Posts Tagged ‘LaMettrie’

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 72)

10. Juli 2023

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Nimmt man die Darwinistische Biologie ernst, müßte die Welt ein Sade’scher Horroralptraum sein voller „militärisch“ mißgestalteter und übelriechender hochtoxischer Freßroboter, die sich gegenseitig massakrieren. In Teilbereichen ist es ja tatsächlich so und übertriebene Naturromantik ist unangebracht. In Bambi haben sich fiese Parasiten eingenistet und auf der nächsten Lichtung wird es von einem Wolfrudel zerfleischt werden. Selbst ein ach so romantischer lichter Wald beruht darauf, daß sich die Bäume gegenseitig das Licht nahmen und zum verdorren brachten und mit chemischen Waffen den Boden für Konkurrenten vergifteten. The suvival of the fittest!

Diese, for lack of a better term, „mechanische Biologie“ entspricht eins zu eins dem Kapitalismus. Ich kaufe eine Firma, zerschlage sie und verkaufe die Firmenkadaver mit Profit und kriege noch eine fette Provision von der Konkurrenz. Das gewonnene Geld investiere ich dann in Waffen-, Drogen- und Organhandel.

Tatsächlich sieht die Realität aber etwas differenzierter aus: der Wald, wirklich jedes einzelne Blatt und jedes einzelne Tier und seine Organe sind orgonomförmig („bohnenförmig“) und pulsieren orgonotisch. Synergien, Kooperation, Erstrahlung und orgonotische Anziehung bestimmen das Bild. Im gesellschaftlichen Bereich entspricht das der Arbeitsdemokratie. Genauso im menschlichen Sexualleben. Natürlich wird es von Darwinistischen, evolutionsbiologischen Mechanismen bestimmt. Frauen sind in dieser Hinsicht unerbittlich, ohne es bewußt zu wollen. Reine Marionetten ihrer egoistischen Gene.

Doch, wieder, so kann die Natur auf allen diesen Ebenen („Wald“, Ökonomie, Sexualleben) nicht wirklich funktionieren. Es käme, als Physiker gesprochen, zu einer „Ultraviolettkatastrophe“, d.h. nach den Gesetzen der Thermodynamik bzw. einfach nach der energetischen Effizienz, würde alles in Mord und Todschlag sozusagen „zerstrahlen“. Wie so etwas aussieht, sehen wir gerade am rapiden Zerfall des Westens. Bzw. würde alles „zerstrahlen“, gäbe es nicht die „Quanten“, d.h. die oronotischen Form- und Funktionsgesetze.

Die Sade’sche Evolutionsbiologie ruht auf einem orgon-biophysikalischen Unterbau, ist von diesem abhängig und kann nur mit den Bauelementen arbeiten, die dieser zur Verfügung stellt. Der mörderische Kapitalismus ist von der Arbeitsdemokratie abhängig, die fundamentaler ist und der brutale Dating-Markt ruht auf der Genitalität, dem Liebesglück. Diese ist die Grundlage von allem, denn ohne es gäbe es keine emotional gesunden Kinder, die von glücklichen Müttern in harmonischen, befriedigenden Zweierbeziehungen herangezogen werden. Ohne diesen Hintergrund wären wir alle Killerroboter und die Gesellschaft wäre dem Untergang geweiht. Wie gesagt: man betrachte den gegenwärtigen Untergang des Westens und spreche mit Kindergartenbetreuerinnen und Psychiatern!

Aus genau diesem Grund werden die „Nihilisten“ und Leute wie Laska ewig aneinander vorbeireden. Und genau das ist der Grund, warum Reich „zum Mikroskop griff“, als er an den beiden Sperrspitzen der Aufklärung: der mentalhygienischen und arbeiteremanzipierenden Seite so dramatisch scheiterte.

LaMettrie, Stirner und Reich hatten ein Grundvertrauen in „die Natur“ („freie Kindererziehung“), während für ihre Gegner die Natur gleichbedeutend mit der Hölle ist. Nicht von ungefähr warfen die Marx-Anhänger Reich immer „Biologismus“ vor, womit sie ihn untergründig in die Nähe Hitlers rückten. Was beide Parteien nicht sehen, ist, daß es um drei Bereiche geht: erstens den „funktionellen“ „bioenergetischen“, den Reich beschrieben hat und den die antiaufklärerischen Mystiker („Gott“) und die Aufklärer („Vernunft“) auf verzerrte und deshalb letztendlich destruktive Weise „anbeten“ – es ist das Über-Ich, das den zweiten, destruktiven Bereich erzeugt (all den individuellen und gesellschaftlichen Horror, gegen den das Über-Ich dann mobilisiert werden muß – in einem Circulus vitiosus). Daneben gibt es einen dritten Bereich, der LSR angreifbar macht und den die Gegner gerne als Waffe benutzen (Stichwort „Rousseauismus“): die unerbittliche „mechanische“ Natur (egoistische Gene, Empfängnisverhütung, Krankheit und Naturkatastrophen, natürliche Auslese).

Die drei Bereiche werden beispielsweise von Reich (1), Freud (2) und den Nationalsozialisten (3) verkörpert. Der Neonazi Michael Kühnen hat in etwa gesagt: „Wir Nationalsozialisten werden letztendlich siegen, weil wir die einzige Partei sind, die die Gesetze der Biologie vertreten!“ Deshalb hatte er in den 1980ern auch Sympathien für die Grünen, die „biologische Partei“ – doch die Grünen verkörpern den Bereich des Gutmenschen (2). Der „bioenergetische“ Bereich steht grundsätzlich außerhalb der Politik (1).

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 69)

17. Juni 2023

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

LaMettrie zusammengefaßt:

1. die Maschine, und zwar eine sozusagen „vitalistische Maschine“ im Sinne von Friedrich Kraus („vegetative Strömung“, Elektrolyte, Membranen, „Bioelektrizität“) und Reichs „sexualökonomischer Lebensforschung“.

