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People’s Temple: eine Fallstudie über Faschismus und die Emotionelle Pest (Teil 1)*

3. Mai 2019

von Paul Mathews, M.A.**

 

Am 18. November 1978 wurden in Jonestown, der Parlamentarier Guyana, Leo J. Ryan, ein Kongreßabgeordneter aus San Francisco, drei Journalisten und eine Frau niedergemetzelt, und mehrere andere Personen wurden von Angehörigen eines Kultes namens People’s Temple [Volkstempel] schwerverletzt. Am selben Abend nahmen in Jonestown mehr als 900 Mitglieder dieses Kultes an einem rituellen Massenselbstmord teil, der in unserer Zeit einzigartig und in der Geschichte selten ist. 73 n. Chr. wählten die jüdischen Eiferer von Masada (960 Männer, Frauen und Kinder) den Suizid, anstatt sich den metzelnden römischen Legionen zu unterwerfen und sich versklaven zu lassen. Hunderte von Japanern sprangen von den Klippen von Saipan in den Tod, als sich während des Zweiten Weltkriegs die amerikanischen Truppen näherten, da ihnen von ihren Führern erklärt worden war, daß sie gefoltert werden würden; Kamikaze-Selbstmordpiloten waren ein weiteres Merkmal der japanischen Kultur. Diese und andere Beispiele wurzelten jedoch im tatsächlichen Streß des Krieges, rationalen Ängsten und einer Wahl zwischen Leben und Tod. Die Vorfälle in Jonestown wurden dagegen durch die Identifikation mit einem charismatischen, wenn auch paranoiden Führer ausgelöst.

Besonders interessant und bedeutsam an der Jonestown-Katastrophe sind die Parallelen, die zwischen diesem Ereignis und dem orgonomischen Verständnis des Faschismus und der Emotionellen Pest, wie sie von Wilhelm Reich (1) beschrieben wurden, gezogen werden können. Jonestown und der People’s Temple repräsentieren im Wesentlichen einen Mikrokosmos der makrokosmischen Faschismen des zwanzigsten Jahrhunderts:1 der Schwarze Faschismus der Nazis und der Rote Faschismus der Kommunisten. Ideologisch war es natürlich eine Variante des letzteren (2). Untersuchen wir diese Parallelen.

Der Faschismus ist nicht nur ein totalitäres oder äußerst autoritäres Regierungssystem, wie Reich überzeugend dargelegt hat. Vielmehr ist es der spezifische Charakter der Menschenmassen in unserer mystisch-mechanistischen Welt, der sich nach Freiheit sehnt und gleichzeitig unfähig zu ihr ist. Der Faschismus stellt die Summe der Irrationalität des Menschen dar (wie die Ereignisse in Jonestown besser beschreiben!).

In Die Massenpsychologie des Faschismus (1, S. 206ff) definiert Reich die „sozialistische Sehnsucht“ als Sehnsucht nach Freiheit von Unterdrückung jeglicher Art. Reich erklärt, daß diese Sehnsucht nach Freiheit „in Form eines Kompromisses mit der Angst vor Verantwortung“ aufgetreten ist, und sagt: „Die Angst vor gesellschaftlicher Verantwortung in den Menschenmassen brachte die sozialistische Bewegung in staatliches Fahrwasser.“ Friedrich Hayek, ein Nobelpreisträger, hat über den unaufhaltsamen und unvermeidlichen Trend sozialistischer Systeme geschrieben, totalitäre Diktaturen zu werden (3). Reich hinwieder machte den Mechanismus dieser Transformation mit seiner Definition des Faschismus deutlich. Laut Reich brachten die Begriffe „sozial“ und „sozialistisch“ (wie sie beispielsweise von den primitiven Christen praktiziert wurde) ursprünglich die Ideale von Freiheit, Unabhängigkeit, internationalem Good Will und Zusammenarbeit zum Ausdruck, aber sie wurden von sogenannten National-Sozialisten aller Art – Hitler, Mussolini, Stalin usw. – verdreht und ausgenutzt. Reich vergleicht sie mit Wucherern, die aus der Krankheit der Menschen Kapital schlagen, ein Gift erfinden, das die Sehnsucht nach Besserung schafft, und es „Medizin“ nennen. „Der Wucherer“, sagt Reich, „der an Krankheiten reich werden will, sollte sein Gift korrekterweise ‚Krankheitin‘ nennen. Er nennt es aber ‚Heilserum‘, weil er genau weiß, daß er Krankheitin nicht verkaufen könnte. Genauso geht es dem Worte ‚sozial‘ und ‚sozialistisch‘“ (1, S. 207). Des weiteren sagt Reich: „Die politische Reaktion lebt und wirkt innerhalb der Struktur des Denkens und Handelns der unterdrückten Menschenmassen in Form von charakterlicher Panzerung, Angst vor Verantwortung, Freiheitsunfähigkeit und, last, but not least, als endemische Verkrüppelung des biologischen Funktionierens“ (1, S. 209f). Wenn wir die beiden letztgenannten Begriffe – den Ausbeuter (sozialistischen „Medizinmann“) und die Ausgebeuteten (gepanzerten Massen) – zusammenbringen, haben wir die Basis des faschistischen Staates und des People’s Temple.

