrische Hautpotential ober- und unterhalb der Epidermis abnahm. Damit nahm er einen Teil der Forschungsarbeiten von Masters und Johnson aus den 1960er Jahren vorweg – und wieder wird Reichs Name in diesem Zusammenhang nirgendwo erwähnt.

Selbst in der Psychoanalyse wurde und wird er praktisch nirgends erwähnt. Man schlage irgendeine neuere Arbeit z.B. über Anna Freud auf und die Wahrscheinlichkeit ist sehr groß, daß man nichts über Reich finden wird. Wenn er doch Erwähnung findet, werden ihm meist Dinge unterschoben, die mit seiner Arbeit nichts zu tun haben und teilweise geradezu das Gegenteil seiner Intentionen darstellen. Zum Beispiel wird er als libertärer Verkünder der sexuellen Befreiung hingestellt, während ganz im Gegenteil bei ihm stets die Eigenverantwortung im Mittelpunkt stand, d.h. die Macht sich nicht willenlos jeder Regung hinzugeben, sondern sich willentlich zu entscheiden. Seine Therapie zielte in all ihren Entwicklungsphasen letztendlich darauf ab, den Menschen diese Entscheidungsfreiheit zurückzugeben, so daß sie nicht etwa durch pornographische Manipulationen in der Werbung konditioniert werden können.

Reichs Ausgangspunkt war die psychoanalytische Libidotheorie, wie sie sich ihm Anfang der 1920er Jahre darstellte. Sie war quasi ein thermodynamisches Modell, in dem im Organismus bestimmte Quanta unzerstörbarer Energie gespeichert ist, die innerhalb unterschiedlicher, voneinander getrennter Systeme, z.B. als orale, anale oder genitale Libido umgewandelt, in Lustbetätigung verbraucht oder zu arbeitsfähiger Energie veredelt, bzw. „sublimiert“ wird.

Reichs originärer Beitrag bestand darin, dieses mechanistische Modell aufzubrechen, indem er die verschiedenen Libido-Kreisläufe, die nicht viel mehr als theoretische Konstrukte waren, mit dem realen aktuellen Sexual- und Arbeitsleben der Patienten verband. Er fand heraus, daß erstens die angeblich isolierten oralen, analen und genitalen (hysterischen) Pathologien eine Funktion der genitalen Befriedigung bzw. Frustration sind und daß zweitens nicht nur kein Gegensatz zwischen genitaler Befriedung und Sublimierung (Arbeit) besteht, sondern daß sie sich vielmehr wechselseitig bedingen.

Ein weiterer Schritt war dann in den 1930er Jahren die Klärung, um was für energetische Vorgänge es dabei im einzelnen eigentlich geht. Reich verband seine Orgasmustheorie mit der Arbeit des Chefs der Berliner Charité Friedrich Kraus, der in einer bis heute nicht aufgearbeiteten umfassenden Theorie den menschlichen Organismus als ein durch elektrochemische Prozesse betriebenes Energiesystem beschrieb. An den Grenzflächen zwischen zirkulierenden Salzelektrolyten und stationären Kolloidelektrolyten, die keine Membranen durchdringen können, bilden sich elektrische Potentiale, deren Ausgleich Energie erzeugt, wobei sich elektrische Energie in mechanische umwandelt und so das Biosystem betrieben wird.

Parallel mit dieser theoretischen Loslösung von der Psychoanalyse entwickelte Reich die „Vegetotherapie“, eine Art umfassender körperorientierter Verhaltenstherapie, in der im Rahmen einer charakteranalytischen Durcharbeitung der Widerstände durch Hinweise auf die Blockierungen des Atmens und auf chronische Muskelverkrampfungen an anderen Stellen des Körpers, sowie durch direkte Manipulation dieser chronisch verkrampften Muskulatur der Organismus zu einem ausgeglichenen vegetativen Tonus zurückgeführt werden soll. Gesundheit zeigt sich hier in einem vollständigen Funktionieren aller denkbaren Reflexe, insbesondere des Würgereflexes und letztendlich des 1937 von Reich zuerst beschriebenen „Orgasmusreflexes“, einer Ganzkörperzuckung auf dem Höhepunkt der geschlechtlichen Erregung.

Dieser Ansatz führte Reich in den Bereich der psychosomatischen Erkrankungen, die er, stark verkürzt dargestellt, auf die besagten chronischen Muskelverkrampfungen zurückführte. Insbesondere beschäftigte sich Reich mit der Krebserkrankung, bzw. mit dem, was er als „karzinomatöse Schrumpfungsbiopathie“ bezeichnete. Bösartige Wucherungen waren für Reich das späte Symptom einer schleichenden Erkrankung des Vegetativums, das sich aufgrund chronischer Sexualenttäuschung sozusagen in sich selbst zurückzog und die bösartigen Wucherungen stellten sozusagen ein letztes Aufbäumen von Teilen des Organismus gegen diesen schleichenden Sterbensprozeß dar. In seiner, hier extrem verkürzt dargestellten, umfassenden Krebstheorie hat Reich viele Ergebnisse der Psychoonkologie teilweise um Jahrzehnte vorweggenommen.