2. die Bedeutung der Imagination, die dieses „Maschinelle“ sozusagen in die geistige Welt ausweitet und so der üblichen „geistigen Welt“ (Philosophie, Kultur) ein Ende setzt. (Ich habe den Eindruck, daß Ursula Jauch in ihrem großen Buch über LaMettrie mit ihrer Rede, ihrem Gerede, von der „Wiederverzauberung der Welt“, LaMettrie verfehlt, denn der will die geistige Welt ganz im Gegenteil endgültig entzaubern.)

3. sein Konzept der Wollust als eine teilweise verblüffend paßgenaue Vorwegnahme der Reichschen Orgasmustheorie. (LaMettrie verwendet sogar explizit den Begriff „die Funktion der Wollust“).

4. schließlich die Negation des Schuldgefühls, des später sogenannten „Über-Ich“; eine innere bzw. verinnerlichte Instanz, die diese ganze natürliche Maschinerie durcheinanderbringt („verdorbene Imagination“ durch Triebstau) und so die Menschen um ihr Glück bringt.

In Die Kunst, Wollust zu empfinden exemplifiziert LaMettrie seine quasi „sexualökonomische“ Weltsicht mit Hilfe einer Art hypothetischer „Trobriander“, d.h. zwei Menschenkindern, die sich in einer Art Garten Eden lieben. Dieses sozusagen „sexualökonomische“ Idyll findet seine Entsprechung in ökonomischen Szenarios dieser Zeit mit Hirten und Fischern und Bauern, die ihre Güter frei austauschen. Man denke nur an Adam Smith. Typisch Rokoko! Und natürlich anthropologischer Unsinn. Wie uns die „genital gesunden, matristischen“ Trobriander in Melanesien zeigen, ist sowohl das Liebesspiel als auch die Ökonomie nicht primär ein einfacher wilder Austausch im Hier und Jetzt, in dem der Faktor Zeit keine Rolle spielt, sondern das Eingehen von längeren Bindungen durch Geschenke, die zurückgezahlt werden müssen – mit Zins. So entsteht ein Gewebe von gegenseitigen Verpflichtungen, die die Gesellschaft zusammenhält.

Interessanterweise ging und geht es den Marxisten und selbst den heutigen „Zinskritikern“ stets darum, dieses Geflecht gegenseitiger Verpflichtungen zu zerschlagen und die Wirtschaft auf bloßen Tausch zu reduzieren (was war die DDR-Wirtschaft anderes als offizieller und inoffizieller primitivster Tauschhandel?) und die Sexualität auf Physiologie frei vom „bürgerlichen“ Brimborium.

Ich erwähne das, weil es zeigt, wie schnell LSR ins Gegenteil verkehrt werden kann. Unvermittelt steht LaMettrie neben seinem Gegensatz, dem Marquis de Sade, Stirner wird zum Paten irgendwelcher „Egoisten“, gar Serienmördern, und Reich wird zum Urvater der „sexuellen Revolution“… – und das durch kaum merkliche Akzentverschiebungen, die der Oberflächlichkeit der Massen zu schulden ist. LaMettrie wird einerseits zum Propheten mechanischer Androiden, andererseits zu einer Art „Drogenpapst“ und vor allem zum Vorgänger von de Sade!

Genau deshalb hat Laska um jedes Wort gerungen, nur um nicht wieder L und S R mißverstanden dastehen zu lassen.

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 68)

6. Juni 2023

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Eine moralische Sichtweise hat in der Orgonbiophysik nichts zu suchen. Es ist nicht die Frage, ob etwas „gut“ oder „böse“ ist, sondern ob es gesund oder ungesund ist, d.h. das Lebendige fördert oder unterdrückt. Von daher macht beispielweise der Satz, daß „der Mensch von Natur aus gut ist“ keinen Sinn. Mit Stirner könnte man nämlich eher sagen, daß der Mensch von Natur aus ein Verbrecher ist! Der Satz „Der Mensch ist von Natur aus gut“ bedeutet doch letztendlich, der Mensch ist gesellschaftskompatibel, d.h. moralisch. Deshalb sei Freiheit möglich, Zusammenarbeit, Glück, Prosperität ohne Zwang etc. Aber darum geht es halt nicht! Es geht nicht um „Freiheit“, sondern mit Stirner um EIGENHEIT. Jeder Mensch vertritt von Natur aus seine eigenen Interessen und ist deshalb „verbrecherisch“ bzw. „böse“ gegenüber der Gesellschaft.

Stirners Gedanke war es, daß trotzdem eine Gesellschaft möglich ist, weil diese „Eigenheiten“ miteinander kompatibel sind. Ein Gedanke, der sich entstellt und andeutungsweise auch bei Nietzsche ausmachen läßt mit dem: die Welt ist Wille zur Macht und nichts außerdem. Nur daß bei diesem die unendlich vielen Machtzentren (die unendlich vielen „Willen zur Macht“) in alle Ewigkeit ein sadomasochistisches Hin und Her ausfechten. Diese Vorstellung entspricht einer Welt, in der die Individuen durch das Über-Ich in eine unendlich sich variierende Vielfalt zersplittert – ist. Die bunte Vielfalt der Neurosen, die früher die Psychoanalytiker so faszinierte und die heute als „Diversität“ gefeiert wird. Aber ohne Über-Ich gäbe es DIESE Vielfalt gar nicht!

