Jerome D[avid] Salinger (geb. 1.1.1919) [undatierte Notiz]

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]
Der gesellschaftliche Kampf war immer der zwischen Nationalisten und Internationalisten und damit immer „LSR“: die einen wollen „xenophob“ Eigner bleiben, die anderen aus den „nationalistischen“ Beschränkungen entfliehen. Die einen wollen „Grenzen ziehen“, um ihre eigene Integrität vor den Angriffen einer übergriffigen Außenwelt zu schützen – LSR. Die anderen wollen die übergriffigen Grenzziehungen aufheben – LSR.
Im 20. Jahrhundert war das entsprechend die Auseinandersetzung zwischen Faschisten (Mussolini, Dollfuß, Franco, Hitler etc.) und Kommunisten (Lenin, Luxemburg, Trotzki, Stalin etc.). Die einen verteidigten ihr „Eigentum“ (Eigentumsrechte, völkische Identität, Tradition, Grenzen), die anderen wollten es aufheben, weil es die gesellschaftliche Entfaltung des Menschen einschränken würde. (Heute gehört schon das biologische Geschlecht zu einer nichtakzeptablen Einschränkung!) BEIDEN ging es damit um den Kern von LSR!
Deshalb ist es auch kein Wunder, daß beide Seiten teilweise austauschbar sind: Hitler gilt als Sozialist, Stalin als Nationalist. Konkret wird Stirner als Urvater des Faschismus hingestellt, während Marx ohne seine Auseinandersetzung mit Stirner nie und nimmer das entwickeln konnte, was man heute als „Marxismus“ bezeichnet. Die gleiche Auseinandersetzung findet sich auch innerhalb der beiden Lager. Hitler fühlte sich durch die völkische und nationalistische „Reaktion“ bedroht. Stauffenberg nahm er ganz zu recht als „Angriff von rechts“ wahr. Spiegelverkehrt bei Stalin: der in den Trotzkisten eine „kosmopolitische“ Bedrohung von links sah.
All diese externen und internen Auseinandersetzungen kann man als Versuche begreifen „frei zu sein“, als, um Reichs Begriff zu benutzen, „mißglückte biologische Revolutionen“. Vordergründig ging es um das Ziehen bzw. Aufheben von Grenzen, doch in Wirklichkeit ging es um die Bewältigung der Panzerung (des Über-Ichs) in einer Welt, die durch den LSR-Impuls in Aufruhr geraten ist und nie wieder Frieden finden wird, solange das Problem nicht gelöst ist, d.h. die Menschheit „die Falle“ verlassen hat.
In Amerika behauptete Reich, nie Kommunist „im politischen Sinne“ gewesen zu sein, während er in Europa selbst als denkbar militanter Kommunist auftrat – und es zweifellos war. War er ein Lügner?
Er war einerseits jemand der, anders als all die anderen „Marxisten“, a la Fenichel und Fromm, tatsächlich politisch gekämpft hat, wirklich auf die Straße gegangen ist, die Massen agitiert hat etc., d.h. öffentlich als Kommunist und „linke Opposition“ innerhalb der Psychoanalyse erkennbar war. Andererseits war er ganz anders als die anderen, etwa Arthur Koestler, der in Berlin in seiner Zelle war, d.h. er war als Wissenschaftler „politisch“ aktiv, nicht als jemand, der sich eine Ideologie ausgesucht hatte, die ihn aus emotionalen Gründen faszinierte. Seine intellektuellen Mitstreiter suchten einen Platz, um zu agitieren und zu intrigieren, Reich suchte ganz im Gegenteil einen Zugang zu den Massen, d.h. zum tatsächlichen Geschichtsprozeß. (Es war für Reich sozusagen eine „ethnographische Expedition“ ins gesellschaftliche Labor und gleichzeitig eine Möglichkeit unmittelbare Konsequenzen aus seiner Theorie zu ziehen. Keine Theorie ohne Praxis und umgekehrt. Dialektik!) Seine vermeintlichen „Genossen“ sahen sich zwar auch als „Linke“, aber die tatsächliche Arbeit mit den arbeitenden Massen in den Sexualberatungsstellen betrachteten sie als imgrunde sinnlose Zumutung. Sie wollten im Geheimen agieren und theoretisieren wie der im Grunde genommen lächerliche Salonmarxist Otto Fenichel.
