Eine Notiz Reichs über seine Bilder aus dem Jahre 1951:
Die Freude daran, Farbkompositionen aus den Fingern fließen zu lassen, ist etwas sehr Spannendes. Meist gibt es nur den Kern einer Idee. Um diesen Kern herum gruppieren sich die Farben und Formen ganz von selbst. Das ist wahre Selbstregulierung. (Where’s the Truth?, S. 84)
Zunächst muß man etwas über das Wesen von Wissenschaft klarstellen: Seit Newton keine Entwicklung in der Optik, weil sie abgeschlossen ist. Seit den späten 1920er Jahren keine Entwicklung in der Quantenmechanik, weil die Theorie (oder sagen wir lieber das mathematische Handwerkszeug) fertig ist, perfekt. Und so weiter. Ähnlich sieht das in der Orgonomie aus: mit ORANUR und CORE war die Orgonomie als Wissenschaft weitgehend abgeschlossen! Wenn Neuseeland einmal entdeckt und seine Inseln erkundet sind, ist die Sache gegessen! Natürlich wird das Land bis heute und in alle Ewigkeit weiter erforscht, aber… Natürlich entwickelt sich die Orgonomie fort (etwa durch die Beiträge von Elsworth F. Baker und Charles Konia), aber… Aber es ist nicht so, wie sich das der Kleine Mann vorstellt, der mystische und teilweise durchaus persönliche „Napoleonische“, wenn nicht gar „Hitleristische“ Vorstellungen vom eigenen Ruhm und der „Eroberung der Welt“ pflegt.
Schon zu Lebzeiten Reichs gab es einen gewissen Paul Ritter in England, der sich als eine Art „Neben-Reich“ aufspielte und versuchte Reichs Ansätze „weiterzuentwickeln“. Spätestens seit den 1970er Jahren hatte er in dieser Hinsicht zahllose Nachfolger, die nicht nur in der sogenannten „Körperarbeit“ (sic!) Reich „weiterentwickelt“, wenn nicht gar „überwunden“ haben.
Die Orgonomen haben Reich und die Orgonomie nur in dem Sinne fortgeführt, als sie die Sexualökonomie zusätzlich mit neuen Belegen untermauert haben (etwa James DeMeos Saharasia-Theorie) und in der Orgonbiophysik ähnliches geleistet haben. Nirgendswo ist da auch nur der kleinste Bruch zu Reichs Arbeit! So mancher sogenannte „Reichianer“ hingegen konzentriert sich darauf, die „wissenschaftliche“ Grundlage für seine jeweils eigeneArbeit zu schaffen und von diesem Punkt aus das gesamte Feld neu aufzurollen. Man denke nur an den grotesken „Radix“-Murx von Charles Kelley und all die verbrecherische SCHEISSE, die im Zusammenhang mit dem Cloudbusting verbreitet wird.
Kann man sich eine entsprechende Formulierung („die wissenschaftliche Grundlage für meinen Ansatz erarbeiten“) bei irgendeinem Orgonomen vorstellen!? UNDENKBAR! Diese „Reichianer“ spielen sich typischerweise jeweils als eine Art neuer Reich auf, der eine neue Wissenschaft begründet – die meinetwegen irgendwie mit Reich verbunden ist. Reich wird zu einer Art „Vorgänger“ degradiert und die Orgonomie zu einer Art „Hilfswissenschaft“.
Ich habe die Arbeit dieser Geistesakrobaten über Jahrzehnte verfolgt und dabei praktisch kein Wort von ihrem unerträglichen GESCHWAFEL verstanden (siehe meine zahlreichen Besprechungen). Alles sehr originell, ganz ihre jeweilige Schöpfung – aber mit Reich und Orgonomie hat das rein gar nichts zu tun. Meiner persönlichen Meinung nach sind es durchweg unerträgliche, kontaktlose Wirrköpfe. Vielleicht bin ich aber auch zu doof, um ihre genialen Gedankengänge nachzuvollziehen. Nun ja, wenn sie unvorsichtig genug waren Artikel, gar ganze Bücher zu verfassen, kann jeder selbst ihre geistige Zerrüttung bewundern!
Nochmals, zum xten Mal, der NACHRICHTENBRIEF ist nicht der Ort für derartige „Weiterentwicklungen“ der Orgonomie!
Überall, wo Reich aufgetreten ist, hatte er dank seiner intakten Arbeitsfunktion einen durchschlagenden Erfolg, sei es ab 1920 innerhalb der Psychoanalyse, sei es ab 1928 im Umfeld von KPÖ und KPD und den Sexualreformbewegungen der beiden Länder, sei es ab 1934 in Dänemark und Norwegen oder ab 1940 in den USA. Trotz des Bruches durch den Austrofaschismus und den Nationalsozialismus hat Reich bis heute in Österreich und Deutschland nachgewirkt. Anfang der 1970er Jahre sah es in den entsprechenden gesellschaftlichen Nischen sogar so aus, als würde Reich die Kultur dominieren. Wie Andreas Peglau nachgewiesen hat, wirkte er sogar hier und da im „Dritten Reich“ und in der „DDR“ nach! Norwegens Psychotherapeutische Szene und sogar die Kulturszene wäre ohne Reich bis heute undenkbar. In abgeschwächter Form gilt das auch für Dänemark und selbst für Schweden. Und ab etwa 1947 kann man bei der langsam wachsenden „orgonomischen Bewegung“ von einem immer sichtbarer werdenden sozialen Phänomen, insbesondere in New York, sprechen. Reich, seine Bücher und nicht zuletzt der Orgonenergie-Akkumulator wurden zu öffentlichen Begriffen und die Orgontherapeuten wurden von Patienten überlaufen. Dann wurde aber, wieder 1947, ähnlich wie ein Jahrzehnt zuvor, eine sich über Jahre hinziehende und sich dabei immer weiter ausdehnende Medienkampagne losgetreten. Reich mußte nicht nur wegen Hitler aus Norwegen fliehen und auch in Amerika ventilierte er schließlich eine erneute Flucht in die Schweiz.
