[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]
Menschen werden von inneren (in der Kindheit verinnerlichten!) Hierarchien bestimmt und sehen entsprechend die Natur von „Hierarchien“ bestimmt, d.h. betrachten sie mechano-mystisch. Charles Konia schreibt:
Eine wichtige Manifestation der Ahnungslosigkeit der Menschen ist ihre Unfähigkeit zu erkennen, daß die Bereiche der Biologie und Soziologie funktionell, d.h. energetisch, funktionieren und daß aufgrund ihrer Panzerung ihre Wahrnehmungen verzerrt sind und ihre Fähigkeit beeinträchtigt ist, entsprechend der Funktionsweise der Natur zu denken. Stattdessen betrachten gepanzerte Menschen die Natur so, wie sie sich selbst erleben, mechanistisch und mystisch. (Clueless, S. 178)
LSR mag ein Konstrukt sein, aber Konstrukte haben es an sich entweder bald mit einem „substantiellen“ Inhalt gefüllt zu werden oder sich wieder in nichts aufzulösen. Das beste Beispiel ist Freuds Konstrukt „Libido“, das Reich „gefüllt“ hat. Womit wird nun das Konstrukt „LSR“ gefüllt? Für mich ist das „Secundum naturam“, wobei die „Natur“ etwas grundlegend anderes ist als das, was heute Philosophie und Naturwissenschaft als „Natur“ auffassen.
Im folgenden geht es mir in keinster Weise um Einsteins Physik oder gar um seine gesellschaftliche Weltanschauung, sondern um die grundsätzliche Sichtweise, die sich zum Beispiel in seiner Verachtung für Konventionen und darin zeigte, daß er Leute wie Reich und Velikovsky ernstnahm. Angesichts des folgenden Zitats war meine genauso spontane wie absonderliche Idee, daß es doch hätte sein können, daß Einstein in seiner Jungend von Stirner inspiriert wurde (er war 14 als die Reclam-Ausgabe von Der Einzige und sein Eigentum erschien).
Begriffe, welche sich bei der Ordnung der Dinge als nützlich erwiesen haben, erlangen über uns leicht eine solche Autorität, daß wir ihres irdischen Ursprungs vergessen und sie als unabänderliche Gegebenheiten hinnehmen. Sie werden dann zu „Denkgewohnheiten“, „Gegebenen a priori“ usw. gestempelt. Der Weg des wissenschaftlichen Fortschritts wird durch solche Irrtümer oft für lange Zeit ungangbar gemacht. Es ist deshalb durchaus keine müßige Spielerei, wenn wir darin geübt werden, die längst geläufigen Begriffe zu analysieren und zu zeigen, von welchen Umständen ihre Berechtigung und Brauchbarkeit abhängt, wie sie im einzelnen aus den Gegebenheiten der Erfahrung herausgewachsen sind. Dadurch wird ihre allzu große Autorität gebrochen. Sie werden entfernt, wenn sie sich nicht ordentlich legitimieren können, korrigiert, wenn ihre Zuordnung zu den gegebenen Dingen allzu nachlässig war, durch andere ersetzt, wenn sich ein neues System aufstellen läßt, das wir aus irgendwelchen Gründen vorziehen. (Albert Einstein: „Über Kottlers Abhandlung ‚Einsteins Äquivalenzhypothese und die Gravisation’“, Annalen der Physik 51:639-642, 1916)
Begriffe erlangen über uns leicht eine solche „überweltliche“ Autorität, daß wir ihren rein irdischen Ursprung vergessen und sie als unabänderliche Gegebenheiten hinnehmen, das von LSR bekämpfte Über-Ich.
Bernd Laska schrieb mir vor zwei Jahrzehnten zu dieser Stelle:
Daß Einstein (wie Stalin, Trotzki u.a. Jg. 1879) von Stirner gehört, ihn vielleicht sogar gelesen hat, ist nicht unwahrscheinlich, da dessen „Renaissance“ in seine jungen Jahre fiel. Vielleicht hat Stirner ihn auch inspiriert. Aber was er in obigem Zitat sagt, klingt fast wörtlich nach der Sprachkritik Mauthners und Landauers, die sogar nachweislich sich mit Stirner auseinandergesetzt haben, aber vor „LSR“ zurückgewichen sind (vgl. mein Ein dauerhafter Dissident).