Am Beispiel des so verstandenen Krebses läßt sich besonders leicht aufzeigen, daß Erkrankungen größtenteils ein soziales Problem darstellen: d.h. das soziale Milieu ist dafür verantwortlich, wie harmonisch sich der Mensch entwickeln kann, ob er aus sich heraus gehen kann und Erfüllung in der Sexualität und in der Arbeit findet oder ob er es nicht kann. Das besondere bei Reich ist nun, daß er nicht nur solche „psycho-somato-sozialen“ Theorien vertreten hat, sondern konkret Schritt für Schritt den kausalen Zusammenhang von der Desorganisierung der Gesellschaft bis zur Desorganisierung des Gewebes aufzeigen kann.

Hier zwei Zitate, die ungefähr umreißen, in welcher geistigen Atmosphäre Reich die ersten Schritte hin zur Orgonomie unternommen hat.

Henri Bergson in Schöpferische Entwicklung (Zürich, o.J., S. 207):

Der menschliche Intellekt, wie wir ihn uns vorstellen, ist nicht mehr jener von Plato im Gleichnis der Höhle geschilderten. Seine Funktion ist es nicht mehr, leere Schatten vorübergleiten zu sehen, nicht mehr, jenseits seiner selbst gewandt, das aufglühende Gestirn zu schauen. Er hat anderes zu leisten. Angeschirrt wie Arbeitstiere im schweren Tagewerk spüren wir das Spiel unserer Muskeln und Gelenke, die Schwere des Karrens und den Widerstand der Scholle: handeln und sich als handelnd wissen, in Kontakt treten mit der Realität, ja sie – nur aber nach ihrer Bedeutung für das werdende Werk, für die Schürfung der Furche – leben, das ist die Funktion des menschlichen Intellekts. Dennoch badet uns ein wohliger Strom, dem wir die Kraft selbst zu Arbeit und Leben entschöpfen. Jeden Augenblick eratmen wir etwas von diesem Ozean von Leben, dem wir eingesenkt sind, fühlen wir, wie sich unser Wesen, oder doch der Verstand, der es lenkt, nur durch eine Art örtlicher Erstarrung aus ihm gebildet hat. Die Philosophie also kann nur die Anstrengung sein, sich diesem Ganzen neu zu verschmelzen.

Ein Beispiel dieser Tradition, die, wenn auch auf mystisch-abstrakte Weise, die Orgonomie beinahe wortwörtlich vorwegnimmt, findet sich in Karl Joels Seele und Welt – Versuch einer organischen Auffassung (1923). In einer zeitgenössischen Buchbesprechung heißt es:

Die Weltanschauung Joels ist eine organische und weist bei aller Selbstständigkeit Beziehungen zu Denkern wie Plotin, Schelling, Fechner, Bergson u.a. auf. Organisch ist sie, weil nach ihr das Leben die wahre, ursprüngliche Wirklichkeit ist, weil Geist und Materie nur verschiedene Stufen lebendigen Werdens sind, wobei der Geist, die Seele die Produktion und Variation in der Welt bedeutet, deren Erstarrung, Mechanisierung, Stabilisierung das Körperliche erzeugt. Die Welt als Ganzes ist eine Entfaltung und Entschließung der organischen Einheit, die in allem sich auswirkt. Die Welt ist durch und durch Funktion, sie ist eine Objektivation der ewig sich verkörpernden und ewig über alle Verkörperung hinausstrebenden schöpferischen Tat. Die Materie ist nur die passive, sinkende Seite des Weltlebens, das Komplement der Seele, die innere Sammlung, die im Materiellen sich entäußert. Gott ist das ewige Leben, das Leben in beständiger Erneuerung, die Einheit, während die Welt Vielheit ist. (Rud. Eisler in Neue Freie Presse)

So die Verlagswerbung in Joels Nietzsche und die Romantik (Jena, o.J.) wo er z.B. schrieb:

Gegensätze berühren sich nicht, sie sind vielmehr ursprünglich eins und treten auseinander als die abgekehrten Pole eines Ganzen; denn Heterogenes gibt keinen Gegensatz. Aller Gegensatz beruht auf Gemeinschaft. (S. 217)

Dies ist eine Vorwegnahme des Orgonomischen Funktionalismus, wenn nicht sogar der Orgonometrie.

Die klassische Physik kennt drei Thermodynamische Gesetze, die wie folgt orgonomisch interpretiert werden können:

  1. Energie kann nicht „erzeugt“ werden, sondern nur umgewandelt. Dies bedeutet, daß die Orgonenergie die letzte nicht weiter ableitbare Realität ist.
  2. Spontan gleichen sich alle Potentialunterschiede in der Natur aus. Dies nannte Reich „mechanisches Potential“, durch das Orgonenergie-Konzentrationen wieder abgebaut werden.
  3. Der absolute Nullpunkt von -273,2 °C = 0 K ist unerreichbar. Dieses sogenannte „Nernstsche Theorem“ weist darauf hin, daß die Orgonenergie ein durch nichts zu durchdringendes Kontinuum ist.