Also: wenn jemand sagt: „Der Mensch ist von Natur aus gut“, dann heißt das, daß er tolerant ist und die Vielfalt der Neurosen toleriert. Tatsächlich ist aber das exakte Gegenteil gemeint: der Stirnersche Mensch rebelliert „böse“ gegen diese Vielfalt. LaMettries auf „tugendhafte“ Weise wollüstige Mensch, Stirners „Einziger“ (!) und Reichs genitaler Charakter – ist eine Einfalt; die Einfalt des „Menschentiers“ (Reich), das nicht mehr ist als ein „bohnenförmiger Membransack voller pulsierender Orgonenergie“. Aus der Sicht der bunten Welt ist das das absolut Böse. Heute wird gegen dieses der „Diversität“ entgegenstehende Böse härter angekämpft als jemals zuvor. Sozusagen: „Für diese LSR-Schwurbler ist der Mensch von Natur aus Nazi! Der Mensch ist aber von Natur aus gut, nämlich – divers.“

Reich hat das mal gegenüber seiner Sekretärin und zeitweisen Geliebten Lois Wyvell sehr schön zum Ausdruck gebracht: die meisten Menschen gehen wie ein Bär, ein Fuchs, ein Hase etc., während nur ganz wenige Menschen wie – Menschen gehen. Tendenziell können nur die letzteren „tugendhafte Lust“ (LaMettrie) empfinden, nur sie sind Eigner ihrer selbst, nur sie sind orgastisch potent.

Die Frage, nach der ursprünglichen „Gutheit“ des Menschen wurde nicht zuletzt durch die Erbsündenlehre hoffnungslos verkleistert. Diese wird nur von der von Augustinus beherrschten Westkirche vertreten, während die Ostkirche, der Islam, das Judentum sie ablehnen. Auch dort „ist der Mensch von Natur aus gut“ bzw. in der Orthodoxie erben wir nicht eine „Schuld“ von Adam, sondern den Tod, der uns anfällig für die Sünde macht.

Im Anti-Seneca schreibt LaMettrie: „Den Nerven fehlt eine Triebfeder, um angenehme Modifikationen festzuhalten: stattdessen besitzen sie eine, die die unangenehmen bewahrt“ (S. 151). Das macht uns anfällig für Panzerung. (Man siehe nur mal Reichs entsprechende Ergebnisse in seinen bio-elektrischen Experimenten von 1935!) Der Mensch erbt zwar nicht „von Natur“ irgendeine Schuld (Über-Ich), aber eine unglückliche Anfälligkeit… Deshalb kann man nicht schlichtweg sagen „Der Mensch ist gut.“

Es gibt Menschen mit weniger gut ausgebildeten „Spiegelneuronen“, Problemen mit dem Frontalhirn, etc. Genauso wie es von Natur aus friedlichere und angriffslustigere Schäferhunde aus ein und demselben Wurf gibt. Nichts wird jemals perfekt („gut“) sein. Ähnlich argumentiert auch LaMettrie mit den Kenntnissen eines Mediziners aus dem 18. Jahrhundert. Und seine Antwort war ähnlich „ökonomisch“ (sexualökonomisch, „energieökonomisch“) wie die Reichs: Zähmung durch „tugendhafte Lust“.

Authentisch, autonom, frei, selbstbewußt, glücklich und produktiv (Teil 4)

4. Juni 2023

Du kannst nur authentisch, autonom, frei, selbstbewußt, glücklich und produktiv sein, weil die Orgonenergie eine ganz bestimmte Eigenschaft hat, die aller mystisch-mechanistischen Weltanschauung widerspricht: Spontanität.

Die Auseinandersetzung mit Max Stirner zwang Marx seinen Feuerbach‘ismus, d.h. die pseudoatheistische Vergöttlichung „der Menschheit“, hinter sich zu lassen und stattdessen den Historischen Materialismus zu entwerfen. Was leistet der? Er vergesellschaftet das Individuum und errichtet so durch die Hintertür doch wieder „die Menschheit“ Feuerbachs.

Dazu diese interessante Aufstellung: https://willenberg-clp.de/wp-content/uploads/2020/10/synopse-fb-m-f.pdf

Wie passen LaMettrie, Stirner und Reich hier rein? Sie vertreten keine Projektionstheorie, sondern, frei nach Sandor Ferenczi (als der um 1910 herum ganz kurz Reich vorwegnahm und dafür von Freud zusammengestaucht wurde), eine Introjektionstheorie.

Wer vertritt noch eine Introjektionstheorie? Das Christentum: der Mensch betet keinen Götzen (Gott) an, sondern umgekehrt wird Gott zum Menschen. Stirner spielt darauf in seinen anfänglichen Reden an Kirchengemeinden an. Und Stirner kehrt es schließlich um: ich habe meine Sache auf mich gestellt – genauso wie Gott die Welt aus dem Nichts geschaffen hat. Was bedeutet, die Welt aus dem Nichts zu schaffen? Spontanität, agieren aus der eigenen Fülle jenseits von „Ursache und Wirkung“.

Das Christentum vertritt eine zweite, komplementäre Introjektionstheorie: das gesamte Neue Testament handelt von nichts anderem, als daß „Dämonen“ von uns Besitz ergreifen und uns der Selbststeuerung berauben. Aus äußeren Hierarchien werden „innere Hierarchien“ (das Über-Ich), die uns dazu bringen gegen unsere eigenen Interessen zu handeln.

Stirner war dergestalt Materialist, weil er die allgemeinen Begriffe („die Menschheit“) aufhob und er war gleichzeitig Antimaterialist, weil er damit genau das aufhob, was den Wesenskern des Materialismus ausmacht: Ursache und Wirkung. Spontanität ist mit jedwedem Materialismus unvereinbar. Ich erinnere an den strengen Determinismus sowohl bei Marx als auch bei Freud (und gewisserweise auch bei Nietzsche). Hinter diesem Determinismus verbirgt sich natürlich letztendlich nichts anderes als der Deismus und damit ein „moralisches Universum“ – also die pseudomaterialistische Pseudoaufklärung, die alles Tat, um den Störenfried LaMettrie zu beseitigen.

Eine Leseliste zur Einführung in Bernd A. Laskas LSR-Projekt

20. Mai 2023

Die folgenden Bücher und Artikel sollte man in dieser Reihenfolge lesen, um sich in Bernd A. Laskas LSR-Projekt einzuarbeiten.

