Posts Tagged ‘Stirner’

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 31)

26. November 2022

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

In American Odyssey äußert sich Reich selbst über die „Aufklärung“: „Die ‚göttliche Emotion‘, die gemeinhin als ‚Erleuchtung‘ bezeichnet wird, zu leugnen, ist gleichbedeutend damit, sich den Zugang zum kosmischen Orgon und damit zur Natur selbst zu versperren“ (S. 296). Dieser eine Satz drückt „meine“ ganze Theorie über verzerrten Kernkontakt („devine emotion“), Verlust dieses Restkontakts („enlightenment“) und Reichs „anti-‚aufklärerische’“ (die Anführungszeichen sind hier das wichtigste!) Position in dieser Sache aus. – Dieser Ansatz ist eine Vertiefung von LSR. Ein LSR, das Reich natürlich nie verlassen hat: er würdigte sich nie dazu herab, „die Ansicht (…) zu bestätigen, daß Gott existiert, usw. “ (ebd., S. 273). Trotzdem muß er konstatieren, „daß auch Konservative ein wahrhaft revolutionäres Herz haben und daß sie Arbeit und Liebe mehr schätzen als so mancher Sozialist“ (ebd., S. 304).

Reich hat entwaffnet, daß Freud einerseits „im Judentum verwurzelt“, andererseits „gottlos“ war; einerseits dem „Sozialismus“ offen gegenüberstand und andererseits konservativ bis ins Mark war; einerseits Reich anfangs ganz offen und echt (!) als „Seelenverwandter“ gegenübertrat (vielleicht ganz ähnlich wie bei LaMettrie und Fredericus Rex, Stirner und Engels), um sich dann schließlich als mörderischer Erzfeind zu erweisen.

Mich fasziniert diese Widersprüchlichkeit, der im übrigen wir alle ausgesetzt waren, als uns unsere Eltern einerseits mit echter Liebe entgegentraten und andererseits als Agenten einer mörderischen „Kultur“ fungierten.

Als Reich sich mit Christus identifizierte und die Kinder mit dem „Gekreuzigten“ – also mit sich selbst Christus/Reich, drückte er damit diesen Zusammenhang aus. L/S/Reich als Einzelner gegen ein mörderisches System, so wie jedes Kind „einzeln“ gegen die mörderische Gesellschaft steht.

Die Tragik an dem ganzen ist m.E. die erwähnte Widersprüchlichkeit, die diesen Einzelnen vollkommen hilflos macht: man lockt ihn mit durchaus echter Liebe – um ihm ein Über-Ich zu verpassen. Das passiert mit jedem Kind und das ist auch mit Reich passiert. Nur, daß der sich wehrte und deshalb von seinem „Vater“ (Freud) erschlagen wurde. (Freud hat das natürlich schon in Totem und Tabu von 1912 ganz anders gedreht, nämlich als die ewige Bedrohung durch den Vatermord. Letztendlich also dem „Mord“ am Über-Ich, den sich Reich schuldig machte.)

Wie aus dieser Falle herauskommen? Meine Gedankenlinie ging dahin, den Spieß umzudrehen und die besagte Widersprüchlichkeit gegen die Vertreter der Lebensfeindlichkeit selbst zu richten, indem man den letzten Fetzen an Lebensgefühl, das sie noch haben, appelliert und dabei keine Ausflüchte in allgemeines Gelaber über „Gott“, „Liebe“ und „Kultur“ zuläßt. Ich glaube Reich hat dieses lebenspositive Rest-Element in Freud gemeint, als er davon sprach, daß sein „Antlitz Spuren des Kusses der Wahrheit zeigte“ (S. 269). Während man bei den angeblichen Mitstreitern, etwa bei der „Freudian Left“ (Fenichel, Marcuse, etc.) dieses Element umsonst suchen wird. Man ist bei ihnen prinzipiell verraten und verkauft. Nun, konkret war Reich auch bei Freud „verraten und verkauft“, desgleichen auch bei „America, God’s own country“, aber, wenn es überhaupt irgendeine Hoffnung gab, dann da. Mir ist natürlich bewußt, wie absolut irrwitzig und pervers das ist. Zehntausendmal irrwitziger und perverser finde ich aber, wenn man den angeblichen Freunden folgt, die kein bißchen „traces of the kiss truth“ haben, jedenfalls nicht in dem existentiellen Sinne, wie Reich das meinte – und bloß intellektuell die „richtige Meinung“ zu vertreten, ist schließlich bedeutungslos. Und letztendlich kommt es auch „intellektuell“ durch, dieser strukturelle Verrat der angeblichen Freunde.

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 30)

25. November 2022

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Reich hat den „jenseitigen Gott“ der Reaktion als biosexuelle Realität entblößt (verzerrter Kernkontakt), während die vermeintliche „Aufklärung“ nichts weiter gewesen sei als gefährliche Freiheits- und Wahrheitskrämerei, die keinerlei Ahnung von den biosexuellen Realitäten hat. Stirner meinte, die Aufklärer seien immer noch Fromme, deren Gott „das Humane“ sei. LaMettrie (L), Stirner (S) und Reich (R) verkörpern die „Aufklärung über die Aufklärung“.