Die Journaille hat Reich zu Fall gebracht! In Österreich und Deutschland war es die christliche und reaktionäre Presse, in Skandinavien die sozialdemokratische und in den USA die, ja, kommunistische Presse. „Die Kommunistische Presse der USA“?! Dazu muß man sich nur heute CNN und MSNBC in Amerika anschauen, die in vieler Hinsicht eine Entsprechung zu ARD und ZDF sind: es sind kommunistische Sender! Die Person, die die Pressekampagne in den USA los trat, Mildred Edie Brady, war Stalinistin. Und ein Großteil ihrer Kollegen hatten genau die gleiche Einstellung. Man braucht sich zum Vergleich wieder nur in den Redaktionsstuben der heutigen BRD umschauen, wo das rotgrüne Gesindel praktisch zu 100 % dominiert. Daß Brady auf Seiten der Pharmaindustrie (damals „Rockefeller“ heute „BlackRock“) stand und auch heute die Medien nichts anderes als die Propaganda- und Werbeabteilung der Pharmaindustrie sind, steht zum Kommunismus in keinster Weise im Widerspruch! Ich kann mich beispielsweise noch sehr gut erinnern, daß die Antifa zu Corona-Zeiten der bewaffnete Arm der Pharmalobby war!
Blicken wir zurück an den Anfang des Jahrtausends, als eine gewisse Angela Merkel einen geradezu libertären Wahlkampf gegen die rotgrüne Schröder-Regierung führte. Sie war die deutsche „Margret Thatcher“ und ich war begeisterter „Merkelianer“. Endlich sollte das ungeheure Arbeitspotential dieses Landes freigesetzt werden. Ein neues, alles dagewesene in den Schatten stellende Wirtschaftswunder! Doch schnell merkte die Dame, daß sie unmöglich gegen die sogenannte „öffentliche“ Meinung regieren konnte, d.h. gegen die Journaille des öffentlich verächtlichen Schundfunks und von ZEIT, STERN, SPIEGEL etc. Entsprechend hat sich ihre Politik ausgerichtet: wir haben „Thatcher“ gewählt und „Kamela Harris“ erhalten! Ähnliches wiederholte sich 2015: kurz vorher hatte sie noch verkündet, Multikulti sei eine Illusion und krachend gescheitert, doch dann bekam sie Angst vor „schlechten Bildern an der Grenze“, die die Tagesschau senden könnte, und plötzlich galt „Wir schaffen das!“. Seitdem sind unsere Weihnachtsmärkte Hochsicherheitstracks. Alles nur wegen Merkels panischer Angst vor – „Mildred Brady“! Mittlerweile steht dieses Land nach Jahrzehnten indirekter Regierung durch „Mildred Brady“ definitiv vor dem Kollaps. Hunderttausende warten auf ihre Entlassung, mit zitternden Händen öffnen gerade Millionen die Briefe mit der Nebenkostenabrechnung und eine Dunkelflaute steht vor der Tür, die dieses von den Rotgrünen in der Substanz ausgehöhltes Land in ein Chaos stürzen wird, das sich die durch die Medien hypnotisierten Schlafschafe in seinem ganzen Grauen nicht ausmalen können. Viel Spaß bei russischen Vergeltungsschlägen in einem dunklen, klirrendkalten Land, in dem es keinen Strom mehr gibt!
„Mildred Brady“ hat zwischen 1947 und 1957 die Orgonomie (von der heute nur noch ein blasser Schatten übriggeblieben ist!) zerstört und das auf exakt die gleiche Weise, wie sie in den letzten zwei Jahrzehnten Deutschland zerstört hat. Der Alzheimer, die Hohlbratze und der Schwachkopf sind nur Statisten aufgehangen an den Täuschungsschnüren der Journaille.
Warum, wieso, wie? Wie ist es möglich unaufhaltsame, produktive, lebendige Bewegungen wie die Orgonomie oder wie Deutschland aufzuhalten und zu zerstören. Was motiviert die verschwindend kleine Minderheit, die das Unmögliche zuwege bringt. Man lese dazu Paul Mathews Das Weltgeschehen, die Medien und Modju.
Ausgehend von seiner charakteranalytischen Praxis unterschied Reich zwischen zwei Grundformen der Arbeitsleistung: „die zwanghaft-unlustvolle und die natürlich-freudige“ (Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 257).