Am Anfang steht natürlich Laskas Reichs Biographie sowie Reich selbst und zwar jenes Buch, das Laska ursprünglich in seinem LSR-Verlag neu herausbringen wollte: Reichs von seinen beiden engsten Mitarbeitern, dem Psychiater Elsworth F. Baker und dem Gynäkologen Chester M. Raphael, kurz nach Reichs Tod zusammengestellte Ausgewählte Schiften.

Daß Reich in dieser Liste an erster Stelle steht, hat sowohl historische als auch inhaltliche Gründe: mit ihm hatte sich Laska zuerst beschäftigt (und das als einer der ersten in unserem besetzten Vaterland) und zweitens ist Reich eine notwendige Einführung, um LaMettrie überhaupt verstehen zu können, nämlich daß sich beide Ärzte mit genau den gleichen beiden Dingen beschäftigt haben – nur daß dies bei LaMettrie zeit- und „verfolgungsbedingt“ nicht so eindeutig ist. Die besagten beiden Dinge sind das Angehen des Charakterpanzers (also des Über-Ichs) und die Orgasmustheorie, bei LaMettrie entspricht das seinen Theorien über das Schuldgefühl und „die Kunst Wollust zu empfinden“.

Die Frage ist natürlich, warum ich Stirner an die dritte Stelle verschoben habe, hatte Laska diesen doch nach Reich und vor LaMettrie für sich entdeckt. Zunächst einmal waren Reich und LaMettrie Ärzte und ihre beiden Theorien machen, wie angedeutet, einander verständlicher und zweitens wollte Laska in der Chronologie seines LSR-Projekts zunächst durchaus inhaltlich vorgehen, d.h. jeweils die Theorien seiner drei Helden herausarbeiten. Ansatzweise hat er das bei Reich und den Vorreden zu seinen LaMettrie-Übersetzungen auch gemacht, doch änderte er dann seinen Plan: „Die Widerstände und Abwehrmechanismen gegen L/S/R traten (….) in den Vordergrund meines Interesses; sie waren aufzudecken und zu studieren, bevor an ein Verständnis für die Intentionen von L/S/R auch nur zu denken war. Hier bot sich allerdings aus verschiedenen Gründen vorzugsweise Stirner bzw. dessen Wirkungsgeschichte an, so daß anstelle der ursprünglich geplanten Schriftenfolge zunächst die Stirner-Studien erscheinen.“ Dieses „Zunächst“ erwies sich dann als der eigentliche Abschluß des LSR-Projekts. Stirner ist nur in der von Laska angedeuteten Weise erschließbar, d.h. vom Widerstand gegen sein Werk her, und die Vorkenntnisse, die wir durch die Auseinandersetzung mit Reich und LaMattrie erworben haben, dienen uns hierbei als Orientierungspunkte, ohne die wir uns allzuleicht verirren könnten, beispielsweise „Stirner als Vertreter des Egoismus und Herold der nihilistischen Transgemeinde“.

Bernd A. Laska: Wilhelm Reich (https://www.amazon.de/gp/product/3499502984)

Wilhelm Reich: Ausgewählte Schriften (https://www.buchfreund.de/de/d/p/76916429/ausgewaehlte-schriften-eine-einfuehrung-in-die)

Bernd A. Laska: Zum Status der Reich’schen Theorie (1980): A. Allgemeiner Überblick (http://lsr-projekt.de/wrb/wrstatus.html)

Bernd A. Laska: Zum Status der Reich’schen Theorie (1980): B. „Früher“ contra „später“ Reich eine überflüssige Kontroverse (http://lsr-projekt.de/wrb/wrstatusb.html)

Bernd A. Laska: Zum Status der Reich’schen Theorie (1980): C. Freuds „Kommentar“ zu Reich (http://lsr-projekt.de/wrb/wrstatusc.html)

Bernd A. Laska: Zum Status der Reich’schen Theorie (1980): D. Reichs Krise 1926/27 (http://lsr-projekt.de/wrb/wrstatusd.html)

Bernd A. Laska: Wilhelm Reich – ohne Freud, Marx, Orgon (http://lsr-projekt.de/wrlex.html)

Bernd A. Laska: Die Negation des irrationalen Über-Ichs bei Wilhelm Reich (http://lsr-projekt.de/wrnega.html)

Bernd A. Laska: Wilhelm Reich als Sexuologe (http://lsr-projekt.de/wrsex.html)

Bernd A. Laska: Wilhelm Reich als Faschismusforscher (http://lsr-projekt.de/wrfasch.html)

Bernd A. Laska: Wilhelm Reich – Essenz und Konsequenz (http://lsr-projekt.de/wrinnuce.html)

Bernd A. Laska: Intro LSR (http://lsr-projekt.de/intro.html)

Bernd A. Laska: LSR als „anarchistisches“ Projekt (http://lsr-projekt.de/anarcho.html)

Julien Offray de La Mettrie: Der Mensch als Maschine (http://lsr-projekt.de/verlag.html#lsrqu1)

Julien Offray de La Mettrie: Über das Glück oder Das höchste Gut („Anti-Seneca“) (http://lsr-projekt.de/verlag.html#lsrqu2)

Julien Offray de La Mettrie: Philosophie und Politik (http://lsr-projekt.de/verlag.html#lsrqu3)

Julien Offray de La Mettrie: Die Kunst, Wollust zu empfinden (http://lsr-projekt.de/verlag.html#lsrqu4)

Bernd A. Laska: La Mettrie und die Kunst, Wo(h)llust zu empfinden – ein Portrait (http://lsr-projekt.de/lmsex.html)

Bernd A. Laska: La Mettrie – ein gewollt unbekannter Bekannter (http://lsr-projekt.de/lm-un-bekannt.html)

Bernd A. Laska: 1750 – Rousseau verdrängt La Mettrie (http://lsr-projekt.de/Rousseau-La-Mettrie.pdf)

Bernd A. Laska: Die Negation des irrationalen Über-Ichs bei Lamettrie (http://lsr-projekt.de/lmnega.html)

Bernd A. Laska: Panajotis Kondylis – unfreiwilliger Pate des LSR-Projekts (http://lsr-projekt.de/kondylis.html)