Die Reaktion mußte LSR auf hinterhältige Art und Weise bekämpfen, weil LSR den Kern aussprach (z.B. bei „Gott ist die Liebe“, diese „Liebe“ konkretisierte). Jede ersthafte Auseinandersetzung hätte den Kern aufs Tableau gebracht, was die Reaktion nicht überlebt hätte. Bei der tatsächlichen genitalen Umarmung, dem konkreten Orgon und dem funktionellen Denken ist Schluß mit lustig – und das Morden beginnt!

Erstrecht die Aufklärung (DMF – Diderot, Marx, Freud) mußte LSR pestilent entgegentreten, weil LSR die „falsche“ Fassade des „Humanismus“ gefährdete. Jede ersthafte Auseinandersetzung hätte Licht auf das Geheimnis der „Aufklärung“ geworfen: daß die Fassade sich vom Kern gelöst hat und eben nichts weiter als „Fassade“ ist („Liberalismus“) und gar in den Dienst der sekundären Schicht getreten ist (Kommunismus).

Reich mußte konstatieren, daß Bremsen in Bezug auf die biosexuelle Revolution (ähnlich wie Marx‘ Insistieren auf wirtschaftliche Zwänge, die später von Leuten wie Lenin, Trotzki, Stalin und Mao weitgehend ignoriert wurden) angesichts der gepanzerten menschlichen Struktur mehr als berechtigt war. Das verkompliziert das Verhältnis von LSR und DMF ungemein, zumal die Wahrheits- und Freiheitskrämer („die stümpferhaften Epigonen von LSR“), als da wären DeSade, Bakunin, Marcuse, etc. und nicht zuletzt die „Reichianer“, einen ungemeinen Schaden angerichtet haben und darüber hinaus das ganze derartig durcheinander gebracht haben, daß der Außenstehende so gut wie nichts mehr versteht. Man denke etwa daran, daß der extreme Revoluzzer Herbert Marcuse für die sexuelle Repression, für die Todestriebtheorie eingetreten ist und gegen die „scheiß Liberalen“.

In diesem Zusammenhang verweise ich auch auf Reichs Aussagen über seinen stümpferhaften Epigonen und homosexuellen Freiheitskrämer und Mitbegründer des dekadenten bourgeoisen Selbstfindungskults namens „Gestalttherapie“, Paul Goodman:

Paul Goodman proklamiert die Sexualökonomie als die Psychologie der Revolution und die Freudsche Psychologie als die Psychologie der postrevolutionären Ära. Daraus folgt: Um die „Revolution“ zu inszenieren, werden sie der Jugend Sexökonomie geben. Aber danach werden sie zur Sublimierung zurückkehren!

Solch falsches Denken macht wirklich bitter. Da es Millionen von Goodmans gibt, scheitert jede revolutionäre Bewegung. Die Goodmans haben keine bösen Absichten, aber sie verkörpern eine kulturelle Kehrtwende, weil sie die Massen fürchten!

Angesichts der enormen intellektuellen Auswirkungen sollte ich, muß ich in meinen Reaktionen eine Haltung väterlicher, lässiger Besorgnis einnehmen. Diese gefährliche Sabotage meines Denkens regt mich viel zu sehr auf. (American Odyssey, S. 299)

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 28)

19. November 2022

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Der bioenergetische Kern des „enkulturierten“ Individuums ringt um Ausdruck oder Befreiung, auch wenn es sich bloß um den Ausdruck sekundärer Triebe handelt (etwa die Rebellion der „bösen Jungs“ bzw. „bösen Mädchen“). Dabei ist der Kontakt zum eigenen Kern nicht vom Kontakt zur sozialen Umwelt zu trennen. Ist das eine defizitär, kann es auch mit dem anderen nicht weithersein.

Leider war Stirner vorzugsweise bei Homosexuellen und anderen Neurotikern und Perversen beliebt, d.h. allen, die fundamental anders waren und darauf beharrten, daß sie halt so sind, wie sie sind, eben „eigen“. Man denke nur an die Homosexuellenhymne schlechthin:

Ich bin, was ich bin. Ich bin, was ich bin. Ich bin meine eigene besondere Schöpfung. Also komm und sieh es dir an. Schieb den Vorhang zu oder gib mir Ovationen. Es ist meine Welt. Ich möchte ein wenig Stolz haben. Meine Welt, kein Ort, an dem ich mich verstecken muß. Das Leben ist keinen Pfifferling wert, solange ich nicht sagen kann: Ich bin, was ich bin.

Ich bin, was ich bin. Ich will kein Lob. Ich will kein Mitleid. Ich schlage meine eigene Trommel. Manche halten es für Lärm, ich denke, es ist schön. Und was ist dagegen zu sagen, wenn ich jedes Glitzerzeug und jeden Armreif liebe? Warum nicht versuchen, die Dinge aus ’nem anderen Blickwinkel zu sehen? Dein Leben ist eine Schande, bis du schreien kannst: Ich bin, was ich bin

Ich bin, was ich bin und was ich bin, bedarf keiner Entschuldigung. Ich verteile meine eigenen Karten, manchmal Asse, manchmal Nieten. Es gibt nur ein Leben und es gibt keine Rückgabe und keine Kaution. Ein Leben, also ist es Zeit, dich zu dir zu bekennen. Das Leben ist keinen Pfifferling wert, wenn du nicht schreien kannst: Ich bin, was ich bin

Ich bin gut. Ich bin stark. Ich bin würdig. Ich gehöre dazu. Ich bin nützlich.