Alle Energetiker vor und nach Reich bauten und bauen ihre Theorien auf die ersten beiden Thermodynamischen Gesetze auf. Hans Hass stellt immerhin kurz die Theorie des Wiener Konstrukteurs und Fabrikbesitzers Kurt Wieser („der in machen Gedanken der Energontheorie nahekam“) aus den 1940er Jahren vor, die eine Ausnahme ist (Hass: Naturphilosophische Schriften Bd. 3, München 1987).

Hass zufolge machte Wieser den Vorschlag, den beiden Grundgesetzen ein drittes hinzuzufügen. (Wobei sowohl Wieser als auch Hass vergessen, daß der dritte Platz schon durch das wenig bekannte Nernstsche Theorem belegt war.) Wieser nannte es „Gesetz der zunehmenden Wirkung einzelner Energiequellen“, das besagt, daß „in einzelnen Fällen (…) sich einzelne Urkräfte andere Urkräfte um sich herum“ gliedern.

Hass erscheint Wiesers Gedanke,

daß Energie sich unter bestimmten Bedingungen zusammenballt, differenziert und in immer mächtigeren Potentialen – den Trägern des Lebensprozesses – manifestiert, (…) nicht unberechtigt.

Weiter schreibt Hass:

Auch hier stehen wir vor einer nicht weiter „erklärbaren“ Grundeigenschaften des besonderen Etwas „Energie“. Auf dieser Grundeigenschaften beruht letztlich die gesamte Evolution. Wohlgemerkt: Nicht die Gestalten erklären sich aus ihr – jedoch: daß es überhaupt zu solchen Gestalten kommen konnte. Der Physiker – für den die Organismen außerhalb seiner „Kompetenz“ liegen – mag kaum geneigt sein, ein solches Grundgesetz den beiden ersten anzufügen. Von der Energontheorie her finde ich dagegen diesen Vorschlag berechtigt. (Hervorhebungen hinzugefügt)

Wiesers „Vorschlag“ ist identisch mit der Reichschen Formulierung des orgonomischen Potentials – dem, durch Experimente nachgewiesen, spontanen Aufbau von Energiepotentialen.

Wieser, Hass und natürlich Reich stehen durchaus nicht allein da. So hat der berühmte Quantentheoretiker Erwin Schrödinger 1944 in seinem Buch Was ist Leben? ausgeführt, daß das Phänomen Leben nicht zum 2. Thermodynamischen Gesetz paßt. Deshalb warf er die Frage nach einem neuen Gesetz in der Physik auf und postulierte die „negative Entropie“, die nichts anderes als Reichs Orgonomisches Potential ist.

In neuerer Zeit hat der Physiker und Chemie-Nobelpreisträger Ilya Prigogine Zweifel an der Entropie-Lehre wachgehalten. Es sei ja keineswegs zutreffend, so der Spiegel (4/87) in einer Zusammenfassung der Arbeiten Prigogines, daß der Kosmos allenthalben in immer simplere Bausteine zerbröckle. Beweis seien

hochgradig komplexe Organismen, die im Laufe weniger Jahrmilliarden entstanden sind und dem Entropie-Gefälle offensichtlich entgegenwirken. Doch auch in der unbelebten Materie sieht Prigogine Eckpfeiler, die dem Entropie-Prozeß standhalten, so etwa die (…) Baryonen, kompliziert gebaute Elementarteilchen, die sich seit 20 Milliarden Jahren nicht verändert haben.

Die Orgonomie und die Energetik (Teil 1)

2. Mai 2015

Die Orgonomie ist kein neues „Paradigma“, sondern der Grund, auf dem die Wissenschaft ruht, sie ist die Wissenschaft per se (Clark/Frauchiger: Journal of Orgonomy, 1986). Dergestalt spielt sie die gleiche Rolle, die die Orgonenergie in der ganzen Natur innehat oder beispielsweise die Arbeitsdemokratie in der Gesellschaft. Insoweit andere Theorien, insbesondere „energetische Theorien“, wissenschaftlich sind, wurde in ihnen die Orgonomie vorweggenommen oder gar weiterentwickelt. Wo Reich sich geirrt hat, war er nicht orgonomisch.

Gefahr des Eklektizismus? Die könnte auf drei Elementen beruhen:

  1. daß die Orgonomie mit allen möglichen mechano-mystischen Elementen überfrachtet und erstickt wird, wie ein Pflanzenkeimling, auf den Abfall geworfen wird;
  2. darauf, daß man diese fremden Ansätze dazu instrumentiert, dem Wesentlichen auszuweichen; und
  3. daß man die energetischen, „kosmischen“ Momente der Orgonomie gegen die Sexualökonomie ausspielt.