Bernd A. Laska: Martin Walser und La Mettrie (http://lsr-projekt.de/walser.html)

Max Stirner: Der Einzige und sein Eigentum (https://www.amazon.de/Einzige-sein-Eigentum-Reclams-Universal-Bibliothek/dp/3150030579)

Bernd A. Laska: Parerga, Kritiken, Repliken (http://lsr-projekt.de/verlag.html#lsrqu2)

Bernd A. Laska: Ein heimlicher Hit (http://lsr-projekt.de/verlag.html#ss1)

Bernd A. Laska: Ein dauerhafter Dissident (http://lsr-projekt.de/verlag.html#ss1)

Bernd A. Laska: „Katechon“ und „Anarch“ (http://lsr-projekt.de/verlag.html#ss1)

Bernd A. Laska: Max Stirner in nuce (http://lsr-projekt.de/msinnuce.html)

Bernd A. Laska: Max Stirner – Leben, Werk, Wirkung (http://lsr-projekt.de/mslex.html)

Bernd A. Laska: Der Stachel Stirner (http://lsr-projekt.de/stachel.pdf)

Bernd A. Laska: Die Negation des irrationalen Über-Ichs bei Max Stirner (http://lsr-projekt.de/msnega.html)

Bernd A. Laska: Max Stirner als Psychologe (http://lsr-projekt.de/Max-Stirner-Psychologe.html)

Bernd A. Laska: Nietzsches initiale Krise (infolge Stirner) (http://lsr-projekt.de/nietzsche.html)

Bernd A. Laska: Die Individualanarchisten und Stirner (http://lsr-projekt.de/msinda.html)

Bernd A. Laska: Der schwierige Stirner (http://lsr-projekt.de/msswi.html)

Bernd A. Laska: Den Bann brechen ! – Teil 1: Stirner, Marx, Marxforschung (http://lsr-projekt.de/msbann1.html)

Bernd A. Laska: Den Bann brechen ! – Teil 2: Stirner, Nietzsche, Nietzscheforschung (http://lsr-projekt.de/msbann2.html)

Bernd A. Laska: Max Stirner – ein anarchistischer Pädagoge? (http://lsr-projekt.de/mspa.html)

Bernd A. Laska: Der sexuelle „Verein“: Prototyp des Stirner’schen „Vereins“ (http://lsr-projekt.de/mssex.html)

Bernd A. Laska: Vade retro! – Zur Repulsionsgeschichte von Stirners ‚Einzigem‘ (https://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/opus4/frontdoor/deliver/index/docId/52066/file/Jahrbuch_FVF_22_2016_Laska_71_100.pdf)

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 63)

7. Mai 2023

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Reich kam aus einer bürgerlichen Welt. Es ist nur natürlich, daß er aus dieser verkorksten Welt, die er gerade noch als Offizier in aller Pracht erlebt hatte, zur Linken floh. Ein Milieu, in dem er den Rest seines Lebens zubrachte. Ich glaube, die einzige bedeutende Ausnahme in seiner Umgebung war Elsworth F. Baker.

Interessant, wie er sich zunehmend entfremdete: erst in Skandinavien, was er in seiner Rede an den Kleinen Mann beschreibt, dann von seiner Sekretärin Gertrud Gaasland und den ganzen SAP-Sympathisanten um Ilse Ollendorff herum Anfang der 1940er Jahre in New York. Darauf brachten ihn seine ultralinken Anwälte (insbesondere Hays) in eine unmögliche Situation gegenüber zunächst Mildred Brady und dann der FDA, was ihn endgültig zum Umdenken zwang.

Oder man denke nur an Neill. Ein bekannter, „einflußreicher“ Mann in der englischen Linken, der von einer Peinlichkeit in die andere stolperte, als er unter seinen Bekannten für Reich Werbung machte.

Der Mann (Reich) muß eigentlich ständig zu sich selbst gesagt haben: „Ich verstehe die Welt nicht mehr!“

Meines Erachtens liegt des Rätsels Lösung in den Beweggründen für Reichs fanatischen Linksradikalismus 1927-1934: endlich wirklich ernst machen mit dem Linkssein. Überhaupt das erste Mal wirklich ernst machen. Das ganze ist kläglich gescheitert, weil sich Reich falsch verortet hatte (Marx, Lenin und im Hinterkopf auch Nietzsche).

Ich glaube nicht, daß Reich von irgendeiner realen Linken noch irgendetwas hielt. Siehe seine Ablehnung gegen jene, die ihm noch am ehesten Sympathie und sogar praktische Hilfe entgegenbrachten: die englischen Anarchisten und die amerikanische Bürgerrechtsorganisation ACLU.

Stattdessen eine fiktive, bzw. eine denkmögliche Linke: eine, die beispielsweise den „Kern-Marx“ („die lebendige Arbeit“) begriffen hat. Er glaubte wohl tatsächlich Marx besser verstanden zu haben, als ein Erich Fromm und die anderen Marx-Talmudisten, die sich ihren Lebtag mit nichts anderem beschäftigt hatten. (Ähnlich mit den Freudianern.) Es wäre auch irgendwie peinlich gewesen, wenn ausgerechnet der Ultra-Leninist Reich von 1928-1934 sich theoretisch von Marx abgewandt hätte.

Reichs „linke Gesprächspartner“ waren die toten Klassiker. Seine Adressaten waren zukünftige Generationen. Aber ich glaube nicht, daß er auch nur ansatzweise glaubte, Linke müßten die Konsequenzen, die er aus dem Scheitern der Linken gezogen hat, besser nach- und mitvollziehen können als andere.