Das hat das Zeug auch die Hymne aller Transgender- und Transhuman-„Dingsbumse“ zu werden – im vermeintlichen Geiste Stirners.

Oder man denke an die Erziehung, wo Stirner ebenfalls einen untergründigen Einfluß hat. Ich glaube, daß ausgerechnet jene Eltern, die „ideologisch“ dem Reichschen „Kinder der Zukunft-Projekt“ vielleicht noch am nächsten stehen, in Einzelfällen mehr Schaden anrichten als „unsere Eltern“. Beispielsweise glaubt eine „aufgeklärte“ Mutter, daß sie ihrem Kind ungemein nahe ist, wenn sie mit ihrer Tochter „um die Häuser zieht“ und sich ultraliberal verhält. Wahrscheinlich wird die Tochter aber nur durcheinander gebracht, lernt die Mutter (und alle Autoritätspersonen) verachten, fühlt sich ungeliebt und mißbraucht, zeigt extremes Verhalten, um doch noch eine genuin elterliche Reaktion zu provozieren, usw. Oder anders ausgedrückt: LSR bedeutet, daß die Kinder wirklich Kinder sein dürfen, ohne daß ihnen der Erwachsene implantiert wird, d.h. das Über-Ich, – und nicht, daß die Eltern selbst zu Kindern werden und überhaupt das ganze Land immer kindischer wird und dabei wohl noch glaubt „über-ich-freier“ zu sein. Langfristig ist das Gegenteil der Fall: die Menschen werden immer unselbständiger.

Was bei einer chaotischen Erziehung herauskommt, hat Reich bereits in seinem allerersten Buch, Der triebhafte Charakter, analysiert. Wer Sklave seiner eigenen Launen ist, ist eben nicht in sich voll integriert = ungepanzert, sondern innerlich zerrissen = gepanzert, d.h. von einer inneren Trennmauer durchzogen. Er unterscheidet sich von der üblichen wohlorganisierten Zerrissenheit des gehemmten Charakters (ein vernünftiges Ich vs. ein verständiges Über-Ich) nur dadurch, daß er noch zerrissener ist (ein wirres Ich vs. ein komplett unberechenbares sadistisches Über-Ich). Was gemeint ist, kann man überall an den heutigen selbstzerstörerischen grün-blau-lila-haarigen Kids sehen.

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 27)

6. November 2022

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Stirner hat gemeint, daß die Aufklärung an die Stelle Gottes die Chimäre der „Menschheit“ und die Werte des „Humanismus“ gesetzt hat, die Aufklärer also noch immer recht fromme Leute seien. Den LSR-Fortschritt von Stirner zu Reich sehe ich darin, daß Reich mit Hilfe seines Dreischichten-Modells den grundlegenden Unterschied zwischen diesen beiden Formen der „Frömmigkeit“ herausgearbeitet hat: der voraufklärerische Glaube an Gott stand immerhin noch für einen verzerrten Kontakt zum Kern (was sich nicht zuletzt an den wütenden Attacken gegen LSR zeigt: diese Frommen spüren noch, daß da was ist); die (Pseudo-) Aufklärung steht demgegenüber für die intellektualistische Loslösung vom Kern: alles wird gleich-gültig, alles hat die gleiche Wertigkeit. Die ersten (Pseudo-)Aufklärer D/M/F (Diderot, Marx, Freud), die noch einen Fuß in der alten Welt hatten, wehrten sich noch gegen LSR, während ihre postmodernen Nachfolger selbst diesen letzten Kontakt verloren haben und sich schlichtweg in ihrer Ignoranz suhlen.

Es geht darum, daß die Aufklärung, um einen Reichschen Begriff zu benutzen, eine „Biologische Revolution“ war: die Umstrukturierung des Menschen mitsamt seinen zusätzlichen Organen (Werkzeugen und Maschinen). Mit seinem „vitalistischen Materialismus“ („der Mensch als bioenergetische Maschine“) hat LaMettrie den einzig korrekten Weg gewiesen: ein organischer Abbau des Über-Ich mittels einer freiheitlichen Pädagogik und eine dazugehörige organische anti-metaphysische (und damit gleichzeitig anti-mechanistische) Weltauffassung mit der dazugehörigen Technologie. Ein entpanzerter Körper mit den dazu passenden zusätzlichen Organen (Werkzeugen und Maschinen). Und was ist passiert:

  1. warf man LaMettrie einen menschenverachtenden, unverantwortlichen Umgang mit Ethik und Moral vor; und
  2. wurde er zum Ahnherrn des mechanistischen Materialismus hochstilisiert.