Es besteht immer die Gefahr, daß die Orgasmus-Theorie verloren geht. Schon 1940 schrieb Reich, die Orgonomie werde sich wahrscheinlich in zwei Lager spalten, wobei die eine Gruppe erklären werde, „die sexuelle Funktion sei der allgemeinen Lebensfunktion untergeordnet – und daher streichbar.“

Auch müssen wir, um die Orgonomie besser verstehen zu lernen, ihre „Eltern“, z.B. die deutsche Philosophie des 19. Jahrhunderts, die Psychoanalyse und den Marxismus durchleuchten. Die Orgonomie hat beispielsweise ihre Wurzeln auch in der „Energetik“ von Wilhelm Ostwald.

Aber meinen Reich und die Energetiker eigentlich dasselbe, wenn sie von „Energie“ sprechen? Natürlich wußten diese nichts von der Orgonenergie, aber es finden sich doch Anklänge an sie. Außerdem läßt beispielsweise der Energetiker Hans Hass in seinen Büchern den Energie-Begriff explizit offen. Niemand wisse, was „Energie“ eigentlich sei. Andererseits meint Hass, es gäbe ohne dieses Unbestimmte „keine Bewegung, keinen Vorgang, keine Entwicklung – somit auch keinen Gedanken, keine Musik, keine Religion.“

Besonders bemerkenswert ist jedoch, daß sich Hass von den mechanistischen Denkschablonen löst, die Energie sei eine Funktion materieller Partikel oder Stoffe, vielmehr seien diese umgekehrt „eine Erscheinungsform von Energie“ (Naturphilosophische Schriften, Bd. 3, München 1987). So lehnt er auch folgerichtig den Begriff „Materialismus“ ab.

Denn gerade das, was uns die Materie als etwas Klotziges, Plumpes, von den geistigen Vorgängen und unseren Gefühlen so äußerst Verschiedenes erscheinen läßt, hat gar keine reale Basis. Es ist bloß eine Interpretation unserer höchst mangelhaften Sinne. Dieses Klotzige, Plumpe, „primitiven Gesetzmäßigkeiten blind Gehorchende“ ist in Wahrheit eine Erscheinungsform höchst differenzierter Kräfte. Was wir Materie nennen, besteht ganz und gar aus dem gleichen geheimnisvollen Etwas [Energie], das auch den subtilsten Prozessen, auch unseren Denk- und Gefühlsvorgängen zugrunde liegt.

Bereits 1895 hielt Wilhelm Ostwald einen Vortrag in diesem Sinne vor der Königlich Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften über „Die Überwindung des wissenschaftlichen Materialismus“. In ihrem Buch Wilhelm Ostwald (Stuttgart 1953) schrieb seine Tochter über Ostwald, die Energie

wurde ihm von einer mathematischen Funktion zur unmittelbarsten Wirklichkeit, zum umfassendsten Naturbegriff neben Raum und Zeit, zum erfolgreichsten Wegweiser, den wir bisher kennen, für das Leben der Völker wie des Einzelnen.

Bemerkenswert funktionell ist auch, wie Hass noch einen Schritt weitergeht und die Energie als die fundamentale Größe hervorhebt. Er beruft sich dabei auf den Physiker Gottfried Falk, der beklagt, die Physikbücher würden einen falschen Eindruck von der Bedeutung der Energie vermitteln. Demnach seien Raum und Zeit die fundamentalen Begriffe gefolgt von Geschwindigkeit, Beschleunigung, Masse und Kraft. Aus diesen Größen werde die Arbeit abgeleitet und aus dieser dann als letztes die Energie. Dieser Ansatz wäre ein Erbe der Newtonschen Mechanik und vermittele alles andere als eine „tiefere Wahrheit“ über die physikalische Welt. Er sei durch die Entwicklung der Physik überholt:

Jedem Physiker ist es geläufig, daß die Quantenmechanik nicht mit den ihr zunächst als fundamental vorgestellten Größen Lage, Geschwindigkeit, Kraft operiert, sondern mit anderen Größen, allen voran mit der Energie. (Hass/Lange-Prollius: Die Schöpfung geht weiter, Stuttgart 1978)

Ein Energetiker, auf den sich Hans Hass unmittelbar beruft, ist der belgische Chemiker, Unternehmer und Soziologe Ernest Solvay (1838-1922). Er wurde durch das „Solvay-Verfahren“ zur Soda-Herstellung bekannt. 1894 hatte er das „Solvay-Institut für physiologische und soziologische Forschungen“ gegründet, das später der Freien Universität Brüssel angegliedert wurde.