Bezeichnend ist doch etwa die Auseinandersetzung mit Theodore P. Wolfe und Gladys Meyer über Pfaffen: Reich hat den Gedanken ventiliert, ausgerechnet in dieser Gruppe vielleicht Verständnis zu finden. Und nicht von ungefähr kommt die Tradition, die nach 9/11 selbst James DeMeo angesteckt hatte, bei der amerikanischen Rechten nach Resonanz für die Orgonomie zu suchen. Die Konservativen hätten ihre Seele noch nicht dem Teufel übereignet. Ausgerechnet sie glauben noch an die Zukunft. Man denke nur an den Greis Reagan, der voller jugendlichem Elan war.

Imgrunde geht es doch darum, daß die Linke seit Jahr und Tag zynisch, sarkastisch und voll von Verachtung ist. Erstaunlich miefig, defätistisch, depressiv und pestig aufgrund von Verwesung. Verliebt in den Untergang (a la Extinction Rebellion) und ins Obskure und Perverse (etwa Transgender). Imgrunde verkörpern sie jene blasierte, dem Untergang geweihte Welt, aus der Reich einst geflohen war. Es gibt nichts Traurigeres als einen Altlinken: die größten Arschlöcher, die miefigsten Launebremsen sind „alternde, impotente linke Sozialpädagogen“.

Ich persönlich hasse sie aber aus einem ganz anderen Grunde: IHR Produkt begegnet mir tagtäglich auf der Straße, diese außerirdischen Wesen, diese „Kinder der Zukunft“ der 68er. Und schaue ich zurück, finde ich bei Stirner Trost, nicht bei Marx, bei LaMettrie und nicht bei Rousseau.

Ich muß gerade daran denken, ob nicht Reichs Denken eine radikale, fast schon „Leibnizsche“, Absage an jede Form von Utopismus (= der Suche nach einer besseren Welt) ist, „an sich“: „Arbeitsdemokratie“ und „Kinder der Zukunft“ als Verkörperungen der dynamischen Kraft des Faktischen. Beides im Sinne der „Nichteinmischung“ – da alles perfekt ist, so wie es ist – bzw. ohne das ständige Einmischen es wäre.

Das Jüngste Gericht begann 1960 (Teil 8)

6. April 2023

Marxisten, wie sie etwa in Neu Beginnen (siehe Der Rote Faden, Bd. 1) organisiert waren, oder die Mitglieder der Fabian Society, waren durchaus nicht antikapitalistisch im üblichen Sinne. Sie waren gegen das Unternehmertum, die „Anarchie“ der Märkte, glaubten aber, ganz im Sinne etwa der Rockefeller, daß das Monopolkapital dazu instrumentalisiert werden könne eine utopische Gesellschaft zu kreieren, in der es keine nationalen und Klassenunterschiede mehr gibt und in „Hegels“ Sinn absolute Freiheit und absolute Sklaverei identisch sind; das „Du wirst nichts besitzen aber glücklich sein“. Das Ziel war der Menschenzoo geleitet von einer wohlmeinenden Verwaltung und voller sedierter wohlgenährter, ähhh, „Menschen“, die man mit günstigem Insektenmehl füttert.

Aber bleiben wir beim Zoo und seiner Direktion. Worum geht es wirklich bei dieser sozialistischen Utopie? Du bist ein sexloses und aggressionsloses Neutrum, das unter einer strengen aber gerechten Leitung steht, die nur dein bestes will. Dieser technokratische Traum ist nichts anderes als „Über-Ich gegen irrationale, ich-hafte Triebe“. Der exakte Gegenentwurf ist Reichs selbstorgansierte „über-ich-freie“ Arbeitsdemokratie. Geistesgeschichtlich kann man das zurückverfolgen auf Max Stirner vs. Marx und weiter auf LaMettrie vs. Rousseau (der Spiritus rector der zentralistischen Französischen Revolution). Von daher auch der Vernichtungswille, der Reich sowohl von der Pharmindustrie als auch ihren vermeintlichen linken Gegnern (Mildred Brady) entgegenschlug.

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 60)

4. April 2023

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Während Rohrmoser Stirner zum Ahnherrn der atomistischen Revolution (die einem neuen Totalitarismus die Bahn ebnet) macht, ist für den ebenfalls Konservativen Klaus Hornung LaMettrie geradezu das Paradebeispiel eines Ahnherrn des totalitären Zeitalters, sozusagen ein Ur-Lenin:

Zuerst spielt Hortung auf Reich an („natürliche Ordnung als archimedischer Punkt“), dann auf Stirner („demiurgischer Allmächtigkeitsanspruch“), um schließlich bei LaMettrie zu landen:

Das philosophische Konstrukt der „Natürlichen Ordnung“ („Ordre Naturel“) schien einen archimedischen Punkt zur Entschleierung der Gesetze von Natur und Menschenwelt und damit auch zu ihrer vernünftigen Anwendung und Ordnung zu liefern. ([…] Jacov L. Talmon: Die Ursprünge der totalitären Demokratie, Köln und Opladen 1961, S. 15). Je mehr man sich der Französischen Revolution näherte, desto mehr verbreitete sich ein geradezu „demiurgischer Allmächtigkeitsanspruch“ (Joachim Fest: Der zerstörte Traum. Vom Ende des utopischen Zeitalters, Berlin 1991, S. 17), ein ingenieurhaftes Verständnis von Staat und Gesellschaft. Julien Lamettrie (1709-1751), Vorleser Friedrichs des Großen und dessen „Hofatheist“, wie Voltaire spottete, verstand in seinem Buch „L’Homme machine“ die Maschine als Schlüssel für die Erkenntnis auch von Mensch und Gesellschaft. (Giselher Wirsing: Schritt aus dem Nichts. Perspektiven am Ende der Revolutionen, Düsseldorf und Köln 1951, S. 91) Und die Abgeordneten der Nationalversammlung und des Konvents sahen sich als „Ingenieure der richtigen Ordnung“, mit der Aufgabe betraut, die gesellschaftlichen Verhältnisse so einzurichten, daß sie den Menschen zu einem „vernünftigen und tugendhaften“ Verhalten geradezu nötigen (Wilhelm Hennis: Motive des Bürgersinns, in ders.: Politik als praktische Wissenschaft, München 1968, S. 221)“ (Hortung: Das totalitäre Zeitalter. Bilanz des 20. Jahrhunderts, Berlin: Propyläen, 1993, S. 27).