Ausgerechnet LaMettrie wurde also, auf typische pestilent-„projizierende“ Weise, genau das vorgeworfen, bzw. wurde er dafür verantwortlich gemacht, was an der Aufklärung grundsätzlich falsch gelaufen ist:

  1. ein intellektualistischer, zynischer und kontaktloser Umgang mit „Gott“, was zum Verlust des allerletzten Kernkontakts geführt hat; und
  2. die Entwicklung einer Technologie, die geradezu prädestiniert zu sein scheint, den Menschen auch das allerletzte natürliche Lebensgefühl auszutreiben. Man betrachte etwa eine beliebige Darstellung des Immunsystems und man wird vergebens nach Begriffen wie „Erregung“ suchen, stattdessen wird alles in militärischen und maschinellen Begriffen erklärt, die denkbar ungeeignet sind, das zu erklären, worum es geht. Die Menschen empfinden sich als Maschinen, die nach Befehl und Gehorsam funktionieren – und sie verhalten sich auch so. Es sieht wohl heute bei den jungen Leuten nicht danach aus, aber man betrachte nur mal eine Tekno-Party: alle sind abhängig von einem unorganischen Maschinen-Beat und chemischen Glückspillen. Du drückst auf den richtigen Knopf und…

In diesen beiden Punkten sehe ich die Bedeutung der Orgonomie: nur sie bietet eine wirklich aufklärerische Möglichkeit des human und technological engineering im Sinne LaMettries.

Als Saharasia hereinbrach, kam es zu sozialem Chaos, das in manchen Gebieten, insbesondere Europa, in ein erträgliches „neurotisches Gleichgewicht“ mündete, auf dessen Grundlage die Rückgängigmachung des Saharasia-Einbruchs prinzipiell möglich wurde. Leider aber scheiterte diese Biologische Revolution trotz vereinzelter guter Ansätze (LSR) schon in den Anfängen. Es wäre zur absoluten Katastrophe gekommen, hätten sich die stümpferhaften Epigonen von LSR durchgesetzt. Man denke etwa an LaMettries Einfluß auf die französischen Aufklärer, insbesondere Rousseau, und die Katastrophe der Französischen Revolution, die zwei weitere Katastrophen einleitete. Bei der zweiten denke man sowohl daran, daß es ohne Marx Reaktion auf Stirner in Die deutsche Ideologie niemals zum Marxismus gekommen wäre und daß ohne Stirners Einfluß auf den russischen Nihilismus, insbesondere auf Netschajew, es nie zur Oktoberrevolution und Stalins Erfindung „Marxismus-Leninismus“, also zur größten und blutigsten Menschheitskatastrophe überhaupt gekommen wäre. Nun, sie wird gerade in den Schatten gestellt durch die Formierung der antiautoritären Gesellschaft, welche weitgehend identisch ist mit der sexuellen Revolution, die nicht zu trennen ist von dem Namen „Wilhelm Reich“. Auf diese Weise stellt LSR, die einzige Hoffnung, die die Menschheit hat, das Überleben eben dieser Menschheit in Frage!

Was tun?

  1. gilt es den verzerrten Kernkontakt zu „entzerren“, indem man den Kern ausspricht („euer ‘Gott’ ist nichts anderes als der Platzhalter für genitales Empfinden“); und
  2. gilt es die „konservative“ Zurückhaltung als das zu „entlarven“, was sie war: das wahrhaft revolutionäre Element, der wahrhafte Statthalter für LSR, während die angeblich „Progressiven“ nur immer weiter weg vom Kern flüchteten, dem Chaos zustrebten und jede LSR-Umformung der Gesellschaft verunmöglichten.

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 26)

27. Oktober 2022

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Man kann auf die grundsätzliche „Kern“-Rationalität des Menschentiers vertrauen, das keiner Ethik bedarf, die die angebliche Bestie in Zaum hält – eine Bestie, die durch die „Kultur“ erst erzeugt wird. In dieser Hinsicht kann eine LSR-Welt nichts „Neues“ unter der Sonne bringen, sondern nur das allerälteste freilegen. Andererseits ist natürlich klar, daß es nicht darum gehen kann, unser genetisches Material freizulegen (ich möchte jedenfalls nicht in einer Schimpansenwelt leben, obwohl die sinnenfrohen Bonobos…), sondern darum, im Reichschen Sinne noch „tierischer“ (also konkret „sexueller“, d.h. glücksfähiger) zu werden und in dieser Hinsicht ist die Entwicklungsmöglichkeit grenzenlos – aber erst in einer wirklich rationalen Gesellschaft und im Rahmen einer wirklich rationalen Wissenschaft, wie Reich sie vorschwebte.

Aber der Weg ist hoffungslos lang: erst das beseitigen, was die „Aufklärung“ angerichtet hat, dann das Über-Ich beseitigen, dann mit dem unvermeidlichen Chaos fertigwerden. Das konkrete Beispiel ist die antiautoritäre Gesellschaft, die aus den normalen Neurotikern lauter „Frühgestörte“ gemacht hat, d.h. aus den einstigen vor allem psychologisch gestörten lauter biophysisch gestörte Menschen, die nicht mehr normal lieben können, nicht mal wissen, ob sie Männlein oder Weiblein sind, nicht arbeiten können, man frage einen beliebigen Handwerksmeister nach der neusten Lehrlingsgeneration, und was Wissen betrifft, komplexe Sätze weder verstehend lesen noch selbst formulieren können.