 

Anmerkungen

* Basierend auf einem Vortrag, der im Frühjahr 1979 an der New York University gehalten wurde.

** Adjunct Associate Professor (Lehrbeauftragter) an der New York University. Orgonomischer Berater. Mitglied des American College of Orgonomy.

(1) Vgl. das Diagramm zu Makro- und Mikrokulten in diesem Artikel.

 

Literatur

1. Reich, W.: Die Massenpsychologie des Faschismus, Frankfurt: Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 1974
2. „The Concealed Confessions of Jim Jones“, AIM Report, Vol. VIll, No. 4, February 11, 1979
3. Hayek, F.: The Road to Serfdom. Chicago: University of Chicago Press, 1962

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 13 (1979), Nr. 2, S. 249-260.

Funktionalismus und Antikommunismus

28. November 2016

Um das Wesen einer Sache zu begreifen, ist es gut eine Entsprechung zu finden, so daß die funktionellen Zusammenhänge deutlicher hervortreten. Man nehme etwa das Stachelkleid eines Igels. Man kann es mit allen möglichen Mitteln untersuchen, etwa eine elektronenmikroskopische Untersuchung eines Stachels durchführen oder versuchen, die evolutionäre Entwicklung des Stachelkleides zu rekonstruieren. Die zentrale Funktion der Stacheln geht aber erst auf, wenn man sie mit etwas möglichst in jeder Hinsicht anderem gleichsetzen kann, hier etwa mit dem Werkschutz einer Fabrik. Es geht hier um die Abwehr äußerer Feinde. Mit welchen Mitteln diese Funktion durchgeführt wird und wie sich diese Mittel entwickelt haben, ist erst mal gleichgültig.

Betrachten wir die heutigen Kommunisten, d.h. jene Leute, für die diese Gesellschaft durchgehend und unveränderbar (jedenfalls unter der heutigen Ordnung unveränderbar) keinerlei Existenzberechtigung hat, weil ihr Standard für eine gerechte und lebenswerte Gesellschaft über alle realistischen Maßstäbe hinausgeht, hilft es wenig, die Geschichte ihrer Ideologie von Marx bis Marcuse zu rekonstruieren oder irgendwelche soziologischen und psychologischen Studien über diese Leute vorzulegen. Was sehr wohl hilft, um sie zu begreifen und entsprechend besser mit ihnen umzugehen, ist die Suche nach einer Entsprechung. Eine solche findet sich spontan bei den Gnostikern im Römischen Reich, zu denen anfänglich auch viele Christen zu zählen waren. Es hätte sogar passieren können, daß das Christentum selbst als eine der unzähligen gnostischen Sekten in die Geschichte eingegangen wäre. Ihr Ansatz war, daß der Schöpfer dieser von Ungerechtigkeit, Krankheit und Tod gequälten Welt in Wirklichkeit der Teufel ist und daß der wahre Gott, der Erlösergott, außerhalb dieser Hölle ist und uns aus ihr befreien will. Lichtgestalten wie Christus seien seine Boten. Diese denkbar tiefgreifende anti-autoritäre Haltung führte zu einer heimlichen oder sogar offenen Ablehnung jedweder Institutionen und konnte sich sowohl in extremer Askese, als auch in extremen sexuellen Ausschweifungen zeigen. Wenn man will kann man in die Gnosis bereits die ganze Aufklärung hineinlesen. (Ich hoffe, der Leser kann all den mystischen Unsinn, der sonst in die Gnosis durch Anthroposophen, Jungianer, etc. hineingelesen wird, beiseite lassen!)

Der Blick auf die Gnostiker ermöglicht es uns die heutigen Kommunisten in schärferen Umrissen zu sehen, d.h. das Wesentliche (Überzeitliche) vom Unwesentlichen (Zeitgebundenen) zu scheiden. Kommunisten sind Nihilisten, denen kein gesellschaftlicher Zustand gut genug ist. Beispielsweise hat Trotzki ausgeführt, daß selbst wenn alle Arbeiter im Kapitalismus den Lebensstandard eines Millionärs hätten, die Gesellschaft dennoch ungerecht und eine Revolution unausweichlich sei, da ihnen immer noch der Mehrwert genommen wird. Nichts, buchstäblich nichts, wird den Kommunisten jemals zufriedenstellen. Das ist im übrigen der verborgene rationale Aspekt der Stalinistischen Säuberungen gegen vermeintliche „Trotzkisten“. Selbst eine kommunistische Gesellschaft kann keinen Bestand haben, gleichgültig wie ideal sie auch immer sei, die wirklichen (d.h. charakterologischen) Kommunisten werden die „Befreiung“ immer weiter vorantrieben. Nichts wird „Rote Brigaden“ jemals einlenken lassen. Imgrunde lehnen sie das Leben selbst, das gesamte Universum ab. Ihr Gott ist Satan, der ewige Widersacher, der ewige Neinsager. Für sie hat nichts, was erschaffen ist, wert erhalten zu bleiben. In ihrem unstillbaren Haß gegen „die Schöpfung“ sind Kommunisten die ultimative Ausdrucksform der Emotionellen Pest.