Solvays soziologische Konzepte wurden durch seine Beschäftigung mit der Physik und Chemie geprägt. So wollte er, wie später Wilhelm Ostwald, eine „soziale Energetik“ aufbauen. Für ihn war Energetik das Prinzip

einer vollständigen und ununterbrochenen Verkettung von einfachen chemischen Reaktionen, von belebten chemischen Reaktionen oder lebenden Zellen, von Zusammenschlüssen von Zellen oder lebenden Wesen, von Zusammenschlüssen lebender Wesen oder tierischer Gesellschaften und schließlich menschlicher Gesellschaften. (z.n. Bernsdorf/Knospe: Internationales Soziologenlexikon, Stuttgart 1980)

„Die gesamte Evolution sah er in ihrer inneren Verwandtschaft“ (Hass: Naturphilosophische Schriften Bd. 3, München1987).

In Notes sur des Formules d’Introduction à l’Énergetique Physio- et Psycho-Sociologique (Brüssel 1906) definierte Solvay den Organismus als „Energietransformator in potentiellem Zustand“. Dies entspricht exakt dem Hass’schen Begriff „Energon“. Weiter meinte Solvay, man könne den Energietransformator „Mensch“ nicht „in sich selbst und für sich selbst“ beurteilen, sondern nur in seiner energetischen Wechselwirkung zur Gesellschaft. Auch in ihr, sowohl in einzelnen Menschengruppen als auch im ganzen Menschengeschlecht, sah er ein energetisches Gebilde.

Auf dieser Grundlage baute Solvay seine soziale Theorie auf, die sich aus den Konzepten „productivisme“ und „comptabitisme“ zusammensetzt: Förderung der schöpferischen Kräfte einerseits und Rechnungsführung andererseits.

Solvay vertritt die Grundthese, daß das Elend der Menschen einer schlechten Ausnutzung der Energie zuzuschreiben sei, die productivisme als die „Organisation und Verteidigung aller materiellen und ethischen Interessen der Gesamtheit“ stelle der Menschheit die Aufgabe, die schöpferischen Kräfte zu mobilisieren und zu vervielfachen, indem man sie so anpaßt, daß sie ein Maximum an Leistung bei einem Minimum an Aufwand hergeben. (Internationales Soziologenlexikon)

So versuchte Solvay ausgehend von der Energiebilanz und „– im rein Theoretischen verbleibend – mathematische Grundformeln für die Strukturen der menschlichen Gemeinschaftsbildung aufzustellen“ (Hass: Naturphilosophische Schriften Bd. 2, München1987). Hass glaubt, er habe diesen Ansatz vervollkommnet, indem er ihn von der Soziologie löste und auf die Ökonomie übertrug.

Wilhelm Ostwald widmete 1909 sein Buch Die energetischen Grundlagen der Kulturwissenschaft Ernest Solvay, genauso wie 70 Jahre später Hans Hass seine zusammenfassende Darstellung der Energontheorie Ostwald widmete (Hass/Lange-Prollius: Die Schöpfung geht weiter, Stuttgart 1978). Als weiteren „Vorgänger“ und „Kampfgenossen“ nannte Ostwald den Dresdner Mathematiker Georg Ferdinand Helm (1951-1932), einer der Begründer der Energetik des 19. Jahrhunderts.

Von Helm stammen Werke wie Die Lehre von der Energie (1887), Energetik (1898) und Die Energielehre (1913). Sein Verdienst lag darin, thermodynamische Vorstellungen auf den gesamten Bereich der Physik und Chemie auszuweiten. Er war Gegner der atomistischen Betrachtungsweise, d.h. er wandte sich dagegen, „die eigentliche wissenschaftliche Grundlage der Thermodynamik in der Mechanik der Atome zu suchen“.

Die Entdeckung des französischen Physikers Carnot (1796-1832), daß das Funktionieren einer Dampfmaschine nichts mit der Zusammensetzung der dabei verwendeten Stoffe zu tun hat, hatte dazu geführt, daß die sich entwickelnde Thermodynamik jede Hypothese über die Beschaffenheit der Materie für überflüssig hielt. So gelangten u.a. Helm und Ostwald

zu der Auffassung, daß sich in den Naturerscheinungen allein die Energie mit ihren vielfältigen Umwandlungsprozessen offenbare. Sie begründeten damit die naturphilosophische Denkweise der Energetik. (Stephen F. Mason: Geschichte der Naturwissenschaft, Stuttgart 1991)

Dazu muß sogleich einschränkend gesagt werden, daß Ostwald 1923 in Moderne Naturphilosophie schrieb:

Die Energie ist auch für den modernen Energetiker durchaus nicht ein Grund- und Zentralgedanke, aus welchem sich die ganze übrige Welt ausspinnen ließe.

Um die Rolle der Energie in Ostwalds System zu verstehen, muß man sich seine „Wissenschaftspyramide“ vergegenwärtigen:

Diese seine „Ordnung aller Wissenschaften“ beinhaltet a priori, daß der Begriff der Ordnung der allgemeinste ist. Genausowenig wie es eine Energetik der Geometrie, Mathematik oder Logik geben könne, würde auch das spezifisch Soziologische, Physiologische und Psychologische von der Energetik nicht ganz gedeckt werden. An dieser Spitze der Pyramide sei „Leben“ der Hauptbegriff, „Energie“ nur ein Hilfsbegriff. Sie sei der Hauptbegriff in Physik und Chemie.