Natürlich glaube ich nicht, daß wir jemals im Paradies leben werden, genausowenig wie ich glaube, daß selbst die allermatristischten Völker oder die Bonobos jemals im Paradies lebten. Aber verglichen mit dem gegenwärtigen Zustand…

Reichs Freund und dann haßerfüllter Gegenspieler, Otto Fenichel, hat etwas zum Thema zu sagen:

Ich möchte (etwas zu dem) Terminus „sekundäre Triebe“ sagen: Ein Grundbegriff der [Psychoanalyse] ist die „Wiederkehr des Verdrängten aus der Verdrängung“. Wenn ein Trieb auf eine Versagung stößt, so kehrt er in veränderter Gestalt wieder. – Wir kennen auch das Phänomen der „Dreischichtung“: Als Reaktion auf eine Triebabwehr stellt sich eine Wiedermobilisierung des ursprünglichen Triebes ein, der aber beim Durchgang durch die Abwehrschicht sein Gesicht und seinen Charakter verändert. – Wir wissen endlich auch aus täglicher Erfahrung, daß die Perversionen Erwachsener einer Abwehr der normalen genitalen Sexualität (Kastrationsangst) entsprechen und daß viele Charaktere des Sexuallebens („Lüsternheit“) zweifellos Folgen der vorangegangenen Sexualverdrängung sind. – Die Bezeichnung solcher durch eine Abwehrschicht hindurchgegangener Triebe als „sekundäre Triebe“ scheint mir aber eine doppelte Gefahr in sich zu bergen: erstens die, daß ältestes Erkenntnisgut der Freudschen Analyse durch eine neue Namensgebung wieder als eine Neuentdeckung ausgegeben werden kann. Zweitens und wichtiger aber: daß der primäre biologische Charakter der Triebe durch diese Namensgebung verwischt wird, (…) „nichts Biologisches“, sondern gesellschaftliches Kunstprodukt (…), und endlich dieser Terminus somit dazu benutzt wird, um wieder einmal „Der Mensch ist gut“-Romantik zu betreiben: alles, was im Triebleben eines Menschen unsozial oder überhaupt unerfreulich ist, kann als „sekundär“ ausgegeben werden, um der romantischen Idee willen, man müßte nur die Triebe der Menschen befreien, damit in deren „ökonomischer Regelung“ das Glück aller anbräche. (Rundbriefe, 1936, S. 337f).

Ich habe das zitiert, weil das noch am ehesten dem nahe kommt, was Laska fordert: daß Reichs Gegner ihre Gründe nennen: sie wollen unter allen Umständen die Triebe weiterhin sozial kontrollieren. Und das Beispiel erklärt auch, warum jeweils LaMettrie und Stirner und Reich nie eine „Antwort“ von jeweils Diderot und Marx und Freud erhalten haben: die letzteren hätten sich, wie hier Fenichel, unsterblich lächerlich gemacht und als Reaktionäre entlarvt.

DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: Das orgonomische Testament / 14. Der zweifache Tod Gottes

21. Oktober 2022

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DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: Das orgonomische Testament / 14. Der zweifache Tod Gottes

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 25)

17. Oktober 2022

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Alle Frontlinien sind nur Teil des „sozialen Panzers“: ein „Trieb“ hält den anderen in Schach, auf daß sich nichts verändert. Wie läßt sich diese Panzerung aufbrechen? Indem man nicht mehr bei dieser Frontbildung mitspielt und z.B. den Gegner ernster nimmt, als er sich selbst. Reich am 2. September 1941:

Meine dritte Frau hat mir gerade gesagt, daß ich die Dinge „zu ernst“ nehme. Ich hatte mich darüber beschwert, daß so viel Geld für die zukünftigen Väter des Proletariats verschwendet wird. Das gleiche habe ich vor zwanzig Jahren von mehreren Vorgesetzten gehört. Was soll ich denn ernstnehmen, wenn nicht die sogenannten Retter der Menschheit, die Millionen in die Irre führen, an die die Menschen glauben und für die sie bereit sind, ihr Leben zu opfern! Wenn man das Vertrauen in die Menschen nicht verlieren will (und das zu verlieren, bedeutet, alles zu verlieren), dann muß man alle ihre Aussagen ernstnehmen, todernstnehmen, sie sozusagen festnageln, sie an jedem Wort festhalten und nicht loslassen! (American Odyssey, S. 119)

Im Falle Freuds heißt dies, etwa den unausgesprochenen Vorwurf gegen Reich auszusprechen, daß Reich genau jenen dunklen Mächten den Weg ebnet, gegen die „anständige Menschen“ seit je gekämpft haben, als sie alles mit dem Bann belegten, was nicht zu kontrollieren ist (sei es religiöse Ekstase, sozialer Aufruhr oder sexuelle Zügellosigkeit). Diesen Vorwurf gilt es ernstzunehmen – und sich auf die Seite des Gegners, also in diesem Fall die Seite Freuds zu stellen und die „sexualökonomischen“ Konsequenzen zu ziehen, die in Freuds (Marx’, Diderots) Konzept stecken. Und genau das hat Reich getan, mit „jeder hat irgendwo recht!“ und als er streng zwischen primären und sekundären Trieben unterschied, die Rolle der „Gegenwahrheit“ erkannte und sich auf einen „konservativen“ Standpunkt stellte. Das ist keine kompromißlerische Haltung. Ganz im Gegenteil, denn sie verweigert sich dem gesellschaftlichen Abpanzerungsprozeß, der das System durch „prinzipielle“ Gegnerschaft gegen das System aufrechterhält – das nichts anderes ist als ein festgefügtes Geflecht eben solcher „prinzipiellen Gegnerschaften“.