Abschließend zu diesem Teil meiner Reflektionen möchte ich noch folgendes einwerfen: Marx, Freud, Einstein. Alle drei hat Reich angebetet – na jedenfalls den „Kern-Marx“ (lebendige Arbeitskraft), den „Kern-Freud“ (Libidotheorie), den „Kern-Einstein“ („funktionalistische Physik“). Reichs verdammter Vaterkomplex, der ihn nicht sehen ließ, daß sie im Kern gegen ihn waren. Ich glaube, daß Reich persönlich ein „Vater-Imago“ brauchte, um psychisch zu überleben. Aber daß die „Reichianer“ selbst das nachäffen…
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Wenn man die großen Gegenspieler der LSR-Aufklärung Revue passieren läßt (also Leute wie Diderot, Voltaire, Rousseau, Marx, Nietzsche, Freud) haben diese Gegner ein gemeinsames Grundanliegen: das Lebendige (sei es die ganze Menschheit oder der Einzelne) muß erst durch eine harte Schule, in der die „Eigenheit“ gebrochen wird, um schließlich sekundär zu einem souveränen Individuum und zu einer rationalen „selbstgesteuerten“ Gesellschaft zu werden. Etwa so, wie ein Jazz-Musiker durch eine harte Schule muß, um schließlich frei Improvisieren zu können: auf dem Klavier „herumzuklimmpern“ wie ein Kind.
Demgegenüber haben LaMettrie, Stirner und Reich ein Urvertrauen in die eingeborene Rationalität des Lebendigen: das Prinzip Summerhill. Und genau diese „Naivität“, die ihm bei den „Feitelbergs und Bernfelds“ so viel Verachtung eingetragen hat, hat auch seine wissenschaftliche Herangehensweise geprägt: eine LSR-Welt, die den DMFianern Einstein und Feynman prinzipiell verschlossen blieb, obwohl sie Experten waren und Reich nur ein Laie.
Diese Barriere wird jetzt auch wieder ganz deutlich bei Reich-Kritikern, die allen möglichen esoterischen Unsinn schlucken, aber das Orgon mit Verachtung überhäufen. Es ist die gleiche Emotion, die L und S und R verfolgt hat.
DMF bricht die Menschen, um sie wahnwitzigerweise „freiheitsfähig“ zu machen, LSR beläßt sie freiheitsfähig. Die ersteren sind gegen, die letzteren für die Natur – was sich natürlich auch im jeweiligen naturwissenschaftlichen Ansatz niederschlägt. LSR tangiert die Haltung zur Natur!
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In allen Bereichen (Naturwissenschaft, „Geisteswissenschaft“, Ingenieurswesen, Medizin) geht es darum, die Zukunft vorauszusehen bzw. ständig bestätigt zu werden (z.B. durch neue Archivfunde). In dieser Hinsicht schneidet das LSR-Projekt sehr gut ab. Meines Erachtens zeigt das, daß „System“ hinter dem LSR-Projekt steckt. Fragt sich nur welches. Einfach nur, „die bisher zugänglichen Dokumente zu sichten, zu ordnen, die Chronologie genau zu beachten etc. und daraus Eindeutiges sichtbar machen“?
Reich hat sich der alles erstickenden Zweideutigkeit entzogen, indem er sich auf eine tiefere Funktionsebene stellte. Was machte im Vergleich dazu Bernd Laska in seinem Projekt, das sich um LaMettrie, Stirner und Reich drehte? Er entzog sich der Fachdiskussion mit Psychoanalytikern, Orgonomen etc. und zog sich auf „kriminalistische“ Evidenz zurück, auf die Spuren in den Archiven. Zum Beispiel wird das Orgon entzaubert, indem es als biographisch bedingte Kompensation der Ohnmacht Reichs entlarvt wird. Problem dabei ist, daß dabei die objektive Logik in Reichs Werk systematisch ausgeblendet wird. Beispielsweise kann das Aufarbeiten des biographischen Hintergrunds bei Reich doch nur ein Gegenchecken sein, das die Hauptarbeit begleiten muß: das Entschlüsseln des Systems, der inneren Logik, als dessen willenloses Werkzeug sich Reich sah.