Außerdem waren es fast ausnahmslos atheistische Juden, für die der Kommunismus ein Ersatz für ihre messianischen Träume darstellte, die christliche Umwelt endlich zu zerstören. Obzwar formal ebenfalls „Jude“, hatte Reich durch seine „abtrünnige“ Familie eine vollkommen andere Sozialisation durchlaufen, d.h. sein Engagement war genuin und nicht von ressentiment-geladenen und suprematistischen Rachephantasien geprägt. Vergleichbar dem Haß, der Verachtung und dem Ressentiment, die uns heute von unseren moslemischen „Mitbürgern“ entgegenwehen. Die gleiche morbide Mischung aus Erwähltheitsgefühl und Selbstverachtung! Man lese Reichs Rede an den kleinen Mann.
Willkürlich greife ich drei heraus, die alle um das Wesen des Christentums und des Heidentums kreisen und die in den letzten Jahren eine größere massenwirksame Verbreitung gefunden haben:
1) Die Juden befinden sich in „heidnischer“ Rebellion gegen ihren eigenen Messias, Jesus Christus, und würden alles tun, um die göttliche Ordnung zu zerstören, etwa durch den Marxismus und die Psychoanalyse und durch deren heutige Ausläufer: Multikulti bis Transgender.
2) Das Christentum ist eine jüdische Erfindung, um die jüdische Weltherrschaft voranzubringen, würden wir doch einen Juden und seinen Gott anbeten und das freie Heidentum endgültig auslöschen.
3) Der Vatikan und seine Stoßspitze, die Jesuiten (die wiederum die CIA etc.pp. kontrollieren!), wären nur formell christlich, tatsächlich aber ein Instrument der alten heidnischen Priesterschaft Ägyptens, Babylons und schließlich Roms, um das Heidentum letztendlich doch noch zum Triumph zu führen.
Es ist naiv, derartige Verschwörungstheorien als naiv abzutun, denn deren Vertreter werden dich jeweils mit Tonnen von „Evidenz“ überschütten. Willst du bestreiten, daß praktisch alle führenden Bolschewisten, Psychoanalytiker und die Apostel der heutigen Kulturrevolution praktisch durchweg Juden waren? Wie viele Aussagen von Rabbinern brauchst du eigentlich noch, die offen sagen, daß Jesus, Petrus und Paulus sich bewußt geopfert haben, um langfristig der jüdischen Agenda zu dienen? Siehst du nicht das offensichtliche, nämlich, daß der gesamte Katholizismus kaum verdecktes klassisches Heidentum ist?
Mit rationalen Gegenargumenten kommt man nicht weiter, weil die Argumente der Verschwörungstheoretiker, sozusagen „im Rahmen des Wahnsinns“, durchweg durchaus stichhaltig sind, auch wenn sich die daraus abgeleiteten Theorien gegenseitig schlichtweg ausschließen. Oder nehmen wir jene, die dir beweisen, daß die USA ein „zionistisch besetztes Land“ ist, während andere mit entsprechenden Beweisen dir zeigen, die USA seien tatsächlich das Vierte Reich, das schrittweise nach 1945 von Nazis etabliert wurde.
Es sei auch daran erinnert, daß die Orgonomie selbst Verschwörungstheorien nicht abhold ist. Man denke nur daran, daß Myron Sharaf zufolge Reichs frühe Sexpol-Theorie über die Sexualunterdrückung durch ausbeuterische Kapitalisten imgrunde eine Verschwörungstheorie war. Reich selbst hat am Ende mit dem „Rockefeller-Moskau-Komplex“ eine Verschwörungstheorie vertreten und dazu einen dicken Band voller Dokumente hinterlassen, den er Conspiracy überschrieb.
Wie also damit umgehen? Erstmal ist es eine Selbstverständlichkeit, daß es Gruppeninteressen gibt. Man denke nur an die Türken in Deutschland und wie Erdogan wiederholt ganz offen davon gesprochen hat, daß er diesen Machtblock für die Interessen des Mutterlandes instrumentalisieren wird. Bitte, versuch mal eine offizielle Gedenkstätte für den Völkermord an den Armeniern zu initiieren! Oder Saudi-Arabien: Moscheevereine in Deutschland schwimmen im Geld.
Wichtiger ist aber ein ganz anderer Faktor, der nur dem Studenten der Orgonomie zugänglich ist:
Ich werde jetzt einen Teufel tun und die genannten drei Verschwörungstheorien einzeln aufdröseln und deren verborgene rationalen Elemente aufzeigen und wie diese verzerrt wurden. Es sei nur soviel gesagt, daß jede Verschwörungstheorie, die einigen Widerhall findet, dies nicht ohne Grund tut. Sowohl der Produzent als auch der Rezipient der Verschwörungstheorie hat eine vage Ahnung von orgonotischen Prozessen, die in der Gesellschaft wirksam sind. Dazu gehören insbesondere die von Reich in seiner Studie über die ultimative Verschwörung, den Christusmord, angeschnittenen Konzepte, die dann teilweise in der von Elsworth F. Baker und Charles Konia ausgearbeiteten soziopolitischen Charakterologie aufgegangen sind, insbesondere was den pestilenten, den pseudoliberalen und den konservativen Charakter betrifft.