Jede höhere Stufe braucht die Begriffe der darunter liegenden, nicht aber umgekehrt. Die Soziologie ist für die Ordnungs- und Energiewissenschaften unwesentlich, die Ordnungs- und Energiegesetze sind aber sehr wichtig für die Soziologie.

Als logische Folgerung der Energetik verzichtete der Physiker und Philosoph Ernst Mach (1838-1916) auf jede Hypothese hinsichtlich des Wesens der Energie. Dergestalt bildete Mach eine „funktionalistische Erkenntnistheorie“ aus. Ganz im Sinne Reichs (trotz der unorgonomischen Abstraktion) sollte die Physik, von „hypothetischen Bildern und theoretischen Konstruktionen“, von mechanischen Naturmodellen gereinigt, zu einer „phänomenologischen Physik“ werden, in der, statt der Mechanik, die Thermodynamik als Prototyp naturwissenschaftlicher Betrachtungsweise gelten würde.

Der Mach‘sche Ansatz wurden dann sehr schnell durch den Nachweis des Atoms, durch die „Atomistik“ in Frage gestellt. Deshalb ersetzte Ostwald den alten Gegensatz Atomistik/Energetik durch den von Materialismus/Energetik. Außerdem sagte er, die Energetik würde durch die Atome

nicht berührt, denn da sie die allgemeinere Begriffsbildung ist, besteht sie ganz unabhängig davon, ob es Atome gibt oder nicht. (…) Während infolge der neuen Physik die anderen Größen, die man bisher als unveränderlich angesehen hatte, insbesondere die Masse, diese Beschaffenheit haben aufgeben müssen, ist das unbedingte Erhaltungsgesetz nur für die Energie in Geltung geblieben, d.h. sie hat sich als die letzte Realität erwiesen, auf welche die Entwicklung der Wissenschaft hingeführt hat.

Da der Energie nach Einstein auch Masse zuerkannt wurde, habe sie „also die Materie begrifflich verschluckt“. Hass zufolge sprach Ostwald „bereits 1887 die Ansicht aus, daß Materie ‚ein sekundäres Produkt der Energie‘ sei“ (Naturphilosophische Schriften, München 1987). Ostwald schrieb sich zu, den Fortschritt vom energetisch-materiellen Dualismus zum reinen energetischen Monismus vollzogen zu haben, indem er die Materie energetisch deutete.

Mit Einschränkung war demnach in Ostwalds Denken die Energie der Dreh- und Angelpunkt. Hatte Reich z.B. sein Heim und Laboratorium nach der Orgonenergie „Orgonon“ genannt, so taufte zuvor Ostwald sein Anwesen „Energie“. Auch sonst waren sich die beiden Männer ähnlich. Bei Ostwalds Tochter Grete Ostwald ist von der „Unbekümmertheit seines kindlichen Gemütes“ die Rede.

Der Reichtum seines unerschöpflichen Gedächtnisses, sein Organisations- und Ordnungstalent und seine Findigkeit für Zusammenhänge und Ähnlichkeit weit auseinander liegender Dinge dazu (…). (Wilhelm Ostwald. Mein Vater, Berlin 1953)

Ostwald war neben Ernst Haeckel (1834-1919) einer der bedeutendsten Vertreter des „Monismus“, den er 1912 in Der energetische Imperativ als „das Einheits-Prinzip der Wissenschaft“ definierte. Aber auch bei Staat und Familie, ökonomischer und künstlerischer Arbeit sollte der Einheitsgedanke durchgeführt werden:

Wir wollen nicht unseren Geist umschalten müssen, wenn wir aus der Wissenschaft in die Kunst treten, wir wollen dieselben Prinzipien für unser ethisches wie für unser wirtschaftliches Handeln anwenden können; wir wollen uns bewußt sein, daß wir nichts tun oder treiben können, als was überall im Grunde mit dem wissenschaftlichen und sozialen Denken zusammenhängt und daher allseitig übereinstimmen muß. Also die Harmonie unserer gesamten Betätigung ohne jede Ausnahme, die wir doch bewußt oder unbewußt alle anstreben, das ist das, was ich Monismus nenne.

40 Jahre später schrieb Reich in seiner Abhandlung zum ORANUR-Experiment:

Alle Grenzen zwischen Wissenschaft und Religion, Wissenschaft und Kunst, Objektivem und Subjektivem, Quantität und Qualität, Physik und Psychologie, Astronomie und Religion, Gott und Äther stürzen unwiderruflich in sich zusammen und werden ersetzt durch eine Konzeption der grundsätzlichen Einheit, eines grundsätzlichen gemeinsamen Funktionsprinzips (CFP) der gesamten Natur, das sich in die verschiedenen Arten menschlicher Erfahrung verzweigt.