Besteht nicht die Gefahr, daß man durch „Dekonstruktions-Arbeit“ (soll keine Anspielung auf die Franzosen sein! mir fällt kein besserer Begriff ein) genau das zerstört (nämlich das besagte „System“), was man freilegen will?
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Reich schrieb am 3. Februar 1952, 4 Uhr morgens, unter der Überschrift „Der stille Beobachter“ eine Art Tagebucheintrag:
Die Anarchisten in Paris haben die UN-Delegierten mit Eiern und Tomaten beworfen und riefen, korrekt, aber dumm, „weder Truman noch Stalin“. Sie würden mich sicher erschießen, wenn sie an die Macht kämen, obwohl sie mich jetzt bewundern und mir rechts und links Juwelen politischer Slogans abnehmen, ohne die Quelle zu nennen, außer in einer sehr minimalen Weise, und bereits meinen Namen verunglimpfen, indem sie mich einen Bolschewiken nennen und behaupten, ich wüßte nichts vom Anarchismus. Sie kennen meine Stirner- und Kropotkin-Zeit von 1919 nicht. Das paßt zu ihrem Versuch, aus der sexuellen Jugendfrage politisches Kapital zu schlagen, indem sie die „Freiheit der LIEBE“ für die Jugend proklamieren … den politischen Weg, den Weg, den ich nicht klar von MEINEM Weg getrennt und 1928 bis 1934 bekämpft habe; den aussichtslosen Weg des politisch lästigen Freiheitshausierers. Sie wüßten nicht, wie sie mit einem einzigen Fall von Zusammenbruch aufgrund von Orgasmusangst bei einem fünfzehnjährigen Mädchen umgehen sollten. Sie können in kritischen Zeiten aus purer Unwissenheit, gepaart mit politischem Eifer, zu einer Bedrohung werden. Mit „gut meinen“ allein ist es nicht getan.
Reichs Biograph hat das wie folgt übermittelt: In Bezug auf die Anarchisten (eine englische Gruppe von Anarchisten schrieb häufig an Reich und veröffentlichte Artikel über seine Arbeit) sagte er: „Wir wollen keine Anarchie, wir wollen Ordnung. Wir nehmen den rationalen Kern aus dem Anarchismus, dem Kommunismus. Ich habe große Bewunderung für Kropotkin. Aber sie vergessen, daß sich die Zeiten ändern, daß die Wahrheit von gestern die Lüge von heute ist“ (M.R. Sharaf: „Some Remarks of Reich: Summer 1948“, Journal of Orgonomy 2(2), November 1968, pp. 215-224, siehe auch Ilse Ollendorffs Wilhelm Reich, S. 104).
Im Gegensatz zu Marx mit seinen „ehernen Gesetzen der Geschichte“, die letztendlich alles rechtfertigten und die Marxisten zu Todfeinden der Anarchisten machten, stand Kropotkin für die Befreiung von der religiösen Moral, für das „System des Nicht-Regierens“. Keime dieser freien Vereinbarung gäbe es schon heute überall im öffentlichen, zumal im wirtschaftlichen Leben. Reichs späteres Konzept der Arbeitsdemokratie. Der Unterschied ist natürlich, daß Reich, ähnlich wie Marx, „strukturelle“ Probleme sah, auch wenn es bei Reich natürlich keine polit-ökonomischer, sondern solche charakterstruktureller Natur waren. In seiner Jugend sah er die Wahrheiten bei Kropotkin und später bei Marx – doch diese vermeintlichen Wahrheiten erwiesen sich später aufgrund seiner Durchdringung der menschlichen Charakterstruktur als Lüge. Versuch das mal einem dieser schrecklichen vermeintlichen „Reichianer“ zu erklären…
Der entscheidende Einfluß von Marx auf Reich, für den Marx weitgehend mit den Anfangskapiteln von Das Kapital identisch war, liegt weniger in der Kernaussage des Buches, nämlich in der Arbeitswertlehre (die ja auch für Marx selbst der Dreh- und Angelpunkt war), sondern vielmehr im ganzen barocken Zitaten- und Belegfirlefanz, der diesen Kern umgibt: die genauso überflüssigen wie überlangen Beschreibungen der Verflechtungen der Produktion. Für Marx war das alles nur Füllmasse, um irgendwie sein Buch vollzukriegen. Eine Füllmasse, die nichts mit der Arbeitswertlehre zu tun hat – die aber vielleicht Reich dazu gebracht hat (in Rückgriff auf Stirners „Verein“ und Kropotkins „System des Nicht-Regierens“) das Konzept „Arbeitsdemokratie“ zu formulieren.