Wie kann es dann sein, daß etwa Konia ziemlich häufig zu eindeutigen Fehleinschätzungen gelangt, während tumbe Verschwörungstheoretiker recht behalten? Erst einmal, die Rechnung kommt immer zuletzt, will sagen, erst die Zeit wird zeigen, welche Einschätzung beispielsweise des Putinschen Rußland die richtige ist. Zweitens leben wir alle in einer Informationsblase, ob wir wollen oder nicht. Freunde von mir wundern sich, wie sehr ich doch in den letzten Jahren meine manchmal recht apodiktischen Meinungen geändert habe. Das liegt nicht etwa daran, daß sich meine „Orgonometrie“ verändert hätte, sondern schlicht daran, daß ich grundsätzlich sämtliche Mainstream-Medien ignoriere: ich schaue kein Fernsehen mehr, höre kein Radio mehr, lese weder Zeitungen noch Zeitschriften, selbst Youtube meide ich tunlichst. Meine Welt sind jetzt die alternativen Medien, so gut wie ausschließlich die amerikanischen.
Man könnte mir nun vorhalten, ich würde nunmehr erstrecht in einer hermetisch abgeschotteten Medienblase leben. Nun ja, es sind die Massenmedien, die eine Einheitsmeinung vertreten (bis auf wenige Feigenblätter sind alle ihre Macher pseudoliberale Charaktere!) und zweitens: ich habe mich lebenslang mit Sekten beschäftigt, kann „medial“ induzierte Augenpanzerung von daher besonders gut einschätzen: Jahrzehnte Tagesschau haben meinem Augensegment nicht gutgetan.
Aber zurück zu Fehleinschätzungen: Auch der beste Physiker wird Mist bauen, etwa eine falsche Kosmologie entwerfen, wenn er lückenhafte, gar falsche Daten vor sich hat, während irgendein Spinner zufällig genau richtig liegen mag. Trotzdem ist die wissenschaftliche Methode eben das: Wissenschaft, d.h. frei von subjektiver Willkür. Wenn ich in einen Computer falsche Daten eingebe und er infolge ziemlichen Mist ausspuckt, bedeutet das nicht, daß mit dem Computer bzw. den verwendeten Algorithmen etwas nicht stimmt! Gleichzeitig kann es sein, daß ein Mensch, der daneben sitzt, instinktiv das richtige Ergebnis „ausspuckt“!
Das erinnert mich etwas an Vorurteile. Die allermeisten treffen den Nagel auf den Kopf! Doch manchmal sind sie dermaßen daneben, dermaßen ungerecht und schlichtweg krank… Was sind Verschwörungstheorien anderes als Vorurteile, die sich ein rationales Gewand geben? Es bedarf immer eines wissenschaftlichen Korrektivs. Ohne wissenschaftliche Methode wären wir bald verloren, d.h. würden wieder Hexen verbrennen!
Über Freundlichkeit, den Geist, die Seele und das Christentum: Gedanken nach dem Anschauen von David Leans GEHEIMNISVOLLE ERBSCHAFT
Die Pest der politischen Identifikation
Sei ein Liebender
[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]
Immer auf Kontra zu setzen und Reich stets draußen zu halten, ist billig: er habe nicht wirklich zu Marx, zu Freud, zu „Wilson“, „Roosevelt“, zu „Eisenhower“ (von denen er jeweils zu ihren Hochzeiten ein großer Fan war) etc. gehört. Das ist einfach eine Selbstverständlichkeit. (Es sollte zumindest eine Selbstverständlichkeit sein.) Was erst mal wichtiger ist, ist doch, wie Reich sich eingebracht hat: wie der wahre Reich, der „LSR-Reich“, sich in dieser Welt einbringen wollte. Mir persönlich hat immer imponiert, wie er sich einpassen konnte, wie er eben nicht in eine „Peer Gynt-Existenz“ versank, sondern sich in den Institutionen festsetzte und, zumindest anfangs, durchsetzte: in der Psychoanalyse, nach dem „Konflikt mit Freud“ in der KP, danach im Exil, wo er eine eigene Organisation nach der anderen aufbaute, um schließlich in seinen letzten Versuchen bis nach „ganz oben“ durchzudringen.