Ostwald versuchte, übrigens genau wie Mach und neuerdings Ilya Prigogine, naturwissenschaftliche Methoden im Rahmen der Energetik, bzw. der Thermodynamik, auf die „Geisteswissenschaften“ zu übertragen. (Und hier ist durchaus eine Nähe zur naturwissenschaftlichen Psychologie von Reich gegeben.) Wie gesagt stützte sich Ostwald in Die energetische Grundlagen der Kulturwissenschaft 1909 auf die soziologischen Theorien Solvays. Dessen Begriff „Energietransformator“ übertrug er „auf die Organe und auf die Werkzeuge der menschlichen Machtkörper, Maschinen inbegriffen“ (Hass/Lange-Prollius: Die Schöpfung geht weiter, Stuttgart 1978). Was die Wirtschaftler „Produktionsmittel“ nennen, bezeichnete er deshalb als „Transformationsmittel“. So breite der Mensch sein „energetisches Gebiet“ auf die anorganische Umwelt aus und konnte „fremde Energie“, z.B. fossile Brennstoffe oder Kernkraft, dem Lebensprozeß nutzbar machen.

Ganz im Sinne des Fortschrittsoptimismus seiner Zeit ging Ostwald davon aus, daß der Mensch mit Hilfe der Technik, und der durch sie möglich gewordenen größeren Energienutzung, immer glücklicher werden würde. Glaubte er doch, das Glück „wachse sowohl mit der gesamten Energiebetätigung wie mit dem willensgemäßen [Energie-] Überschuß.“ Glück definierte er als „stärkste, freiwillige Energiebetätigung.“ Widerstand, die diese lähme, müsse ausgeschaltet werden. Wie nah Ostwald hier doch formal den Prinzipien der Orgonomie gekommen ist!

Geprägt durch die Drohung des 2. Thermodynamischen Gesetzes (des „Dissipationsgesetzes der Energie“ wie Ostwald es nennt) die Welt strebe dem „Wärmetod“ zu, diesem „Fundamentalphänomen allen Geschehens in der Welt“, dachte Ostwald natürlich nicht, wie Reich, an die Entladung überschüssiger Energie. So lautete Ostwalds „energetisches Imperativ“ folgerichtig: „Vergeude keine Energie, verwerte und veredle sie.“ Damit ließe sich, so Ostwald 1912, seine „bisherige gesamte Arbeit am deutlichsten zusammenfassen.“ Dies läuft natürlich direkt gegen das Orgonomische Potential als dem Grundcharakteristikum der Orgonenergie.

Einleitung zu PLANET IN TROUBLE

13. April 2014

jeromeedenseite

Ein Auszug aus Jerome Edens Buch Planet in Trouble (New York 1973): Einleitung zu PLANET IN TROUBLE

„Äther“ und Orgonenergie (Teil 1)

30. Oktober 2013

Was ist die Orgonenergie? Im allgemeinen lautet die Antwort der Orgonomie, daß die Orgonenergie der „Äther“ sei, eine „Substanz“, die den Raum wie ein Gas anfüllt, entsprechend dem „Äther“-Konzept der vulgärmechanistischen Physik des 19. Jahrhunderts. Aber diese bequeme traditionelle Herangehensweise, wie sie z.B. von C.F. Baker vertreten wird („Energy: An Overview“, Annals of the Institute of Orgonomic Science, Vol. 4, Sept. 1987, S. 6-12), macht die Orgonomie mechanistischer als die moderne Physik. C.F. Bakers ganze Herangehensweise erinnert verblüffend an das 19. Jahrhundert mit Buchtiteln wie „Die Kraft. Eine realmonistische Weltanschauung. Bd. I: Die Kontraktionsenergie, die letztursächliche einheitliche mechanische Wirkungsform des Weltsubstrates“ von J.G. Vogt (Leipzig 1878, aus Nietzsches Bibliothek: Kommentar zu den Bänden 1-13, dtv-Studienausgabe Bd. 14, München 1988, S. 647).

Reich war jedoch sehr darauf bedacht, die Orgonenergie nicht mit dem „Äther“ der klassischen Physik gleichzusetzen (Äther, Gott und Teufel, Frankfurt 1983, S. 139-142). Während der „Äther“ das Kernkonzept des Mechanismus ist, ist „Gott“ das des Mystizismus (ebd., S. 40 und S. 51). Es sollte mehr denn offensichtlich sein, daß die Orgonenergie genausowenig mit dem mechanistischen Konzept des „Äthers“ identisch sein kann, wie mit dem mystischen Konzept „Gott“. Wer das eine bejaht, muß auch das andere in Kauf nehmen. Daß die Dualität von „Äther“ und „Gott“ (auch wenn das eine unter vermeintlichem Ausschluß des anderen vorgestellt wird) unmöglich das tiefste Funktionsniveau sein kann, zeigt Reichs Diagramm der funktionellen Beziehung von „Äther“, „Gott“ und Orgonenergie (ebd., S. 51):

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Während die tiefere Funktion Teil der Natur ist (einschließlich der Natur des gepanzerten Menschen unterhalb der Panzerung), sind die beiden höheren Funktionen, die Reich in Anführungszeichen setzt, nur künstliche Bezugssysteme des Denkens des gepanzerten Menschen; kontaktlose Konzepte, die auf Panzerung beruhen und deshalb funktionell äquivalent sind. Sie sind die Projektion der Panzerung des Menschen in Form des „Absoluten“ jenseits des Wechsels, des „Erzeugers von Energie“ jenseits allen Metabolismus (z.B. Charles Kelleys „Radix“-Konzept), des „ersten Bewegers“, d.h. des „bewegungslosen Bewegers“ jenseits von Bewegung, während die primäre Realität, die sich unterhalb von ihnen befindet, wegen der Panzerung unerreichbar bleibt.