Wobei ich mir natürlich Reichs Ausführungen über die absonderlich aristotelisch-katholische Arbeitswertlehre in Menschen im Staat bewußt bin! Verkompliziert wird das ganze dadurch, daß Kropotkin ein heftiger Feind Stirners war, jedenfalls dessen, was er für „Stirner“ hielt („rücksichtsloser Egoist“ etc.). Vertrackt. Jedenfalls ging es Reich immer darum, das Primäre (z.B. „primäre Triebe“) vom Sekundären (z.B. „sekundäre Triebe“) zu trennen. Teilelement dieser seiner „Bewältigung der Vertracktheit“ war die Verlagerung der „philosophischen“ Fragen ins Biologische: von Stirner zum Orgon. Dergestalt hat die Entdeckung des Orgons eine (Teil-)Bedeutung (eine „LSR-Bedeutung“), die weder die Orgon-Verächter noch die Orgon-Begeisterten erfassen.
Es ist bezeichnend, daß im Index von American Odyssey Stirner nicht erwähnt wird, tatsächlich aber von Reich an einer leicht zu überlesenden Stelle erwähnt wird:
Wahrscheinlich wird das Bewußtsein eines Tages als ein extremer Ausdruck der organismischen Einheit verstanden werden, als ein Akt der Vereinigung aller Organempfindungen in einem Ich, als ein Bewußtsein der Ich-Grenzen sowie der Einheit von Ich und Universum, d.h. der gleichzeitigen Existenz beider Zustände in einem. Denn ich kann mich nicht als Selbst erleben, wenn ich mich nicht vom Universum abgrenze und mich gleichzeitig als Teil von ihm erlebe. In dieser Dialektik vom Ich als Getrenntem und als Teil eines Ganzen, in dieser Vereinigung von Selbst- und Weltwahrnehmung, wird der Widerspruch zwischen Stirner und Marx eines Tages aufgelöst und ausgeglichen werden. (ebd., S. 382)
Reich wollte Stirner und Marx verbinden. Oh Reich! Aber immerhin: das ist der Beweis, daß Stirner Reich stets gegenwärtig war (frühes Tagebuch – Peer Gynt-Aufsatz – Tagebuch 1947 – Christusmord-Literaturliste: Anselms Ruest: Max Stirner. Leben – Weltanschauung – Vermächtnis [Hermann Seemann Nachf., Berlin u. Leipzig 1906] steht in Reichs Bibliothek auf Orgonon).
Überhaupt diese Freudsche, nein, „LSRsche“ Fehlleistung von Reichs Nachlaßverwaltern: Marx wird im Index von American Odyssey für S. 382 genannt, Stirner, wie erwähnt, selbstverständlich nicht!
[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]
In American Odyssey äußert sich Reich selbst über die „Aufklärung“: „Die ‚göttliche Emotion‘, die gemeinhin als ‚Erleuchtung‘ bezeichnet wird, zu leugnen, ist gleichbedeutend damit, sich den Zugang zum kosmischen Orgon und damit zur Natur selbst zu versperren“ (S. 296). Dieser eine Satz drückt „meine“ ganze Theorie über verzerrten Kernkontakt („devine emotion“), Verlust dieses Restkontakts („enlightenment“) und Reichs „anti-‚aufklärerische’“ (die Anführungszeichen sind hier das wichtigste!) Position in dieser Sache aus. – Dieser Ansatz ist eine Vertiefung von LSR. Ein LSR, das Reich natürlich nie verlassen hat: er würdigte sich nie dazu herab, „die Ansicht (…) zu bestätigen, daß Gott existiert, usw. “ (ebd., S. 273). Trotzdem muß er konstatieren, „daß auch Konservative ein wahrhaft revolutionäres Herz haben und daß sie Arbeit und Liebe mehr schätzen als so mancher Sozialist“ (ebd., S. 304).