Imgrunde haben wir hier das gleiche Mißverständnis in bezug auf L wie bei Rohrmoser in bezug auf S und bei praktisch jedem in bezug auf R. Verblüffend wie Rechts und Links stets L+S+R als den eigentlichen Kern der Sauerei dingfest machen – und das praktisch mit identischen Argumenten.

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 54)

8. März 2023

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

In seinen Ausführungen über „die Hybris der Vernunft“ und „das Elend der Aufklärung“ finden sich bei dem christlich-libertären Ökonomen Roland Baader, ein Schüler von Friedrich A. Hayek, folgende Aussagen:

Der Fortschritt der Naturwissenschaften führte dazu, daß mehr und mehr der Gesetzmäßigkeiten des materiellen Weltverlaufs entdeckt und erklärt werden konnten. Entsprechende Gesetzmäßigkeiten glaubte man deshalb auch im Geistigen, Sittlichen und Sozialen erkennen zu können, wenn nur die Denkmethoden entsprechend den logisch-exakten der Naturwissenschaften gestaltet werden könnten. In dieser Methodensuche wurde Descartes mit seiner Verfahrensweise des „methodischen Zweifels“ zum Wegbereiter des sogenannten philosophischen Kritizismus. Das wäre noch kein Beinbruch gewesen; der Weg dieser Erkenntnismethode jedoch führte über Hobbes und Locke zur Überzeugung, daß sich alle Erkenntnis aus der Erfahrung ableiten lasse. In einem solchen Denksystem ist Metaphysik nicht mehr möglich. Wo aber Metaphysik ausgeschlossen ist, da ist nur noch Physik. Übertragen auf Geistiges bedeutet das: krasser Materialismus. Physik als singuläre Erklärung und Substanz des Menschen, des Menschlichen und der Menschheit, der Person wie der Gesellschaft, endet konsequent in den Schlächtereien der Revolution, den Gaskammern von Auschwitz und den Friedhöfen der Gulags.

Institutionell und historisch wurde daraus anschließend die Säkularisation (modern: „Emanzipation“) nicht nur des Staates von der Kirche, sondern auch des Menschen von Gott, und schließlich die des Menschen von seinesgleichen und von sich selbst. In perfekter Konsequenz entspricht dem nur noch ein einziges „Glaubensbekenntnis“: der Nihilismus.

Anders erklärt: Aus dem „richtigen“ Erkennen – so der aufgeklärte Geist – müsse das „richtige“ Tun folgen. „Richtiges“ Handeln heiße „sittliches“ Handeln, denn Elend, Mangel und Not könnten ihre tiefste Ursache nur in fehlender oder mangelhafter Einsicht haben; weshalb der durch Vernunftgebrauch vollständig erkennende oder nur das Vernünftige anerkennende Mensch auch nur noch tugendhaft (weil „richtig“) handeln könne.

Der entscheidende logische Schritt des Aufgeklärten: Die „Tugend“ muß (vermittels Vernunft) aus ihm selbst kommen. Somit lehnt der mit den Waffen der eigenen Vernunft Befreite die Bindung an moralische Autorität oder an Tradition ab.

Am Ende dieses Denkens stehen Männer wie Holbach und de la Mettrie – später auch Marx –, für die Metaphysik nur mystischer Firlefanz und dumpfes Unwissen bedeutet, und deren Theorien folglich in krassesten, primitivsten Materialismus münden. Soweit Tugend, Sittlichkeit, Moral, Religion überhaupt noch angeführt werden, sind sie zweckrationale Instrumente einer utilitaristisch-eudämonistischen Sinnes-Glückseligkeit. Logische Konsequenz dieser geistigen Bodenbereitung ist die politische (also faktische) Säkularisation. Ihr irdischer Gott ist der neue Staatsbegriff. Wenn das Individuum nicht mehr eingebunden ist in die (vermeintlich „unvernünftigen“) Zwänge der Tradition, der Religion und der hierarchischen Autoritäten, wer soll dann seinen autarken Willen zügeln? Wer soll die Souveränität des einen Bürgers daran hindern, die Souveränität des anderen Bürgers zu verletzen? Konstruktivistisch (und „systemlogisch“) gedacht, kann das nur einer leisten: die Summe der vernünftigen Einzelindividuen und ihrer Rechte, also die „Supervernunft“ und das „Superrecht“ – und somit die höchste und einzige Autorität mit unbeschränkter Souveränität: der neue Staat. Er ist das Ergebnis eines Vertragsschlusses seiner (vernünftigen) Mitglieder. (Rousseau’s Contract [PN: sic!] Social). (Baader: Kreide für den Wolf. Die tödliche Illusion vom besiegten Sozialismus, Böblingen: Anita Tykve Verlag, 1991, S. 87)

Das Problem mit derartigen Ausführungen ist, daß Holbach und La Mettrie natürlich denkbar scharfe Gegensätze waren, der erstere etwa eine „Ethokratie“ schrieb und LaMettrie einen „Wahnsinnigen“ nannte. Leute wie Holbach glaubten an die Gesellschaft und deren Ethik, während LaMettrie diese Gesellschaft transzendierte. Natürlich nicht im Sinne Baaders, denn er wußte, daß all das Böse, das Baader zurecht bekämpft, auf den Einfluß der Gesellschaft zurückgeht, dem die „frei Geborenen“ ausgesetzt sind, und daß die metaphysische Ethik (die stets an ihren „ethischen Dilemmata“ verreckt) nur eine pervers verzerrter Ausfluß dieses Naturempfindens sind.