Nichtsdestoweniger hat sich die mechano-mystische Auffassung in der Physik erstaunlicherweise bewährt, wie aus unserer technischen Umwelt in den letzten 200 Jahren ersichtlich ist, die aus den Ruinen des metaphysischen Zeitalters hervorgegangen ist. Diesem sehr erfolgreichen Muster folgend, könnte man Orgon (-Energie) als eine Art von „trägem Stoff“ betrachten, der „konzentriert“ wird. (Die Anführungszeichen stammen von Reich, der sich dafür entschuldigt, einen Begriff zu benutzen, der nur für materielle Stoffe geeignet ist [Äther, Gott und Teufel, Frankfurt 1983, S. 145].) Orgonenergie würde wie ein materielles Medium sein, in dem sich Bewegung fortpflanzt und so Energie übertragen wird, die in der Verformung des Mediums gespeichert ist (vgl. (Baker, S. 7-10, wo C.F. Baker genau dieses Konzept des letzten Jahrhunderts als „orgonomische Wissenschaft“ verkauft).

Kann man die Orgonenergie tatsächlich als „materielle Substanz“, als „elastischen Stoff“ betrachten? Reich macht deutlich, daß diese Mediums-Charakteristiken Funktionen der massefreien Orgonenergie sind, nicht vice versa, d.h. „die physikalischen Funktionen, die in der Orgonphysik als ‚Orgonenergie‘ abstrahiert werden“, wie Reich sich ausdrückt (Äther, Gott und Teufel, S. 146; Hervorhebung hinzugefügt), sind nicht hergeleitet aus einer mechanischen elastischen „Substanz“, sondern die Grundfunktion der Orgonenergie ist, Reich zufolge (ebd., S. 146; 11:98), Bewegung nicht die Behinderung von Bewegung (vgl. Baker, S. 12f). „Energie ist eine Funktion der Bewegung und umgekehrt“ (Äther, Gott und Teufel, S. 157). Energie und Bewegung sind eng miteinander verbunden und fast identisch (ebd., S. 51, 146; Das ORANUR-Experiment II, Frankfurt 1997, S. 132; „Complete Orgonometric Equations“, Orgone Energy Bulletin, 3: 65-71, April 1951, S. 69). Energie ist nicht die „Einschränkung von Bewegung“ durch einen seltsamen „elastischen Stoff“ (Baker, S. 10); sie ist nicht die Funktion des dem mechanischen Potential folgenden Zurückgehens zu einem ursprünglichen Gleichgewichtszustand, sondern ganz im Gegenteil ruft die selbst-bezügliche Beschränkung der primordialen Orgonenergie-Bewegung jene Funktionen hervor, die die erzmechanistischen Physiker des 19. Jahrhunderts (und heutige „Orgonphysiker“) unter dem Begriff des „elastischen Äthers“ (ebd., S. 8-11) an den Grund aller Naturerscheinungen stellen.

Die Orgonenergie konnte nur deshalb als „elastischer Stoff“ mißinterpretiert werden, weil das „Zurückkehren zum ursprünglichen Zustand“ tatsächlich der Kern der Mediums-Charakteristiken der Orgonenergie ist. Ich betrachtet die Orgonenergie als funktionell identisch mit Pulsation – gewissermaßen ist die Orgonenergie Pulsation (Äther, Gott und Teufel, S. 105 und S. 158-161; „Orgonomic Functionalism, Part II (Chapters 13. – 14.)“, Orgone Energy Bulletin, 4: 186-196, Oct. 1952, S. 191f). Die Mediums-Charakteristik der Orgonenergie, ihre Qualität des Gleichbleibenden (= Substanz), ist dann funktionell identisch mit der ständigen Rückkehr zur jeweilig vorausgegangenen Phase, was ja die Natur der Pulsation ausmacht (und auch dem „kohärenten“ orgonomischen Potential inhärent ist): Exp. → Kontr. → Exp. → Kontr. Natürlich gibt es hier keine mechanische Wiederholung, da es so etwas im Bereich des orgonotischen Funktionierens nicht gibt, sondern nur das „EINE Gesetz“ der Pulsation in all der „Gesetzlosigkeit“ der Orgonenergie-Funktionen (Äther, Gott und Teufel, S. 158).