Reich hat entwaffnet, daß Freud einerseits „im Judentum verwurzelt“, andererseits „gottlos“ war; einerseits dem „Sozialismus“ offen gegenüberstand und andererseits konservativ bis ins Mark war; einerseits Reich anfangs ganz offen und echt (!) als „Seelenverwandter“ gegenübertrat (vielleicht ganz ähnlich wie bei LaMettrie und Fredericus Rex, Stirner und Engels), um sich dann schließlich als mörderischer Erzfeind zu erweisen.
Mich fasziniert diese Widersprüchlichkeit, der im übrigen wir alle ausgesetzt waren, als uns unsere Eltern einerseits mit echter Liebe entgegentraten und andererseits als Agenten einer mörderischen „Kultur“ fungierten.
Als Reich sich mit Christus identifizierte und die Kinder mit dem „Gekreuzigten“ – also mit sich selbst Christus/Reich, drückte er damit diesen Zusammenhang aus. L/S/Reich als Einzelner gegen ein mörderisches System, so wie jedes Kind „einzeln“ gegen die mörderische Gesellschaft steht.
Die Tragik an dem ganzen ist m.E. die erwähnte Widersprüchlichkeit, die diesen Einzelnen vollkommen hilflos macht: man lockt ihn mit durchaus echter Liebe – um ihm ein Über-Ich zu verpassen. Das passiert mit jedem Kind und das ist auch mit Reich passiert. Nur, daß der sich wehrte und deshalb von seinem „Vater“ (Freud) erschlagen wurde. (Freud hat das natürlich schon in Totem und Tabu von 1912 ganz anders gedreht, nämlich als die ewige Bedrohung durch den Vatermord. Letztendlich also dem „Mord“ am Über-Ich, den sich Reich schuldig machte.)
Wie aus dieser Falle herauskommen? Meine Gedankenlinie ging dahin, den Spieß umzudrehen und die besagte Widersprüchlichkeit gegen die Vertreter der Lebensfeindlichkeit selbst zu richten, indem man den letzten Fetzen an Lebensgefühl, das sie noch haben, appelliert und dabei keine Ausflüchte in allgemeines Gelaber über „Gott“, „Liebe“ und „Kultur“ zuläßt. Ich glaube Reich hat dieses lebenspositive Rest-Element in Freud gemeint, als er davon sprach, daß sein „Antlitz Spuren des Kusses der Wahrheit zeigte“ (S. 269). Während man bei den angeblichen Mitstreitern, etwa bei der „Freudian Left“ (Fenichel, Marcuse, etc.) dieses Element umsonst suchen wird. Man ist bei ihnen prinzipiell verraten und verkauft. Nun, konkret war Reich auch bei Freud „verraten und verkauft“, desgleichen auch bei „America, God’s own country“, aber, wenn es überhaupt irgendeine Hoffnung gab, dann da. Mir ist natürlich bewußt, wie absolut irrwitzig und pervers das ist. Zehntausendmal irrwitziger und perverser finde ich aber, wenn man den angeblichen Freunden folgt, die kein bißchen „traces of the kiss truth“ haben, jedenfalls nicht in dem existentiellen Sinne, wie Reich das meinte – und bloß intellektuell die „richtige Meinung“ zu vertreten, ist schließlich bedeutungslos. Und letztendlich kommt es auch „intellektuell“ durch, dieser strukturelle Verrat der angeblichen Freunde.