Dieser unbedingte Wille sich durchzusetzen und zwar in dieser Welt und ihren Institutionen, die einen rationalen Kern haben (siehe seinen Aufsatz „Die Entwicklung des autoritären Staatsapparats aus rationalen sozialen Beziehungen“ in Die Massenpsychologie des Faschismus). Siehe dazu auch seinen Brief an Neill vom 3. März 1956. Dort schreibt er, er sei immer ein „Konservativer“ gewesen. Was bedeutet das? Ein Konservativer ist jemand, der an die überkommenen Institutionen glaubt und der sie nutzen will, um im schlechtesten Fall den Status quo zu erhalten und im besten Fall, um diese Welt organisch zu den besagten „rationalen sozialen Beziehungen“ zurückzuführen.
Dem steht der Progressive gegenüber, der gegen die Institutionen ankämpft im Namen aller denkbar guten Ziele: soziale Gerechtigkeit und Gleichberechtigung. Das führt entweder zum Zerfall (z.B. der Familie und damit der Psyche der Kinder) oder (bzw. und) zur Gegenreaktion.
Ich habe wahrhaftig nichts gegen den progressiven Reich, der diese scheiß Gesellschaft (die mein Lebensglück, die dein Lebensglück und das Lebensglück von 8 Milliarden Menschen für nichts und wieder nichts geopfert hat) „zerschlagen“ will. Die Frage ist nur, wie man das (die Veränderung der Gesellschaft) erreichen soll. Indem man sich den Institutionen anpaßt!
Bei aller „Anpassung“ hat Reich nie das Ziel aus den Augen verloren: siehe die Schlußsätze von Christusmord, siehe die „Kinder der Zukunft“ und sein Testament. Er war der einzige Denker (oder was auch immer), den ich kenne, der einen realistischen, gangbaren, sicheren, humanen Weg gewiesen hat, um das zu verlassen, was er als „die Falle“ bezeichnet hat. Er war der einzige (neben Stirner und LaMettrie), der überhaupt wußte, daß wir in dieser Falle stecken.
Es geht nicht an, die „sechs Jahrtausende“ einfach so vom Tisch zu wischen. Alles hat einen rationalen Kern. – Und dieser Satz ist eben nicht nur eine Platitüde, sondern der Dreh- und Angelpunkt. Es ist erstens rational, weil es sich durchgesetzt hat und schlichtweg existiert, zweitens weil es einem natürlichen Muster entspricht, das sich im gesamten Tierreich und „Menschenreich“ widerfindet und drittens weil es eine Entstellung der Arbeitsdemokratie ist – des bioenergetischen Kerns, d.h. seine Irrationalität keine eigene Substanz hat.
Es ist kein Zufall, daß ausgerechnet das erzkonservative England (mit Königshaus, Perücken und all dem Zeugs) so ungefähr das demokratischste Land ist (bzw. war!), während Frankreich mit all seinen „revolutionären“ Umwälzungen geradezu eine grotesk undemokratische Gesellschaft ist. – Selbst die blödsinnigsten Institutionen, wie etwa die Erbmonarchie, haben eine rationale Funktion. Es ist vollkommen unproduktiv, ja kontraproduktiv sie zu zerschlagen. (Monarchien verankern den Staat sozusagen „vertikal“ in der Geschichte und sozusagen „horizontal“ in der Welt – der Adel ist international verzweigt und nur ein König kann einem „Commonwealth“ vorstehen.)
Es geht um einen Punkt, den kein Linker jemals nachvollziehen wird: um die Legitimität der Institutionen bzw. um ihre schrittweise Wiederherstellung. Endziel ist eine rationale Gesellschaft mit Institutionen, die man als genauso legitim hinnehmen kann, wie man etwa die Gravitation oder das Hebelgesetz akzeptieren kann: die „Freiheit“ wird auf eine nachvollziehbare und vernünftige Weise eingeschränkt, aber nicht mehr die Eigenheit im Sinne Stirners.
Man schaue sich dazu Charlton Hestons Endzeitfilm The Omega Man an und dessen Gegensatz zwischen der kulturrevolutionären „Familie“, die alle bisherige Geschichte hinwegfegen will, weil diese im Kern irrational und lebensfeindlich ist und die Menschheit an den Rand der Auslöschung geführt hat – und dem einsamen „Omega-Mann“, der alles tut, um das, was an der untergegangenen gut und lebenspositiv war:
Dieser Film drückt eigentlich alles aus, was ich mit meinen Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte aus sagen will.