Die letztere öffnet den Weg zu einem „beruflich, fachlichen Interesse, (…) die sachliche Verbundenheit mit der Arbeit“ (ebd., S. 262). Das wird dadurch unterstützt, daß die Menschen „in ihrer Arbeitsfunktion (…) natürlicherweise dazu verhalten (sind), rational zu sein“ (S. 335), allein schon durch die „sachlich-rationalen Verflechtung von Arbeitszweigen“ (S. 343). Nirgendswo ist bei Reich die Rede von Anreizen („sei tugendhaft und du wirst Lust verspüren“), sondern von der Freisetzung eines natürlichen Antriebes und der mit ihm einhergehenden natürlichen Moral. „Sie funktionieren arbeitsdemokratisch nicht zufolge ihrer persönlichen politischen Neigungen, sondern ausschließlich zufolge ihrer Tätigkeit als Industriearbeiter, Farmer, Lehrer, Ärzte, Kleinkindererzieher, Schriftsteller, Administratoren, Techniker, Wissenschaftler, Forscher u.s.f.“ (S. 278). Es wäre eindeutiger, hätte Reich nur von „persönlichen Neigungen“ gesprochen, doch die Tendenz seiner Argumentationskette ist offensichtlich.
Reich war es um die Förderung der wirklich freien Lebensbetätigung und die gleichzeitige Beseitigung irrationaler Freiheitsbegriffe zu tun, wobei der irrige Freiheitsbegriff mit der innerlich versklavten menschlichen Struktur, also Fremdsteuerung verbunden ist. Praktisch muß sich der Arbeitende mit dem Arbeitsprozeß identifizieren („Work Democracy in Action“, Annals of the Orgone Institute, 1947). Ist der Arbeiter jemand, der nur deshalb gewissenhaft arbeitet, weil eine Belohnung für seine Arbeit in Aussicht steht (Tugend führt zu Lust – d.h. eine brüchige Pseudotugend muß durch Bestechung mit dem Geschenk der Lust herbei manipuliert, „erzwungen“, werden) oder funktioniert er als integraler Teil des Arbeitsprozesses, weil er innerlich frei, d.h. „lustfähig“ ist (Lust führt zu Tugend)? In letzterem Fall braucht ein innerer Widerstand bzw. eine „innere Trägheit“ nicht durch Anreize und „Impulse“ künstlich überwunden zu werden, was immer Manipulation (Fremdsteuerung) impliziert.
Seit Adam Smith geht es bei allen Theorien des Kapitalismus darum, die Tugendhaften zu belohnen. Sei fleißig und dabei gewissenhaft und du wirst deinen gerechten Lohn ernten! Das kann nicht funktionieren, denn wenn die Manipulation durchschaut und die Tugend nicht von außen, also fremdbestimmt kontrolliert wird, genießt man vorschnell – rebellisch, subversiv, betrügerisch. Denke an all die Fälle von Wissenschaftsbetrug und das „Ach, merkt eh keiner!“ deiner Kollegen. Der im ersten Aufsatz zu diesem Thema erläuterte Jesuanische, Paulinische, Augustinische, Lutherische, Jensinistische Ansatz setzt hier einen grundsätzlich anderen Akzent: „Ich arbeite nicht auf Erlösung hin, sondern ich bin erlöst und – arbeite“, d.h. ich bin dank der Gnade Gottes tugendhaft, selbst wenn ich nicht kontrolliert werde und keinen Lohn erwarten kann. Nur so kann echter Kapitalismus, wahre Demokratie und genuine Wissenschaft funktionieren. Natürlich braucht es immer wieder Anreize, wie heute in China und neuerdings z.B. in Vietnam, aber wirklich „nachhaltig“ ist das nur mit einer „protestantischen Ethik“. Wenn sich „Lust –> Tugend“ endlich durchsetzt, haben wir eine reine Arbeitsdemokratie vor uns, d.h. jeder folgt seinem „Fachbewußtsein“. Wobei natürlich auf „Tugend –> Lust“, also „Anreize“, nie ganz verzichtet werden kann. Es ist nur eine Frage der Gewichtung. Meiner Meinung nach steht das so spektakulär prosperierende China vor einer Katastrophe, eben weil es in dieser Hinsicht null arbeitsdemokratische Substanz hat. Man denke auch an das Nord-Süd-Gefälle in Europa und daran, wie durch den demoskopischen Wandel auch Deutschland von der Mentalität des mediterranen „Legal, illegal, scheiß egal!“ immer mehr zerfressen wird.
Angesichts dieser „libertinistischen“ Entartung ist der naheliegende Einwand, daß die hier, frei nach Max Weber, gepriesene „Calvinistische“ Geisteshaltung extrem leib- und sexualfeindlich, generell lustfeindlich war, geradezu die Verkörperung eines über-ich-gesteuerten Lebens. Dazu ist zunächst zu sagen, daß das den funktionellen Gegensatz von Arbeit und Sexualität widerspiegelt, der in gepanzerten Gesellschaften besonders akzentuiert ist (vom Pendeln zum Gegensatz). Außerdem kann man zwar oberflächlich von „freien Türken“ und „zugeknöpften Norwegern“ sprechen, doch aus der Perspektive von James DeMeos Saharasia-Theorie sieht das schon anders aus. Das ist ein gutes Beispiel dafür, was eigentlich gemeint ist, wenn man davon spricht, einen Sachverhalt „funktionell“ zu betrachten. Es geht nicht um „formale Logik“, sondern um die Zusammenhänge der Lebenswirklichkeit, nicht darum, wie etwas oberflächlich erscheint, sondern worauf das ganze hinausläuft.