[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]
Reich hat den „jenseitigen Gott“ der Reaktion als biosexuelle Realität entblößt (verzerrter Kernkontakt), während die vermeintliche „Aufklärung“ nichts weiter gewesen sei als gefährliche Freiheits- und Wahrheitskrämerei, die keinerlei Ahnung von den biosexuellen Realitäten hat. Stirner meinte, die Aufklärer seien immer noch Fromme, deren Gott „das Humane“ sei. LaMettrie (L), Stirner (S) und Reich (R) verkörpern die „Aufklärung über die Aufklärung“.
Die Reaktion mußte LSR auf hinterhältige Art und Weise bekämpfen, weil LSR den Kern aussprach (z.B. bei „Gott ist die Liebe“, diese „Liebe“ konkretisierte). Jede ersthafte Auseinandersetzung hätte den Kern aufs Tableau gebracht, was die Reaktion nicht überlebt hätte. Bei der tatsächlichen genitalen Umarmung, dem konkreten Orgon und dem funktionellen Denken ist Schluß mit lustig – und das Morden beginnt!
Erstrecht die Aufklärung (DMF – Diderot, Marx, Freud) mußte LSR pestilent entgegentreten, weil LSR die „falsche“ Fassade des „Humanismus“ gefährdete. Jede ersthafte Auseinandersetzung hätte Licht auf das Geheimnis der „Aufklärung“ geworfen: daß die Fassade sich vom Kern gelöst hat und eben nichts weiter als „Fassade“ ist („Liberalismus“) und gar in den Dienst der sekundären Schicht getreten ist (Kommunismus).
Reich mußte konstatieren, daß Bremsen in Bezug auf die biosexuelle Revolution (ähnlich wie Marx‘ Insistieren auf wirtschaftliche Zwänge, die später von Leuten wie Lenin, Trotzki, Stalin und Mao weitgehend ignoriert wurden) angesichts der gepanzerten menschlichen Struktur mehr als berechtigt war. Das verkompliziert das Verhältnis von LSR und DMF ungemein, zumal die Wahrheits- und Freiheitskrämer („die stümpferhaften Epigonen von LSR“), als da wären DeSade, Bakunin, Marcuse, etc. und nicht zuletzt die „Reichianer“, einen ungemeinen Schaden angerichtet haben und darüber hinaus das ganze derartig durcheinander gebracht haben, daß der Außenstehende so gut wie nichts mehr versteht. Man denke etwa daran, daß der extreme Revoluzzer Herbert Marcuse für die sexuelle Repression, für die Todestriebtheorie eingetreten ist und gegen die „scheiß Liberalen“.
In diesem Zusammenhang verweise ich auch auf Reichs Aussagen über seinen stümpferhaften Epigonen und homosexuellen Freiheitskrämer und Mitbegründer des dekadenten bourgeoisen Selbstfindungskults namens „Gestalttherapie“, Paul Goodman:
Paul Goodman proklamiert die Sexualökonomie als die Psychologie der Revolution und die Freudsche Psychologie als die Psychologie der postrevolutionären Ära. Daraus folgt: Um die „Revolution“ zu inszenieren, werden sie der Jugend Sexökonomie geben. Aber danach werden sie zur Sublimierung zurückkehren!
Solch falsches Denken macht wirklich bitter. Da es Millionen von Goodmans gibt, scheitert jede revolutionäre Bewegung. Die Goodmans haben keine bösen Absichten, aber sie verkörpern eine kulturelle Kehrtwende, weil sie die Massen fürchten!
Angesichts der enormen intellektuellen Auswirkungen sollte ich, muß ich in meinen Reaktionen eine Haltung väterlicher, lässiger Besorgnis einnehmen. Diese gefährliche Sabotage meines Denkens regt mich viel zu sehr auf. (American Odyssey, S. 299)
[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]
Der bioenergetische Kern des „enkulturierten“ Individuums ringt um Ausdruck oder Befreiung, auch wenn es sich bloß um den Ausdruck sekundärer Triebe handelt (etwa die Rebellion der „bösen Jungs“ bzw. „bösen Mädchen“). Dabei ist der Kontakt zum eigenen Kern nicht vom Kontakt zur sozialen Umwelt zu trennen. Ist das eine defizitär, kann es auch mit dem anderen nicht weithersein.