Dagegen nun quasi „gnostisch“ zu argumentieren, daß es (ganz im Sinne der in Teil 53 erwähnten „Familie“) kein „Wahres im Unwahren“, kein „Gutes im Schlechten“ geben könne, also in Radikalopposition zu gehen, ist, wenn man so will, eine „linke“ Interpretation des LSR-Projekts. Eine die logisch-abstrakt durchaus zu rechtfertigen ist, die aber meiner „rechten“ Warte, die nicht an eine im Kern verdorbene Welt, einen „teuflischen Demiurgen“ glaubt, diametral entgegengesetzt ist: die „Familie“ ist mein Todfeind.

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 53)

5. März 2023

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Immer auf Kontra zu setzen und Reich stets draußen zu halten, ist billig: er habe nicht wirklich zu Marx, zu Freud, zu „Wilson“, „Roosevelt“, zu „Eisenhower“ (von denen er jeweils zu ihren Hochzeiten ein großer Fan war) etc. gehört. Das ist einfach eine Selbstverständlichkeit. (Es sollte zumindest eine Selbstverständlichkeit sein.) Was erst mal wichtiger ist, ist doch, wie Reich sich eingebracht hat: wie der wahre Reich, der „LSR-Reich“, sich in dieser Welt einbringen wollte. Mir persönlich hat immer imponiert, wie er sich einpassen konnte, wie er eben nicht in eine „Peer Gynt-Existenz“ versank, sondern sich in den Institutionen festsetzte und, zumindest anfangs, durchsetzte: in der Psychoanalyse, nach dem „Konflikt mit Freud“ in der KP, danach im Exil, wo er eine eigene Organisation nach der anderen aufbaute, um schließlich in seinen letzten Versuchen bis nach „ganz oben“ durchzudringen.

Dieser unbedingte Wille sich durchzusetzen und zwar in dieser Welt und ihren Institutionen, die einen rationalen Kern haben (siehe seinen Aufsatz „Die Entwicklung des autoritären Staatsapparats aus rationalen sozialen Beziehungen“ in Die Massenpsychologie des Faschismus). Siehe dazu auch seinen Brief an Neill vom 3. März 1956. Dort schreibt er, er sei immer ein „Konservativer“ gewesen. Was bedeutet das? Ein Konservativer ist jemand, der an die überkommenen Institutionen glaubt und der sie nutzen will, um im schlechtesten Fall den Status quo zu erhalten und im besten Fall, um diese Welt organisch zu den besagten „rationalen sozialen Beziehungen“ zurückzuführen.

Dem steht der Progressive gegenüber, der gegen die Institutionen ankämpft im Namen aller denkbar guten Ziele: soziale Gerechtigkeit und Gleichberechtigung. Das führt entweder zum Zerfall (z.B. der Familie und damit der Psyche der Kinder) oder (bzw. und) zur Gegenreaktion.

Ich habe wahrhaftig nichts gegen den progressiven Reich, der diese scheiß Gesellschaft (die mein Lebensglück, die dein Lebensglück und das Lebensglück von 8 Milliarden Menschen für nichts und wieder nichts geopfert hat) „zerschlagen“ will. Die Frage ist nur, wie man das (die Veränderung der Gesellschaft) erreichen soll. Indem man sich den Institutionen anpaßt!

Bei aller „Anpassung“ hat Reich nie das Ziel aus den Augen verloren: siehe die Schlußsätze von Christusmord, siehe die „Kinder der Zukunft“ und sein Testament. Er war der einzige Denker (oder was auch immer), den ich kenne, der einen realistischen, gangbaren, sicheren, humanen Weg gewiesen hat, um das zu verlassen, was er als „die Falle“ bezeichnet hat. Er war der einzige (neben Stirner und LaMettrie), der überhaupt wußte, daß wir in dieser Falle stecken.

Es geht nicht an, die „sechs Jahrtausende“ einfach so vom Tisch zu wischen. Alles hat einen rationalen Kern. – Und dieser Satz ist eben nicht nur eine Platitüde, sondern der Dreh- und Angelpunkt. Es ist erstens rational, weil es sich durchgesetzt hat und schlichtweg existiert, zweitens weil es einem natürlichen Muster entspricht, das sich im gesamten Tierreich und „Menschenreich“ widerfindet und drittens weil es eine Entstellung der Arbeitsdemokratie ist – des bioenergetischen Kerns, d.h. seine Irrationalität keine eigene Substanz hat.

Es ist kein Zufall, daß ausgerechnet das erzkonservative England (mit Königshaus, Perücken und all dem Zeugs) so ungefähr das demokratischste Land ist (bzw. war!), während Frankreich mit all seinen „revolutionären“ Umwälzungen geradezu eine grotesk undemokratische Gesellschaft ist. – Selbst die blödsinnigsten Institutionen, wie etwa die Erbmonarchie, haben eine rationale Funktion. Es ist vollkommen unproduktiv, ja kontraproduktiv sie zu zerschlagen. (Monarchien verankern den Staat sozusagen „vertikal“ in der Geschichte und sozusagen „horizontal“ in der Welt – der Adel ist international verzweigt und nur ein König kann einem „Commonwealth“ vorstehen.)

Es geht um einen Punkt, den kein Linker jemals nachvollziehen wird: um die Legitimität der Institutionen bzw. um ihre schrittweise Wiederherstellung. Endziel ist eine rationale Gesellschaft mit Institutionen, die man als genauso legitim hinnehmen kann, wie man etwa die Gravitation oder das Hebelgesetz akzeptieren kann: die „Freiheit“ wird auf eine nachvollziehbare und vernünftige Weise eingeschränkt, aber nicht mehr die Eigenheit im Sinne Stirners.

Man schaue sich dazu Charlton Hestons Endzeitfilm The Omega Man an und dessen Gegensatz zwischen der kulturrevolutionären „Familie“, die alle bisherige Geschichte hinwegfegen will, weil diese im Kern irrational und lebensfeindlich ist und die Menschheit an den Rand der Auslöschung geführt hat – und dem einsamen „Omega-Mann“, der alles tut, um das, was an der untergegangenen gut und lebenspositiv war:

Dieser Film drückt eigentlich alles aus, was ich mit meinen Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte aus sagen will.