„Philosophie“ bedeutet „Liebe zur Weisheit“. „Weisheit“ wiederum ist definiert als die „Tugend des Urteilsvermögens“. Sokrates zufolge führt Tugend zu „Glück und Erfüllung“. Tugend ist demnach also lustvoll. Beispielsweise läßt man sich, gemäß der Tugend der Tapferkeit, in einer Schlacht brav niedermetzeln, statt der ersten Eingebung des Selbsterhaltungstriebs zu folgen und sich davonzustehlen. Letztendlich ist nämlich, so Sokrates, der Heldentod befriedigender als das Dahinsiechen als elender Feigling. Praktische Philosophie, d.h. man bringt sein Urteilsvermögen zur Anwendung! Die Gegenposition zu dem, was sich später zum „Epikureismus“ entwickelte, bildete Seneca, der Tugend und Lust voneinander trennen wollte – scheinbar, denn auch bei ihm soll die Mäßigung letztendlich auch zu „Glück und Erfüllung“ führen, d.h. zu Lust. Ein schlagendes Beispiel wäre der Buddhismus, dessen letztendliches Ziel, trotz allem Verzicht und Altruismus, doch das „Nirwana“ ist – Glück und Erfüllung.
Hinter all dieser angeblichen Weisheit steckt die diese Gesellschaft konstituierende Abpanzerungsdressur: „Wenn du schön artig bist, bekommst du nachher ein Leckerli!“ Selbst hier dreht es sich bei allen philosophischen und religiösen Verrenkungen, egal wie gegensätzlich sie angeblich auch sein mögen, immer nur um das eine: die Reichsche Orgasmustheorie, d.h. das Verhältnis von Neurose (Irrationalismus) und Libidohaushalt (Frustration vs. Erfüllung), wobei das „Tugend führt zu Lust“ das Markenzeichen der orgastischen Impotenz ist.
Auch im Christentum geht es letztendlich darum im Paradies zu landen, wenn auch durch Selbstaufgabe „für den Nächsten“. Die Letzten werden letztendlich die Ersten sein! Es geht dem vermeintlichen Altruisten um das eigene Glück, die eigene Erfüllung! Erst die Reformation machte dieser eklatanten Verlogenheit, auf deren brüchigen, da inhärent widersprüchlichen Grundlage keine dauerhaft bestehende Gesellschaft zu errichten ist, ein Ende, als sie im Anschluß an Jesu Predigten gegen die verlogenen Pharisäer, insbesondere aber im Anschluß an Paulus‘ Theologie klarstellte, daß keine Tugendhaftigkeit der Welt vor Gottes Gerechtigkeit bestehen könne und daß wir nur auf die durch Jesus verkörperte willkürliche, da nicht verdienbare, also wahrhaft „bedingungslose“ Liebe Gottes setzen können. Hier führt dann nicht mehr die Tugend zur Erlösung (Lust), sondern die erlösende Liebe (also die erfüllende Lust) zur Tugend. Der erlöste Christ lebt selbstverständlich, sozusagen automatisch, tugendhaft, da er dank der Gnade Gottes gar nicht mehr das Bedürfnis zu sündigen verspürt.
Erst durch diese Umkehr des universellen Moralgesetzes einer dressierten Menschheit, „ich bin Tugendhaft, weil das am Ende die größte Lust verschafft“ (das ist beispielsweise die Lebensmaxime jedes Moslems!), zum protestantischen „ich bin erlöst und deshalb tugendhaft“ wurden Kapitalismus, Wissenschaft und Demokratie möglich. Diese beruhen nämlich durchweg darauf, daß ich ohne kleinliches Lustkalkül handele, d.h. ohne Fokus auf einen zukünftigen Lustgewinn, sondern vollkommen sachlich im Hier und Jetzt agiere. Man tut etwas um der Sache willen! Gingen in der Wirtschaft, im Labor, in der Politik ständig alle im obigen Sinne berechnend vor, würde jede Gesellschaft, die auf Vertrauen aufgebaut ist, kollabieren. (Man lese dazu die ganz auf „Sachzwänge“ zielenden Ausführungen über die „Arbeitsdemokratie“ in Reichs Massenpsychologie des Faschismus.)
Problem ist natürlich, daß die christliche (protestantische) Erlösung als Massenpsychose illusorisch ist und entsprechend auch die „protestantische Tugend“ auf wackeligen Beinen steht. Mit dem Tod Gottes folgt in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik ein Betrugsskandal dem anderen und das Kartenhaus wird bald endgültig kollabieren. Die einzige, DIE EINZIGE, Alternative ist das wahrhaftige „Lust führt zu Tugend“, die tugendhafte Lust, wie sie von LaMettrie und Reich beschrieben wurde.