Leider war Stirner vorzugsweise bei Homosexuellen und anderen Neurotikern und Perversen beliebt, d.h. allen, die fundamental anders waren und darauf beharrten, daß sie halt so sind, wie sie sind, eben „eigen“. Man denke nur an die Homosexuellenhymne schlechthin:
Ich bin, was ich bin. Ich bin, was ich bin. Ich bin meine eigene besondere Schöpfung. Also komm und sieh es dir an. Schieb den Vorhang zu oder gib mir Ovationen. Es ist meine Welt. Ich möchte ein wenig Stolz haben. Meine Welt, kein Ort, an dem ich mich verstecken muß. Das Leben ist keinen Pfifferling wert, solange ich nicht sagen kann: Ich bin, was ich bin.
Ich bin, was ich bin. Ich will kein Lob. Ich will kein Mitleid. Ich schlage meine eigene Trommel. Manche halten es für Lärm, ich denke, es ist schön. Und was ist dagegen zu sagen, wenn ich jedes Glitzerzeug und jeden Armreif liebe? Warum nicht versuchen, die Dinge aus ’nem anderen Blickwinkel zu sehen? Dein Leben ist eine Schande, bis du schreien kannst: Ich bin, was ich bin
Ich bin, was ich bin und was ich bin, bedarf keiner Entschuldigung. Ich verteile meine eigenen Karten, manchmal Asse, manchmal Nieten. Es gibt nur ein Leben und es gibt keine Rückgabe und keine Kaution. Ein Leben, also ist es Zeit, dich zu dir zu bekennen. Das Leben ist keinen Pfifferling wert, wenn du nicht schreien kannst: Ich bin, was ich bin
Ich bin gut. Ich bin stark. Ich bin würdig. Ich gehöre dazu. Ich bin nützlich.
Das hat das Zeug auch die Hymne aller Transgender- und Transhuman-„Dingsbumse“ zu werden – im vermeintlichen Geiste Stirners.
Oder man denke an die Erziehung, wo Stirner ebenfalls einen untergründigen Einfluß hat. Ich glaube, daß ausgerechnet jene Eltern, die „ideologisch“ dem Reichschen „Kinder der Zukunft-Projekt“ vielleicht noch am nächsten stehen, in Einzelfällen mehr Schaden anrichten als „unsere Eltern“. Beispielsweise glaubt eine „aufgeklärte“ Mutter, daß sie ihrem Kind ungemein nahe ist, wenn sie mit ihrer Tochter „um die Häuser zieht“ und sich ultraliberal verhält. Wahrscheinlich wird die Tochter aber nur durcheinander gebracht, lernt die Mutter (und alle Autoritätspersonen) verachten, fühlt sich ungeliebt und mißbraucht, zeigt extremes Verhalten, um doch noch eine genuin elterliche Reaktion zu provozieren, usw. Oder anders ausgedrückt: LSR bedeutet, daß die Kinder wirklich Kinder sein dürfen, ohne daß ihnen der Erwachsene implantiert wird, d.h. das Über-Ich, – und nicht, daß die Eltern selbst zu Kindern werden und überhaupt das ganze Land immer kindischer wird und dabei wohl noch glaubt „über-ich-freier“ zu sein. Langfristig ist das Gegenteil der Fall: die Menschen werden immer unselbständiger.
Was bei einer chaotischen Erziehung herauskommt, hat Reich bereits in seinem allerersten Buch, Der triebhafte Charakter, analysiert. Wer Sklave seiner eigenen Launen ist, ist eben nicht in sich voll integriert = ungepanzert, sondern innerlich zerrissen = gepanzert, d.h. von einer inneren Trennmauer durchzogen. Er unterscheidet sich von der üblichen wohlorganisierten Zerrissenheit des gehemmten Charakters (ein vernünftiges Ich vs. ein verständiges Über-Ich) nur dadurch, daß er noch zerrissener ist (ein wirres Ich vs. ein komplett unberechenbares sadistisches Über-Ich). Was gemeint ist, kann man überall an den heutigen selbstzerstörerischen grün-blau-lila-haarigen Kids sehen.