Doch die Gesellschaft erschöpft sich nicht in ihrer Panzerung (sonst könnte sie auch gar nicht überleben!), sondern die Arbeitsdemokratie und die individuelle Anständigkeit wirken weiter. Daran wollte Reich anschließen.

Natürlich glaube ich nicht, daß Freud (mal abgesehen von dem „automatischen“ Wissen, das jedem Menschentier eingeboren ist) zwischen primären und sekundären Trieben unterschied. Ich meine nur, daß jede reaktionäre oder pseudorevolutionäre Weltanschauung (z.B. der Katholizismus und der Marxismus) einen wahren Kern haben und daß, wenn man sie (d.h. jede reaktionäre oder pseudorevolutionäre Weltanschauung) zuende denkt, was etwa die Katholiken und Marxisten wohlweißlich nie tun werden, sich diese Weltanschauungen als „LSR“ (LaMettrie, Stirner, Reich) erweisen würden. Das hat Reich in Christusmord aufgezeigt, als er z.B. den Urvater des Katholizismus, Paulus, und dessen Unterscheidung von „Fleisch“ und „Leib“ auseinandernahm. Und „selbst“ Stirner hat im Einzigen und sein Eigentum über hunderte Seiten, in denen er die Religions- und Philosophiegeschichte aufdröselt, das gleiche gemacht.

Eben wegen dieser tiefen Verankerung wird LSR (LaMettrie, Stirner, Reich) die Massen ergreifen. Es hat sie schon ergriffen, bzw. haben es die Menschen schon immer gewußt, da LSR ihre eigentliche Natur ist. Die rätselhafte Intensität der Abwehr gegen LSR ist Beweis genug, daß die Menschen die LSR-Wahrheit intuitiv kennen, denn ansonsten wäre es ihnen egal. Reich hat sich gewundert, daß seine schlimmsten Gegner intuitiv die Konsequenzen seiner Forschungsarbeit gezogen hatten, bevor er, Reich, es selbst getan hat!

LSR ist kein neues Paradigma, oder meinetwegen Superparadigma, das alte Paradigmen ablöst, sondern die präexistente Wahrheit, die nur zeitweise durch eine „Paradigmenwirtschaft“ überlagert wurde (wann, wie und warum hat James DeMeo mit seiner Saharasia-Theorie erklärt). Deshalb kann ich auch das Label „Hegelianismus“ für mich nicht akzeptieren, denn ich sehe in der Abfolge der Paradigmen keine Entwicklung zum besseren. Ich sehe, daß das Leben diese Paradigmenwirtschaft und ihre Pseudo-Entwicklung nicht ewig akzeptieren, sondern immer wieder durchbrechen wird. LaMettrie und Stirner und Reich waren solche Durchbrüche.

Es ist kein Kampf der Paradigmen, sondern etwas grundsätzlich anderes. Angenommen du würdest als einziger auf der Welt LSR vertreten, dann wärst du der eine und einzige wahre Sprecher, der die wahren Intentionen der 8 Milliarden anderen Menschen ausspricht. Und nicht du, sondern die verrückten 8 Milliarden würden sich lächerlich machen. Leninismus im Extrem (meinetwegen kann man das „Hegelianisch“ nennen).

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 23)

11. Oktober 2022

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Wie unterscheidet sich die Reaktion der „Konservativen“ von der der „Progressiven“ auf Stirner? Die ersteren weichen stets ins Religiöse und „Kosmische“ aus, die letzteren ins „Menschliche“. Das „Menschliche“ ist von keinerlei Interesse, da es, wie nicht zuletzt Stirner gezeigt hat, doch nur transformierte Religion ist. Das „Kosmische“ ist weitaus interessanter, da – Reich diesen Weg beschritten hat.

Daß ein Aufklärer, bzw. ein „Aufklärer“, wie Freud ein frommer Mann ist und deshalb eine Privatinquisition gegen Reich mobilisiert, finde ich nicht sonderlich spannend. Wichtiger ist mir, daß, wie Reich später zugab, Freud „im Rahmen der Schweinerei“ recht hatte und daß Freud seinerseits Reich untergründige heimliche religiöse Anwandlungen („ozeanische Gefühle“, „Naturromantik“) und damit Verrat an der Aufklärung vorhielt: Reich sei der „Fromme“!

Freud sah ausgerechnet da tiefer, wo er Reichs „Stirner-Projekt“ (die damalige Sexualökonomie) angriff. Und Reich hatte seinerseits gegenüber Freud ausgerechnet da recht, wo Freud die Aufklärung gegen Reichs „ozeanische Gefühle“, „Naturromantik“, „Träumereien von matriarchalen Paradiesen“ hochhielt, den Freud des Todestriebes und „schwachen Ich“, das seine Abwehr (Zucht und Ordnung) gegen die destruktiven atavistischen überstarken Triebe aufrichten muß.

Der reife, der „orgonomische“, Reich war schließlich in der Lage, sein „Stirner-Projekt“ eingebettet in ein besseres Verständnis der gesellschaftlichen und biologischen Zusammenhänge wirklich erfolgversprechend in die Wege zu leiten.