Wenn ich befriedigt bin, bin ich automatisch „tugendhaft“. Orgastische Potenz führt über den Kapitalismus hinaus zur Arbeitsdemokratie, bei der der wirtschaftliche Erfolg des Gegenübers mit dem meinigen einhergeht. Wissenschaft muß nicht ständig durch Doppelblindexperimente vom vermeintlichen „Wissenschaftler“ geschützt werden, sondern ist wirklicher Kontakt mit der Natur. Und was für Wirtschaft und Wissenschaft gilt, gilt erst recht für die Administration der gesellschaftlichen Beziehungen. Gelingt uns diese tatsächliche Umkehr von gepanzerter „Tugend –> Lust“ zu ungepanzerter „Lust –> Tugend“ nicht, hat die Menschheit keinerlei Überlebenschance, da wirkliche Liebe zur Weisheit GENITALE LIEBE ist – die tugendhafte Lust!
Priorität beanspruchte LaMettrie ausschließlich für seine Lehre von den Schuldgefühlen, „und da kein Philosoph zu diesem Thema etwas beigetragen hat, kann mir diesen bescheidenen Erfinderruhm auch keiner nehmen“ (Anti-Seneca, S. 11). Wie Bernd A. Laska ausgeführt hat, entspricht das exakt dem von Freud geprägten Begriff „Über-Ich“ und weiter Reichs Entdeckung der charakterlichen und biophysiologischen „Panzerung“. Das wird dadurch noch bemerkenswerter, daß im Abstand von zwei Jahrhunderten bei beiden dieses Element ihrer jeweiligen Anthropologie unlösbar mit einer „Orgasmustheorie“ verbunden war.
Die erst von Christian Fernandes ins Gespräch gebrachte „These Jacques“ in der Version LaMettries (ab 1746) ist in der Tat eine Orgasmustheorie! Die 1722 von dem Medizin-Professor Gabriele-Antonio Jacques vorgebrachte medizinische Dissertation Ob aus dem Mangel des Beischlafs Krankheiten entstehen (die im krassen Gegensatz zu heute der zu prüfende Student verteidigen mußte!) dreht sich vor allem um die „Säfte“ („Humoralpathologie“), die durch regelmäßigen Geschlechtsverkehr umgeschichtet werden müssen, um keinen körperlichen und psychischen Schaden anzurichten, wozu Eifersucht, Neid, Ungeselligkeit, Gehässigkeit, Rachsucht, Mitleidslosigkeit, Lästereien etc. zählen. Umgekehrt erhält regelmäßiger Geschlechtsverkehr körperlich gesund und fördert in jeder Hinsicht „tugendhaftes“ Verhalten, nicht nur wegen der Entspannung, sondern auch, weil der Geschlechtsakt das Urbild der Gemeinschaft ist: ich kann nur glücklich sein, wenn mein Partner glücklich ist. Fernandes:
Aufgrund des kausalen Zusammenhangs von Sexualität und Tugend sagt Jacques zu Beginn auch, der Geschlechtsverkehr sei „der Gemeinschaft verlockendes Band“. La Mettrie muß fasziniert gewesen sein von dieser neuen Sichtweise auf die Sexualität als Grundlage von Moral und Gesellschaft. (S. 20)
In wenigen Sätzen haben wir hier die Orgasmustheorie mit ihren medizinischen, psychologischen und soziologischen Aspekten sowie das fundamentale Gegensatzpaar von Emotioneller Pest (Eifersucht, Neid, Ungeselligkeit, Gehässigkeit, Rachsucht, Mitleidslosigkeit, Lästereien etc.) und Arbeitsdemokratie vor uns. Zu letzterer zitiere ich wieder Fernandes:
In La Mettries „tugendhafter Lust“ (…) ziehe ich den Nutzen direkt aus dem Glück des anderen (…). Mein Glück hängt unmittelbar von seinem ab. Diese Anthropologie der Mitfreude gründet er auf das Phänomen der sexuellen Lust als „Glück, das sich verdoppelt, indem es sich teilt“, bzw. wichtigstes Instrument der Natur, „um uns glücklich zu machen, indem sie das Objekt glücklich macht, das sich das Glück mit uns teilt“. Die sexuelle „jouissance mutuelle“ [gegenseitiger Genuß] ist aus seiner Sicht verallgemeinerungsfähig und Prinzip der für mich und [für] alle optimalen gesellschaftlichen Ordnung: „Hätte sich die Natur ein köstlicheres Band ausdenken können, um die Gesellschaft zu bilden?“
Auf die erstaunliche Parallelität, die sich bei LaMettrie zur Charakteranalyse findet, werde ich morgen im Zusammenhang mit dem Stichwort „Ironie“ eingehen!
Der Rest, nämlich eine praktisch komplette Vorwegnahme der Sexualökonomie ergibt sich fast von selbst:
Zunächst ist da die Unterscheidung zwischen primären und sekundären Trieben. In den Worten Fernandes‘: „Wird“, LaMettrie zufolge, „die Lust über das gesunde Maß hinaus eingeschränkt, geht zusammen mit ihr auch die Tugendfähigkeit verloren und es entstehen lasterhafte Charakterzüge.“ Dabei wird aus „Wohl-Lust“, um ein Wort zu verwenden, das Laska in diesem Zusammenhang geprägt hat, „Wüst-Lust“ (S. 86).
Dies geht einher mit der Unterscheidung zwischen eigentlicher, natürlicher Moral und der Zwangsmoral. Fernandes erläutert LaMettries Sichtweise wie folgt: „Die ‚erfundene‘, ‚religiöse‘, ‚gebieterisch befehlende‘ Moral der Kultur erzeugt antisoziale Neigungen, die vorher gar nicht vorhanden waren, die ‚Moral der Natur‘ hegt und pflegt die natürlichen Neigungen, die bereits sozial orientiert sind.“ Fernandes hebt dabei wiederholt hervor, daß „La Mettrie zufolge [die] lustfeindliche Moral das asoziale Verhalten allererst erzeugt, das sie dann zwar unterdrücken soll, aber häufig nicht mehr unterdrücken kann“ (S. 89).
All das hat, wie beim Arzt Wilhelm Reich Ende der 1920er Jahre, auch bei seinem Kollegen LaMettrie politische Konsequenzen, denn dieser „definiert Gesundheit im klinischen Sinne und [sie] ist [für ihn] zugleich Prinzip einer qualitativ besseren Gesellschaft“ (S. 144). Fernandes führt näher aus:
Wenn der medizinische Ansatz so universell ist, daß er auch Sittlichkeit und Vernunftfähigkeit umfaßt, liegt es nahe, sich als Arzt in die Politik einzumischen. Basiert die soziale Ordnung auf der Tugendhaftigkeit der Einzelnen und hängt diese von der Fähigkeit zur „Empfindung der Wollust“ ab, welche durch die soziale Umwelt stark beeinträchtigt wird, so ergibt sich daraus eine konsequente politische Forderung. (…) Einen gewaltsamen Umsturz der Verhältnisse kann La Mettrie aufgrund seiner tiefenpsychologischen Einsichten nicht gemeint haben. Denn eine nach Maßgabe der „tugendhaften Lust“ qualitativ andere Gesellschaft ist nur möglich, wenn die massenhaft manipulierte psychophysische Struktur der Individuen sich ändert. Daher hatte er zuallererst eine Revolution der Pädagogik im Auge, einen Verzicht auf die traditionelle Form der Enkulturation, die in einem „irrationalen Über-Ich“ (Laska) resultiert. (S. 68)
Wir sind beim krönenden Abschluß von Reichs sozialem Engagement, dem Konzept „Kinder der Zukunft“ angelangt. Bei La Mettrie 1746… Fernandes referiert:
Junge und Mädchen werden hier gedanklich in den Naturzustand versetzt. „Allein“, „ohne Erziehung“ würden sie nur der „zärtlichen Neigung der Natur“ folgen, der Lust, „die eine Tugend ist“. Außerhalb des Naturzustandes, unter sozialem Einfluß hätten sie „Vorurteile“ und „Schuldgefühle“, könnten darum dieser tugendhaften Lust nicht uneingeschränkt folgen, was zum Bösewerden ihrer Neigungen führte. Warum? Weil die „Seele“ der „jungen Herzen“ nur deswegen „rein“ ist, weil sie noch nicht von „Reue vergiftet“ wurde. Reue, die auf gesellschaftlich bedingte Vorurteile und Schuldgefühle zurückgeht, macht die Herzen „unrein und verdorben“, also böse, indem sie ihnen die „Freude“ nimmt. Im Naturzustand hingegen würden sie ein glückliches Liebesverhältnis miteinander eingehen. (…)* Sie lebten „glücklich“ unter den „Gesetzen der Natur“. Diese „glücklichen Kinder“ rief La Mettrie zu Beginn der École de la volupté [1746] an. Von ihnen als Inbegriff der „tugendhaften Lust“ wollte er sich bei der Abfassung des Werks inspirieren lassen. (S. 26f)
Das ist der Kern von LaMettries „Wollustschriften“. Im dazu komplementären Anti-Seneca (1748) hingegen „geht es um die Bekämpfung der repressiven Moral der Kultur, die in der frühkindlichen Erziehung verinnerlicht wird und sich auch später beim Erwachsenen auswirkt, nämlich in unnötigen Schuldgefühlen, die ihm das Leben vergällen“ (S. 88). Ich verweise zurück auf den Anfang dieses Blogeintrags.
* Nachbemerkung: Die mit einem Stern gekennzeichnete Streichung betrifft folgenden Satz, der LaMettries Lehre getreu widergibt: „Sind sie blutsverwandt, so käme das ihrer Liebe sogar zugute. Das soziale Tabu der Geschwisterliebe spielte für sie keine Rolle.“ Siehe dazu den gestrigen Blogeintrag unter den Stichworten „Inzest“ und „Inzucht“!