Das folgende Reich-Zitat zeigt sehr schön, wie Reichs „Stirner-Projekt“ organisch in sein „Orgon-Projekt“ überging:

Zu diesen [orgonomischen] Ergebnissen gelangte ich durch Anwendung der soziologischen Untersuchungsmethode, die mich lehrte zu sehen, daß der [Über-Ich produzierende] erzieherische Einfluß auf die biologischen Funktionen des Körpers von größter Bedeutung für die Entstehung von Krankheiten im autonomen Lebensapparat ist. (American Odyssey, S. 97)

Die Gegenspieler LaMettries (Diderot, Voltaire, Rousseau), Stirners (Marx und Nietzsche) und Reichs (Freud, Fromm, Marcuse und Foucault) machten Geschichte, weil sie mit ihrer Aufklärung, die sich eben nicht komplett von „LSR“ (LaMettrie, Stirner, Reich) unterschied, einerseits näher am Mainstream standen als das Original, gleichzeitig aber doch einen schwachen Abglanz der „LSR-Wahrheit“ darstellten: diese Kombination ist werbetechnisch unschlagbar. Was man etwa an Nietzsche sieht, wenn man ihn einerseits mit den mittlerweile vergessenen damaligen Schulphilosophen und andererseits mit Stirner vergleicht.

Ein bißchen Bewegung, ein bißchen Aufklärung, ein klein wenig Fortschritt, viele Unfälle – aber keine finale Katastrophe. Reich (der dritte von LSR) meinte jedenfalls schließlich (kein Zitat): „Nur gut, daß ich mich nicht mit meiner radikalen Position durchgesetzt habe. Schlimm genug, was diese idiotischen Plagiatoren angerichtet haben!“

Für mich fällt das unter die Kategorie (kein Zitat): „Ich (Reich) habe das System hinter der Schweinerei durchschaut. Ich weiß, nicht nur, warum ich nicht siegen konnte, ich weiß auch, warum ich nicht siegen durfte – und deshalb werde ich, aus historischer Perspektive, derjenige sein, der als einziger eine Chance hat doch noch zu siegen!“

Siehe dazu Reichs Notiz vom 18. Januar 1943:

Die praktische Anwendung des Prinzips ist schwierig. Man möchte es gerne einfach haben und verfehlt damit das Ziel. Die Wirklichkeit ist unendlich viel komplizierter als das Prinzip selbst. Sie verwirrt das Prinzip, scheint es oft zu widerlegen, ist eigentlich unvollkommen, erfordert neue Errungenschaften und Korrekturen. Aber wenn man das Prinzip aus den Augen verliert, dann gibt es keine Möglichkeit, es zu aktualisieren und zu korrigieren. (American Odyssey, S. 174)

Kleine Anmerkung zu Diderot: wiederholt hat Freud darauf hingewiesen, daß bereits Diderot auf die Ödipuskonstellation hingewiesen hat (Thomas Köhler: Das Werk von Sigmund Freud, Lengerich 2000, S. 402). Und was hatte Diderot, der Gegenspieler LaMettries, geschrieben?

Wenn der kleine Wilde sich selbst überlassen würde, wenn er seine ganze Unvernunft behielte und wenn er mit der geringen Vernunft des Kleinkindes die Gewalt der Leidenschaften des Mannes von dreißig Jahren vereinigte, würde er seinem Vater den Hals umdrehen und mit seiner Mutter schlafen.

Das, diese Verachtung Diderots für die Natur, begeisterte Freud! Die kleinen Wilden mußten gebändigt werden! Und genau darum haßte Freud Reich mit einem unbedingten Vernichtungswillen, haßte Marx Stirner und haßte Diderot LaMettrie!

DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: Das orgonomische Testament / 13. Der Christusmord nach Johannes / Christus bringt das Verderben

1. Oktober 2022

DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: Das orgonomische Testament / 13. Der Christusmord nach Johannes / Christus bringt das Verderben

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 21)

30. September 2022

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Wie Charles Konia im einzelnen analysiert hat, leben wir mittlerweile in einer antiautoritären Gesellschaft, d.h. einer Gesellschaft, die sich durch ihre Antihaltung gegen die traditionell gewachsenen Gesellschaften definiert. Ohne Sinn und Verstand, will sagen ohne Beachtung der Faktoren Panzerung und Emotionelle Pest, wurde der stille Ozean „Masse“ aufgewühlt und ist dabei alle Lebensmöglichkeiten in einer Art neuen Sintflut hinwegzufegen. Selbst der „Revolutionär“ Hitler, der Staat und Recht als „jüdische Erfindung“ betrachtete, die die „Darwinistische Biologie“ (bzw. das, was er darunter verstand) einschränke, ließe sich hier einreihen. Stichwort „extinction rebellion“…

Man darf nicht rationalistisch vorgehen, d.h. man darf die Dynamik des „vegetativen Lebens“ nicht außer acht lassen. Nehmen wir die Orgasmusangst. Sie ist nicht Grundlage, sondern Folge der Panzerung (in Die kosmische Überlagerung sieht Reich das wohl anders, aber da hat er auch einen Anknüpfungspunkt für Mystiker geschaffen). Immer wenn die Panzerung nachgibt, gerät „das vegetative Leben“ in Panik, wie ein Krüppel, dem man die Krücken wegstößt. Also muß man bei der Entpanzerung vorsichtig und systematisch vorgehen, damit sich „das vegetative Leben“ nicht vollends abpanzert – der Krüppel sich hinsetzt und nie mehr aufstehen will. Mein Problem ist nun nicht, daß Stirner Schaden anrichten könnte, sondern ob man die Reaktionen auf Stirner, der nun wirklich explizit alle „Krücken“ wegstößt, adäquat bewertet.