Das große Verdienst von Christian Fernandes ist es, mit seiner bahnbrechenden philosophiegeschichtlichen Studie über die „tugendhafte Lust“ die Orgasmustheorie, Charakteranalyse („Lehre von der Schuldgefühlen“) = Sexualökonomie = Orgonomie neu begründet zu haben, ohne auf Wilhelm Reich rekurrieren zu müssen, der zum Glück (sic!) nur am Rande erwähnt wird, LaMettrie reicht dazu nämlich vollkommen aus. Hier ein beliebiges Zitat aus Fernandes‘ Doktorarbeit:
In einer atheistischen Gesellschaft wären die Sterblichen „ruhig“. „Tranquilles“ bedeutet im Kontext friedlich, frei von der durch Religion kriegerisch gewordenen Natur. Die Religion nimmt im Homme machine genau die Stelle ein, die ein Jahr später im Discours sur le bonheur den Schuldgefühlen zukommt. Die „ruhige und tugendhafte Lust“ der idealen Gesellschaft dort entspricht der Ruhe der Sterblichen in der atheistischen Gesellschaft hier. Sie verhalten sich nicht bösartig, sondern ruhig, friedlich, tugendhaft, weil sie ohne den negativen Einfluß der Religion nur den „spontanen Ratschlägen ihres eigenen Ichs“, ihrer unverfälschten, reinen Natur, den angeborenen Triebfedern, ihrer per se tugendhaften Lust folgen. Für „jede andere Stimme“ sind sie „taub“. Da die Verunreinigung, die Infizierung der Natur durch Einflüsterung „anderer Stimmen“ der Ursprung des Bösen ist, sind sie immun dagegen, eine Neigung zum Bösen zu entwickeln. Anderen zu schaden, kommt für sie nicht infrage. Die von La Mettrie gemeinte Strafe, die auf die Mißachtung jener Ratschläge der Natur folgt, sind persönliches Leid, aber auch ein gesteigertes Aggressionspotential und das schreckliche gesamtgesellschaftliche Unglück, das daraus entsteht.
Daß die Tugend der Weg zum Glück sei, könnte als Gemeinplatz mißverstanden werden. Das Spezifikum La Mettries, die Parallele zur „Moral der Natur“ des Discours préliminaire verbirgt sich in der Aussage, daß diese „Pfade der Tugend“ selbst bereits „angenehm“ sind. Der Weg zum Glück führt also über das Glück selbst, über das dem natürlichen Luststreben Angenehme, nicht über Entsagung, Opfer, Unterdrückung des Eigenwillens. Das Angenehme, das Glück ist mit der Tugend verknüpft. Die Lust selbst ist tugendhaft und begründet das Wohlergehen des Einzelnen sowie der Gesellschaft, weil die Natur des Menschen so beschaffen ist, daß die eigene Lust von der des anderen abhängt und sie daher aus eigenem Antrieb befördert. Darin besteht „das natürliche Gesetz“ der Moral. Wird ihm gemäß erzogen, entsteht der „rechtschaffene Mensch“, auf den man sich verlassen, dem man vertrauen kann. (S. 23f)
Dieses Buch sollte Pflichtlektüre jedes „Reichianers“ sein, denn allzuleicht wird die Beschäftigung mit Reich zur Routine, nur bloßen intellektuelle Geste und zur Gebetsmühle, die ständig „orgonomisch korrektes“ Zeugs absondert. Mit Fernandes‘ nach 300 Jahren erstmaliger Freilegung des Kerns der LaMettrie’schen Philosophie, wurde uns die Chance eines Innewerdens unseres Eigensten möglich gemacht und damit die Chance eines Neuanfangs geboten, sozusagen „Orgonomie ohne Wilhelm Reich“.
Die Ehre LaMettrie (zusammen mit Max Stirner) für die Orgonomie entdeckt zu haben, kommt natürlich Bernd A. Laska zu, doch das beschränkte sich auf die Lehre von den schädlichen Schuldgefühlen = Charakteranalyse = Panzerung = Über-Ich. Daß dies bei LaMettrie (genauso wie bei Wilhelm Reich) mit der Lehre von der tugendhaften Lust = Orgasmustheorie = Sexualökonomie untrennbar verbunden ist, hat (nach ersten Andeutungen bei Laska) erst Fernandes im vollen Umfang gezeigt.
LaMettrie war der „Wilhelm Reich des 18. Jahrhunderts“ und wurde deshalb mit aller Wahrscheinlichkeit auch ermordet. Beide sahen sich jeweils als „neuer Prometheus“, der die Flamme der Wollust bringt und damit gleichzeitig die Zivilisation begründet. Bisher herrscht die bloße Barbarei!
DANKE Bernd A. Laska! DANKE Christian Fernandes! Wenn jetzt noch jemand eine Brücke von LaMettrie nach, keine Ahnung, Luigi Galvanis „animalischer Elektrizität“ oder Franz Anton Mesmers „animalischem Magnetismus“ = Orgonenergie schlägt…
Man erlaube mir dazu einen Anhang, denn mir fällt dazu folgendes ein:
Victor Frankenstein war in Mary Shelleys Roman „der neue Prometheus“ – der so, praktisch in der gleichen Funktion, in La Mettries Der Mensch als Maschine (Laskas Ausgabe, S. 83) auftritt. Seine Maschine bzw. sein „Monster“ wurde durch eine „atmosphärische Lebenskraft“ ins Leben gerufen, zu der Shelley von Galvanis Experimenten und der Praxis des Mesmerismus inspiriert worden war – kurioserweise auch durch die Arbeit von Mesmers Nemesis, Benjamin Franklin, mit Gewitterblitzen. Und drittens: ihr Roman dreht sich, vor dem Hintergrund der Geschichte der Aufklärung seit LaMettrie und der durch Rousseau initiierten Romantik um die tugendhafte Lust bzw. deren Negation.
Der Entstehungszeitraum von Mary Shelleys Frankenstein fällt in eine (…) Phase hoher technischer, medizinischer und allgemein naturwissenschaftlicher Fortschrittsdynamik. L’Homme machine des französischen Arztes und Philosophen Julien Offray de La Mettrie scheint ebenso die Zeit zu prägen und die Idee eines Maschinen-Menschen zu beflügeln wie die Erfindung der Elektrizität und die Versuche mit der solchen von Luigi Galvani (Galvanismus).
Beeinflußt von Philosophen der Aufklärung wie Rousseau und Smith, feiern romantische Schriftsteller wie Coleridge und Percy Shelley die erhabene Kraft der sympathischen Liebe, die das Selbst und den anderen (sei er menschlich oder unmenschlich) zu einem wundersamen Ganzen verschmelzen läßt und damit die Gefahren der Einsamkeit und des Solipsismus ausschließt. Nicht alle romantischen Schriftsteller teilen jedoch die gleiche sanguinische Sicht der Liebe. In Frankenstein zum Beispiel bietet Mary Shelley eine Alternative zur optimistischen Sichtweise auf die Fähigkeit zur (gegenseitigen) Sympathie. Sie formt den Roman zu einer Geschichte bitterer Einsamkeit, die durch den Mangel an sympathischem Verständnis zwischen Victor und der Natur, zwischen dem Monster und den De Laceys und zwischen dem Monster und seinem Vater Victor verursacht wird. In diesen wechselseitigen Beziehungen, so meine These, beschwört Shelley Elemente der aufklärerisch-romantischen Liebe herauf, nur um deren erhabene Kraft zu widerrufen und sie darüber hinaus in Verzweiflung zu verwandeln. Anstelle der romantischen Freude der transzendenten Fülle ist der Roman von gothic Verzweiflung, der völligen Negation der Erlösung, umhüllt.
Da das Monster nicht liebenswert ist, sich aber nach Liebe sehnt, rastet es aus und wird zum – Monster. „Das Wesen, das [Frankenstein] erschafft, trägt die ganze menschliche Natur in sich. Es verlangt nach Liebe, ist aber physisch nicht liebenswert, und Dr. Frankenstein verweigert ihm jede Möglichkeit der Liebe. Im Gegenzug und aus freiem Willen entscheidet es sich, die Liebesbeziehungen anderer zu zerstören“ (hier). Es ist bezeichnend, wie sehr Mary Shelleys abgründiger Horrorroman über einen „LaMettrie“ (gleichzeitig auch „Anti-LaMettrie“) und die tugendhafte Lust (bzw. die dramatischen Folgenden unterdrückter Lust) seit 200 Jahren die Menschen absolut unwiderstehlich in seinen Bann zieht…
Der Roman ist eine Erzählung über den Maschinenmenschen mit einer „romantischen“ Wendung („Lebenskraft“), über das Schuldgefühl (das Victor zerfrißt und von dem sein namenloses „Monster“ vollkommen frei ist – mit verheerenden Folgen) und nicht zuletzt eine über die „aufklärerisch-romantische Liebe“, die auf LaMettries „tugendhafte Lust“ zurückgeht und die verheerenden Folgen, wenn das Liebesbedürfnis zerstört wird. Victor liebt seinen künstlichen „Sohn“ nicht und tötet dessen künstliche Gefährtin sofort nach deren Erschaffung. Vielleicht lese ich zuviel hinein, aber zu diesem Thema paßt auch etwas, das für einen LaMettrie-Kenner kein Zufall sein kann: daß Victor Frankensteins Romanze mit Elizabeth Lavenza (die aus Rache vom „Monster“ getötet wird), jedenfalls in der ursprünglichen, unveränderten Originalversion des Romans von 1818, inzestuöse Geschwisterliebe war.
In Freuds System war Moses die zentrale Figur. Moses war ein Symbol der Selbstkontrolle durch muskuläre Zurückhaltung, die Herrschaft der vermeintlichen Vernunft über die vermeintlich irrationalen Triebe. Bei Reich stand Christus im Mittelpunkt, ein Symbol der Hingabe statt gepanzerte Kontrolle.
Der hartleibige Moses gegen den „weichleibigen“ Christus… Reich erklärte seinem Sohn Peter:
Und die Art, wie sie etwas leisten oder durchsetzen, ist ebenfalls hartleibig. Erinnerst du dich an den Film mit John Wayne, in dem er stürzt und zum Krüppel wird? (…) Du weißt, als er im Bett saß, auf das Ende seines Gipsverbandes schaute und seine Zehen beobachtete, beschloß er, wieder gehen zu lernen. Und er sagte immer wieder zu sich: „Ich muß diesen Zeh bewegen. Ich muß diesen Zeh bewegen.“ Schau, das ist die starre, die verkrampfte Art, Dinge zu überwinden. (…) Hindernisse und Behinderungen in dieser Weise zu überwinden, durch Gewalt, durch sogenannte Willenskraft (…) das ist die starre, verkrampfte, mechanistische Art, Leistungen zu vollbringen. Er mußte sich so anspannen und verhärten, sich selbst mit aller Gewalt dazu zwingen, wieder gehen zu lernen, daß er darüber vergaß, wie man liebt und freundlich ist. (…) Am besten ist es, einfach zu atmen, sich zu entspannen und es auf natürliche Weise kommen zu lassen. Erzwinge nie etwas, laß es einfach auf natürliche Weise eintreten, dann ist es immer okay. (Peter Reich: Der Traumvater, München 1975, S. 28f)