Die Gegner Stirners scheinen in ihrem irrwitzigen Haß gegen ihn (ohne zu wissen, was sie wissen) die teuflische Dynamik des Über-Ich-Abbaus erfaßt zu haben. Nur das erklärt diese Dämonisierung Stirners als Anti-Christ. Der Haß ist so groß und so echt, weil er auf eine fatale Weise dem intuitiven Wissen des „vegetativen Lebens“ entspringt. Es ist genau dieser Bereich, den Reich angeschnitten hat, als er von der quasi „Hegelschen“ Entfaltung des „vegetativen Lebens“ sprach; und als er das Orgon in der Natur erforschte, wobei aber die Differentia specifica zu anderen „Lebensenergien“ hervorzuheben ist: radikale Diesseitigkeit und „Pulsation“.

Vielleicht kennzeichnet das Symbol des orgonomischen Funktionalismus („gleichzeitige Gegensätzlichkeit und Identität“) auch die Art, wie Reich mit Stirner „fertiggeworden“ ist. Wobei man eben nicht Stirner mit der Oberfläche einfach gleichsetzen kann. Die Bewahrung der „Eigenheit“ (im Sinne von „Mir geht nichts über mich!“) gehört zur „gnostischen“ Oberfläche, die „Eigenheit“ (im Sinne von „Authentizität“, „Glücksfähigkeit“, „Liebesfähigkeit“) selbst natürlich zum Kern. Dieser ständig präsente „Untergrund“ ungepanzerten Lebens, der immer wieder an die Oberfläche dringt, ist das ominöse „vegetative Leben“.

Dem Geiste Stirners ist das fremd und verdächtig wegen seiner Gegenposition zu Hegel. Hegel wollte den Subjektiven Geist (Egoismus) durch den Objektiven Geist (Ethik) bändigen, auf daß es zur Synthese im Absoluten Geist kommt (Kunst und Philosophie). Das ganze auf der Grundlage des primordialen Reinen Geistes, der im Absoluten Geist seiner selbst bewußt wird. Meine Begrifflichkeit mag vielleicht falsch sein (ich bin wahrhaftig kein Hegel-Kenner), aber das ist so ungefähr der Kern des Hegelianismus. Stirners Gegenspieler Nietzsche hat ähnliches vertreten: das Individuum (Subjektiver Geist) muß durch eine harte Schule (Objektiver Geist), um wahrhaft souveränes Individuum (Absoluter Geist) zu werden. Das genaue Gegenteil von Stirner!

Gleichzeitig ist in diesem „Hegelianismus“ aber auch das Reichsche „Schema der kulturpolitischen Entwicklung“ aus Die sexuelle Revolution angelegt:

Ein Denken, das nicht für ein gnostisches „Ich und die Welt“ steht, sondern für ein „in mir und durch mich entfaltet sich die Welt“. Das ist eben der Punkt: das Absehen von der eigenen Person und die Würdigung „des Ganzen“, des „Weltprozesses“. Reich war davon geprägt. Man siehe insbesondere Die kosmische Überlagerung.

Ich sehe eine der wichtigsten Aufgaben der Auseinandersetzung mit Stirner darin, einen vor gewissen infantilen Wahnvorstellungen zu bewahren. Sich „der orgonomischen Sache“ zu opfern, ist ein Widerspruch in sich selbst: da „die orgonomische Sache“ genau das ist, was Stirner in den Mittelpunkt stellt: Selbstregulierung, Autonomie, Eigenheit, gesunder Egoismus.

Stirner kann also „die Orgonomie“ davor bewahren in einen infantilen Wahn abzugleiten. Umgekehrt kann die Orgonomie „Stirner“ davor bewahren, sich in eine ebenso infantile „Eigenheit“ (im Sinne von: „So, jetzt spiele ich nicht mehr mit!“) zu verrennen. Wenn man Reichs Tagebuch liest, ist man m.E. Zeuge des Kampfes zwischen genau diesen beiden „Infantilismen“ in Reichs Brust. Diese Pulsation zwischen sich der Welt öffnen und „ausströmen“ wollen und dem Bedürfnis sich zu bewahren.

Wie Reich in seinen Tagebuchnotizen schreibt: Man kann sich nicht (a la Epikur) zurückziehen und verstecken: „sie“ erwischen einen doch und tun alles, um einem die Seele kaputt zu machen. Man kann dasitzen und nichts tun: „sie“ fühlen sich immer provoziert. Man könne nur kämpfen, ob man will oder nicht. Stirner war ein Einzelkämpfer (der sich nach Mitkämpfern sehnte), Reich sah sich mehr als jemand, der „das vegetative Leben“ hinter sich hatte, also jenes, was sich in der Ausdruckssprache des Lebendigen ausdrücken will. Der eine war extremer „Antihegel“, der andere war (nein, kein auf die Füße gestellter, sondern) ein „entpanzerter Hegel“.